Überlingen

  • Überlingen - Was die Denkmalpflege noch wert ist...


    ...zeigt ein aktuelles Beispiel aus Überlingen am Bodensee. Vor allem letzter Satz im folgenden Artikel muß ziemlich verwundern. Dort heißt es: "...Mit einem Gutachten über die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten des bestehenden Gebäudes sei die Denkmalpflege sicher schnell zu überzeugen.


    Soweit sind wir also nun. Früher hat man so etwas noch heimlich gemacht, auch wenn alle wußten, die sich in der Materie auskennen , wie es in der Praxis läuft. Mittlerweile scheinen die Verantwortlichen gar keinen Hehl mehr daraus zu machen, wie sie den Denkmalschutz aushebeln können. Es scheint eine legitime Praxis zu werden den Denkmalschutz zu unterwandern.


    Bei aller Euphorie um Rekonstruktionsvorhaben in Deutschland stimmt dieser Artikel deshalb einmal mehr nachdenklich. Was ist der Erhalt von Denkmalen der Vergangenheit unserer Gesellschaft noch wert?


    Offensichtlich nicht mehr viel...


    Der Artikel zeigt zudem einmal mehr, welchen Gefahren unsere Stadtbilder nach wie vor ausgesetzt sind.Man darf annehmen, dass der Investor bei der Neubebauung ohne Rücksicht auf die Fassade des ehemalige Gasthauses eine Fassade erstellt, die nur wenig Einfühlungsvermögen beweist - leider kein Einzelfall.




    Das ehemalige Hotel "Traube" in Überlingen wurde durch einen Brand weitgehend vernichtet. Die Überreste des Gebäudes werden derzeit abgebrochen. Eine große Lücke tut sich auf. Bild: Walter



    Ruine weicht einer Baulücke
    Nach dreieinhalb Jahren Abriss der "Traube" - Seniorenwohnungen noch nicht in Sicht


    Seit einer Woche schrumpft die Brandruine der "Traube" an der Wiestorstraße. Ein Zeitplan für den Neubau in der entstehenden Baulücke ist allerdings noch nicht in Sicht. Der Investor hält jedoch am Vorhaben fest, betreute Seniorenwohnungen zu erstellen.


    Überlingen - Wem das Stadtbild Überlingens lieb ist, der ist schon froh, dass der Abrissbagger in einem ersten Schritt wenigstens die Bauruine beseitigt, auf der schon die ersten Bäume Wurzeln geschlagen hatten. Die Überreste des Brandes vom April 2001 schienen an der Wiestorstraße inzwischen schon zum Bestand zu gehören. Das sukzessive Abtragen der Bausubstanz gewährt dabei vorübergehend sogar höchst interessante Einblicke in die enormen Ausmaße des Gebäudes. Doch mehr als eine offene Wunde in der historischen Häuserzeile wird dabei zunächst noch nicht entstehen.


    Die Schließung der Baulücke wird noch geraume Zeit auf sich warten lassen. Umso mehr als bislang noch kein konkreter Bauantrag gestellt wurde. Bestand hat nach wie vor das positive Votum des Gemeinderats zu Art und Umfang der Bebauung, das auf eine Voranfrage der Investorenfirma Becker & Weber aus Radolfzell-Böhringen gefasst wurde. Dieser Beschluss liegt inzwischen allerdings um mehr als ein Jahr zurück. Nach dem Vorentwurf, der auch das Gebäude der Glaserei Geis mit einbezog, waren in zwei versetzt angeordneten Gebäuden insgesamt 28 Wohnungen vorgesehen und in einer zweigeteilten Tiefgarage 39 Auto-Stellplätze. Mit drei Vollgeschossen bewegt sich der Umfang der Bebauung etwa im Volumen des bisherigen Bestands. "Die Investoren halten nach wie vor an dem Projekt fest", betont Franz Zohner von der Architektengruppe Überlingen, die ein Konzept zu Bebauung und Nutzung erstellt hat. Nachdem eigene Initiativen im Hinblick auf eine Hotelansiedlung gescheitert sind, konzipierten sie für die Radolfzeller Immobilienfirma eine Anlage mit betreuten Seniorenwohnungen. Die Umsetzung hänge allerdings eng mit einem vergleichbaren Vorläuferprojekt in Engen zusammen. Dort konnte nun vor kurzem Richtfest gefeiert werden. Möglicherweise bringt dies etwas Dynamik in das Geschehen. Allerdings hat die Architektengruppe Überlingen das Projekt "Traube" zunächst abgekoppelt vom benachbarten Areal Geis und würde es unabhängig davon realisieren, wie Franz Zohner sagt. Zum einen steht das Gebäude der derzeitigen Glaserei noch unter Denkmalschutz, zum anderen seien die Pläne für das Gebäude noch nicht eindeutig klar. In der Tat war hier im mittelalterlichen Überlingen eine Mühle untergebracht und ein kleiner Bach durchströmte das Anwesen. Zumindest das Radhaus ist an der Grenze zur ehemaligen "Traube" hin noch erhalten, wenn auch ohne Mühlrad. Wobei dies aus Sicht des Planers kein Hindernis für eine neue Überbauung des Areals darstellt. Mit einem Gutachten über die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten des bestehenden Gebäudes sei die Denkmalpflege sicher schnell zu überzeugen.


