Posts by Heinzer

    Ja, eine peinliche Farce. Unglaublich, mit was für einem künstlichen Zeitdruck der Abriss durchgeprügelt wurde und wie vorhersehbar der weitere Vorgang dann erlahmt ist. Hier sollten schnell Fakten geschaffen werden, ohne Rücksicht auf Verluste.

    Mich erinnert es eher an den Leipziger Osten, in dem ich vor reichlich 12 Jahren gewohnt habe. Volkmarsdorf, Sellerhausen, Stünz, Reudnitz, Anger-Crottendorf. Wunderschöne Häuser, aber noch viel Verfall, schlechte 90er-Sanierungen, Abrisslücken und weiter geplante Abrisse.... Gefördert mit Stadtumbau Ost...2008 war das... Nun wird kräftig saniert, Häuser wiederbestuckt, Lücken geschlossen und das einstmals fast ausschließlich von Migranten und Prekariat bewohnte Viertel wird durch junge Leute, Hipster, Studenten und Künstler wieder entdeckt... Nun ist Bremerhaven nicht Leipzig, aber auch die Anzahl der zu rettenden Häuser nicht so groß und die Substanz dann doch nicht gar so mies wie annodazumal in Leipzig. Lasst uns hoffen.

    Ja, die Gegend kenne von einem Besuch bei einem Freund 2005 auch ganz gut, damals in seiner Straße noch einige unsanierte, notgesicherte Häuser, man lief ständig unter diesen "Gerüsttunneln" durch, mit denen Passanten von herabfallenden Fassadenteilen geschützt wurden - sein Haus eher so "90er"-renoviert mit neuen Presspantüren und Laminat, jede zweite Wohnung stand leer. Schon ein ganz besonderes Lebensgefühl damals in Leipzig (wird so ähnlich auch in Teilen Berlins oder in Dresden in der Neustadt gewesen sein), der Geruch nach den alten Braunkohleheizungen noch in der Nase, und darüber schoben sich die Sanierungswellen aus den guten langsam auch in die "schlechten" Stadtteile.


    Problem ist natürlich bei diesem Vergleich, dass Leipzig auch damals schon eine große und attraktive Stadt und das unangefochtene Oberzentrum Mitteldeutschlands war mit einer sehr schönen Innenstadt, während Bremerhaven quasi am Rand der Republik liegt und in der Innenstadt vielleicht 5 Häuser älter als 1950 sind. Trotzdem sehe ich auch die Chancen, denn es gibt tatsächlich in der Nordwesthälfte des Landes nicht viele Städte, die noch so flächig erhaltene Gründerzeitquartiere aufweisen in diesem Stil, ich komme da immer wieder nur auf Hamburg und Hannover, Wuppertal und natürlich Bremen mit ganz anderem Charakter, zum Beispiel. Es wird nur über einen massiven Ausbau der noch kleinen Hochschule gehen und dadurch, junge Leute in die Stadt zu bekommen.

    Irgendwie kommt mir Bremerhaven mittlerweile wie das Görlitz des Nordens vor (im Anfangsstadium).

    Görlitz war ähnlich totgesagt und nur durch Bürgerengagement (aus dem Westen) von Menschen mit Bezug zur Stadt wurde dieses absolut geniale Wunder möglich. Ich fiebere mit Euch, dass sich ein solches Wunder auch in Bremerhaven ereignet. Die ersten Ergebnisse sind traumhaft schön.


    Schon allein die oben genannte "Schrottimmobilie von 1895" und ganz klar die 5-Vollgeschosser (siehe oben) verdienen höchste Anerkennung und eigentlich auch einen Architekturpreis für vorbildliche Sanierungen! Diese qualitätvolle und menschlichen Dimensionen verpflichtete Arbeit fördert unser aller Gesundheit, unsere Lebensqualität und ganz wichtig: Bremerhaven und seine Bewohner.

    Ja, die 5-Geschosser der Bgm.-Smidt-Straße sind etwas ganz Besonderes. Es steht glaube ich auch schon irgendwo oben, aber ich bin das erste Mal ganz zufällig in dieser Straße gelandet, 2007 war das auf einem Ausflug, wir hatten uns eigentlich verlaufen. Ich weiß noch, wie wir zu dritt zunehmend fasziniert von Norden in dieser Straße landeten und aus dem Staunen nicht mehr herauskamen. Wenn man Bremerhaven nur von einem Besuch der Havenwelten kennt, dann fährt man an diesen Quartieren auch einfach vorbei. Es gibt kaum Orte, an denen ich diese Art urbaner Gründerzeitarchitektur weniger erwartet hätte (gut, vielleicht Cuxhaven oder Osterholz-Scharmbeck), als Bremerhaven, zumal wenn man weiß, dass Bremerhaven eine Gründung der Stadt Bremen ist, die bekanntlich einen ganz anderen Charakter aufweist in ihren gründerzeitlichen Stadterweiterungen.


