Posts by Heinzer

    Vielleicht ist es auch die Verbitterung darüber, dass politisch das Auto verteufelt wird, indem man Schikanen einführt. Ziele, die man früher ohne weiteres erreichen konnte, werden durch Parkplatzwegnahme, hässliche Fahrbahnverengung erschwert. Genauso soll das Tanken nach und nach in Deutschland verteuert werden (hier) . Wer "Fit" ist, kann jetzt schon auf´s Rad ausweichen. Die anderen dürfen auf bessere Infrastruktur hoffen.

    Mag es in der Stadt noch einigermaßen gehen, auf dem Land ist es eine Katastrophe.

    Es geht doch hier um städtische Umgebungen. Dass die Situation auf dem Land eine grundlegend andere ist, ist völlig klar und unbestritten. Warum muss das denn immer wieder und wieder und nochmal wiederholt werden? Der Strangtitel ist "Mobilität und Städtebau". Muss man hier vor jeder Aussage erstmal die 15 Ausnahmen beschreiben, die man nicht gemeint hat?


    Dazu kommt, dass die Situation in unseren Städten weiterhin absolut luxuriös ist für Autos. Ich bin mit dem Auto fast überall schneller und absurderweise billiger als mit der Straßenbahn. Ich frage mich wirklich, ob Ihr ernsthaft und konstruktiv mitdiskutieren wollt, oder einfach nur mal irgendwelche Sprechblasen wie "Parkplatzwegnahme" (was auch immer das sein soll) oder "politische Verteufelung des Autos" loswerden wollt.


    Hier wurde doch nun von ganz vielen Leuten sehr engagiert und differenziert dargestellt, was sich aus ihrer Sicht beim städtischen Verkehr ändern sollte. In KEINEM dieser Szenarien kam vor, dass gehbehinderte Menschen nicht mehr Auto fahren dürfen oder dass ein Handwerker nicht mehr mit dem Auto in die Innenstadt soll oder dass Menschen vom Land ausgeschlossen werden sollen. Es beelendet mich, dass das nicht gesehen wird.


    Die Parkhäuser in unseren Innenstädten sind jetzt schon überdimensioniert und stehen meistens leer. Wollt Ihr wirklich ein Recht auf umsonst Parken vor der Haustür überall und jederzeit? In einem innerstädtischen Kontext? Ihr fordert hier ganz ungeniert, den Status quo beizubehalten oder besser noch auszubauen, als wäre es 1965 und die letzten 50 Jahre nicht passiert - es soll sich am besten gar nichts ändern, und jeder Satz, in dem die notwendigen Veränderungen vollkommen neutral und sachlich formuliert werden, wird aufgefasst, als sei die Diskussion hier von radikalen Ökofaschisten dominiert.


    Auch diese Aussage, dass aber erstmal das und das und dies passieren müsse, bevor man überhaupt nur darüber nachdenken dürfte, irgendwo mal eine Rechtsabbiegespur zurückzubauen - die Realität in deutschen Städten (Beispiel Hamburg) sieht aber auch im Jahr 2022 so aus:


    (ziemlich typische Kreuzung in Hamburg - findest Du das normal und erhaltenswert?)


    Wirklich, ganz ehrlich, beelendend. Dann brauchen wir auch gar nicht mehr über europäische Städte diskutieren.

    Ich habe einen ganz schlechten Gleichgewichtssinn, bin als Kind mal mit dem Fahrrad richtig auf die Nase geflogen und fühle mich auf dem Fahrrad extrem unsicher, zumal im Stadtverkehr, aber nicht nur dort. Radfahren ist für mich jedes mal mit regelrechten Angstzuständen verbunden.
    Das ist für mich ein verdammt guter Grund GEGEN Radfahren. Ich reagiere dementsprechend auch ziemlich allergisch, wenn mir jemand das Radfahren aufdrängen will.

    Tut mir leid, Philon, aber das beelendet mich dann schon ein bisschen. Ich schreibe 4 Absätze lang etwas darüber, dass niemand über jemand anderen urteilen sollte bzgl. seiner Wahl des Verkehrsmittels, und Du zitierst einen Satz, an dem dann trotzdem nichts falsch ist, oder möchtest Du etwa nicht, dass Fahrradfahrer mehr Platz bekommen in unseren autogerecht umgebauten Städten? Auch aus Sicht von Autofahrern führen mehr Fahrradfahrer nur zu Vorteilen, denn jeder auf dem Rad ist einer weniger im Auto.


    Der eine erzählt permanent was vom Wetter, der andere hat ein Gleichgewichtsproblem, der dritte ist fußkrank - warum meint Ihr überhaupt, Euch rechtfertigen zu müssen? Nochmal: Es gibt tausend Gründe, nicht fahrradzufahren. Keiner davon geht mich etwas an. Aber es gibt in diesem Land sehr, sehr viele Menschen, die bei einer fahrradfreundlicheren Verkehrspolitik umsteigen würden, wie ein Blick in andere Länder zeigt. Um die geht es. Ich verstehe wirklich nicht, wie man das missverstehen kann.

    Siehst Du, und deshalb muss ich Dir die Kompetenz in dieser Frage absprechen. Wir ehemaligen Ostdeutschen redeten nicht übers Radfahren, sondern fuhren ein halbes Jahrhundert bei Wind und Wetter zur Schule und zur Arbeit. Und beneideten die wenigen Autobesitzer, die im Trockenen sitzen durften. Der Wunsch nach dem "Dach überm Kopf" war riesig. Unserer Elterngeneration versprach man einst den Volkswagen, und uns den Trabant. Es besteht kein Bedarf, die Entwicklung zurück zu drehen. Als Sportgerät gern, aber mehr nicht!

    Da kommen wir der Sache doch schon näher. Deine Abneigung gegenüber Fahrradfahren hat also nicht viel mit dem Wetter in Dessau zu tun, sondern mit Deiner Lebensgeschichte. Wir sind alle geprägt von unseren Biografien und wenn Deine Kindheits- und Jugenderinnerungen eben durch Frieren an Bushaltestellen und Nasswerden auf klapprigen Rädern geprägt waren, erklärt sich doch schon unsere andere Sicht.


    Ich hatte diesen Satz weiter oben schon mal geschrieben und auch Heimdall hat diese Aussage so ähnlich paraphrasiert: Verzicht muss man sich leisten können. Wenn man nur ein Fahrrad hat, macht es vielleicht weniger Spaß als wenn man weiß, dass man auch Auto fahren könnte (wobei ich für mich persönlich wirklich nur Vorteile sehe im Fahrradfahren, allein schon der Albtraum Parkplatzsuche morgens am Arbeitsplatz und abends zu Hause disqualifiziert für mich tägliches Autofahren einfach).


    Ähnlich gelagert und ebenfalls in der oben genannten Studie anklingend ist eben, dass die privilegierte Mittelschicht Westdeutschlands weniger oder andere Statussymbole benötigt. Mein Auto ist klapprig, mein Fahrrad meistens schmutzig, ich laufe in alten Kapuzenpullis, Funktionsjacken und Jeans mit Turnschuhen herum, weil mir das alles egal ist. Es hinterfragt mich in meinem Umfeld aber auch niemand trotz meines schräbbeligen Auftretens, ich kann es mir einfach leisten, auf Aussehen wenig zu achten (auch wenn es meine Frau in den Wahnsinn treibt ;)).


    Hingegen erklärte mir ein türkischstämmiger Kollege mal recht schlüssig, warum statusorientierte Türken (also Typ Bildungsaufsteiger) trotzdem so oft auf Äußerlichkeiten achteten, also hochwertige (wenn auch nicht immer geschmackvolle) Klamotten tragen und bling-bling Autos fahren: Weil sie in ganz anderem Maße in Frage gestellt werden, im beruflichen wie im öffentlichen Leben. Wer er so rumlaufen würde wie ich, würden alle das schlimmste vermuten, was ist das denn für einer? Also laufe ich in abgewetzten grünen Kasacks mit unpassenden, zu weiten grünen OP-Hosen durch die Gegend und er im gebügelten und gestärkten weißen Kittel mit perfekt sitzender, weißer Hose. Fand ich sehr interessant. Deshalb auch dieses Schickimicki-Gehabe in vielen migrantischen Schichten: die würden in meinem Aufzug nirgends reinkommen oder ernstgenommen werden.


