Posts by Heinzer

    Die Frage muss aber erlaubt sein, was man mit den ganzen (fast) ungenutzten Kirchen sonst machen soll? Die Kirchen haben einen Doppelschlag zu verdauen, 1. den demografischen Wandel, also immer mehr alte Menschen und eine besonders auf dem Land schrumpfende Bevölkerung und 2. eine zunehmende Säkularisierung, die mit unheimlicher Geschwindigkeit voranschreitet.


    Ich bin Jahrgang 1975, und entsprechend war es Anfang der 90er Jahre der Regelfall, dass in meiner evangelischen Heimat mehr oder minder alle konfirmiert wurden, aus meiner Klasse (die bereits gymnasial war und in einer Universitätsstadt, also sicherlich nicht besonders traditionell) wurden bestimmt 15 Jugendliche konfirmiert, der Rest war (wie ich) katholisch, wenige bereits damals ausgetreten.


    Heute ist mein Sohn eines von 5 Kindern in seiner Klasse, der zum Konfirmandenunterricht geht. Der Regelfall ist innert einer Generation zum Ausnahmefall geworden. Und bereits meine Generation war ja weitgehend säkularisiert, also Exerzitien hat da niemand mehr gemacht, aber die Tradition bestand noch.


    Also, eine ganz neutrale Frage: Was soll man sonst machen? Solange es diese 60er Dinger sind, geht es ja noch. Schlimm wird es, wenn es an die Dorf- und Stadtkirchen geht.

    Na, dann sag doch mal, wie Du sowas wirtschaftlich darstellbar wesentlich besser hinkriegen willst. Wenn man eine jahrzehntelange Brache mitten in der ohnehin schon brach liegenden Alten Neustadt haben will, dann kann man natürlich die Ansprüche so hoch schrauben, dass einfach gar nichts mehr passiert in der Stadt. Irgendwer muss den Zirkus ja schließlich bezahlen und will damit auch Geld verdienen, was ich alles andere als verwerflich finde.

    Der andere Teil dieser Geschichte ist aber auch, dass es einfach viel weniger zu reparieren gibt. Irgendwann mal die Bremsen, ja. Neue Reifen, ok. Vielleicht mal Federung/Radaufhängung? Naja. Lampen austauschen (auch viel seltener durch LED, wenn ich überlege, wie oft ich irgendwelche Glühbirnen an meinem Ford austauschen muss und dann wieder mit Youtube-Videos und Schraubenzieher um mein Auto schleiche).


    Und dann? Nichts. Keine Kupplung, kein Kühler, keine Zylinderkopfdichtungen, keine Nockenwelle, keine Lichtmaschine, kein Keilriemen, kein Getriebe, keine "Motorsteuerung", die spinnt und selbst dem Fachbetrieb die Schweißperlen auf die Stirn treibt. Die Lebensdauer wird durch die Batterie definiert, die man nicht reparieren kann. Wenn diese 15 Jahre hält, werden die Autos wesentlich wartungsärmer älter als ein durchschnittliches Verbrennerauto.


    Hinzu kommt, dass die freien Werkstätten auch schon unter den heutigen Autos massiv leiden, da die Hersteller es diesen oft bewusst schwer machen. Glaube, dass die für die freien Werkstätten und klassischen Schrauberbuden auch bei einem Festhalten an der Verbrennertechnologie immer schwerer geworden wäre. Ich fahre mit unserem brav zu so einem Laden, aber der kann schon bei meinem 2009er Auto nicht mehr alles machen. Das wird bei einem aktuellen Merzer ganz sicher nicht weniger geworden sein.

    Vom -wenn er seine Medikamente genommen hat- mal wieder unverwüstlichen Optimisten folgende Geschichte, die aus meiner Sicht durchaus illustriert, dass sich etwas in die Richtung entwickelt hat im Umgang mit Bauerbe und auch in puncto Neubebauung. Es geht um das Hachez-Gelände, das mitten in der Alten Neustadt in Bremen liegt. Dort wurde bis Ende letzten Jahres noch die bekannte Hachez-Schokolade hergestellt (zumindest ist dieser Begriff jedem Bremer bekannt). Nun ist die Fertigung mit zuletzt noch etwas über 100 Angestellten nach Polen abgewandert, die Hauptverwaltung ist allerdings in Bremen geblieben und ins Tabakquartier gezogen (ein weiteres Umnutzungsprojekt, von dem ich bei Gelegenheit mal berichten werde).


