Bremen - Nord

  • Im Bremer Norden leben etwa 100 000 Einwohner, das ist ca. ein Sechstel der inzwischen 570 000 Einwohner Bremens und schon eine eigene Großstadt - ohne Kino, aber mit einem aufstrebenden Fussball-Fünfttligisten. Die Weser ist hier schon richtig breit, nicht zuletzt durch den Zufluss der Lesum und auf der anderen Weserseite - der Ochtum. Der Norden umfasst die Stadtteile Burg-Lesum, Vegesack und Blumenthal. Alle diese Stadtteile haben wiederum Unterstadtteile, sogenannte Ortsteile.
    Entlang des Flusses Lesum zeigen sich die Ausläufer der sogenannten Bremer Schweiz, eine Hügellandschaft, die sich bis ins nördlich gelegene Niedersachsen hinzieht. Süddeutsche Foristen reiben sich wahrscheinlcih angesichts des Namens Bremer Schweiz ungläubig die Augen, sind sie doch ganz andere Höhen gewohnt, als wir sie in Norddeutschland kennen. Aber auch, wenn´s nicht gar so hoch ist, zeigt sich hier doch eine sehr reizvolle Landschaft, die im Winter die Kinder zum Rodeln einlädt.
    Ich möchte mit diesem Strang den Sprung in den Bremer Norden wagen und beginne - erwartungsgemäß? - mal wieder mit dem Abriss eines sogenannten Altbremer Hauses und seinem Nachfolgebau.

  • An der Lesumer Kirche


    Bis in die 90er Jahre stand in Lesum hinter der Lesumer Kirche ("An der Lesumer Kirche") ein Altbremer Gebäude, darin befand sich eine Schlacherei. Es wurde von einem Oldenburger Investor gekauft, danach wurden die im geplanten Neubau projektierten Eigentumswohnungen verkauft (!) und dann erst wurde abgerissen. Rettungsversuche gab es, u. a. von dem Bremer Wirtschaftsenator Claus Jäger, der in Lesum wohnt. Leider hat das alles nicht genutzt, der Neubau setzte sich schließlich durch.


    Alte Schlachterei



    Neubau


  • Vielleicht noch eine kleine Ergänzung: Die idyllisch gelegene Straße "Hinter der Lesumer Kirche" zieht sich halbkreisartig um die auf einer Erhöhung stehenden St. Martini-Kirche von 1779. Es gibt dort viele freistehende Häuser aus der Gründer- und Jugendstilzeit. Die nicht weniger idyllisch wirkende Lesum, die dem Ort seinen Namen gegeben hat, liegt nur einen Katzensprung entfernt, in der Nähe befindet sich auch Bremens zweitgrößter Park.


    Auf der anderen Seite der Kirche dagegen ist es weniger idyllisch, dort befindet sich die Haupteinkaufsstraße Lesums (Hindenburgstraße). Vor ein paar Jahren wurde ein hässlicher Sparkassenbau abgerissen und inzwischen durch einen neuen, noch hässlicheren Sparkassenneubau ersetzt. Man sieht, die Moderne ist immer noch zu Steigerungen fähig.

  • Hier mal ein Blick von den Lesumwiesen Richtung St. Martini-Kirche:



    Schöne Ecke dort, auch wegen der Reliefenergie, die sich sonst in Bremen auf Deiche beschränkt.

  • Heinzer, Dein Canaletto-Blick auf Lesum gibt die Idylle, von der ich schrieb, sehr gut wieder. 1779 wurde die Kirche fertig, 1780 starb der italienische Maler. Für ein Ölbild hätte es zeitlich gerade noch gepaßt......


    Nochmal kurz zur anfänglich geschilderten Alten Schlachterei. Ein gestandener Senator hatte sich für den Erhalt eingesetzt - und ist gescheitert. Was ich mich schon damals fragte: Wenn nicht mal ein Mitglied der Bremer Landesregierung einen Abriss verhindern kann, welche Kräfte sind dann hier am Werk? Diese Frage kann ich bis heute nicht zufriedenstellend beantworten.

  • Thyens Schloss in Bremen-Blumenthal


    Der heutige Bremer Norden wurde schon früh von reichen Kaufleuten und Reedern als Wohnort entdeckt. Riesige Villen und schlossartige Bauten mit großen Parkanlagen prägten einst den Bremer Norden. Wenig ist davon übrig geblieben.Ein großer Verlust war der Abriss von Thyens Schloss in Bremen-Blumenthal. 1962 zerstörte ein durch zündelnde Kinder entstandener Brand das Gebäude so sehr, dass es abgerissen werden musste.


    Thyens Schloss im Park



    Hier ein Artikel aus dem Weser-Kurier vom 06.09.2015:


    Blumenthal. Für manchen Blumenthaler verschwand mit dem Abbruch von Thyens Schloss eine fast märchenhafte Sehenswürdigkeit. Ein echtes Schloss mit Turm und Turmhaube, Erkern und einer barock ausladenden Freitreppe.


    Es war einmal . . . Das Anwesen der Familie Thyen brachte Märchenschloss-Flair nach Blumenthal. Nachdem die Gemeinde 1936 den Park erworben hatte, war der Zugang öffentlich. Im Winter sausten die Kinder auf Schlitten den „Galgenberg“ hinab bis dicht an den Teich heran.
    Für manchen Blumenthaler verschwand mit dem Abbruch von Thyens Schloss eine fast märchenhafte Sehenswürdigkeit. Ein echtes Schloss mit Turm und Turmhaube, Erkern und einer barock ausladenden Freitreppe. Ein architektonischer Prachtbau im Stil des Historismus, der weit über den Ort hinaus bekannt war.
    Bauherr war der Reeder und Kaufmann Oltmann Thyen aus dem oldenburgischen Ammerland.1883 kaufte er von Hinrich Krudop, dem damaligen Besitzer des Sattelhofs, das etwa 100 Morgen große Wiesengelände. Das Grundstück reichte von der Lüssumer Straße bis zum Rosenbusch in Beckedorf, von der Beeke bis etwa zum heutigen Freibad.


