Leipzig - TRIAS-Haus (Martin-Luther-Ring/Markgrafenstraße)

  • Moderationshinweis (Palantir): Mehrere vorangehende Beiträge, auf welche sich dieser Beitrag bezieht, wegen inadäquater Themeneröffung entfernt.


    Erstmal sollte klar sein, dass es nicht Prämisse war und in Leipzig wohl zumindest bis das letzte historische Haus saniert ist, auch nicht sein wird, zu rekonstruieren. Und ebenso, dass wir nicht gerade einen Krieg gegen Frankreich gewonnen haben, und mal eben aus Reparationszahlungen das Bauen in Carrara-Marmor betreiben können. Wenn man sich das dann mal im Hinterkopf behält und sich Entwürfe wie diese hier anguckt...


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    http://img140.imageshack.us/img140/1929/28183160.jpg


    ...so weiß ich beim besten Willen nicht, was man, anbetrachts des Mists, der heutzutage überwiegend bei Architekturwettbewerben herauskommt, noch mehr wollen könnte.

  • Ich habe mich bis jetzt noch nicht zu den Entwürfen geäussert weil...
    Die 3 prämierten Entwürfe sind besser als der Durchschnitt im Vergleich zu anderen Wettbewerbsergebnissen
    ABER wäre Hugo Licht ebenfalls mit diesem Abschluss seines Rathauses einverstanden oder dreht dieser sich grade im Grabe um?
    Ich denke letzteres ist der Fall.
    Genau aus diesem Grund bin ich zwiegespalten, einerseits hätte es deutlich schlimmer kommen können andererseits eine vergebene Chance.
    Was denkt ihr?

  • Quote from "RMA"

    ...so weiß ich beim besten Willen nicht, was man, anbetrachts des Mists, der heutzutage überwiegend bei Architekturwettbewerben herauskommt, noch mehr wollen könnte.

    Ganz einfach: Sich in die historische Nachbarbebauung harmonisch einfügende Architektur. Die drei Entwürfe sind für sich genommen nicht schlecht (und in der Tat besser als viele anderen Neubauten), aber sie paßt nicht richtig zu den Bestandsbauten; insbesondere der erste Entwurf orientiert sich eher an den 20er Jahren.

  • Also soweit ich informiert bin, wurde der Rathausbau von Hugo Licht konzipiert und auch nach seinen Plänen vollendet. Insofern kann ein Anbau ja wohl kaum genauso aussehen. Genau das finde ich das Geniale an dem ersten von mir gezeigten Entwurf: er sieht aus, wie als wäre das ein Erweiterungsbau, den man irgendwann in den 1920er Jahren drangesetzt hätte. Im Prinzip ist das doch Historismus in Reinkultur.

  • Quote from "RMA"

    Und ebenso, dass wir nicht gerade einen Krieg gegen Frankreich gewonnen haben, und mal eben aus Reparationszahlungen das Bauen in Carrara-Marmor betreiben können. Wenn man sich das dann mal im Hinterkopf behält und sich Entwürfe wie diese hier anguckt...


    Das ist keine Geldfrage. Man könnte sehr traditionelle Neubauten auch in Betonbilligbauweise hochziehen, wenn es nur gewollt wäre. Die Entwürfe gehen zwar sicherlich in die richtige Richtung, den letzten Schritt weg vom modernistischen Bauen will man aber einfach noch nicht gehen, dazu ist die in einem selbstreferenziellen, mehrheitlich anti-traditionalistischen System gefangene Architektenschaft geistig zu unfrei und komplexbeladen. Das Ergebnis ist immer wieder ein unausgereift wirkender Reduktionsstil.


    Übrigens wurde auch in Frankreich nach 1871 trotz Reparationszahlungen prunkvoll historistisch gebaut, ebenso wie im armen Italien oder bei den wirtschaftlich völlig unterentwickelten Iberern. Und heutzutage wird etwa im relativ armen Russland (die Wirtschaft des ach so kleinen, vermeintlich finanziell so geplagten Deutschland ist 2,75 mal so groß) ein neozaristischer Protzstil zelebriert. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.:zwinkern:

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Ganz genau wo ein Wille ist ist ein Weg, bzw. ein gelungener Anbau. Die Frage bleibt jedoch offen, wie man dieses bauvorhaben noch stoppen bzw. ins licht der Öffentlichkeit zerren kann. ich kann mir nicht vorstellen, dass die Leibziger damit einverstanden sind.

    Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

  • ich denke Leipzig hat mit dem Katharinum gezeigt, dass es zu gelungenen Neubauten fähig ist ich verstehe also nicht wieso man immer noch Kompromisse mit den Modernisten macht. ( ja ich weiss dass das Katharineum selbst ein Zwitter aus Tradition und Moderne ist ich spreche natürlich von seinem historisierenden Teil)

    Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

  • Ich muss sagen, wenn im Dresdner Zentrum derlei Gebäude auch nur im Ansatz ähnlich geplant wären, ich würde in die Hände klatschen...hier kommt man leider selten über das Klotzniveau mit Schüttelfenstern hinaus, kann mich RMA in derlei Hinsicht nur anschließen. Ebenso jedoch auch GF...aber die Richtung stimmt...


    (gern kann es nun noch traditioneller werden) :lachen:


    Gruß DV

    "We live in the dreamtime-Nothing seems to last. Can you really plan a future, when you no longer have a past." Dead Can Dance - Amnesia

  • Genau das meinte ich auch. Ich finde es nur geil, wie schnell man hier in die eine oder andere Kiste gesteckt wird – kann man nicht eine dedizierte Meinung vertreten, ohne gleich indirekt als Dogmatiker bzw. Modernist beschimpft zu werden?


    Wer die Bauprojekte in Leizpig verfolgt, was ich persönlich nun schon seit einiger Zeit tue und durch Umzug eines Familienmitglieds dorthin nun auch regelmäßig kann, hat nach einer Weile ein bisschen Gefühl für die Stimmung bzw. die dominierenden Strömungen, die dort in der zeitgenössischen Architektur vorherrschen. Und die war bis jetzt, anbetrachts der gigantischen Masse an Altbausubstanz für mich sogar verständlich, bisher eine knüppelharte und kompromisslose Moderne.


    Aus dieser speziellen Sicht stellen die Ergebnisse dieses Architekturwettbewerbs einen ganz großen Erfolg dar. Und trotzdem frage ich mich, in welcher Traumwelt man leben muss, um zu glauben, dass in einer Stadt, die so von der historistischen Architektur dominiert wird, anno 2010 ein Neubau, wir sprechen ja hier noch nichtmal von einem Ersatzbau für etwas Kriegszerstörtes, wo die Diskussion angebracht wäre, in reinsten historisierenden Formen entsteht. Noch ganz abgesehen davon, dass es für einen Bau dieser Art kein einziges Beispiel in der Nachkriegsarchitektur Deutschlands gibt.


    Und ja, klar, auch für mich kann es gerne noch traditioneller werden. Von mir aus könnte es auch ein zweites Neuschwanstein sein. Wird es aber nicht.

  • Als ich die Ecke in natura gesehen hatte kam es mir vor, als wenn dies eine Kriegslücke wäre. Kam denn gar nicht in Betracht, das Gebäude weiter im vorhandenen Stil zu ergänzen?

  • Quote

    Aus dieser speziellen Sicht stellen die Ergebnisse dieses Architekturwettbewerbs einen ganz großen Erfolg dar


    möglicherweise aber eben nicht aus der Sicht die man hat wenn der fertige Klotz dann das Stadtbild verunstaltet.


    Quote

    Noch ganz abgesehen davon, dass es für einen Bau dieser Art kein einziges Beispiel in der Nachkriegsarchitektur Deutschlands gibt.


    Der schöne teil des Katharinums in der selben Stadt wäre ein gutes Beispiel.

    Krieg den Hütten, Friede den Palästen!

  • @kv2d:


    diese ecke war vor dem krieg kein teil des stadthauses, sondern ein wohn- und geschäftshaus (mit autohaus im erdgeschoss). grundstück und investor sind privat - und es soll wieder ein wohn- und geschäftshaus entstehen.


    gerade, wenn man blockhaften, monofunktionalen grossstrukturen in innenstädten kritisch gegenüber steht, kann man froh sein, dass diese ecke innen wie aussen eigene akzente setzen soll.


    bei der weiteren überarbeitung der drei in die engere auswahl gelangten entwürfe wird es insbesondere darauf ankommen, gelungene übergänge zum stadthaus zu schaffen, ohne sich von diesem "klotz" erdrücken zu lassen.

  • Quote from "RMA"

    Wird es aber nicht.