    So weit, so gut, eine für Bremen fast schon klassische Geschichte. Natürlich haben die örtlichen Silberrücken der Immobilienbranche gleich ein Auge auf das wirklich ideal liegende Areal geworfen:


    (Quelle: hachez-quartier.de)


    Atypisch schnell hat die Stadt geschaltet und sich ein Vorkaufsrecht für das Areal gesichert. Es wurden die üblichen "Werkstattverfahren" und anderen Maßnahmen der öffentlichen Beteiligung angeleiert, bei denen am Ende doch so oft nur Murks herauskommt. Allerdings hat sich das in den letzten Jahren in Bremen doch zunehmend geändert, es gibt mittlerweile einige Beispiele für gelungene Verfahren mit frühzeitiger Beteiligung der Öffentlichkeit. Die Ergebnisse dieses Werkstattverfahrens wurden nun in einer öffentlichen Sitzung erläutert und diskutiert.


    Es handelt sich um folgendes Areal im GoogleEarth-Luftbild:



    (Blick Richtung Süden/Neustadt)



    (Blick Richtung Norden/Altstadt/Weser)


    Man sieht ein ziemlich heterogen bebautes, ehrlich gesagt leicht runtergekommenes Industrieareal mit Gebäuden aus vielen verschiedenen Epochen mit einer Basis aus dem späten 19. Jahrhundert, das nach Kriegszerstörungen und zahlreichen Umbauten aber nur noch in Rudimenten zu erkennen ist - wie gesagt typisch für Bremen wirklich mitten in einem Wohngebiet im Zentrum der Alten Neustadt.


    Die Entwürfe für die Umnutzung sehen den Erhalt von immerhin 5 der Altbauten vor, darunter dieses Herzstück des Areals, in das Gastronomie und Ateliers einziehen sollen:



    Auch erhalten werden soll dieser momentan als südliche Grenze zur Großen Annenstraße fungierende Riegel:



    Quelle für beide obigen und die folgenden Bilder sind der folgende Butenunbinnen-Beitrag, der zusätzlich mit Material des Kopenhagener Architektur- und Stadtplanungsbüros COBE arbeitet. Aus deren Vorschlägen hier ein paar Bilder der Planungen:



    Diese Karte enthält die erhaltenen Altbauten auf dem Areal. Die anderen Areale sollen abwechslungsreich und im Blockrand bebaut werden, wie es für ein solches Gebiet zur Erbauungszeit ganz typisch gewesen wäre:



    Ansicht zur Westerstraße:



    Nun ist zu beachten, dass dies nur vorläufige Baumassenstudien sind. Die individuelle Gestaltung der Fassaden, wie sie mir durchaus zusagen würden auf dem letzten Bild, ist nicht endgültig. Falls das so umgesetzt werden sollte, halte ich das Projekt für sehr nahe am idealerweise Machbaren mit so einem Areal in Bremen. Es sollen natürlich Wohnungen entstehen, dazu Büros, Gastronomie, Kleingewerbe, insgesamt tatsächlich eine Art "neues Herz für die Alte Neustadt", wie die Architektin im obigen Beitrag schmunzelnd ob der seltsamen Mehrfachverwendung von neu und alt sagte.


    Die ganze Gegend atmet zur Zeit für eine solch zentrale Lage in Bremen wirklich umfassende Nachkriegstristesse. Direkt gegenüber liegt mit dem "Lucie-Flechtmann-Platz" und den umliegenden Gebäuden aus den 90er Jahren noch weiteres Anschauungsmaterial dafür, wie man es nicht machen sollte. Rechts und links dann niederschmetternde Hässlichkeit aus den 60-80er Jahren.


