Posts by Heinzer

    Ein Beispiel aus Hastedt in der Straße Fleetrade. Es zeigt sinnbildlich, dass Sanierungen in Bremen nicht mit den großen Mietshaussanierungen etwa in Leipzig zu vergleichen sind, da es sich meist um Ein- maximal Zweifamilienhäuser handelt und die Eigentümer oft nur Schritt für Schritt vorgehen (können).

    Hier der Vorzustand 2020 bei Apple Karten:

    Man sieht aber, dass die Sanierung bereits begonnen hatte, und zwar erkennt man dies an den im EG/Hochparterre bereits ausgetauschten Fenstern. Der Zustand heute:

    Schön und sehr entscheidend ist natürlich, dass die zugemauerten Oberlichter im OG wiederhergestellt wurden und mit passenden Fenstern versehen wurden. Auch die Farbgebung der Fassade weiß zu gefallen. Es handelt sich hier um eine in Bremen häufige Fassadengestaltung aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg mit Rauputz und bereits sehr reduziertem, aber trotzdem sehr wichtigem Fassadenschmuck.

    Auffallend ist zum einen, dass anscheinend die 70er/80er Butzenfensterhaustür hinübergerettet wurde, aber immerhin einen neuen Anstrich bekommen hat (ist aus meiner Sicht okay so, spart Geld, und wenn die Tür dicht und technisch ok war, wäre es umgekehrt auch Verschwendung, sie zu ersetzen). Auch ist der spärliche Fassadenschmuck des Souterrainvorbaus unter der Veranda entfernt worden, die Wand zur Straße wirkt dort jetzt sehr kahl.

    Auch ist der erhaltene Wintergarten zumindest vorübergehend entfernt worden. Hier wären wir wieder beim Ausgangspunkt, nämlich, dass diese Sanierungen sich oft über Jahre, manchmal Jahrzehnte und angepasst an die Kassenlage der Besitzer hinziehen, anders als die großen, konzertierten Sanierungen großer Mietshäuser, die oft in einem Rutsch durchgezogen werden. Somit kann man hier nur hoffen, dass der Wintergarten vielleicht irgendwo eingelagert wurde oder ein dem Original nachempfundener wieder eingebaut wird im weiteren Verlauf. Selbst wenn dies nicht innerhalb der nächsten Jahre passiert, heißt dies nicht, dass es nicht geplant wäre. Es gibt auch bautechnisch gute Gründe für einen Wiederaufbau, da die Entfernungen oft zu Feuchtigkeitsschäden im Souterrain zur Straße führen.

    Ein gutes Beispiel für Licht und Schatten der durchschnittlichen Bremer Sanierungspraxis v.a. in den nicht sehr betuchten/schicken Stadtteilen, in der Summe besser als vorher, aber irgendwie doch mindestens ein oder zwei Fehler/Versäumnisse, die einem das Ganze wieder etwas vergällen.

    Am Areal des Klinikums Bremen-Mitte (Neues Hulsbergquartier) wird seit geraumer Zeit die alte Augenklinik saniert und in eine Grundschule umgebaut, das Gebäude habe ich oben schon gezeigt, jetzt sieht man erstmals einen Baufortschritt auch außen in Form von neuen Fenstern, hier der alte Haupteingang noch mit den alten Fenstern:

    Hier einer der "Höfe" zur Straße bereits mit neuen Fenstern:

    Ein Blick von der Ostseite, hier wurde ein als OP genutzter, stark veränderter Trakt abgerissen (bereits oben dokumentiert), ebenfalls mit erkennbarem Übergang zwischen neuen, braunen und gegliederten Fenstern links und alten, weniger gegliederten weißen Fenstern rechts.

    Inwieweit die originalen Fenster wirklich holzfarben/braun waren, vermag ich nicht zu sagen, vermute aber, dass dies so war, denn das Gebäude steht unter Denkmalschutz und würde wohl kaum eine nicht denkmalgerechte Fensterfarbe bekommen. Finde ja die "alten" weißen Fenster abgesehen von der reduzierten Gliederung gar nicht unbedingt schlechter.

