• Hat die heutige Großstadt Reutlingen eigentlich noch einen einigermaßen intakten Altstadtkern? In Google Earth sieht es zumindest fast so aus.


    Leider wurde Reutlingen im Krieg massiv zerstört.
    Zwar ist die Altstadt in ihrem Grundriß an vielen Stellen erhalten geblieben (rund um den Bahnhof allerdings Nachkriegshorror pur). Der Erhaltungsgrad der Bausubstanz ist aber sehr durchwachsen. Als Ensemble ist Reutlingen nicht besonders empfehlenswert: eine unschöne Mischung aus alten Gebäuden, Vernachlässigung und Nachkriegsscheußlichkeiten.



    Moderationshinweis (Zeno):
    Link zur Quelle des Zitats eingefügt, das infolge Verschiebung jetzt in einem anderen Strang steht

  • Ich war zwar schon länger nicht mehr in RT, aber ich hatte eigentlich immer gedacht, RT sei im Krieg eigentlich nur relativ wenig zerstört worden (um die 20% und das auch eher in den Vierteln des 19. Jahrhunderts als in der Altstadt).
    Zwar ist RT von ziemlich billiger Wiederaufbauachitektur dominiert, aber ich hatte immer den Eindruck, daß das eher die Wiederaufbauarchitektur des 18. Jahrhunderts ist - als RT durch einen Stadtbrand praktisch völlig ausgelöscht wurde - als des 20. Jahrhunderts.
    Die zwei eher unansehnlichen Straßenzüge in Tübingen, die nach einem Brand im 18. Jahrhundert wiederaufgebaut wurden (muß man sich ungefähr so vorstellen wie ein Viertel bestehend aus Häusern wie dem mittleren Häuschen auf dem Bild vom Nördlinger Salz- und Weinlager), sehen jedenfalls ziemlich genau so aus wie ein Großteil der Reutlinger Innenstadt.
    Aber ich kann mich da natürlich irren.

  • Ich glaube auch, daß Reutlingen weitgehend zerstört wurde. Allerdings finde ich die Fußgängerzone (insbesondere um die Marienkirche herum, wo auch der Weihnachtsmarkt stattfindet) ganz nett - man sieht zwar, daß es weitgehend Neubauten sind, dafür sind die ganz angenehm geworden.


  • Quote

    man sieht zwar, daß es weitgehend Neubauten sind, dafür sind die ganz angenehm geworden.


    Neubauten???


    Das einzige Gebäude auf dem Foto, das klar ein Neubau ist, ist das Glasteil vorne rechts, und bei dem weißgrauen und dem rosafarbenen Haus in der linken Straßenfront bin ich mir nicht sicher.
    Alles andere, was man auf dem Foto sieht, sind aber defintiv keine Nachkriegsbauten (sondern allenfalls "Neubauten" aus der Zeit nach dem großen Stadtbrand).


    Woher habt ihr denn eure Informationen über die "weitgehende Zerstörung" Reutlingens im Krieg? Ich hatte jedenfalls während meiner Zeit in Tübingen mal mit 'nem alten Reutlinger gesprochen, der mir sagte, es hätte in der Altstadt nur ein paar Häuser getroffen.

  • Die "Kriegsschicksale Deutscher Architektur" bestätigen das weitestgehend, demnach wurden ungefähr 20 % der Stadt zerstört, darunter wohl einige Straßenzüge der Altstadt, von flächenhaften Zerstörungen eines katastrophalen Ausmaßes wie in den Großstädten kann jedoch keine Rede sein.

  • Kriegszerstörungen sind das eine...was aber nach dem Krieg zusätzlich zerstört wurde, erschließt sich aus diesen Büchern nicht.


    Der Baualtersplan zeigt sehr deutlich, welche Bausünden allein in der Dimensionierung im Reutlinger Stadtkern entstanden sind.


  • Hmm... ich hatte in einer Reutlinger Buchhandlung mal in einem Buch mit dem Titel "Reutlingen, wie es früher war" geblättert (und ähnlichen anderen Büchern), es aber leider nicht gekauft, sonst könnte ich jetzt genauere Infos liefern.


    Ich denke mal, daß es sich zumindest bei einigen der abgebildeten Häuser um angepaßte Neubauten handelt (beispielsweise zwei Gebäude im Vordergrund links), da sie sowohl innen (Geschäfte) als auch außen wie typische Neubauten wirkten, bei denen halt versucht wurde, sich an die ursprüngliche Bebauung anzupassen. Es könnte natürlich auch theoretisch sein, daß die Altbauten (sofern noch vorhanden und statisch überhaupt möglich) total entkernt und allesamt mit neuen Fenstern, glatten Verputz, begradigten Mauern usw. versehen wurden.