    Nur mal wieder eine kleine Geschichte, die zeigt, dass sich gerade in den letzten 5 Jahren wirklich einiges getan hat bei zeitgenössischer Stadtplanung. Man kann sicherlich fordern, dass noch klassischer gebaut wird oder dass wirklich jeder Altbau auf jedem Konversionsareal in Deutschland erhalten werden muss - aber ich finde das hier um Welten besser als alles, was an solchen Stellen vor 60, 40 oder 20, sogar 10 Jahren gebaut worden wäre. Vielleicht sind es die in Bremen zuletzt sehr beliebten dänischen und niederländischen Planungsbüros, die auch in der Überseestadt bei den neuen Projekten zunehmend zum Zuge kommen (COBE, De zwarte Hond) und eine offensichtlich geringere Aversion gegen Urbanität und Gestaltung haben als deutsche Büros? Man weiß es nicht - aber mir gefällt's.


    Nun sollte das auch so oder so ähnlich kommen und nicht noch ewig lange zerquatscht werden.

    Die Technologie Elektro-Motor trägt sich für TESLA wirtschaftlich nicht, zumindest überhaupt nicht aus dem eigentlichen Kerngeschäft. Diese Super-Technologie muss querfinanziert und wenn du so willst, massiv subventioniert werden.

    Die Technologie Elektro-Motor trägt sich eben sehr wohl. Mich wundert, dass Euch die Fantasie hierfür fehlt. Glaubst Du, dass Daimler 1890 einen großen Gewinn erzielt hat? Das ist in der Gründungsphase nunmal so. Mittlerweile macht Tesla der deutschen Autoindustrie schön Beine und treibt diese zu Innovationen an. Selbst wenn es nur dafür reichen sollte, wäre es schon etwas wert gewesen. Das Lustige ist ja, dass der von Euch tagein tagaus besungene Niedergang Deutschlands - wenn er denn überhaupt existent sein sollte- gerade mit dieser Risikoaversion zu tun hat, die Erbse oben beschrieben hat. Alles zu 125% tot diskutieren, kann mir irgendwie nicht vorstellen, dass das einer Erfolgsgründe Deutschlands in der Industrialisierungsphase im späten 19. Jahrhundert war.


    Die Subventionen für die Elektrifizierung der individuellen Mobilität werden schon bald zunehmend reduziert werden, in 10 Jahren kräht da kein Hahn mehr nach. Was meinst Du, mit welchen Summen der MIV auch völlig ohne Elektro schon alles subventioniert wird?


    Ich würde in solchen Diskussionen manchmal sehr gerne einfach 10 oder 15 Jahre vorspulen. Glaube kaum, dass irgendjemand noch über diesen Quatsch diskutieren wird dann. Schon allein wenn man sieht, was vor 10 oder 20 Jahren alles angeblich unmöglich sein sollte und heute Alltag ist, muss man doch erkennen, dass dieses Bedenkentragen irgendwie lächerlich ist. Heimdall wird im 15 Jahren dann ganz locker mit seinem gebrauchten E-Auto zum Einkaufen fahren (oder eben mit einem gebrauchten Benziner), das ganze Gepluster und Aufgerege wird mal wieder für die Katz gewesen sein, wie schon jenes vor 15 oder 30 oder 45 Jahren. Gurtpflicht? Was kommt als Nächstes?

    Aber die Diskussion führt ohnehin zu nichts.

    Die Diskussion ist auch deshalb so schwierig, weil das, was Ihr sagt, so oft nachweisbar falsch ist. Darauf, dass Tesla im 2. Quartal 2021 entgegen Deinen Äußerungen sehr wohl einen Gewinn erzielt hat, gehst Du nun gar nicht mehr ein, sondern erzählst irgendetwas von im Lande bleibendem Geld. Das gleiche ein paar Seiten vorher bei Heimdalls Behauptung, die Wohneigentumsquote würde sinngemäß durch dunkle Kräfte, die Eigentum insgesamt verpönen wollen und aufgrund derer bald nicht mal mehr Laptops besessen werden dürfen, sinken - dabei reichte ein Klick um zu belegen, dass sie steigt. Solange also schon die Basis der Diskussion oft genug nicht stimmt, ist es natürlich schwierig, zu diskutieren, das ist richtig.


