Der Oblast Kaliningrad und das alte Königsberg

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    • Rastrelli wrote:

      Es ist zwar off-topic. Aber ich will mich noch einmal kurz zu diesem Nonsens äußern. [...]

      Der Spiegel-Artikel ist offensichtlich das Fantasieprodukt eines deutschen Autors.

      Du unterstellst dem Autoren vom ehemals renomierten Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, dass er nur vorgab ein vertrauliches Dokument der deutschen Botschaft in Moskau zu besitzen, sozusagen die Leserschaft bewusst und vorsätzlich täuschte?

      Zudem hätte der interne Kontrollmechanismus der SPIEGEL-Redaktion, Quellenangabgen auf Herz und Nieren zu überprüfen hier ebenfalls komplett versagt und dies bei einem solch sensiblen und aussenpolitisch heiklen Thema.

      Starker Tobak! Man könnte beinahe versucht zu sein von "Lügenpresse" zu sprechen, falls es denn so sein sollte ...

      Rastrelli wrote:

      Als Basis der Baltischen Flotte war und ist das Kaliningrader Gebiet für Russland von größter militärischer Bedeutung. Das Gebiet hat zudem faktisch das Weltmonopol für Bernstein. Genannt sei hier noch die touristisch wertvolle Küste mit den Kurorten Swetlogorsk und Selenogradsk.
      Dieser Einwand ist wenig überzeugend, wenn wir uns das Beispiel der Ostukraine inkl. der Halbinsel Krim vor Augen führen:

      Als Basis der Schwarzmeerflotte war und ist die Krim für Russland von größter militärischer Bedeutung ... Genannt sei hier noch die ausserordentliche touristische Bedeutung dieser mediterran anmutenden Halbinsel im Schwarzen Meer mit den Kur- und Urlaubsorten Aluschta, Feodosia, Jalta.

      Jalta und insbesondere Sewastopol besitzen zudem für Russen auch ein nicht zu unterschätzendes historisch-mythisches Gewicht. Im Falle Sewastopols sei hier an Tolstois "Sewastopoler Erzählungen" aus der Zeit des Krimkrieges (1854) erinnert oder auch an die "Schlacht um Sewastopol" im Zweiten Weltkrieg.

      Gleichwohl wurde die Ukraine 1991 samt den mehrheitlich von ethnischen Russen bewohnten Territorien der Ostukraine, sowie der Krim in die Unabhängigkeit entlassen.

      Ich behaupte mal frech, dass 1991 die Krim (samt den ostukrainischen Gebieten) in allen Belangen - militärisch, touristisch, kulturell - eine weitaus grössere Bedeutung im Bewusstsein der Russen spielte als der Kaliningrader Oblast.

      Rastrelli wrote:

      Das soll es aber dazu von mir gewesen sein.

      Wohl nicht ganz, hast du doch bereits tags darauf einen weiteren Kommentar zu diesem Sachverhalt in diesem Strang veröffentlicht.


      ---
      P.S.: die alten deutschen Namen von "Swetlogorsk und Selenogradsk" lauten "Rauschen und Cranz".
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)
    • Valjean wrote:

      Rastrelli wrote:

      Es ist zwar off-topic. Aber ich will mich noch einmal kurz zu diesem Nonsens äußern. [...]

      Der Spiegel-Artikel ist offensichtlich das Fantasieprodukt eines deutschen Autors.
      Du unterstellst dem Autoren vom ehemals renomierten Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL, dass er nur vorgab ein vertrauliches Dokument der deutschen Botschaft in Moskau zu besitzen, sozusagen die Leserschaft bewusst und vorsätzlich täuschte?

      Zudem hätte der interne Kontrollmechanismus der SPIEGEL-Redaktion, Quellenangabgen auf Herz und Nieren zu überprüfen hier ebenfalls komplett versagt und dies bei einem solch sensiblen und aussenpolitisch heiklen Thema.

      Starker Tobak! Man könnte beinahe versucht zu sein von "Lügenpresse" zu sprechen, falls es denn so sein sollte ...
      Hm, da war doch was in der Richtung.

      m.spiegel.de/kultur/gesellscha…kommission-a-1269110.html
    • Der Sieger schreibt die Geschichte. Aufgrund des durch nur eine sehr aggressiv handelnde Nation zu verantwortenden mörderischen Krieg, auch wenn manche Nationen sich anfangs an den Raubzügen beteiligten, wie die Sowjetunion die sich an Ostpolen bereicherte, gab es zum "Endsieg" eben nur wenig Mitleid mit dem deutschen Volk und seiner weiteren Geschichte. Dass letztendlich binnen zwei Generationen eine extrem aufgeklärte aber auch lange geteilte Nation entstand konnte man 1945 noch nicht erahnen. So wurde den Fragmenten des Deutschen Reiches anfangs und für längere Zeit weder die Einigkeit noch die Emanzipation zu den Siegern zugestanden. Da hatte es das postnapoleonische Frankreich deutlich besser. Aber Napoleon hat "nur" einen harten Krieg geführt. Ethnische und rassische Säuberungen fanden in der Regel nicht statt. So hatte Frankreich deutliche Restsympathien, die es auch sehr geschickt auf dem Wiener Kongress nutzte. Für die Fragmente Nazi-Deutschlands gab es das bis auf das Territorium Österreichs nicht. So müssen die Nachgeborenen mit diesen Gegebenheiten lernen zu leben.
      PS: Die alten deutschen Ortsbezeichnungen dürfen in Polen kraft Gesetz in deutschsprachigen Publikationen und im öffentlichen Leben und nicht nur im historischen Kontext benutzt werden. Im russischen Kaliningrad und Rayon wird es zumindest geduldet.
      In Tilsit/Sowjetsk gibt es sogar eine sehr ernst zu nehmende Stimmung zur Rückbesinnung und Rückbenennung auf den historischen Namen.
      Die europäischen Sanktionen gegenüber Russland sind zurzeit aber nicht beflügelnd für derartige Vorhaben.
      Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.
    • Rastrelli wrote:

      Auf welcher Rechtsgrundlage sollte ein Präsident Territorium seines Staates verkaufen können? Sowas geht nicht.

      UrPotsdamer hat hier einen entscheidenden Aspekt herausgestellt:

      UrPotsdamer wrote:

      soweit ich weiß, war der völkerrechtliche Status der ehemaligen deutschen Ostgebiete bis 1990 nicht geklärt. Nordostpreußen galt als "unter sowjetischer Verwaltung stehend" , Südostpreußen, Pommern und Schlesien als "unter polnischer Verwaltung stehend".


      Verkauft hätte Gorbatschow also kein sowjetisches Territorium, sondern bloß den Anspruch, dieses Territorium zu verwalten.

      Den Wahrheitsgehalt des verlinkten SPIEGEL-Artikels kann ich nicht verifizieren. Allein mW wurde er noch nicht als Fälschung ausgemacht (Im Gegensatz zur Armada von Relotius-Artikeln, die wiederum einen ganz bestimmten Zeitgeist bedienten)

      Daher noch einmal: angesichts des bankrotten wirtschaftlichen Zustandes der Sowjetunion in der Zeit 1989-1991 ist es mE durchaus vorstellbar, dass Gorbatschow und hochrangige Leute aus seiner Entourage diesen Vorschlag als Verhandlungsmasse einbrachten.

      Vor dem Hintergrund des staatlichen Zerfalls der UdSSR, nach welchem sich abermillionen ethnischer Russen quasi übernacht in mehreren fremden Staaten wiederfanden, wäre das Abtreten des bis dato sowjetisch verwalteten Oblast Kaliningrad, gegen eine signifikative Ausgleichszahlung, mE als relativ vernachlässigbar einzuordnen.

      Heute ist die geopolitische Situation (und zudem die wirtschaftliche Russlands) natürlich eine gänzlich andere.
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)
    • Valjean wrote:

      Zudem hätte der interne Kontrollmechanismus der SPIEGEL-Redaktion, Quellenangabgen auf Herz und Nieren zu überprüfen hier ebenfalls komplett versagt und dies bei einem solch sensiblen und aussenpolitisch heiklen Thema.
      Ich habe während meines Studiums mal sporadisch alte Spiegel-Ausgaben als Quellen für Seminararbeiten und Diplomarbeit zur französischen Geschichte und Politik herangezogen - und zwar wirklich alte Ausgaben aus den 60er Jahren. Das habe ich aber bald wieder gelassen, denn da waren jede Menge objektive Fehler enthalten, außerdem die Spiegel-typischen Zuspitzungen und Übertreibungen mit starkem Hang zur faktischen Unwahrheit.
      Là où les idées manquent, un mot arrive toujours à temps.
      Johann Wolfgang von Goethe (Les maximes et réflexions)
    • Das ist mit Sicherheit alles sehr interessant, ich würde trotzdem darum bitten, es dabei zu belassen.
      Schon der vermeintlich vorgeschlagene Verkauf der Oblast Kaliningrad hat reichlich wenig mit Architektur zu tun und wenn die Diskussion bei der Qualität gewisser Printmedien
      angekommen ist, ist es Zeit die Diskussion zu beenden und wieder zu architektonischen Themen zurückzukommen.
    • Danke, @Centralbahnhof! Mein nächster Beitrag hier wird sich um den Königsberger Dom drehen. Jetzt möchte ich nur noch Folgendes kurz anmerken:

      1. Was Valjean meint, was für die Russen wichtig oder zumutbar ist, zeugt von seiner Unkenntnis der Materie und ist ohnehin irrelevant. Wir reden hier nicht über eine Bananenrepublik, sondern über eine Großmacht.

      2. Eine schwache Zentralgewalt in einem zerfallenden Großreich hat nicht die Möglichkeit, Territorium an eine ausländische Macht wegzugeben. Kaliningrad gehörte zur RSFSR. Da hatte Jelzin das Sagen und nicht Gorbatschow.

      3. Niemand hat die Ukraine in die Unabhängigkeit entlassen. Es war vielmehr so: Die Präsidenten der drei ostslawischen Republiken Belarus, Ukraine und RSFSR trafen sich am 8. Dezember 1991 und konstatierten, dass die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken als Subjekt des internationalen Rechts zu bestehen aufgehört habe. Bereits im August 1991 hatte Jelzin jedwede Tätigkeit der KPdSU auf dem Territorium der RSFSR verboten. Gorbatschow wurde buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Republiken haben die Sowjetunion ganz einfach aufgelöst (ohne Gorbi zu fragen). Die Russische Föderation ist staatsrechtlich gesehen der Rechtsnachfolger der Sowjetunion, aber nicht mit dieser identisch.

