Posts by Valjean

    Meines Wissens nach (man kann mich auch gerne korrigieren), war Nürnberg im 19. Jahrhundert sehr prosperierend.

    Ich denke, dass man das durchaus so sagen kann. Allerdings war Nürnberg vorher (im 18. Jahrhundert) wirtschaftlich abgehängt.

    Mit der Übergabe an das Königreich Bayern am 15. September 1806 verlor Nürnberg endgültig sein Privileg als freie, nur direkt („unmittelbar“) den deutschen Kaisern unterstehende Reichsstadt. Es war das Ende einer Zeit der Verschuldung und der Unsicherheit – aber ein Ende mit Schrecken.

    Wenn auch die Überführung in den bayerischen Staatsverband nicht ohne noch heute fühlbare Härten abging, war doch die Einfügung in einen größeren Wirtschaftsraum unerläßliche Vorbedingung für den ökonomischen Wiederaufstieg im 19. Jahrhundert. Nürnberg wurde größte Gewerbestadt des Königreichs und konnte ohne Behinderung durch Zollschranken nicht nur mit seiner nächsten Umgebung, sondern auch im ganzen Bayern (und später im Zollverein und im Reich) Handel treiben.


    Es verwundert demnach ganz und gar nicht, dass Mozart mehr Gefallen an Prag als an Nürnberg fand und ihm auch Regensburg nicht wirklich gefiel.

    Denn erst ab dem frühen 19. Jahrhundert, mit dem Aufkommen der Romantik begann die Wiederentdeckung der mittelalterlich geprägten Städte Deutschlands und dabei allen voran von Nürnberg.

    Etwas weiter in Richtung Residenz dann der Chronosbrunnen

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    Und an der Südseite der Bechtolsheimer Hof, Blick zurück in Richtung Dom:

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    Auf dem unteren Bild wirkt der Belag der Strasse und des Bürgersteiges relativ schäbig. Ich meine an solch prominenter Stelle der Stadt müsste die Strasse mit Naturstein gepflastert sein und auch die Gehwege sollten anders gestaltet sein, vielleicht durchgängig und eben zur Strasse gepflastert.


    Auf dem oberen Bild macht die kleine Grünanlage insgesamt einen vernachlässigten und ungepflegten Eindruck.

    Danke für das Verlinken des Artikels der Main-Post mit einem Foto des Neubaus am Paradeplatz.

    Nachfolgend Titel und Kopfzeile aus diesem Artikel:

    Petrini-Preis für Hotel und Restaurant am Würzburger Paradeplatz: Neubau als Gewinn für die Altstadt

    Der Hotel- und Restaurantkomplex am Paradeplatz gewinnt Petrini-Preis 2023. Er sei ein neues und gleichzeitig vertrautes Schmuckstück im Würzburger Stadtbild.

    Und hier zeigt sich mE eben, dass es geboten ist, auch am Beispiel Würzburg immer wieder in Erinnerung zu rufen, was am Wiederaufbau zu einem großen Anteil schlecht gelaufen ist. Andernfalls gewöhnt man sich an dieses "zu viel" an Banalitäten, richtet sich darin ein und feiert dann auch solche Neubauten wie am Paradeplatz.

    Die Hoffnung auf einen Bewusstseinswandel hege ich trotzdem. Sonst wäre ich ja nicht in diesem Forum.

    Zu diesem Bewusstseinswandel gehört - mE zeitlich vorangestellt - die Erkenntnis über die geringe bis miserable "städtebauliche Qualität" eines Großteils der Wiederaufbauarchitektur sowie der zeitgenössischen Architektur in den bundesdeutschen Innenstädten.

    Wer möchte denn absichtlich erreichen (ja Tautologie), dass die Gesundheit der Bevölkerung leidet? Und zu welchem Zweck soll das bitte geschehen?

    Zunächst einmal gilt grundsätzlich zu klären, ob Architektur und das einen umgebende Stadtbild überhaupt einen Einfluss auf die seelische Verfasstheit und mentale Gesundheit von Menschen hat.

    Ich meine das dem so ist und dass es diesbezüglich einen Unterscheid ausmacht, ob man - sagen wir in Görlitz, Landshut, Lüneburg in Innenstadtnähe aufwächst oder in einer gesichtslosen Neubausiedlung im Ruhrgebiet, in einer Stadt ohne historischen Stadtkern.