    Ich quäl Euch noch mit einer weiteren Serie, diesmal von der Waterkant der Seestadt. Man ist zu Fuß in 2 Minuten aus der "Alten Bürger" an dieser Szene:



    Nach Süden ergibt sich folgender Blick auf den Neuen Hafen:




    Ein Hotelneubau am südlichen Ende des Hafens:



    Blick Richtung Wesermündung/Leuchtturm:



    Das empfehlenswerte, aber hochmodernistische Auswandererhaus mit im Rohbau befindlichen Erweiterungsgebäude:



    Die alte Zugbrücke zwischen Altem und Neuem Hafen:




    Irgendein Hafenamt oder so, ebenfalls an der Einfahrt zu den "Havenwelten" gelegen:



    Die Stadt hat zumindest versucht, sich hier neu zu erfinden und die Gegend läuft auch ganz gut. Als nächster Schritt ist eine engere Verzahnung dieses Hafenbezirks mit dem Stadtbezirk Mitte (und damit auch der "Alten Bürger") geplant, da Bremerhaven noch mehr als Bremen eine extrem autofreundliche Stadt ist und überall trennende Verkehrsschneisen liegen.


    Ein letzter Blick auf das Klimahaus und das Hotel "Sail":



    Naja, wir gehen da zwar gar nicht so selten hin, mit Besuch oder einfach als Familienausflug, aber architektonisch weiß ich auch, was ich lieber mag ;)

    So, das Finale aus der Ecke, nun wieder die Sonnenseite:



    Abgesehen von den blöden Gauben ein gut saniertes Haus, genau wie das folgende:



    Was für dolle Häuser. So etwas gibt es in Bremen nicht und auch sonst nirgends im Nordwesten, man muss mindestens bis Hamburg, um solche Häuser zu finden, vielleicht hat Hannover ein paar Ecken mit Gründerzeitlern mit 5 Vollgeschossen, die meisten, die ich kenne, haben eher vier. Gegenüber wird mal wieder saniert (ich glaube, das ist eins der STÄWOG-Häuser):



    Die einzige Bombenlücke lässt einen Blick auf die zusätzlichen, straßenseitig versteckten Mansard- und Dachgeschosse, ich zähle hier 7 Geschosse über dem Erdgeschoss anhand der Fenster am Vorsprung:



    Nochmal ein Sanierungsopfer an einer Seitenstraße:



    Die Parallelstraße (Gildemeisterstraße) ist eher mit Villen bebaut, alles aus der Zeit zwischen etwa 1900 und 1910:



    Das war es mal wieder aus der Bürgermeister-Smidt-Straße. Viel Schönes dabei, aber natürlich auch viel Ärger. Trotzdem hat diese Straße die Chance zu einer Art Alleinstellungsmerkmal für Bremerhaven, wenn weiter in geschmackvolle Sanierungen investiert würde. Einzige realistische Chance sehe ich im Ausbau der Hochschule, die auch avisiert ist, sowas geht fast nur über Studenten und das Milieu, das diese dann mitbringen, bis sich auch "normale" Leute wieder in die schlecht beleumundeten Altbauquartiere Bremerhavens wagen. Der Prozess ist hier auch erkennbar weiter vorangeschritten als in Lehe, es gibt nun diverse interessante, nicht abgerockte Etablissements, das war vor einigen Jahren noch anders. Erinnere mich an meinen ersten Ausflug dahin, da gab es einen Bäcker und das war es an einem Sonntagmorgen, im ganzen Straßenzug.

    Es geht weiter, jetzt im Stadtteil Mitte, und dort an seinem nördlichen Ende. Als erstes ein frisch saniertes Haus in der Schleusenstraße mit einem ganz attraktiv wirkenden Italiener:



    Rechts und links die typischen Sanierungs- und Entstuckungsruinen, wie sie hier leider zu Hauf auftreten. An der Kreuzung "Alte Bürger"/Schleusenstraße, Blick nach Süden:



    Der hellgraue Kasten stand jahrelang leer und verfiel, nun ist er "saniert" worden, hat ein schickes WDVS bekommen, die Fenster waren allerdings schon zuvor praktisch verkleinert worden, damit die ungeteilten Baumarktfenster besser passen. Besser als Abriss, denn das kann man alles wieder rückgängig machen, einen Abriss nicht. Das wäre so ein Traumprojekt von mir, das Ding zu sanieren, bestimmt für läppische 5 Millionen zu machen.