    Außerdem handelt es sich ja wirklich nur um die Gebäude entlang der Fußgängerzone - geht man einige Meter in Seitengassen hinein, kommt sofort wieder unverkennbare Nachkriegsarchitektur. Das spricht meines Erachtens auch eher für Neubauten - denn weshalb sollte ausgerechnet diese Straße in voller Länge erhalten sein, die angrenzenden Gassen hingegen nicht.

  • Na ja, eigentlich beantwortet der Baualtersplan ja alle Fragen:
    Ich würde mal sagen, ca. 45-50% der Bebauung stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist eher schlichte "Wiederaufbauarchitektur" nach dem Stadtbrand von 1726. Ca. 35-40% sind Nachkriegsarchitektur, die angesichts der Tatsache, daß sie meist erst nach 1965 entstand eher auf Abrisse als auf Kriegsschäden zurückzuführen sein dürfte. Dann bleiben noch ca. 15% Bauten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und einige ganz vereinzelte mittelalterliche oder frühneuzeitliche Bauten

  • Die Bauten der Nachkriegszeit in Reutlingens Altstadt scheinen laut Baualtersplan doch ziemlich breit vertreten zu sein. Bilder würden mich dennoch sehr interessieren. Vom Satelliten aus sieht Reutlingens Altstadt intakter aus als die "Altstädte" der meisten Städte vergleichbarer Größe: http://i87.photobucket.com/alb…ingen/Reutlingen_Plan.jpg



    Hat jemand schon einmal Memmingen besucht?




    P. S.: Danke für den Baualtersplan, Stefan.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • http://rv-bildertanz.blogspot.…s-rathaus-reutlingen.html
    Das mitten in der historischen Altstadt gelegene Reutlinger Rathaus, erbaut 1966, sprengt alle Dimensionen.


    Das Reutlinger Rathaus ist isoliert betrachtet ja nicht besonders schlimm. Da es aber inmitten der Altstadt steht, ist es eine Katastrophe höherer Ordnung. Das Bild zeigt, wie extrem deplaziert das Gebäude ist und welche Art von Bebauung um seinetwillen wohl zerstört wurde. Ich habe das Gebäude übrigens für viel höher gehalten.

  • Lt. einem Bucheintrag, den ich mal dazu gelesen hatte, wurden für diesen Bau einige Altstadthäuser weggerissen. Zur Zeit gibt es Bestrebungen das Neue Rathaus in Reutlingen mit Millionenaufwand zu sanieren, da es in die "Jahre gekommen ist". An der äußeren Form soll sich allerdings nicht ändern...

  • Was ist eigentlich mit Reutlingen überhaupt passiert? Diese 'Altstadt' scheint mir doch ein einziger Skandal zu sein.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Quote

    Eine bauhistorische Sensation


    Mit der Metzgerstraße 24 wurde eines der ältesten Fachwerkhäuser abgerissen
    Bis zum Abbruch der Metzgerstraße 24 gingen die Bauhistoriker davon aus, das Gebäude sei nach dem Stadtbrand 1726 entstanden. Jetzt steht fest: Es wurde bereits 1299 erbaut. Damit ist eines der ältesten Fachwerkgebäudes Deutschlands verschwunden.


    Quote

    Schandfleck war ein Juwel


    Der viel gescholtene »Schandfleck«, ein mittlerweile abgerissenes Haus in der Reutlinger Metzgerstraße 24, war ein Schandfleck von historischer Bedeutung. Während der Abbrucharbeiten hat ein Experte das Gebäude untersucht und entdeckt, dass das Haus nicht, wie bis dahin vermutet, aus der Zeit nach dem großen Reutlinger Stadtbrand (1726) stammt, sondern aus dem Jahre 1299.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Man kann nur mit dem Kopf schütteln. Andernorts muß man sich mit allerlei "Bedenkenträgern" auseinander setzen, um nur ein Fachwerkhäuschen rekonstruieren zu dürfen, und hier werden mal wieder "Schandflecke" beseitigt, ohne daß sich viele Leute darüber aufregen.

  • Hier möchte ich die Stadt Reutlingen verteidigen.


    Wie man mehreren Quellen (suche z. B. mithilfe von http://www.google.de/webhp?hl=…=&oq=&gs_rfai=&fp=1&cad=b) entnehmen kann, hat sich die Stadt offenbar jahrelang erfolglos um die Sanierung des Gebäudes bemüht. Der nun verfügte Abbruch war damit wohl eine Notmaßnahme, die den ursprünglichen Zielen der Stadt zuwiderlief, aber wegen des maroden Zustandes notwendig erschien.