    Civita fortis postete am Dienstag Aufnahmen vom Altmarkt (z.B. Schreibergasse) woraufhin Grimminger folgende Einschätzung abgab.

    Völliger toter Stadtraum. Habe mich beim letzten Dresdenbesuch geekelt, hier durchzulaufen.

    Über den wieder aufgebauten Neumarkt wird man solch ein verheerendes Urteil wohl eher nicht vernehmen.

    Nun verhält es sich aber so, dass Projekte, welche Stadtbildreparaturen im Sinne des Neumarktes in Dresden fortschrieben möchten, von offizieller Seite - trotz des Erfolges und der positiven Annahme in der Bevölkerung - eher wenig unterstützt werden, um es sehr vorsichtig zu formulieren.

    Weshalb aber werden von offizieller Seite solch erfolgreiche, von der Bevölkerung überschwänglich angenommene und auch bewunderte Projekte wie der Dresdner Neumarkt oder die neue Frankfurter Altstadt (auch das Berliner Schloss) so herabgewürdigt?

    Dieselben Wortführer und Entscheidungsträger haben auf der anderen Seite wenig Probleme weiterhin solch tote Stadträume wie in der Schreibergasse in Dresden zu generieren.

    Nein, ich gehe nicht davon aus, dass sich Architekten und Bauherren zusammensetzen und gezielt besprechen, wie sie ein Projekt besonders hässlich, kalt und steril umsetzen können.

    Einen Erklärungsansatz zeichnet Claus Wolfschlag vor.

    (16:45) Und dann gibt es natürlich ein paar Ideologen, die aus spezifischen Gründen, die man hinterfragen muss, etwas gegen diese Rekonstruktionen haben. Im Prinzip ist es eigentlich lächerlich, denn wir sehen ja was draußen in der Landschaft gebaut wird. Und das sind dann zu 90% diese weißen Blocks mit den Styropor-Platten dran und einem Flachdach und das ist der Massenwohnungsbau und so sehen auch die Schulen aus und so sehen die Verwaltungsgebäude aus. Also, das ist ja alles im Grunde genommen heutzutage ein Brei. Und wenn dann jetzt mal so ein paar wenige Rekonstruktionen kommen, da macht mal einer ein Barock-Palais oder eine alte Kirche, dann könnten die ja müde drüber lächeln und sagen: das spielt für das Bauvolumen, das in Deutschland stattfindet überhaupt keine Rolle. Aber anscheinend ist es nicht so. Anscheinend schafft es so ein kleines Stückchen Altstadt oder eine Frauenkirche oder ein Berliner Schloss, die Narrative dieses Milieus so stark in Frage zu stellen, dass sie Angst haben es könnte zu einem Kippen kommen. Das ist glaube ich die innere Befürchtung, die sie haben.

    Zur Frühgeschichte Königsbergs ein Auszug aus Wikipedia:

    Nach den Schilderungen des Wulfstan von Haithabu, der um 900 nach Truso reiste, gab es in dem Land der westbaltischen Prußen zahlreiche Burgen, die jeweils einem kynig unterstanden und den Kern einer Siedlungszelle in der näheren Umgebung bildeten. Eine solche Wallburg mit Namen Twangste bestand an der Mündung des Pregels vor der Einmündung in das Frische Haff. Zu ihr gehörten ein Dorf und ein Hafenplatz, der von den Wikingern als auch Lübecker Kaufleuten frequentiert wurde. Als der Deutsche Orden 1230 mit der Eroberung Preußens begann, planten die Lübecker die Gründung einer Tochterstadt, kamen jedoch nicht dazu, dies rechtzeitig umzusetzen. 1255 erreichte der Deutsche Orden unter Poppo von Osterna die Pregelmündung. Dort errichtete er eine Ordensburg.

    Die Siedlungsgeschichte Königsbergs ist wohl älter als jene Münchens.

    Wenn ich jedoch ähnliche Vergleiche zu Königsberg/Kaliningrad sehe, spüre ich gar nichts.

