Frankfurter Altstadt (Dom-Römer-Areal)

  • Noch was zu dem albernen Kommentar:

    Quote

    Also schafft bloß keine Harmonie, denn Harmonie bedeutet, dass nicht kommuniziert wird, und alles was lebt ist widersprüchlich, und alles was lebt macht Dreck und Unordnung


    Im allgemeinen ist Dreck und Unordnung eine Belästigung und wenn sich Menschen belästigt fühlen, dann führt dies nicht wirklich zu sinnvoller Kommunikation, sondern eher zu Aggression und Gewalt.

    Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert.


    Oscar Wilde (1854-1900)

  • Quote from "Mathias"

    Das Gerücht von den dummen Massentouristen halte ich für falsch; die meisten japanischen Deutschlandtouristen, die ich kennengelernt habe, waren sehr gut informiert und zum großen Teil Akademiker oder Studenten.


    Und selbst die "dummen Massentouristen" haben kraft des unantastbaren Kerns ihrer Menschenwürde einen Anspruch darauf, nicht vor den Karren von Architektenlobbyismus gespannt zu werden.

  • Und dabei hatten wir das ganze Thema "Japaner" ja schon mal bei früheren Podiumsdiskussionen... wurde damals in den Zeitungen sowohl in Artikeln als auch in Leserbriefen diskutiert.


    Über ein Jahr ist jetzt bereits im Stadtbild Deutschland-Blog dieser Eintrag hier alt...


    Quote

    [...] und letztlich würde nahezu jeder Gegner der Rekonstruktion, der aus welchem Grund auch immer bei den entsprechenden öffentlichen Veranstaltungen auf dem Podium sitzen darf, vermeintlich intellektuelle Schmunzelwitze über knipsende Japaner machen.


    Quelle: http://www.stadtbild-deutschland.de/rubriken/blog/index.php\r
    http://www.stadtbild-deutschland.de/rub ... /index.php


    ... und es hat sich seitdem nichts geändert!

  • Bei dem zweiten Beitrag, den ich hier einstellen möchte, wird versucht über die Agenda 21 den Erhalt des Technischen Rathauses zu rechtfertigen. Wie das geht lest ihr bitte auszugsweise hier:


    „Wolf Dietrich (Architekt): Die Altstadt und die Zukunft des Technischen Rathauses


    Erhaltenswerte Bausubstanz – mit Blick auf die Frankfurter Agenda 21


    Mit Bezug auf die Rede von Manfred Sack, vormals Redakteur und Architektur-Kritiker der ZEIT, anlässlich einer Tagung des BDA Bremen im Jahr 1993, zu einem noch heute aktuellen Thema: „Von der Utopie, dem guten Geschmack und der Kultur des Bauherren“ – oder „Wie entsteht gute Architektur?“


    Die in den 60er Jahren entworfenen und 1972 fertig gestellten Museums- und Verwaltungs-Gebäude standen im Kontrast zu der rekonstruierten Ostzeile und diese wiederum zur postmodernen Kunsthalle Schirn in den 80er Jahren.
    Die harsche Architekturkritik jener Zeit war wohl auch Anlass, das nicht mehr geliebte Technische Rathaus einer Leasing-Gesellschaft anzutragen. Als es dann nicht mehr der Stadt gehörte, war das zuvor in Fachkreisen hoch gelobte und prämierte Gebäude – wie auch das Museum – nur noch hässlich.
    (... es folgt die weitere Baugeschichte des Technischen Rathauses und die Voraussetzungen, die zum Abbruchbeschluss führten...)
    Mit der Entscheidung für das „Haus am Dom“ und noch vor dem Ablauf des Leasingvertrages beschloss das Parlament, den gesamten Bereich zwischen Dom und Ostzeile neu zu gestalten. Der Abbruch von drei Bürotürmen wurde zur Vorgabe für den Wettbewerb im Jahre 2005 und dessen Ergebnis dann als klein parzellierte „Neue Altstadt“ vorgestellt.


    Vor dieser Jury-Entscheidung gab es vermutlich keine Varianten, z.B. nur den südlichen Teil der Anlage abzutragen. Der neuen Römer-Koalition schien es wichtiger zu sein, Fakten zu schaffen und das gesamte Bauvolumen in Bauschutt und Sondermüll zu verwandeln: 20 Tausend Kubikmeter in etwa acht Monaten für geschätzte 7 Millionen EUR.


    Es wurde wohl auch nicht hinterfragt, ob diese Entscheidung im Einklang mit den Leitlinien der Frankfurter Agenda 21 stünde; implizieren sie doch nicht nur enorm viel Energie für Abbruch und Transport und deren Kosten, sondern auch ständigen Lärm und Staub für alle dort wohnenden und arbeitenden Menschen. Die gleichen Kriterien bezüglich der Kosten und des Lärms gelten auch für spätere Neubauten und deren Logistik.


    (...)


    Wird wohl später nachgefragt – wen auch der Straßenverkehr durch den Abtransport belastet wird – ob Frankfurt versäumte, die Kriterien der ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Belange für die Nachhaltigkeit zu beachten? Oder ist der Abbruch, wie logistisch am ehemaligen Zürichhaus erprobt, bereits zur Gewohnheit geworden?


    (...)


    Durch Abbruch und Neubau gingen bereits viele Spuren des zweiten Weltkrieges und des engagierten Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre verloren. Nun werden auch die „historischen Entscheidungen“ der 60er bis 80er Jahre zur Disposition gestellt.


    Am Ende würde Frankfurt am Main im besten Sinne des Wortes und ihrer zukünftigen Bewohner kaum die Chance gegeben, noch einmal „Alt-Stadt“ werden zu können.


    Viele erhaltenswerte Gebäude gingen schon verloren


    Diese Einschätzung bezieht sich vor allem auf stadteigene Gebäude und andere historische Zeitzeugen. Ebenso wichtig für die zukünftige Stadtentwicklung wird sein, wie viel Einfluss die Kommune auf Projekte der neuen Immobilienwirtschaft nehmen kann.
    Manfred Sack wies auf den sich symptomatisch geänderten Sprachgebrauch hin und zitierte einen ehemaligen Basler Kantonsbaumeister: „Aus Boden wurden Grundstücke, Häuser wurden zu Liegenschaften, Städtebau zu Investitionsquoten“ und so wurden aus vielen Bauherren Immobilien-Manager.


    Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Bewertung nach Denkmälern und Zeitzeugen:


    (Es folgt eine Aufstellung von neun abgerissenen Gebäuden, deren Verlust von niemandem von uns ernsthaft betrauert würde)


    Weitere historische Gebäude werden uns noch verloren gehen!


    Die Gebäude der 70er Jahre – vor der ersten Ölkrise geplant – entsprechen nicht mehr dem verordneten Wärmeschutz. So erhielten viele Hochhäuser bereits neue Fassaden, wobei es möglich war, auch deren Erscheinungsbild dem Zeitgeist anzupassen.


