Posts by reklov2708

    So hat man genug Zeit, wieder organische "Zwiebelschichten" zur alten Stadt hinzuzufügen, Stück für Stück zu rekonstruieren.

    Für diese Theorie braucht man viel Optimismus. Bisher deutet jedenfalls nichts darauf hin, dass man sich beim Weiterbau der Stadt an dem Vorbildcharakter der "Neumarkt-Insel" orientiert, eher im Gegenteil. Bis dahin sind mir "durchwachsen" verdichtete, urbane Innenstädte lieber.

    Was ich bei diesem Bauwerk immer denke: In Deutschland wird um Rekonstruktion und traditionelle Architektur gestritten als ginge es dabei um eine Weltanschauung, andere Länder machen es einfach um der Schönheit willen - sogar auf unserem Boden. :wink:

    Diese Art Unterhaltungsarchitektur, wie du es nennst, kam dem Umfeld der Friedrichstraße als historischer Vergnügungsmeile jedenfalls mehr entgegen bzw. zeigte mehr Gespür für den Ort als die sterilen Büropaläste, die nach der Wende gebaut wurden. Hochwertig war dieser DDR-Historismus natürlich nicht gerade, aber irgendwie einfallsreicher.

    tegula "Nicht jeder, dessen Meinung du nicht teilst, ist psychisch krank". Richtig. Aber ebensowenig "rechtsradikal". Genau das hat man der verehrten Frau Lengsfeld jedoch "im Rahmen des akademischen Austauschs" an den Kopf geschmissen. Von dir habe ich dazu keine kritische Reaktion vernommen. Doppelstandards nennt man sowas.

    Beispiel: Ulm wo die Stadtplaner unter dem Motto "radikal Neues wo immer möglich", gegen den Bürgerwillen traufständige 30 Grad Dächer statt giebelständige Steildächer in vielen Straßen durchgesetzt haben und zudem völlig abstruse Schneisen durch die Stadt geschlagen haben.

    Weiß unser Nürnberg-Kritiker mit Faible für Ulm schon davon? :wink: Übrigens ist Ulm ein gutes Beispiel, es sähe ohne den glücklichen Umstand, dass ein Teil der Altstadt von den Bomben verschont wurde, heute keinen Deut besser aus als Nürnberg. Dessen kann man sicher sein, wenn man die Bereiche betrachtet, die damals getroffen wurden.

    Vergleichen wir mal die Nachkriegszeit, zwischen 1945 und 1990:

    Die einzige genuine Rekonstruktion unter deinen Beispielen ist das Nikolaiviertel, im wahrsten Sinn des Wortes eine Kleinst-Insel. Wirklich eine herausragende Bilanz in einer Weltstadt mit 3-4 Millionen Einwohnern. Nürnberg (weitaus stärker zerstört) muss sich bestimmt nicht verstecken, was den Anteil wiederhergestellter Einzeldenkmale angeht. Ganz zu schweigen von nachträglich beseitigter Bausubstanz, hier ist Berlin trauriger Spitzenreiter, während es in Nürnberg doch bemerkenswerte Anstrengungen gab, zu erhalten, was der Krieg übrig gelassen hatte.
    Und damit beende ich meine Teilnahme an dieser endlosen Diskussion, die ohnehin niemandem etwas bringt.

    Bei der Frage, wievielen Städten der alten West-BRD dies gelungen ist, fällt die Antwort überschaubar aus.

    Das gilt in noch größerem Maße für Ostdeutschland. Der gute Erhaltungszustand vieler ostdeutschen Städte ist kein Verdienst einer bewahrenden Stadtplanung der DDR, sondern ist allein dem Umstand zu verdanken, dass dieser Staat nicht die Mittel hatte, seine Utopien flächendeckend in die Tat umzusetzen. Wie diese sich gestalteten, nämlich als radikaler Bruch mit der kleinteiligen, bürgerlichen Stadt*, kann man in Magdeburg, Chemnitz, Dresden oder dem "Marx-Engels-Forum" in Berlin sehen.

    *ein Prädikat, das man einer Stadt wie Nürnberg auch heute noch zusprechen kann, auch wenn es manche Mitforisten als wertlos betrachten.

