Am 9.November findet unser großes Initiativentreffen in Frankfurt am Main statt. Unter der Rubrik "Aktuelles und Allgemeines" finden Sie alle Informationen vor.

Köln

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    • Naja, die Nachkriegssoße ist doch überall gleich fürchterlich, zumindest in Nordwestdeutschland. Da unterscheidet sich Köln kaum von Essen, Bremen, Hannover oder Hamburg (und ich bezweifle, dass es sich signifikant von Frankfurt oder Stuttgart unterscheidet).

      Das Problem ist einfach, dass Köln auch innerstädtisch einen flächig hohen Zerstörungsgrad aufweist, ähnlich wie sonst eben nur Hannover, Bremen, Frankfurt und die Ruhrstädte. Und deshalb wie die anderen genannten Städte zurecht als eine der hässlicheren gilt, wobei es sich optisch erschreckend wenig von Bremen unterscheidet in der Summe/Anteiligkeit des Grusels an der Gesamtfläche, nur eben mit einer viel größeren ehemaligen Altstadt (was das ganze eben noch deprimierender macht) und einem insgesamt wesentlich großstädtischeren Gepräge, was wiederum ähnlich wie in Hamburg einige der größeren, prachtvolleren Geschäftsgebäude hat überleben lassen.

      Die Kölner Gründerzeit hat aber in den Wohnstraßen einen ganz eigenen, mir vorher unbekannten Reiz gehabt mit diesem kleinteiligen Aspekt, den man zumindest in manchen Ecken noch durchscheinen sah. Darum ging es mir. Ich finde ja die regionalen Unterschiede in der Art der gründerzeitlichen Architektur extrem interessant. Und die Südstadt wirkte wie ein ziemlich lebenswerter Stadtteil, wenngleich die Gentrifizierung auch dort natürlich zugeschlagen hat und die Hipsterdichte eher an manche Bereiche Berlins gemahnte.

      Als kleiner Trost für mich und am Beispiel Köln genannt ist Stadt dann dankenswerterweise doch noch etwas mehr als Architektur. Köln machte auf mich einen äußerst vitalen, jungen und lebenswerten Eindruck, wenngleich man sich natürlich lieber nicht ausmalt, wieviel schöner das alles mit weniger Kriegs- und Nachkriegszerstörungen wäre.
    • Königsbau wrote:

      Den letzten Satz kann ich so 1:1 auch für Stuttgart bestätigen (dem man ja ähnlich schwer zugesetzt hat). Wenn ein historisches Stadtbild allerdings Priorität hat empfindet man bei Köln, Hannover oder Stuttgart immer einen Phantomschmerz, von dem man nur an wenigen Orten abgelenkt wird.
      Volle Zustimmung. Die für mich interessante Beobachtung hierbei war, dass das auch meine Freunde, mit denen ich reiste, so empfanden, also diesen Phantomschmerz wahrnahmen, wenngleich sie es natürlich nicht so verbalisierten. Dies sind alles Leute in meinem Alter, die aber mit Architektur über ein allgemeines Interesse hinaus nichts am Hut haben - und doch haben sie instinktiv und ohne, dass ich sie triggern musste, die Finger in die Wunden gelegt und einen überraschend guten Blick für das Schöne gehabt. Und sie sind allesamt politisch genau wie ich im Niemandsland links der Mitte vorzufinden. Will sagen: Das Gefühl für Ästhetik ist alles andere als zugeschüttet in Deutschland, unabhängig von der politischen Einstellung.
    • Fuldataler wrote:


      Wie Mittelalterlich war überhaupt die Altstadt von Köln noch nach dem 2 WK?
      Ich habe mal gelesen das viel Fachwerk durch Gründerzeit Gebäude ersetzt wurde.
      Köln war sicherlich kein Frankfurt, Nürnberg oder Braunschweig - aber wenn man sieht, wieviele romanische Profanbauwerke vor dem Krieg noch in Köln existierten muss noch einiges an Substanz dagewesene sein - bzw. ist ja auch heute noch.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Fuldataler wrote:

      Ganz ähnlich hat es ja auch Kassel nach der Oktobernacht 1943.


      Wie Mittelalterlich war überhaupt die Altstadt von Köln noch nach dem 2 WK?
      Ich habe mal gelesen das viel Fachwerk durch Gründerzeit Gebäude ersetzt wurde.

      In wie fern muss man die Altstadt Kölns vor 45 denn bewerten?
      Köln war architektonisch gesehen ein spannender Sonderfall, ob es den in der Art und Weise in Deutschland noch einmal gegeben hat, weiß ich nicht.

      Zunächst einmal ist es wichtig, festzuhalten, dass Köln seine letzte mittelalterliche Stadterweiterung (vollendet 1259) so großzügig geplant hat, dass über viele Jahrhunderte innerhalb der Stadtmauer Platz für Höfe, Felder und Gärten war. Auf dieser Karte von 1571 ist gut zu sehen, dass die Randbereiche der Stadt noch völlig unbebaut sind:



      Die Stiftskirchen St Severin, St Gereon und St Kunibert liegen praktisch am Stadtrand und sind von Feldern und Wiesen umgeben.
      Bis an die mittelalterliche Stadtmauer ist Köln nach Jahrhunderten des Niedergangs erst im 19. Jahrhundert gewachsen. Deswegen waren die Außenbereiche der Innenstadt zum großen Teil von vorneherein gründerzeitlich bebaut, was sich auch an dem etwas breiteren und geraderen Straßennetz in den Außenbereichen bemerkbar gemacht hat.