    Auf der gegenüberliegenden Seite wird ein Haus saniert:



    Blick nach Norden in die Straße an einem sonnigen Septembermorgen:



    Dieses Eckhaus hat sich "retro79" mal angesehen vor einigen Jahren, es ist innen wohl unsaniert, hat aber in den letzten Jahren immerhin den Turmhelm zurückbekommen, aber natürlich immer noch kein Schmuckstück mit ordentlich Investitionsbedarf:



    Dieses Haus wurde auch kürzlich saniert, etwas seltsame Farbgebung:



    Ganz gut in Schuss für die Gegend:



    Fortsetzung folgt.

    Das hast Du natürlich Recht, Heimdall, darauf habe ich oben auch schon hingewiesen, angesichts der hier zu erzielenden Nettomieten und auch angesichts vielfach seit Jahren fehlender Mieteinnahmen in tlw. leerstehenden Häusern ist die Zurückhaltung der Eigentümer sicher verständlich, umso wichtiger wäre natürlich Aufklärung über Fördermöglichkeiten, im Osten geht es ja -trotz ähnlich ungünstiger demografischer Dynamik zumindest in vielen Klein- und Mittelstädten auch.


    Hier nochmal das Beispiel von mir oben, habe noch ein Bild des Vorzustandes gefunden:



    Da ist das Ergebnis dann natürlich schon eine deutliche Verbesserung, auch wenn ich mich ebenfalls über die verpasste Chance in Bezug auf die Fenster ärgere. Anscheinend beginnt die erst kürzlich verabschiedete Erhaltungssatzung schon zu greifen, denn dieser zufolge darf die Fassade nicht mehr entstuckt und gedämmt werden und es sollen unpassende und grelle Anstriche vermieden werden.


    So ein Haus wäre noch vor 5 Jahren -falls es überhaupt saniert worden wäre- einfach fassadengedämmt und lila angemalt worden.

    Ja, die Fenster sind unheimlich wichtig für die Häuser.... dass das nicht begriffen wird, beelendet mich auch immer wieder. Neuerdings verbreitet sich in manchen Altbauquartieren hier auch diese "umgedrehte" Fensteraufteilung, bei denen das Oberlicht quasi Unterlicht wird, ganz fürchterlich, in Deinem Bild in der ersten Antwort oben ist das gelbliche Haus links z.B. so konfiguriert, aber das gibt es auch nagelneu so renoviert hier oft zu sehen. Deshalb meinte ich eben auch, dass das hier:

    sogar noch "halbwegs" geht - ohne dass ich damit weiße Baumarktplastikfenster gutheißen wollen würde.


    Hier mal ein Beispiel für die Qualität der Sanierungen, die sich im Cluster um die Goethestraße gerade entwickelt. Aus diesem typischen, teilentstuckten bläulich angemalten Kasten mit "unten" geteilten Fenstern:

    (Screenshot GoogleEarth)


    macht die STÄWOG zusammen mit Thörner das hier:



    Was für ein Schmuckstück das wird, und an dem Haus war wirklich alles kaputt, die Haustür raus, das EG entstuckt und mit quadratischen Fenstern versaut etc. Viele Leute hier denken ja, dass ein Altbau eben so aussieht wie auf dem Screenshot und finden sogar das schon schön - umso überraschter sind sie dann, was man selbst aus diesen ziemlich kaputten Kisten noch machen kann, wenn man will und weiß wie.


    Meine Hoffnung ist, dass eben solche Renovierungen auch einen Qualitätsschub bei den Sanierungen anderer Eigentümer nach sich ziehen und sich das Viertel sozusagen selbst aus dem Schlamassel befreit. Realistisch muss man allerdings auch sagen, dass mit Nettokaltmieten von 4-6 €/qm und einem nicht gerade engen Wohnungsmarkt verständlich ist, wenn die Hausbesitzer nicht übermäßig zu "Luxussanierungen" neigen. Hierfür wären dann in der Tat tlw. öffentliche Zuschüsse oder eben Steuererleichterungen sinnvoll, wie es sie ja im Osten in einer auch demografisch vergleichbaren Situation ebenfalls gibt/gegeben hat.


