Posts by Heinzer

    Schon wieder icke, schon wieder Hamburg. Diesmal geht es um ein nur tlw. denkmalgeschütztes Ensemble von Kontorhäusern am Rödingsmarkt, das seit Jahren unterbenutzt vor sich hin gammelt und bereits mehrfach als Abrisskandidat gehandelt wurde:


    Die Flügger-Höfe in Hamburg


    Das Gebäude wurde 2018 von der Signa AG gekauft und seitdem bauhistorisch untersucht. Das oben ist ein Video mit einer der Architektinnen, die das Projekt mitplanen und sehr zu empfehlen. U.a. beherbergt das Ensemble den ältesten Paternoster der Welt, der aber zur Zeit nicht betriebsfähig ist und ggf. wiederhergestellt werden soll. Insgesamt ein weiteres sehr interessantes Projekt in der Hamburger Innenstadt.

    Valjean: Das ist ja auch nur eine Publikation zum Thema gewesen, die die Lage wohl etwas überspitzt wiedergegeben hat. Kein Zweifel kann jedoch an der chronischen Strukturschwäche vieler Regionen im ehemaligen und heutigen Nordosten Deutschlands geben. Solche Dinge zu drehen, ohne so etwas wie einen plötzlichen Rohstoffboom wie in den Kohle/Stahlgebieten des 19./20. Jahrhunderts und bei generell schrumpfender Bevölkerung dürfte nahezu unmöglich sein.


    Novaearion: Genau dieser gewünschte Rückgang an Geburten geschieht ja nun bereits, fast weltweit. Weitgehend unbemerkt von weiten Teilen der Weltöffentlichkeit sind die Zeiten exponentiellen Bevölkerungswachstums auf der Erde längst vorbei. Sowohl Süd- als auch Nordamerika liegen wie Europa und fast ganz Asien bereits unter Erhaltungsniveau, auch Indien hat mittlerweile eine Fertilität unter Erhaltungsniveau, China befindet sich demographisch am Beginn eines massiven Bevölkerungsrückgangs, alle anderen ostasiatischen Länder sind auf diesem Weg nochmals weiter.


    Die letzten Bereiche mit starkem Bevölkerungswachstum sind Teile Südasiens (v.a. Pakistan) und Afrikas. Und selbst dort kennt die Fertilität nur einen Weg: nach unten. Die Weltbevölkerung wird noch in diesem Jahrhundert ihr Maximum erreichen und die Zahl der weltweiten Geburten wird nicht mehr weiter steigen bzw. befindet sich auf einem Plateau, von dem aus es jetzt, zunächst sehr langsam bergab gehen wird.


    Schrumpfungsprozesse zu managen wird zu einer der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, und zwar (fast) weltweit.

    Ich habe an keiner Stelle geschrieben, dass man "aufgeben" soll, im Gegenteil. Ich halte nur vieles der Pauschalkritik, die sich dann häufig in Rundumschlägen äußert, für wohlfeil. Die Gründe, warum es bislang ganz gut gegangen war und erst seit 10 oder 15 Jahren wirklich spürbar bergab geht auf dem Land und in Kleinstädten, liegt wiederum an der Demografie. Diese ist ein Öltanker, und Dinge, die 40, 50 Jahre zurücklegen, werden jetzt relevant. Die letzte Generation, die größer war als ihr Vorgänger waren in Westdeutschland grob gesagt die Kinder der 60er Jahre. Als diese Leute in den 80er und 90er Jahren Kinder bekamen, war die entstehende Generation nur etwa ein Drittel kleiner als diejenige ihrer Eltern. Mittlerweile sind die Nachkriegsjahrgänge vielerorts bereits Großeltern und die in den 2000er und 2010er Jahren geborene Generation wiederum nur 2/3 so groß wie ihre Eltern, in der Summe hat sich also die Generationsstärke der seit dem Krieg hier ansässigen Bevölkerung halbiert.


    Auf dem Land verschärft nun die oben genannte Landflucht diesen Prozess noch und, dass es in sehr ländlichen Regionen auch deutlich weniger Zuwanderung gibt, egal wie man nun zu ihr steht. Somit schlägt diese Verkleinerung der Generationen dort ungebremst durch. Weniger Kinder merkt aber erstmal noch keiner, außer vielleicht Lehrern und Erziehern. Weniger Azubis aber sehr wohl. So kommt es dann v.a. in entlegenen Gegenden zu sich selbst verstärkenden Prozessen, denn natürlich investiert kein Unternehmer an einem Standort, an dem er nicht genug Personal rekrutieren kann. Dies kann durch staatliche Investitionen (wie z.B. Krankenhäuser oder ausgelagerte Behörden etc. ) bis zu einem gewissen Grade gepuffert werden, aber eben kaum umgekehrt werden.


    Ich bin für jede Idee dankbar, die dem ländlichen Raum hilft. Am Ende scheitert es aber einfach an den Menschen, die es nicht mehr gibt. Und egal, ob diese Menschen nun in große Städte ziehen oder "nur" in deren Umland in die besagten Einfamilienhaussiedlungen in den Speckgürtel, für ihre Heimatregionen mit ihren Kleinstädten sind sie verloren. Das löst Frust aus bei der zurückgebliebenen Bevölkerung, nur müssten die Deutschen für eine Umkehrung dieses Trends wieder mehr Kinder bekommen, ganz einfach. Bayern hat mittlerweile die niedrigsten Geburtenraten der Republik, obwohl es dem "Pillenknick" noch bis weit in die 1980er Jahre widerstanden hatte, besonders in den ländlichen Regionen. Und es soll mir niemand erzählen, das läge an den so unheimlich harten Bedingungen. Eine Fahrt über Land in weiten Teilen Bayerns zeigt immer noch einen enormen Wohlstand an. Es ist größtenteils eine "Lifestyle"-Entscheidung, weniger Kinder zu bekommen und nicht eine Frage des Geldes. Ich weiß auch, dass viele Leute den Wachstumsfetisch hier anzweifeln und "weniger mehr" finden an vielen Punkten. Auch das geht als Standpunkt völlig in Ordnung. Nur wird der Bevölkerunsgsschwund eben unweigerlich hauptsächlich ländliche Regionen treffen.

    Ja, es ist immer leicht, so etwas zu schreiben, Niedergang, im Stich-Lassen, ok. Aber gerade der Osten hat einfach zwei riesige Abwanderungswellen hinter sich, eine von 1945 bis zur endgültigen Grenzschließung und eine ab in den 1990ern. Wie hätte man das denn bitte verhindern sollen? Hinzu liegen Städte wie Zittau wirklich so dermaßen dezentral, dass es kein Wunder ist, dass die Leute abwandern. Der einzige Hoffnungsschimmer für diese Region im Dreiländereck ist ironischerweise die EU und Schengen mit seinen offenen Grenzen, das in den letzten 10 Jahren auch zu einem kleinen Boom geführt hat in den Orten entlang der polnischen und tschechischen Grenze da zumindest dieses "Ende der Welt-Gefühl" dort deutlich rückläufig war.


    Das Problem ist aber, dass sich ganz Ostmitteleuropa mit erschütternder Geschwindigkeit entleert, Polen etwa hat mittlerweile noch halb so viele jährliche Geburten wie in den 1980er Jahren, wo soll also da Wachstum herkommen? Demografisch hält sich Osteuropa zur Zeit gerade noch so mit Ukrainern über Wasser, die dort im großen Stil das sind, was man bei uns mal "Gastarbeiter" nannte, aber in Russland und der Ukraine ist die demografische Lage sogar noch schlechter.


    Die Frage ist einfach, welche Instrumente man zur Verfügung hat, Wachstum zu steuern. Es wurde mit Milliardensubventionen versucht (siehe Ruhrgebiet, siehe Aufbau Ost und diverse gescheiterte Großprojekte wie Cargolifter etc.), es wurde mit Steuervorteilen versucht, es wird mit regionalen Fonds versucht - aber am Ende zieht es junge Leute eben immer dorthin, wo schon andere junge Leute sind. Das Romantisieren vom Landleben und Landjugenden macht auch nur der, der in der Stadt aufgewachsen ist, spätestens mit 15 wollen eben die meisten weg und das war auch schon vor 20 oder 40, sogar 100 Jahren so. Vor hundert Jahren hatten aber alle eben mindestens 3-5 Kinder, so dass zwei oder drei Kinder, die in die Stadt zogen kein Problem waren. Bei den heutigen Ein- oder Zweikindfamilien reicht schon ein weggezogenes Kind pro Familie für die Halbierung der Bevölkerungszahl in jeder Generation. Und nach drei Generationen gibt es dann eben statt 100 Kinder nur noch 12 Kinder im Dorf. Dann macht die Schule zu und die weiteren Familien ziehen auch noch weg.


    Wie genau wollt Ihr denn solche Dynamiken ändern? Und zwar ohne Milliarden zu verplempern in sterbenden Dörfern? Ohne Aufstand derjenigen in den Städten und Wachstumzentren, die das ganze bezahlen? Klar, man kann sich zum Beispiel Einkommersteuererlässe für Familien, die auf dem Dorf bleiben überlegen. Aber zu Ende gedacht bedeutet das, dass der Stadtbewohner, der mit seinen 2 Kindern in einer Dreizimmerwohnung zur Miete wohnt, indirekt anderen zu Steuernachlässen fürs Landleben verhilft. Und so weiter, uns so fort - es ist nicht einfach.


    Übrigens war Westdeutschland auch schon vor 120 Jahren die Wachstumslokomotive, Krieg und Teilung sowie Verlust der Ostgebiete haben diese Prozesse nur beschleunigt, aber nicht erst ausgelöst:


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    Aus dem Buch "The Shortest History of Germany" von James Hawes


    Die Ostgebiete -natürlich nicht Sachsen und Thüringen und Sachsen-Anhalt und auch nicht Schlesien, aber sehr wohl die nördlich anschließenden agrarisch geprägten Gebiete in Brandenburg und Pommern sowie Ostpreußen, kurz "Ostelbien"- waren schon im Kaiserreich auf permanente Transfers aus Westen angewiesen, Transfers von Menschen, die verpflichtende Rotationen "im Osten" in ihren Ausbildungscurricula hatten und eben direkte Transfers. Das Problem der nicht gleichen Lebensverhältnisse gab es schon im Kaiserreich und wird es aller Voraussicht auch noch in 100 Jahren geben, eben weil das Thema sehr komplex ist und langfristige Trends nicht so einfach umgekehrt werden können.


    Die "Blue Banana" Europas reicht nun einmal von Norditalien über die Alpen/Rheinschiene nach Benelux und Südengland, und zwar schon seit mindestens 150 Jahren.

    Es gibt sicher Argumente für und wider das Arbeiten von zu Hause, genauso, wie es Argumente für und wider den fortgesetzten Bau großer EFH-Siedlungen gibt. Das Arbeiten von zu Hause hat sicherlich das Potenzial, dem ländlichen Raum wieder eine Perspektive zu geben. Ich denke, dass alle, die das jetzt tlw. über Monate gemacht haben, auch wissen, was es für Nachtteile hat, aber umgekehrt würde es für viele Menschen ja schon etwas bringen, wenn sie z.B. statt 5x die Woche nur 2x die Woche ins Büro fahren müssten. Und danach kann man dann auch andere Lebensmittelpunktentscheidungen treffen und längere Pendelwege in Kauf nehmen.


    Zum Thema Disparitäten der Lebensverhältnisse/Wachstumsregionen: Ich denke weiterhin, dass Deutschland da ziemlich gut aufgestellt ist für ein Land dieser Größe. Seine Multizentralität hat es bislang verhindert, dass ein oder zwei Ballungsräume allzu dominant wurden, das ist in den meisten unserer (vergleichbar großen) Nachbarländer z.B. ein Riesenproblem. Auch das Thema Landflucht ist deshalb hier weniger stark ausgeprägt, die ländlichen Räume entleeren sich in vielen Nachbarländern viel rapider und brutaler als in Deutschland. Es wurde also insgesamt viel getan, um Regionen mit Strukturproblemen nicht sich selbst zu überlassen - nur werden eben diese Maßnahmen dann hier und anderswo gerne als "Subventionitis" oder nutzlose Milliardengräber bezeichnet.


    Bis zu einem gewissen Grade sind Boom- und Schwundregionen einfach kaum aufzuhalten oder zumindest nicht, ohne ganz massiv insgesamt das Wachstum/den Wohlstand zu gefährden aufgrund von allzu starken staatlichen Eingriffen. Jede einzelne Maßnahme zugunsten schwächerer Regionen wird von den starken Regionen mit Argusaugen betrachtet, sowohl innerhalb von Bundesländern (Oberbayern vs. Franken z.B) als auch innerhalb des Landes (meinetwegen Baden-Württemberg vs. NRW oder MVP) und das ist im Prinzip auch richtig so.


    Diese Balance zu finden, ist wie überall in der Politik extrem schwer. Es gibt starke Beharrungskräfte, es gibt Partikularinteressen, die als Interessen der Allgemeinheit getarnt werden, es gibt auch ganz offene Interessen- und Zielkonflikte, bei denen die Politik eben Kompromisse finden muss, Kompromisse, die dann wiederum vielen im Detail nicht gefallen. Für simplistische Generalabrechnungen oder reflexhafte Kritik an Ideen, nur weil sie aus einem anderen politischen Lager kommen, halte ich das Thema für ungeeignet und zu wichtig. Manchmal hat man den Eindruck, dass hier nur auf eine Äußerungen eines Politikers einer bestimmten Partei geachtet wird, um sich -weitgehend befreit von der Sache- empören zu können in den üblichen Sprechblasen.