    Erstaunlich viele Sanierungen zur Zeit wieder, praktisch in jeder Straße, in die man kuckte, sind mindestens ein, oft sogar mehr Häuser eingerüstet - wobei das meiste Fassadenanstriche und Dachsanierungen sind. Hier ein schönes Haus in der - ja - Schönhausenstraße, das Gerüst ist erst heute abgebaut worden:

    Schräg gegenüber ist ein weiteres Haus noch verhüllt:

    In Peterswerder nur einmal neue Fenster, die einem gar nicht groß auffallen, aber eben das Straßenbild doch deutlich verbessern, einmal alt (Google-Streetview):

    Und aktuell (noch eingerüstet):

    Nichts Besonderes oder Herausragendes, aber in der Summe für die Straßenbilder wahrscheinlich sogar wichtiger als ein paar wirklich spektakuläre Wiederherstellungen.

    Genau das ist aber bei genauerer Betrachtung praktisch in allen westdeutschen Städten der Fall. Die schlimmsten Sünden wurden begangen, als es schon lange nicht mehr um Wohnraum oder „das Nötigste“ ging, sondern einfach nur um eine gezielte und gut finanzierte Zerstörung überkommener Strukturen auf dem Altar von Funktionstrennung und Autofreundlichkeit.

    Es sind sicher sehr viele Fehler gemacht worden bei der Planung der Überseestadt, gleich schon zu Beginn war die Verschüttung des Überseehafens ein kapitaler.

    Trotzdem kann man das Gebiet kaum mit der Hafencity vergleichen. Diese ist bis auf ganz wenige Ausnahmen ein sehr kompaktes Gebiet, das vollkommen neu entstehen konnte. In Bremen ist es ein Potpourri aus erhaltener Nutzung, erhaltenen Gebäuden und Neunutzungen sowie Neubauten auf einem sehr langgestreckten und inselartig entwickelten Gebiet.

    Wohnen zum Beispiel war bis zur Schließung von Kelloggs 2017 im gesamten stadtnahen Bereich zwischen Europahafen und GOP gar nicht erlaubt. Der vollkommen korrekt als tot beschriebene Eindruck ist hiermit top erklärbar. Das sollte nur ein besseres Gewerbegebiet sein, Wohnen wurde von der ansässigen Hafenwirtschaft nach Kräften verhindert oder zumindest massiv eingeschränkt. Die wollten da so ein paar Bürobauten zwischen die 50er Speicher klatschen, und so sah der Masterplan 2004 auch aus.

    Überall lagen zwischen den verschiedenen Entwicklungskernen noch Gebiete mit alter Nutzung, die eine zusammenhängende Entwicklung verhinderten. So kommt dieser verfranste Eindruck zustande, der ohnehin schon durch die sehr lange und schmale Ausrichtung des Gebiets vorherrscht.

    Mit den Entwicklungen seit 2017 aber werden diese Fehler nach und nach korrigiert. Am Wichtigsten hierfür ist sicher das Überseeinsel genannte riesige Ex Kelloggs Gebiet plus einiger weiterer Unternehmen weiter westlich auf der Halbinsel (Reimer Logistik und eine Reismühle). Das halte ich für eines der spannendsten Umnutzungsprojekte in Deutschland zur Zeit. Und anders als beim Tabula rasa-Ansatz der Hafencity wird man hier von kaiserzeitlicher über Nachkriegs- bis zu moderner Architektur noch alles nebeneinander erleben können. Und überall dort, wo das bis 2017 nicht ging, entstehen jetzt gerade die Wohnungen, die das Gebiet nun nach und nach beleben werden.

    Duuert nur aalens n beten länger in Brem‘.

    Was -glaube ich- unterschätzt wird, ist, wie rückständig die Ostgebiete relativ zum Rest des Reichs gewesen sind. Das war mit Ausnahme von Teilen Schlesiens sehr ausgeprägt das, was man heute "strukturschwach" nennen würde, mit kontinuierlicher Landflucht und einer ungünstigen Besitzstruktur auf dem Land, wo nicht etwa freie Bauern auf ihrem eigenen Land arbeiteten, sondern Landarbeiter für ihre Gutsherrn in einer Art in die Moderne geretteten Lehenswesen. Das dürfte die Lebenszufriedenheit nicht eben erhöht haben, aus Perspektivlosigkeit zogen damals schon jedes Jahr hunderttausende Menschen aus diesen Gebieten in den Westen Deutschlands. Hinzu kamen sicherlich auch einige "politische" Verbrechen in den Kontaktgebieten zur polnischen Bevölkerung, wo ebenfalls Unzufriedenheit gärte und der Staat relativ rigoros handelte. Die erhöhten Kriminalitätsraten lassen sich -glaube ich- so ganz gut erklären.