    Auch eine barock ausladende Freitreppe gehörte zu dem architektonischen Prachtbau, der weit über den Ort hinaus bekannt war.



    Als Bauplatz wählte Thyen eine Anhöhe. Das abfallende Wiesengelände gab den Blick frei auf die Aueniederung und weit dahinter die ersten Höfe und Häuser. Zugleich war von diesem erhöhten Standort aus auch das Schloss weithin zu sehen. Mit großem Kostenaufwand ließ der Bauherr seltene Bäume und Büsche anpflanzen, die den vorhandenen Baumbestand optisch mit einbezogen. Ein künstlicher Teich in der Aueniederung gehörte zur gärtnerischen Parkgestaltung im Stil englischer Gartenkunst.
    Das gesamte herrschaftliche Unternehmen schlug mit sechzigtausend Goldmark zu Buche. Der Bauherr hatte nicht lange Freude an seinem Sommersitz, er starb wenige Jahre nach der Fertigstellung. Dafür war das Schloss für die Blumenthaler ein Bauwerk, das die Fantasie beflügelte. Natürlich gab es auch in Wätjens Park ein Schloss, das bekam aber kaum jemand zu Gesicht. Der Park war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Die Burg Blomendal, unansehnlich und baufällig, bot kaum eine Attraktion. Als Bewohner von Thyens Schloss blieben nach dem Tod des Vaters die drei ledigen Töchter Mimi, Dora und Elisabeth. Der älteste Sohn Oskar besaß eine Zigarrenfabrikation in Amsterdam. Sohn Hermann war Gutsbesitzer in der Uckermark und verwaltete zusätzlich eine Porzellanfabrik in Weimar. Beide hatten kein Interesse am Schloss, zumal es als Sommersitz ohne Heizung angelegt war. Die Töchter hatten sich in einem Turmzimmer einen eisernen Ofen einrichten lassen und wohnten während der kalten Jahreszeit dort oben.



    Das historische Gruppenbild entstand bei der Hochzeit von Oskar Thyen mit Sophie Rebecca Luyk im Jahr1904.
    Das Grundstück grenzte direkt an das Gelände von Haus Blomendal. Die Grenze zwischen beiden Anwesen bildete die Beeke. Eine Brücke gab es noch nicht. So ließ der Landrat Berthold eine kräftige Bohle über die Beeke legen, damit der durchaus angenehme nachbarschaftliche Umgang ungehindert stattfinden konnte. Elisabeth Thyen nahm zusammen mit der Tochter Pauline Berthold Malunterricht bei dem Worpsweder Fritz Mackensen, der auch häufiger Hausgast beim Landrat war.
    Ein großer Teil des Parks wurde 1928 von der Gemeinde Blumenthal für 24.000 Mark angekauft. Die Gemeinde erbaute auf dem Gelände ein heute noch ergiebiges Wasserwerk. Das Restgrundstück gelangte 1936 in den Besitz der Gemeinde.
    Das prachtvolle Schloss erlebte eine wechselvolle Geschichte. Während des Zweiten Weltkriegs war auf dem Turmumgang eine Leichte Flak-Batterie stationiert. Zugleich operierte hier ein Lagezentrum der Nordbremer Fliegerabwehr.
    Nach 1945 diente das Schloss als Clubhaus für amerikanische Offiziere. Zweimal versuchten Gastronomen vergeblich, dort eine Sommergaststätte zu etablieren. Zwischenzeitlich wurden die Räume als Tagungsstätte genutzt. 1962 zerstörte ein durch zündelnde Kinder entstandener Brand das Gebäude so sehr, dass es abgerissen werden musste.


    Schlittenfahrt am „Galgenberg“


    Das historische Gruppenfoto hat ausgesprochenen Seltenheitswert. Es zeigt die Familie Thyen und die des Landrats Berthold. Es gibt keine weiteren öffentlichen Bilder der Landratsfamilie. Das Foto entstand bei der Hochzeit von Oskar Thyen mit Sophia Rebecca Luyck am 16. September 1904. Das Brautpaar steht in der Mitte auf der Balustrade. Als Trauzeugen nennt das Standesamtsregister Landrat Paul Berthold, 49 Jahre alt und Rittergutsbesitzer Hermann Thyen, 39 Jahre alt, wohnhaft auf Gut Ruhehof bei Hasleben in der Uckermark. Auf dem Foto sitzt unten links der Landrat Berthold mit seiner Frau, stehend daneben seine beiden Töchter. Rechts neben dem Landrat die Witwe Thyen mit Sohn Hermann und den drei Töchtern Mimi, Dora und Elisabeth.
    Nachdem die Gemeinde 1936 den Park erworben hatte, war der Zugang öffentlich. Für die Jugend boten sich großartige Wintersportmöglichkeiten: Vom hohen Abhang, dem „Galgenberg“, sausten die Schlitten bis dicht an den Teich heran. Der Schlossteich war für Schlittschuhläufer ideal.
    Die Gemeinde plante ein riesiges Sportzentrum, was ja auch Stück für Stück, wenn auch nicht in der geplanten Dimension, dort entstanden ist. Der Name Thyen ist dabei untergegangen und die ältere Bezeichnung Burgwall hat man für Straße und Sportanlage gewählt.