    Deshalb fahren sie -wie Du, wenn auch aus anderen, aber ebenfalls biografischen Gründen- nur ungern Fahrrad, weil das in Euer beider Umfeld anscheinend negativ mit Not und Armut verknüpft ist. "Der hat nichtmal ein Auto". Interessantes Thema. Wichtig bleibt, sich mit Urteilen über die jeweils anderen zurückzuhalten. Jeder hat seine Gründe, sich so oder so zu verhalten. Das heißt aber trotzdem nicht, dass man nichts ändern müsste. Fahrradfahren ist aus gesellschaftlicher, gesundheitlicher und umweltpolitischer Sicht so dermaßen sinnvoll, dass man es fast nicht genug fördern kann.

    Der Grund ist in der Tat wohl kaum im Wetter von Sachsen-Anhalt zu suchen, denn in den eher feuchteren Niederlanden bewegen sich ganze Massen von Menschen wie selbstverständlich im Alltag mit dem Fahrrad. Warum dies hierzulande nicht funktioniert? Es ist einerseits die schlechte Infrastruktur für Fahrräder, andererseits unsere eigene Trägheit und Faulheit. Und da nehme ich mich nicht aus, obwohl ich leidenschaftlich gerne Fahrrad fahre, allerdings in der Freizeit und nicht im Alltag. Die Niederländer haben es dagegen seit Jahrzehnten im Blut, ihren Alltag auf zwei Rädern zu bewältigen. Es gehört zu ihrer Kultur. Und dafür beneide ich sie.

    Ich bin auch in einem eher "fahrradfernen" Haushalt großgeworden. Das Fahrrad war für meine Eltern bestenfalls ein Freizeitgerät, das sie zudem nicht oft benutzten. Bei mir war es schlicht ein Kreis Freunde, die den gleichen Weg zur Schule hatten und mit 15 beschlossen hatten, nicht mehr mit dem blöden, vollen Bus fahren zu wollen (6 km eineStrecke). Obwohl ich derjenige war, der am wenigsten radsozialisiert war, blieb mir wenig übrig, als mich ihnen mit meinen Torpedo-3-Gangfahrrad anzuschließen, wenn ich nicht nicht alleine im Bus sitzen wollte.


    Hieraus hat sich innerhalb weniger Wochen eine anhaltende Liebe zum Verkehrsmittel Fahrrad entwickelt, auch half natürlich, dass es genau in dieser Zeit doch einige große technologische Sprünge gab, so dass mein nächstes Fahrrad (heute würde man wohl "Stadttrekkingrad" sagen, mit 21 Gängen) sich schon dermaßen viel besser fuhr als alles, was vorher war, dass ich tatsächlich nie mehr zurückgeschaut habe.


    Es sind also sehr individuelle Geschichten, die uns zu Fahrradfahrern machen, Deshalb möchte ich auch von niemandem irgendetwas verlangen. Das muss eine individuelle Entscheidung bleiben, über die andere nicht zu urteilen haben. Blöd finde ich eben nur, wenn irgendwelche übergeordneten Gründe gesucht werden (Wetter), um das eigene Verhalten zu erklären. Deutschland hat eines der fahrradgeeignetsten Klimate der Welt, selten heiß, selten sehr kalt, nicht unbedingt windig, selten wirklich anhaltende Niederschläge. Es gibt sehr viele Gründe, nicht das Fahrrad zu nehmen, das Wetter gehört objektiv nicht unbedingt dazu.


    Gerade mit den weiteren Technologiesprüngen der letzten 10, 15 Jahre (wartungsfreie Lichtanlagen - was war das früher für ein ewiges Geeier mit den Dynamos und den kaputten Lichtern - wartungsfreie, gute Nabenschaltungen (kein Vergleich zu den alten Torpedo 3- oder 5-Gangbiestern, die einem mit jedem Tritt die Lust am Weiterfahren raubten - neue Bremssysteme, Scheiben oder Öldruck statt der alten Cantilever, die immer schleiften und an denen immer "was" zu tun war) - es macht auch objektiv einfach viel mehr Spaß, heute Fahrrad zu fahren als vor 20 oder 30 Jahren. Hinzu kommen nun noch die E-Fahrräder, die noch einmal eine ganze Menge zum Fahrradfahren motivieren und z.B. das Schwitzproblem recht gut lösen können, das Leute haben, die sich für die Arbeit nicht noch einmal umziehen können (da hat man im Medizinbereich natürlich einen Vorteil).


    Wie gesagt, ich bleibe dabei: Fahrradfahren ist einfach praktisch ideal für fast alle, die Wege von unter 10 km eine Strecke haben zur Arbeit. Und durch E-Bikes ist dieser Radius in den letzten Jahren eher noch erweitert worden, auch in den hügeligeren Städten und Landschaften Deutschlands. Gerade für die typischen Büroarbeitsplätze ein idealer Ausgleich, man kann abschalten, bewegt sich, kommt an die frische Luft, der Rücken wird entlastet, Muskeln aufgebaut, und alles das ohne nervige Fitnesstudiobesuche und extra Wege zum Sport, die ironischerweise auch oft noch mit dem Auto zurückgelegt werden.


    Am Ende ist es für mich eher Privileg als Last, viel Fahrrad zu fahren. Ich mache sonst praktisch keinen Sport und weiß, wie ich aussähe und was für Probleme ich hätte, wenn ich jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit fahren würde. Nochmal 10 kg mehr und permanent Rückenschmerzen. Es ist also gleichzeitig praktisch und gesund. Mehr geht eigentlich nicht aus meiner Sicht.

    Bei uns sieht es etwas anders aus (klimadaten):

    "Dessau-Roßlau's Klima wird als warm und gemäßigt klassifiziert. Der Niederschlag in Dessau-Roßlau ist hoch, auch während dem trockensten Monat. Cfb lautet die Klassifikation des Klimas nach Köppen und Geiger. Die Temperatur liegt in Dessau-Roßlau im Jahresdurchschnitt bei 10.5 °C. Die jährliche Niederschlagsmenge beträgt 646 mm."

    Und wenn man in voller Montur am Arbeitsplatz ankam, war man auch darunter nassgeschwitzt. Eigentlich wäre jedesmal eine Volldusche nötig. Aber die kostet Zeit.

    Wirklich und ganz ehrlich: Dann leben wir in zwei völlig verschiedenen Welten. Millionen Deutsche radeln jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit, vom Monteur zum Anzugträger. Wie schaffen die das bloß, bei all dem Regen und der brutalen Hitze unter den ganzen Regenjackenschichten?


    Es ist vollkommen in Ordnung, nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Es gibt dafür medizinische Gründe und persönliche Gründe, es geht mich einen Sch...dreck an, warum Du meinst, nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können. Aber diese Wettergeschichte ist wirklich, wirklich arm und extrem leicht widerlegbar. In Finnland fahren Kinder (!) den ganzen Winter durch (!) trotz hoher Schneedecken und eisiger Minustemperaturen (!) mit dem Fahrrad zur Schule. Sogar in Schottland fahren in den Städten viele Leute mit dem Fahrrad zur Arbeit.


    Und im eher trockenen Übergangsklima Sachsen-Anhalts soll das allen Ernstes wegen des vielen Regens nicht möglich sein? Leg ne andere Platte auf.


    Nochmal: Es gibt ganz viele individuelle Gründe, warum dies oder jenes nicht geht. Oma braucht einen leicht erreichbaren Parkplatz, wenn sie in der Innenstadt einkaufen geht - ist doch klar. Ein Handwerker ist auf gute Erreichbarkeit aller Bereiche der Stadt auch mit dem Auto angewiesen, ja. Vielleicht geht in Dessau nicht, was in tausenden anderen Städten des Landes möglich ist, ok.


    Aber all diese Einzelschicksale können nicht die schlichte Tatsache widerlegen, dass in Zukunft der Anteil an Fahrradfahrern am sogenannten Modal Mix weiter zunehmen wird, weil es nämlich verdammt viele Gründe FÜR und verdammt wenig Gründe GEGEN Fahrradfahren gibt als Alltagsfortbewegungsmittel. Man holt nicht jeden Tag sperrige Pakete ab, kauft nicht jeden Tag einen Kühlschrank und es gibt auch nicht jeden Tag morgens Gewitter - aber hier wird in puncto Fahrrad immer aus der Warte eines gehbehinderten Haushaltsgeräteliebhabers argumentiert, der im Regenwald lebt.