    Insgesamt sollte man nie vergessen, dass die Wertschöpfung in Deutschland auch im 19. Jahrhundert ganz überwiegend in den auch heute noch wirtschaftlich dominierenden Regionen entlang des Rheins erfolgte, von wo aus auch die meisten Innovationen ausgingen. In der Rückschau verblasst da manchmal etwas der Blick und man geht unbewusst von einem sehr viel homogeneren Deutschland aus, als es das war. Der Westen subventionierte schon im 19. Jahrhundert die politischen Wünsche der damals noch preußischen Eliten in den Ostgebieten. Auch Bayern war damals noch sehr agrarisch geprägt und ist heute vielleicht eines der wenigen Beispiele dafür, wie eine ererbte Wirtschaftsstruktur wirklich grundsätzlich umgekrempelt werden kann (mit starker Schützenhilfe der deutschen Teilung und vieler in den sowjetischen oder polnisch verwalteten Gebieten ansässigen Unternehmen, die sich nach dem Krieg in Bayern niederließen).

    Man muss fairerweise sagen, dass das Südufer der Weser in der Innenstadt schon ziemlich stark nach Osten geneigt ist:

    V.a. im südöstlichen Teil der Weserpromenade gegenüber dem Teerhof (rechts unten im GoogleMaps-Screeshot) wäre ein solches Bild wie auf der Visualisierung im Juni vielleicht sogar annähernd möglich, aber weiter nordwestlich bei Beck's von wo die Visualisierung stammt und wo die Achse wieder mehr Richtung westöstlicher Richtung kippt, ganz klar nicht.

    Ein ähnliches Problem sehe ich auch bei den seit Jahren verfolgten Plänen, den nordöstlichen Teil des Walls zwischen Herdentor und Ostertor "schick" zu machen, von dort haben wir ähnliche Visualisierungen von Cafés in der Sonne gesehen, die genauso nur extrem punktuell im Sommer möglich sind, weil die "Sahneseite" nach Südwesten von relativ hohen Gebäuden gesäumt ist. Auch dort wird man allenfalls am Vormittag mal in der Sonne sitzen können und am ehesten noch im östlichsten, am stärksten nach Osten gekippten Teil vor den Justiz- und Polizeigebäuden.

    In der Herderstraße laufen einige Sanierungen, eines meiner Sorgenkinder wird nach jahrzehntelangem Stillstand jetzt saniert, Stand vorher:

    Aktuell so:

    Leider blöde graue Kunstofffenster in diesem gerade "modernen" Stil, aber unterteilt und unten besteht die Hoffnung auf Wiederherstellung der alten Fensterproportionen....

    Witzig: Das gerade in der Renovierung steckende Haus in der Herderstraße mit den graublauen neuen Fenstern (erste Sanierung im obigen Beitrag) hat entweder schon wieder neue Fenster bekommen, oder die bereits eingesetzten Kunststoffenster wurden lackiert (??):

    Vielleicht hat ja doch eine Gestaltungssatzung hier geholfen, das Schlimmste zu verhindern? In jedem Falle eine deutliche Verbesserung.

    Ich kann mich erinnern, dass schon in den mittleren 80er-Jahren englische Mädchen sich in der Hannoveranischen Fußgeherzone nach dem Bahnhof mich fragten ob "derlei" in deutschen Städten üblich sei. .... Vor Frankfurt ist man allerdings schon 1983 in Mainz gewarnt worden, meiner sehr begrenzten Erfahrung nach natürlich zu Unrecht. Generell waren die westdeutschen Fußgängerzonen für ihre Unwohlfühl-Aura bei uns eher berüchtigt. Leuten, die nicht viel über Deutschland und seine architektonische Kultur wussten, erschienen deutsche Städte als unattraktiv und unsehenswert. Momentan kommen natürlich viele Faktoren zusammen, die zu erörtern weder notwendig noch erwünscht sind. Auch die Verkommenheit von München hat mich ehrlich gesagt vor ein paar Jahren erschreckt, während Berlin mir eigentlich überraschend sauber und gut in Schuss vorgekommen ist.

    Es kommen mehrere Dinge im Moment zusammen: Ganz akut ist natürlich in sehr vielen (west)deutschen Städten die Situation an den Hauptbahnhöfen untragbar geworden. Dies ist größtenteils Folge einer neuen Crack-Welle, die sich relativ ungestört in den letzten 10 Jahren an gewissen Hotspots entwickeln konnte. Ich befürchte hier, dass wir mit dem zunehmend erfolgreichen Kampf der Taliban gegen Schlafmohnanbau zusätzlich in den nächsten Jahren in eine üble Fentanylepidemie laufen könnten, ähnlich wie jetzt bereits in den USA (Chinas späte Rache für die Opiumkriege des 19. Jahrhunderts).