      Das vorgründerzeitliche Köln war von schlichten, schmalen Häusern geprägt, wahlweise Trauf- oder Giebelständig, exemplarisch die Straße "Am Hof":

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      Eine Fachwerkstatt war Köln zu dem Zeitpunkt nicht, die meisten Häuser stammten aus dem 16./17. Jahrhundert und waren aus Stein, daher findet man fast auf jedem Bild vom alten Köln auch Maueranker. Häufig waren Häuser mit gotischem Treppengiebel zu finden, wie hier in der Straßburger Gasse:

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      Fachwerk (verputzt) hat es auch gegeben, wie am Buttermarkt, oder sie sehr idyllischen Häuschen in der Martinsabteigasse oder Auf dem Brand:

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      Das darunter liegende Fachwerk war ziemlich schlicht, ohne geschwungene Balken oder Schnitzereien. Insgesamt schätze ich den Fachwerkanteil aber unter 20% ein.

      Im 19. Jahrhundert ist die Stadt allerdings nicht nur bis an die Stadtmauer gewachsen, man hat auch im schon mittelalterlich bebauten Gebiet kräftig aus- und umgebaut. Teilweise wurden die schlichten Steinhäuser mit Stuck verziert (man findet tatsächlich Beispiele, wo noch die Maueranker unter dem Stuck hervorluken), teilweise wurde aufgestockt und teilweise wurde auch abgerissen und völlig neu gebaut.
      Exemplarisch ist folgendes Foto vom Eigelstein. Man sieht die bekannten schlichten schmalen Häuser, allerdings teilweise mit gründerzeitlichen Verzierungen. Links und rechts wurden schon deutlich größere Häuser gebaut:

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      Teilweise wurden im Historimus auch mitten im Herzen der mittelalterlichen Stadt große neue Häuser errichtet, wie hier am Marsplatz, der unmittelbar neben dem Alter Markt liegt (also hier kommen Historimus-Fans wirklich auf ihre Kosten :D ) :

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      Dabei wurde sicherlich auch viel historische Bausubstanz abgerissen, deswegen kursiert auch die Meinung, Köln wäre im Historismus "zum ersten Mal zerstört worden". Es ist auf der einen Seite nicht von der Hand zu weisen, dass in der Innenstadt vor dem Krieg geschätzt jedes zweite Haus gründerzeitlich umgebaut worden war und die mittelalterliche Stadt so nicht mehr wiederzuerkennen war. Auf der anderen Seite erfolgte der Umbau allerdings vergleichsweise behutsam, da die historischen Straßen und Gassen zum Großteil nicht verändert wurden und auf den mittelalterlichen Parzellen gebaut wurde.
      Man hat bis auf wenige Ausnahmen keine breiten Prachtstraßen durch die Stadt getrieben, sondern die mittelalterliche Stadt einfach weitergebaut. Abrisse ganzer Wohnblocks erfolgten dann teilweise erst in den dreißiger Jahren und sind nicht der Gründerzeit zuzurechnen. Und die Niederlegung der Stadtmauer Ende des 19. Jahrhunderts war nicht zu verhindern, wenn sich Köln zu einer Metropole entwickeln wollte. Allerdings hätte man meiner Meinung nach ein paar mehr Torburgen stehen lassen sollen.
      Gründerzeitler standen aufgrund der mittelalterlichen Straßenführung in für sie ungewöhnlich engen Gassen direkt neben den schlichten mittelalterlichen Häuschen, wie hier an der Ecke Große Budengasse/ Unter Goldschmied:

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      Ein weiteres Beispiel einer engen Straße mit angrenzenden Häusern aus dem Kaiserreich, die gleiche Straße Unter Goldschmied mit Blick auf den Dom:

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      Es entstand also eine ganz einzigartige Mischung aus mittelalterlichen Häusern, Gründerzeitlern und schmalen Straßen, hier noch ein Beispiel in der Straße Am Malzbüchel, mit Blick auf den Heumarkt:

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      Das Prinzip der reltiv schmalen Straßen und Häuser wurde auch in den Außenbezirken der Innenstadt teilweise so fortgeführt, wie @Heinzer ja auch festgestellt hat. Eine breite Prachtstraße mit großen Gründerzeitlern kommt dann erst mit der Ringstraße, die ja direkt vor der ehemaligen mittelalterlichen Stadtmauer verläuft, und großzügig, was Häusergrößen und Straßenbreiten betraf, ging es auch in der angrenzenden Neustadt weiter.

      Man kann die Zeit des Historismus sicherlich kritisieren, aber bei Köln muss man bedenken, dass die Stadt erst im 19. Jahrhundert wieder aufblühte, in einer Zeit als außerdem der Dom fertiggestellt wurde. Ohne diese Entwicklungen damals wäre Köln heute sicherlich nicht die viertgrößte Stadt Deutschlands mit der heutigen Bedeutung.
      Außerdem entstand architektonisch eine in meinen Augen höchst reizvolle Mischung, die mir so aus keiner anderen größeren Stadt in Deutschland bekannt ist.