Lüneburg

  • Ah, und wer hat Rekonstruktionen verboten? Oder wie soll man das "darf man nicht" verstehen? Zudem wurden und werden doch in den letzten Jahren einige Schlosskulissen (Braunschweig, Herrenhausen, Berlin) wiederaufgebaut, und wenn ich recht informiert bin, wird doch in Frankfurt gerade fröhlich rekonstruiert?

  • Schloßgespenst meint das doch aus der Ideologie vieler Zeitgenossen. Gibt es nicht überall grossen Widerstand, wenn eine Rekonstruktion ins Auge gefasst wird? Und auch häufiger als bei Strichcode-Architektur oder Investoren-Müll?

  • Liebe Lüneburger - Euer altes und jetzt neues Wahrzeichen ist einfach unübertrefflich schön geworden.
    Falls Ihr jetzt auf den Geschmack gekommen seid: Schaut doch mal nach weiteren möglichen Rekonstruktionen.
    Saniert Euch schön! Macht es dem Osten nach.

  • Goldstein: das ist in Lüneburg nicht wirklich nötig, denn es gibt noch ganz viele Originale. Solch zahlreiche Altbausubstanz wie in der Altstadt von Lüneburg findet man in deutschen Städten nicht oft. Durch die Nähe zu Hamburg wurde Lüneburg im zweiten Weltkrieg weitgehend verschont, viele Häuser waren damals allerdings in keinem guten Zustand und es gab nach dem WK zunächst Überlegungen, alles abzureissen und durch Neubauten zu ersetzen. Ab den 1970er Jahren wurde, vor allem durch den Einsatz des hier auch schon genannten Curt Pomp, aber restauriert und heute stehen ungefähr 1300 Backsteinbauten unter Denkmalschutz.

  • Ah, und wer hat Rekonstruktionen verboten?

    Soll das eine ernsthafte Frage sein? Tausende von Architekten, Historikern, Kommunalpolitikern, Gutmenschen und anderen Berufsgruppen torpedieren doch immer wieder allerorts Rekonstruktionspläne. In Frankfurt gab es nicht nur beim aktuellen Dom-Römer-Projekt heftige Gegenwehr, sondern auch schon über 60 Jahre vorher beim Wiederaufbau des Goethehauses.


    Quote from FAZ

    Der katholische Publizist Walter Dirksargumentierte, das Goethehaus sei ja nicht durch einen Bügeleisenbrand zerstört worden, sondern durch das deutsche Volk, das von Goethe abgefallen sei und den Krieg begonnen habe. Und daher solle man den Untergang des historischen Hauses anerkennen.


    Dresden, Berlin - überall das gleiche. Entweder ist es der Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit, der Disney-Vorwurf oder aber die moralische Unmöglichkeit wegen der deutschen Kriegsschuld. Das kann Dir doch alles als Nutzer dieses Forums wohl kaum entgangen sein.


    Erst kürzlich, in Friedenszeiten durch Unglück oder Verbrechen zerstörte Bauten haben es offenbar einfacher, rekonstruiert zu werden. Da gehen den ideologisch verbohrten Selbsthassern und Modernisten schneller die Argumente aus.

  • Soll das eine ernsthafte Frage sein? Tausende von Architekten, Historikern, Kommunalpolitikern, Gutmenschen und anderen Berufsgruppen torpedieren doch immer wieder allerorts Rekonstruktionspläne. In Frankfurt gab es nicht nur beim aktuellen Dom-Römer-Projekt heftige Gegenwehr, sondern auch schon über 60 Jahre vorher beim Wiederaufbau des Goethehauses.
    Dresden, Berlin - überall das gleiche. Entweder ist es der Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit, der Disney-Vorwurf oder aber die moralische Unmöglichkeit wegen der deutschen Kriegsschuld. Das kann Dir doch alles als Nutzer dieses Forums wohl kaum entgangen sein.


    Erst kürzlich, in Friedenszeiten durch Unglück oder Verbrechen zerstörte Bauten haben es offenbar einfacher, rekonstruiert zu werden. Da gehen den ideologisch verbohrten Selbsthassern und Modernisten schneller die Argumente aus.