    Umgekehrt sehe ich viele der Wortmeldungen, die in die Richtung gehen, dass es "sowas" ja früher nicht gegeben hätte, als klar romantisierend. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist ja nicht in einem luftleeren Raum entstanden, sondern in einer ganz ähnlichen Gemengelage. Auch die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel ist im Moment vielleicht schlimmer als vor -sagen wir- 20 Jahren, aber ob sie auch schlimmer als vor 40 oder 50 Jahren ist, weiß ich nicht.

    Die Freudlosigkeit westdeutscher Großstädte und insbesondere der stark kriegszerstörten hat sich ebenfalls kaum signifikant verändert. Was 1965 Mist war, war 1985 Mist und ist auch heute ganz überwiegend Mist (mit einer vorsichtigen Tendenz sogar eher zur optischen Verbesserung an vielen Orten - v.a. eben denen, die in der sonst wirtschaftlich schwierigen Zeit seit etwas Mitte der 1990er noch größer investieren konnten)

    Das aktuell schlechte Bild (west)deutscher Großstädte hat also sehr verschiedene, alte, mittelalte und aktuelle Gründe und lässt sich aus meiner Sicht nicht adäquat mit den üblichen monokausalen Erklärungen hinreichend beschreiben.

    Zu Deinen Anmerkungen zu Berlin: Zustimmung, zumindest innerhalb weiter Teile des S-Bahnrings hat sich die Situation extrem verbessert gegenüber vor 10 oder 15 Jahren. Das Zentrum ist größtenteils sauber und gepflegt und nicht mehr sprichwörtlich maximal versifft, wie Berlin eben so war früher. Auch entwickelt sich Berlin in diesem Sinne vielleicht eher wie andere ostdeutsche Städte in die richtige Richtung, wenn wir unsere Freunde aus Berlin vor 20 Jahren besuchten, schämten diese sich für den Zustand des öffentlichen Raums in Berlin, jetzt schämen wir uns für den Zustand des öffentlichen Raums in Bremen. Besoffene/schlafende oder brabbelnde Fahrgäste kennen die Kinder unserer Freunde gar nicht mehr aus dem ÖPNV in Berlin und waren entsprechend schockiert, dass in Bremen eigentlich in jeder Bahn mindestens zwei Kaputte sitzen.

    Das war allerdings auch schon vor 20 Jahren so, als eine Freundin aus Hamburg das Bonmot prägte: "Man weiß immer, dass man in Bremen ist, wenn in der Straßenbahn an einem Mittwoch Vormittag um 11 die Hälfte der Besatzung ein offenes Bier in der Hand hat."

    Ich wusste gar nicht, dass Gelsenkirchens Hauptbahnhof wie das Rathaus den Zweiten Weltkrieg überstanden hatte und erst 1982 (!) abgerissen wurde.

    External Content x.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.

    Unfassbar, was diesen Städten noch in den 1980er Jahren angetan wurde. Das ist das glatte Gegenteil von klugen Investitionen gewesen. Was damals zuviel war, ist jetzt zu wenig.

    Es wird dich kaum überraschen aber ich halte deinen Erklärungsansatz nicht für hinreichend überzeugend, um den Niedergang (um es überspitzt zu formulieren: den zunehmenden Shithole-Faktor) vieler deutscher Städte zu erklären.

    Denn nicht nur die Ruhrpott-Perle Gelsenkirchen bekommt im westlichen Europa anlässlich der EM ihr Fett weg, sondern auch die Mainmetropole Frankfurt.

    Ich dachte, wir reden hier über Gelsenkirchen und das Video aus dem Twitterlink. Da geht es um den allgemeinen optischen Eindruck des Hauptbahnhofs und des Bahnhofsvorplatzes. Der kommentierende Engländer sagt auch wirklich gar nichts zu anderen Themen wie Zuwanderung, Kriminalität, Drogen etc. Es ist ja nur 18 Sekunden lang und zeigt den Hauptbahnhof und seinen Vorplatz. Ich glaube, wir tun gut daran, die Diskussion dann auch darauf zu beschränken.

    Das Video enthält eine unheimlich "ruhrgebietige" Sequenz. Vielen Leute denken, das Ruhrgebiet sei dominiert von 50er/60er-Architektur, gerade an stadtbildprägenden Ecken sind es aber oft 80er Gebäude, wie dieses anscheinend halbleer stehende Einkaufszentrum, an dem da einmal die Kamera vorbeigeschwenkt wird. Ich kenne einige der Ruhrstädte ganz gut (allerdings war ich noch nie in Gelsenkirchen), und das Bild würde sehr gut in viele der mittelgroßen Städte dort passen.

    Infrastruktur ist halt was ganz anderes als Stadtbild. Klar, es macht keinen guten Eindruck, wenn die Straßen ein riesen Flickwerk sind. Aber mehr potentiellen Beitrag zu einem schöneren Stadtbild kann ich da beim besten Willen nicht ausmachen.

    Seit 2005 sind die Investitionen wieder gestiegen (öffentliche wie private). Es gab eine knapp 10 Jahre währende Rezession. Danach stetig steigende Investitionen. Das Ausbaugewerbe hatte sogar durchgängig steigende Investitionen. Nein, somit, ich bleibe dabei, dass Geld hier nicht der entscheidende Faktor ist, weshalb gewisse Städte oder auch Stadträume derart sich entwickelt haben. Wie gesagt, in Bayern gibt es ausreichend Investitionen, und doch gehen wir sehr sehr schlecht mit unserem Baukulturgut um. Am Ende stehen wir genauso da wie heute als hässliche verschriene NRW-Städte, da darf man sich gerade über das ländliche Bayern keine Illusionen machen. Gerade deshalb wäre eine präzise Ursachenforschung elementar.

    Wir reden glaube ich von zwei verschiedenen Dingen. Mir (und ich schätze auch dem englischen Journalisten im Twitter-Filmchen) ging es weniger um das Stadtbild und die Architektur als um den Zustand des öffentlichen Raums, den Leerstand und die Freudlosigkeit dieser Bereiche. Wenn wir über das Stadtbild reden, scheint für mich das Verlustempfinden in Süddeutschland deshalb ausgeprägter zu sein, weil dort a) in vielen Bereichen von einem höheren ästhetischen Niveau und Renovierungsgrad jetzt viele Gebäude, die sehr viel überstanden haben durch Neubauten ersetzt werden und b) der Druck auf dem Immobilienmarkt durch Zuzug einfach größer ist.

    In meiner Heimat Südniedersachsen sterben die Dörfer, die nicht im unmittelbaren Speckgürtelbereich der wenigen Zentren liegen, bereits seit Jahren vor sich hin, das Problem ist dort im Gegenteil Verfall und nicht Abriss. Ganz gut die Balance hinzubekommen scheint in dieser Hinsicht der niedersächsische Raum im Norden, zum Beispiel zwischen Bremen und Osnabrück oder zwischen Bremen und Hamburg, auch Richtung Hannover/Heide. Hier bin ich immer wieder erstaunt, wie gut in Schuss die oft überraschend schönen Dörfer noch sind. Abrisse und Neubauten sind dort extrem selten, es gibt auch wenig dieser riesigen unpassenden Neubaugebiete, so dass dort eine Art wirtschaftliche und demografische Balance im Moment halbwegs hinzukommen scheint.

    Komisch nur, dass auch in Süddeutschland die Qualität in den Stadtbildern abnimmt. Nicht im Sinne, dass nicht das Meiste wie geleckt aussieht, sondern im gestalterischen Sinne, im gesamtkonzeptionellen Sinne. Und im Sinne einer guten Pflege (für einen langen Erhalt). Also alles Faktoren, die ausmachen, ob ich eine Stadt langfristig eher negativ empfinde oder positiv. Ich würde behaupten die Probleme liegen leider tiefer, als ein (natürlich problematischer) Investitionsstau. In Süddeutschland wird und wurde viel investiert. Die Verschandelung und die Abrisse sind dennoch gegeben, der Ersatz nahezu durchgängig inferior. Das spricht für ein systematischeres Problem, als ein lokales Phänomen.

    Es ist ja auch kein lokales Phänomen. Es schlägt nur visuell natürlich in Gegenden, die stärker zerstört waren und nach dem zwei Jahrzehnte währenden Wiederaufbauboom ab 1970 eigentlich wirtschaftlich nie wieder richtig auf die Füße gekommen sind, stärker durch. Dass gewisse Dinge im Westen 20 Jahre warten mussten, bis das gesamte Land die Einheit auch wirtschaftlich halbwegs verdaut hatte, war klar. Dass Deutschland also in der langen Stagnations- und Massenarbeitslosigkeitsphase ab 1992 bis ca. 2006 (in der aktuellen Nachschau seltsam verklärt zur guten alten Zeit), meinetwegen noch verlängert um die hier sonst kaum bemerkte Weltwirtschaftskrise ab 2007/2008 nicht viel investieren konnte in den Bestand - geschenkt.