  • Stefan
    Danke für das Beispiel. Es zeigt einmal mehr, was beim Denkmalschutz derzeit alles im argen liegt. In dieser Rubrik wird noch einiges zusammenkommen. Heute Abend stelle ich auch noch ein paar Beispiele ein.

  • Wie kann man nur so ein schönes Gebäude abreissen ? :schockiert:
    Jeder normale Mensch würde hier eine archäologische Rekonstruktion,
    wie bei der Frauenkirche einfordern. Dem Denkmalschutz scheint das
    wohl alles egal zu sein - Hauptsache die Bauhaus-Kisten bleiben erhalten... :übelkeit:

  • das thema "überlingen" möchte ich mit einem beispielhaften artikel zur denkmalpflege beginnen:




    Schmuckstück dient als Vorbild


    OB Volkmar Weber würdigt Sanierungsbemühungen des Besitzers in der "Stadtapotheke"
    Für die behutsame Sanierung des historischen Gebäudes der Stadtapotheke in der Franziskanerstraße war Josef Fuchs mit dem Denkmalschutzpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Jetzt würdigte Oberbürgermeister Volkmar Weber die Bemühungen des Besitzers und nannte das Haus "ein einmaliges Schmuckstück" mit Vorbildcharakter.
    Überlingen
    VON HANSPETER WALTER



    Manche Überraschung auf und hinter Wänden erlebte Hausbesitzer Josef Fuchs (rechts) bei der Sanierung des Gebäudes "Stadtapotheke". Gestern würdigte OB Weber die preisgekrönten Bemühungen um eine zeitgemäße Sanierung, die dem Charakter des Hauses gerecht wird. Bild: Walter



    Überlingen - "Ein schöner Tag für Sie", sagte Oberbürgermeister Volkmar Weber, der mit Thomas Nöken vom Stadtplanungsamt gekommen war, um Josef Fuchs die Glückwünsche der Stadt zu überbringen und sich selbst einen Eindruck von dem behutsam sanierten Gebäude zu machen. "Ein schöner Tag für das Haus", korrigierte Josef Fuchs bescheiden, aber bestimmt: "Denn es geht nicht um mich, sondern um das Haus."



    Eine kleine, doch gewichtige Tafel wird demnächst Zeugnis ablegen von der preisgekrönten Sanierung im Sinne von Baugeschichte und Denkmalpflege. Und das ist gut so. Denn der Eigentümer wie die Vertreter der Stadt wünschen sich, dass die Sanierung des geschichtsträchtigen Gebäudes bei zeitgemäßer Nutzung Beispiel gebend wirken und manchen Nachahmer finden möge. "Das ist ein Engagement, das wirklich einzigartig ist," lobte Weber die Bemühungen des Besitzers.