    Das ist der Weg, den die USA gegangen sind in den letzten 15 Jahren und ich halte ihn gelinde gesagt nicht für einen guten.

    Lustig, dass sich Menschen, die vorgeben, für schönere Stadtbilder zu kämpfen, sich nun vor diese alberne Kampagne gegen das Verbot von Einfamilienhäusern spannen lassen. Damit wäre unserem Anliegen bestimmt geholfen, einfach alles mit Doppelgaragen vollknallen, dann brauchen wir uns endgültig gar keine Sorgen mehr um Stadtbilder zu machen. In den Zentren ein paar tote Traditionsinseln, drumherum die Asis in den zerfallenden Nachkriegs- und Gründerzeitblocks und außen der kilometerbreite Doppelgaragentraumring mit blauen Dächern für die Stadtbildkämpfer.


    2 Fliegen mit einer Klappe: Stadtbild gerettet und es den grünen Traumtänzern aber mal so richtig gezeigt!

    Gab es da überhaupt eine Gestaltungskommission? Die Titanic-Hotelkette scheint generell scheint generell öfter auf klassische und ortstypische Entwürfe zu setzen, siehe hier. Als Hotel macht es auch Sinn, seinen Gästen auch architektonisch die Besonderheiten einer Stadt zu bieten.

    Das weiß ich nicht. Ich hatte es ja auch "kleine Geschichte" genannt, weil es in einen Trend in Hamburg reinpasst, ohne jetzt eine große Nummer zu sein. Ich weiß nicht einmal, ob es einen Wettbewerb gegeben hat (wobei ich schon davon ausgehe angesichts der städtebaulichen Lage), und in den Jurys sitzen dann ja häufig auch die Stadtbaudirektoren und andere Granden der lokalen Szene. Und ohne diese Leute geht es halt nicht. Ist das in Berlin denn ein Neubau oder eine gelungene Renovierung?

    Ja, es gibt in vielen Städten so einen Trend zu einer Art "Klassischen Moderne", die zumindest keine Allergien gegen klassische Gestaltungselemente wie Symmetrie, abgehobene Erdgeschosszonen, Rundbögen etc. hat. Dieser Stil harmoniert sehr gut mit Klinker als Fassadenmaterial, zumal gerade Hamburg natürlich eine Fülle an frühmodernen Klassikern aus dieser Zeit aufzuweisen hat und im Zentrum auch viel Reform- und Jugendstil, an die anzuknüpfen modernen Architekten anscheinend weniger Übelkeit verursacht als wirklich neuklassische Architektur.


    Man hat fast den Eindruck, dass manche Büros sich darauf spezialisiert haben, diese Entwürfe mit einigen modernen Anleihen quasi "entschärft" an den Jurys und Gestaltungskommissionen "vorbeizumogeln", die ja trotzdem noch modernistisch geprägt sind. Hier scheint eine Art Katz- und Maus-Spiel zu entstehen, mit wieviel klassischen Elementen man noch Wettbewerbe gewinnen kann. In Hamburg scheint der Oberbaudirektor Franz-Josef Höing (wie abgeschwächt auch sein Vorgänger Jörn Walter, dieser aber deutlich modernistischer ausgerichtet) diesem Trend insgesamt aber positiv gegenüber eingestellt. Auch in Köln scheint das Klima recht positiv zu sein für solche Entwürfe, was mir bei Neubauten auch in Leipzig schon seit einiger Zeit auffällt. In anderen Städten habe ich dies noch nicht so bemerkt, wobei dies sicherlich auch daran liegt, dass hier aus anderen Städten weniger berichtet wird oder ich die Sachen übersehe.


    Insgesamt ist es natürlich schon krass, dass man mittlerweile sogar offensichtliche Anleihen an die 50er Jahre schon als positiven Schritt werten muss. Dieser Entwurf oben aber ist ja wirklich recht klassisch und mit seinen gestaffelten Rundungen eindeutig eher Bezug auf expressionistische Architektur der 1920er Jahre.

    Eine erfreuliche kleine Geschichte aus dem südlichen St.Georg in Hamburg. An sehr stadtbildprägender Stelle, direkt an der von Osten Richtung Hauptbahnhof führenden Bahnstrecke, die momentan gesäumt ist von mehr oder minder üblen Bürobauten aus den 1970er bis 1980er Jahren, soll folgender Hotelneubau entstehen:



    Quelle: EMB Planung


    Leider gibt es keine anderen Visualisierungen, denn die Ecke zum Bahndamm wirkt (leider nur angeschnitten auf dem Bild) sehr interessant mit diesen runden Ecken.