  • Das Theresienhaus


    Die Weserstraße in Bremen-Vegesack wurde in einem Artikel, den ich kürzlich las, als schönste Straße Deutschlands bezeichnet. Das halte ich zwar für übertrieben, aber diese Straße hat schon eine hochwertige, ästhetische Qualität. Das liegt zum einen daran, dass hier eine Reihe von ansehnlichen Kapitänsvillen stehen, besonders prächtig sind die nach Süden ausgerichteten Häuser. Zum anderen liegt es an der herausragenden südlichen
    Hanglage mit Blick auf die Weser und an den grünen Gärten, die sich hangabwärts Richtung Fluss bewegen (und die inzwischen alle zu einem öffentlich zugänglichen Park gehören, dem Vegesacker Stadtgarten). Nun zeigt aber gerade die südlich gelegene Reihe von großen Gründerzeitvillen inzwischen erhebliche Lücken. Hier stehen seit
    den Abrissen in den 1960er Jahren Mehrfamilienhäuser mit mehr Fläche. Dadurch wurde - in den 60er Jahren gab es den Denkmalschutzgedanken, so wie er heute besteht, noch nicht - auch das Ensemble, Stichwort Ensembleschutz, unterbrochen und zerstört. Und wo Ensembleschutz nicht mehr denkmalwürdig ist, ist weiterer Zerstörung Tür
    und Tor geöffnet. Wie auch beim unten dargestellten Beispiel des Theresienhauses (ein ehemaliges katholisches Kinderheim im protestantischen Bremen), dass 2013 abgerissen wurde, nachdem der Landeskonservator keine Möglichkeit es Erhalts sah (Er bezeichnete das Gebäude als historistische Massenware). So stand das Gebäude frei - frei zum Abriss für den Investor. Obwohl der frühere Leiter des Bauamtes Bremen-Nord, Christof Steuer, äußerte, der Abriss des Theresienhauses würde "nur über meine Leiche" geschehen - besorgten Lesern kann versichert werden, Herr Steuer hat nicht Wort gehalten - wurde das eindrucksvolle Gebäude zum Abriss an die Nord-Bau verkauft, die hier Eigentumswohnungen errichten wollte. Dazu muss man wissen,dass in der Nord-Bau der mächtige SPD-Ex-Senator Peter Sakuth an vorderster Stelle als Geschäftsführer sitzt bzw. saß(vergl. Weser-Kurier von 21.7.2012, inzwischen arbeitet er bei einer anderen Immobilienfirma). Ein "Geschmäckle" bleibt in Bezug auf den Abriss bei dieser Konstellation.


    Hier zwei Bilder des Theresienhauses:



    Thresienhaus mit Blick in die Weserstraße, linke Reihe: Hanglage



    Nun schauen wir noch, was die Nordbau da so hingebaut hat:




    Der Weser-Kurier verfasste zum Thresienhaus und dem Neubau folgenden Artikel:

    Theresienhaus wird abgerissen


    Jürgen Theiner 03.06.2013


    Vegesack. Das Theresienhaus an der Weserstraße ist bald Geschichte. Das frühere Kinderheim soll in der zweiten Jahreshälfte abgerissen werden. Der Neubau einer exklusiven Wohnanlage ist geplant
    Das Theresienhaus an der Weserstraße ist bald Geschichte. Das frühere Kinderheim der katholischen Kirche soll in der zweiten Jahreshälfte abgerissen werden. An seiner Stelle ist eine exklusive Wohnanlage mit dem Namen "Bellevue" geplant – ganz nach dem Vorbild der "Ulrichs Villa", die nur rund 200 Meter entfernt ist und ebenfalls von der Firma Nord-Bau errichtet wurde.
    Vegesack. 15 Wohneinheiten mit Tiefgarage, Investitionsvolumen von rund 8 Millionen Euro, Fertigstellung im Frühjahr 2015: Das sind die wichtigsten Daten des Bauvorhabens in Vegesacks bester Lage. Weichen muss dafür ein Gebäude, das mit seiner Neo-Renaissance-Fassade zum Kernbestand der historischen Bausubstanz der Weserstraße gehört: das Theresienhaus. Die Nord-Bau hat es dem katholischen Bistum Hildesheim abgekauft, das in dem Gebäude über viele Jahrzehnte ein Kinderheim betrieb und bis 2007 noch mit seinem Hilfswerk Caritas präsent war. Seither stand das Haus leer.
    An Bemühungen, es zu revitalisieren, hat es nicht gemangelt. Mehrere Bauunternehmen und Architekten versuchten sich vergeblich an der Aufgabe, zumindest die Fassade zu erhalten und dahinter ein Wohngebäude für gehobene Ansprüche zu realisieren – entweder durch Umbau der Bestandsimmobilie oder durch deren Abriss und Neubau. Als größtes Problem erwies sich die Differenz zwischen den Geschosshöhen, die die Fassade aus den 1880er Jahren vorgibt, und denen, die heutzutage üblich und wirtschaftlich sind. Am nächsten kam der Realisierung wohl ein Entwurf des renommierten Bremer Architekten Manfred Schomers. Er war eng mit dem Bauamt Bremen-Nord abgestimmt und sah neben dem Erhalt der Fassade auch die Rekonstruktion des Original-Dachs vor. Eine mittelständische Baugesellschaft aus Hildesheim verlor jedoch nach längerem Hin und Her das Interesse an dem Projekt und reichte es an einen größeren Baukonzern weiter, der es neu durchrechnete – und dann ebenfalls verwarf.
    "Beim Erhalt der Fassade hätte es in jedem Fall Wohnungen mit Höhendifferenz und ein Souterraingeschoss gegeben", sagt Nord-Bau-Geschäftsführer Olaf Mosel. Doch welcher ältere, wohlhabende Immobilienkäufer will ins Souterrain oder eine nicht barrierefreie Wohnung? Keiner, ist Mosel überzeugt. Erhalt der Fassade und Vermarktung eines Umbaus seien zwei Ziele gewesen, die sich letztlich ausgeschlossen hätten.
    Der Bauausschuss des Vegesacker Beirates hat sich zwischenzeitlich mit dem Nord-Bau-Entwurf befasst und ihn durchgewinkt. Auch das Bauamt Bremen-Nord wird sich nicht querlegen, wie Behördenchef Maximilian Donaubauer im Gespräch mit dieser Zeitung ankündigte. Donaubauer ist von dem Design zwar nicht überschäumend begeistert, sieht aber keinen Grund mehr, der Nord-Bau die Genehmigung zu versagen, nachdem das Unternehmen in der Planungs- und Abstimmungsphase bereits einige Nachbesserungen vorgenommen hat.
    Donaubauers Amtsvorgänger Christof Steuer hatte sich noch vehement für den Erhalt der historischen Bausubstanz ins Zeug gelegt. "Das kommt nicht in Frage, Punkt", legte er sich 2007 fest, als die Immobilienverwalter des Bistums Hildesheim erstmals laut über einen Abriss nachgedacht hatten. Doch auf Steuers kernige Ansage folgten sechs Jahre Leerstand, und die geben den heutigen Investoren ein schwer zu widerlegendes Argument an die Hand, mit dem sie eine Ausnahme vom Erhaltungsgebot beantragen können, das im gültigen Bebauungsplan festgeschrieben ist.
    Denkmalschutz spielte beim Theresienhaus nie eine Rolle. Landeskonservator Georg Skalecki hatte bereits 2012 deutlich gemacht, dass er dem Gebäude keinen hohen Stellenwert beimisst. Für ihn ist das Theresienhaus historistische Massenware, an der obendrein seit den 1880er Jahren mehrfach herumgepfuscht worden sei.