    Ihr erinnert mich manchmal an diese Jungs hier in den USA, nur dass wir hier gottseidank noch nicht zusätzlich auch noch diesen religiösen Eifer im Lande haben:


    Dass diejenigen, die die gegenwärtig bestehenden Wertvorstellungen vertreten (was für die Mehrheit ihrer Kultur/Gesellschaft völlig normal ist) diese meist verabsolutieren, scheint einfach unausrottbar. Ebenso, dass über den Gedanken, dass andere Zeiten andere Bewertungen vornehmen (ob richtig oder falsch), bestenfalls verständnislos mit dem Kopf geschüttelt wird, schlimmstenfalls die Moralkeule herausgeholt wird (wie hier wieder mal der Fall).

    Ich weiß nicht, das klingt mir erschütternd relativistisch. Ich möchte jedenfalls in keinem System leben, in dem KZ-Häftlinge unwidersprochen als Verbrecher bezeichnet werden können und kann mir auch nicht vorstellen, dass die Moralvorstellungen in Mitteleuropa so fluide sind, dass dies vor 80 oder 150 Jahren von der Mehrheit der Bevölkerung -wenn sie denn Zugang zu unverfälschten Informationen gehabt hätte- als rechtens empfunden worden wäre. Außerdem wird hier tlw. auch Strohmännern hinterhergejagt, alle hier Anwesenden haben wiederholt geäußert, dass die Bewertung von Geschichte immer auch aus der Perspektive der damaligen Zeit erfolgen sollte, weswegen hier auch niemand fordert, Kolumbus- oder Bismarckdenkmäler niederzureißen, wenn das vielleicht aufgefallen ist. Ich sehe auch Umbenennungen von Straßen- oder Platznamen mit Bezug zur Kaiserzeit überwiegend kritisch, nicht, dass hier mal wieder alles in einen großen "igittlinks"-Topf geworfen und einmal durchgerührt wird.


    Gestritten werden kann also jederzeit über die sich verändernde Wichtung dessen, was wir als "Werte" empfinden. Mag sein, dass vor 150 Jahren "Gehorsam" als Wert höher eingestuft wurde als heute und umgekehrt "Gerechtigkeit" damals mit anderem Fokus gesehen wurde als heute. Aber von diesem Maximalrelativismus, dass jegliche rückwirkende Bewertung einer Zeit und ihrer Verbrechen quasi verachtenswerter "Moralismus" wäre, würde ich doch energisch warnen. Die Taten der Nationalsozialisten waren auch im Kontext der damaligen Zeit verbrecherisch, ebenso wie der Umgang der Deutschen mit den Herero oder die Untaten König Leopolds im Kongo. Dass das damals weniger empört rezipiert wurde, lag einfach an den schlechteren Kommunikationsmöglichkeiten und einer im wesentlichen mit dem Broterwerb beschäftigten Bevölkerung. Es gibt genügend zeitgenössische Quellen, die aber durchaus hierauf aufmerksam machten.


    Wenn man das, was Du behauptest, auf die Spitze triebe, könnten wir uns Geschichtswissenschaft einfach ganz sparen und vollkommen auf die Bewertung von Geschehenem verzichten, zeitgenössische Quellen unkritisch wiederkäuen. Das ist aber das Gegenteil von Wissenschaft. Anders als Du hier wortreich behauptest, geht es Euch aber gar nicht darum, eine vollkommen neutrale, "unvoreingenommene" Sicht auf unsere Geschichte zu unterstützen (was ja zumindest ein hehres Ziel wäre, wenn auch unrealistisch), sondern einfach nur eine -mindestens genauso gefärbte- Gegenerzählung auf sehr wackligem Fundament zu etablieren. Dir gefällt eben anscheinend eher das Wertefundament der Kaiserzeit (?), und Du möchtest möglichst viel, auch heutige Ereignisse, auf dieser Basis gewertet sehen. Deine vermeintliche weltanschauliche Neutralität entpuppt sich so als genauso wenig "wertneutral" wie die Sicht der modernen Geschichtswissenschaft.


    Das erklärt im Übrigen auch, warum bei Euch überspitzt gesagt früher alles besser war und heute alles Mist und viele von uns das umgekehrt sehen.

