Posts by Heinzer

    Natürlich kann man mutmaßen, dass unser gesamtes Wirtschaftssystem zusammenbricht... Meistens wird sowas ja gerade von solchen Mitmenschen postuliert, die auch in guten Zeiten nur Kontraproduktives absondern...
    Manchmal handelt es sich dabei zudem um Rentenbezieher in einem der besten Sozial- und Gesundheitssysteme der Welt; in einer Stadt, die nach Totalzerstörung endlich wieder Stadt wird; wenn auch nicht perfekt, so doch mit beachtlichen und erfreulichen Resultaten...

    Dies sind Sätze, die sich sehr viele Menschen - mich an schlechten Tagen inkludiert - hinter die Ohren schreiben sollten. Du hast leider vollkommen recht, aber destruktiv Niedergang zu predigen macht einfach mehr Spaß als konstruktive und aufwendige Beiträge zu schreiben.

    In einer der vielen guten Fotoserien des Weserkuriers mit dem Thema "Bremen Früher" stach mir dieses Foto aus der Serie So war Bremen in den 60er Jahren ins Auge:


    (Quelle: Weserkurier)


    Es handelt sich um ein Foto einer Kundgebung mit Ludwig Erhard vom Domshof Richtung Schüsselkorb/Herdentor aus dem August 1961. Man sieht links im Hintergrund das noch heute stehende Gebäude der Deutschen Bank und ganz rechts einen der frühen Nachkriegsbauten an der Nordseite des Domshofs. Dazwischen geht der Blick an einer Bombenlücke vorbei in die Straße Schüsselkorb, die hier beidseits mit Vorkriegsbauten bebaut scheint. Abgesehen von dem knapp zu erkennenden Bauzaun der Grube der Deutsche-Bank-Erweiterung (früher Museum am Domshof) und dem Neubau ganz rechts könnte es sich hierbei um eine Vorkriegsaufnahme halten.


    Heute steht fast keiner der Altbauten (außer ein oder zwei Geschäftshäusern ganz im Hintergrund) auf dem Bild mehr.

    Hier nochmal das fertiggestellte Eingangsportal des Hauptgebäudes des neuen Klinikums Bremen-Mitte:



    Das Gebäude stammt aus den 1910er Jahren und stellt einen seltsamen architektonischen Zwitter der Stile am Übergang zur Moderne dar, es besaß ein im Krieg zerstörtes sehr frühes backsteinexpressionistisches Eingangsportal, das ich hier weiter oben auch schonmal gezeigt hatte. Jahrzehntelang hatte es dann ein sehr schlichtes Nachkriegsprovisorium (letztlich nicht mehr als ein verglastes Vordach). Im Zuge der kompletten Neugestaltung des Geländes wird der Eingang nun wieder zu einem der Haupteingänge und wurde neugestaltet.


    Ich finde, dieser Vorbau ist eines der gelungensten Beispiele für eine Neuschöpfung an einem Bestandsbau in Bremen, auch der Kontrast zwischen dem strengen, dunklen Klinker des Altbaus und dem hellen, leichten Vorbau mit ganz offensichtlichen Anleihen an die Architektur der Zwischenkriegszeit passt hier mal und ist nicht -wie sonst- nur Rechtfertigung für üble Gegensätze.

    und weiter:



    Oben sieht man gut die Zwischentür, die ebenfalls immer sehr kunstvoll und individuell gebaut wurde.





    Nochmal die farbige Zwischenkriegszeit:



    Kleines Eckgeschäft:



    Zwei klassische Bremer Haustüren:




    Nochmal Original und simplifizierter Nachbau:




    Das war es erstmal. Man könnte noch hunderte Bilder von diesen grandios variablen Haustüren machen...

    Kleine Spezialrunde heute. Fokus nochmal Haustüren, auch diese prägen die Ästhetik der Straße in nicht unerheblichem Maße. Normalerweise würde ich jetzt hier hauptsächlich die verbockten Türen zeigen, den weißen Plastiklandhausstil und die Alutür... heute aber in diesen komplizierten Zeiten mal einfach nur etwas Schönes.