    Architektur-ProfessorEberhard Syring hielt wenig vom Nachfolge-Bau des Theresienhauses, hier sein Kommentar:


    „Unsensibel und ungeschickt gestaltet"

    Die Tage des Theresienhauses sind gezählt. Das historische Gemäuer in der Weserstraße soll einem luxuriösen Mehrfamilienhaus weichen. Der Entwurf der Firma Nord-Bau für das künftige "Bellevue" hat in den Leserbriefspalten unserer Zeitung bereits viel Kritik auf sich gezogen. Jürgen Theiner holte eine Expertenmeinung ein, und zwar bei Eberhard Syring, dem wissenschaftlichen Leiter des Bremer Zentrums für Baukultur (b.zb) und Professor für Baugeschichte an der Hochschule Bremen. Er sagt, dass sich der geplante Bau an die Straße anpassen muss.
    Herr Syring, ein Stück Vegesacker Baugeschichte verschwindet, und es überwiegen die Stimmen, die das bedauern. Nun ist das Theresienhaus kein architektonisches Juwel, sondern eher Durchschnittsware aus dem Historismus des späten 19. Jahrhunderts,obendrein noch verschandelt durch Umbauten. Ist es wirklich schade drum?


    Eberhard Syring: Ich finde schon–gerade auch mit Blick auf das Gesamt-Ensemble Weserstraße. Denn wenn man sich die Straße mal anschaut, wird man feststellen, dass ungefähr alle 50 Meter ein größeres Bauwerk aus dieser Zeit kommt. Ein Typus, der auch gestalterisch mit einer ähnlichen Formensprache arbeitet und diese orangefarbenen Ziegel aufweist. Vier dieser Häuser sind mir besonders aufgefallen: Die Nummern 75, 78a, 80 und84. Diese Gebäude sind historistisch, aber nicht ungeschickt gegliedert – nämlich in einer Weise, dass die recht große Baumasse nicht so auffällt. Das dokumentiert sich unter anderem am Theresienhaus. Es gibt da verschiedene Vor-und Rücksprünge. Dadurch wirkt es weniger monumental als der geplante Nachfolgebau.


    Dieses Gebäude soll an die Stelle des Theresienhauses treten. Vermarktet wird es unter dem Namen "Bellevue".Was halten sie denn von den Plänen, die Nord-Bau als Ersatz für das Theresienhaus vorgelegt hat?


    Das ist in meinen Augen eine relativ unsensible, ungeschickt gestaltete und auch viel zu groß wirkende Anlage. Ich finde den geplanten Baukörper für die Straße maßstabsprengend. DieWeserstraße ist ja geprägt durch eine Vielzahl verschiedener Bauwerke aus verschiedenen geschichtlichen Phasen bis hin zur Gegenwart. Der Entwurf nimmt sich optisch viel zu wichtig, er wirkt ein wenig parvenühaft.


    Benennen Sie doch mal, worin das Unsensible besteht.Warum muss man denn bei einem Wohnhaus mit 15 verschiedenen Wohnungen, in denen 15 unterschiedliche Individuen oder Familien wohnen, so tun, als bräuchte es eine symmetrische Form?