    Die Geduld der Auslieferer hält sich auch gewaltig in Grenzen. Soweit überhaupt noch geklingelt wird, landet bei Abwesenheit der Abholzettel im Briefkasten. Und spätestens dann wird der eigene PKW gebraucht.

    Wieso? Die Mehrzahl unserer Pakete lässt sich ohne Problem in einer Fahrradtasche transportieren und für etwas Sperrigeres nehme ich dann den ausrangierten Kinderanhänger, in den überraschend viel passt. Ist übrigens auch regendicht ;), ein weiteres Thema, dass Dich ja anscheinend sehr umtreibt, obwohl ich dabei bleibe, dass es extrem selten problematisch stark regnet ausgerechnet bei den üblichen Fahrradfahrten zur Arbeit oder für so etwas. Das letzte Mal eine Regenhose habe ich im letzten Sommer bei einem Gewitter getragen, das letzte Mal nervig nass (also nicht nach 20 min drin wieder ganz normal) war meine Hose vielleicht vor 4 Monaten. Klar, ne wasserdichte Jacke muss man eben tragen. Und ich fahre jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit. Einzig nachmittags habe ich ein wenig Flexibilität, meine Rückkehr etwas zu timen und auch mal einen Schauer abzuwarten. Das habe ich im letzten Jahr vielleicht 2x machen müssen. Morgens muss ich raus, ohne Verhandlungsspielraum. Extrem, wirklich extrem selten, dass es da mal stark regnet.


    Das Thema problematischer Niederschlag während Fahrradfahrten ist in einem Großteil des Landes wirklich eine Rarität und wird eine noch größere, wenn man einen Job mit Gleitzeit hat und auch mal 20 min warten kann. Mag sein, dass es in den Regen- und Staulagen des Landes an den Mittelgebirgen oder am Alpenrand öfter mal echte Dauerregenlagen gibt oder eben im Sommer wesentlich öfter Starkregen, dass es da anders aussieht. Für den als "verregnet" geltenden Nordwesten kann ich wirklich sagen, dass das kein echtes Problem bzw. sogar eine absolute Rarität ist, wenn man nicht aus Zucker ist.

    Ich machte da bisher ja nie ein Hehl daraus, dass ich diese Betrachtungsweise ablehne. Es gibt da kein ,,oh jetzt kann ich plötzlich die Schönheit sehen nach 20 Jahren warten". Das einzige was nach den Jahren kommt ist Nostalgie, sodass man eventuell auch ungern einen hässlichen Klotz aus seiner Heimat missen mag. Das ist eine Art ,,Gewöhnungseffekt", der jedoch lediglich von den Fakten ablenkt. Damit bestätige ich aber im Grunde die Aussage des zweiten Absatzes, denn ich erwarte auch von modernen Bauten, dass sie gut gemacht sein können, und entsprechend dann ,,schön" sind. Da gehe ich voll mit mit der Überlegung, ob einfach der Anteil höher liegt heute an schlecht gebauten Fassaden. Fraglich, ob man da jedoch etwas ändern kann, denn scheinbar haben die Architekten und Bauherrn überwiegend dieses historische Wissen von Proportion und Würde verloren. Dies scheint ein schleichender Prozess zu sein, denn bereits die Beispiele aus der Postmoderne zeigen eine teils peinliche Unfähigkeit im Versuch den alten Formenschatz wirklich sinnstiftend einzubinden. Das soll gar keine Abrechnung sein, aber meine Beobachtung einer Entwicklung hin zur hilflosen Grobschlächtigkeit.

    Geht jetzt natürlich off topic, aber ich bin absolut überzeugt davon, dass auch Du nicht frei bist von dieser Wahrnehmungsverzerrung. Welches Lied im Radio nervt Dich am meisten? Der Sommerhit vom letzten Jahr, nicht der aktuelle (obwohl, jaja, mich nervt auch eigentlich alle im Radio gespielte Musik, aber Du weißt, was ich meine) und auch nicht der von vor 10 Jahren. Welches Badezimmerdesign nervt mich am meisten? Aktuell Bäder aus den 90er Jahren, echt erhaltene 60er Bäder sind teilweise richtig schick wieder.


    Ich bin grundsätzlich auch der Meinung, dass es so etwa wie "objektive Schönheit" gibt in der Architektur, und dass dieses Gefühl für Proportionen und Symmetrie ohne Eintönigkeit das ist, was wir mit klassischer Architektur verbinden, also gar kein grundsätzlicher Widerspruch gegenüber dieser Ebene. Aber es gibt schon auch noch die "Mode-Ebene" und ich bin ziemlich sicher, dass viele Menschen in der Zwischenkriegszeit und der frühen Nachkriegszeit die historistische Architektur ehrlich satt hatten, v.a. die billigere Massenware (Stichwort: "Mietskasernen"). Auch wenn sich das hier bisweilen anders liest, war der Aufbruch in die Moderne ab etwa der Jahrhundertwende kein "Aufoktroyieren" des Geschmacks einer neuen Elite, die Bauten der 20er und sogar der 50er und 60er wurden von vielen Menschen, die noch mit Klos im Hinterhof und in dunklen Hinterhäusern und ungedämmten Dachgeschossen mit Kohleöfen aufgewachsen waren, als Befreiung erlebt und riesiger Schritt in Sachen Lebensqualität. Trotzdem finden wir heute diese Gebäude wieder schön.


    Ich bleibe dabei, dass es zwei Ebenen gibt, die sich bei so etwas überlagern und jeder Mensch, ob bewusst oder unbewusst auch von beiden beeinflusst wird. Vielleicht bist Du ein Ausbund an Objektivität und unerschütterlichem Ästhetikempfinden, ich bin es nicht, kann diese Entwicklung sogar ganz persönlich bei mir feststellen. Gebäude, die ich in meiner Jugend als Definition von Hässlichkeit gesehen habe, finde ich jetzt ganz schick und möchte sie erhalten wissen (wer mag, kann mal Bilder der Stadthalle Göttingen googeln für ein Beispiel für ein solches Gebäude). Ich weiß noch, dass ich die Neubauarchitektur der 90er Jahre zu ihrer Erbauungszeit wirklich gut fand, leicht verspielt, nicht mehr so plump wie die 70er und 80er. Jetzt gehören die 90er für mich zu einem der schlimmsten Architekturjahrzehnte der Nachkriegszeit.


    Natürlich wird dieser Relativismus auch durch Objektivität überlagert, einen Wohnblock von 1972 werde ich niemals schön finden und wohl auch nicht die 60er-Jahre-Zeilensiedlungen, die unsere Vorstädte (im Westen) so dominieren. Aber zum Beispiel habe ich die Architektur der 1950er Jahre durchaus für mich entdeckt, wieder nicht alles, sondern Teilaspekte, die man vielleicht erst bei einem wohlwollenden zweiten Blick erkennt und dann sehr schön finden kann - und nein, das ist keine Art "Stockholm-Syndrom", weil man zu ersten Mal geknutscht hat hinter dem Waschbetonmonster neben dem Supermarkt, sondern ein echtes Erkennen und sich Öffnen für andere Stile. Und das Waschbetonmonster muss trotzdem abgerissen werden.


    Um zurück zu der Architektur der 90er zu kommen: Natürlich hilft auch nicht, dass die Häuser aus dieser Zeit gerade "in die Jahre" kommen und neue Anstriche oder gar Fenster fällig werden und viele Gebäude gerade etwas schäbig aussehen. Sieht man -siehe Heimdalls Einwand- ja auch gut an meinem letzten Beispiel mit dem in die Jahre gekommenen WDVS an der Fassade, die zumindest mal einen neuen Anstrich gebrauchen könnte.


    Diese Diskussion ist hier schon vielfach in verschiedenen Ausprägungen geführt worden und wird wohl niemals ganz "geklärt" sein können, weil es natürlich mal wieder um Geschmack und Empfinden geht, also ohnehin höchst subjektive Dinge. Ich kann Deine Sichtweise gut nachvollziehen, sehe es aber tatsächlich anders. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Art, wie wir Architektur bewerten, sich nicht allein an objektiven und unveränderlichen Merkmalen orientiert, sondern wir ebenso inneren wie äußeren Moden unterworfen sind. Beim einen mag das weniger oder fast gar nicht der Fall sein, manchmal beneide ich die Leute um so viel "innere Standfestigkeit" - bei anderen sehr ausgeprägt, ausgeprägter noch als bei mir.


    Ich liebe die Ästhetik unserer althergebrachten Architektur, aber mir ist irgendwie auch klar, dass es 1:1 dorthin nicht mehr zurückgehen wird und vielleicht auch gar nicht sollte. Manchmal erscheinen mir die absoluteren Vertreter der klassischen Architektur auch schon wieder (unbewusst) sehr ahistorisch zu denken, wenn es so scheint, als würden sie am liebsten praktisch die gesamte gebaute Architekturgeschichte der letzten 100 Jahre abreißen und durch historisierende Architektur ersetzen wollen.


    Wie gesagt, das ist meine sehr subjektive Sicht auf die Dinge.

    Das stimmt, die 90er Jahre waren auch oft noch von postmodernen Motiven geprägt. Wikipedia nennt die frühen 90er gar als Höhepunkt der Postmoderne und rechnet z.B. auch das Kanzleramt noch der Postmoderne zu. Ich finde aber die Architekturqualität dann abnehmend, bzw. hat der Nachwendeboom in Ost und West wirklich viel sehr Mittelmäßiges hinterlassen, obwohl man vieles wohl formal noch als "postmodern" bezeichnen könnte. Für mich ist das die Zeit der schlecht gealterten pastellfarbenen Fassaden und billigen weißen Plastikfenstern mit plumper Gliederung.


    Aber dieser Blick ist natürlich auch geprägt von der geringen zeitlichen Distanz, es ist wohl ziemlich normal, 20 oder 30 Jahre alte Gebäude als unzeitgemäß und misslungen zu empfinden, erst mit wieder größerer zeitlicher Distanz kann dann auch ein etwas neutralerer Blick gelingen. Ich will also gar nicht ausschließen, dass ich hier in 10 Jahren einen Strang mit den herausragenden Beispielen der Architektur der späten 90er bringe, auch wenn ich mir das gerade nicht vorstellen kann ;).


    Hauptaussage meines oberen Posts ist die für viele hier vielleicht provozierend relativistische Aussage, dass letztlich jede Epoche qualitativ hochwertige Architektur hinterlassen hat. Das Problem lag spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg eher in der Qualität der Massenarchitektur (mit der Ausnahme tatsächlich der Spätmoderne ca. 65-75, bei der ich nur sehr wenige Solitäre als gelungen empfinden würde). Das ist der Schlüssel, an dem wir ansetzen müssen.

    Was mir einfach immer wieder auffällt, ist, dass jede Architekturepoche auch gute und sehr gute Architektur zustandegebracht hat. Der Unterschied liegt hauptsächlich darin, wie hoch der Anteil an dieser guten Architektur am gesamten Gebauten war. Auch im Kaiserreich war nicht jedes gebaute Haus eine Großtat, wenn ich da an die ärmlichen Arbeiterwohnhäuser in Fachwerkbauweise denke, die die Göttinger Industrievorstädte dominieren, mit Toiletten auf der halben Treppe, unfassbar schlecht isoliert und vom Start weg recht schmucklos, jetzt oft noch hinter grauen Eternitkacheln versteckt.


    Die Wahrscheinlichkeit, dass alles in allem "gut" gebaut wurde, war aber ganz klar höher als zu nahezu jedem Zeitpunkt später. Aber es gibt auch sehr gute 50er-Jahre-Architektur und selbst gute Sachen aus den 70ern - auch wenn wohl die Zeit von etwa 1960 bis 1975 und die Zeit von ca. 1995 bis 2010 die beiden Zeiträume mit der durchschnittlich schlechtesten Architektur waren (aus meiner Sicht).


    Das Problem an nahezu jedem Baustil spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg ist einfach, dass die Massenware viel, viel schlechter als die guten Beispiele war, also der Qualitätunterschied zwischen den beiden Enden der Skala einfach größer. Ich habe im Beitrag oben aus meiner Sicht viele Beispiele für wirklich gute Architektur der 1980er (plus ein, zwei Jahre an beiden Enden) gezeigt. Das Problem ist aber leider, dass das Stadtbild von solchen Bauten aus der Epoche dominiert wird:



    Man erkennt sogar noch die gleichen Stilelemente wie an den gelungenen postmodernen Häusern, z.B. den Erker - aber alles ist unfassbar lustlos, ärmlich gestaltet, dass das ganze Haus auf mich deprimierend und hässlich wirkt. Aus meiner Sicht muss das Ziel also sein, nicht nur den repräsentativen Stil in prosperierender Innenstadtlage zu verbessern (hier ist aus meiner Sicht in den letzten grob 10 Jahren doch einiges in die richtige Richtung geschehen, wie hier an vielen Beispielen aus nahezu allen Städten auch zu sehen ist) - sondern diesen Durchschnitt, das Rückgrat der allgemeinen Wohnbebauung im Niveau anzuheben, um so was wie oben zu vermeiden.


    Hier noch ein Beispiel für die 90er Jahre und warum ich mit diesem Jahrzehnt insgesamt architektonisch sehr wenig anzufangen weiß:



    Das ist noch nichtmal richtig schlimm, hat ein Dach, eine zumindest etwas gegliederte Fassade, atmet auch so ein bisschen Post-Postmoderne mit den runden Fenstern über der Garageneinfahrt usw. - aber wenn man ehrlich ist, sind das Häuser, die man sehr schnell wieder vergessen hat und die niemand vermissen würde. Und auch dieses Haus wurde wie das obere fast zur selben Zeit gebaut, in der die obigen, viel besseren Häuser gebaut wurden. Es geht eigentlich fast in jeder Periode, halbwegs ordentlich zu bauen.


    Wir müssen (aus meiner Sicht) also gar nicht so sehr im Spitzensegment auf weitere Verbesserungen dringen, sondern im Gegenteil die Allerweltsarchitektur in den ganz normalen Wohngebieten in ganz normalen Städten mal auf ein halbwegs erträgliches Niveau bekommen.

    in Bremen gibt es außerdem den Teerhof von dem ich aktuell leider keine Fotos posten kann.

    Der Teerhof ist aber schon am Ende dieser Epoche anzusiedeln und enthält neben postmodernen Elementen auch ziemlich klassische. Es gibt ja auch so eine verrückte, teilweise wirklich schwierige Postmoderne, die hier nicht so oft gezeigt wird - der Teerhof gehört eher in die späte, relativ solide, unprätentiöse und hochwertig ausgeführte Postmoderne, so wie sie in den frühen Neunzigern auslief.


    Im Ostertor gibt es auch eine ganze Menge dieser Architektur, die oft auf die Abrisslücken für die Mozarttrasse gebaut wurde. Die ersten Beispiele sind dabei noch ziemlich "ungelenk", wie ich finde, und je weiter man zeitlich in die 80er und frühen 90er kommt, desto eher geht es, zuerst ein typisches Beispiel für die frühe Postmoderne, so wurden Mitte/Ende der 70er die ersten Abrisslücken im Ostertor bebaut.



    Das folgende ist dann vielleicht "klassisch postmodern", wenn es den Begriff so gibt und stammt aus der Hochzeit des Stils in den frühen und mittleren 80ern:





    Bei den letzten Beispielen befinden wir uns eher in der "späten Postmoderne", die ab Ende der 80er Einzug hielt und klassischer, gefälliger daherkam, hier würde ich entsprechend auch den Teerhof einordnen, aber zunächst nochmal ein bisschen Ostertor, beide schonmal gezeigt:





    Und noch etwas aus dem Teerhof, stilistisch und von der Erbauungszeit sehr nah am oben zuletzt gezeigten Projekt am Osterdeich, nur eben mit rotem Backstein:




    Insgesamt finde ich diese Epoche der qualitativ hochwertigen Architektur der 80er und frühen Neunziger, die in Bremen durchaus auch recht zentral viel vorkommt, wirklich ganz gut. Gab natürlich auch unheimlich viel Grusel in dieser Zeit, wenn ich etwa an die cremegelben Nachwendehotelkästen an der Ostsee denke, aber das ist natürlich auch nochmal etwas später gewesen. Von etwa Mitte der 90er bis 2015 gab es wirklich kaum gute Neubauarchitektur in Deutschland. Aber diese im erweiterten Sinne postmodernen Bauten von etwa 1982-1992 haben oft eine hohe Qualität, denen man jetzt schon eine gewisse Patina im positiven Sinne ansehen kann. Man muss sich um diese Gebäude im Allgemeinen keine Sorgen machen, die bleiben stehen.