    Jetzt werden Hochhäuser wieder beispielhaft und ökonomisch umgenutzt, indem der Rohbau jeweils erhalten bleibt: (...es folgt eine Auflistung von 4 Objekten...)


    Doch bedroht sind weiterhin:


    (...es folgt nochmals eine Auflistung von 4 weiteren Objekten...)


    Vorschläge zu alternativen Verfahren bezieht sich auch auf den Dom-Römer-Bereich, da bereits mit dem Museum und dem Technischen Rathaus zweimal für Abbruch entschieden wurde. Die Beschlüsse zu beiden Projekten können immer noch überprüft werden.


    Es gehört seit vielen Jahren zur guten Frankfurter Tradition, wichtige Bau-Wettbewerbe international auszuloben, dies mit besten Ergebnissen, besonders für das Museumsufer.
    Anders bei manchem Städtebau-Wettbewerb, wenn eine Jury – dem Wunsch nach internationaler Beteiligung folgend – sich nicht auf einen ersten Preis verständigen konnte. Ursache war meistens, dass auswärtige Planer, mit hiesigen konkurrierend, aus geringer Orts- und Geschichts-Kenntnis über das Ziel hinausplanten (...)


    Das Historische Museum mit einer zukunftsfähigen Konzeption – ohne Abbruch


    Der ganze Betonbau braucht – neben ihrem zeitgemäßen Ausstellungskonzept – eigentlich nur eine zweite Fassade: 1. für die sorgfältige Einbindung in das historische Umfeld, 2. zur Vergrößerung der Ausstellungsflächen und 3. zur intelligenten Verknüpfung mit den angrenzenden historischen Gebäuden des Museums. – Diese Erörterungen sollten aber bei anderen Gelegenheiten weitergeführt werden.


    Das Technische Rathaus – mit nachhaltiger Zukunft des Bestandes


    Im Hinblick auf die noch nicht ermittelten bautechnischen Folgen eines Abbruchs und eines noch fehlenden Gesamtkonzeptes für die zukünftigen Nutzungen im historischen Zentrum der Stadt, der alten Mitte sowie deren Realisierung, sollten bisher vorliegende Teilergebnisse noch einmal zurückgestellt bzw. überarbeitet werden.


    Wenn sich die städtischen Planer beim Abbruch auf die südlichen Teile beschränken würden, so ließe sich auch die KSP-Konzeption in ihren wichtigsten Teilen realisieren.


    Die beiden Türme an der Braubachstraße gehören seit 35 Jahren ebenso zur markanten Stadt-Silhouette, wie die Schirn mit dem Langhaus und ihrer Rotunde seit 21 Jahren. Nicht zuletzt der Blick vom südlichen Mainufer, aber auch die Einblicke in die Braubachstraße und das Umfeld des Domes bilden den Maßstab, den Charakter der „Neuen Altstadt“.


    Eine Umnutzung mit Modernisierung setzt eine „intelligente Fassade“ voraus, in die auch Sockel- und Traufen-Bereiche der Gebäude an der Braubachstraße einbezogen werden könnten. Nach einem Fassadenwettbewerb sollte wieder über Kostenreduzierung und zeitgemäße Nutzungen für das Thürwächter-Bauwerk beraten werden; dies auch unter dem Aspekt, dass weiterhin ein großer Flächenbedarf für kulturelle Projekte besteht, nicht zuletzt mit Standorten für das Museum der Weltkulturen und ein Gästehaus der Stadt.


    Das Ergebnis des BDA-Workshops vom Mai 2006 zur „Rekonstruktion“ von Gründerzeit-Fassaden an der Braubachstraße erscheint nicht ganz überzeugend. Wichtiger erscheint die Maßstäblichkeit großer Nachbargebäude. Schirn, „Haus am Dom“ und Technisches Rathaus wären gemeinsam die Beispiele für „Neue Stadtgeschichte“.


    Abschließendes Statement für eine Planungskultur im Sinne von Manfred Sack


    Bei der Stadtentwicklung dürfte es nicht darum gehen, ob dem einen etwas gefällt, dem anderen nicht, und ob erlernte Vorurteile beibehalten werden. Überzeugend ist nur die Frage, wie wir unsere Stadt den Nachkommenden, der Generation unserer Enkel, übergeben werden. Dazu gehört sehr einfach, dass die Architekturen der Nachkriegszeit als Zeichen und Symbol der neu erprobten Demokratie ebenso wichtige Zeitzeugen sind, wie die geschätzten Stadthäuser und Paläste der vor-demokratischen Kaiserzeit.


    Ein zweites Argument ist die Konsolidierung der Finanzen. Mit Bezug auf die Leitsätze der Agenda 21 sollten in zukünftigen Haushaltsplänen beispielhaft acht- bis neunstellige EUR-Beträge eingespart werden können.


    Das dritte Argument besagt, die Altstadt und die ganze Innenstadt sollten von großen Baustellen mit langer Laufzeit, ihren Störungen und Belastungen weitestgehend verschont werden und funktionsfähig bleiben. Von den Touristen mal ganz abgesehen.“


    Bei diesem Beitrag kommt es am Ende ganz besonders dick, nach dem ganzen sentimentalen Vorgeplänkel, man dürfte eigentlich gar nichts abreißen, was seit 1945 in der Altstadt gebaut wurde. Vor allem dann nicht, wenn es sich um Großbauten handelt, denn die müssen nach der Agenda 21 erhalten werden, da ihr Abbruch mit dem Klimawandel nicht vereinbar ist. So kann man den Bürgern wie früher einen vom Pferd erzählen und weiterwurschteln wie gewohnt. Und wenn schon Abreißen, dann nur den Südteil des TR, damit der Siegerentwurf von Engel und Zimmermann doch noch realisiert werden kann. Neben weiteren Reizworten wie „Museum der Weltkulturen“ und „bisherige Ergebnisse noch einmal zurückstellen“ und "intelligente Fassade", werden die Einwohner dieser Stadt und ihr Engagement in diesem Projekt mit keinem Wort erwähnt. Die sollen sich zurückhalten und mit dem Ergebnis leben, das dann wahrscheinlich als demokratisches Zeugnis nach 30 Jahren auch noch unter Denkmalschutz gestellt werden muss. Von Touristen möchte der Autor bitteschön verschont bleiben, damit seine spätmoderne Welt keinen Schönheitsfehler erhält. Hat dieser Mensch die letzten zwei Jahre auf dem Mond gelebt?