      4. Lieber @UrPotsdamer, der Staatsname ist im Deutschen "Russische Föderation", nicht "russländische". Der offizielle Name eines ausländischen Staates im Deutschen wird vom Auswärtigen Amt festgelegt, und das sagt: "Russische Föderation". Dies geschieht in Absprache mit dem betreffenden Staat. Das russische Außenministerium verwendet im Deutschen ebenfalls den Namen "Russische Föderation". Damit du es mir glaubst, hier das offizielle Schild an der Botschaft in Berlin:

      Berlin, Unter den Linden 63, Schild "Botschaft der Russischen Föderation" (Foto: Sven Wolter, Oktober 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Der offizielle deutsche Name von "Weißrussland" ist übrigens "Belarus", weil "Weißrussland" keine gute Übersetzung des Landesnamens ist.

      So. Nachdem nun im Herbst 1990 sowohl die deutsche Frage als auch der völkerrechtliche Status des Kaliningrader Gebiets abschließend geklärt war, eröffneten sich Möglichkeiten für eine deutsch-russische Kooperation zur Bewahrung des kulturellen Erbes von Königsberg. Bedeutendstes Ergebnis der Zusammenarbeit war der Wiederaufbau des Königsberger Domes. Mehr dazu im folgenden Beitrag.

      The post was edited 1 time, last by Rastrelli ().

    • Der Königsberger Dom dient heute vor allem als Konzertsaal und Museum. Es gibt zudem eine evangelische Kapelle und eine orthodoxe Kapelle. Im Dommuseum finden wir das folgende Modell des Königsberger Stadtzentrums vor der Zerstörung. Es wurde auf Bitten aus Kaliningrad von Experten in Duisburg gefertigt und 1994 der Stadt Kaliningrad geschenkt.

      Kaliningrad (Königsberg), Dommuseum, Modell des Königsberger Stadtzentrums vor der Zerstörung, vorn das Schloss, hinten der Stadtteil Kneiphof mit dem Dom (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Von all den Gebäuden, die auf dem Foto zu sehen sind, blieben nur zwei stehen. Das erste ist der Königsberger Dom. Die Ruinen der Innenstadt wurden in den ersten Nachkriegsjahren zur Gewinnung von Baumaterial ausgeschlachtet. Nur die Domruine ließ man mit Rücksicht auf das Grab von Immanuel Kant unangetastet. Der Dom befindet sich daher heute in einer Parklandschaft, die offiziell "Kantinsel" genannt wird.

      Der östliche Teil der Kantinsel (Kneiphof) mit dem Dom (Foto: A. Savin, Mai 2017, FAL)

      Das zweite Gebäude, das auf dem Foto vom Stadtmodell zu sehen ist und heute noch existiert, finden wir auf dem folgenden Bild.

      Blick vom Leuchtturm des Fischerdorfs auf den Pregel nach Westen, links vor der Brücke die Königsberger Börse, heute ein Museum, rechts der Park auf der Kantinsel (Foto: Ttracy, Juli 2007, CC-BY-SA-4.0)

      Mit der Börse können wir uns in einem späteren Beitrag näher beschäftigen. Nun wieder eine Aufnahme vom Dom, um den es einsam geworden ist. Die quirlige Königsberger Innenstadt ist verschwunden. Viel Grün und banale Wohnbebauung beherrschen die Szenerie. Nördlich vom Dom, wo einst das Schloss stand, sehen wir das klobige Haus der Sowjets, südöstlich vom Dom die einigermaßen pittoresken Neubauten von Fischerdorf. Von dem Leuchtturm dort wurde das vorige Bild aufgenommen.

      Luftaufnahme vom Königsberger Dom und seiner weiteren Umgebung (Foto: A. Savin, Mai 2017, FAL)

      Im Jahre 1960 wurde die Domruine unter russischen Denkmalschutz gestellt, was zunächst nur bedeutete, dass sie nicht abgeräumt wurde.

      Der Dom von Südosten im Juli 1982 (Foto: Huhu Uet, CC-BY-SA-3.0)

      Der Dom von Südosten im Sommer 1988 (Foto: Yuri Syuganov, CC-BY-2.0)

      Die Vorbereitungen für den Wiederaufbau begannen 1992. Der Dachstuhl wurde 1997 errichtet, die Arbeiten am Außenbau 1998 beendet. Im Innern wurde auch später noch gearbeitet. Finanziert wurde der Wiederaufbau zum großen Teil aus deutschen Spendenmitteln. Die Rekonstruktion ist nicht in allen Details originalgetreu. So wurde das Dach mit Kupfer gedeckt, weil das leichter ist als eine Eindeckung mit Ziegeln.

      Der Dom von Südosten im März 2013 (Foto: Виктор Зандер, CC-BY-SA-4.0)

      Der Dom ist heute als Kulturdenkmal von föderaler Bedeutung eingestuft. Im hierarchisch gegliederten russischen Denkmalschutz ist das die höchste reguläre Kategorie und besagt, dass dies ein besonders wichtiges Baudenkmal mit Bedeutung für den russischen Gesamtstaat (und nicht nur für die Region um Königsberg) ist.