    Erstens wird vorausgesetzt, dass die Menschen auf dem Land unzufriedener und wütender sind. Zweitens wird damit impliziert, dass die Menschen in den Metropolen zufriedener und weniger wütend seien. Ich kenne eine Menge Leute in den Großstädten, die überhaupt nicht zufrieden sind. (Vgl. mal hier den aktuellen Post von "Vitusstädter" über Möchengladbach-Rheydt) Wobei man natürlich fragen kann, womit man jeweils nicht zufrieden ist. Dass Leute in Großstädten eher bestimmte Wahlentscheidungen treffen, die auf Zufriedenheit mit der dominierenden Politik schließen lassen, könnte vielerlei Gründe haben. Unter anderem auch einkommenstechnischer Natur.

    Nein, das wurde bei meinem Post nicht vorausgesetzt. Die Menschen in vielen ländlichen Regionen sind sehr zufrieden, so schneidet z.B. Schleswig-Holstein regelmäßig sehr stark ab bei solchen Erhebungen (z.B. "Glücksatlas"), auch das westliche Niedersachsen lag dort sehr oft weit vorne. Das ist einfach eine Zustandsbeschreibung.

    Sollte der steile Anstieg der Neuinfektionen sich wie bisher fortsetzen, wird zum Aufrechterhalt der Infrastruktur manche unbequeme Maßnahme nötig sein. X-mal Impfen hat sich ja als ungeeignet zur Reduzierung dieses Anstiegs erwiesen. Nicht mal zum Arzttermin konnte ich kürzlich pünktlich erscheinen, da ich an der Theke erst einmal zum PCR-Test geschickt wurde. 20 min Warteschlange, Test, 15 min auf Resultat warten. Mit Zertifikat völlig außer Atem zum Arzttermin rennen.

    Ich bin sicher, dass zukünftig 2G nicht mehr zum Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel ausreicht.

    Ich glaube ganz im Gegenteil, dass Omikron der Weg raus ist. Es kann jetzt nochmal 4-6 Wochen einfach wegen der schieren Zahl an (fast ausschließlich leicht) Erkrankten schwierig werden in vielen Bereichen wegen eines hohen Krankenstandes, für Vollgeimpfte aber scheint Omikron nicht mehr als ein nerviger saisonaler Infekt zu sein. Aufgrund seiner hohen Ansteckungskraft wird fast jeder, der nicht in einer Art Selbstlockdown ist, mit diesem Virus in den nächsten Wochen in Kontakt kommen.


    Im UK sinken die Zahlen bereits wieder, ohne dass auf den Intensivstationen besonders viel passiert wäre, bzw. ist deren Belegung sogar rückläufig trotz der hohen Zahlen bei den Neuinfektionen. Nee, das Ding ist innerhalb der nächsten Wochen mehr oder minder durch. Und die Maßnahmen werden sich immer weniger begründen lassen. Von mir aus jetzt nochmal 2 bis 4 Wochen schauen, wohin die Reise genau geht, aber wenn es so läuft, wie bereits in Spanien, Frankreich und dem UK, dann müssen die Einschränkungen zügig zurückgefahren werden.


    Einzige Begründung für die Grundrechtseinschränkungen ist jetzt noch die Überlastung der Gesundheitssysteme. Die Dummheit einzelner muss das System tragen (können), es kann also nicht darum gehen, jeden Impfkritiker von der Impfung zu überzeugen, wenn die Intensivstationen leer sind. Das macht man bei der Grippe auch nicht, und ich habe schon junge, relativ gesunde Menschen an einer Influenzapneumonie sterben sehen auf Intensiv.


    Wie gesagt, bei Corona bin ich, seitdem die Daten aus dem UK so langsam eintrudeln doch sehr optimistisch. Und was in Sachsen fehlt an Impfquote, wird durch die (natürlich zu einem relativ hohen Preis bei den Gestorbenen und Schwerkranken erkauften) Immunisierung durch Genesung wettgemacht. Bis Ende März werden >95% der Deutschen auf die eine oder andere Art eine Immunität gegenüber SarsCoV2 aufgebaut haben, die auch weitere Wellen selbst mit mutierten Varianten deutlich milder wird verlaufen lassen. Klar kann es noch eine "Killermutante" geben, dann gilt Alles auf Anfang, aber glauben tue ich das jetzt nicht mehr.

    Warum sollten diese Regionen nun auch noch ihre Vorteile aufgeben? Diese liegen zum Beispiel in existenten Dorfgemeinschaften ohne zu viele nicht eingliederbare Gruppen. Und in der guten Sicherheitslage, die auch ganz andere Freiheiten ermöglicht. Da kann eine Frau in der Regel noch nachts alleine durch die Straße gehen.

    Wenn diese Regionen so viele Vorteile haben, warum sind dann die Menschen dort so unzufrieden und wütend? Das passt für mich nicht zusammen und riecht nach Romantisierung. Ich glaube ganz im Gegenteil, dass die Last der Abwanderung, das Zurückgelassenwerden, von dem deutlich mehr Männer als Frauen betroffen sind, einer der Trigger für die Unzufriedenheit ist. Wenn man sieht, wie jedes Jahr weniger Kinder bei der Jugendfeuerwehr mitmachen wollen, wenn wieder eine Grundschule geschlossen wird, weil kaum noch Kinder da sind, wenn die Freunde, mit denen man sein ganzes Leben verbracht hat, doch genervt in die Großstadt ziehen, wenn das Freibad nach 10 Jahren Kampf und Engagement doch schließen muss, weil der Sommer scheiße war und einfach niemand kommen wollte, dann legt sich dieses Gefühl wie Mehltau über die Region.


    Ich kann das für meine eigene Heimat Südniedersachsen ebenso konstatieren. In den Kleinstädten Leerstand und Verwahrlosung, überall ein Gefühl des Niedergangs trotz einmalig schöner Landschaften und Dörfer. Das bleibt bei den Leuten hängen und macht etwas mit ihnen. Im Westen augenscheinlich weniger als im Osten, aber auch hier erkennt man nicht erst auf den zweiten Blick, wie schlecht es aussieht in den kleinen Städten, die etwas weiter weg von den Oberzentren Hannover und Göttingen entfernt liegen.

    Meine zweite Meinung zu dem Zitat: Es geht auch nicht nur darum, was alles abgebaut wurde, sondern welche Infrastruktur im sonst stattfindenden Wandel gar nicht erst Eingang gefunden hat. Das zähle ich auch als Verlust an Infrastruktur im direkten Wettbewerb der Standorte. Wenn der eine Ort Internet bekommt, der andere aber nicht, dann entspricht das einem Infrastrukturverlust, weil es sich in der Zwischenzeit um einen Mindeststandard handelt, wie es eine befahrbare Straße auch ist.


    Diese Einschätzung würde ich gerne in Frage stellen. Hat Deutschland nicht bereits sehr viel erreicht im Vergleich zu den sonstigen zentristischen Staaten und diesen Wandel deutlich verlangsamt bisher, was ich als Erfolg werte? Ich würde genau den gegenteiligen Schluss ziehen und sagen, wir sollten zurückfinden zu den starken Wurzeln, die immer hießen, Rahmenbedingungen müssen so gestaltet sein, dass vor Ort die Entscheidungen getroffen werden können, die nötig sind. Da haben in Zeiten von Industrialisierung Einzelne Schienentrassen gebaut, weil sie wussten Bedarf vor Ort ist da. Es gab einen fairen Wettbewerb, sonst hätten nicht in kleinsten Dörfern Weltkonzerne entstehen können. Bürgermeister konnten noch ehrenamtlich nebenher kleine Dörfer zur Blüte treiben. Nicht alles mag wiederholbar sein, gerade im internationalen Umfeld, aber ich denke ich konnte ein ganz leichtes Gefühl vermitteln, dass es die Rahmenbedingungen sind, die das Land ausbluten lassen und keine höhere Fügung, wie es Dein Text besagt. In dieser investitionsreichen Zeit damals konnten strukturschwache Gebiete sehr wohl plötzlich wieder boomen, als z. B. die Eisenbahn plötzlich vor Ort war. Es ist mehr eine Frage, wie wichtig einem das Thema ist : So könnte man in Großstädten die Gewerbeansiedelung auch stark begrenzen. Dazu bräuchte es Mut und die Gewissheit, dass das Unternehmen sich dann einen B-Standort in den meisten Fällen in Deutschland trotzdem suchen wird.


    Aber da beißt sich die Maus in den Schanz. Deutschlands Stärke ist die Dezentralität, die aber gleichzeitig eine kraftvolle Reaktion der Politik auf diese enorm starken Trends verhindert. Aber was ich damit sagen möchte ist, und ganz entschieden dabei den zitierten Aussagen widerspreche, dass es sich um ein Steuerungsproblem handelt, wie auch Heimdall andeutet, das wie alle Steuerungsprobleme lösbar ist und nicht alternativlos bzw. mit kleinklein sondern mit Strukturreform habhaft wird.

    Ja, Deutschland hat genau aus den Gründen, die Du nennst, diesen Wandel bislang besser bewerkstelligt als etwa Frankreich oder Italien (oder Japan). Die föderale Struktur, die (relative) Stärke regionaler Gebietskörperschaften mit Budget und Entscheidungsgewalt, alles das hat etwas gebracht. Trotzdem geht es -wie Du schreibst- im Langfristigen eher um ein Abpuffern eines relativ unerbittlich laufenden Prozesses.


    Du vergisst z.B. bei Deinen Überlegungen zur Entwicklung in der Vergangenheit die völlig andere Alterstruktur dieser "boomenden Dörfer" vor 100 Jahren. Damals hatten die Frauen gerade im ländlichen Raum oft noch 4-7 Kinder, die alle irgendwas machen mussten. Natürlich gab es die Arbeit auf dem Hof, aber meist ging dieser an den ältesten Sohn, vielleicht konnte eines der Mädchen als Magd bleiben, im Prinzip aber mussten die anderen eben weg oder etwas anderes machen. Jemand mit einer guten Geschäftsidee konnte so ziemlich überall einen Betrieb gründen und sofort Leute einstellen und wachsen. Auch eine Eisenbahnstrecke war verhältnismäßig schnell gebaut, auch wenn schon damals viele nicht wirklich tragend waren und bereits in den 20er Jahren eine erste Stillegungswelle übers Land schwappte.


    Heute stellt sich das in Deinem fiktiven Ort anders dar, zumindest in den Schrumpfregionen. Es gibt weiterhin florierende ländliche/kleinstädtische Räume (große Teile Oberbayerns, Schwabens, Westfalens, Westniedersachsen). Allen diesen Regionen ist aber eine vergleichsweise gesunde Demografie zu eigen, d.h. viele Betriebe können noch in der Region rekrutieren und auch wachsen. Auch haben viele dieser Regionen entweder althergebracht (Westfalen mit Möbel- und Elektroindustrie) oder neu erworben (z.B. Westniedersachsen mit der kompletten Wertschöpfungskette in der Nahrungsproduktion (Mast-->Schlachten-->verarbeiten-->Endprodukt) Alleinstellungsmerkmale, weil zum richtigen Zeitpunkt fähige Leute richtige Entscheidungen getroffen haben. Diese Momente liegen aber alle zwischen 50 und 100 Jahren zurück. In einem reifen Markt etwas völlig Neues zu starten, können sich viele Menschen v.a. in Schrumpfungsregionen kaum noch vorstellen. Und selbst wenn so etwas mit viel Aufwand regional wieder durch beherzte Akteure und ein wenige Fügung gelingen wird, ist dies in der Fläche eben kaum noch machbar.


    Ich will gar nicht Deinen Äußerungen widersprechen, glaube auch, dass noch einiges besser geht - aber ohne (junge) Menschen haben die strukturschwachen, dezentral gelegenen Regionen nunmal keine Zukunft. Das ist für mich auch vollkommen okay so, es muss nicht jeder begeistert sein über 500.000 Zuwanderer im Jahr oder was auch immer da für Zahlen genannt werden, zumal diese ohnehin überwiegend (aber mitnichten ausschließlich) in die Städte ziehen. Trotzdem muss man sich der Realität stellen. Und diese sagt eben, dass langfristige Trends, die in allen anderen, nicht autoritär geführten Ländern der Welt nicht aufzuhalten waren, dies auch nicht in Deutschland sein werden. Man sollte also eine gute Kosten-Nutzen-Analyse machen, bevor man weitere teure Umgehungsstraßen um schrumpfende Dörfer baut. Die Digitalisierung wird sicherlich viele Dinge in Zukunft leichter machen und die von Dir zurecht als verfehlt genannten Kreisfusionen wieder abfedern. Wenn man seinen PKW auch von zu Hause aus anmelden kann oder einen neuen Pass bestellen kann, fällt der Wegfall des Bürgerbüros in der ehemaligen Kreisstadt vielleicht etwas leichter. Eine der genialsten und in ihrer Wirkung unterschätztesten Maßnahmen der letzten Jahre war die (optionale) Wiedereinführung der alten Kfz-Kennzeichen (vor den großen Gebietsreformen in West (meist 1970er) und Ost (meist 1990er Jahre). Die Anzahl der schrägen Kennzeichen, die man als Mitte der 70er Geborener nur noch von alten Treckern kennt, hat massiv zugenommen. Eine einfache Maßnahme, die sicherlich einiges gebracht hat für das regionale Identitätsgefühl. Bin mir ziemlich sicher, dass die Osteroder ihre (Zwangs)-Fusion mit dem Kreis Göttingen deshalb so stoisch ertragen haben, weil keiner ihnen an ihr OHA-Kennzeichen gegangen ist.


    Alles in allem ein interessantes und wichtiges Thema, denn in der Tat entscheidet sich auch auf dem Land die Zukunft des Landes. Die Mengen an Frust, die sich regional im Osten und ganz ausgeprägt z.B. in den USA in den "flyover states" angesammelt haben, sind ein Warnzeichen. Trotzdem glaube ich nicht an die einfache Lösung, mit der man alles Probleme lösen kann. Rückbesinnung auf lokale Stärken und Entscheidungen ja - aber andersherum ist die freie Entscheidungsgewalt der Gemeinden bei der Ausschreibung von Gewerbegebieten eben auch wieder Teil des Problems (Wohngebiets- und Gewerbekannibalismus), der in seiner ungezügelten Form (Flächenfraß, Zugewinne hauptsächlich durch Abwanderung (von Menschen und Betrieben) aus benachbarten Gemeinden) auch wieder ganzen Regionen Schaden zufügt.

    Der Abbau an Infrastruktur war fast ausschließlich im Bahnsektor und in der Tat ein schwerer Fehler. Für neue Straßen hat es aber auch in den abbgelegensten Gegenden noch gereicht. Hoffentlich reißt die neue Regierung da mal das Ruder nach 10 Jahren CSU-Vetternwirtschaft herum.


    Bzgl. Heimdalls letztem Post kann ich nur sagen, dass eine Abwärtsspirale rumzureißen unheimlich schwierig ist. Der Grund für die Abwanderung ist die strukturschwache Wirtschaft, und die Abwanderung bewirkt, dass weitere Unternehmen sich gegen die Standorte entscheiden.


    Ich bin für gute Ideen zur Verbesserung der Situation echt dankbar, aber Jahrzehnte von teurer und im wesentlichen gescheiterter Regionalförderung (von der "Zonenrandförderung" bis hin zur Strategie der Dezentralisierung von Behörden und Universitäten) lassen mich skeptisch sein. Große Teile der heute strukturschwachen Regionen waren dies übrigens auch historisch schon seit langem, es gab lediglich einen durch Zuwanderung und Nachkriegsboom (im Westen) befeuerten Ausnahmezeitraum. Also Harz, Eifel, viele der heute strukturschwachen Mittelgebirgsregionen waren auch vor dem Zweiten Weltkrieg Abwanderungsgebiete, nur dass jetzt eben bei 1,5 Kindern pro Frau nicht mehr genügend Leute überbleiben, wenn von 1,5 auch nur 0,5 gehen. Das Gleiche gilt für große Teile Sachsen-Anhalts (Norden), Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns - das sind teilweise jahrhundertalte Trends, die wird man nicht mehr rumreißen, und schon gar nicht mit der aktuellen Demografie in den Regionen.