  • ^^^ Ich glaube, dieser Mensch lebt dort schon wesentlich laenger. :augenrollen:


    Danke, Joerg, fuer all die so laecherliche wie loecherige Prosa dieser Herren! :) Darf ich nochmal zwei bereits von Baukunst zitierte Phrasen wiederholen:


    Quote

    Aber alle Kunst, auch Architektur, lebt von der Hoffnung, dass es möglich wäre Neues zu kreieren


    Moeglich mag es durchaus sein, aber es ist diesen Leuten mit ihren unzaehligen Anlaeufen ueber viele Jahrzehnte hinaus immer noch nicht gelungen. Jaja! Hoffen und harren ... Zwar hoffen wir immer noch, aber als selbstkritischer Realist sollte der Autor samt seinen Gesinnungsgenossen diese Hoffnung angesichts fehlender Zeugnisse endlich aufgeben.


    Quote

    Kreativität ist eine nur dem Menschen und Gott (falls es ihn gibt) eigene Fähigkeit, etwas Neues nicht nur aus dem Vorhandenen, sondern auch aus dem Nichts zu erschaffen.


    Und Sterbliche sind Goettern gleich? Wenn ich das aus dieser Kreativitaet entstandene neue oeuvre -- ob nun aus dem Vorhandenen oder aus dem Nichts -- der Garde dieser Geisteshaltung betrachte kann ich hierzu nur laut NEIN! sagen. :boese:

  • Quote

    Dazu gehört sehr einfach, dass die Architekturen der Nachkriegszeit als Zeichen und Symbol der neu erprobten Demokratie ebenso wichtige Zeitzeugen sind, wie die geschätzten Stadthäuser und Paläste der vor-demokratischen Kaiserzeit.


    Es ist schon symptomatisch, dass schlechte Architektur mit Demokratie gerechtfertigt wird. Wie bitteschön soll das Demokratieverständnis mit solchen "Zeitzeugen" bestärkt werden. Dem "einfachen Mann" könnte sich der Schluss aufdrängen, dass die "vor-demokratische Kaiserzeit" die bessere war.

  • "da ihr Abbruch mit dem Klimawandel nicht vereinbar ist"


    Jetzt wird es ja endgültig lächerlich - hier ist wirklich kein Argument zu blöd. Und natürlich gilt dieses Argument offensichtlich nur für den Fall, daß Nachkriegsbauten durch Bauten nach historischem Vorbild ersetzt werden sollen.


    Wenn irgendwelche 70er Jahre Betonklötze durch "zeitgemäße" Glaskisten ersetzt werden (wie derzeit im großen Maßstab in Stuttgart der Fall), äußert seltsamerweise niemand dieses "Argument".


    Nebenbei bemerkt: als das TR gebaut wurde, gab es noch die Angst vor der unvermeidlichen, von Menschen gemachten Eiszeit.
    [/quote]


  • Süffisant! Einfach herrlich! Dankeschön!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Es folgt ein wenig Werbung:



    ...nochmal zur Erinnerung für die, die's noch nicht gesehen haben. Einige aus dem Forum werden auf jeden Fall da sein - je mehr, desto besser!


    Für die Nicht-Frankfurter: So sieht der Veranstaltungsort aus (direkt neben dem Dom, kaum zu verfehlen).



    Und: Die Züge fahren am Montag auf jeden Fall!
    (gestreikt wird, wie der Presse zu entnehmen war, frühestens am Dienstag.8) )

  • So. Nun der von Restituor gewünschte Beitrag:


    Astrid Hansen (Denkmalpflegerin): Frankfurts Altstadt – Rekonstruktion? Seelisch nicht möglich!


    Das sehr weitschweifige Manuskript habe ich v.a. am Anfang zusammengekürzt, wo die Autorin die letztes Jahr im Oktober statt gefundene Planungswerkstatt Dom-Römer beschreibt und als geeignetes Instrument lobt. Wir sahen das aus diversen Gründen anders. Da Hansen in ihrem Beitrag mehrfach zitiert und Anfang und Ende ihres eigenen Schriftstück etwas unübersichtlich zu werden drohte, habe ich ihren Artikel durch Striche abgegrenzt. Aber nun zum Text:
    ___________________________________________________________________________
    „Wer seine eigene Geschichte fälscht, der begeht Zukunftsfälschung. Dieser warnende Hinweis des Denkmalpflegers Reinhart Bentmann an die eigene Zunft, kritisierte 1988 unter anderem den denkmalpflegerischen Umgang mit historischen Altstädten, aus denen in folge des Europäischen Denkmalschutzjahres hübsche, touristisch attraktive Oasen geworden waren, die dem Betrachter suggerierten, Altstädte hätten schon eh und je um den ersten Platz des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ miteinander gerungen.
    Die Warnung stellte natürlich nicht den Erhalt historischer Altstädte grundsätzlich in Frage, sondern nur die Romantizismen im denkmalpflegerischen Umgang mit ihnen.
    Darüber hinaus galt es endlich der stetigen Abwertung der Moderne entgegen zu wirken, die, gleichsam als Horrorszenarium, dem romantischen Bild bunter Fachwerkbauten und intakter Innenstädte entgegengehalten wurde. Eine Folgeerscheinung dieser – auch von der Denkmalpflege mitzuverantwortenden, wenngleich nicht unbedingt gewollten – Schwarz-Weiß-Malerei „gutes Altes“ – „böses Neues“, war, neben der Postmoderne, auch der postmoderne „Denkmalkultus“. Zeuge hiervon legt die Ostzeile des Frankfurter Römerberges ab, von der sich die Politik eine positive Resonanz seitens der Frankfurter Bevölkerung erwartete, die sich aber tatsächlich eher desinteressiert oder abweisend verhielt.
    Eine ebenso erschrockene, allerdings bezeichnender Weise in den Entscheidungsprozess nicht eingebundene Denkmalpflege hat sich damals vehement gegen diese Form der unseriösen „Stadtreparatur“ gewandt.


    Anders als dies in unmittelbarer Nachkriegszeit der Fall sein kann, hätten derart nachgereichte Rekonstruktionen wie die der Frankfurter Altstadt (in welchem Umfang auch immer) – wenngleich dies manche behaupten – heute keinerlei Identifikationswert mehr. Aus dem kollektiven Gedächtnis sind sie unwiederbringlich gelöscht, wenngleich ein Teil von ihr im kulturellen Gedächtnis , gleichsam als erinnerte Geschichte weiterlebt. Ein substanziell verlorenes Denkmal wird über das kulturelle Gedächtnis tradiert – allerdings auch die Tatsache, dass es zerstört ist. Entsprechend darf man gegen das Ergebnis der Planungswerkstatt auch einwenden, dass auch die Rekonstruktion der vier oben genannten Bauten nicht wirklich überzeugen kann. Ihres Kontextes beraubt, man müsste in richtiger Weise, ihn nicht wiederfindend, sagen, werden sie wie schon die Römerbergbebauung, ohne die Fähigkeit, Identität zu schaffen, isoliert einfach da stehen.