    Mir ist neu, dass Gutmensch jetzt offenbar eine Berufsbezeichnung ist, aber das nur am Rande.


    Wie soll ich sagen? Diejenigen, die an den entscheidenden Stellen sitzen, haben wieder und wieder gegen Rekonstruktionen entschieden, unbestreitbar. Direkt nach dem Krieg gab es wohl andere Sorgen als die um das Stadtbild, dazu kam noch der Versuch, mit der Vergangenheit abzuschließen, indem man auch die baulichen Zeugnisse, die zerstört waren, eben nicht wiederaufbauen wollte. Aus meiner Heimatstadt ist mir noch die Aussage des damaligen Stadtbaurates Haagen aus der Literatur geläufig, die Stadt sei "im traditionalistischen Sinne wiederaufzubauen", womit er aber keine Rekonstruktionen meinte, sondern eher Bauten, wie sie bis heute die Innenstadt prägen - drei- bis viergeschossig, Satteldach, schlichte Putzbauten. Damals waren Rekonstruktionen kein Thema, außer bei Kirchen. Die Generation, die nach dem Krieg zu entscheiden hatte, war für Rekonstruktionen überwiegend nicht zu haben, so weit ich das beurteilen kann. Daraus hat sich im Laufe der folgenden Jahrzehnte eine ablehnende Grundhaltung entwickelt. Diese Meinung muss man nicht teilen, aber sie war prägend. Es steht ja jedem frei, eine andere Meinung zu haben, und diese durchzusetzen. Wenn es nicht funktioniert, sollte man das akzeptieren. Aber die andere Meinung dann als "ideologisch verbohrt" zu bezeichnen, ist jetzt auch kein konstruktiver Beitrag, um das mal freundlich zu formulieren. Vor allem aber wird das eigene Anliegen bei derartig drastischer Wortwahl und Herabsetzung des vermeintlichen Gegners zweifellos nicht positiv befördert, das taugt allenfalls zur Selbstdisqualifikation.

  • Mir ist neu, dass Gutmensch jetzt offenbar eine Berufsbezeichnung ist

    Und mir ist neu, dass Du so ein scharfsinniger, humor- und ironieresistenter Blitzmerker bist. Das gängige Wort mit K verkneife ich mir jetzt mal. :augenrollen:


    Quote

    Aber die andere Meinung dann als "ideologisch verbohrt" zu bezeichnen, ist jetzt auch kein konstruktiver Beitrag, um das mal freundlich zu formulieren. Vor allem aber wird das eigene Anliegen bei derartig drastischer Wortwahl und Herabsetzung des vermeintlichen Gegners zweifellos nicht positiv befördert, das taugt allenfalls zur Selbstdisqualifikation.

    Abgesehen davon, dass wir uns damit - von mir nicht vorgesehen - vom eigentlichen Thema entfernen: Was willst Du eigentlich? Das Zitat, das ich als eines von unzähligen Beispielen für diese Geisteshaltung gepostet habe, sollte eigentlich für sich sprechen. Die Äußerungen von Architekten, die jeglichen Rückgriff auf klassische Architektur ablehnen und oft auch aktiv bekämpfen, sind mitunter noch von weitaus größerer Unsachlichkeit und argumentativer Armut geprägt, wie man allein schon an dem völlig neben der Sache liegenden, aber immer wieder verwendeten Schlagwort "Disney" erkennen kann. Wir haben hier im Laufe der Jahre schon eine dreistellige Zahl von solchen Äußerungen wiedergegeben, so dass ich das nicht nochmal aufkochen werde. Wenn das Deiner Meinung nach alles in Ordnung geht, Du aber im Gegenzug jemandem, der das Ganze in zwei Schlagwörtern zusammenfasst, die "Selbstdisqualifikation" bescheinigst, dann solltest Du Dir besser ein anderes Diskussionsforum suchen.

  • Als alleinstehendes Gebäude, finde ich den Bau echt interessant. Der Innenausbau ist für mich aber viel zu schlicht, kalt und abweisend. Das erinnert mich eher an ein zweckmäßiges Parkhaus. Da hat für den Innenausbau anscheinend am Ende das Geld gefehlt.