    Als momentane Tatsachenfeststellung richtig. Als innere Haltung problematisch. Die Welt ändert sich stets und damit auch bestimmte Machtverhältnisse. Auch solche des Denkens. Visionen können sich nicht verwirklichen, wenn man die Zustände der Gegenwart als unveränderbar betrachtet.


    Persönlich gefällt mir der Entwurf im 20er-Jahre-Retro-Stil auch am besten. Nicht weil er als Erweiterungsbau aufgefasst werden könnte, sondern weil er sich in der Höhe an die Nebenbebauung anlehnt, die Ecke betont und im Dachabschluss dezent erscheint. Den anderen Entwürfen fehlt die Eleganz.


    Gleichwohl würde ich mir einen schlichten, traditioneller gehaltenen Bau wünschen, eventuell mit kleiner Kuppel an der Spitze. Einfach um den Eindruck des Bestands nicht zu schmälern.

  • Alle die von RMA nochmals vorgestellten Entwürfe haben endlich einmal einen wohltuenden rundlichen Bezug zur Ecksituation und entschärfen diese Bausituation. Der Kreis, der Bogen fehlt so sehr in unserer Baukultur. Hier tritt er in Erscheinung, wenn auch bei Entwurf 1 als Rückgriff aus den zwanzigern. Ich gebe RMA Recht, wenn er sagt dieser Entwurf wirke wie in den Zwanzigern angefügt. Schaut Euch den proportionalen Bezug zum historischen Nachbarn an. Ich finde das sehr gelungen. In sich stimmig und harmonisch: nur ein Beispiel - ein gerundeter Erkervorbau orientiert sich an stark gegliederte, plastische Gesimse des Nachbarn, sehr schön!
    Nur die Dachsituation von Zwischenbau und Turm würde ich noch differenzierter gestalten. Das ist mir zu flach. Am Turm noch ein zurückversetztes Staffelgeschoß, evt. für den Zwischenbau ein geneigtes Dach.

  • Auch die Baulücke die sich derzeit noch an das Stadthaus anschließt wird momentan geschlossen.
    Google Maps


    Umzusetzender Entwurf:

    Bild: schulz & schulz Architekten / Leipzig


    Die Perspektive trügt, es schließt auf selber Höhe wie das Stadthaus.


    Frühere Bebauung

    mittlerweile wohl gemeinfrei


    Das Gebäude war älter als das Stadthaus. Man sieht die ungünstigen Höhenverhältnisse.


    Nähere Infos zum Wettbewerb und anderen Entwürfen hier Leipzig: Neubau Geschäftshaus am Neuen Rathaus (im Bau) - Deutsches Architektur-Forum



    Gibt es dort schon sichtbaren Baufortschritt Stahlbauer?

  • Ein in meinen Augen sehr interessantes Bauprojekt wird in Leipzig realisiert. Ganz im Stile klassischer amerikanischer Hochhausarchitektur wird am Martin-Luther-Ring/Ecke Markgrafenstr. ein Geschäftshaus gebaut, das sich an das Flatiron Building in New York anlehnt. So oder so ist es einmal eine schöne Abwechslung vom üblichen Investorenbrei.


    HOCHTIEF Solutions formart realisiert in Leipzig Büro- und Geschäftshaus TRIAS - HOCHTIEF Solutions AG

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Schöner Bauhaus-Historismus. Solange man Architekturstile kopiert, die nach 1910 entstanden sind, hat wohl niemand ein Problem damit.

  • Ich würde das eher einen Mendelsohn-Historismus nennen. Aber zweifellos ein vorzüglicher Entwurf von einer Art, von der man sich durchaus mehr wünschen würde. Nur - seit wann darf ein Gebäude mit zehn Obergeschossen als Hochhaus gelten? Das Haus ist kaum höher als die anschließende Altbebauung - eine Höhe, die in zahllosen Städten weltweit von ganzen Häuserblocks eingehalten wird. Statt von einem "Hochhaus des kleinen Mannes" zu reden, würde ich dem Gebäude attestieren, eine wahrhaft großstädtische Blockrandbebauung zu vollenden.

  • Wirklich ein wunderbarer Entwurf, der mit dem Flatiron Building nicht mehr als die Grundstücksform gemein hat. In der Tat scheint er eine Art Hommage an die hochdynamische Architektur des großen Erich Mendelsohn zu sein. Die Bezüge zum Mossehaus und vor allem auch zum Kaufhaus Petersdorff sind ja unverkennbar.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe