Posts by erbse

    Eine Pause für die Bau-Manie ist wohl dringend nötig. So wie bislang kann es einfach nicht weitergehen. Praktisch alles muss überdacht werden: Baustoffe, Städtebau, Grundrisse, Nutzungsmischungen, Verordnungen und Gesetze, Bauweise, Fassadengestaltung, ...

    Ich musste wirklich neulich laut loslachen, als ich diese DDR-Zirkusshow im Schlüterhof sah. Selten was Peinlicheres gesehen. Alle Besucher die da hingelotst wurden schauten nur befremdet, die Kinder waren besonders verwirrt und zupften an ihren Eltern, doch schnellstmöglich wieder zu verschwinden.

    Wunderschön!

    Das historistische Parkhotel war wirklich eine Augenweide. Spannend fände ich eine translozierte Rekonstruktion, vielleicht an einem anderen Uferbereich des Sees. Als Solitärbau ist er ja nicht wirklich auf den genauen Standort angewiesen, einzig auf die Wirkung der Seeansicht. Und es wäre eine amüsante und interessante städtebauliche Situation, die Philosophie eines gründerzeitlichen Seehotels der von 1955 gegenüberzustellen. Ein bisschen wie das doppelt vorhandene Schlossportal in Berlin (am Staatsratsgebäude und der rekonstruierten Schlossfassade). Gefragt dürfte die Lage in Bremen ja allemal sein - und wie. Alternativ am Weserufer.


    PS: Mir ist völlig klar, dass das gerade eine Spinnerei ist. Aber in der Nachkriegszeit gab es auch allerhand Verrücktheiten und translozierte Rekos ohne Ende (siehe Hannovers Altstadt, manche Fassade in Bremen).

    Bei den Automarken des gehobenen Segments bestimmt die stimmige Eleganz der äußeren Form letztlich die Kaufentscheidung. Neubauten dagegen dürfen nach außen hin hässlich sein

    Das scheint leider auch immer weniger zu gelten, wenn man sich manche "Premium"-Autos heutzutage so anschaut.
    Immer mehr wirre Linien, schwülstige Formen, Hauptsache groß, auffällig und verrückt scheint die Devise.
    Vielleicht auch der aktuellen Logik der sozialen Medien folgend: Hauptsache Aufmerksamkeit für mehr als 3 Sekunden.
    Hier ein interessantes YouTube-Video dazu. (YT Desing Theory: Why Modern Car Designs Are So Visually Complex)


    Und gleichzeitig gibt es wie in der Architektur auch den Gegentrend. Der neue Mercedes SL ist mit seinem auf Eleganz und Schlichtheit getrimmten Retro-Äußeren wohl ein ganz gutes Beispiel, im Vergleich mit den seltsamen BMW-Experimenten der jüngsten Zeit.

    Insofern habe ich Hoffnung für Automobil- und Architekturgestaltung: irgendwann kommt immer der Punkt, an dem das Pendel zu weit in Richtung Hässlichkeit geschwungen ist. Und elegante, zeitlos schöne Formen wieder in Mode kommen.

    Wahrlich.
    In Europa müsste der Impuls eben von einem Land ausgehen, das als sehr progressiv und vorbildlich für möglichst viele andere gilt.
    In Deutschland schaut man meinem Eindruck nach sehr viel nach Skandinavien und Frankreich. In anderen Ländern Europas könnten die Niederlande, Spanien oder die Schweiz durchaus Eindruck machen. Und natürlich weiterhin UK, auch ohne EU.


    Das Gerichtsviertel "Cité Judiciaire" in Luxemburg von Rob Krier (1991 bis 2008 realisiert) als imposantes neuklassisches Ensemble ist sicher eine große Ausnahme unter den öffentlichen Neubauten der jüngeren Jahrzehnte in Europa. Bislang hat es nur in Frankreich und Belgien sowie den Niederlanden etwas Widerhall gefunden, doch das kann sich ja noch ausweiten. Mir fällt kein vergleichbares Projekt ein. Die neuen Stadtgründungen von Prince Charles wie Poundbury oder Projekte wie Le Plessis-Robinson, Jakriborg und Tornagrain sind ja nochmal eine eigene Kategorie.

    Denke auch, ein Umdenken ist hier nur eine Frage der Zeit. Und ich gehe jede Wette ein, sobald die ausländischen Medien mal bemerken, wie ultra peinlich das Humboldt-Forum gerade bespielt wird, dreht sich der Wind ganz schnell.


    Dorgerloh hat ja bei den Schlössern der SPSG einen durchaus guten Job gemacht und dreht jetzt halt auch aufgrund der öffentlichen Mainstream-Erwartungshaltungen am Rad. Ich halte ihn für einen Opportunisten, der sich dem öffentlichen (medialen) Wind nach dreht. Vielleicht muss aber auch einfach der Gründungsintendant Neil MacGregor wiederkommen, oder jemand ganz anderes, der sich nicht vom mitunter ziemlich bescheuerten Zeitgeist beirren lässt.

    Danke für die Einblicke! Ich finde es sehr hilfreich, zu verstehen, wie das in anderen Ländern organisiert wird.

    Wobei man mit 1 Milliarde Euro realistischerweise in Deutschland nicht viel reißen könnte. Nicht, weil Rekonstruktionen so teuer wären, sondern weil die Innenstädte, von wenigen Ausnahmen, inzwischen schon wieder komplett zugebaut sind. Das heißt, für größere Rekonstruktionsprogramm müsste erstmal viel aufgekauft werden, um es abreißen zu können.
    Bei den aktuellen Immobilienpreisen in deutschen Innenstadtlagen wäre 1 Milliarde da ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Für komplette Neubauten, ja. Für Fassadenrekonstruktionen ist das schon eine Summe, mit der man so einiges anfangen kann.


    Wie wär's dazu mit einem Rechenbeispiel?


    Hier entlang: RE: Kosten von Rekonstruktionen/Sanierungen

    Als Replik auf eine Kostendiskussion zu Rekonstruktionen im Budapest-Faden:

    Wobei man mit 1 Milliarde Euro realistischerweise in Deutschland nicht viel reißen könnte. Nicht, weil Rekonstruktionen so teuer wären, sondern weil die Innenstädte, von wenigen Ausnahmen, inzwischen schon wieder komplett zugebaut sind. Das heißt, für größere Rekonstruktionsprogramm müsste erstmal viel aufgekauft werden, um es abreißen zu können.
    Bei den aktuellen Immobilienpreisen in deutschen Innenstadtlagen wäre 1 Milliarde da ein Tropfen auf den heißen Stein.

    Für komplette Neubauten, ja. Für Fassadenrekonstruktionen ist das schon eine Summe, mit der man so einiges anfangen kann.


    Wie wär's dazu mit einem Rechenbeispiel?


    Ohne Anspruch auf völligen Realismus oder Perfektion, und ohne Betrachtung der administrativen Ausgaben.


    Eine normale Altbaufassade beim Umbau eines Bestandsgebäudes (teil-)wiederherstellen (z.B. nach einer Entstuckung) wie in großen Teilen von Leipzig und hier und da in Berlin, da haben wir uns ja mal Zahlen eingeholt. 2013 lag man da für 800m² (durchaus typische Berliner Gründerzeitfassade) bei um die 100k Euro für eine Teil-Wiederbestuckung, inzwischen wohl bei ca. 150-200k.


    Gehen wir jetzt einfach mal von 200k Euro pro einigermaßen nett wiederhergestellter Altbaufassade aus, wären das ganze 5.000 Gebäude in Deutschland, die man wiederherstellen kann. Insgesamt gibt es 2.055 Städte in Deutschland, davon 80 Großstädte. Sagen wir, davon haben es etwa 60 besonders nötig, dass sie verschönert werden.


    Wenn man sich dann noch auf besonders stadtbildprägende Bauten in diesen Großstädten konzentriert, sind wir bei gut 83 Gebäuden pro Großstadt, deren Fassaden verschönert und wiederhergestellt werden können! Das sind so einige stadtbildprägende Plätze, Eckbauten und Ensembles pro Stadt, die davon wieder erlebbar gemacht und deutlich aufgewertet werden können. Und das rechnet sich doch auf Jahrzehnte bis Jahrhunderte, Stichwort "Business Improvement Districts". In jeder Stadt kennen wir doch eine Handvoll sehr wichtiger Ecken, die bei Aufwertung das gesamte Stadtbild hochziehen würden. Stichwort Frankfurter Bahnhofsplatz oder Marktplätze.


    Das finde ich deutlich mehr als einen "Tropfen auf den heißen Stein", und im Grunde vergleichsweise günstig zu haben. Zum Vergleich: der BND-Neubau hat über eine Milliarde gekostet, die Sanierung der Kölner Oper aus der Nachkriegszeit ist auf dem "besten" Wege dahin.


    Selbst wenn wir von einigem Verwaltungsaufwand und meinetwegen manch teurerem Großbau ausgehen, kommt sicher noch die Hälfte der Bauten pro Stadt dabei raus. Und in mancher Stadt können es ja auch mehr, in einer anderen etwas weniger sein (Leipzig hat da heute sicher weniger Bedarf als Magdeburg, Köln oder Berlin). Zumal die Töpfe alle vorhanden sind, in Leipzig ging da mW sehr viel ohne zusätzliche Mittel, einfach dank politischem Willen, der typischen Landes- und Bundesförderung und natürlich der Denkmal-Afa usw.

    Dome-Programm wird nicht vom Staat, sondern teilweise von privaten Investoren umgesetzt

    Das finde ich besonders spannend.

    Gibt es eine Webseite dazu?

    Gab es eine Art Bürgerinitiative dafür, oder wie kommen die auf die Idee?


    Es geht ja darum, was davon in DE auch adaptierbar ist. :)

    Da hat mE der beste Entwurf gewonnen. Und die Gegend kann solch ein Highlight und die Urbanisierung dringend gebrauchen.

    Könnte zugleich eben überall stehen und lockt in der heutigen Welt der Superlative auch niemanden hinter dem Ofen hervor.


    Und ich fänd es wirklich mal sehr spannend, wenn eine europäische Metropole einfach mal wieder einen großen Kulturbau im klassischen Stil baut. Wie das in den USA Gang und Gäbe ist und regelmäßig zu beeindruckenden Resultaten führt, etwa beim Schermerhorn Symphony Center in Nashville oder dem Smith Center for the Performing Arts in Las Vegas, beide von David M. Schwarz Architects.

    Die lustigerweise "Baller-Stil" genannte Bauweise hat übrigens an verschiedenen markanten Stellen in Berlin über 100 interessante Bauten hervorgebracht. Ich empfinde sie oft als kreatives Einsprengsel und Wohltat gegenüber dem drögen Berliner Einerlei aus Nachkriegsmoderne und entstuckten Altbauten.


    "Zwischen Gaudí und Hundertwasser" beschreibt die Gestaltungsphilosophie durchaus treffend.

    Zur ganzen Finanzierung weiß vielleicht hier ein Forist näheres?

    Das interessiert mich auch. Das BIP von Ungarn stagnierte ja seit 2008 überwiegend, das Steueraufkommen ging auch runter.

    Woraus wird das finanziert, aus welchen Budgets? Sind da EU-Mittel drin? Wie "verkauft" die Regierung diese Maßnahmen?

    Richtig. Von den geschätzten 0,001% der Bevölkerung, die sich öffentlich kritisch zu Rekos und klassischen Neubauten äußern, sind am Ende auch nur ein Bruchteil wirkliche Überzeugungstäter, wie man in persönlichen Gesprächen häufig sehr schnell feststellen kann.

    In Budapest ist das Rekonstruieren der Bauten seiner metropolischen Blütezeit ja quasi Staatsräson. Es geht dort mW nicht wie in Deutschland von Bürgerinitiativen aus, sondern ähnlich wie in Skopje von der Staatsführung. Da diese im Westen überwiegend nicht so vorbidlich gesehen wird, wird darüber auch nicht breit berichtet. Das ist aber so weit ich weiß auch in anderen Ländern so, im konservativen Polen interessiert das jetzt auch nicht sonderlich. Es ist imposant für das Stadtbild der ungarischen Hauptstadt, wird aber vermutlich erst in einigen Jahren wirklich antizipiert.


    Zumal Budapest ohnehin schon ein weitgehend intaktes, vorkriegszeitliches Stadtbild hat und hier eher die "Sahne auf der Kirsche" hinzukommt. Eine ganz andere Ausgangslage als in deutschen Großstädten, die ihren historischen Charakter an den meisten Stellen völlig eingebüßt haben.

    Wunderbar, dass dieser Bau gerettet wurde! Und dann so geschmackvoll. :thumbup:

    Der Einsatz lohnt sich in München, da ist viel in Bewegung am Immobilienmarkt.

    Was die Bebilderung angeht, solltest du mE besser auf die Bürgerinitiative ProSchwabing / Denkmalnetz Bayern zurückgreifen (von denen das Bild im Merkur auch stammt). Die freuen sich garantiert über die Werbung und stellen das gern zur Verfügung. Wenn's schnell gehen soll kann man ihnen auch einfach Bescheid geben (statt zu fragen und ggf. länger auf Antwort zu warten), mit dem Hinweis, dass man das Bild bei Bedenken gern ersetzt und dies in bester Unterstützerabsicht weiterverbreitet. Was in Facebook und Co. ja ohnehin die ganze Zeit geschieht.

    Der menschliche Geist ist nicht auf Zufriedenheit programmiert - und das ist angesichts der vielen noch offenen Aufgaben in Dresden auch gut so. Sonst hätte man sich auch schon mit der Frauenkirche zufrieden geben können, und drumherum hätte halt die Stadt nach Belieben gewurschtelt, siehe Gewandhaus-Pläne.

    Der konstruktive und auch mal emotionale Streit um die Stadtgestaltung wird immer weiter gehen. Die Initiative die sich an den lustlosen DDR-Beton am Neustädter Markt klammert ist ein kleiner plärrender Haufen ostalgischer Rentner, erledigt sich also gerade schon selbst (was zynischer klingt als es gemeint ist).