    Der Fehler liegt aus meiner Sicht ganz klar in der Wachstumsphase ab 2010, die bis zur Coronapandemie dauerte und in denen das Land über viele Jahre (2013-2019 etwa) Haushaltsüberschüsse registrierte. Diese Phase, in der man das Land infrastrukturell hätte fit machen müssen für die sich auch ohne Corona und Ukrainekrieg bereits klar abzeichnenden deutlich weniger gloriösen 2020er Jahre, in denen die Boomerjahrgänge en masse in Rente gehen und sich das bisherige, auf Globalisierung und sicherem Freihandel beruhende deutsche Wirtschaftsmodell neuerfinden muss - die wurde verplempert mit Schuldenbremse und schwarzen Nullen. Jetzt fallen uns die auseinanderfallende, jahrzehntelang auf Verschleiß gefahrene Infrastruktur zeitgleich mit einer extrem herausfordernden Polykrise zusammen auf die Füße bei gleichzeitig deutlich gestiegenen Zinsen.

    Dass es in Bayern insgesamt noch besser aussieht als in NRW liegt daran, dass Bayern natürlich nicht noch zusätzlich einen solch herausfordernden Strukturwandel wie das Ruhrgebiet hinter sich bringen musste und auch zumindest die kommunalen und Landesinvestitionen auf höherem Niveau halten konnte. Wahrscheinlich wurde es auch einfach zumindest etwas besser regiert.

    Newly ist aber natürlich auch zuzustimmen, dass man Gelsenkirchen weder 1966 noch 1986, noch 2006 in der Rückschau allzu stark glorifizieren sollte. Und ich folge so einigen britischen Youtubern, die Videos aus englischen Städten aufzeichnen und traue mich vorsichtig zu sagen, dass die oben genannte Polykrise sowie die Austeritätspolitik im UK seit etwa 2010 dort zu wesentlich schlimmeren optischen und sozialen Verwüstungen geführt hat als in irgendeiner Stadt in Deutschland. Wer mag, kann ja mal Grimsby oder Blackpool oder Weston super Mare googeln (im Prinzip jede britische Stadt mehr als 100 km nördlich und westlich von London).

    Abschließend finde ich es auch gut, dass die EM nicht nur in 4 oder 5 ausgewählten und schick gemachten, hauptstadttauglichen Traumstädten stattfindet, sondern eben auch dort, wo der Fußball wirklich geliebt wird, in (ehemaligen) Arbeiter- und Industriestädten.

    Ich bashe Gelsenkirchen nicht. Ich habe einen riesigen Respekt vor dem, was diese Städte und ihre Bewohner alles erlebt haben. Anders kann man als Bremer, der auch noch die Entwicklung in Bremerhaven beobachtet, gar nicht funktionieren. Ich habe eine große Schwäche für diese abgerockten Strukturwandelstädte des deutschen Westens, finde sie nachgerade faszinierend.

    Aber ich kann die Andeutung, dass dies alles ganz überraschend eine Entwicklung der letzten Jahre sei, nicht nachvollziehen. Es gibt dann ja immer einen Subtext, den ich hier bewusst nur andeute ("2015ff"), den aber zum Beispiel das Video nicht mit einem Wort oder Bild zeigte. Es ging nur um den Zustand des Bahnhofs, der Läden und den optischen Eindruck des Bahnhofsvorplatzes.

    Und dieser wiederum ist das Ergebnis einer Entwicklung mit Ansage, die ihre Wurzeln in den 1970er Jahren hat und auf die bis etwa 1990 durch schuldenfinanzierte Wellnessprogramme und danach mit gar nichts mehr reagiert wurde. Deshalb sind vielfach Reisen in solche Städte Reisen in die 1980er, weil einfach ganz viel von zentralen Bauten bis hin zur Stadtmöblierung aus dieser letzten Phase stammt, in der in Westdeutschland in Infrastruktur und den öffentlichen Raum investiert wurde.