    Man müsse, so heißt es in einem Diskussionspapier des Architekten Peter Westrup, das dem Deutschen Werkbund vorliegt, den Frankfurtern ihre „Verlorene Mitte“ wiedergeben. „Es muss wie vor der Zerstörung ein Gesamtschauspiel der bedeutendsten mittelalterlichen Innenstadt Deutschlands inszeniert werden, mit herausragenden, bedeutenden und weniger bedeutenden Bauwerken, wie sie im Verlauf der Geschichte von den Frankfurter Bürgern als Wohn- und Geschäftshäuser entstanden, sozusagen ein lebendes „Historisches Museum“, das aber vom Leben unserer Zeit erfüllt ist“. Durch die Rekonstruktion könne man „deutsche Geschichte und Kultur“ wieder sichtbar machen. „Nur diese alte gewachsene, von Handwerkern gestaltete Architektur mit ihren ungeplanten Veränderungen der Jahrhunderte vermag die unverwechselbare Atmosphäre der historischen Frankfurter Innenstadt mit ihrer lebendigen Mischung aus Handel, Gewerbe, Wohnen und Gastronomie zu garantieren, unsere Moderne mit ihrer Maschinenarchitektur ist dazu leider nicht in der Lage.“


    Frankfurts Innenstadt also als lebendiges Freilichtmuseum deutscher Fachwerkarchitektur, inszeniert durch eine Mischung modernen Lebens und traditionellem „Handel und Gewerbe“, all dies um den „Verlust der Mitte“ zu verhindern? Oder doch nur ein Geschäft mit der Sehnsucht nach Idylle und Erinnerung?
    Es ist vor allem ein gefährliches Geschäft mit Gefühlen das hier betrieben wird und das nicht nur einen Bruch mit der Moderne sucht, sondern die Manipulation unseres kulturellen Gedächtnisses zum Ziel hat. „Es geht darum“, so schreibt Westrup weiter, „den Bürgern und Besuchern der Stadt Frankfurt ein Stück Geschichte und Erinnerung in situ wiederzugeben, das ohne ihre Schuld verloren ging und nun zurückgeholt werden kann (...). Wir brauchen hier nicht das neue Frankfurt, wir brauchen an dieser Stelle das Alte gewesene Frankfurt, um wieder anzuknüpfen an unsere große Tradition.“


    Das erinnert in erschreckender Weise an Formulierungen der 1950er Jahre als etwa der „Baumeister“ die Weißenhofsiedlung noch als eine „an echtem baumeisterlichem Verantwortungsgefühl arme“ Architektur bezeichnete und die Publikation „Verlust der Mitte“ von Hans Sedlmayer die Ressentiments gegen die Moderne, im Sinne einer Verfallskunst und Ursache des deutschen Sittenverfalls und der durch sie ausgelösten Katastrophe weiter schürte. Auch damals, trösteten sich vor allem die konservativen und restaurativen Teile der Bundesrepublik damit, an der deutschen Katastrophe nicht schuldig zu sein.


    „Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, age ich Ihnen, was sage ich? Seelisch unmöglich!“, so formulierte das Otto Bartning angesichts der Trümmer 1946. Das war auch ein Schuldbekenntnis und vor allem brachte es die Hoffnung zum Ausdruck, durch neue Bauten auch ein neues Deutschland, frei von Ressentiments und Revanchismus zu bauen. (...) Viele Aufbauleistungen dieser Zeit sind inzwischen selbst zum Denkmal geworden und legen Zeugnis von der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ab.


    (...) Wichtig ist auch zu erkennen, dass mit der Zerstörung der Altstadt auch deren soziale Kulturlandschaft verloren gegangen ist. Zynisch, wer hier vom lebendigen historischen Museum spricht.


    So dürfen heute Werkbund und Denkmalpflege hier eine enge Symbiose eingehen und für einen – sollte das Technische Rathaus tatsächlich abgebrochen werden – erneuten internationalen Wettbewerb eintreten, der diesem geschichtsträchtigen Areal ein unverwechselbares, vor allem aber neues Gesicht zu geben vermag. Es haben sich bereits – wie es für eine Stadt typisch ist – an diesem Ort, historische Schichten gebildet, die es zu erhalten gilt. Hierzu zählen sicher die Schirn sowie die verschiedenen unmittelbaren Nachkriegsbauten.
    Die bundesdeutsche Denkmalpflege hat sich jüngst mit der Dresdner Erklärung im Jahre 2005 noch einmal deutlich gegen Rekonstruktionen gewandt:
    „Die Zeugnisse der Vergangenheit sind einzigartig und unwiederholbar – als authentische Quellen besitzen sie einen unersetzlichen Wert. Konstruierte Geschichtsbilder, auch Rekonstruktionen von Baudenkmälern können erlittene Verluste originaler Bausubstanz nicht kompensieren, langfristig verändern sie aber das kulturelle Gedächtnis eines Landes.“ Diese Erklärung ist von immanenter Bedeutung, da sie Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen zu sichern sucht. Sie ist auch eine Versöhnung mit der Moderne.“
    _________________________________________________________________________


    Die Position der Denkmalpflege ist für mich in manchen Punkten nachvollziehbar. Die Äußerungen von Westrup – der ja für uns arbeitet – auch noch in schriftlicher Form, sind mehr als ärgerlich. Von uns möchte ja niemand die deutsche Geschichte verklären oder Ursache und Wirkung des 2. Weltkriegs vertauschen. Westrup hat schon öfters in diesem Diskussionsprozess solche dämlichen Äußerungen gebracht und es ist leider nicht möglich ihn in diesem Punkt umzustimmen bzw. ihn dazu zu bringen den Mund zu halten. Andererseits schießt auch Hansen weit über das Ziel hinaus, wenn sie fordert, dass ein erneuter Wettbewerb veranstaltet werden muss, weil ihr das Ergebnis des ersten nicht gefällt. Frei nach dem Motto: Wir veranstalten so lange Architektenwettbewerbe bis uns das Ergebnis passt! So geht’s ja auch nicht. Und für das Hauptproblem der Geschichte hat sie auch keine Lösung parat: Wenn man die Bürger fragt was in die Altstadt gebaut werden soll, dann heißt es, es soll was Historisches, Kleinteiliges und Traditionelles sein. Fragt man die Denkmalpfleger, dann heißt es, auf keinen Fall historisch und traditionell! Fragt man die Architekten und Stadtplaner dann heißt es: Historisch können wir nicht mehr, Rekonstruktionen wollen wir nicht, kleinteilig und traditionell wollen wir auch nicht. Dann fragt man wieder die Bürger und erhält das altbekannte Ergebnis: Historisch, kleinteilig und traditionell soll es sein! Ein unauflöslicher Konflikt, dessen Akteure sich ständig im Kreis bewegen.