    Diese Situation ist auch die mir aus diversen anderen Städten vertraute: Die Verwaltung und der Stadtrat handeln durchaus im Sinne der Stadtbildpflege und versuchen demzufolge, auch auf die Erhaltung alter Bausubstanz hinzuwirken. Das entspricht den Vorstellungen eines großen Teiles der Bevölkerung. Dennoch gibt es in den meisten Städten ein oder mehrere Gebäude, die schlicht und einfach sich selbst überlassen werden und jahrzehntelang verfallen, weil sich die Eigentümer - aus welchen Gründen auch immer - bewusst nicht darum kümmern. So, wie gesagt, kenne ich es - jedenfalls aus Kleinstädten, wo die Welt sozusagen noch in Ordnung ist und einzelne wenige schwarze Schafe unter den Hauseigentümern die Bösen sind. Oder geht meine Beobachtung der heilen Welt nur auf das Wissen um die Verhältnisse in einigen wenigen schwäbischen Kleinstädten zurück?


    Weitgehend gegensätzlich stellt sich die Situation zumindest heutzutage und in vielen Groß- und teilweise auch Mittelstädten dar: die Bevölkerung schätzt zwar auch das Stadtbil und möchte es erhalten wissen, aber eine führende Schicht im Stadtrat regiert offensichtlich gegen den Willen vieler Bürger und träumt nur von allen möglichen maßstabssprengenden Bauten, die dann mit allen möglichen und unmöglichen Argumenten angepriesen werden. Eine sich für unwiderstehlich haltende Schar von Architekten tut das ihre: nicht selten ohne Sinn für das Überkommene wird überall von Beton- und Glaskästen geträumt, die wir eigentlich mit dem Ende der 70er-Jahre als überholt geglaubt hatten.


    So konträr erscheint mir das Denken und Handeln der jeweiligen Stadtoberen. In Reutlingen scheint zumindest im Fall dieses Hauses (welch unfreiwillge Ironie in dem Wort "Fall" doch steckt) der Schwarze Peter nicht bei der Stadt und ihrer Verwaltung zu suchen zu sein.


    Etwas anderes ist das nicht erkannte Alter des Hauses. Ja, welche Unmengen an Beispielen gibt es, wo das Alter eines Hauses äußerlich geschätzt wurde und bei einer dendrochronologischen Untersuchung wird das Haus plötzlich Jahrhunderte älter. Und genauso verhält es sich m. E., wenn es darum geht, die Schutzwürdigkeit sehr alter Profanbauten einzustufen. Da gibt es wiederum jede Menge von Gebäuden von vor sagen wir mal 1500, die noch nie eine Denkmalliste von innen gesehen haben. Kein Wunder, wenn sich dann erst anlässlich des Abbruchs das wahre Alter offenbart. Ich denke da etwa an den Fall in Göttingen in der Kurzen Geismarstraße anstelle des jetzigen Kaufland-Einkaufstempels (im APH-Forum wurde m. W. damals nicht berichtet). Solche Sachen kann man sich ersparen, wenn man den stadtbildprägenden Gebäuden einfach den nötigen Schutz zukommen lässt, auch wenn man ihr Alter nicht so genau kennt.

  • Geht ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung? Das Reutlinger Rathaus wird möglicherweise abgerissen, aufgrund gesundheitsschädlicher Stoffe.



    Quote

    Das Reutlinger Rathaus ist mit Formaldehyd belastet. Nun beginnt die Suche nach der Quelle des Übels. Dabei soll auch geklärt werden, ob das Gebäude saniert werden kann oder komplett abgerissen werden muss.

    [url=http://www.swp.de/reutlingen/lokales/reutlingen/Muss-das-Rathaus-in-Reutlingen-abgerissen-werden;art5674,1594811]http://www.swp.de/reutlingen/l…en-werden;art5674,1594811[/url]

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

    Edited once, last by Breslau06 ().

  • Die Stuttgarter Zeitung berichtete "Frische Luft fürs Rathaus", 9.8.12 das die Sanierungskosten mindestens 30 Millionen Euro betragen - die Formaldehyd-Sanierung noch nicht eingerechnet. Das 1966 eingeweihte Rathaus gehört sicherlich zu den größten Bausünden Deutschlands. Auf Grund der hohen Sanierungskosten besteht Hoffnung das die Sanierung zu teuer ist und der Denkmalschutz einen Abriss nicht verhindern kann.

  • DENKMALSCHUTZ? :schockiert: Da fällt mir doch nichts mehr ein. Am Platz ist aber nicht nur das Rathaus eine Bausünde. Da stehen noch weitere fiese Klötze herum. Wenn diese alle verschwinden, wäre die Stadt ein Traum. Aber das Rathaus ist ein guter Anfang. Bitte weg damit.