    Eine freiere Gestaltung mit Vor-und Rücksprüngen, Erkern, Loggien und so weiter könnte dem Bauwerk insgesamt gut tun, ohne dass seine Einheit verloren ginge–mit dem Ergebnis, dass sich das Gebäude der Maßstäblichkeit der gesamten Straße anpassen würde. Man könnte einwenden: Kritik an Investoren wie der Nord-Bau ist immer ein bisschen wohlfeil. Die Kritiker stehen nicht in der Pflicht, einen schlüssigen Alternativentwurf vorzulegen oder gar aufzuzeigen, wie der Altbau wirtschaftlich zu retten gewesen wäre. Man hätte zumindest einen Architektenwettbewerb ausschreiben können–mit dem Ergebnis einer größeren Bandbreite von Ideen. In einen solchen Wettbewerb wären die ökonomischen Bedingungen mit einzuflechten gewesen. Was eben fehlt, ist eine gestalterische Anpassung an den Kontext. Das Gebäude ist in gewisser Weise 08/15. Es könnte überall stehen. Die Weserstraße ist aber eine besondere Straße, die markanteste in Vegesack.


    Welche Eigenschaften müsste ein Alternativentwurf haben, der sich harmonisch in die Umgebung einfügt?


    Er müsste stärker die Situation beachten, die an dieser Stelle vorherrscht. Weiter in südlicher Richtung grenzen die Gebäude direkt an den Bürgersteig. Weiter nördlich gibt es Art Vorgärten. Die Tatsache, dass es sich hier um eine Übergangssituation handelt, wird architektonisch überhaupt nicht thematisiert.


    Teilen Sie die Einschätzung, dass sich im hochwertigen Geschosswohnungsbau in den letzten Jahren eine gesichtslose Investoren-Architektur ausgebreitet hat – meist mit weißer Fassade und einer ähnlichen Anmutung?


    Könnte man so sagen. Das liegt daran, dass man eine maximale Ausnutzung erreichen und einen mittleren Geschmack treffen will. Oft wird dann noch ein bisschen Retro-Schick mit eingebaut, ein kleines klassizistisches Detail etwa. Durch solche vorgeklebten Versatzstücke wird eine Anmutung geschaffen, von der die Bauherren glauben, dass davon ein großer Teil einer älteren, konservativen Käuferschicht angesprochen wird. Im Grunde handelt es sich dabei aber um keine zeitgenössische Architektur.


    In Bremen-Nord fällt auf, dass fast nur noch in exklusiven Lagen, vorzugsweise am Wasser, gebaut wird. Ansonsten herrscht hier auf dem Neubausektor weitgehend Stagnation. Was könnte die Politik tun, um dem Wohnstandort Bremen-Nord Impulse zu verleihen?


    Warum Bremen-Nord als Wohnort nicht so begehrt ist, ist eine komplexe und schwierige Frage. Wenn man hier spazieren geht, kann man es eigentlich gar nicht richtig nachvollziehen. Ich weiß auch kein Allheilmittel. Zumindest könnte man mit einer ambitionierteren Architektur dazu beitragen, den Standort aufzuwerten. Da bin ich ganzsicher. Aber eines ist natürlich klar: An dem grundsätzlichen Trend zum zentraleren Wohnen,von dem Bremen-Stadt derzeit profitiert, wird man nichts ändern können.


    Da hat dann Vegesack in den Augen vieler Leute vergleichsweise das Ambiente einer Kleinstadt......aber einer Kleinstadt mit besonderem Flair.


    Das stimmt. Man spürt hier ja auch ein gewisses Verlangen des Stadtteils, mit seinen Möglichkeiten und Schönheiten größer herauszukommen. Man kann eigentlich nur hoffen, dass das irgendwann auch mal greift.


    Gibt es in Bremen-Nord eine architektonische Umgebung, in der Sie sich wohlfühlen und von der Sie sagen würden: Da könnte ich mir persönlich vorstellen zuwohnen?


    Na klar, das ganze Lesumufer ist doch zum Beispiel total schön, oder auch die Weserstraße.Und abseits solcher exklusiven Lagen?Ich kann Ihnen da keine konkreten Straßennamen nennen, aber Bremen-Nord ist ja, wenn man so will, eine sehr collagierte Landschaft, wo ganz verschiedene Situationen aufeinanderprallen–dörfliche Bereiche mit 50er-Jahre-Siedlungen oder sehr bürgerlich geprägten Quartieren. Ich finde, das hat seinen Reiz.

  • Wenn der Investor schon auch ein Eingangsportal mit Halbsäulen und Dreiecksgiebel plant, dann könnte er doch wenigstens dazu verpflichtet werden, das vorhandene Portal auszubauen und dort als Spolie zu verwenden.

  • Im Stadtteil Blumenthal wurden die seit den 1960er-Jahren fehlenden Vasen wieder auf den Gedächtnistempel im Wätjens Park gesetzt. Der gesamte Tempel wurde gleichzeitig saniert.


    (...) Insgesamt haben die Instandsetzung des Tempels, die Herstellung der drei neuen Gefäße und Restaurierung der historischen Vase sowie das Aufsetzen 30.000 Euro gekostet. (...)

    Das erscheint mir aber sehr günstig. Wo es doch sonst immer gleich um unglaubliche Summen geht.


    Im Wätjens Park befindet sich auch das Wätjens Schloss. Nach Krieg und einem Brand, bietet das Schloss eher den Eindruck eines Flachdach-Bungalows.


    https://upload.wikimedia.org/w…emen-Blumenthal_(HDR).jpg


    Eigentlich hatte der Architekt das Schloss aber in folgender Version entworfen.


    https://static2.akpool.de/images/cards/68/682053.jpg


    Ich weiß ja nicht, aber irgendwie ist der aktuelle Zustand völlig unwürdig und schreit geradezu nach einem Wiederaufbau.

  • Bremen-Vegesack


    Villa Schröder


    In der hier schon erwähnten Weserstraße, 78a/79 auf dem hohen Weserufer, steht die Villa Schröder von 1887, von den Architekten Klingenberg und Weber.. Das Gebäude steht seit 1996 unter Denkmalschutz.