      Auf dem Foto von 1988 sehen wir einen Gedenkstein südöstlich vor dem Dom. Er erinnert an den Theologen Julius Rupp. Das Bronzerelief auf dem Findling ist ursprünglich eine Arbeit seiner Enkelin Käthe Kollwitz aus dem Jahre 1909. Es war nach dem Krieg verschollen, wurde von dem Berliner Bildhauer Harald Haacke nachgeschaffen und 1991 wieder angebracht. Der Stein selbst war aber offenbar an seinem ursprünglichen Ort erhalten geblieben. Auf dem Foto von 1988 können wir bei maximaler Vergrößerung auch ein Portraitrelief erkennen.

      Kantinsel, der Gedenkstein für Julius Rupp nahe dem Dom (Foto: Kemal KOZBAEV, November 2015, CC-BY-SA-4.0)

      Auf der liegenden Gedenktafel finden wir eine Erläuterung in russischer Sprache. Neben der Übersetzung der deutschen Inschrift auf dem Findling bietet sie den erläuternden Zusatz: "Fortschrittliche deutsche Persönlichkeit des gesellschaftlichen Lebens". Die original erhaltene deutsche Inschrift ist schlecht zu lesen. Sie lautet:

      "Julius Rupp
      1809-1884

      Wer nach der Wahrheit,
      die er bekennt, nicht lebt, ist
      der gefährlichste Feind
      der Wahrheit selbst."

      Die Gestaltung der russischen Gedenktafel gefällt mir gut. Es ist eine schöne Form, den alten deutschen Gedenkstein unverändert beizubehalten und dieses Erbe den heutigen russischen Bewohnern nahezubringen. Das Zitat von Julius Rupp auf dem Stein ist nicht nur in deutscher Sprache sehr schön, sondern klingt auch auf Russisch gut.


      Die russische Gedenktafel neben dem Gedenkstein für Julius Rupp (Foto: Bogdanov-62, September 2016, CC-BY-SA-4.0)

      Neben dem Zitat von Julius Rupp bietet das Grabmal des Philosophen Immanuel Kant an der Nordostecke des Doms einen schönen Anknüpfungspunkt zwischen der deutschen und der russischen Kultur. Seine Gestaltung stammt aus dem Jahr 1924.


      Das Grabmal Immanuel Kants an der nordöstlichen Außenseite des Doms
      (Foto: Kemal KOZBAEV, November 2015, CC-BY-SA-4.0)

      The post was edited 3 times, last by Rastrelli ().

    • Rastrelli wrote:

      4. Lieber @UrPotsdamer, der Staatsname ist im Deutschen "Russische Föderation", nicht "russländische".
      Lieber @Rastrelli, Du zeigst eine sympathische Neigung zur Rechthaberei. Sympathisch deshalb, weil ich sie auch habe. Nun denn: habe ich mit einem Wort gesagt, dass ich den offiziellen Staatsnamen benutzen möchte? " Russländische Föderation" ist die korrektere Übersetzung von "Rossijskaja Federatia", denn "Rossijskaja" ist eine Ableitung von "Rossija" - Russland. "Rus' " wäre die Rus, die Gesamtheit der ostslawischen Völker, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr als Einheit besteht. Daher auch "Bela Rus' ", 'Weiße Rus' " ...
      Außerdem ist "Russland" eine Föderation, zu der viele Völker, nicht allein das russische, gehören. Beide Aspekte, also dass Russland einerseits mehr als die Russen, andererseits weniger als die alte Rus' ist, wird durch "russländisch" besser ausgedrückt als durch "russisch".
      Der offizielle Staatsname Deutschlands ist übrigens "Bundesrepublik Deutschland", der Österreichs "Republik Österreich" und der der Schweiz "Confoederatio Helvetica". Da ich weder Politiker noch Diplomat bin, fühle ich mich nicht verpflichtet, diese offiziellen Namen im Alltag zu verwenden...
    • Rastrelli wrote:

      Jetzt möchte ich nur noch Folgendes kurz anmerken:

      1. Was Valjean meint, was für die Russen wichtig oder zumutbar ist, zeugt von seiner Unkenntnis der Materie und ist ohnehin irrelevant. Wir reden hier nicht über eine Bananenrepublik, sondern über eine Großmacht.
      Du hast wohl tatsächlich einen starken Hang zur Pedanterie, sowie zu einer unsachlichen Diskussionsführung, da du auf die persönliche Ebene herab gleitest. Nun gut, jeder nach seiner façon aber warm werden wir beide wohl nicht.

      Folgende abschliessende Anmerkung noch bez. der von dir in den Raum gestellten Unkenntnis meinerseits in Sachen russischer Befindlichkeiten:

      Meine Frau verfügt über einen Magister-Abschluss in Ostslawistik, spricht fließend russisch und verbrachte ein Jahr auf der Krim, als es noch zur Ukraine gehörte. Über sie habe ich viele Kontakte in die russischsprachige Welt.