    Herr Thörner steht auch anderen Hausbesitzern in anderen Stadtteilen mit Rat und Tat zur Seite, auch wenn sein persönlicher Fokus Lehe ist. Hier hat er einen Käufer für eine ihm von der Stadt angebotene "Schrottimmobilie" im Stadtteil Klushof gefunden und das Haus gemeinsam mit dem Käufer saniert:


    Nord24 - Schrottimmobilie in Perle verwandelt


    Die in Deinem zweiten Beitrag erwähnte Immobilie "Rudelsburg" ist auch so symptomatisch für die Situation hier. Das Haus ist so schon schön, aber wieviel schön wäre der Originalzustand:


    (Quelle: AKPool.de)


    Vielleicht erbarmt sich Herr Thörner auch hier? Ähnliche Geschichten gibt es auch aus dem zweiten Altbaucluster Bremerhaven um die "Alte Bürger" zu berichten, das kommt dann später.

    Es folgt das Finale aus Lehe (geht aber noch weiter mit einer Runde in der nördlichen Bürgermeister-Smidt-Straße). Eine weitere typische Straße im Quartier:



    Eine der Immobilien, die in dem butenunbinnen-Beitrag ebenfalls gezeigt wurden, ohne dass der Kommentar etwas dazu sagte, ich vermute aber, dass sie auch zu der Gruppe der von der STÄWOG erworbenen Immobilien gehört:



    Sonst wird hier so saniert, und das ist sogar noch eine der besseren privaten Sanierungen, halbwegs geschmackvoll gestrichen, keine völlig unpassenden Fenster:



    Sowas gibt's hier auch, ich stelle es auch noch in den "unpassende Anstriche"-Strang:



    Weitere typische Straße im Goethequartier, diese wird gerade "gemacht":



    Und noch ein Beispiel für die Schönheit auch der öffentlichen Gebäude. Der ganze Stadtteil ist gespickt mit gut erhaltenen gründerzeitlichen Schulen, Gemeindegebäuden und Gebäuden der öffentlichen Verwaltung, das hier ist nur eines von vielen kleinen und größeren Beispielen:


    Es geht weiter im Goethequartier, zunächst mit dem von mir bereits gezeigten Haus Goethestraße 45, das von der STÄWOG als Künstlerhaus saniert wurde:



    Die STÄWOG saniert solide, aber ohne Extravaganzen oder großen Aufwand. Hier auch das Nachbarhaus um die Ecke in der Uhlandstraße:



    So soll es mal werden, eine Erweiterung des Künstlerhauses und ein "Ausbauhaus", was auch immer das genau heißen soll:



    Auch hier hat aber in Form der META-AG Rolf Thörner seine Finger mit im Spiel, genau wie direkt gegenüber, wieder in der Goethestraße, Hausnummer 47, wird fröhlich ein stattlicher Gründerzeitler saniert, ebenfalls von Rolf Thörner:



    Eine Ecke weiter das Pilotprojekt der STÄWOG in Lehe, die Goethestraße 43, Mehrgenerationenwohnen, bereits um 2010 fertiggestellt:



    Eigentlich eine sehr nette Nachbarschaft:



    Kommen wir zur "Mutter aller Schrottimmobilien", der Goethestraße 60. Findorffer hatte oben schon mal ein Bild von den Sanierungsarbeiten gezeigt, und ich war ehrlich gesagt etwas enttäuscht, dass es hier nicht deutlich weiter gegangen ist... sieht mehr oder minder so aus wie auf Findorffers Bild aus dem Frühjahr:



    Aber schön soll es werden, hier mal die Fassadenabwicklung:



    Hier im Herzen des Goethequartiers hat sich nun tatsächlich ein kleiner Sanierung"cluster" entwickelt, in dem sich die Projekte beginnen, gegenseitig zu befruchten und so die vielbeschworenen Synergien entstehen. Mehr folgt....

    Ja, man muss sich bei allen diesen Bildern immer vorstellen, dass Lehe je nach Statistik einer der oder sogar der Stadtbezirk bundesweit mit dem höchsten Anteil an ALGII-Empfängern ist und die höchste Kinderarmut aufweist, die irgendein Bereich in Deutschland hat. Der Strukturwandel hat diese Stadt wie die am härtesten getroffenen Ruhrstädte eiskalt von den Füßen geholt, die Stadt hat seit ihrem "Peak" in den 70er Jahren 30.000 Einwohner verloren und obendrein fast alle Werften, die gesamte Hochseefischerei und die amerikanischen Streitkräfte, die hier einen großen Stützpunkt hatten, in der Summe sind zehntausende gut bezahlte Industriearbeitsplätze ersatzlos weggefallen. Brutaler geht es fast nicht (außer vielleicht in einigen ostdeutschen Städten mit einer auf ein großes Einzelunternehmen reduzierten Wirtschaftsstruktur, das nach der Wende "abgewickelt" wurde, wie man so schön euphemisierend sagt.


    Und trotzdem: Man fühlt man sich dort nicht unwohl oder unsicher, auch die Verwahrlosung des öffentlichen Raums war (bei natürlich recht kleiner Stichprobe) vergleichsweise gering, keine Müllberge vor den Häusern oder so - man wird von Passanten aktiv gegrüßt, bekommt überall ein "Moin" zugerufen (das kenne ich aus Bremen z.B. nicht). Natürlich laufen da viele Leute rum, denen man ansieht, dass es ihnen nicht gut geht wirtschaftlich, Alkohol und Nikotin und Sorgen haben in den Gesichtern ihre Spuren hinterlassen - trotzdem finde ich einen Besuch dort immer wieder fast erhebend, denn diese Leute haben irgendwie nicht aufgegeben, wie man es von verwahrlosten Großwohnsiedlungen der 60er und 70er kennt, sondern sich so einen fast trotzigen Stolz bewahrt, ebenfalls vielleicht wie in manchen Ruhrstädten.


    Ich finde, gemessen an den Gegebenheiten mit seit 50 Jahren anhaltender Abwanderung, Verarmung und Verfall hat sich der Stadtteil überraschend gut gehalten und die Stadt Bremerhaven bereits in den 70er Jahren versucht, den Abstieg abzufedern mit einer flächigen Unterschutzstellung, mit erkennbaren Investitionen in den öffentlichen Raum (die natürlich auch wieder in die Jahre gekommen sind) - der Stadt ist hier zumindest kaum ein Vorwurf zu machen, sie hat versucht, das Beste draus zu machen und sich selbst in den finstersten Zeiten um 2010 herum versucht, so viel wie möglich zu erhalten.


    Naja, schon wieder geblubbert, ich habe noch einiges op Täsch von meinem Ausflug und werde es später oder morgen einstellen.

    Nochmal ein paar aktuelle Bilder aus den Gründerzeitbezirken Bremerhavens, zunächst mal wieder Lehe, wo ich jedes Mal neue Ecken entdecke, die ich nicht kannte und die wirklich eine (leider oft etwas morbide) Eleganz haben, hier bin ich zunächst nördlich Rickmersstraße, da hatte ich mich vorher noch nie hingetraut:



    Hier ist eine halbherzige Sanierung begonnen worden (neue Fenster im EG und 1. OG), egal, Hauptsache es wird irgendwie investiert:



    Die Rickmersstraße mit einer wirklich urbanen Eleganz, aber auch alles etwas "runter" und mit reichlich unpassenden Anstrichen versehene Häuser:



    Hier das ehemalige "Chico's Place", eine wohl legendäre Kneipe, die von Rolf Thörner erworben wurde, der das Haus sanieren möchte. Noch sieht man aber nix, der Herr ist anderweitig beschäftigt (siehe folgende Beiträge):



    Hier nochmal sein erstes fertiges Objekt in der Goethestraße:



    Daneben hat die Städtische Wohngesellschaft zwei ensembleprägende Häuser zwecks Bestandssicherung gekauft:



    Bei beiden ist es höchste Zeit:



    Blick in eine Nebenstraße:



    Einfach ein richtig tolles Viertel, was man hieraus mit Geld machen könnte - das würde Nordwestdeutschland ganz weit oben mitspielen. Fortsetzung folgt, aber wohl erst heute Abend oder morgen....

    Schöne Bilder aus Herford, vielen Dank für die Fotos!


    Im Ernst: Die Stadt hat wirklich schöne Ecken, ich kenne sie aufgrund von Verwandtschaft ganz gut - aber dann auch diese typischen "NRW-Bereiche", innerstädtische Verwahrlosung und Hässlichkeit der Extraklasse, nur wenige mal wirklich geschlossene Ensembles, immer wieder irgendein Waschbetonmonster ohne erkennbare Motivation dazwischen gekloppt. Man sieht an vielen Stellen (wie auch in Göttingen, z.B. aber noch schlimmer), dass der als Stadtumbau verbrämte Nachkriegskahlschlag nicht fertig geworden ist, gottseidank und vielerorts so seltsame Situationen entstehen mit riesigen Kontrasten - auf der einen Seite ein denkmalgeschütztes, topsaniertes Fachwerkhaus, gegenüber irgendein unpassender 6stöckiger Volksbank- oder Sparkasse- oder LBS-Kasten, wieder nebenan ein WDVS-gedämmter, entstuckter Gründerzeitler mit Plastikfenstern - sowas eben - und diese Szenen gibt es in Herford wirklich an vielen Stellen.