    Gebaut wurde die Villa im Stil der Neurenaissance für den Unternehmer und Fabrikanten Johann Friedrich Schröder (1831–1888). Dieser gründete das Bankhaus Schröder und Weyhausen, später auch Schröderbank genannt, in der Langenstraße 1. Das Gebäude ist im Strang Altstadt, als Kontorhaus bezeichnet, abgebildet. Schröder zimmerte in den 1920er Jahren einen großen Werftenverbund, die Deutsche Schiff- und Maschinenbau Aktiengesellschaft (Deschimag), zu der auch die Bremer Großwerft AG Weser gehörte. Anfang der 1940er Jahre wurde die Deschimag Eigentümer des Lloydgebäudes und blieb es bis zum Verkauf an den Horten-Konzern 1965 unter dem Eigentümernamen AG Weser..

    Nun soll die alte Villa einen modernen Anbau bekommen, der in gewohnter Weise weder mal ein Aufreger sein könnte. Der Immobilienunternehmer Mosel, der schon den gefühlten halbe Bremer Norden bebaut hat (die Bauhausgebäude in St. Magnus und Lesum sind sicherlich noch einigen in Erinnerung, auch hier im Strang sichtbar), will hier wieder zuschlagen. Aber seht Euch die Bilder der jetzigen Planung an. Davor gebe ich einen Überblick über den heutigen Zustand.





    Hier jetzt der sogenannte Anbau, im gleichen Stil wie das Haupthaus gebaut.



    Hier nun die Neubaupläne, der Abriss des Nebengebäudes ist geplant. Während sich das Altgebäude im Stil dem Hauptgebäude anpasst, nimmt das modern geplante Gebäude keinerlei Rücksicht auf Stilfragen. Typisch! Ich nenne das Stilbruch!


    Rückseite (Weserseite)




    Querschnitt mit Porsche, der uns die Adressaten der Eigentumswohnungen verrät.

  • Interessant, findorffer!


    Wenn das Altgebäude seit 1996 unter Denkmalschutz steht, wieso dürfen denn im Dach zu beiden Seiten plötzlich Gauben eingesetzt werden, wie es der Vorentwurf suggeriert?

    Und auch die rückseitige, breite Fensterfront im Erdgeschoss des Altgebäudes sieht nicht so aus als ob sie 'original' wäre.


    Von der zusätzlichen Dachterrasse auf dem Altgebäude mal ganz zu schweigen !!!

  • Bremen-Vegesack


    Villa Fritze - Weserstraße


    Die Villa des Bremer Kaufmanns und Senators Carl Wilhelm August Fritze von 1876 befindet sich in Weserstraße 74/75. Architekt: Heinrich Müller, Bremen.

    Hier war lange Zeit der Sitz des Ortsamtes Bremen-Vegesack. 2012 zog dieses an den Sedanplatz in einen Neubau (vermutlich wieder mal ein bremische Lösung, um dem Investor Einnahmesicherheit zu bieten). 2012 wurde die Villa an ein Immobilienunternehmen verkauft, dass das Gebäude in 8 Eigentumswohnungen aufteilte. Zum Grundstück gehört auch der teilweise zugängliche Vegesacker Balkon mit einem herausragenden Blick auf den Vegesacker Stadtgarten und die Weser plus Uferpromenade.



    Haupteingangsportal





    Südliche Weserseite



    Vegesacker Balkon


  • 2012 wurde die Villa an ein Immobilienunternehmen verkauft, dass das Gebäude in 8 Eigentumswohnungen aufteilte.

    Ich nehme mal an, dass das Unternehmen nicht Italiano hieß. Sonst ständen dort jetzt wohl drei Schuhschachteln.

  • Wir befinden uns jetzt auf der Höhe der Villa Fritze unten direkt an der Weser. Die hat hier im Vergleich mit der Bremer Innenstadt schon die etwa dreifache Breite. Hinten links sieht man die Lesummündung mit dem Schulschiff Deutschland.



    Zurück in die Weserstraße am hohen Hang. Ein par Meter hinter der Fritze-Villa ein interessantes Gebäude aus den 1920er Jahren. Auffällig - im Gegensatz zu heute - Dekor mit maritimen Bezügen.



    Daneben haben sich heutige Architekten verwirklicht.



    Sogenannte Kapitänshäuser säumen die Straße.







  • Zur Villa Schröder in der Weserstraße.


    Derzeitiger Eigentümer ist Olaf Mosel von M-Projekt.

    Will sich Herr Mosel den Charakter jenes Mannes aneignen, der nicht genannt werden darf und mit ihm um den Titel des 'Terminators von Bremen' konkurrieren?

    So wie es in einem Artikel 'Die Norddeutsche' vom 06.04.2020 zu lesen steht, https://www.weser-kurier.de/re…-werden-_arid,1906476.htm, will Herr Mosel ganz unverblümt gewaltige, substanzielle Eingriffe an einem denkmalgeschütztes Gebäude vornehmen.


    Er sei dabei in regen Austausch mit der Denkmalpflege und dem zuständigen Senats-Ressort.


    Ich habe keine Ahnung, was bei diesen Gesprächen großartig ausgetauscht werden soll.

    Der Entwurf von M-Projekt zeigt ganz offen, dass hier ein Teil eines denkmalgeschützten Gebäude einfach abgerissen werden soll, um großzügige und teure Wohnungen in einer exponierten Lage zu generieren. Vom Eingriff in die Dachkonstruktion des Hauptgebäudes (Gauben und Dachterrasse) mal ganz zu schweigen !!