    Man muss beim Wiederaufbau - nicht nur in Nürnberg - ganz stark berücksichtigen, was damals die Wünsche und Bedürfnisse der Bürger waren. Sie wollten eben nicht wieder in beengten Verhältnissen und mittelalterlichen Häusern wohnen, sondern an den Annehmlichkeiten der neuen Zeit teilhaben. Das führte im Ergebnis zu einem Städtebau, der vorrangig diese Bedürfnisse berücksichtigte, aber dagegen die Ästhetik, geschweige denn die historische Kontinuität der Architektur, stark vernachlässigte. Ich denke, in Nürnberg ist immerhin so eine Art Kompromiss entstanden. Und wenn wir hart darüber urteilen, liegt das auch daran, dass wir heute manchmal vergessen, uns in die damalige Zeit hineinzuversetzen. Das eigentliche Problem ist doch, dass wir uns heute über die Defizite der Vergangenheit längst im Klaren sind, aber die Möglichkeit zur Korrektur trotzdem fast immer ausschlagen (Pellerhaus). Wenn man einer Zeit einen Vorwurf machen muss, dann der Gegenwart.

    Ich frage mich, wie man gleichzeitig eine Stadt wie Nürnberg verurteilen und mit einer Stadt wie Köln sympathisieren kann. Weil Letztere auch vor dem Krieg großteils nur noch aus Historismus bestand und darum als Verlust nicht sonderlich zu bedauern ist? Nur, inwiefern spielt das eine Rolle, wenn man das heutige Stadtbild unvoreingenommen zu beurteilen hat? :/

    Die Einfachheit der Nürnberger Bürgerhäuser hatte etwas Erlesenes, was der heutigen Banalität diametral gegenübersteht.

    Solange nicht näher erläutert wird, was mit diesem "Erlesenen" gemeint sein soll, hat dieser Satz für mich keine Aussagekraft. Ich lasse mich gern überzeugen.

    Viel plausibler erscheint mir da der Satz von East_Clintwood "die Summe der Teile war bedeutender, als die Teile selbst". Dem mag ich zustimmen.

    ein Fehler, der wohl mit einer krassen Überschätzung des Eklektizismus in gewissem Zusammenhang stehen dürfte.

    Alberne Unterstellung, auf die ich nicht weiter eingehe. Bleib einfach sachlich, wenn du ernstgenommen werden willst.

    vielleicht wäre das eine Erklärung dafür, weshalb andere und weiter weg liegende Städte so interessant sind.

    Straßburg liegt in meiner Nähe, wenn ich mal wieder die Schnauze voll habe von unseren "wiederaufgebauten" Innenstädten fahre ich dorthin um meine Seele zu regenerieren. Und dabei denke ich: Ein Glück, dass die Stadt knapp jenseits der Grenze liegt, wer weiß wie sie aussähe wenn sie noch in deutscher Hand wäre.

    Ich verstehe sehr gut was du meinst, und mir geht es durchaus genauso. Aber ich bezog mich nicht auf den Gesamteindruck der historischen Stadt, sondern auf die Architektur - speziell die Fassadengestaltung - einzelner Häuser, bei denen eine äußerste Schlichtheit und Bescheidenheit, die wir beim Nachkriegswiederaufbau beklagen, auch schon sehr häufig anzutreffen war. Dass diese historischen Gebäude aufgrund ihrer historischen Tiefe weitaus mehr zu erzählen hatten und damit auch viel wertvoller waren, ist selbstverständlich klar.

    ursus carpaticus hat kürzlich eine AK verlinkt. Ich finde, es zeigt beispielhaft, dass auch viele der Vorkriegshäuser in Nürnberg ziemlich schlicht gestaltet waren. Man könnte behaupten, sie waren - aus rein architektonischer Sicht - auch recht belanglos. Oder nicht?

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    Jedenfalls war auch das alte Nürnberg keine Stadt, in der man überall von architektonischem Reichtum erschlagen wurde und bei jedem Haus in Begeisterung geraten konnte. Das zu glauben ist Verklärung. Und wenn man sich das klar macht beurteilt man die heutige Stadt vielleicht auch etwas weniger streng, auch wenn der Verlust historisch wertvoller Bausubstanz zu bedauern ist.