    War auch in Bremen nach dem Krieg überhaupt kein Problem, trotz westdeutsch-protestantischem Rigorismus - im Prinzip ist sowohl das Erscheinungsbild der Marktplatzwestseite und von Teilen des Schnoors das Ergebnis von munteren Translozierungen, da wurde hier ein Giebel transloziert und dort eine Fassade an anderem Ort wiederaufgebaut. Insgesamt sah das die unmittelbare Nachkriegsgeneration anscheinend deutlich lockerer (wie auch alle Generationen vor ihr, das Konzept ist ja wahrlich nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg angewandt worden.

    Glaub ich sofort, Heimdall. War natürlich etwas überspitzt formuliert. Die verwundenen Details der komplizierten Geschichte des Gelingens der Frankfurter Altstadt sind mir nicht bekannt.


    Aber einen wahren Kern hat es. Die SPD als einen natürlichen Teil des "Kartells" der Rekogegner darzustellen, ist grundfalsch. Bei den Grünen und bei der Linkspartei ist das sicherlich noch eher zu halten, aber selbst bei diesen Parteien gibt es Leute, die sich für Rekonstruktionen einsetzen. Z.B. hatte der Verein Anschari vor der letzten Bürgerschaftswahl in Bremen einen Fragenkatalog an die zur Wahl antretenden Parteien mit ihrer Position zum Wiederaufbau stadtbildprägender Bauten gestellt. Die Antwort der Linkspartei hat uns alle wohl am meisten überrascht, denn diese hatte sich sogar noch jenseits der üblichen Floskeln vorgewagt und diese als klar positiv und wünschenswert beschieden. (Was daraus dann in der Realität geworden ist/wäre, bleibt natürlich ungeprüft, zumindest gab es keine Proteste gegen die Rekonstruktion der Essighausfassade). Insgesamt scheint das Thema nicht überall in der Republik so politisiert zu sein wie in Dresden, Berlin und Potsdam (wobei es auch dort bei ehrlicher Betrachtung doch eher irrelevante, wenn auch laute Gruppen sind, die Stress machen). Die größte Hürde scheinen mir in den meisten Städten eher apathische oder modernistisch beeinflusste Verwaltungen zu sein und weniger wirkliche Politik.

    Schöner Bericht, unaufgeregt, erfrischend unpolitisch. Passt mal wieder so gar nicht zu dem hier so gerne kultivierten Vorurteil, dass die SPD immanent anti Rekonstruktion wäre. Dieser Stadtbaurat aus Mitte macht aus meiner Sicht einen sehr vernünftigen, bedachten Eindruck. Es ist eben auch etwas anderes, so etwas auch ökonomisch Heikles und Komplexes in verantwortlicher Position zu planen als im Internet seine Wunschträume und deren vermeintliche Verhinderer zu nennen.


    Wäre schon blöd, wenn man solche Leute oder auch die beiden sehr sympathischen Initiatoren in die ermüdenden Culture Wars durch eine grob vereinfachende Links-Rechts-Dichotomie mitreinzöge. Übrigens basieren ein Großteil der in den letzten Jahren realisierten Rekonstruktionen auffallend oft auf Entscheidungen unter SPD-geführten Regierungen (Berliner Stadtschloss - Gerhard Schröder, Potsdamer Schloss - Michael Platzeck, Lübecker Bürgermeister in der gesamten Planungsphase des Gründungsviertels - SPD).


    - Die SPD wollte zusammen mit den Frankfurter Altstadtfreunden übrigens 2005 auch einen Bürgerentscheid für das Areal des Technischen Rathauses.

    - Sie steht dem Wiederaufbau des Karstadts am Hermannplatz positiv gegenüber.

    - Nicht zuletzt war der SPD-Politiker Florian Pronold bis zu seiner Abberufung auf Druck der Architektenkreise ein ziemlich glasklarer Verfechter einer sauberen Rekonstruktion der Bauakademie.

    - In Bremen äußerten sich besonders SPD- und Grünenpolitiker öffentlich enttäuscht darüber, dass die Essighausfassadenreko gescheitert ist.