    Ein absoluter Affront, der nicht geduldet werden darf !!


    https://www.denkmalpflege.brem…gsid=bremen160.c.16286.de

  • Bremen-Vegesack


    Ulrichs-Villa in der Weserstraße


    Einer der seltsamsten Fälle der jüngeren "Stadtentwicklung" spielte sich im Bremer Norden ab. Ein sechsgeschossiger Neubau am Weserhang wurde unter Denkmalschutz gestellt. Unfassbar, aber wahr. Nach Abschluss des Anerkennungsverfahrens sagte Bremens verantwortlicher Denkmalschützer Georg Skalecki: "Das ist uns aus dem Ruder gelaufen".


    Die Ulrichsvilla von 1840 in Bremen-Vegesack, Weserstraße 65, wurde von dem Werftbesitzer Hermann Friedrich Ulrichs bewohnt. Sein zweigeschossiges Wohnhaus wurde im Stil des Klassizismus erbaut und 2011 vom Landesamt für Denkmalpflege unter Denkmalschutz gestellt. Die Ulrichssche Werft wurde 1895 vom Bremer Vulkan übernommen, dessen Direktor Nawatzki bewohnte dann später die Villa.


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    Ulrichssches Wohnhaus


    Erst ein Testat der Denkmalschutzbehörde ermöglichte eine Denkmalabschreibung für die geplanten Neubauten, die nun neben und hinter die Ulrichsvilla am Weserhang als sechsgeschossiger Bauklotz jedes hier in der Weserstraße vorkommende Maß sprengen sollte. Der Investor wollte auch noch den alten Baumbestand des Vegesacker Stadtgartens zur Weser hin kappen, damit die Neubewohner einen freien Blick auf den Fluss bekommen. Konnte sich aber damit glücklicherweise nicht durchsetzen.

    Ohne die Afa-Anerkennung der Eigentumsneubauwohnungen hätten sich deren Käufer vermutlich zurückgehalten, der Verkauf wäre nur mit einer geringeren Rendite für die Nord-Bau möglich gewesen. Mit der Genehmigung der Denkmalschutzbehörde konnten die Erwerber der 20 Eigentumswohnungen ein Drittel ihres Kaufpreises steuerlich absetzen. Dadurch erhöhte die Firma Nord-Bau der hier schon mehrmals erwähnten Herren Ex-Senator Sakhuth und Mosel die Attraktivität der zum Verkauf stehenden Wohnungen.

    Die Größenverhältnisse zwischen der Ulrichs-Villa und der Neubebauung sind gewaltig: Der Neubau erdrückt die Villa von zwei Seiten, in den Hochglanzprospekten der Nord-Bau dominiert optisch aber immer die alte Villa. Nord-Bau bezeichnete seine Neubauten hinterlistig als "Assistenzprojekt". Das ist wieder mal beste Architekten- und Investoren-Prosa, die den Eindruck erwecken soll, dass es sich um einen kleineren Anbau an das Hauptgebäude - die Ulrichs-Villa - handelt. Von dieser blieb am Schluss nur die Fassade erhalten, das Dach wurde höher als im Original vorhanden gebaut (Da denken sicher manche an die strengen Kriterien beim Medienhauses, das ja bekanntlich nicht denkmalschutzwürdig war).

    Werbetafel für das Bauprojekt: Die alte Villa rückt in den Vordergrund, die Neubebauung (kleines Bild) mit ihren 20 Wohnungen, um die es ja eigentlich geht, hält sich auf dem großen Bild schüchtern im Hintergrund. Frage: Warum stellt die Nord-Bau die alte Villa so dominant dar? Vermutlich, weil Schönheit und Historie den Verkauf ankurbeln. Wie wäre es denn, wenn der Investor auch bei der Neubebauung auf Schönheit gesetzt hätte? Ist natürlich ein Kostenfaktor, den man im anspruchslosen Bremen nicht bemühen muss. Es geht ja auch so:


    21820-nordbau-autoscaled-jpgQuelle: Die Norddeutsche


    Georg Skalecki später selbstkritisch: "Das hat sich zu einem Koloss entwickelt, auf den ich wahrlich nicht stolz bin" und " das Projekt der Nord-Bau dürfe "kein Präzedenzfall" für ähnliche Vorhaben in anderen Bremer Stadtteilen werden. Das Finanzamt verwies auf das Einkommenssteuergesetz, in dem festgelegt ist, dass Steuerpflichtige ihre Aufwendungen für Baudenkmale von der Steuerschuld abziehen können. Durch das OK des Landeskonservators waren diese Voraussetzungen gegeben. So kam die Denkmal-Afa für 20 exklusive, neu gebaute Wohnungen zustande.


    "Die Norddeutsche" äußerte sich dazu in einem kritischen Kommentar:


    21821-nordbau-0002-jpg


    Aus: "Die Norddeutsche" vom 22. September 2011



    Aus dem Ruder gelaufen


    Diese aus dem maritimen Bereich stammenden Redewendung scheint hier am Hang nahe der Weser eine angemessene Beschreibung des Vorgangs zu sein. Die größte Segelschiffreederei der Welt, Wätjen, brachte im 19 Jahrhundert ihre Waren aus allen Kontinenten in die Bremischen Häfen, die Mannschaften der Segelschiffe konnten da schon die Ulrichsvilla bewundern. Später dann fuhr die "Bremen" von der Gröpelinger Werft AG Weser zur Jungfernfahrt hier entlang und bis in die 1960er Jahre belieferten große Frachtschiffe den damals umsatzstärksten Hafen Europas, den Überseehafen. Alle immer an Vegesack vorbei.