    Die Haustüren in Bremen waren bis in die 30er Jahre hinein ein ganz wichtiger Teil der Fassade, es wurde viel Geld investiert, und durch die Reihen von Ein- und Zweifamilienhäusern gibt es pro Straße auch einfach mehr. Im Folgenden ein kleiner Spaziergang (< 1km), wirklich nicht sehr selektiv, durch die Pracht der Haustüren an Bremer Häusern und Zwischenkriegshäusern in der Östlichen Vorstadt, zunächst ein paar Türen aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jhdts:




    Hier mal eine klassisch-doppelflügelige Haustür, wie sie bis zum Ende des Historismus in Bremen üblich war:



    Die 30er Jahre:



    20er Jahre:




    Heute auf den Plakaten, die im Rahmen der Baustelle an der Bürgerschaft am Bauzaun aushängen fiel mir folgendes Bild auf:



    Dies müsste nach meiner bescheidenen Einschätzung ein Blick etwa von vor dem Postamt nach Südwesten Richtung Breitenweg sein, der Hbf also weiter rechts liegen, die Hochstraße ist noch nicht gebaut. Kann mir jemand etwas zu dem äußerst vital erscheinenden Altbau, der links im Bild angeschnitten ist, sagen? Von der Bebauung her und der fehlenden Hochstraße würde ich das Bild auf späte 1950er Jahre einschätzen, auch der Opelturm steht rechts noch.


    Ist das das Tivoli gewesen? Ich wusste gar nicht, dass hier offenkundig so spät nach dem Krieg ein weiteres Gebäude direkt am Bahnhofsplatz noch abgerissen wurde. Trist mal wieder.

    Beim Johann-Jacobs-Haus sind die ersten Figuren an der Seitenfassade angebracht worden:



    Ungünstiger Winkel, Handyfoto, rangezoomt:



    Und die Rückseite der Stadtwaage, die in den 50er Jahren neugestaltet wurde, da diese Seite nie freigestanden hatte:



    Links, wo der Lieferwagen steht, soll die Caféfläche entstehen. An einem grauen Spätwinternachmittag alles von begrenztem Charme, aber ich kann mir ein Gelingen der Idee mittlerweile sogar vorstellen.

    Die kriegen bei dieser Nummer ja kräftig auf die Mütze, muss man sagen. Und so richtig viel offen vorgetragene Opposition kam auch noch nicht vor. Im Süddeutsche Artikel wurde eine Architektin (?) zitiert, der Zeit-Artikel kommt ganz ohne kritisches Zitat oder Quelle aus, sondern raunt von "Architektenkreisen". Nicht missverstehen, ich habe das nicht im Detail verfolgt und glaube sofort, dass die Sache manchen modernen Architekten und vielleicht auch ideologischen Architekturtheoretikern gegen den Strich geht.


    Aber richtig viel Dampf scheint da nicht hinter zu sein. Es ist beschlossen, die jüdische Gemeinde möchte es so, das Ding ist mehr oder minder durch, und das dürften die entsprechenden Personen auch wissen, zumal sie mit einem kleinen Fitzchen Selbstreflektion wohl selbst erkennen dürften, dass sie hier argumentativ ein Problem haben. Also müssen wir uns hier anders als bei anderen Rekoprojekten auch nicht seitenlang über irgendwelche Randmeinungen aufregen.

    Eisen-Werner ist der jetzige Standort des "Sozialkaufhauses". War gut gefüllt dort, draußen auch ein langer WK-Artikel über den Besitzer ausgehängt von 2016. Interessante Geschichte, die man wohl nur als länger hier lebender Bremer kennt. Abgesehen vom Aladin (da war ich persönlich auch noch nie) gibt es wirklich fast keinen Grund mehr als Nichtanwohner, in diese Ecke zu fahren.


    Eine schöne alte Apotheke (passenderweise "Alte Apotheke" genannt) steht aber in der Bahnhofstraße immer noch:



    Ein weiterer Blick in die Straße, ebenfalls mit Apotheke:



    Ein bemalter Bunker:



    Ein Eckgebäude der ebenfalls in der Hemelinger Bahnhofstraße ansässigen Silbermanufaktur Wilkens:



    Blick auf eine Villa:



    Der Sebaldsbrücker Bahnhof:



    Und ein Blick auf ein Ensemble um die Kirche:


    Der Stadtteil Bremen-Hemelingen umfasst alle Ortsteile des "echten" Bremer Ostens von Osterholz bis Mahndorf, aber auch den zentralen Ortsteil Hemelingen, der ein ziemliches Schattendasein führt in Bremen. Er ist wie viele alte Arbeiterstadtteile zerrupft von Eisenbahn- und Autotrassen sowie Gewerbegebieten, die bessere Zeiten gesehen haben. An der Hemelinger Bahnhofstraße, die schon lange im Fokus der Stadtplanung liegt, regieren Tristesse und Leerstand, obwohl die Bausubstanz eigentlich nicht unattraktiv wäre. Schwere oder flächige Bombenschäden scheint es hier eher nicht gegeben zu haben, trotzdem macht die Straße den typisch bremischen, sehr heterogenen Eindruck. Ich muss gestehen, dass ich hier in meiner gesamten Bremer Zeit nur 3 oder 4 mal gewesen bin, was für mich als Stadtvagabunden wirklich wenig ist. Selbst durch das von mir zu Hause viel weiter entfernte Gröpelingen kommt man häufiger. Dies ist der besagten sehr ungünstigen Insellage der Straße, die eingekeilt ist zwischen zwei Bahntrassen, einem Autobahnzubringer und zwei verlassenen großen Industriegrundstücken geschuldet (Könecke und Coca-Cola). Zunächst ein Screenshot von GoogelMaps zur Umgebung:



    Zentral sieht man die Hemelinger Bahnhofsstraße, westlich (links) ist diese flankiert vom großen Könecke/Coca-Cola-Areal, das in den nächsten Jahren als Wohnstandort entwickelt werden soll und somit wohl für einen deutlichen Schub in dieser vernachlässigten Ecke sorgen soll.


    Hier spielt sich nun folgende ganz interessante Geschichte ab. Direkt am alten Sebaldsbrücker Bahnhof (der in den nächsten Jahren verlegt werden soll) soll ein sogenanntes Sozialkaufhaus entstehen, welches vorher bereits in einem anderen verlassenen Ladengeschäft Domizil bezogen hat. Hier soll es zum einen eine Art Gebrauchtwarenmarkt geben und ein Café, in dem man für wenig Geld einen Kaffee und ein Brötchen bekommt, also eine Art gesponserter Quartierstreffpunkt entstehen. Das Grundstück, um das es geht, ist folgendes (Foto Screenshot GoogleStreetview):



    Auf diesem Grundstück steht links ein recht gut erhaltener, für Bremen geradezu stattlicher Altbau, der aber im letzten Jahr durch einen Brand beschädigt wurde, lange Zeit war nicht klar, ob er erhalten werden kann. Zumindest ist er auf den folgenden Bildern nicht gut gesichert und könnte somit leider gefährdet sein:



    Die Fassade des Altbaus ist eingerüstet:



    Ansicht zum Sebaldsbrücker Bahnhof hin:



    Baustelle mit dem Altbau links im Bild:



    Ich hoffe nun, dass der Altbau auch wirklich erhalten wird und die Einrüstung nicht Abrissvorbereitungen darstellen. Interessant fände ich im Falle einer Realisierung, dass in einer sozioökonomischen hochproblematischen Gegend ein milde historisierender Entwurf gewonnen hat, der sich zumindest in den Proportionen und Geschosshöhen ganz klar an den Altbau anpasst.


    Das war meine kleine Geschichte aus Hemelingen.

    Es ist eine Geschmacksfrage und ganz entscheidend beeinflusst dadurch, wie man zur frühen Moderne und allgemein zu den "Übergangsbaustilen" nach dem Historismus vor der gerupften Bauhausmoderne steht. Für mich persönlich wäre die Rekonstruktion ein Traum, weil ich diese Stile liebe, vielleicht müsste ich mich also eher in einem Forum für die Frühmoderne anmelden. Ein ähnlicher Konflikt zeigt sich ja auch in der Bewertung der von erbse "neobacksteinexpressionistisch" getauften modernen Klinkerentwürfe in vielen norddeutschen Städten, die für manche nur die Fortsetzung der Rasterlogik darstellen, für andere wiederum durchaus einen Ausweg aus der Misere des modernen Städtebaus, zumindest für Nord- und Westdeutschland, wo es diese Stile auch in der Zwischenkriegszeit gab.


    Klar ist das kein Barock und auch nicht in der Tradition der grandiosen historistischen Kaufhausbauten, von denen Berlin so viele verloren hat. Aber es ist wohl eines der beeindruckendsten Zeugnisse der Urbanität der Architektur der Zwischenkriegszeit, ich möchte es unbedingt rekonstruiert sehen.

    Naja, mögen muss man das -zumal als Stuttgarter natürlich nicht, vielleicht ist es ein wenig zu fremd. Aber wenn ich auf der Suche nach einem halbwegs realistischen Neubaustil für Großstädte bin, zumal mit ein wenig Lokalkolorit, dann finde ich solche Dinge doch einen gewaltigen Schritt in die richtige Richtung. Wir können natürlich auch alle von einer Rückkehr des Historismus träumen, hätte ich ja nicht mal etwas dagegen - aber dann werden wir hier auch noch in 50 Jahren sitzen und schimpfen, ohne einen Meter weitergekommen zu sein.