      Habe die Ehre
      "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)
    • UrPotsdamer wrote:

      Lieber @Rastrelli, Du zeigst eine sympathische Neigung zur Rechthaberei. Sympathisch deshalb, weil ich sie auch habe. Nun denn: habe ich mit einem Wort gesagt, dass ich den offiziellen Staatsnamen benutzen möchte? " Russländische Föderation" ist die korrektere Übersetzung von "Rossijskaja Federatia", denn "Rossijskaja" ist eine Ableitung von "Rossija" - Russland. "Rus' " wäre die Rus, die Gesamtheit der ostslawischen Völker, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr als Einheit besteht. Daher auch "Bela Rus' ", 'Weiße Rus' " ...Außerdem ist "Russland" eine Föderation, zu der viele Völker, nicht allein das russische, gehören. Beide Aspekte, also dass Russland einerseits mehr als die Russen, andererseits weniger als die alte Rus' ist, wird durch "russländisch" besser ausgedrückt als durch "russisch".
      Der offizielle Staatsname Deutschlands ist übrigens "Bundesrepublik Deutschland", der Österreichs "Republik Österreich" und der der Schweiz "Confoederatio Helvetica". Da ich weder Politiker noch Diplomat bin, fühle ich mich nicht verpflichtet, diese offiziellen Namen im Alltag zu verwenden...
      Lieber UrPotsdamer, ich habe ja sowas schon geahnt. Ich hätte dir auch eine ellenlange wissenschaftliche Abhandlung zur russisch-deutschen Übersetzungsproblematik im konkreten Fall schreiben können. Aber erstens gehört das nicht hier ins Forum, und zweitens möchte ich gelegentlich auch Beiträge zu Fragen von Architektur und Städtebau verfassen. Das kostet nämlich auch Zeit. (An die anderen: Mein nächster Beitrag hier setzt dann das Thema "Königsberger Dom" fort.)

      Deshalb versuche ich es kurz zu machen:

      1. Deine Transkription oder Transliteration von Федерация enthält zwei Fehler. Richtig ist: "Federazija" (transkribiert) bzw. "Federacija" (transliteriert).

      2. Zu "korrekt" gibt es keinen Komparativ, weil Ja-oder-nein-Entscheidung.

      3. Wer behauptet, Русь sei eine Bezeichnung für die Gesamtheit der ostslawischen Völker (gewesen), katapultiert sich in einer Diskussion unter wirklichen Fachleuten sofort ins Aus. Wir können das Thema Staatenbildung, Ethnogenese und Onomastik im osteuropäischen Raum hier aber nicht vertiefen.

      4. Deine Schreibung "Bela Rus'" ist falsch. Richtig wäre: Белая Русь (russisch und weißrussisch) bzw. Біла Русь (ukrainisch). Die Zusammenschreibung Беларусь ist wiederum ein moderner Landesname und hat nicht die gleiche Bedeutung.

      5. Was bedeutet "Russland" nach seinen Wortbestandteilen anderes als "Land der Russen" oder "russisches Land"? In Deutschland gibt es auch nicht nur ethnische Deutsche, trotzdem führen wir kein Adjektiv "deutschländisch" ein, obwohl es im Russischen das Adjektiv dazu gibt: германский.

      6. Erst hältst du das Völkerrecht so hoch und dann pfeifst du auf den im diplomatischen Verkehr üblichen Staatsnamen. Das passt nicht zusammen. Die Außenministerien haben hochkompetente Sprachendienste, die kennen die Problematik besser als du.

      7. Deutschland, Österreich, Schweiz, Russland sind bei der UNO, internationalen Organisationen und Regierungen offiziell registrierte Kurzformen des jeweiligen Staatsnamens, die als inhaltlich mit diesem identisch definiert werden.

      8. Der amtliche Name der Schweiz ist (in den drei Hauptsprachen des Landes): "Schweizerische Eidgenossenschaft", "Confédération suisse", "Confederazione Svizzera".

      Bei alledem freue ich mich aber, dass wir uns sympathisch sind. Viele deiner kritischen Wortmeldungen schätze ich sehr. Es wäre nur hilfreich zu erkennen, auf welchem Gebiet man kompetent ist und auf welchem eher nicht. Ich kenne mich mit vielen Themen auch nicht aus und halte mich da dann zurück.
      (Ich hoffe, dass die Moderation das so stehen lässt. Einerseits stören Off-topic-Diskussionen, andererseits will man bestimmte Äußerungen aber auch nicht unwidersprochen stehen lassen. Mein nächster Beitrag ist aber wirklich zum Königsberger Dom.)

      The post was edited 3 times, last by Rastrelli ().

    • Liebe Architekturfreunde, bitte entschuldigt die Abschweifung! Es geht nun weiter mit dem Königsberger Dom.

      Beeindruckend ist das Westwerk.

