Traditionelle Architekten

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    • Traditionelle Architekten

      Ein ausgezeichnet geschilderter Artikel am Beispiel der Architekten Tobias Nöfer und Matthias Ocker:
      Moderne Sehnsucht nach gestern
      Wenige Architekten trauen sich, traditionell zu bauen. Dabei ist das derzeit gefragt. Von Verbänden werden sie jedoch ausgegrenzt.
      Von Andreas Voigt
      Wie ein Neubau sieht das Ärztehaus in der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg nicht gerade aus. Die Putzfassade ist wohlproportioniert und symmetrisch gegliedert, ein Sockel aus Naturstein gibt dem Gebäude Halt, geteilte Fenster ruhen auf langen Gesimsen. Viele Besucher in der belebten Straße halten das sechsstöckige Gebäude wohl eher für einen sanierten Altbau aus der Berliner Moderne der 20er-Jahre. Dabei wurde es erst 2008 fertiggestellt. Vielen Architekten geht bei so viel Anlehnung an traditionelle Baukultur der Hut hoch. [...]

      Volltext: Die Welt Online vom 30. Mai 2010
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Re: Traditionelle Architekten

      Erschreckend, was für eine verbissene Ideologie in diesem Gewerbe herrscht. Die Anhänger einer sich progressiv wähnenden, im Grunde antibürgerlichen Haltung sitzen heute an den Schaltstellen von Universitäten, Verbänden und im Kulturbetrieb. Man besitzt die Diskurshoheit, historische und traditionelle Bezüge werden verachtet und abgelehnt. Im Bereich der Architektur ergänzt sich diese Haltung darüberhinaus mit dem eigentlich längst überholten Sozialutopismus der Moderne. Das ist kein ausschließlich deutsches Problem, aber hierzulande besonders stark ausgeprägt.
      Man kann nur darauf setzen, daß die Nachfrage nach klassischer Architektur weiter wächst und einen Paradigmenwechsel herbeiführt.
      In dubio pro reko
    • Re: Traditionelle Architekten

      Während seines Studiums an der Rheinisch Westfälschen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen musste sich der Berliner deshalb aus "der Notwendigkeit heraus anpassen". Um den Abschluss seines Studiums nicht in Gefahr zu bringen und seine sich am Modernismus orientierenden Professoren nicht zu verärgern, fertigte er ausschließlich zeitgenössische Entwürfe an. Später verweigerte ihm der Bund Deutscher Architekten, immerhin eine der wichtigsten Architekteninteressenvertretungen Deutschlands, die Aufnahme aufgrund seiner traditionell angelegten Arbeiten. Und einen Lehrauftrag würde einer wie Nöfer an den meisten deutschen Universitäten schlichtweg nicht erhalten.
      (welt.de/die-welt/wirtschaft/ar…hnsucht-nach-gestern.html)

      Was sind das bloß für gestörte Menschen? Kann mir das mal jemand sagen?

      "Dirk" schrieb:

      Man kann nur darauf setzen, daß die Nachfrage nach traditioneller Architektur weiter wächst und einen Paradigmenwechsel herbeiführt.
      Das wollen wir wahrlich hoffen, doch allzu schnell wird dies nicht geschehen, denn der Text lehrt:
      Schließlich werde an den Unis nach wie vor nicht gelehrt, wie man traditionell baue.
      (welt.de/die-welt/wirtschaft/ar…hnsucht-nach-gestern.html

      Moderationshinweis (Zeno):
      Fundstellen der Zitate wegen Urheberrechts eingefügt (siehe architekturforum.net/viewtopic.php?p=36186&f=1#p36186)
    • Re: Traditionelle Architekten

      Das wollen wir wahrlich hoffen, doch allzu schnell wird dies nicht geschehen, denn der Text lehrt:

      Zitat:
      Schließlich werde an den Unis nach wie vor nicht gelehrt, wie man traditionell baue.


      Dann sollten Sie eventuell eine Privatuni "architectura pro homine" gründen. Ehrlich gesagt würde ich dort studieren, wenn ich 10 Jahre jünger wäre!
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    • Re: Traditionelle Architekten

      "Dirk" schrieb:

      Man kann nur darauf setzen, daß die Nachfrage nach traditioneller Architektur weiter wächst und einen Paradigmenwechsel herbeiführt.


      Mein Vorschlag, wie wir mit unserem Anliegen weiterkommen können, wäre der: Die von BDA, Feuilleton und anderen Menungsmachern verordnete Architektur der Askese möglichst ignorieren und alle Aufmerksamkeit auf die bis jetzt noch seltenen Gegenbeispiele einer am menschlichen Bedürfnis orientierten Bauweise richten. Auch wenn es nach Parteinahme und Werbung für bestimmte Architekturbüros riecht - das Anliegen ist einfach zu wichtig, als dass wir uns von Skrupeln bremsen lassen dürfen.