    Ich finde den Sonninpark-Entwurf auch gerade wegen des Bekenntnisses zum Blockrand und zur abwechslungsreichen Fassadengestaltung sehr ordentlich:



    Und im Luftbild:


    (Quelle: baunetz.de)


    Oder dieses Hotel am Anckelmannsplatz/Berliner Tor (weiter oben bereits gezeigt):


    (Quelle Goljan/Sontowski & Partner Group)


    Find ich richtig gut, ortstypisch, großstädtisch und passend für Hamburg.

    Das ist zwar richtig, aber es bezieht sich leider ausschließlich auf gewerbliche Bauten / Geschäftshäuser, die derzeit in Metropolen wie Hamburg mit mehr architektonischem Stilwillen gestaltet werden. Wann kommt dieser Trend endlich auch bei Etagenmietshäusern an, die momentan größtenteils sehr öde einfallslose Kästen sind? Wann sehen Wohnbauten endlich wieder (wie es in der Gründerzeit üblich war) genauso gut aus wie gewerbliche Bauten?

    Irgendwo hier haben wir auch schon das SonninPark-Projekt gehabt, ich finde es nur gerade nicht. So wird in Deutschland im Moment allenfalls noch in Berlin (meist ohne Klinker) und evtl. Köln gebaut. Das ist schon sehr ordentlich, hier mal ein Screenshot von der Projektseite Sonninpark:


    sonninpark.hamburg


    Links:


    Sonninpark Hamburg


    Baunetz Wissen


    Auf den Seiten einfach mal die Visualisierungen anschauen, das meiste davon ist auch schon fertig. Das ist Blockrand, urban, nicht gestaltungsverweigernd. Ich finde es richtig gut. Von derartiger Qualität im städtischen Wohnungsbau können fast alle deutschen Städte nur träumen, zumal es hier nicht um etwas wahnsinnig Hochpreisiges geht. Mit irgendwelchen neuklassizistischen Edelstadtvillen im Düsseldorf oder München ist das nicht zu vergleichen. Da kommen richtig Menschen unter.

    Noch eine gute Nachricht aus Hamburg:


    Das hier:


    ein ekliger 70er-Klotz an der Willy-Brandt-Straße wird durch das hier:



    Und vom Nikolaifleet aus:


    (QUEST Investment Partners, Architekten: Christ und Gantenbein


    So kann es gehen. Ich finde, gerade in den Metropolen gibt es nun doch einen sich stabilisierenden Trend zu besserer Architektur, ich habe in letzter Zeit gerade aus Hamburg und interessanterweise Köln eine ganze Menge dieser ganz ordentlichen Entwürfe gesehen. Backstein als Material macht es einfacher, ein wenig frühmodernen Chic in die Entwürfe zu bringen, anscheinend.


    Nicht missverstehen: Das ist jetzt kein Kracher, über den wir über Wochen reden müssen, aber gerade angesichts dessen, was in Hamburg alles als üblem Nachkriegsgrusch wegkommt (Cityhöfe, Commerzbankareal, das hier) doch sehr erfreulich.

    Rein to dull is dat! De plattdütsche Humor is alltied wat ganz besünners ween. Denn lat us mol hopen, dat se Deel 4 mit de Warmholdeplatten nicht wahr maken!

    Ich kann vielleicht für eine gewisse Beruhigung der Gemüter insofern sorgen, dass diese Entwürfe allesamt auch in den modernistischer ausgerichteten Foren auf wenig Gegenliebe stießen. Was mir seit einiger Zeit zumindest in Bremen auffällt, ist, dass orts- und zeittypischer Charakter der Umgebung bei Neubauprojekten immer dann "aufgenommen" werden soll, wenn diese von der Nachkriegsmoderne geprägt ist. Sämtliche klassischeren Entwürfe sind auch hier rausgeflogen, ich meine, mich zu erinnern, dass der vorletzte (vor dem Panzerkreuzer Potemkin) den Wettbewerb gewonnen hat. Als unvermeidliche Relativierung sei gesagt, dass das gesamte Umfeld in diesem Bereich vollkommen zerschossen ist, so dass zumindest nichts zerstört wird. Trotzdem zeigen doch einige ermutigende Beispiele z.B. aus Köln oder Hamburg in letzter Zeit, wie auch in architektonisch sehr heterogenen Umgebungen einigermaßen qualitätsvoll gebaut werden kann.


    Das hier wirkt einfach nur traurig.

    Habe Dir geantwortet, sorry, habe da seit Monaten nicht mehr reingeguckt und habe gleich 4 interessante Anfragen und Kommentare gefunden ;). Du hörst von mir!