    Das mag mE damit zusammen hängen, dass diese Stadt wie ganz Ostpreußen aber auch die anderen ehemaligen deutschen Gebiete östlich von Oder und Neiße (beinahe) komplett aus dem nationalen, bundesrepublikanischen Gedächtnis verschwunden sind. So ist zumindest meine Wahrnehmung.

    Nein, auch ich kann mich mit dem zeitgenössischen Nürnberg nicht wirklich anfreunden. Und dies ist natürlich dem geschuldet, was diese Stadt einmal darstellte.

    Die Nürnberger Altstadt gibt heute zweifellos noch mehr her als jene von Hannover, Stuttgart, Bochum, Duisburg, Essen etc. aber das waren niemals Vergleichsparameter.

    Unter Nürnbergs Partnerstädten befinden sich Krakau und Prag ... und dies nicht ohne Grund.

    Nürnberg ist nicht komplett verloren und mit ein paar Stadtbildreparaturen könnte schon viel erreicht und Nürnberg wieder auf ein passabel bis angenehmes Niveau gehoben werden aber hierzu müsste erst einmal die Erkenntnis reifen, dass solche Reparaturen überhaupt notwendig sind.

    Ich finde das Wort wie so viele österreichische Wörter sehr liebenswert, ich benutze auch "leiwand" gerne aus dem Zusammenhang

    jetzt muss ich mal einhaken. Wörter wie schiach, Servus, usw. sind nicht allein österreichisch sondern auch bayerisch und vor allem sind sie bairisch. :lehrer:

    Wörter wie leiwand oder Paradeiser wiederum werden nur im östlichen Österreich (Niederösterreich und Wien) aber nicht in den westlichen Teilen des Landes verwendet. Gut, dass kann ursus genauer verorten.

    In Bayern und in Österreich gehört dieses Wort zur "Muttersprache" (wobei man Bayern in diesem Falle auf Oberbayern reduzieren müsste.

    Das stimmt nun wieder nicht. Auch in Niederbayern und in der Oberpfalz wird dieses Wort verwendet, wobei es in den meisten Teilen der Oberpfalz "schäich" anstelle von "schiach" heißt. :wink:

    Ja, das auf jeden Fall - aber außerhalb des Neumarkts ist das Ergebnis ähnlich desaströs, daß man zur DDR-Zeit nicht anders konnte und durfte, ist mir ja klar, aber eine starke Bürgerschaft müßte doch so etwas 100 Meter neben dem Zwinger verhindern:

    Es gibt eben auch starke Widerstände in Dresden in Bezug auf Stadtbildreparatur und Rekonstruktionen, nicht zuletzt von offizieller Seite.

    Dennoch gibt es viele Dresdner (und Freunde von Dresden), die sich damit nicht abfinden wollen und so konnte in den letzten 34 Jahren enormes in Dresden geleistet werden.

    Man erkennt die Problematik überhaupt nicht ("man kann in Stuttgart doch toll einkaufen" usw.) und weiß auch das alte Stuttgart gar nicht besonders zu schätzen ("das alte Rathaus, das war doch nur Gründerzeitkitsch"), dafür wird einem von Florenz oder New York erzählt.

    In diesem Zusammenhang meine ich schon, dass es in gewisser Weise einen genius loci gibt. Das grundsätzliche Verhältnis in Dresden in Bezug auf historische Architektur, Rekonstruktionen und Stadtbildreparatur ist mE ein anderes als in Stuttgart.

    Die beiden Fotos zeigen ein ansprechendes Stadtbild. Dabei sind viele der Gebäude gar nicht besonders schön und auch nicht besonders alt.

    Das wirkt tatsächlich ansprechend und - zu meiner Überraschung - gar nicht großstädtisch und schon fast kleinstädtisch.

    Ich hab mir jetzt mal das Interview auf Domradio.de mit Herrn Essner durchgelesen. Das ist schon eine erstaunliche Aneinanderreihung von Schlagwörtern und Plattitüden aus der argumentativen Werkzeugkiste der Rekonstruktionsgegner.

    "Abgründe sollen zugeschüttet werden, Puppenstube, Umbrüche/Abbrüche/Widersprüche, Brüche massiv gegenüberstellen, die Kontroverse und das Konfrontative zur Darstellung bringen ..."