    Da Du ja Bezug auf meine vielleicht etwas saloppe Äußerung nahmst, ein paar Worte von mir zum Thema: Ich finde auch nicht alles schlecht an der Entwicklung des Hauptbahnhofumfelds, aber in der Summe doch einfach zuviel Banalität angesichts der Lage um den neugebauten Hauptbahnhof der größten Stadt Deutschlands. Vieles könnte (mit vielleicht zwei Geschossen weniger) auch in irgendwelchen Vorstadtstadtentwicklungsgebieten in Bremen oder Dortmund oder Stuttgart neugebaut werden und würde selbst dort nicht strahlen. Es fehlt vollständig etwas "Berlinisches", es ist alles wirklich vollkommen ortlos.


    Du weißt auch, dass ich dem Modernismus insgesamt weniger kritisch gegenüberstehe als viele andere hier, ich habe hier also nicht nur den üblichen Dampf abgelassen, sondern meinte das schon so, wie es da stand: Dem Gebiet ist der Relevanz der Lage nicht entsprechend, es hat etwas von einem neu geplanten Retortenstadtteil einer B-Stadt. Es mag sein, dass mit der Wohnbebauung der Europacity jetzt eine Steigerung reinkommt und vielleicht stellt das Haus der Apothekerverbände so etwas wie eine Blaupause dafür dar, wie es zukünftig vermehrt werden soll dort, aber bislang habe ich den Bereich immer als unwirtlich und unattraktiv wahrgenommen, was sicherlich und fairerweise sicherlich auch an der ewigen Provisoriums- und Baustellensituation am Nordausgang des Hauptbahnhofs liegen mag.

    Die Grundidee der Vereins ist eine Gute: Das heute im Prinzip relativ tot und verschlossen an einem zentralen Ort der Stadt stehende Gebäude der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man kann da mit etwas Mut zwar am Pförtner vorbeikommen, wenn man höflich fragt - die allermeisten Bremer werden aber noch nie im Gebäude gewesen sein, geschweige denn die beiden sehr charmanten Innenhöfe kennen. Ich könnte auch mit einem irgendwie gearteten Dachcafé leben und finde die Idee, die Innenhöfe zugänglich zu machen, gut. Diesem Trend, innerstädtische Innen- und Hinterhofsituationen erlebbar zu machen, folgt auch das Projekt "Balgequartier", wo zwischen Stadtwaage und dem Neubau an der Obernstraße ein (mMn) überraschend gut funktionierender Platz mit Café und zukünftigem Restaurant entstanden ist. Vorher war das ein toter Platz, von Müllcontainern und Autos dominiert.


    Insofern: Idee gut, geplante Umsetzung wenig überzeugend (wiewohl ich dem Entwurf zumindest noch einen gewissen Pfiff zuerkennen würde). Ob eine Rekonstruktion des Ursprungszustands wirklich wünschenswert wäre, möchte ich bezweifeln. Es war aus meiner Sicht etwas überfrachtet und war- dem NDL-Gebäude nicht unähnlich - eine seltsam überopulente, gleichsam unbremische und nicht unbedingt harmonierende Melange aus Neorenaissance, Neobarock und Jugendstil. Nachdem einige Fassadenteile heruntergestürzt waren und dabei sogar ein Mann erschlagen wurde, war die dann realisierte, deutlich reduzierte Variante (hier auf Seite 1 gezeigt mit der Jahreszahl 1924) sicherlich die beste Version. Die heutige Version ist in der Tat "unbefriedigend", unfertig und nimmt dem Gebäude eine ganze Menge seiner ursprünglichen Wirkung.


    Ich denke aber nicht, dass hier unmittelbare Gefahr im Verzug ist, es wirkt eher so, als wollte der Börsenverein sein Gebäude mal wieder ins Gespräch bringen, nachdem seit 2015 nichts passiert war. Der Börsenverein scheint alle Hände voll zu tun mit dem Erhalt des Gebäudes zu haben, seine Finanzmittel wohl überschaubar. Es ist wirklich v.a. von innen ein Erlebnis und es wäre ein großer Gewinn für die Altstadt, wenn hier investiert würde.

    Ich glaube, wir unterschätzen, wie fürchterlich kaputtrenoviert diese Gebäude schon im Vorfeld waren. Ich habe da in der Alten Bürger mal in die Treppenhäuser gekuckt, häufig war da außer der Treppe nichts mehr original. Auch die EG-Zonen sind ja vollkommen zerschossen und oben wohl Schichten von PVC und Laminat auf den alten Böden, auch alte Türen wurden oft ausgetauscht und durch Metallzargen und Plastetüren ersetzt.


