Posts by ursus carpaticus

    Also wenn ich mir viele deutsche Großstädte - West wie Ost - ansehe, dann finde ich können wir uns an vielen Stellen "ne dicke Scheibe von Polen abschneiden". ;-)

    Wie Petersburg schrieb: in Zeiten der Mangelwirtschaft gelang etwas, dass bei uns kaum möglich war und ist.

    Soweit sind wir doch einig, oder?

    Ich glaub, wir denken zu kompliziert und zu philosophisch. Wenn ich einmal mich selbst und mein Denken betrachte, so muss ich zugeben, dass für mich die Reko-Idee ursprünglich keineswegs selbstverständlich war. Ich kann mich erinnern, dass mich, als ich um 2005 in DD zum ersten Mal die FK gesehen habe, was mich sehr gefreut hat, die dort plakatierten Pläne der NM-Gesellschaft sogar befremdet haben. "Das kann doch nicht funktionieren, was soll das, man kann Geschichte nicht rückgängig machen.. das ist doch Kitsch und außerdem viel zu unreflektiert und zu radikal..." und der ganze weitere Blabla. Die Idee, dass man - völlig- Zerstörtes großflächig (ex nihilo) wiederaufbauen kann, lag mir einfach fern, und wahrscheinlich ist das bei vielen Menschen so. In PL ist man da offenbar viel pragmatischer und weniger irregeleitet. Der mittlerweile verstorbene Komponist Penderecki hat sich ähnlich über die Leipziger Universitätskirche geäußert: In D wird da endlos herumdiskutiert, was man darf oder kann oder soll - in PL wäre man schon längst hingegangen und hätte die Kirche ohne viel Gerede wiederaufgebaut. Davon kann man lernen, und was mich betrifft, habe ich das auch irgendwie gemacht. Die Rekonstruktionsidee ist deshalb in den Augen der Gegner so gefährlich, weil ein jeder Depp wie ich vor vollendete Tatsachen gestellt wird und am Schluss sieht, dass es eben doch irgendwie geht, dass Reko die weitaus beste Lösung ist, und dass der Faktor Authentizität angesichts eines wieder existierenden Gebäudes nicht ganz so wichtig ist, wie man sich vorher gedacht hat.

    Und wir sind keineswegs mit dem in FF Erreichten zufrieden, sondern fordern wie ein richtiger Süchtiger immer mehr! Fünffingerplätzchen, Garküchenplatz... warum soll das eigentlich nicht gehen, nachdem wir gesehen haben, was alles geht...

    Das schlesische Problem ist nicht so einfach, Eryngium. Breslau hat imgrunde keine Alstadt mehr, sondern ist Stückwerk, wobei man natürlich nicht die Leistung der Ringplatzgestaltung madig reden soll. Dass Hirschberg für Warschau abgetragen worden sein soll, ist Legende, aber nicht richtig, es ist einfach durch die Nachkriegswirren immer mehr verfallen und wurde im Laufe der Zeit vereinfacht "saniert" bzw rekonstruiert. Darüber hinaus ist der massenhafte Verfall bzw Abriss in schlesischen Städten nicht zu leugnen, sieh dir bloß die Wiki-Artikel von Löwenberg und Liegnitz durch. In der heute typischen schlesischen Stadt fehlen 1- 2 Ringplatzseiten und sind durch Beton substituiert, auch in solchen , die den Krieg völlig unbehelligt überstanden haben, Reichenbach, Greiffenberg, Glatz, Wünschelburg etc...

    Den Wiederaufbau von Warschau und Danzig soll man nicht kleinreden, aber dieses Unterfangen war einfach viel einfacher als die FW-Altstadt von FFM. Ich bin übrigens sehr wohl der Meinung, was manche jetzt überraschen wird, da ich dies vielleicht noch nicht so dezidiert geäußert habe, dass das heutige Nürnberg eine Schande ist, und dass man in diesem einen Fall unbedingt eine besondere Kraftanstrengung unternehmen hätte müssen, um diese nicht nur für D. zentrale Stadt wenigstens zT in alter Pracht wiedererstehen zu lassen. Ich meine auch, dass das Danziger Modell der ungenauen, aber stilsicheren "Rekonstruktion" für viele Städte wie auch Köln oder Münster ideal gewesen wäre. Aber gerade in Sachen FFM gebührt dem Wiederaufbau die geringste Schelte, gerade hier ist zu sagen, dass sehr wohl etwas geleistet worden ist, das sich sehen lässt. Hier kann man auf etwas stolz sein und braucht nicht verschämt nach Danzig oder Warschau schielen, auch nicht, Eryngium, nach Schlesien. Es gibt übrigens ein schlesisches Beispiel für guten polnischen Wiederaufbau bzw für Sanierung: Bunzlau. Aber das sagt mehr über das heutige Schlesien aus, als es dessen Fürsprechern lieb ist: der dortige Bürgermeister bekam für sein Altstadtprojekt eine hochoffizielle Rüge wegen unpatriotischen Verhaltens. SO ging es dort zu!

    Mit derartigen pointierten Modernismen kann man leben. Ich will sie nicht verteidigen, aber diese Ecke bringt keinen Platz um. In der ganzen Hallenser Altstadt geht es imgrunde drunter und drüber - ein kleiner fiktiver "Vorgeschmack" dafür, wie es heute in einem unzerstörten D ausschauen würde. Fazit: immer noch besser als in unserem zerstörten D. Und das fehlende Rathaus steht ungleich mehr für das zerstörte D. als dieser etwas gewagte und provokante Spitz, den man in aller Herren Länder finden kann, so sie hinreichend selbstbewusst-präpotent und mit dem entsprechenden überreichen kulturellen Erbe gesegnet sind.