      Kaliningrad (Königsberg), der Dom von Westen im Februar 1993 (Foto: Hajotthu, CC-BY-SA-3.0)


      Der Dom von Westen im Mai 2017 (Foto: A. Savin, FAL)

      Ein Detail des Westportals: "Jesus spricht: Ich bin die Tür; so Jemand durch mich eingehet, der wird selig werden."
      (Joh. 10, 9)

      Das Westportal (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Ein Blick entlang der mittleren Achse des Westwerks (oberhalb des Portals) nach oben:


      Detail des Westwerks (Foto: Елена Николаевна Р, August 2015, CC-BY-SA-4.0)

      Das Ganze im größeren Zusammenhang:


      Das Westwerk (Foto: Masha Linnik, Juli 2014, CC-BY-SA-4.0)

      Schöne Details bietet auch die Nordseite:


      An der Nordseite des Domes (Foto: Елена Николаевна Р, August 2015, CC-BY-SA-4.0)


      An der Nordseite des Domes (Foto: Nadia Levunina, August 2017, CC-BY-SA-4.0)


      Portal an der Nordseite (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Neben dem Portal finden wir dieses alte Relief, leider kaum lesbar:

      Inschrift neben dem Nordseitenportal (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Und hier ein Zeugnis für die russische Aneignung des Domes. Die Plakette an einer Außenwand zeigt das Profilbild Peters I. Die russische Umschrift lautet: "Der Imperator Peter der Große war hier. 1697. 1711. 1712. 1713. 1716. 1717." Wann das Relief entworfen wurde, kann ich nicht sagen. Der russische Text ist aber in alter Orthografie. Das deutet auf eine Entstehung vor dem Ersten Weltkrieg. Als Stilmittel in einer modernen Gestaltung ist die Verwendung der alten Rechtschreibung in Russland eigentlich nicht üblich.

      Bronzerelief zur Erinnerung an die Besuche Peters des Großen in Königsberg (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)
    • Rastrelli wrote:

      Die Plakette an einer Außenwand zeigt das Profilbild Peters I. Die russische Umschrift lautet: "Der Imperator Peter der Große war hier. 1697. 1711. 1712. 1713. 1716. 1717." Wann das Relief entworfen wurde, kann ich nicht sagen.
      Vielleicht hat man eine alte Plakette reproduziert, jedenfalls wurde die jetzige Plakette erst 2003 angebracht (falls ich nicht über die Sprachbarriere gestolpert bin):

      renatar.livejournal.com/590528.html (Unter Nr. 17/18)
    • Vielen Dank, @Tübinger! Eine interessante russischsprachige Internetseite! Die Autorin folgt den Spuren Peters des Großen im Königsberger Raum. Aus dem dort vermittelten Zusammenhang können wir nun mit Sicherheit schließen, dass es in deutscher Zeit kein solches Relief gegeben hat. Die Anbringung des Petersreliefs im Jahre 2003 stand im Kontext des 300-jährigen Jubiläums der Baltischen Flotte, das groß gefeiert wurde. Auch an einigen anderen Reisestationen Peters I. im Königsberger Raum wurden solche Reliefs mit den jeweils passenden Jahresangaben angebracht.

      Das oben gezeigte Petersrelief befindet sich an der Westseite des Domes. Auf dem folgenden Foto ist es am unteren Bildrand links zu sehen, umgeben von der Berankung.


      Kaliningrad (Königsberg), die Westseite des Domes (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Die folgende Aufnahme entstand sieben Jahre später. Der Efeu wurde beseitigt. Das Petersrelief ist links, oberhalb der linken Frau zu erkennen. (Über den Bildlink könnt ihr das Foto auch vergrößern.)


      Der Dom von Westen (Foto: Julian Nyča, August 2016, CC-BY-SA-3.0)

      Wir sehen: Die Tür steht offen. Treten wir also ein.

      Im Dom, Blick nach Osten, Sommer 1988 (Foto: Yuri Syuganov, CC-BY-2.0)

      Man muss sich den Zerstörungsgrad vergegenwärtigen, um zu ermessen, was hier geleistet wurde.

      Im Dom, Blick nach Westen, Juli 2019 (Foto: Sebastian Sigler, CC-BY-SA-3.0)

      Auf dem Foto, das im Rahmen eines Konzerts entstand, sehen wir zwei bedeutende Teile der heutigen Ausstattung: die Hauptorgel und rechts die Taufkapelle.

      Die Taufkapelle (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Die Rekonstruktion der Taufkapelle, ursprünglich ein Werk des späten 16. Jahrhunderts, wurde 2008 abgeschlossen.

      Die Taufkapelle (Foto: Nikater, Juni 2010, CC-BY-SA-3.0)

      Neben dem hier zu sehenden wurden weitere Farbfenster rekonstruiert. Das ursprüngliche Fenster wurde zwischen 1901 und 1906 von Otto Linnemann geschaffen. Die Textstelle des deutschen Bibelverses oberhalb der Säulen ist Markus 10, 14. Das an "GOTES" anschließende "MAR" verweist auf den Evangelisten. Die nachfolgenden zwei Buchstaben "JO" sind jedoch offensichtlich ein Lesefehler. Hier müsste eine "10" stehen. Mit den Druckschriften der Entstehungszeit der Taufkapelle tun sich ja viele Menschen heute schwer. Verständnis für den Inhalt, der zu rekonstruieren war, hätte jedoch auf die 10 als Kapitelangabe führen müssen. Der Evangelist Markus sitzt ganz links auf dem Architrav. Bei ihm sein Attribut, der Löwe. Der sitzende Mann ganz rechts dürfte auch ein Evangelist sein. Infrage kämen Matthäus oder Lukas, nicht jedoch Johannes, an den man vielleicht bei "JO" denken könnte. Da er einen Bart trägt, ist es auch eindeutig nicht Johannes.