    Die heutige Situation stellt sich so dar:


    (Google StreetView)


    Das Gebäude ist bereits leergezogen und steht kurz vor dem Abriss. Wäre allerdings schön, wenn sein unfassbar hässlicher linker Nachbar demnächst auch noch drankäme.


    Ich will Euch mit meiner Hamburg-Lobhudelei nicht langweilen, aber so etwas ist dort mittlerweile fast eher Regel als Ausnahme (leicht übertrieben, aber die Dichte an guten Neubauten ist wirklich beeindruckend).

    Du hast sicherlich recht, dass Du hier nicht einer der off-topic-Treiber bist, Heimdall. Das erkenne ich an. Ein gutes Beispiel für einen solchen sich vollständig vom Threadthema entfernt habenden Beitrag, der sich nur noch in öden Ressentiments verliert findet sich dafür direkt über Deiner bemerkenswert sachlichen Antwort auf meinen zugegebenermaßen recht emotionalen Beitrag.

    Langsam hat der dümmste Forumsdämel verstanden, dass sich das Dir nicht erschließt.

    Ich bin vielleicht etwas über die Stränge geschlagen, weil mich einfach dieses permanente Entgleisenlassen auch guter Stränge hier so nervt.


    Das Thema ist unheimlich interessant und vielschichtig und könnte Anlass für eine interessante Diskussion darüber werden, wie wir zukünftig leben wollen, wie wir uns den Themen Versiegelung und Flächenverbrauch stellen wollen, wie wichtig oder unwichtig das Thema vielleicht ist. Wie wollen wir mit dem Dörfersterben umgehen? Welche Anreize könnten wir schaffen, um den Erhalt von Bestandsgebäuden attraktiver als Abriss und Neubau zu machen? Wo ist die Grenze zwischen sinnvoller Raumordnungsplanung und zuviel Staat? Wollen wir kompakte Siedlungsformen oder eher fortschreitende Suburbanisierung? Ich habe gar keine finalisierte Meinung dazu, vielleicht ist das Recht auf ein Wohnen im freistehenden Haus ja tatsächlich als höher einzuschätzen, als das ganze Soziologen- und Ökologengequatsche es uns glauben machen lassen?


    Hätte man alles diskutieren können, aber stattdessen wird das Thema schon auf der ersten Seite gleich "derailed" mit diesem elenden Migrationsgeraune, das mir so unendlich zum Halse raushängt und irgendwelchen Geschichten über aus den bösen Städten in Sicherheit fliehenden Familien, denen man nun auch noch das Recht auf ein Eigenheim nehmen will - kein Wort dazu, dass der stärkste Suburbanisierungs- also Zersiedlungsprozess in den 1960er und 1970er Jahren lief, zu einer Phase also, als es in Deutschland kaum Ausländer gab vor denen man sich hätte in Sicherheit bringen müssen. Kein Wort dazu, dass die Zersiedlung auch in den 2000er Jahren ungebremst weiterlief, obwohl Deutschland in jenem Jahrzehnt über eine Million Einwohner verloren hat. Alles egal, Hauptsache, man hat zum 500. Mal irgendwo sein Thema untergebracht.


    Ein Teil der Beiträge ist ja gottseidank deaktiviert worden und trotzdem steht dieser Thread für exemplarisch für das, was hier von rechts läuft. Interessante Themen werden sofort gekapert und in einer Flut aus unnötiger Politisierung, abgelutschten, öden Ressentiments und zwanghaftem Schwarzweißdenken ertränkt, bis keiner mehr was zur Sache sagen will. Und es sind auch immer dieselben 4, 5 Hansel, die dieses Stück hier aufführen, während die anderen ungläubig zuschauen und nichts mehr schreiben.

    Du hast in allem Recht, ich habe den Advocatus diaboli gespielt. Ich finde das Thema sehr interessant und bin froh, dass es hier mal angesprochen wurde, es hat nämlich (indirekt) auch mit unserem Herzensanliegen, der Bewahrung alter Stadt- und Dorfkerne zu tun. Diese bluten nämlich u.a. durch die unkritische Ausweisung immer neuer Einfamilienhausgebiete aus.


    Und vor diesem Hintergrund kann ich nur meine Verwunderung über die in diesen Thread eingebrachte Polemik äußern. Wir heißen ja aus gutem Grund Stadtbild-Forum und nicht Blaudachdoppelgaragensiedlungs-Forum. Aber bevor man über Rezepte zur Lösung sprechen kann, braucht es eine Problemanalyse. Und wenn sich hier zurecht Sorgen über die Zersiedlung unserer Natur- und Kulturlandschaften gemacht wird, muss auch über unsere Form der Stadt- und Ortserweiterungen gesprochen werden.