  • Quote

    „Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, age ich Ihnen, was sage ich? Seelisch unmöglich!“, so formulierte das Otto Bartning angesichts der Trümmer 1946. Das war auch ein Schuldbekenntnis und vor allem brachte es die Hoffnung zum Ausdruck, durch neue Bauten auch ein neues Deutschland, frei von Ressentiments und Revanchismus zu bauen. (...) Viele Aufbauleistungen dieser Zeit sind inzwischen selbst zum Denkmal geworden und legen Zeugnis von der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ab.


    Es ist im Kern erstaunlicherweise immer noch das alte Lied: Die Deutschen sollen als Strafe fuer ihre Verbrechen auf Ewig mit schlechte Architektur bestraft werden und ihrer frueheren, qualitaetvollen Architektur amputiert bleiben.
    Und das soll auf Dauer keine Ressentiments ergeben ?
    Diese Frau ist wirklich in den 50ern steckengeblieben und in ihrem Denken schon eine Haesslinge.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Quote

    Die Äußerungen von Westrup – der ja für uns arbeitet – auch noch in schriftlicher Form, sind mehr als ärgerlich.


    Was soll daran denn bitte ärgerlich sein?
    Ich kann jedem der Sätze von Westrup nur vollständig zustimmen. Der Mann hat in jeder Hinsicht recht.

  • Quote

    „Es geht darum“, so schreibt Westrup weiter, „den Bürgern und Besuchern der Stadt Frankfurt ein Stück Geschichte und Erinnerung in situ wiederzugeben, das ohne ihre Schuld verloren ging und nun zurückgeholt werden kann (...).


    Problematisch würde ich es an diesen Worten allenfalls sehen, dass man in sie einen Freispruch von jeglicher historischer deutschen Schuld hineininterpretieren könnte. Will man Westrup gegenüber allerdings fair bleiben, muss man zugeben, dass er das so nicht gesagt hat. Gesagt hat er lediglich, dass die heutigen Besucher und Bürger Frankfurts keine Schuld daran haben, dass ihnen die Altstadt genommen wurde. Das ist zweifellos richtig, denn beispielsweise sind weder Jörg noch ich daran schuld, dass wir die Frankfurter Altstadt nicht mehr erleben können.

  • Diese Denkmalpflegerin Astrid Hansen ist eine Schuldideologin par excellance. Gut aber, daß sie so offen ihr Gesicht und das ihrer Institution zeigt.


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    Die Warnung stellte natürlich nicht den Erhalt historischer Altstädte grundsätzlich in Frage, sondern nur die Romantizismen im denkmalpflegerischen Umgang mit ihnen.


    Also: Gegen Romantik.
    Zudem: "stellte natürlich nicht den Erhalt historischer Altstädte grundsätzlich in Frage"... Aber im Einzelfall schon? Oder wie soll man das "grundsätzlich" verstehen?


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    Darüber hinaus galt es endlich der stetigen Abwertung der Moderne entgegen zu wirken


    Also: Für die Hochschätzung der Moderne. Bzw. gegen die Kritik am modernen Bauen.


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    Zeuge hiervon legt die Ostzeile des Frankfurter Römerberges ab, von der sich die Politik eine positive Resonanz seitens der Frankfurter Bevölkerung erwartete, die sich aber tatsächlich eher desinteressiert oder abweisend verhielt.


    Die Frau kann noch nie auf dem Römerberg gestanden haben. Es ist einer der - auch von Frankfurtern - belebtesten Plätze der Stadt. Und von Abweisung der Ostzeile habe ich, außer von Architektur-Ideologen, noch nie etwas aus der Bevölkerung vernommen - im Gegenteil.


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    Anders als dies in unmittelbarer Nachkriegszeit der Fall sein kann, hätten derart nachgereichte Rekonstruktionen wie die der Frankfurter Altstadt (in welchem Umfang auch immer) – wenngleich dies manche behaupten – heute keinerlei Identifikationswert mehr.


    Woher weiß sie das? Und wer bestimmt den "Identifikationswert"?


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    Aus dem kollektiven Gedächtnis sind sie unwiederbringlich gelöscht,


    Scheinbar wohl nicht, sonst gäbe es ja keine Rekonstruktionsbemühungen mit so viel Resonanz in der Bevölkerung.


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    Ein substanziell verlorenes Denkmal wird über das kulturelle Gedächtnis tradiert – allerdings auch die Tatsache, dass es zerstört ist.


    Der alte Substanzfetischismus.


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    dass auch die Rekonstruktion der vier oben genannten Bauten nicht wirklich überzeugen kann.


    Wen nicht überzeugen? Wohl vor allem Hansen und ihre Gesinnungsfreunde selber...


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    werden sie wie schon die Römerbergbebauung, ohne die Fähigkeit, Identität zu schaffen, isoliert einfach da stehen.


    Wenn es gut läuft nicht. Dann kommen nämlich noch 40 Häuser dazu, die die Isolation schon verhindern werden.



    Nun noch einfach zur Sprache einige Worte in Fett gedruckt. Die Position und Argumentation spricht für sich.


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    Eine ebenso erschrockene, allerdings bezeichnender Weise in den Entscheidungsprozess nicht eingebundene Denkmalpflege hat sich damals vehement gegen diese Form der unseriösen „Stadtreparatur“ gewandt.


    Quote

    Es ist vor allem ein gefährliches Geschäft mit Gefühlen das hier betrieben wird und das nicht nur einen Bruch mit der Moderne sucht, sondern die Manipulation unseres kulturellen Gedächtnisses zum Ziel hat.


    Quote

    Das erinnert in erschreckender Weise an Formulierungen der 1950er


    Quote

    die Ressentiments gegen die Moderne, im Sinne einer Verfallskunst und Ursache des deutschen Sittenverfalls und der durch sie ausgelösten Katastrophe weiter schürte.


    Und nun der alte Schuldkult der unmittelbaren Nachkriegszeit, wieder mal aufgebacken...


    Quote

    Auch damals, trösteten sich vor allem die konservativen und restaurativen Teile der Bundesrepublik damit, an der deutschen Katastrophe nicht schuldig zu sein. „Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, age ich Ihnen, was sage ich? Seelisch unmöglich!“, so formulierte das Otto Bartning angesichts der Trümmer 1946. Das war auch ein Schuldbekenntnis und vor allem brachte es die Hoffnung zum Ausdruck, durch neue Bauten auch ein neues Deutschland, frei von Ressentiments und Revanchismus zu bauen. (...) Viele Aufbauleistungen dieser Zeit sind inzwischen selbst zum Denkmal geworden und legen Zeugnis von der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ab.


    Weil die Vergangenheit voller "Schuld" war, muß heute alles "neu" sein. Es ist die Verpuppung der Raupe in den schönen Schmetterling der amerikanischen Moderne.