  • Dieser Bau hat wie die meisten öffentlich errichteten Gebäude mehr gekostet als vorher zu optimistisch veranschlagt. Hängt ja mit vielen Gründen zusammen, wie dem Wunsch danach und dies der Öffentlichkeit zu vermitteln, und am nach wie vor sehr ineffektiven deutschen Vergabeverfahren.
    Jedenfalls kostete dieser Bau bisher deutlich mehr als anfangs veranschlagt.
    Kostensteigerung des Libeskindbau der Leuphanauniversität Lüneburg

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

  • Wie soll ich sagen? Diejenigen, die an den entscheidenden Stellen sitzen, haben wieder und wieder gegen Rekonstruktionen entschieden, unbestreitbar. Direkt nach dem Krieg gab es wohl andere Sorgen als die um das Stadtbild, dazu kam noch der Versuch, mit der Vergangenheit abzuschließen, indem man auch die baulichen Zeugnisse, die zerstört waren, eben nicht wiederaufbauen wollte. Aus meiner Heimatstadt ist mir noch die Aussage des damaligen Stadtbaurates Haagen aus der Literatur geläufig, die Stadt sei "im traditionalistischen Sinne wiederaufzubauen", womit er aber keine Rekonstruktionen meinte, sondern eher Bauten, wie sie bis heute die Innenstadt prägen - drei- bis viergeschossig, Satteldach, schlichte Putzbauten. Damals waren Rekonstruktionen kein Thema, außer bei Kirchen.

    Es ist auch immer eine Frage des Aufwands. Nationale Erläuterungen sind deshalb falsch, weil fast in allen Ländern so vorgegangen wurde, unabhängig von der Zerstörung im Weltkrieg. Der Leidensdruck ist eben verschieden. Für Rekonstruktionsbefürworter zählt das Stadtbild, für den Architekten und Bauherrn immer auch die inneren Werte.


    Ich begrüße den Bau in Lüneburg und glaube, dass er den Ort aufwertet. Ich denke trotzdem, dass man unabhängig davon wieder traditioneller und das heißt ortstypischer bauen sollte in der Heide. Und genau da sehe ich keinen Widerspruch. Bei einem Uniausbau auf der grünen Wiese soll man sich ruhig austoben. Für mich ist Lüneburg so etwas wie die Niederlande, viel Platz für stylische Raumschiffe, die nicht stören. Nur wenn man sich an die historisch gewachsenen Strukturen macht mit Interventionen und Beton oder 08/15 wird es richtig hässlich.

  • stylische Raumschiffe

    Erstens kann man sich fragen, ob man dieses mittlerweile nicht mehr so innovative dekonstruktivistische Gebilde in irgendeiner Weise "stylisch" finden kann, ob das menschengerechte Architektur ist, und ob das "Raumschiff" nicht bereits seit vielen Jahrzehnten der mittlerweile angegraute feuchte Traum des modernistischen Architekten ist. Zweitens kann man überlegen, ob solche Gebilde uns in irgendeiner Weise weiterführen. Was ist dieses Gebäude denn anderes, als ein möglichst großer und grober Klotz mit möglichst vielen schrägen Flächen, möglichst vielen konvexen Vierecken als Fenstern und einer Metallplattenverkleidung? Das ist der architektonische Standard, den es zu begrüßen gilt? Außerdem schafft jedes Gebäude neue Fakten, eine neue Struktur, an die andere Bauten anschließen werden. Sich nur eine kleine heile Altstadtwelt erhalten zu wollen, um die sich die Libeskinds "austoben" können, wird in die Niederlage führen.
    "Stell Dir vor es entstehen Baublöcke und Du gehst nicht hin... Dann werden die Blöcke zu Dir kommen."

  • ^
    Wenn nicht für die Forschung, dann als Rutschebene zur Teamgeistbildung künftiger Sozialpädagogen.

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

  • ... Leserkommentar dazu im SPON :thumbup:


    "Hässliches muss nicht billig sein"


    P.S. Der Blick aus dem Fenster zeigt gegenüber Sprossenfenster - ganz so weitab auf der "Grünen Wiese" scheint der Bau dann doch nicht zu stehen.