    "Die alten Häuser machen den Charakter der Stadt aus", betonte der Eigentümer und sagte ganz klar: "Man muss um jedes Haus ringen." Dabei könne die Denkmalpflege eine echte Hilfe sein. Sie und die Stadt hätten ihm "das Gefühl gegeben, man ist nicht alleine gelassen". Stadtplaner Thomas Nöken verwies in diesem Zusammenhang auf die Verlängerung des Sanierungsprogramms "Altstadt West", zu dem auch die Jakob-Kessenring-Straße gehört, und den Traum, dass hier vereinzelt Vergleichbares geschehen möge.


    Auf rund 10 bis 15 Prozent der Umbaukosten bezifferte Josef Fuchs den Anteil der Zuschüsse, die er aus dem Sanierungsprogramm Altstadt und von der Denkmalpflege erhalten habe. Die Zögerlichkeit an anderer Stelle hängt allerdings auch mit einem Punkt zusammen, den Josef Fuchs ganz dezent anspricht. Beim Blick aus den wunderbar sanierten Räumen und der Bemerkung Volkmar Webers auf das schöne Bänkchen für den Ruhestand, erlaubte er sich die Anmerkung, dass die Situation mit einer Fußgängerzone und weniger Abgasen weiter gewinnen würde. Denn dann könnte er an seinem schön sanierten Haus auch mal ohne Bedenken bei weniger Abgasen und Lärm die Fenster öffnen. Zum Ausgleich hat das Gebäude eine kaum zu erahnende grüne Oase im großen Innenhof.


    "Dem Haus und seiner Geschichte gerecht werden", so formuliert Josef Fuchs den Leitgedanken bei der Sanierung und Modernisierung des Gebäudes. Und dabei muss man auf Überraschungen gefasst sein. Nahezu unscheinbar wirkt die Fassade an der Franziskanerstraße. Doch das Gebäude bringt die Geschichte der Stadt zum Sprechen; wer die Wohnung betritt, kommt aus dem Staunen nicht so schnell heraus. Treppenhaus und Türen, Böden und Bilder atmen die Jahrhunderte, die über das schon vor 1500 entstandene Haus hinweg gegangen sind. Besonders bemerkenswert zwei Darstellungen von etwa 1600, die hinter einer vorgemauerten Wand nahezu unversehrt zu Tage getreten waren. Ein Farbfleck hatte die Denkmalpflege aufmerksam gemacht. Die Steine wurden vorsichtig entfernt, das Fachwerk frei gelegt und auf dem Gips tauchten die Tierdarstellungen auf. Ein dynamisch akzentuierter Windhund und ein seltsamer Löwe mit Schlappohren, den der Künstler nicht ganz so vorteilhaft getroffen hat, schmücken die Wand des Nebenraums, der ursprünglich als Badezimmer vorgesehen war. Eine Umplanung fiel Josef Fuchs allerdings nicht schwer.


    "Mein Interesse wuchs mit jedem Teil, das man neu entdeckt hat", erklärte Josef Fuchs: "Man lernt, die Dinge mit anderen Augen zu sehen und will mehr wissen über diese Zeit." Von einigen Bewohnern zeugen zwar prächtige Wappen an der Decke des Wohnraums oder an den Fensterbögen der Küche. Doch ist die Neugier des Apothekers noch nicht gestillt. Im Stadtarchiv will er noch weiteren ehemaligen Nutzern auf die Spur kommen.


    quelle: http://www.suedkurier.de/lokal…ngen/art2430,1277797.html



    wer weitere informationen zum objekt sucht findet diese unter:
    http://www.landesdenkmalamt-bw…line/NB2002-3-163-168.pdf



    bilder:


    http://schwaebischer-heimatbund.de/images/dsp04apotheke1.jpg


    http://schwaebischer-heimatbund.de/images/dsp04apotheke3.jpg


    quelle:http://schwaebischer-heimatbun…raeger_2004.html#apotheke

  • 19.02.2005 Südkurier


    Schutz für Altstadt und "Dorf"


    Verwaltung will Denkmalschutz für das gesamte Stadt-Quartier erreichen
    Die Stadt will die gesamte Altstadt einschließlich des "Dorfes" unter Denkmalschutz stellen. Bisher sind es nur einzelne Gebäude. Nach dem Denkmalschutzgesetz können aber auch ganze Stadtkerne als so genannte Gesamtanlagen unter Schutz gestellt werden. Wann es soweit sein wird, ist allerdings noch offen. Die Stadtverwaltung will noch Gespräche führen.
    Überlingen
    VON WILHELM LEBERER