    Quote

    So dürfen heute Werkbund und Denkmalpflege hier eine enge Symbiose eingehen und für einen – sollte das Technische Rathaus tatsächlich abgebrochen werden – erneuten internationalen Wettbewerb eintreten, der diesem geschichtsträchtigen Areal ein unverwechselbares, vor allem aber neues Gesicht zu geben vermag.


    Hansen bringt es auf den Punkt:


    Quote

    Die bundesdeutsche Denkmalpflege hat sich jüngst mit der Dresdner Erklärung im Jahre 2005 noch einmal deutlich gegen Rekonstruktionen gewandt


    und


    Quote

    Sie ist auch eine Versöhnung mit der Moderne.“


    Hier bedient der eine das Geschäft des anderen. Und alle Mächtigen haben es sich dabei bequem gemacht.


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    Nun zu Jörg:

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    Die Position der Denkmalpflege ist für mich in manchen Punkten nachvollziehbar. Die Äußerungen von Westrup – der ja für uns arbeitet – auch noch in schriftlicher Form, sind mehr als ärgerlich. Von uns möchte ja niemand die deutsche Geschichte verklären oder Ursache und Wirkung des 2. Weltkriegs vertauschen.


    Wie bitte? Ich glaube, hier hat jemand überhaupt nichts begriffen. Die Position der Mächtigen ist eindeutig. Hier gibt es kein "irgendwie mitmachen". Und von dieser Warte aus verstehe ich auch Jörgs Kritik an Westrup überhaupt nicht. Hier nun ebenfalls mit dem in Schule und Medien angelernten Schuldkult und dessen unhinterfragten Phrasen zu kommen, ist mehr als naiv. Das ist fahrlässig unkritisch und unreflektiert. Sicher drückt sich Westrup bisweilen etwas einfach aus, aber er hat immerhin eines erkannt: Gegen diese Ideologen im BDA und der Denkmalpflege hilft keine Anbiederung und kein Florettgefecht mehr. Das ist ein klarer Kulturkampf, um den es hier geht. Und an dessen Ende muß stehen, daß diesen Leuten nicht mehr die alleinige Entscheidungshoheit über unsere Städte überlassen bleiben darf. Auch nicht für die 99 Prozent Fläche jenseits der Altstadt. Alles andere wäre bereits das Eingeständnis der eigenen Niederlage, während man noch mitten im Angriff steckt.

  • Quote

    „Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, age ich Ihnen, was sage ich? Seelisch unmöglich!“, so formulierte das Otto Bartning angesichts der Trümmer 1946.


    Dieser Schuss ging meiner Ansicht nach eindeutig nach hinten los: Auf der Grundlage dieser Argumentation polemisierte Bartning später nämlich noch gegen die Rekonstruktion des Goethehauses und forderte stattdessen die Herstellung schlichter und neutraler Räume auf den Fundamenten des zerstörten Gebäudes, in denen alle geretten Möbel, Bilder und Geräte präsentiert werden sollten. Wie der Streit um den Wiederaufbau des Goethehauses dann aber letztlich ausging, ist allgemein bekannt.


    Quote

    Das war auch ein Schuldbekenntnis und vor allem brachte es die Hoffnung zum Ausdruck, durch neue Bauten auch ein neues Deutschland, frei von Ressentiments und Revanchismus zu bauen


    Hier finde ich in der Tat befremdlich, weshalb ein originalgetreuer Wiederaufbau "revanchistisch" sein soll.


    Quote

    Zeuge hiervon legt die Ostzeile des Frankfurter Römerberges ab, von der sich die Politik eine positive Resonanz seitens der Frankfurter Bevölkerung erwartete, die sich aber tatsächlich eher desinteressiert oder abweisend verhielt.


    Hier ist Heimdall Recht zu geben. Mich würde brennend interessieren, welche Bürgerbefragung ein solches Ergebnis erbracht haben sollte - mir ist keine bekannt.

  • @ Heimdall


    Nein, das stimmt so nicht, da muss ich dir widersprechen. Wer Westrup kennt und ihn in diversen Veranstaltungen unsererseits bereits in dieser Richtung Argumente hat bringen hören, der weiß genau, dass das stimmt was ich geschrieben habe. Das sehen übrigens auch die meisten anderen zentralen Personen in diesem Projekt so. Natürlich ist es richtig, dass keiner von uns in diesem Forum schuld ist am 2. Weltkrieg und der Zerstörung der Frankfurter Altstadt. Es geht hier auch nicht darum, was wir unsererseits wohlwollend in Westrups Aussagen hineininterpretieren, sondern dass er permanent der Gegenseite die Möglichkeit gibt, seine schwammigen Äußerungen ebenfalls zu unserem Nachteil zu interpretieren. Und das ist eben der Punkt! Westrup hat - sogar SCHRIFTLICH - eine unnötig zweideutige Aussage gemacht, an einer Stelle an der es uns schadet, und Hansen hat das natürlich sofort ausgenutzt. Wir haben intern die Devise, dass der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt NICHT über die deutsche Geschichte gerechtfertigt wird, da hier von der Gegenseite IMMER absichtlich fehlinterpretiert werden kann. Das hat - wie gesagt - nichts damit zu tun, dass wir Westrup und seine Äußerungen grundsätzlich ablehnen. Aber wir hätten es beispielsweise bei den Grünen wesentlich leichter gehabt, wenn Westrup nicht bei mehreren Treffen mit denen die Geschichtskeule geschwungen hätte, weil die Grünen das natürlich dann auch sofort als Revision des 2. Weltkriegs verstanden haben. Wie gesagt, Heimdall, es liegt nicht an der Aussage selbst. Aber wenn du monatelang auf einen bestimmten Punkt hinarbeitest, alle Leute vorher darüber informierst, worüber gesprochen wird und worüber nicht, und dann hält sich einer nicht daran und sorgt dafür, dass das Treffen schief geht, dann siehst du das wahrscheinlich auch anders. Und es trifft uns ja dann alle, auch wenn nur einer aus der Reihe tanzt. Es gibt Leute, die warten nur darauf. Mal völlig davon abgesehen wie du persönlich dazu stehst, sind solche Äußerungen eben nicht sonderlich hilfreich. Und so ist das gemeint, was ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. So lange wir den Wiederaufbau finanziell, ideologisch (gegen die Moderne gerichtet) oder optisch rechtfertigen, sind wir nicht angreifbar durch die Gegenseite. Damit haben wir halt Erfolg, und wir müssen uns ja nicht unbedingt einen Klotz ans Bein binden, der nicht nötig ist.

  • Quote

    Wir haben intern die Devise, dass der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt NICHT über die deutsche Geschichte gerechtfertigt wird, da hier von der Gegenseite IMMER absichtlich fehlinterpretiert werden kann.