  • Der Libeskindbau befindet sich auf dem Areal der ehemaligen Scharnhorstkaserne in Lüneburg, dem heutigen Universitätscampus.
    Von allen drei Kasernen in Lüneburg hat nur noch die Theodor-Körner-Kaserne überlebt.
    Auf dem Areal der Schlieffenkaserne befinden sich diverse Behörden. Die historischen Gebäude im Bereich der aufgelassenen Kasernen haben fast alle überlebt. Es fielen nur Anbauten und Garagen der Spitzhacke zum Opfer.

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

    Edited once, last by Berkowitz ().

  • Ein aktueller Bericht zum wiederhergestellten Lösecke-Haus anlässlich des Wiederbezugs.
    Enthalten sind ein Filmbeitrag und zahlreiche Bilder.


    Lösecke-Haus wieder aufgebaut: Mieter ziehen ein - NDR


    Man kann Herrn von Hartz nur dankbar sein, dass - trotz allen Verlustes im Einzelnen - ein äußerlich weitgehend originaler Wiederaufbau erfolgt ist. Nicht auszudenken, wenn ein Wiederaufbau mit den gestalterischen Segnungen unserer Zeit erfolgt wäre.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Zu den dekonstruktivistischen Gebäuden von Daniel Libeskind finde ich irgendwie keinen Zugang. Egal ob als Solitär oder im Ensemble mit anderen Gebäuden.
    Da bekomme ich immer Herzstolpern und hektische Flecken.
    Vor allem, da hier bezogen auf die Nutzung das Mantra "Form follows function" in vielen Fällen um 180° gedreht wird in ein "Function has to follow the form".

  • Gott sei Dank ist uns das Libeskind- Gebäude auf der Hauptstrasse der Dresdner Neustadt erspart geblieben!
    Auch wenn das jetzt dort stehende Gebäude wahrlich auch kein Augenschmaus ist.


    Bezüglich der Rekonstruktionsdebatte (die in diesem Strang etwas fehl am Platz ist):
    Rekonstruktionen in den Städten in der BRD sind tatsächlich nie irgendwo von "denen da oben" verboten worden, auch wenn das manches Mal so dargestellt wird, als würden die "Volksverräter" alle Entscheidungen gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung getroffen werden.
    Die Entscheidungen für oder gegen Rekonstruktionen sind in der BRD (anders als in der DDR) nicht von oben diktiert worden und wurden oft erst nach langen Diskussionen für und wider gefällt.


    Es ist aber doch einfach auch so, dass es gerade in den 50er bis 80er Jahren in den meisten Fällen in der Öffentlichkeit und bei den betreffenden öffentlichen und privaten Bauherren kein wirkliches Interesse - geschweige denn einen flächendeckenden Konsens der Bürgerschaft - für einen historisch angelehnten Wiederaufbau oder Rekos gab. Oft wurden ja auch unbeschädigt erhaltene Gebäude abgebrochen und durch moderne Bauten ersetzt. Quadratisch, praktisch, gut.
    Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie froh meine Oma darüber war, dass sie und mein Opa in den 60er jahren ihr 200 Jahre altes, massives Sandsteinhaus mit Volutengiebel abgerissen und durch einen banalen, gefliesten Bau ersetzt haben. Einfach zu putzen, dichte Fenster, keine Ratten oder Mäuse in den Fehlböden, Zentralheizung.
    Mir dagegen hat immer das Herz geblutet, wenn ich die alten, vergilbten Fotos dieses schönen Altbaus gesehen habe.
    Aber so unterschiedlich sind die Prioritäten...


    Dass es in den letzten Jahren mehr und mehr Rekonstruktionen wie in Dresden, Berlin, Frankfurt oder jetzt eben auch in Lüneburg gibt, liegt einfach daran, dass sich mehr und mehr Bürger auch dafür interessieren und einsetzen.
    Oder eben auch dagegen entscheiden, wie etwa bei der Ulrichskirche in Magdeburg.


    Das ist halt so in der Demokratie. Viele Meinungen und Positionen streiten um eine Lösung. Im Idealfall entspricht dann das Ergebnis dem Mehrheitswunsch.