    Es ist zudem ein uraltes Recht von Kommunen und allgemein dem Staat, Vorgaben zur Form der Bebauung zu machen. Genau dies wird im Hinblick auf den Städtebau hier auch immer wieder zurecht gefordert. Es ist auch in den kapitalistischstmöglichen oder meinetwegen libertärsten (weil das online irgendwie gerade so "in" zu sein scheint) Ländern der Welt so, dass es eine Raumordnung gibt und man nicht einfach überall bauen kann, wie man will. Umgekehrt sieht man die Abwesenheit einer Raumordnung Ländern auch häufig an, denn diese hinterlässt zurecht häufig einen Eindruck "wie in der dritten Welt". Somit weiß ich gar nicht genau, warum hier über Selbstverständlichkeiten diskutiert werden muss.


    Auch der Bezug zum Sozialismus will sich mir da einfach nicht erschließen, bzw. wirkt er mir wie ein inhaltsleerer Kampfbegriff, der die Debatte polemisieren soll. Komischerweise sprechen wir über viel größere Eingriffe ins Eigentumsrecht, wenn wir über Denkmalschutz und Sanierungsauflagen reden, denn hier geht es um den Bestand und bereits bestehendes Eigentum und nicht mögliches Eigentum bei Neubauplanungen. Wäre das dann also der berühmte "Kulturmarxismus"?


    Zum Thema: Volle Zustimmung. Unser Raum ist endlich. Es ist z.B. gut, dass mittlerweile über dieses Problem geredet wird. Es geht auch gar nicht um irgendwelche sofortigen und radikalen Lösungen. Es sind eben Zielkonflikte, Interessenskonflikte, und diese muss die Politik soweit wie möglich lösen, dafür ist sie da. Die angedeutete Konstruktion einer irgendwie gearteten Verschwörung gegen den ehrlichen Einfamilienhausbesitzer durch linksgrüne Siffis in ihren urbanen Barista- und Hipsterfilterblasen ist vollkommener Quatsch. Auch auf dem Land sieht man den Handlungsbedarf und es gibt parteiübergreifenden Widerstand gegen die Ausweisung immer neuer Baugebiete. In strukturschwachen ländlichen Regionen kann es z.B. vollkommen in Ordnung bleiben, Einfamilienhausgebiete zuzulassen, um Einwohner zu halten oder anzulocken. In den Zuzugs- und Ballungsräumen sollte man aber doch akzeptieren, dass diese Form der unendlichen und ineffizienten Siedlungserweiterung nur die Preise treibt, die Wege verlängert und nebenbei Versiegelung und Flächenfraß bedeutet.

    Ja, schon komisch, dass genau die Argumente, mit denen wir zurecht gegen Willkür bei Abrissen historischer Bausubstanz argumentieren nun nach Gusto als unzulässliche Eingriffe in das Eigentumsrecht bezeichnet werden, wenn es um etwas viel weniger direkt eingreifendes wie Raumplanung und Städtebau geht. Die Herren werden sich entscheiden müssen. Entweder das Primat des Privateigentums steht über allem, oder es ist eine Sache kluger Kompromisse, den immanenten Zielkonflikt zu lösen, dann aber bitte ohne Sozialismuspolemik.

    Ich finde es weiterhin eher amüsant, dass in einem Thread, in dem es um die Zersiedlung unserer Landschaft gehen soll, gegen bau- und planungsrechtliche Eingriffe bei der Ausweisung neuer Wohngebiete polemisiert wird. Es ist an keiner Stelle um Sozialismus oder Zwangsmaßnahmen gegangen - aber natürlich hat eine Gemeinde das Recht, Vorgaben für die Bebauung neuer Wohngebiete zu machen. Das gibt es auch in den wohl sozialismusunverdächtigen USA.


    Und wenn eine Stadtgemeinde wie Hamburg zu dem (aus meiner Sicht höchst vernünftigen) Schluss kommt, Einfamilienhausgebiete aus den vielen genannten sehr guten Gründen zukünftig nicht mehr ausweisen zu wollen auf seinem Gebiet, dann ist das nicht Sozialismus, sondern nur konsequent. Man darf auch an der Mönckebergstraße kein Einfamilienhaus bauen, ohne, dass jemand Sozialismus gerufen hätte.


    Man kann natürlich beim Thema Zersiedlung anderer Meinung als ich sein und sagen, das Problem gibt es nicht. Wäre für mich eine legitime Meinung, wem wird denn konkret geschadet durch die Ausweisung neuer Einfamilienhausgebiete und Gewerbegebiete? Aber man kann nicht auf der einen Seite die Zersiedlung beweinen und dann planungsrechtliche Eingriffe, die auf eine Veränderung der Verhältnisse zielen, als Sozialismus diffamieren.