    Interessant ist auch im Osten, dass vor dem Krieg starke Regionen auch eine gute Entwicklung hinlegen konnten, v.a. das Zentrum mit dem Großraum Leipzig/Halle und Thüringen. Aber auch diese Gegenden haben letztlich davon gelebt, ihr erweitertes Umland "leerzusaugen", dieser Prozess kommt mangels Menschen zum "Ansaugen" nun langsam zum Erliegen.


    Ich bin wie gesagt für gute Ideen immer offen. Viele ganz regionale Maßnahmen werden ja auch mit Erfolg versucht (kleine Dorfläden, Umbau-Renovierungsprogramme für Dorfhäuser, "Rückkehrprogramme" für Leute aus bestimmten Städten) etc. Ich habe auch nichts dagegen, dass ein Teil von Deutschlands Ressourcen in den Erhalt ländlicher und strukturschwacher Räume geht, da davon letztlich das ganze Land profitiert. Man muss aber auch Realist bleiben, und unkontrolliert vielem Geld immer weiteres Geld hinterherzuwerfen, während umgekehrt die Infrastruktur in den Ballungsräumen weiterhin unterfinanziert ächzt, hat Grenzen. Die gleichen Regionen, die am stärksten von Abwanderung und Überalterung betroffen sind, sind zudem am ablehnendsten gegenüber Zuwanderung. Wenn also der Zimmermann keine Lehrlinge mehr findet, was soll er machen? Irgendwann muss er den Laden auch zumachen. So zementieren sich eben die divergenten Entwicklungen im Land.


    Auch das meine ich vollkommen wertfrei. Ich habe niemandem vorzuschreiben, was er über Zuwanderung zu denken hat. Aber Einstellungen haben eben Konsequenzen. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf die japanische Region Akita im Nordwesten der Hauptinsel:


    Quelle: Birth Gauge auf Twitter


    So sieht eine demografische Todesspirale aus. Die Region hat immerhin 300.000 Einwohner, ist also keine völlig abgelegene Kleinregion. Es gibt mehr als 4x so viele 71jährige wie 1jährige! Und die Zahl der Geburten befindet sich im freien Fall, weil sich die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter im freien Fall befindet. Selbst wenn die Frauen der Region nun plötzlich wieder 3 statt 1,3 Kinder bekämen, würde die Region weiterschrumpfen. Die Verschmälerung bei den 18jährigen ist durch die Abwanderung in die großen Städte zum Studieren und Arbeiten bedingt, wodurch die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter weiter reduziert wird.


    Bei der aktuellen Entwicklung wird die Region bis zum Ende des Jahrhunderts 2/3 der Einwohner verlieren, und nicht nur das, sondern noch viel krasser eine Reduktion der unter-40jährigen Bevölkerung um > 80%. Und da sind weitere Selbstverstärkungsprozesse (gesteigerter Wegzug durch Schließung der gesamten Infrastruktur für Familien etc.) noch gar nicht eingerechnet. Ähnliche Vorgänge stehen auch in Deutschland im Laufe dieses Jahrhunderts regional an. Da können wir uns hier auf den Kopf stellen, diese Prozesse haben ihre Ursache in jahrzehntealten Entwicklungen, die unumkehrbar sind.

    Heimdall hat schon recht, wenn er die Ödnis von Fußgängerzonen anspricht. Aber diese Ödnis ist auch nur Folge der Ideologie der autogerechten Stadt/Funktionstrennung nach der Charta von Athen. Nach dieser sollten Innenstädte Einkaufs- und Büroräume werden ohne oder mit möglichst wenig Wohnnutzung. Das führt zwangsläufig dazu, dass abends die Bürgersteige hochgeklappt werden in vielen gerade größeren Städten, in denen das Funktionstrennungkonzept besser durchgesetzt werden konnte oder weil die Altstädte weitgehend zerstört waren.


    Kein Mensch vermisst in der Göttinger Fußgängerzone Autos - weil dort noch sehr viele, zumal junge Menschen wohnen. Selbst die Haupteinkaufsstraße wird abends von Ausgehenden und Kneipenbesuchern bevölkert. Unsere großstädtischen reinen Geschäftsfußgängerzonen hingegen sind abends in der Tat tot und öde, man schaue sich mal die Obernstraße in Bremen nach Geschäftsschluss an. Hier würden Autos den Phantomschmerz etwas lindern, weil so zumindest etwas Leben einzöge.


    Deshalb bin ich (und eigentlich auch keiner, den ich kenne) für eine komplette Verbannung aller Autos aus den Städten. Es geht einfach um die Dosis, die das Gift macht. Und da kann eigentlich kein Zweifel an einer anhaltenden, massiven Überdosis bestehen in den meisten deutschen Städten.

    ^Das bedeutet also, weil in deutschen Städte zu viele Autos fahren, flüchten die "mobilen Fachkräfte" samt ihrer Unternehmen in andere Städte bzw. andere Länder. Demnach bestünde die erwähnte Mobilität dieser Fachkräfte vor allem in der Nutzung von Fahrrad und Bus....

    Und zudem bleibt die Frage, welchen ökonomischen Anschluss Deutschland verpasst, wenn die Infrastruktur nicht auf "autofrei" umgebaut wird? Der Vorteil für die Stadtbewohner mag ja in weniger Lärm und Hektik und besserer Luft liegen. Aber, wenn sie nicht Frühpensionäre sind, die ihre Tage allein mit Spazieren gehen und Joggen verbringen, stellt sich die Frage nach dem Nutzen in ökonomischer Hinsicht. Nicht dass ich auf diesen fixiert wäre, aber wenn schon von "Anschluss verlieren" und "Wettbewerb" die Rede ist...

    Du kannst davon ausgehen, dass dieses Thema in der Tat eine Rolle spielen wird, auch wenn Du es offensichtlich ironisch-überspitzt gemeint hast. Nochmal: Nahezu alle Städte mit hohen Platzierungen in Lebensqualitätsrankings sind Städte, die sich frühzeitig um alternative Mobilität gekümmert haben. Ich werde Deine Angst vor Verbesserungen nie verstehen. Es nützt am Ende allen, sogar den verbliebenen Autopendlern, wenn möglichst viele Wege NICHT mit dem Auto zurückgelegt werden.


    Man kann davon ausgehen, dass Berlin zur Zeit so stark wächst und -entgegen dem sehr verbreiteten Mythos vom rotgrünlinksversifften Moloch- auch wirtschaftlich eine enorme Aufholjagd hingelegt hat in den letzten 10 Jahren, im Prinzip die einzige international wahrgenommene deutschsprachige Stadt für Unternehmensgründungen und sogenannte Startups oder "Unicorns" ist, auch mit dieser Attraktivität und Qualität des ÖPNV zusammenhängt. Hier mögen wir mit Hingabe lästern über Berlin, wenn man mal internationale Reaktionen auf den ÖPNV dort gelesen hat, erkennt man, wie positiv gerade der Ostteil wahrgenommen wird - kein Zufall, denn hier gibt es zusätzlich zur S- und U-Bahn auch noch ein dichtes und gut ausgebautes Straßenbahnnetz.


    Dagegen rauchen die in die Jahre gekommen westdeutschen Großstädte mit ihrem 70er Flair im ÖPNV, den seltsamen Zwittersystemen zwischen Tram und U-Bahn und ihren Stadtautobahnen einfach ab, zumal es eine verdammt gute Korrelation zwischen baulicher Attraktivität der Stadt und ihrer Autofreundlichkeit gibt. Was fällt einem zu Stuttgart ein, oder Hannover? Was zu Dortmund oder Kiel? Was hingegen zu Leipzig, München oder Düsseldorf? Städte, die entweder den Versuchungen des autogerechten Umbaus halbwegs widerstanden haben oder diesen begonnen haben, rückgängig zu machen (z.B. Düsseldorf), Städte, die in weiten Teilen noch von ästhetisch ansprechender, hoher Dichte geprägt sind, haben deutlich bessere Zukunftschancen als die 2x zerstörten, aufgelockerten Parkstädte der Nachkriegszeit.