    Wissen tue ich es natürlich auch nicht und auch nicht auf eine Topsanierung hoffen angesichts der offensichtlich begrenzten Mittel, aber ich glaube nicht, dass diese Leute den Häusern noch zusätzlichen Schaden antun. Und da alles besser als langsames Vergammeln durch undichte Dächer und dann Abriss ist, denke ich trotzdem, dass das ne gute Sache ist.


    Solche Leute zerhacken keinen erhaltenen Terrazzoboden, sondern freuen sich, wenn er unter 60 Jahren Geschmacklosigkeit hervorkommt, wäre meine Vermutung. Dass die keine Kohle für neue, gute Holzfenster haben, glaube ich auch, perfekt wird das nicht. Aber neuen strukturellen und irreversiblen Schaden richten die eher nicht an, hoffe und glaube ich zumindest.

    Auch der gestrige Beitrag dreht sich um 2 Altbauten in Bremerhaven, diesmal liegen sie in der "Alten Bürger", die ein absolut beeindruckendes Ensemble großer gründerzeitlicher Wohn- und Geschäftshäuser darstellt, das hier und in den Galerien auch schon reichlich Thema war. Bei Interesse einfach ein wenig Scrollen.


    Und wieder spielt die STÄWOG eine entscheidende Rolle: Sie hat ein Haus einem jungen Kollektiv von Künstlern zur Verfügung stellt und das gegenüberliegende Haus an die Gruppe verkauft. Diese Gruppe junger Leute sanieren nun beide Häuser, um sie zu Werk- und Wohnraum umzubauen. Auch wenn manche der Äußerungen und Personen hier vielleicht etwas anecken werden, da es sich um junge, grundsätzlich wohl als "links" einzustufende Menschen handelt und ihre Diktion entsprechend geformt ist, sind auch solche Maßnahmen natürlich sinnvoll. Am Ende geht es um Erhalt von alter Bausubstanz und das sanfte Anstoßen eines Gentrifizierungsprozesses, ohne den diese Stadtteile letztlich verloren wären aus architektonischer Sicht.


    Link zu Butenunbinnen


    Der Reporter stolpert übrigens liebenswert über den spitzen Stein, etwas, das ich seit Jahrzehnten nicht mehr gehört habe. Er sagt u.a. immer "zum Beisspiel".

    Habe Soest auch als absolut positive Überraschung in Erinnerung. Wir waren dort letztes Jahr mal für einen Tag, sehr ordentliche Altstadt, auch Schatten natürlich, aber doch sehr viel Schönes und Erhaltenes/Wiederaufgebautes. Interessant fand ich die Spielart des lokalen Sandsteins, der den Gebäuden einen minzfarbenen Ton gibt, inkl. der Kirchen, wahrscheinlich aufgrund des Kupfergehalts (?).

    Findorffer hat mich gestern auf die neue Wochenserie bei buten un binnen aufmerksam gemacht: Es geht um Bremerhaven. Gestern ging es um die wachsende Stadt und den neuen Baudezernenten, dessen Konzept sich im Prinzip mit Bauen, Bauen, Bauen umschreiben lässt, so weit, so, naja, ärmlich/vorhersehbar.


    Heute aber geht es um die STÄWOG, die städtische Wohnbaugesellschaft, die bereits mehrere Schrottimmobilien in Bremerhaven gekauft und saniert hat, einige davon habe ich in den Galerien und in diesen Strängen auch schon gezeigt. Nun hat die Gesellschaft 2 weitere Schrottimmobilien in Lehe gekauft und möchte diese sanieren, ein weiteres Haus wird bereits saniert. Die drei Häuser werden kurz gezeigt mittels Kameraschwenks und sind mir bekannt, weil sie entweder eckenbildend und/oder in anderer Hinsicht wichtig sind zum Erhalt optisch attraktiver Ensembles. Zwei der Häuser (das rötliche und das pastellgrüne relativ am Anfang des Films, seit Jahren leerstehend) befinden sich ebenfalls in der Hauptachse Goethestraße und liegt ziemlich exakt zwischen dem momentanen Nukleus an Sanierungen um zwei Thörnerprojekte und zwei Stäwog-Häuser sowie dem von findorffer oben gezeigten Eckhaus, das Rolf Thörner saniert. In der Goethestraße passiert also wirklich viel im Moment:


    Link zu Butenunbinnen


    Die finanziellen Mittel der Wohnbaugesellschaft sind natürlich endlich, aber es ist wirklich schön zu sehen, dass der Fokus von Abriss zu Erhalt oder zumindest Sicherung gegangen ist in den letzten 10 Jahren.