      Die Kalamität liegt doch darin, dass Otto Normal-Häuslebauer und jeder öffentliche Bauherr in dem Wahn gefangen sind, es gebe nur noch eine Architektursprache, die hierzulande anzuwenden sei, vor allem, da Architekten und Baufirmen etwas anderes gar nicht mehr können und einem Bauherrn etwaige Flausen garantiert mit Bestimmtheit ausreden werden. Nichts scheint mir wichtiger, als dieser Ignoranz und Geistesdumpfheit, die alle Bauschaffenden hierzulande umnebelt, Lichter aufzustecken und zu zeigen, dass es auf der ganzen Welt und sogar in Deutschland leuchtende Gegenbeispiele gibt.

      Wenn einem angehenden Bauherrn ein Licht aufgeht und er begreift, dass eine ganz andere, wahrhaft begeisternde Architektur auch heute noch realisierbar ist, dann wird er sich um einen Architekten bemühen, der so etwas kann. Darum ist es unsere Pflicht, solche Architekten aus ihrem Nischendasein herauszuholen und populär zu machen. Wer immer von uns vorbildliche Gebäude von ganz anderer Machart irgendwo entdeckt, sollte sie hier vorstellen. Ich denke dabei nicht nur an das Schaffen der prominenten Riege traditionell orientierter Büros wie Rob Krier, Hans Kollhoff, Marc Kocher, Hilmer und Sattler, Patzschke und Partner, Matthias Ocker oder York Stuhlemmer, auch den weniger bekannten Einzelkämpfern mit Namen Vogel, Herzog, Nöfer, Graetz, Tyrra usw. sollten wir auf den Fersen bleiben, um das Vorbildhafte ihres Schaffens bekannt zu machen und so eine Gegenfront zur allbeherrschenden Architektur des Mainstreams aufzubauen.

      Lasst uns also weniger lamentieren sondern etwas dazu beitragen, dass Deutschland auf dem Felde der Architektur in den Kreis der Kulturnationen zurückfindet.

    • Ein sehr lesenswerter und erbaulicher Artikel.
      Die Zwillinge Jürgen und Rüdiger Patzschke haben große Spuren in Berlin hinterlassen Sie entwarfen das Adlon, den neuen Hausvogteiplatz und etliche Villen. Nun feiern die Architekten 75. Geburtstag.

      [...] Die erbitterte Debatte, die das "Adlon" mit seinem historisierenden Stil damals verursachte, scheint heute, nur 16 Jahre später, kaum noch nachvollziehbar. Schließlich fand die "klassisch-traditionelle Bauweise", wie die Brüder ihre Interpretation der preußischen Formensprache nennen, inzwischen zahlreiche Nachahmer. Ganze Wohn-, Hotel- und Bürokomplexe sind inzwischen überall in der Stadt mit Natursteinsockeln, abgesetzten Attikageschossen, Säulenschmuck und Rundbogenfenstern errichtet worden. Und das oft, aber durchaus nicht nur von den Patzschkes.
      Mit den Berliner Architekten-Zwillingen Patzschke auf Zeitreise
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Danke Palantir, für diesen großartigen Artikel! Das Gute daran ist, dass Sohn Robert in Patzschke Seniors Sinne weitermachen wird und wir glücklicherweise noch mehr dieser herrlichen Wandbilder pro futuro genießen werden dürfen! Außerdem werden die beiden Brüder weitermachen bis zum letzen Atemzug. Einfach herrlich diese neue Berliner Klassik! Danke!
      Weniger EU ist mehr Europa!








    • Den Patzschkes haben wir sehr viel zu verdanken. Ich hoffe, sie können noch lange weitermachen. Wenn ich auch gestehen muss, daß ich mittlerweile die Bauten von Nöfer noch interessanter finde. Aber das Adlon und besonders das Charlottenpalais sind herausragende Bauten, und die werden bestimmt nicht in 30 Jahren wieder abgerissen sondern bleiben dauerhaft stehen.
      In dubio pro reko
    • Volker schrieb:

      und die werden bestimmt nicht in 30 Jahren wieder abgerissen sondern bleiben dauerhaft stehen.

      In einem Land, das sich gerne mit einer Melange aus Verbissenheit, Ordnungsliebe/Präzession und Nüchternheit mit Liebe irgendwelchen Ideologien unterwirft, wäre ich mir da nicht so sicher.
      "We live in the dreamtime-Nothing seems to last. Can you really plan a future, when you no longer have a past." Dead Can Dance - Amnesia

      "Why not reinventing something from the past, something combining, nature and art." Lebanon Hanover - Fall Industrial Wall
    • Gerade las ich auf der Homepage von Patzschke folgenden Absatz, der mich etwas besorgt macht:

      "Dem jeweiligen Ort und der Sinnhaftigkeit entsprechend, steht das Architekturbüro Patzschke aber auch einer qualitativ hochwertigen, modernen Architektur offen gegenüber. Diese Position wird vor allem von der nachrückenden Architektengeneration in der Familie unterstützt und gefördert."