    An dieser Entwicklung führt einfach kein Weg vorbei, es ist im Prinzip völlig egal, was wir hier meinen, es wird ohnehin kommen, es geht nur darum, wann und mit welcher Geschwindigkeit. Die Leute wollen ihre Städte zurück, und jeder, der mal gesehen hat, wie eine Stadt mit reduziertem MIV sich dann anfühlt und aussieht, erkennt, dass es eigentlich kein richtig gutes Argument dagegen gibt. Die Zielkonflikte, z.B. bei der Mobilität Behinderter und Älterer oder die Erreichbarkeit innerstädtischer Bereiche für Lieferanten und Handwerker sind meist gar keine und werden von den Gegnern konstruiert. Es gibt für alle diese Dinge recht einfache Lösungen wie verminderte Parkgebühren und möglichst barrierefreien ÖPNV sowie Sondergenehmigungen für alle möglichen Gruppen. Es möchte ja keiner ALLE Autos aus der GESAMTEN Stadt vertreiben, nur eben den MIV und Kurzfahrten signifikant reduzieren.


    Zum Thema Sicherheitsgefühl, das ja auch immer genannt wird: Die Mutter einer Kollegin meiner Frau fährt mit 91 Jahren noch fast jeden Tag mit der Bremer Straßenbahn, und zwar in einem sozioökonomisch alles andere als unkomplizierten Stadtteil. Passiert ist ihr in den letzten 8 Jahren, seit sie nach Bremen gezogen ist: Nichts. Viele der Argumente gegen die (eigene) Nutzung des ÖPNV sind vorgeschoben oder hochindividuell. Ist alles auch ok so, aber die Allgemeinheit muss nicht jeden Spleen kofinanzieren.

    Das waveline, das ich nun wahrlich nicht überhöhen möchte (es gibt schon noch was zwischen schrecklich und unheimlich schön), steht für mich für eine -sicherlich etwas ungelenke- Neuinterpretation der Backsteinarchitektur der 20er Jahre. Ich würde es etwa "zwischen" diesen Gebäuden an der Bismarckstraße (man achte auf die geschwungenen Eckbalkone, Baujahre 1928-30):


    p10206009csa6.jpg


    und diesem Gebäude aus dem Schwachhauser Ring einordnen:


    dsc_0113ryscr.jpg


    wobei letzteres natürlich noch expressionistischer geprägt ist, aber ebenfalls diese umlaufenden hellen Friese und abgerundeten Ecken aufweist.


    Kritikpunkte am Bau sind aus meiner Sicht der etwas zu dunkle, eher bräunliche Klinker und die insgesamt geschlossenen, abweisenden Fassaden mit relativ viel Wandfläche im Verhältnis zu den Fenstergrößen. Die Balkone, die sonst ein riesiges Problem sind bei Neubauten, sind durch die Abrundungen und Mauerungen der Brüstungen aber wiederum hier wenig störend integriert worden.


    Wie gesagt, das waveline ist für mich kein Endpunkt einer Entwicklung, sondern eher der erste, zaghafte Schritt in die richtige Richtung. Ich bereue es aber fast schon, es hier gebracht so haben, so sehr, wie Du Dich in ihm verbissen hast ;). So doll, dass ich hier noch weitere glühende Verteidigungen schreiben würde, ist es dann doch nicht.

    Das ist doch mal eine schöne Situation, bei der man einfach verschiedener Meinung sein kann, ohne, dass das ein Problem wäre. Ein klassisches "de gustibus non est disputandum". Niemand muss hier jemand anderen überzeugen, da "Argumente" bei solchen ästhetischen Fragen nur begrenzt sinnvoll sind. Ich kann also Deine Kritik an dem Gebäude nachvollziehen, teile aber die Schlüsse daraus nicht.


    Das geht schon bei der Ausgangssituation los, die Dir "ganz gut gefällt" und die ich einfach nur fürchterlich öde und nichtssagend finde. Wenn man sich schon nicht einig ist über die Ausgangssituation und ihren Wert, wird natürlich alles weitere weiter divergieren. Zum Thema "maßstabsprengend", ja, natürlich ist das ein maßstabsprengendes Gebäude gewesen und sollte dies auch sein. Gerade als ein solcher Tupfer in einem sonst gründerzeitlich dominierten Umfeld empfinde ich dies eher als attraktiv denn negativ. Ich möchte also gar nicht, dass die ganze Stadt so aussieht wie der Karstadt am Hermannplatz und finde das Gebäude trotzdem attraktiv.


    Ein bisschen was ist an dem hier oft zitierten Satz der "Kontraste" eben schon dran. Aber das ist eben im besten Sinne Geschmacksache - ich liebe die Ästhetik der 20er Jahre, habe zu Hause eher Literatur über die Architektur Fritz Högers liegen als über den Barock, so dass wir hier eben einfach eine andere Sicht haben, ohne, dass dies ein Problem wäre.

    So eine Haltung verärgert mich. Was wollt ihr denn für ein Stadtbild, wenn man auf der Ebene argumentiert, dass man halt ein Projekt durchwinkt oder sogar begrüßt, einzig weil die Alternativen mutmaßlich schlechter wären. Damit kann man ja alles rechtfertigen. Dann sind irgendwelche Kaufhausbetonklötze z.B. in der Regensburger Altstadt ein ,,Segen", weil der Ersatz bestimmt noch grausamer wäre, oder eine Ruine immer noch besser in einer Altstadt, als der Ersatzbau, den die Ruine verhindert. Das ist doch radikal. Ihr verkauft da Eure Seele an so ein Projekt, bloß weil es den Titel Reko hat, und geht munter darüber hinweg, dass man mit so einem Bau jeden Flachdach-Pseudogrün-Hochhausgigantismus rechtfertigen könnte.

    Fragt Euch lieber mal, warum der Investor so eine Liebe für Rekonstruktion an diesem Ort empfindet: Die Antwort wird lauten, er kann so deutlich dichter und wahrscheinlich sogar ohne besondere Anpassung seinen Neubau in Rasterfassade errichten, als wenn er im Gegensatz nahe den Ansprüchen des Vereins hier geblieben wäre, nämlich kleinteilig und mit eingepasster Gestaltung zu ergänzen. Wenn man dies sich vergegenwärtigt, so ist eine solche Reko eher ein Schritt weg von Rekonstruktionen, wie sie so geliebt werden. Die Investoren rekonstruieren hier Frühmoderne, weil es den heutigen bauwirtschaftlichen Mechanismen perfekt passt.

    Mag Dich verärgern, aber es sind eben einfach nur verschiedene Meinungen, emotional gefärbte zudem. Ich finde das auch gar nicht schlimm, dass nicht alle begeistert sind, das ist zu erwarten. Für mich wäre dieser Bau eines der zukünftigen architektonischen Highlights Berlins, um das mal so schwülstig und vielleicht etwas übertrieben zu sagen. Er wertet den Hermannplatz unheimlich auf und macht in einer Stadt, die nicht gerade gesegnet ist mit ikonischen Bauten aus dieser Epoche auch die Kaufhausarchitektur der 20er Jahre wieder sichtbar (mir ist bewusst, dass Berlin im Wohnbereich in manchen Gegenden sogar dominiert ist von der Architektur der 20er, aber anders als Hamburg mit dem Kontorhausviertel oder selbst Hannover mit dem Anzeigerhochhaus fehlt der Stadt nach meiner Kenntnis ein so eindeutig ikonisches gewerbliches Gebäude aus der Zeit, wenn man vielleicht von den aber gestalterisch schon deutlich abgerüsteten, sehr modernen Zwillingen am Alexanderplatz mal absieht).

    Über Geschmack lässt sich eben doch streiten. Ich finde den Vergleich zwischen den beiden Gebäuden unpassend. Auch wenn ich seither sicherlich noch deutlich überzeugendere Beispiele für diese leicht an die Architektur der 1920er Jahre angelehnten Wohnungsneubauten gesehen habe, war doch das waveline zumindest mal einer der ersten gestalterisch nicht völlig unambitionierten Wohnbauten in der Üserseestadt


    Wenn man natürlich mit diesen frühmodernen Remineszenzen nichts oder wenig anfangen kann, wird auch das waveline nicht gefallen. Ich sage auch nochmal ganz eindeutig nicht, dass das jetzt mein Traum von neuem Städtebau wäre und sich alle am "waveline" ein Beispiel nehmen sollen, aber es gehört definitiv zu den besseren Neubauten der zweiten Hälfte der 2010er Jahre.