    Überlingen - Der Leiter des Stadtplanungsamtes, Thomas Nöken, ist dabei, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, um die Altstadt als Gesamtanlage unter Denkmalschutz stellen zu können. Zu welchem Zeitpunkt er den Antrag in den Gemeinderat einbringen wird, ist noch offen. "Das wird bestimmt Sommer oder Herbst", sagt er. Verwaltungsintern werde aber bereits darüber gesprochen und auch der Bauausschuss habe sich schon in nichtöffentlicher Beratung mit der Thematik beschäftigt.


    Bevor Nöken den Antrag in den Gemeinderat einbringt, will er noch Erfahrungen bei anderen Städten einholen, die bereits historische Stadtkerne als Gesamtanlage schützen lassen. "Wir wollen den Gemeinderat mit möglichst vielen Informationen für die Entscheidung versorgen", sagt Nöken. Die Nachbarstadt Meersburg sowie die Städte Wangen und Isny im Allgäu haben ihre Altstädte unter den Schutz des Denkmalamtes gestellt. Gerade in Meersburg hat man mit der Unterschutzstellung der Gesamtanlage gute Erfahrungen gemacht, auch wenn es in der Beurteilung bei Neubauten oder bei Sanierungen von Gebäuden immer wieder Ecken und Kanten gibt, die zwischen Hausbesitzern und Denkmalschützern zu Auseinandersetzungen führen. In Gesprächen wird aber meist eine für beide Seiten verträgliche Lösung gefunden. Denn der Schutz bezieht sich nicht nur auf das Gebäude selbst, sondern auf die Gesamtanlage. Plätze, Straßen und der Grundriss eines Quartiers sind miteinbezogen. Der Bau- und Kunstdenkmalpfleger Volkmar Eidloth, Esslingen, schreibt dazu im Nachrichtenblatt "Denkmalpflege" des Landesdenkmalamtes: "Die Denkmalbedeutung eines historischen Stadtkerns erwächst schließlich nicht aus dessen Einzelelementen, sondern aus dem Einheit stiftenden und geschichtlich aussagefähigen Zusammenhang zwischen den Bestandteilen." Dazu trage die eher bescheidene und unscheinbare historische Bausubstanz ohne Kulturdenkmaleigenschaft ganz wesentlich bei. Die Vielzahl dieser so genannten anonymen Architektur sei es, die Straßen- und Platzräume forme, Quartiere bilde und so die geschichtliche Individualität und Besonderheit einer Altstadtanlage entscheidend mitbegründe. Als leuchtendes Beispiel dafür nennt Eidloth die Unterstadt von Meersburg: "Schon im 13. Jahrhundert angelegt, ist sie mit ihren schmalen ehemaligen Fischer- und Fährleuthäusern ein prägender Bestandteil der geschützten Gesamtanlage, obwohl sie nur ganz wenige Einzeldenkmale aufzuweisen hat." Das Meersburger Stadtbild - und damit fast die ganze Stadt - steht in seiner Gesamtheit seit 50 Jahren unter Denkmalschutz, und erst im vergangenen Jahr hat der Gemeinderat unter Mitwirkung des Denkmalamtes eine erweiterte Satzung einstimmig beschlossen.


    Da die Unterschutzstellung der Altstadt als Gesamtanlage also einen weitreichenden Einschnitt darstellt, will Stadtplaner Thomas Nöken vor einer Entscheidung neben den verwaltungsinternen Gesprächen auch einen umfassenden Meinungsaustausch in den politischen Gremien der Stadt führen und danach in die Öffentlichkeit gehen. Welche Auswirkungen die Unterschutzstellung der Altstadt und des "Dorfes" für den Bau von neuen Gebäuden auf noch freien Flächen und bei Sanierungsmaßnahmen haben wird, kann und will Nöken im Detail noch nicht sagen. "Entscheidende Nachteile wird es für die Hausbesitzer nicht geben", sagt er erst einmal ganz pauschal. Er sieht sogar einen finanziellen Vorteil bei Haussanierungen und Umbauten: "Die erhöhte steuerliche Abschreibung greift sofort und nicht nur bei einem Sanierungsprogramm." Für die Stadt insgesamt sieht er einen beträchtlichen Imagevorteil.