      Nachdem mittlerweile (die Enkelin?) Tatjana Patzschke - noch gemeinsam mit Robert Patzschke - das Büro leitet, deutet diese Aussage wohl darauf hin, daß man sich nach dem Abgang der beiden "alten Herren" wieder verstärkt einer modernistischen Ausdrucksform bedienen wird und sich von klassischer Architektur abwendet. Das wäre eine schlechte Nachricht.
      In dubio pro reko
    • Naja, da würde ich zunächst erst einmal keine voreiligen Schlüsse ziehen. Sollte dem aber so sein, wäre das absolut dämlich, denn die Patzschkes haben eine Nische besetzt, deren Aufgabe bedeuten würde, einer von vielen im Haifischbecken zu werden.
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    • Bei mir klingeln da die Alarmglocken. Leider ist es doch gerade wieder die junge Generation, die im Studium besonders von der modernistischen Ideologie beeinflußt wird und der der klassische Gestaltungsansatz suspekt ist. Aber du hast Recht mit dem Argument daß es töricht wäre, diese Nische zu verlassen um wieder ein Büro von vielen zu werden. Denn die Nachfrage ist ja derzeit enorm und gibt den beiden alten Brüdern Recht. Es wäre jedoch auch nicht das erste Mal daß die Erben ein erfolgreiches Unternehmen an die Wand fahren.

      Der Generationswechsel könnte übrigens auch eine Erklärung dafür sein daß die Entwürfe von Patzschke in letzter Zeit qualitativ nicht mehr an frühere Beispiele, wie z.B. das Charlottenpalais heranreichen. Ein Zeichen von Unlust am eigenen Werk...?
      In dubio pro reko

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Stuegert ()

    • Ich würde mir da noch nicht allzu große Sorgen machen. Die Patzschkes werden den einmal erfolgreich eingeschlagenen Weg nicht so schnell verlassen und außerdem gibt es ja noch die beiden erfahrenen Lokführer, die den jungen "Gesellen" schon noch den richtigen Blick beibringen werden, um die "geschulten Augen" zu erhalten.

      "Never change a winning team" und das sollte auch das Motto bleiben. Wer vornehm und traditionell bauen lassen möchte, der geht eben zu Patzschke, Höhne oder Nöfer und der Erfolg gibt allen recht, die sich für diesen Weg entschieden haben!

      Apropos Familienunternehmen und Architektur! Kenn ihr die Familie Schmitz? Ich halte sehr viel von Ralf Schmitz und seinen jungen Nachfolgern:

      ralf-schmitz.de/realisierte-bauten/

      Was meint ihr? Ist ja fast noch besser als Patzschke :applaus:
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    • Ich hoffe, dass im Büro Patzschke zwar eine Weiterentwicklung stattfindet, aber eher hin zu einer Neuinterpretation des Ornaments unter weiter dominanten klassischen Proportionen. Vielleicht sollten wir ihnen mal schreiben und darauf hinweisen, dass eine Entwicklung in diese Richtung die wohl deutlich aussichtsreichere ist, wirtschaftlich wie künstlerisch.

      Kontakt: info@patzschke-architektur.de


      Ansonsten seid ihr euch sicher des Umstandes bewusst, dass es stetig mehr Architekten gibt, die klassisch/historisierend bauen?
      Hier eine (kleine) Auswahl, die ich selbst beständig mit ergänze: Auswahl traditionell entwerfender Architekten

      Im Übrigen suche ich noch nach einem Namen für den entsprechenden deutschsprachigen Wiki-Artikel, der nicht gleich ein Opfer übereifriger Löscher vom Dienst wird. "Neo-Historismus" wäre vermutlich zu festlegend und würde alsbald zur Löschung führen. Die direkte Übersetzung "Neue klassische Architektur" ist aber vielleicht auch nicht das Gelbe vom Ei. "Neue traditionelle Architektur" suggeriert hingegen ausschließlich die Verwendung regionaler Materialien und Bauformen.
    • Exilwiener schrieb:

      http://ralf-schmitz.de/realisierte-bauten/

      Was meint ihr? Ist ja fast noch besser als Patzschke :applaus:
      Vielen Dank für den Hinweis. In der Tat, dieses Büro hat sehr überzeugende Arbeiten hervorgebracht. Anscheinend bildet sich in Düsseldorf ein weiterer Schwerpunkt historisierenden Bauens mit klassizistischem Einschlag aus, möglicherweise inspiriert vom baukulturellen Niveau der nahen Niederlande. Ich weiß nicht, ob derartiges in unserem Forum schon vorgestellt wurde; wenn nicht, wird es höchste Zeit!
    • Exilwiener: Das wäre doch etwas anmaßend, alle historisierenden Bauten als "Berliner Klassik" zu bezeichnen. ;) Zudem ist Begriffsetablierung in der Wikipedia nicht gestattet, es muss also ein neutral-beschreibender Begriff oder ein bereits etablierter Begriff sein. Darin liegt die Schwierigkeit. "New Classical Architecture" ist da im Englischen noch halbwegs vertretbar.


      Was Beispiele aus Holland angeht: Muss ich etwa noch mal den Link zur SSC-Sammlung posten? ;)