    Zur Redewendung konnte ich folgende Informationen finden: Sie kommt aus der Seefahrt und bezieht sich auf das am Heck von Segelschiffen befindliche Ruder, mit dem die Seeleute steuern und den Kurs bestimmen können. Trifft nun im Sturm viel Wind seitlich auf das Schiff, beginnt es sich zu neigen. Dadurch hebt sich das Ruder immer weiter aus dem Wasser, bis es keinen Kontakt mehr hat. Das Segelschiff dreht sich nun ungewollt zum Wind und läuft aus dem Ruder. Dadurch kann der Kurs nicht mehr bestimmt werden.

    Diese Beschreibung lässt sich als Analogie natürlich sehr gut auf das Verhalten der Denkmalschutzbehörde anwenden:: Schärft sie doch den Eindruck, dass diese evtl. schon länger nicht mehr Kurs halten kann bzw. bei jedem größerem Sturm - Investorenbegehren - den Kurs verliert.


    Aus der Entscheidung der Denkmalschutzbehörde ergeben sich mehrere Fragestellungen:


    Warum erklärte die Denkmalschutzbehörde nicht, weshalb sie so gehandelt hat?

    Hatte der Landeskonservator die Pläne der Nord-Bau vorher nicht begutachtet?

    Gab es Strategien der Nord-Bau, den Denkmalschützer so über den Tisch zu ziehen?

    Gab Druck aus der Politik?

    Wie glaubwürdig ist die Aussage der Denkmalschutzbehörde, dieses Projekt der Nord-Bau dürfe "kein Präzedenzfall" für ähnliche Vorhaben sein? Der Vorgang ereignete sich im September 2011. Danach sah die Behörde keine Möglichkeit, das Theresienhaus - hier im Strang - unter Denkmalschutz zu stellen. Dies erwarb der Ex-Senator Sakhuth, ließ es abreißen und stellte einen Neubau hin. Kein Präzedenzfall? Diese Aussage wirft auch ein Licht auf das Neubau-Projekt Schröder-Villa der Firma M-Projekt. M Steht für den ehemaligen Geschäftsführer der Nord-Bau, Mosel. So trifft man sich wieder. Als Geschäftsführer der Nord-Bau verstand Olaf Mosel die Aufregung nicht: Er hielt die Denkmal-Afa für berechtigt.


    Der Bauamtsleiter für den Bereich Nord Maximilian Donaubauer hatte - danach - eine eindeutige Meinung. Er hielt h die Wirkung des wuchtigen Neubaus für "grenzwertig" und das Ganze für "nicht wiederholenswert". Dazu wird es auch nicht kommen. Es ist ja ein Einzelfall. Aber der nächste "Einzelfall" steht ja schon wieder vor der Tür. Und dann wäre eine ähnliche Bemerkung von Herrn Donaubauer auch nicht wiederholenswert. Durch die vielen Einzelfälle bekommen die Bremer langsam den Eindruck, sie befinden sich in dem Film: "Und täglich grüßt das Murmeltier".

  • Ulrichsvilla Teil 2 - Aktuelle Bilder








    Der Haupteingangsbereich - Klassizismus trifft auf schwarzes Aluminium




    Die Rückseite zur Weser hin mit dem alten Baumbestand - eine Dominante im Vegesacker Stadtgarten



  • Bremen-Blumenthal

    Der Stadtteil liegt ganz im Norden der Hansestadt und besteht neben Blumenthal aus den Ortsteilen Rönnebeck, Farge, Rekum, Bockhorn und Lüssum. Man fährt vom Bremer Zentrum mit dem Auto ca. eine halbe Stunde, die Entfernung beträgt etwa 25 Kilometer, mit der S-Bahn sind es 35 Minuten.

    Die Bremer Wollkämmerei


    Die Bremer Woll-Kämmerei AG (BWH) war als weltweit tätiges Unternehmen in der Wolltextilindustrie wohl neben dem Norddeutschen Lloyd Bremens zweite "Weltfirma". Es war weltweit das größte Unternehmen seiner Art. Der Hauptsitz befand sich in Bremen-Blumenthal. Es gab Niederlassungen bei Istanbul, in Australien und in Neuseeland. Die BWK verarbeitet Rohstoffe wie Schafwolle und Chemiefasern.

    Gegründet wurde das Unternehmen 1883 von Bremer Kaufleuten, dafür stand ein 50 Hektar großes Gelände zur Verfügung, bis zu 5000 Arbeiter waren dort beschäftigt. Mehr als 170 Gebäude gehörten einst zur BWK.


    Ich ging bisher davon aus, dass Standort an der Weser gewählt wurde, weil die Baumwolle von den großen Frachtschiffen direkt angeliefert werden konnte. Aber es gibt hier keine Hafenanlagen, die Baumwolle wurde in den Überseehafen und von dort mit der Bahn nach Blumenthal gebracht. Der eigentliche Grund für die Standortwahl war wohl, dass die giftigen Abwässer in den Fluss geleitet werden konnten. Heute UNMÖGLICH!

    Nach 125 Jahren wurde die Bremer Woll-Kämmerei im Jahre 2009 geschlossen. Heute liegt das ungefähr 30 Hektar große Gelände brach.

    Interessant sind die noch verbliebenen Bauten der BWK, die unter Denkmalschutz stehen und die ich hier den Foristen nahe bringen will. Bei einigen Gebäuden konnte ich die Funktion beschreiben, aber nicht bei allen.


    Ehemalige Kaufmännische Verwaltung der BWK



    Technische Verwaltung von 1913



    Links: Sortiergebäude von 1915



    Seitenansicht Sortiergebäude



    Kammzuglager von 1895





    Das Haus 159 von 1922 als achteckigen hohen Wasserturm plante D. Eugen Fink, Hamburg.



    Weitere Gebäude