    quelle: http://www.suedkurier.de/lokal…ngen/art2430,1417873.html

  • 16.03.2005 Südkurier



    Stahlanker sollen Stadtmauer stützen


    Letzter Bauabschnitt zwischen Quell- und Gallerturm steht bevor
    Noch Ende März will die Stadt den letzten Bauabschnitt zur Sanierung der Stadtmauer zwischen Quellturm und Gallerturm in Angriff nehmen. 75 Edelstahlanker sollen den Einsturz nach zunehmender Schieflage verhindern. Dazu vergab der Bauausschuss jetzt zwei Aufträge mit einem Gesamtvolumen von mehr als 240000 Euro.



    mehr unter:
    http://www.suedkurier.de/lokal…ngen/art2430,1454927.html


    http://www.suedkurier.de/stora…tmauer_38_GQD1511M0.1.jpg
    Braucht Unterstützung: die alte Überlinger Stadtmauer. Bild: Walter

  • Haus von historischem Format
    Älteste Renaissancearchitektur in Überlingen nach Vorbild eines Papstpalastes in Pienza



    Das Reichlin-von-Meldegg-Haus in Überlingen.



    Jüngsten Erkenntnissen der Überlinger Kunsthistorikerin Marion Harder-Merkelbach zufolge, erreichten die Einflüsse des Humanismus und der italienischen Renaissancearchitektur Deutschland "ein halbes Jahrhundert früher, als bisher angenommen". Mit dieser Aussage widerspricht die Überlinger Kunsthistorikerin und Co-Kuratorin der Ausstellung "1100 Jahre Kunst in Überlingen", Marion Harder-Merkelbach, allen bisherigen Erkenntnissen über den Beginn der Renaissance in der deutschen Baukunst.


    Harder-Merkelbach stützt ihre Behauptung auf dendrochronologische Untersuchungen eines Überlinger Patrizierhauses, des Reichlin-von-Meldegg-Hauses, das Züge der Frührenaissance aufweist. Wie die Untersuchungen bestätigen, wurde das Gebäude bereits im Jahr 1462 errichtet. Bisher wurden die ersten Einflüsse von Renaissanceformen auf die deutsche Baukunst auf die Jahre um 1510 datiert.


    Ebenso vermutete man bislang, dass es sich bei der Stadtresidenz Landshut, deren Bau im Jahre 1536 begonnen wurde, um den ältesten Renaissancepalast Deutschlands handelt. Nach dem Ergebnis der dendrochronologischen Untersuchungen am Reichlin-von-Meldegg-Haus dürfte eine Diskussion zwischen Wissenschaftlern zu erwarten sein, ob der Einzug der Renaissance nach Deutschland um ein halbes Jahrhundert nach vorne zu korrigieren ist und ob sich das älteste Renaissancegebäude nicht in Landshut, sondern in Überlingen befindet.


    Übrigens wurden die Bauelemente der Frührenaissance zur Zeit des Baus des Überlinger Patrizierhauses auch in Italien gerade erst entwickelt. Für Harder-Merkelbach, ist deshalb klar, dass es einen sehr direkten Bezug zwischen dem Überlinger Haus und Italien gegeben haben musste.


    In dem Ausstellungskatalog zu der Sonderausstellung "1100 Jahre Kunst und Architektur in Überlingen", die noch bis zum 20. November in der städtischen Galerie "Fauler Pelz" zu sehen ist, stellt die Kunsthistorikerin ihre These als gesichert dar, dass dem Überlinger Gebäude das architektonische Konzept eines Papstpalastes in Pienza, des Palazzo Piccolomini, zugrunde liegt.