    Wir hatten hier im Forum schon mal eine Diskussion über "Bombenkrieg, Schuldkult, usw. und Rekonstruktionen", wo ich genau zu diesem Schluss kam. Der Vortrag von Astrid Hansen zeigt exemplarisch, was die Gegenseite da alles bereit hält. Und auch wenn dieser Mist durch Fehlschlüssen und Vorurteilen und Einseitigkeiten aneinanderheftet, es sind immer noch die Mächtigen, die die die Beschlüsse fassen, die so denken.


    Quote

    So lange wir den Wiederaufbau finanziell, ideologisch (gegen die Moderne gerichtet) oder optisch rechtfertigen, sind wir nicht angreifbar durch die Gegenseite.


    ideologisch bleibt man immer angreifbar, da muss man die Verlogenheit und Gewandtheit der Gegenseite nicht unterschätzen, die zudem die Wirtschaft und die "gebildete" Kultur sowie ein grossteil der Politik auf seine Seite hat.
    Optisch sind wir vor dem unbefangenen Auge wohl nicht angreifbar. Und was das wichtigste ist und immer besonders betont werden sollte: auch finanziell nicht! Denn die post-postmodernen energetischen neobauhaus-Glaskisten, so wie neuerdings wieder einer am Würzburger Marktplatz plaziert, sind keineswegs energetischer oder finanziell weniger aufwändig denn Rekonstruktionen früherer Bürgerhäuser.
    Sie verleihen einem bestimmten Publikum aber höheres Ansehen.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Als letztes möchte ich noch den Beitrag von Dieter Bartetzko einstellen, der deutlich gemäßigter ausfällt als die drei vorhergehenden von Bielicki, Dietrich und Hansen, auch wenn es am Anfang nicht so aussieht:


    Dr. Dieter Bartetzko: Aus Alt mach Neu: Plädoyer für eine wahrhaft alte Altstadt


    „Getreu Nestroys „Ich lass´ mir mein´ Aberglauben durch keine Aufklärung rauben“ fiebert die Mehrheit der Frankfurter Bürger der Auferstehung ihrer Altstadt entgegen. Egal, wie oft Historiker und Bauforscher darauf hinweisen, dass beispielsweise der samt umliegenden Gässchen zur Rekonstruktion vorgesehene Alte Markt keineswegs jener „Krönungsweg“ war, von dem die Stadtwerbung und neuerdings auch das Bauamt schwärmen, sondern buchstäblich ein – wenn auch bedeutender und lukrativer – Straßenmarkt, den bei Bedarf die frisch gekürten Kaiser benutzten, weil er nun einmal der kürzeste und breite Weg zwischen Dom und Römer darstellte, egal gleichfalls, wenn Sachverständige darauf hinweisen, dass der neue Alte Markt wegen der Decke einer Tiefgarage zirka zwei Meter über dem einstigen Bodenniveau schweben wird und ebenso egal, wenn Denkmalpfleger einwenden, dass Frankfurt an anderen Stellen der Stadt veritable historische Bauten besitzt, die sträflich vernachlässigt werden – so oft auch historische Tatbestände und widrige Umstände ins Feld geführt werden: die kollektive Illusion ist stärker. In ihr strahlt Alt-Frankfurt als ein makelloses, sowohl trauliches wie monumentales Idyll aus Gotik und Barock, in dem bauliche Kostbarkeiten eine Gasse säumen, wo die würdevollen Tritte von Monarchen und Rittern, Patriziern und Dichtern nachhallen.


    Dichter? Ja, selbstverständlich wird auch Goethe als Bürge der unverzichtbaren Rekonstruktion beschworen. Denn seine Tante Melber hatte am Hühnermarkt, dem östlichen Ende des Alten Marktes ein stattliches, 1944 verbranntes Kaufmannshaus besessen, in dessen wunderlichen Gewirr aus Gotik und Barock, Eleganz und Enge sich der Dichter als Knabe oft und gerne aufhielt. Dass eigentlich nur dieses Haus in voller Größe und Breite kopiert werden könnte, das zweite als Altstadtjuwel gefeierte Haus dagegen, die Goldene Waage, nur zu zwei Dritteln, weil ihr rückwärtiger Teil sonst die denkmalgeschützten römischen Ausgrabungen im sogenannten „Historischen Garten“ verdecken würde, und dass das dritte zum Nachbau bestimmte Wahrzeichen, das „Rote Haus“ sogar nur zu einem Drittel wiedererstehen könnte, weil sonst die Rotunde der Schirn in Mitleidenschaft gezogen würde – all dies wird ignoriert von einer Euphorie, wie sie seit 1945 kein Bauvorhaben zwischen Dom und Römer hervorrief.


    Deshalb ist auch Spott oder blinder Widerstand im Namen der Moderne fehl am Platze: Die zeitgenössische Architektur und ihre Schöpfer ernten, was sie in ihrer Ignoranz mit instinkt- und maßstabslosen Bauten (nicht nur) auf diesem Areal gesät haben. Ein Gang nämlich über das gegenwärtige Gelände führt einen durch eine wahre Mustersammlung so ambitionierter wie verfehlter Spätmoderne. Der Kernbau des Historischen Museums (Städtisches Hochbauamt, F.W. Jung 1972) an der Südseite des Römerbergs: ein grobes Kubengeschachtel in tristem rauhem Sichtbeton, ohne Bezüge zu den wenigen angrenzenden Denkmälern der Romanik und des Barock und ohne Gespür für das ursprüngliche filigrane Wegenetz, auf das nicht nur die historischen Bauten, sondern sogar noch die Fünfziger-Jahre-Häuser des frühen Wiederaufbaus reagierten. Die Kulturschirn (Bangert, Janssen, Scholz, Schultes 1986): ein selbstgefälliger Koloss der Postmoderne, kokettierend mit dem EUR-Gelände Roms und nichts ahnend vom anmutigen Geschachtel, das sich ehemals, die Dominanz des Doms respektierend, an dieser Stelle ausbreitete. Schließlich das nun zum Abbruch vorgesehene Technische Rathaus (Bartsch, Thürwächter, Weber 1970): Ein Zyklop des Betonbrutalismus, der seine in raffinierte Polygone gegossene Ehrfurcht vor Louis Kahn an plumpen Waschbeton verrät und der von altstädtischem Bautengewimmel so viel versteht wie ein Elefant von Chirurgie. Bei jedem dieser Gebäude hagelte es Widerspruch seitens der Bürger, in jedem der Fälle setzten sich die Bauherren und Architekten darüber hinweg. So entstand ein heilloses Flickwerk aus Solitären, denen nur eines gemeinsam ist: die demonstrative Ahnungslosigkeit und Verachtung gegenüber dem architektonischen Herkommen und dem einstigen, in geringen Resten noch durchschimmernden Gesicht Frankfurts.