    Vielen Dank, findorffer! Ja, das ist ein richtig beeindruckendes Industriedenkmal, noch schöner wäre es natürlich mit Erhalt der anscheinend wirklich großen Kaienanlage und des Elevators gewesen, die auf Deinem Archivbild schön zu sehen sind.


    Der neue Besitzer J. Müller hat zumindest versprochen, die Getreideverkehrsanlage wieder verstärkt zu nutzen, was man auch schon sieht, als ich da neulich vorbeifuhr, lagen 3 Schiffe davor, sonst waren es oft keines oder eines. Probleme entstehen daraus wiederum für das westliche Ende der Überseestadt, denn der Lärm der Anlage verhindert eine weitere Ausbreitung des Wohnungsbaus in Richtung Norden/Holzhafen.


    Alles immer kompliziert. Trotzdem natürlich in der Tat schön, wenn ein 100 Jahre altes Industriegebäude immer noch seine alte Funktion wirtschaftlich erfüllen kann. Gibt ja am Nordufer des Holzhafens noch so einige echte Perlen der Industriearchitektur, vom Kaffee-HAG-Werk zur Rolandmühle - und alle sehen auch nach 100 Jahren noch gut aus - wenn man sich das mal für 20 Jahre alte Gewerbearchitektur vorstellen sollte, kann man eigentlich nur zynisch lachen.

    Kleine Anekdote am Rande.

    Vor kurzem waren spanische Freunde von mir in Berlin und fragten mich warum denn das große Schloss gegenüber vom Dom renoviert wird und wann man dieses denn wieder besichtigen kann... :smile::wink:

    Dies wird -ehrlich gesagt- sogar der Normalfall für die meisten Besucher werden bzw. schon sein. Ich denke, dass selbst ein erklecklicher Teil an deutschen Touristen nicht wissen wird, dass es sich bei den Gerüsten nicht um Renovierungsgerüste handeln. Letztlich das größte Kompliment für eine Rekonstruktion.

    Die Kritik mag auch daher rühren, dass die Rekonstruktionsbemühungen der Nachkriegszeit einige wesentliche Architekturikonen links liegen ließen. Toplerhaus, Pellerhaus etc. fehlen halt heute immernoch. Gerade beim Pellerhaus, das ja im Nachkriegsbau weiterlebt, bleibt dieser Schmerz und diese Sehnucht erhalten, und wird vor Ort augenscheinlich. Und jeder wird durch diesen eigentlich unnötigen Kontrast aus brutaler 50'er-Jahre Überformung und erhaltenen Resten des Originals dazu gezwungen sich zu entscheiden. Und da kann der Wiederaufbau halt oft nicht punkten. Ich glaube das wird oft auf jedes klitzekleine Wohnhaus in der Altstadt projiziert, oft ohne zu wissen, was dort vorher eigentlich genau war.


    Kurz: Die Reko des Pellerhauses würde den Wiederaufbau der Altstadt als Ganzes deutlich nach vorne bringen und wesentlich befriedigender machen.

    Wie gesagt, ich verstehe die Kritik, ich habe mir viele Galerien hier angeschaut, ich habe die Sebalder Steppe gesehen und erkenne den Mangel an einem einzigen halbwegs geschlossenen Ensemble. Trotzdem wundert mich diese Schärfe, diese Absolutheit im Urteil, auch hier weiter oben wieder "mit Abstand am schlechtesten wiederaufgebaut", "verloren", usw usf.... wirklich zahlreiche absolut vernichtende Urteile, die selbst, wenn man sie cum grano salis als Äußerung der Enttäuschung wertet, irgendwie zumindest in dieser Dichte und scheinbaren Einigkeit übers Ziel hinausgeschossen wirken.


    Von mir wird man in den Strängen zu Bremen auch mal die eine oder emotionale Übertreibung finden, wenn ich mich wieder ärgere, was Krieg und v.a. der Wiederaufbau noch alles zerstört haben, das ist klar. Ich möchte auch Bremens kunsthistorischen Wert gar nicht mit dem Nürnbergs gleichsetzen, weiß sehr wohl, dass dort im Prinzip eine Art Florenz untergegangen ist und in Bremen nur ein bescheideneres Lübeck. Trotzdem wundert mich diese Schärfe in den Urteilen, schon fast seit ich hier mitlese scheint hier ein Konsens zu herrschen, dass Nürnberg das Schlimmste ist, was Deutschland zu bieten hat und überhaupt alles kaputt, am besten gleich abreißen.


    Und das kontrastiert eben dann doch mit der Realität ganz gewaltig, zumindest für den interessierten Laien, der sich an einem schönen Tag ein wenig ohne Plan hat treiben lassen in der Altstadt.