    Und das, was jetzt schockiert wahrgenommen wird, einfach nur 40 Jahre Alterung und Lieblosigkeit sowie klamme Kassen. Deutschland hat natürlich an vielen Stellen Fehler gemacht, teilweise war dies alternativlos aufgrund der Kosten der Wiedervereinigung und der anhaltenden Wirtschafts- und Arbeitsmarktskrise der 1990er und 2000er Jahre, tlw. waren dies unforced errors, als in dann wieder guten Zeiten der 2010er eben nicht investiert wurde. Das Ergebnis ist am Zustand Gelsenkirchens exemplarisch nachvollziehbar.

    Wenn das jemand sagt, der aus einem Land mit Städten wie Manchester oder Sheffield kommt, ist das wahrlich ein vernichtendes Urteil. Unsere Großstädte sind (mit wenigen Ausnahmen) keine Visitenkarte für Gäste mehr. Das war 2006 noch anders.

    Naja. Damals war der Schrott in Gelsenkirchen halt nur 20 anstatt 40 Jahre alt. Das mag optisch einen geringen Unterschied gemacht haben, ist aber nur eines der vielen Zeichen dafür, dass Deutschland seit der Wiedervereinigung im Westen eine der niedrigsten Investitionsquoten aller Länder in Europa gehabt hat. Das merkt man 10 Jahre kaum und 20 vielleicht nur wenig, aber nach 30 Jahren ist halt der Lack überall ab.

    Dann wurden die guten Jahre in den 2010ern nicht genutzt, als Deutschland Haushaltsüberschüsse und zu Negativzinsen hätte Geld leihen können, dann kamen Pandemie und Krieg und so sieht das dann aus. Überraschung: Null.

    Westdeutschland ist in vielen Gebieten einfach in den 80er bis maximal frühen 90er Jahren steckengeblieben, das war die letzte Zeit, in der im Westen wirklich öffentlich investiert wurde. Seitdem wird alles auf Verschleiß gefahren und maximal der Status quo erhalten (vielfach nicht einmal das). Ergebnis: Große Teile Westdeutschlands abseits erhaltener Gebiete und prosperierender Großstädte sehen so aus wie Gelsenkirchen, auch wenn es vielleicht ein Extrembeispiel ist.

    Und das war weder vor 10 noch vor 20 Jahren groß anders, Gelsenkirchen auch 2006 schon keine Perle, nur dass der 80er/90er-Schrott (der ohnehin denkbar schlecht altert, vielfach schlechter als 50er/60er-Architektur) damals eben noch etwas neuer war und weniger runter wirkte. Ich kann nur allen, die von solchen Eindrücken schockiert sind, raten, sich mal die Realität in Westdeutschlands postindustriellen Städten anzuschauen. Und das ist eine Entwicklung mit Ansage, die vor über 40 Jahren begonnen hat.

    Vielen Dank für die Erklärungen! Es scheint also so zu sein, dass dieses -n (schwach, also auf -n) flektierter weiblicher Substantive sich in bairischen und fränkischen Dialekten tatsächlich auch "korrekt" auf den Nominativ ausgebreitet hat (und "Alte Küch'n" nicht nur ein missglückter Folkloreversuch ist), so wie im Standarddeutschen viele ehemals gemischt deklinierte männliche Substantive das -n aus den flektierten Kasus auch in den Nominativ übernommen haben (abgeschlossen ist dieser Prozess zum Beispiel beim Wort Haufe(n), wo praktisch nur noch "der Haufen" geschrieben wird, in der Transition befinden sich gerade Friede(n), Same(n), Funke(n), noch althergebracht wird zum Beispiel Buchstabe ganz überwiegend korrekt dekliniert, auch wenn ich meine, manchmal schon "der Buchstaben" gelesen zu haben.

    In jedem Falle interessant für einen Sprachnerd wie mich.

    Ich habe mal eine linguistische Frage. Ist der Gaststättenname "Alte Küch'n" an dem Haus auf Frankas Fotos oben nicht auch im Fränkischen ungrammatisch? Ich dachte immer, dieses "-n" an weiblichen Wörtern in vielen oberdeutschen Dialekten wäre ein Rest der ehemals "schwach" deklinierten weiblichen Substantiva gewesen, also wie hochsprachlich auch manchmal immer noch in "schmeckt wie bei Muttern" und würde nur im Dativ und Genitiv angehängt.