    Man kann alles beschönigen, aber man kann auch alle Beschönigung übertreiben. Dass der Platz als solcher eher unorganisch ist, steht außer Zweifel. So gesehen ist die Auflösung der Platzfront nur konsequent. Und heißt das jetzt, dass man das nicht verbessern darf/soll/muss? Also wenn in einem Forum wie diesem die Rekonstruktion eines gotischen Rathauses am zentralen Markt in Frage gestellt wird, hört sich für mich irgendwie der Spaß auf. Das geht sogar noch über die Lobhudelei über fränkische Nachkriegsprovisorien bzw Platzhalter bzw die hier kaum vertretenen Verteidiger von DDR-Lösungen à la Potsdamer Alter Markt hinaus. Das Hallenser Alte Rathaus ist ein Musterbeispiel einer gegen alle politische kulturelle wie historische Gleichgültigkeit zwingend zu fordernden Rekonstruktion. Das mittels derartiger grotesk- geschmäcklicherischen Scheinargumentation zu relativieren oder gar zu hintertreiben, hätte ich in diesem Forum niemals erwartet.

    Lieber Ursus, wolltest du mir damit etwas mitteilen?

    Überhaupt nicht, lieber Nothor. Das war nur Geblödle, das ich ursprünglich im Corona-Strang begonnen habe, analog zu #allesdicht machen - nämlich als Anschauungsmaterial für sehr wirksame Polemik. Dort hat dann "Heimdall" die Vorzüge des Kasseler Wiederaufbaus gegenüber dem neuen erschreckenden FFer Beispiel loben dürfen. Anlässlich der Pellerhausdebatte hab ich dann dich als Nürnberger auftreten lassen, weilst mir halt grad eingefallen bist. Damit ist nicht gemeint, dass du ironisch gemeinten Unsinn als deine Meinung ausgeben würdest, du schlüpfst sozusagen in die Rolle Liefers'. Wenn du dich revanchieren willst, kannst du mich im einschlägigen Wiener Strang unsere genialen Dachausbauten lobpreisen lassen.

    durch ein grässliches Schild an der Ecke

    Marandjosef, das ist ein Schild und keine Fahne...

    Derlei Dinge verhindern, dass man unbekümmert durch die Stadt spazieren kann. Man weiß nicht, welche Scheußlichkeit - sei sie neu, sei sie einem bislang nur nicht aufgefallen - einem bevorsteht. Wiener Stadtbildpflege nach der Ära Zilk gäbe wohl ein ähnlich fiktionales Buch ab wie die bei uns geflügelten 3 Klassiker: Englische Kochkunst - Italienische Heldensagen - Amerikanische Kulturgeschichte.

    Paki ist natürlich total wunderbar. Her damit. Und man sollte es noch nach allen Richtungen erweitern. Wären da nicht gewisse Fragen: wer braucht diese Verdichtung? Wo nimmt man die benötigte Bevölkerung her? Wer soll das bezahlen? Wie sieht es mit entsprechenden Verkehrskonzepten aus? Oder wird das eine autofreie Stadt?

    Nicht böse sein, aber warum soll ein derart sensationelles Neukonzept, wie wir es bisher allenfalls aus gewissen Polen zugefallenen Städten kennen, und die dort ganz sicher nicht in höchster Qualität gelöst worden sind, ausgerechnet in MD verwirklicht werden?

    Ist es nicht besser, klein mit ein paar Zeilen zu beginnen, mit der Option auf Prolongation im Erfolgsfall?


    ein Stadtquartier zu errichten, das ausreichend groß und geschlossen ist um eine eigenen Lebenswelt zu entwickeln

    Wo bitte ist das bisher gelungen? (nämlich ex nihilo!) Warum plötzlich an MD solche Anforderungen stellen?

    Ich freue mich lieber an den bisher diskutierten Neuansatz, der für die hiesigen Ansprüche ohnehin grandios ist.


    Zunächst einmal zeigen alle Entwürfe, die mir vorliegen, mehr als drei zu rekonstruierende historische Fassaden.

    Das ist mir auch aufgefallen.


    Prämonstratenserberg

    Vor allem an de Westzeile dürften es mehr sein.


    denn so bedeutsam wie das Pellerhaus waren die Magdeburger Fassaden dann nicht.

    Beim Pieschelschen Haus wäre ich mir da nicht so sicher. Das ist mE allerersten Ranges.

    Ja, natürlich. Aber Grundvoraussetzung dafür war, dass noch viel gestanden ist, was im Westen schon abgeräumt war. Die Sanierung von so geschlossen erhaltenen Städte wie Meißen, Pirna, Torgau, Freiberg... war nur möglich, weil sie geschlossen erhalten waren.

    Magdeburg, Dresden, Chemnitz, das Berliner Marienviertel

    haben damit überhaupt nichts zu tun. Es war nicht das DDR-Regime, dass sie in Schutt und Asche legte.


    Lieber Herford als Halle-Neustadt.

    Was hat Halle-Neustadt mit sozialistischer Stadtzerstörung zu tun? Dass Dörfer von Stadterweiterungen verdrängt worden, gibt es doch überall auf der Welt?

    Ja, ich war dort, sogar 2x. Und - jein. Die Lücke als solches muss man wirklich nicht merken, weil dahinter ein monumentaler Verwaltungsbau aus der Zwischenkriegszeit steht, aber die Platzfront ist in sehr unharmonisch in Zick-Zack gehalten, wodurch auch der schiache Kaufhof gleich zur völlig ungebührlichen Ehre von gleich zwei Fronten kommt...

    Nein, das überzeugt wirklich nicht, wenngleich "Lücke" nicht das richtige Wort sein mag.