      Die Tür zur Taufkapelle (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)


      Türgitter der Taufkapelle (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Zum Abschluss dieses Beitrags zwei schöne Detailaufnahmen musizierender Engel von der Orgel:

      Musizierende Engel auf dem linken Rückpositiv der Orgel (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Musizierende Engel auf dem rechten Rückpositiv der Orgel (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

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    • Der Orgelprospekt - ursprünglich von 1721 - wurde nicht genau rekonstruiert. Das Instrument stammt von der Potsdamer Firma Schuke und wurde im Jahre 2007 eingebaut.

      Königsberger Dom, Hauptorgel (Foto: Julian Nyča, August 2016, CC-BY-SA-3.0)

      Starke Abweichungen gibt es bei den Figuren und der Orgelempore. Sie sieht heute völlig anders aus als vor 1945.

      Mittlerer Teil der Brüstung der Orgelempore mit dem veränderten Königsberger Stadtwappen
      (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Die beiden Engelchen an der Orgelempore sehen schon arg nach Russenkitsch aus. Das Königsberger Stadtwappen zwischen ihnen wird von einem russischen Zarenadler, überhöht von der russischen Kaiserkrone, gehalten. Eigentlich müsste hier der preußische Adler zu sehen sein.


      Mondsichelmadonna im Orgelprospekt (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Die Mondsichelmadonna gehört natürlich nicht in den Prospekt. Sie ist ja ein katholisches Symbol. Ursprünglich stand in der Nische ein David mit der Harfe. Die Marienfigur müsste nach der katholischen Ikonografie ganz auf der Mondsichel stehen, nicht nur mit einem Bein. Ist es zu hart, wenn ich die Madonna als Russenkitsch bezeichne? Die anderen Figuren machen, nach den Fotos zu urteilen, einen besseren Eindruck auf mich, insbesondere die "Musiker" auf den Rückpositiven und den Pfeifentürmen. Die beiden flankierenden Damen - naja, geht so. Über allem thront - nein, kein preußischer Adler, sondern ein Phönix.

      Nicht vorenthalten möchte ich euch das bis 2005 rekonstruierte Schnitzwerk der Wallenrodtschen Bibliothek. Es stammt ursprünglich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der Raum im Südturm wird für Vorträge und kleine Konzerte genutzt. Man bemüht sich aber auch, hier mehr oder weniger alte Bücher zusammenzutragen.

      Die Wallenrodtsche Bibliothek im Südturm (Foto: Suigres1, Juni 2009, public domain)

      Zwei Details, erst vom mittleren, dann vom linken Bogen:

      Detail des Schnitzwerks der Wallenrodtschen Bibliothek (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Detail des Schnitzwerks der Wallenrodtschen Bibliothek (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      In der Wallenrodtschen Bibliothek (Foto: Rost galis, 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Der Herr in der Ecke soll vermutlich Immanuel Kant sein. Das große Buch "auf dem Präsentierteller" ist eine russische "Chronik von Sankt Petersburg".

      Wir verlassen nun wieder den Dom. Die Ostseite hatten wir uns noch nicht näher angesehen. Der Chorschluss ist gerade, und - wie bei den drei anderen Seiten - gibt es auch hier eine Tür.

      Der Dom von Osten (Foto: Ivan Z., März 2008, CC-BY-SA-3.0)

      Zum Abschluss noch das Kantgrab, das der Domruine einst das Leben rettete.


      Das Grabmal für Immanuel Kant an der Nordseite des Domes (Foto: Nadia Levunina, August 2017, CC-BY-SA-4.0)

      Das Kantgrab an der Nordseite des Domes (Foto: Kemal KOZBAEV, November 2015, CC-BY-SA-4.0)
    • Das zweite Gebäude, das vom alten Königsberger Stadtkern noch steht, ist die Börse. Dieser Neorenaissancebau wurde in den Jahren 1870-1875 nach einem Entwurf von Heinrich Müller aus Bremen errichtet. Den Skulpturenschmuck schuf Emil Hundrieser. Im Dachbereich ist dieser allerdings nicht mehr erhalten. Nach Kriegszerstörung gab es 1959 erste Überlegungen, das Börsengebäude für die Nutzung als Museum wiederaufzubauen. Daraus wurde jedoch nichts. Im Jahre 1960 wurde die Ruine in die russische Denkmalliste eingetragen. Der Wiederaufbau begann 1967. Das Gebäude wurde dabei im Innern stark verändert und an die Nutzung als "Kulturpalast der Seeleute" angepasst. Dieser Kulturpalast eröffnete 1973 und war fortan ein bekanntes Fotomotiv des sowjetischen Kaliningrad.

      Kaliningrad (Königsberg), die Börse als Kulturpalast der Seeleute im Sommer 2002 (Foto: Vitaly Volkov, CC-BY-1.0)

      Die Fassade hatte einen typisch russischen Zweifarbenanstrich erhalten - weiß und hellblau. Die Sockelzone hatte man in einem typisch russischen Grauton abgesetzt und das Dach des Mittelteils mit Riesenlettern dekoriert: "Kulturpalast der Seeleute". Solcherart "getarnt" habe ich das Gebäude einst kennengelernt und wirklich nicht erkannt, dass es sich um einen Neorenaissancebau aus deutscher Zeit handelte. Was so ein bisschen Farbe doch ausmacht!