    Zustimmung. An solchen Regeln werden zukünftig keine Wege vorbeiführen. Zumal jemand, der sich ein neugebautes freistehendes Einfamilienhaus in Hamburg leisten kann, sicherlich nicht in die Klasse der von hohen Wohnkosten bedrohten Personen gehört. Natürlich ist es Quatsch, an immer neuen, riesigen EFH-Siedlungen festzuhalten, zumindest in Ballungsräumen. Mich wundert, dass das in einem Thread, der sich "Zersiedelte Landschaften" nennt, überhaupt diskutiert werden muss.

    Wie gesagt, wenn ich Luftbilder aus Japan sehe oder Fotos aus den Stadträumen, habe ich nicht den Eindruck, dass uns dieses Land als Vorbild dienen sollte. Abgesehen von der unheimlich limitierten Architekturqualität, bei der praktisch alles inklusive Neubauten den Eindruck von "erbaut 1975" macht, scheint Japan auch einen eher suburbanen, amerikanischen Wohnstil zu bevorzugen, zwar natürlich weniger großzügig als in den USA aufgrund der Limitationen beim Baugrund, aber doch mit frappierenden Ähnlichkeiten im Straßenbild inkl. der meist oberirdischen Stromleitungen und der billig wirkenden Architektur (beides sicherlich auch Folge der Erdbebengefährdung, klar). Im Prinzip ist die gesamte Südküste westlich von Tokio ein einziger amorpher Siedlungsbrei durchschnitten von Autobahnen.


    Japan ist sicherlich ein faszinierendes Land, von dem wir viel lernen können, ich meine das gar nicht so allgemein und vernichtend, wie es vielleicht klang. Aber ausgerechnet der Städtebau und die Raumordnung scheinen nicht wirklich zum Vorbild zu taugen, im Gegenteil gibt es wohl wenig ahistorischere Stadtbilder in der Welt als in Japan (und vielen anderen ostasiatischen Ländern).

    Ich denke auch, dass die Raumordnung in Deutschland wesentlich geändert werden sollte. Im Moment herrscht ein starkes Konkurrenzprinzip zwischen den einzelnen Gemeinden, die sich mit der Ausweisung immer neuer Einfamilienhausgebiete gegenseitig kannibalisieren. Wenn Bürgermeister I ein neues Gebiet ausweist, muss Bürgermeister II nachziehen, sonst verliert er Einwohner und ihm wird vielleicht die Schule geschlossen oder der letzte Laden wandert ab. Und egal, was man nun von den Grünen hält: Diese Einfamilienhaussiedlungen sind aus ökologischen und Verkehrsgründen das Schlimmste, was man machen kann: Die Dichten sind zu gering, um einen ordentlichen ÖPNV finanzieren zu können, so dass die Bewohner - sich keiner Schuld bewusst - meist zwei Autos brauchen, weil "der Bus ja so selten fährt". Im Prinzip wird so ein amerikanischer Lebensstil gefördert mit einer vollkommenen Autoabhängigkeit und ins Zentrum geht keiner mehr zu Fuß, dafür eben mit dem Auto in die ebenfalls wie Krebs wuchernden "Gewerbegebiete".


    Parallel veröden die Dorfkerne, hierfür wurde schon der Begriff Zwiebelprinzip geprägt: Innen faul, und außen wachsend.


    Heimdall: Das Beispiel Japan zeigt, dass eine schrumpfende Bevölkerung mitnichten mit weniger Siedlungsfläche (in den Ballungsräumen) einhergehen muss. Obwohl das Land mittlerweile um 500.000 Einwohner/Jahr schrumpft und ganze Landstriche veröden und von der Natur zurückgewonnen werden im Binnenland und an den westlichen/nördlichen Küsten, bleiben Wohn- und Mietpreise in den wenigen wachsenden Zentren an der Südküste hoch und es wird auch weiter in die Peripherie expandiert. Weder sind dort durch stagnierende Bevölkerungszahlen die Löhne gestiegen noch die Mieten gesunken oder die Zersiedlung gestoppt worden. Junge Leute stehen in Japan vor exakt denselben Problemen wie in Deutschland, tendenziell sind die Verhältnisse sogar eher noch schlechter. Der Unterschied ist nur, dass in der (großen) Peripherie mittlerweile die öffentliche Daseinsfürsorge gefährdet ist mit Kreisstädten, in denen es keinen einzigen Supermarkt mehr gibt und einer Landflucht, gegen die die Lage in Sachsen-Anhalt blühend ist. Das Herbeibeten sinkender Bevölkerungszahlen bringt grundsätzlich gar nichts angesichts der unverhinderbaren Tatsache, dass es junge Menschen dorthin zieht, wo auch andere junge Menschen und v.a. Jobs sind. Und potenzielle Arbeitgeber schauen sich ebenso Bevölkerungsstrukturen und Durchschnittsalter einer Region an, bevor sie am Standort investieren. Dies ist ein selbstverstärkender Prozess, der in Deutschland sogar noch durch eine halbwegs erfolgreiche Regionalpolitik und die traditionelle Multizentralität des Landes abgefedert wurde. Man schaue sich Frankreich oder Großbritannien an: Das enorme Bevölkerungswachstum der letzten 20 Jahre hat dort fast nichts an den festgefahrenen regionalen Strukturproblemen geändert, beide Länder sind massiv auf ihre Zentren und ganz wenige "second/third cities" konzentriert beim Wirtschaftswachstum.