    - In Hamburg hat sich die regierende SPD stark für den orginalgetreuen Wiederaufbau der Synagoge am Bornplatz ausgesprochen


    ... nur mal so ein paar schnelle Beispiele. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass hinter fast jeder Rekonstruktion in Deutschland die SPD steht :tongue:.


    Es fällt bei einem Realitätscheck zumindest wirklich sehr, sehr schwer, die SPD als immanent antireko darzustellen. Das heißt nicht, dass alle SPD-Politiker glühende Anhänger traditioneller Architektur wären, nicht dass das hier missverstanden wird. Die Realität ist aber eben meist wesentlich komplexer als erzählt. Wäre schön, wenn das hier mal manche Leute auch mal wahrnehmen und nicht immer und immer wieder ihre vereinfachenden Schwarzweißgeschichten hier erzählen würden. Einfach nur mal ein Stück unaufgeregter und weniger spaltend wäre einfach top.

    Folgendes Geschäftshaus im Ostertorsteinweg wurde mit Mitteln der Deutschen Stiftung Denkmalschutz saniert:



    Vorzustand GoogleStreetView



    Leider abgeschnitten ist, dass auch am rechten Nachbarhaus der schreckliche Ladenfrontumbau rückgängig gemacht wurde.

    Eine sehr langwierige Sanierungsgeschichte ist nun fast zu Ende:



    Dieses Haus in der Mozartstraße stand jahrelang leer und war wohl in einem ziemlichen Originalzustand. Die Sanierungsarbeiten zogen sich mit mehreren Pausen über die letzten mindestens 4 Jahre hin, neulich wirkte das Haus zum ersten Mal wieder bewohnt:


    Wie gesagt, mir geht es nicht um die absolute Wahrheit bei den Arbeitslosenzahlen. Die kann man ohnehin nie finden. Am besten ist eine konsistente Methode, deren Verlauf auch bei einem konstanten Fehler eben trotzdem und sehr wohl belastbare Rückschlüsse auf die "wahre" Entwicklung des untersuchten Gegenstands zulässt.


    Es bleibt wichtig, darauf hinzuweisen, dass die momentanen Zahlen eben "ehrlicher" sind als diejenigen bis 2005. Das geht bei der "früher besser"-Fraktion hier sehr gerne unter. Die nach 2005 noch erfolgten Änderungen an der Zählweise, die in der Tat noch wieder zu leichten Abwärtskorrekturen/Nichterfassung/"Schönung" der Arbeitslosenzahlen geführt haben, waren insgesamt geringfügiger Natur und ändern an der insgesamt heute wesentlich korrekteren/realistischeren Registrierung von Arbeitslosen gegenüber dem Zustand vor den Hartz-Reformen nichts.


    Am besten nimmt man - wie oben gesagt- einfach eine Methode, die sich methodisch gar nicht verändert hat, um den umfassenden Rückgang der Arbeitslosigkeit seit dem Jahr 2000 zu illustrieren: Die OECD-Methode. Diese führt zu einer noch geringeren, also "geschönteren" Arbeitslosenquote als die offizielle deutsche, zeigt aber eben aufgrund der methodischen Konsistenz, wie massiv die Arbeitslosigkeit in den letzten 20 Jahren abgenommen hat. Wer diese Fakten bezweifelt, mit dem kann eine solche Diskussion einfach nicht sinnvoll geführt werden. Auch damals gab es schon alle heute genutzten Statistiktricks und sogar noch viel mehr wie massenhafte Frühverrentungen, "Dauerparken" von Langzeitarbeitslosen in sinnlosen Weiterbildungsmaßnahmen, "Aussortieren" von schwer Vermittelbaren in die Sozialhilfe usw. - und trotz der weitgehenden Abschaffung der meisten dieser "Tricks" mit den Hartzreformen hat die Arbeitslosigkeit seither deutlich abgenommen, die geleisteten Arbeitsstunden haben bis Corona zugenommen, die Lohnquote (also der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen) hat zugenommen und 2020 Rekordmaße erreicht. Es gibt da einfach wirklich nicht viel zu diskutieren.