    Wer angesichts solcher fataler Fehlschläge noch das Recht der Gegenwart auf eigenständigen architektonischen Ausdruck einfordert, der ist so verblendet wie jene Rekonstruktionswütigen, die im sklavischen Nachahmen des gewesenen das einzige Heil für Frankfurts Herz sehen. Die Rekonstruktionen werden, daran ist nicht mehr zu rütteln, kommen. Entscheidend ist somit, was auf den übrigen zur Neubebauung bestimmten Parzellen geschieht. Momentan setzen die zuständigen Behörden auf eine Gestaltungssatzung, die neuen Entwürfen in Stil und Material enge Grenzen setzt und darüber hinaus weitere Rekonstruktionen gestattet. Sollte nicht ein urplötzlicher allgemeiner Bewusstseinswandel eintreten – und warum sollte er ? – liegt auf der Hand, was auf diesen Grundstücken geschehen wird: romantisierende weitere Rekonstruktionen à la „Ostzeile Römerberg“, (die bekanntlich statt authentischer Verschieferung anempfundenes Schmuckfachwerk zeigt) werden wetteifern mit geschmäcklerischen Neubauten, die statt Varianten der Frankfurter Bautraditionen Fassaden bieten werden, die im besten Fall gewitzte Paraphrasen dessen liefern werden, was Architektur-Lexika zum Hausbau der Gotik und des Barock dokumentieren, im schlechtesten Fall einen plakativen Neohistorismus, den Monumentalfilme wie „Der Herr der Ringe“ oder „Krieg der Sterne“ populär gemacht haben.“


    (Im weiteren Verlauf seines Artikels beschreibt der Autor, welche bedeutenden Spolien noch von der Frankfurter Altstadt vorhanden sind, wo sich diese momentan befinden und dass man sie beim Wiederaufbau wieder einsetzen muss, um Authentizität zu schaffen)


    „Doch was sollen Fassadenteile, Eckfiguren und Kragsteine in Vitrinen? Sie wirken einzig dann, wenn sie ihrer wahren Bestimmung dienen: elementare Bestandteile von Gebäuden zu sein. Nur im Verbund von Tragen und Lasten, im Stimmungs- und Lichtwechsel der Jahreszeiten und der Witterung entfaltet Baukunst ihre eigentliche Wirkung.
    Wie bezwingend diese ist, beweist die Begeisterung, mit der die Frankfurter und die deutsche Öffentlichkeit auf das Rekonstruktionsvorhaben reagieren. Doch diese bedingungslose Begeisterung erinnert manchmal an jene Blindheit, mit der die Vorgängergeneration sich einer modernen Altstadt verschworen hatte. Wie unsere Großeltern verzückt auf die Visionen der Moderne starrten,, starren wir in Bildbände, deren Altstadtfotografien uns zeigen, welche entsetzlichen Verluste an Schönheit die Stadt Frankfurt hat hinnehmen müssen.


    Dieser radikale Entzug hat unseren Blick getrübt. So scheint es selbst Fachleuten nicht aufzufallen, dass beispielsweise mit dem „Hof zum Rebstock“, einem der zur Rekonstruktion bestimmten Wahrzeichen, nur ein erbarmenswertes Fragment rekonstruiert werden soll. Das eigentliche Haus Rebstock nämlich, ein mächtiger romanischer Kemenatenbau, wurde 1901 beim Durchbruch der erwähnten Braubachstraße abgerissen. Was blieb und nun kopiert werden soll, ist ein durchaus nobles Hinterhaus mit doppelten prächtigen hölzernen Laubengängen, die aber als Innenhoffront dem Privatgebrauch vorbehalten und nie zur Repräsentation gedacht waren.


    Natürlich klingen Überlegungen wie diese angesichts der horrenden Verluste an historischer Substanz kleinkrämerisch. Der künftige, neu-alte Rebstock wird seinen Zweck, Geborgenheit, Kontinuität und Tradition auszustrahlen, hervorragend erfüllen. Bleischwer wiegt dagegen die Aussicht, dass man für viele Millionen EUR spurlos verschwundene Bauwerke kopieren wird, während in den Magazinen wertvolle Originale vermodern.“


    (Es folgt noch einmal ein Plädoyer für den Einbau von Originalsubstanz in die neu zu bauenden Gebäude)


    Zwanzig neue Häuser sollen die Lücken zwischen den geplanten Rekonstruktionen füllen. Hier sind einfühlsame und schöpferische Architekten gefordert, die sich der eingelagerten Altfrankfurter Steine annehmen, sie wiederverwenden und ihre Entwürfe in deren Dienst stellen. So werden Bauten entstehen, die das Alte bewahren, ohne die Gegenwart und ihren architektonischen Ausdruck an Pseudohistorie zu verraten. Frankfurts Altstadt ist nicht verschwunden, sie wartet in Kellern und Lagerstätten auf ihre Wiederkehr.“


    Ich denke, auch wenn Bartetzko nicht in allem Recht hat (z.B. wird der Markt nicht zwei Meter über dem historischen Bodenniveau schweben, da das oberste Geschoss der Tiefgarage abgebrochen werden soll), so ist in seinem Text grundsätzlich erst mal viel Wahrheit. Er grenzt sich auch deutlich von den Positionen von Hansen ab, die ja behauptet, dass Rekonstruktionen niemals die Aufgabe erfüllen können, für die sie gebaut werden (siehe Bartetzkos Aussagen über den Rebstock). Und – sehr wichtig – als einer der ganz wenigen Autoren setzt er sich intensiv mit dem Wunsch der Bürger auseinander und hat erkannt, dass das rücksichtslose Vorgehen von Architekten und Städteplanern in der Vergangenheit die flächenhafte Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt erst ermöglicht hat. Auch wenn aus seinem Beitrag des öfteren hervorgeht, dass er mit unserem Vorgehen der Rekonstruktion nicht übereinstimmt, finde ich doch, dass er einen ausgewogenen Text (ausgewogen in dem Sinn, dass er auf beide Seiten gleichermaßen „draufhaut“) vorgelegt hat, der wohl Seltenheitswert hat. Von daher: :daumenoben::applaus:


    P.S.: Kommt zum Altstadtforum morgen Abend um 19.00 Uhr im Leinwandhaus!

  • Der Beitrag von Bartezko ist meines Wissens schon vor einigen Wochen zumindest größtenteils in der Zeitung abgedruckt worden, oder irre ich mich da? Ich kann dir aber nur zustimmen, auch wenn seine Auffassung nicht der der meisten hier im Forum entsprechen dürfte, so vertritt er seine Meinung doch als einer von ganz wenigen objektiv und ohne zurechtgebogenes Weltbild à la etwa Herr von Mende, der immer viel Zynismus für alles und jeden übrig hat, selber aber praktisch null Vorschläge bringt, wie die Dinge denn besser zu machen wären. Geschweige, dass er zur Selbstreflektion über etwaige Fehler der Vergangenheit in der Lage wäre.


    Ansonsten freue ich mich natürlich schon auf morgen abend und natürlich möglichst viele APH'ler... :)