    Im Standarddeutschen ist das bereits im Frühneuhochdeutschen allmählich ausgestorben und ist nur noch in erstarrten Wendungen wie "bei Muttern" oder "auf Erden" erhalten. Der Grund, warum das beim vielleicht bekanntesten schwach deklinierten Feminimum mit erhaltenem n-Marker für den Dativ, dem Wort "Wies'n" (für Theresienwiese) nicht der Fall war, habe ich mir immer mit der eingefrorenen Ortsangabe im Dativ (auf der) Wies'n erklärt, bei dem dann der Grund für den Dativ über die Jahre einfach abgeschliffen ist und nur "Wies'n" übrig bleibt.

    "Alte Küch'n" liest sich nun aber einfach so, als könne man beliebig ein -n an weibliche Substantive anhängen, um es irgendwie gemütlich-regional klingen zu lassen, auch wenn diese grammatisch keinen Sinn ergeben. Um es nochmal etwas klarer zu sagen: Der Name "In der alten Küch'n" würde nach meiner Logik Sinn ergeben, ohne die Präposition "in" (oder auf, bei etc,) müsste es aber "Alte Küch'" oder "Alte Küche" heißen, auch in Nürnberg.

    Habe ich Recht oder ist das Quatsch?

    Aktuell ist der Wettbewerb über den Anbau für das obige Gebäude entschieden worden:

    Kämmerei-Quartier: Wie sich der Plan für den Campus verändert hat
    Planer haben jetzt vorgestellt, wie der Schulcampus und der Handwerkerpark im Kämmerei-Quartier – Stand heute – werden könnten. Und was sich verändert hat, ...
    www.weser-kurier.de

    Gewinner sind FK-Architekten aus Bremen, weitere Visualisierungen auf ihrer Instagram-Seite:

    External Content www.instagram.com
    Content embedded from external sources will not be displayed without your consent.
    Through the activation of external content, you agree that personal data may be transferred to third party platforms. We have provided more information on this in our privacy policy.

    Naja, so sehen solche Erweiterungen heutzutage aus. Ich finde es nicht schlecht, es nimmt die vertikal gegliederte Backsteinfassade des Altbaus auf und wirkt ganz gut gemacht.

    Ganz interessant und mir bis dato unbekannt:

    Bei der Sanierung des Sortiergebäudes auf dem Areal der Bremer Wollkämmerei wird nun entgegen der ursprünglichen Planung doch die Dachkonstruktion erhalten und saniert. Im verlinkten Artikel ist ein interessantes Foto von dieser Konstruktion zu sehen. Anfangs war geplant, das gesamte Dach neu aufzubauen. Es geht um dieses Gebäude:

    Aus dem Artikel ein Zitat:

    Bis vor Kurzem war man noch davon ausgegangen, dass das originale Betonschrägdach des Gebäudes 43/44 hätte ersetzt werden müssen, unter anderem aus Gründen der Statik und wegen baulicher Anforderungen an eine moderne Dämmung. Jetzt aber gibt es grünes Licht für eine Rettung der historischen Konstruktion. Die Folge: drastische Einsparungen an Zeit, Kosten und vor allem an CO2-Emissionen. Aus Sicht der Denkmalpflege gilt das alte Betonschrägdach als standortprägend und damit als wertvoll. „Wir schwenken nun um von einem kompletten Dachrückbau und Neuaufbau zu einer Sanierung. Das verschafft uns im Bereich der grauen Energie einen immensen Vorteil, denn wir sparen so Tonnen von CO2 ein. Wir wollen ja auch hier nachhaltig bauen‟, erläutert Projektleiter Schaefer.

    Zwei Beobachtungen, die erste davon nicht besonders neu:

    Das Ausmaß der geschlossenen Gründerzeitgebiete in Hannover sucht mMn in Westdeutschland seinesgleichen. Der Zustand ist leider nicht immer oder sogar oft nicht so gut, aber die Substanz ist da und es ist auch klar, dass es im Rahmen von Sanierungen sukzessive zu Verbesserungen kommen wird. Oft strahlen diese guten Sanierungen aus den "besseren" Gegenden langsam in die einfacheren Gegenden aus, zumindest hoffe ich das (auch in Bremen und anderen Städten natürlich).

    Und zweitens: Auch in puncto Zwischenkriegssiedlungen machen Hannover nur wenige Städte etwas vor. Interessant fand ich den Block mit der Anzengruberstraße als Zentrum, weil ich diese Klinkerfarbe nicht kenne, ist ja (fast) blaugrau, zumindest auf den Bildern - hat auch was sehr Edles, zumal mit den wiederhergestellten Fenstern.

    Vielen Dank für die Runde!