    Zur deutschen Bahn: Da meinen wir glaube ich dasselbe. Es wurde kurz gesagt einfach konsequent viel zu wenig investiert in die Bahn seit den 1990er Jahren und das Ergebnis sehen wir jetzt. Hinzu kommen 12 Jahre CSU in diesem Ressort mit vorsichtig gesagt nicht gerade den kompetentesten Fachministern. Man kann nur hoffen, dass die neue Bundesregierung hier massiv gegensteuert.

    Ja, das wäre heute ein absolutes Gold-Ensemble. Schon sehr schade, da ist dem findorffer absolut Recht zu geben. Mich wundert auch, wie gut das Schlachthofareal den Krieg anscheinend überstanden hatte, denn im unmittelbar benachbarten Findorff gibt es gerade in Schlachthofnähe doch sehr verbreitete Zerstörungen.


    Nun steht der Schlachthof etwas verloren auf der zugigen Bürgerweide herum, gerade die herrliche Fleischmarkthalle zur Kreuzung hin könnte heute z.B. als Konzert- oder Gastrolocation dem Stadtteil richtig guttun.

    Wikos:

    Auch da muss ich einhaken. Es geht ja nicht darum, dass es für jedes Individuum überall jetzt gut ist, sondern um Veränderung gegenüber z.B. den 2000er Jahren. Das war meine Bewerbungsphase und unzählige meiner Mitstudenten und -absolventen haben damals einfach gar keinen Job gefunden, wohlgemerkt Endzwanziger mit Toplebensläufen in so verschiedenen Fächern wie BWL, Architektur, Medizin, Lehramt etc.


    Heute können sich diese Menschen ihre Jobs aussuchen. Damals haben sie in großen Zahlen das Land verlassen. Das kann man z.B. hier - Link zur Seite des Statistischen Bundesamtes alles sehr gut nachvollziehen. Im Januar 2005 hatte Deutschland über 5 Millionen Arbeitslose, und zwar bereits nach der neuen, "ehrlicheren" Zählweise, die im Zuge der Hartz-Reformen eingeführt wurde (daher der Sprung von Dezember 2004 auf Januar 2005, es wurden nun ehemalige Sozialhilfeempfänger, die in den Statistiken gar nicht mehr auftauchten, als arbeitssuchend registriert).


    Das ist z.B. auch so ein wiederkehrendes Motiv der Pessimisten. In jeder Debatte über den Arbeitsmarkt wird diese "gefühlte" Diskrepanz zwischen dem Erlebten und den Zahlen damit erklärt, dass die Statistik geschönt wird. Hierfür werden dann zahlreiche Beispiele und kleine Änderungen der Zählweise der Statistik herangezogen, die in den letzten Jahren erfolgt sind. Mit keinem Wort wird je darauf eingegangen, dass die Umstellung der Statistik 2005 die Zahlen "ehrlicher" gemacht hat, als sie es in den 80er und 90er und früher 2000er Jahren je waren, eben wegen des erwähnten Mitzählens von vorher nicht berücksichtigen Sozialhilfeempfängern.


    Ich kann nur immer wieder auf die Fakten hinweisen. Und eine dieser Fakten ist, dass die Zahl der Arbeitslosen seit 2005 um mehr als 2 Millionen Menschen zurückgegangen ist. Willst Du behaupten, dass sei alles "Statistiktricks" zu verdanken? Dann nimm doch die OECD-Arbeitslosenrate, die ist -bei unveränderter Methodik- im selben Zeitraum sogar noch stärker zurückgegangen. Wie gesagt, mir bleibt nichts, als die Fakten. Wenn diese nicht geglaubt werden, ist natürlich jede Debattengrundlage irgendwie verloren.


    Das soll an keiner Stelle sagen, dass in diesem Land "alles gut" wäre oder es "keine Probleme" gäbe oder dass die Politik "keine Fehler" gemacht hätte, im Gegenteil, ich bin immer eher überrascht, wie relativ gut die Situation trotz der Politik noch ist. Aber ohne eine faktenbasierte Debatte kann man sich diese Diskussionen eben leider sparen. Und viele der Indikatoren deuten eben auf eine Verbesserung der Situation der meisten Arbeitnehmer in den letzten 10, 15 Jahren hin. Und der Arbeitskräftemangel wird die Situation für viele Menschen noch weiter verbessern.