    Ich bleibe dabei, dass das ohnehin geringe Bevölkerungswachstum seit 1950 (kaum ein Land auf der Welt hat weniger Einwohner dazugewonnen als Deutschland seitdem) wenig bis nichts mit dem Flächenfraß und der Zersiedlung zu tun hat, sondern fast alles mit Lebensstil und Komfortgewinnen (durchschnittliche Wohnfläche/Person, durchschnittlich zurückgelegte Kilometer/Tag etc.). Letztlich liegt hier auch ein Ansatzpunkt für einen neuen Urbanismus, gründerzeitliche Stadtgrundrisse nach dem schönen Beispiel Avillers oben statt der sich immer weiter in die Peripherie fressenden Einfamilienhausgebiete.

    Es ist ganz zweifellos so, dass Corona einen Prozess, der letztlich schon seit 20 Jahren läuft, beschleunigen wird. Die Fehlplanungen der Nachkriegszeit, der Charta von Athen, der Autogerechtigkeit und Funktionstrennungen werden uns auf die Füße fallen. Die Innenstädte werden wieder mehr zu Wohnstandorten werden müssen und die städtebauliche Qualität massiv zunehmen.


    Fußgängerzonen sind letztlich das Sinnbild für dieses Problem. Denn ein bisschen Verkehr schafft eben auch Leben. In den 90er Jahren wurde in Bremen die beliebte Hauptmeile des Ostertorviertels zur Fußgängerzone umgewandelt. Das fand dann sogar die dort ansässige urban-linke Klientel irgendwie auch wieder blöd, so dass nun wieder normaler Autoverkehr herrscht auf der Straße. Irgendwas dazwischen müsste man man hinbekommen.


    Manchmal wundert mich der mangelnde Mut der Planer. Es kommt u.a. deshalb überall so ein Murks raus, weil die Beharrungskräfte so stark sind. Mit dem Klein-Klein, mit dem die Kommunen in den letzten 10, 15 Jahren versucht haben, auf die Krise zu reagieren, also irgendwelche Business improvement districts und ein paar Blumenkübel und Bänke aufzustellen, wird man nicht weiterkommen. Es müssen ganze Straßenzüge neu gestaltet werden, die städtebaulichen Unorte der Nachkriegszeit beseitigt werden, ggf. auch durch Abrisse der überdimensionierten, abweisenden und verschlossenen Klötze dieser Zeit und die europäische Stadt als gemischter, kleinteiliger Ort der Begegnung wiederbelebt werden.


    Das braucht aber Mut und v.a. Kapital. Mal sehen, was davon noch bleibt in den nächsten Jahren. Die Alternative sind allerdings amerikanische Verhältnisse mit verslumenden Innenstädten, insofern ist der Druck sehr groß, v.a. in den westdeutschen Großstädten mit ihren ohnehin schon zerschossenen, runtergekommenen Innenstädten.

    Zusätzlich zu den richtigen Anmerkungen von Exilwiener kommen auch noch die optisch oft minderwertigen Eigenschaften. Mag sein, dass sich da einiges getan hat in den letzten Jahren, aber die klassischen weißen Plastikfenster sehen einfach unheimlich billig aus, besonders an Altbauten. Häufig sind die Profile zu breit und plump, dazu kommen natürlich die häufigen fehlenden oder reduzierten Gliederungselemente oder gar noch schlimmer, Gliederungselemente "in Aspik", also eingelegt zwischen den Scheiben.


    Nein, Plastikbauelemente haben v.a. an Altbauten nichts zu suchen. Es gibt mittlerweile zwar etwas liebevoller gestaltete Kunststoff- oder Hybridfenster (innen Holz, außen Plaste), die z.B. eine holzimitierende Maserung aufweisen etc. - aber die sind dann auch fast wieder so teuer, dass man lieber gleich Holz nehmen kann.