    Laut Harder-Merkelbach gibt es neu entdeckte Schriften, die eine enge Beziehung zwischen dem Bauherr des Überlinger Hauses, Andreas Reichlin von Meldegg, und dem Errichter des Palazzo Piccolomini, Papst Pius II., beschrieben. Als Piccolomini 1458 zum Papst gewählt wurde, ließ er in seiner Geburtsstadt Corsignano, dem heutigen Pienza, einen Papstpalast, den Palazzo Piccolomini errichten. Nur wenige Jahre später begann Reichlin von Meldegg mit dem Bau des Überlinger Hauses.


    Auffallend, so Marion Harder-Merkelbach gegenüber dieser Zeitung, seien viele architektonische Parallelitäten zwischen den Bauwerken. Zu nennen seien vor allem die außergewöhnliche rustizierte Fassade, der quadratische Grundriss, der Durchblick vom Hauptportal über den Hof in den terrassierten Garten (giardino pensile) mit Bäumen und Weinstöcken und die Einbeziehung der Aussicht als Landschaftsgenuss in die Konzeption. Es handle sich um Charakteristiken, die beim Papstpalast in Pienza revolutionär seien und in Überlingen ohne das italienische Vorbild undenkbar wären, so Harder-Merkelbach.


    Die Ausstellung "1100 Jahre Kunst in Überlingen" in der städtischen Galerie "Fauler Pelz" in Überlingen dauert noch bis zum 20. November. Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr; Samstag, Sonntag und Feiertage, 11 bis 18 Uhr; montags geschlossen.


    text und bild: eva-maria bast

  • Das finde ich äußerst bemerkenswert. Hoffentlich wird bald mehr herausgefunden. Ich kann mir angesichts des lebhaften Handels durchaus vorstellen, daß auch andernorts von den Kunstgeschichtlern auf das 16. Jh. datierte Gebäude wesentlich älter waren. Doch leider hat der Krieg in Deutschland viel Bauholz gekostet.
    Jetzt sagen manche wohl, Rekonstruktionen können nicht die dendrochronologischen Erkenntnisse wie Originale liefern. Aber: Hätte man doch wenigstens ein paar angekohlte Balken von den zerstörten Häusern aufgehoben oder - besser! - bei Wiederaufbauten benutzt, hätte die Rekonstruktion die Erinnerung an das verlorene Original und die Bewahrung des Übrigen unterstützen können.

  • Quote

    Ich weiss jetzt nicht wirklich ob das stimmt, aber auch in Leipzig steht ein sehr altes Renaissance-Gebäude. Das Alte Rathaus ist völlig unversehrt aus dem Krieg herausgegangen und wurde von Hieronymus Lotter geplant und gebaut.


    Das Alte Rathaus in Leipzig stammt aus dem Jahre 1556, scheidet somit in der Rubrik "ältestes Renaissancegebäude Deutschlands" aus. Außerdem brannte der Dachstuhl des Alten Rathaus im 2. Weltkrieg völlig aus.

  • das alte rathaus in leipzig steht zudem auf gotischen fundamenten, hat eine barocke turmhaube und wurde zu beginn des 20. jhds. komplett erneuert, sonst hätte es den 2. wk gar nicht mehr erlebt.


    davon abgesehen denke ich, dass der wettbewerb, welches älteste gebäude "züge der frührenaissance" aufweisst, eher was für etwas im schatten stehende lokalpatriotische heimatforscher ist. mal ehrlich, 1462 - welcher baumeister in der provinz hätte sich wohl gesagt: "so, jetzt baue ich mal das erste renaissancehaus..."

  • Quote from "rakete"

    ... mal ehrlich, 1462 - welcher baumeister in der provinz hätte sich wohl gesagt: "so, jetzt baue ich mal das erste renaissancehaus..."


    Stimmt, rakete. Die prunksüchtigen Fürstenhäuser hatten sicher nicht das
    mindeste Interesse daran gehabt, das erste Renaissancehaus in Deutschland
    zu bauen. :irrer:

  • Na, ein bisschen hat rakete ja schon Recht. Bisweilen halte ich dieses "Beste-von-XY" auch etwas für übertrieben. So wie es praktisch in jeder großen us-amerikanischen Stadt ein "Highest-Buildung-Of-XY" oder "Best-Burger-Of-The-World" gibt.
    Oder was habe ich neulich gelesen: In Köln steht der älteste Großquaderbau nördlich der Alpen. Du liebe Güte, was kommt als nächstes? Der dickste Zapfen auf der dritten Fichte von links?