      Bald nachdem das Foto oben entstand, wurde das Gebäude restauriert und erhielt seinen ursprünglichen Ockerton zurück. Was wir Deutschen nun als "unsere Königsberger Börse" wiedererkennen, muss für die heutigen Kaliningrader ziemlich fremd aussehen. In russischen Texten wird nun nicht selten hinzugefügt, dass dies der ehemalige Kulturpalast der Seeleute sei.

      Die Börse im September 2012, Südseite (Foto: Strexis, CC-BY-SA-3.0)

      Mit der Veränderung des Äußeren änderte sich auch die Nutzung. Einige Jahre war hier ein Jugendkulturzentrum untergebracht. Im Jahre 2018 zog dann das Museum der bildenden Künste hier ein, eine, wie ich finde, angemessene Nutzung des wertvollen Baudenkmals.

      Das Museum der bildenden Künste wurde 1988 als "Kunstgalerie" gegründet und war zunächst in einem nicht vorzeigbaren Neubau zwischen Wohnhochhäusern untergebracht. Das heutige Museum ist der Gebietsverwaltung unterstellt und das einzige universelle Kunstmuseum der Region. Das Börsengebäude soll in den kommenden Jahren für das Museum adaptiert werden. Der exzellente russischsprachige Internetauftritt des Museums zeigt in einem Film, wie das Gebäude nach der "komplexen Rekonstruktion" aussehen soll. Sehr sehenswert! Die Bilder sprechen weitgehend für sich. Man kann nur hoffen, dass die Pläne auch so umgesetzt werden. Der alte Börsensaal soll wiedererstehen und eine Dauerausstellung alter Meister aufnehmen (eventuell eine Filialgalerie der Petersburger Ermitage). Auch sonst soll sich die Raumdisposition weitgehend am historischen Vorbild orientieren. Die Terrasse am Pregel soll im Sommer als Café sowie für die Präsentation von Filmen und Street Art genutzt werden.

      Königsberg, Börse und Hafen, etwa 1890-1900
      (Foto: Photochrom aus der Sammlung der Library of Congress, public domain)

      Die Nordseite der Börse am Pregel im Juli 2018 (Foto: Montaznik, CC-BY-SA-4.0)

      In der Galerie zur Pregelseite sind die historischen Säulen erhalten. Mehr weiß ich über den aktuellen Zustand des Gebäudeinneren nicht. Der Haupteingang zum Gebäude befindet sich an der Westseite. Die Adresse ist Leninski prospekt 83, also Lenin-Prospekt. Das ist charakteristisch für den Umgang mit der Vergangenheit im heutigen Russland. Man bewahrt sowjetisches Erbe, etwa in vielen Straßennamen, und wendet sich zugleich verstärkt dem deutschen Erbe in Ostpreußen zu. So zeigt das Kunstmuseum eine Dauerausstellung zur Geschichte der Königsberger Börse und würdigt die aus Ostpreußen stammenden Künstler Käthe Kollwitz und Lovis Corinth, von denen es aber nur einen kleinen Bestand an Grafik besitzt. Interessanterweise führen zur Galerie und zum Hauptteil des Börsengebäudes zwei getrennte Freitreppen hinauf.

      Westseite der Börse, jetzt Museum der bildenden Künste (Foto: Montaznik, Juli 2018, CC-BY-SA-4.0)

      Der linke Löwe an der Freitreppe, geschaffen von Emil Hundrieser. Er darf auf den Pregel schauen.
      (Foto: Montaznik, Juli 2018, CC-BY-SA-4.0)

      Der rechte Löwe an der Freitreppe (Foto: Люц Шнайдер, März 2013, CC-BY-SA-3.0)


      Er hat keine schöne Aussicht. Das ist der Lenin-Prospekt (Foto: Люц Шнайдер, März 2013, CC-BY-SA-3.0)

      Diese Ansicht vom Pregel aus erinnert mich fast an St. Petersburg (Foto: Pav5000, September 2016, CC-BY-SA-4.0)

      Das Börsengebäude ist als Kulturdenkmal von regionaler Bedeutung eingestuft. Hier nochmal eine Ansicht der Westseite:

      Die Börse von Westen (Foto: A. Savin, Mai 2017, FAL)

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    • 2 wirklich wunderbare Bauten. Gezeigt wird nochmals wie die Deutschen mit vernichteten Kirchen umgehen sollen wie in Nord Deutschen Städte und auch mit Kirchen Ruinen in Berlin (Tacheles auch!) und Dresden oder Schlösser wie in Zerbst und Neustrelitz die einfach SCHREIEN zum Weideraufbau. Leider interessiert die Vergangenheit die D. wenig oder nichts zeuge die ständige halbherzige "Moderne" Lösungen. Mangel an Geld ist KEIN Grund, mann könnte einfach ein ganzes Stadtviertel in Berlin, Dresdnen ((Johann Stadt) oder Köln und Magdeburg rekonstruieren lassen (z.B. in Kreuzberg oder Friedrichshain) mit alle original Fassaden un die heutige Ödniss zu beiseitigen.........
    • Die beiden von Rastrelli vorgestellten Bauten in historischen Aufnahmen.





      Und noch eine Ansicht des Schlosses:


      + eine weitere hübsche Perspektive übers Wasser.

      Schon sehr schade, dass das Schloss abgeräumt wurde ==> Aufnahme von 1945
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)

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