    Für einen wie Heinzer ist das Glas immer halb voll.


    Wer glaubt, dieses Land habe sich in den letzten 10, 20 Jahren zum Besseren entwickelt, dem rate ich - an einem x-beliebigen Tag - zu einer Fahrt mit der Deutschen Bahn. Da kriegt man die soziale Realität hautnah mit. Und den traurigen Zustand eines einst stolzen und heute abgewirtschafteten Unternehmens, dessen Niedergang stellvertretend für viele Einrichtungen des Staates steht.

    Mir ging es wie geschrieben und anhand meiner Beispiele erkennbar spezifisch um die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Nirgends habe ich geschrieben, dass alles besser geworden ist, wenn ja, bitte Zitat.


    Bzgl. der Deutschen Bahn teile ich z.B. die Meinung, dass sich Zuverlässigkeit und Zustand des Rollmaterials gegenüber dem Jahr 2000 deutlich, gegenüber 2010 leicht verschlechtert haben. Das liegt einfach daran, dass die Deutsche Bahn in den Jahren nach der Wiedervereinigung auf Verschleiß gefahren wurde, um Kosten zu sparen und sie "fit" zu bekommen für den avisierten Börsengang, der gottseidank im Rahmen der internationalen Finanzkrise 2009 wieder abgesagt wurde. Zwischenzeitlich gab es Berichte, dass Saudi-Arabien 10 Mrd. Euro für einen 10%igen Anteil zahlen sollte, und zwar 10% am Gesamtvermögen des Unternehmens inkl. Netzinfrastruktur (!). Das wäre ein richtiger Skandal gewesen und Verschleuderung von, wie soll ich sagen, "Volkseigentum" ;)? Bin froh, dass es nicht so gekommen ist.


    Bis Corona war der Konzern dann auf einem guten Weg mit einem massiven Investitionsprogramm, Streckenwiedereröffnungen und attraktiven geplanten Takten nach Schweizer Vorbild ("Deutschlandtakt 2030"). Vieles ist immer noch nicht ausreichend, aber grundsätzlich stimmt die Richtung. Wie bei so vielen Dingen, die in den letzten Jahren liegengeblieben sind im Investitionsbereich wird immer gerne vergessen, was für außergewöhnliche Lasten Deutschland in den 1990er und 2000er Jahren zu tragen hatte nach der Wiedervereinigung.


    Da kann man natürlich quaken, was alles blöd ist, und auch an vielen Punkten recht haben, aber man sollte das schon im Kontext sehen. Mittlerweile ist der finanzielle "Aufbau Ost" weitgehend beendet, so dass in der Tat die nächsten 10 Jahren ganz entscheidend sein werden im Hinblick auf Investitionen in Bildung, Infrastruktur und allgemein öffentliche Daseinsfürsorge. Die Ausrede "Wiedervereinigung" zählt nun nicht mehr. Insofern spannende Zeiten und je nach Ergebnis werde ich mich dann in 10 Jahren gerne am Gemecker beteiligen, wenn es nötig sein sollte.

    Eigentlich nicht, eher im Gegenteil.


    Ergo: Die Menschen sind verschieden. Manchem gefällst, Manchem nicht. Das müssen wir wohl so hinnehmen.

    Ich glaube, Ihr sitzt einem Missverständnis auf. Platz meint dieses Forum (Architektur pro Homine), Du das Humboldtforum.


    Zum Thema: Ich freue mich auch auf meinen ersten Besuch im wiederaufgebauten Schloss. Die seltsame Dünnhäutigkeit mancher Foristen in Bezug auf den Umgang mit dem kolonialen Erbe kann ich (wie auch beim Nationalsozialismus) einfach nicht verstehen. Keiner der heute Lebenden ist schuld an der Vergangenheit. Für mich ist Kritik am Verhalten unserer Vorfahren absolut nicht ehrenrührig, sondern im Gegenteil Voraussetzung dafür, aus der Vergangenheit zu lernen.