    Diese Entdeckung ist kunstgeschichtlich allerdings schon sehr bedeutend. Man müsste nicht wenige Lehrbücher umschreiben. Und mit dem Lokalpatriotismus von Heimatforschern, die übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Bevölkerungsgruppen bislang nur Gutes geleistet haben, hat das herzlich wenig zu tun. Ohne diese Leute sähe unsere (Um-)Welt deutlich schlechter aus.
    Man kann diese Entdeckung nur dann verächtlich bewerten, wenn man auf Geschichte nichts gibt.

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Was ist ein Großquaderbau? Hört sich ja schrecklich an...

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Quote

    davon abgesehen denke ich, dass der wettbewerb, welches älteste gebäude "züge der frührenaissance" aufweisst, eher was für etwas im schatten stehende lokalpatriotische heimatforscher ist. mal ehrlich, 1462 - welcher baumeister in der provinz hätte sich wohl gesagt: "so, jetzt baue ich mal das erste renaissancehaus..."


    Quote

    Na, ein bisschen hat rakete ja schon Recht. Bisweilen halte ich dieses "Beste-von-XY" auch etwas für übertrieben. So wie es praktisch in jeder großen us-amerikanischen Stadt ein "Highest-Buildung-Of-XY" oder "Best-Burger-Of-The-World" gibt.


    Im Prinzip habt ihr natürlich recht, aber das ist gar nicht der Punkt, um den es geht. Der entscheidende Punkt ist ja nicht die "lokalpatriotische Frage", in welcher Stadt jetzt das älteste Renaissance-Gebäude steht, sondern die, wie ich auch finde, kunsthistorisch und historisch wirklich bahnbrechende Erkenntnis, daß die Renaissance offenbar doch wesentlich früher den Weg aus Italien über die Alpen gefunden hat als bisher angenommen.
    Wenn das richtig ist, müssen so einige kunst- und kulturgeschichtliche Bücher umgeschrieben werden.


    rakete:
    daß das Leipziger Rathaus ein Renaissance-Gebäude auf gotischen Fundamenten ist, sei gerne zugestanden. Daß es gotische Bauteile aufweist, macht seinen Umbau im Renaissance-Stil aber nicht "älter". Die Frage war ja, welches Gebäude das älteste Renaissance-Gebäude ist und nicht, welches Renaissance-Gebäude die ältesten Bauteile aus Epochen vor der Renaissance aufweist.


    Zudem finde ich es überhaupt nicht unplausibel, daß der älteste Renaissance-Bau Deutschlands von einem süddeutschen Kaufmann errichtet worden sein soll. Die süddeutschen Reichsstädte hatten in dieser Zeit nunmal von allen deutschen Ständen den engsten Kontakt zu Italien und haben sich oft sogar sehr bewußt an ihren italienischen "Schwestern" orientiert. Daß viele davon heute "Provinz" sind, darf einen nicht darüber hinwegtäuschen, daß das vor 500-600 Jahren ganz anders war. Damals waren sie keineswegs provinziell, sondern vielmehr die weltoffensten und weltstädtischsten Zentren Deutschlands (siehe Augsburg und Nürnberg).


    Für die Fürstenhöfe gilt das in der Regel gerade nicht. Die waren es, die damals hoffnungslos provinziell waren, es sei denn sie hatten (wie der Wittelbachische Hof) starke dynastische Beziehungen nach Italien oder Flandern oder sie waren die Höfe weltpolitischer Akteure wie der Habsburger.
    Insofern ist es ganz logisch, daß die Renaissance in den süddeutschen Städten viel früher rezipiert wurde als an den zurückgebleibenen Fürstenhöfen.

  • Quote from "Booni"

    Was ist ein Großquaderbau? Hört sich ja schrecklich an...


    Eine Bauweise aus der Römerzeit mit großen Steinquadern. Man fand diese Technik im Keller eines Kölner Hauses. Damals war Köln noch Hauptstadt Niedergermaniens, wenn ich mich recht erinnere.

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.