Posts by Heinzer

    In der Tat unglaublich, selbst für Bremer Verhältnisse. Die anderen schwarzen Klötze sind ja wenigstens nur schwarz und öde, dieser hier aber aktiv hässlich und vollkommen zerstörerisch. Unfassbar.

    Sagen wir es mal so. Wenn es den Billigarbeitern egal ist, wo sie wohnen, ist das Ziel der "Fit-Macher" ja dort bereits verwirklicht. Es braucht keine/kaum Rücksicht mehr auf kulturelle Spezifika oder eine Heimat genommen werden. Es geht ums pure Überleben und Schaffen für den Profit anderer. Und bei den qualifizierten Arbeitnehmern hast Du ja auch geschrieben, womit diese bereits zufriedengestellt werden können: "Infrastruktur an Schulen, Ärzten, Freizeiteinrichtungen einen guten Standard." D.h. rein technische Einrichtungen. Deswegen finden es ja viele von diesen Leuten durchaus angenehm z.B. in Retorten-Orten wie Dubai zu arbeiten. Auch hier spielt Heimat und Regionalität keine Rolle mehr, so lange die gehobenen Konsum- und Luxusansprüche gewährleistet werden.


    Dass die Leute trotzdem im Inneren noch ein Bedürfnis nach Schönheit besitzen und - vor allem im Urlaub - einen Ort mit Spezifität suchen, ist natürlich unbestritten. Es wird aber so weit zurückgedrängt, dass es dem Funktionieren des wirtschaftlichen Apparates nicht mehr allzu sehr in die Quere kommt.

    Wobei ich bei dieser verkappten Kapitalismuskritik doch immer davor warnen möchte, die Alternativen zu romantisieren. Überhaupt erst durch die marktwirtschaftliche Wertschöpfung fällt so viel Wohlstand an, dass schön gebaut werden könnte - es sei denn, man will zurück in absolutistische Zeiten. Zumindest der Sozialismus hat ja nun überall gezeigt, wie es nicht geht. Ich sehe auch kein finsteres Komplott gegen schöne Architektur in der Marktwirtschaft, nach dieser Logik hätte man ganz Ostdeutschland abräumen müssen und neu aufbauen nach der Wende statt mühevoll und mit extrem viel staatlicher Förderung ruinöse Altstädte und Wohnviertel zu sanieren. All das mit dem aus der Marktwirtschaft gezogenen Geld.


    Ich halte auch die bei Dir anklingende Diskussion der Ortlosigkeit für größer gemacht, als sie ist. Neudeutsch gilt ja nun die Einteilung "anywheres" vs. "somewheres" - ich halte das für simplistischen Blödsinn und kenne ehrlich gesagt keinen einzigen "Anywhere", obwohl ich mich durchaus in Kreisen bewege, in denen man Kontakt zu dieser Gruppe von Menschen haben könnte. Die meisten wissen sehr genau, wo sie herkommen und wo sie sein wollen. Problematisch ist eher, dass vielen Menschen mit Migrationshintergrund von genau denjenigen, die hier von Heimat v.s Ortlosigkeit reden, dieses Recht auf Heimat in Frage gestellt wird, nach dem Motto, Du bist braun, Du kannst nicht aus (deutsche Stadt Eurer Wahl) kommen. Wenn diese Leute aber in (deutsche Stadt Eurer Wahl) geboren wurden und akzentfrei deutsch sprechen und Deutsche sind - was zum Teufel sollen sie dann sagen? Meine Mutter kommt aus Kenia?


    Insofern werden viele Dinge hier wie immer sehr einfach dargestellt. Hinzu kommt diese von Rastrelli richtig beschriebene Neigung (nicht von Heimdall, das muss man klar sagen) unserer konservativen Kräfte, eigene Meinungen als Fakten hinzustellen, "es ist ja nunmal so", kurz, "isso" und andere Meinungen als lächerlich, vollkommen inferior, nicht mal diskussionswürdig. So kann, auch hierzu völlige Zustimmung, keine anregende oder erhellende Diskussion entstehen, man wirft sich Textbröckchen aus der eigenen Gedankenblase zu.

    Aus der Heidelberger Straße habe ich leider keine alten Bilder bzw. sind mir auch keine bekannt. Aber die Häuser sind dort -abgesehen von den Kriegslücken- und unpassenden Anstrichen auf den Spaltriemchen doch fast durchgehend in einem guten Zustand? Oder willst Du tatsächlich ein ganzes Haus rekonstruieren? Mir sind da aber auch keine entstuckten oder anderweitig typisch bremisch entstellten Häuser bekannt, das macht den Reiz der Straße ja gerade aus. In Bezug auf kleinere Stuckwiederherstellungen müsste man sich doch an den Nachbarhäusern orientieren können, das macht ja alles schon den Eindruck, aus einem Guss zu sein.

    Das kann man nur hoffen, ich habe den Beitrag auch live im Radio gehört und war ganz ehrlich schockiert. Dieser Wunsch, in Siff und Niedergang zu leben, den kann ich nicht verstehen. Es stimmt schon, das scheint eine Berlineske zu sein, dieser Wunsch, dass sich nichts ändern möge, auch nicht das Schlechte. Auf eine ziemlich verquaste Art konservativ.


    Selbst die Jungs aus der Eckkneipe von gegenüber, die akustisch sicher keine Gentrifizierer waren, fanden das Projekt gut. Für wen kämpft der Typ eigentlich? Man kann nur hoffen, dass sich hier die Stadt gegen den Lokalfürsten durchsetzen kann. Da tut sich wirklich ein Abgrund auf.

    Hm, sehe ich etwas anders. Die erste und zweite Einwanderergeneration gerade aus Ländern mit sehr starkem Familiendenken verhindern immer "Mischehen", das war auch bei den Italienern, Iren früher so und ist heute noch bei den einwandernden Chinesen und Lateinamerikanern so, auch in den USA. Je traditioneller die Herkunft, desto eher wird auf so etwas geachtet und desto länger dauert es, bis sich die jüngere Generation davon freimacht. Woher kommen wohl die ganzen "Little Italys", "Chinatowns" und Filme wie "My Big Fat Greek Wedding"? Auch Filme wie "Der Pate" zeigen ganz ähnliche Strukturen, Clandenken, den ganzen elenden Kladderadatsch, über den ich mich genauso wie Du aufrege. Dieser Konflikt zwischen einer Tochter, die selbstbestimmt entscheiden will und einer Familie, die auf die Regeln achtet, zieht sich durch Musicals und Theaterstücke, fast schon seit es Literatur gibt.


    Das Lustige an dieser Kritik ist -wie ich finde-eher, dass wir selbst auch nur zwei, maximal drei Generationen von dieser Denke entfernt sind. Noch meine Schwägerinnen mussten sich vor meinen Schwiegereltern dafür rechtfertigen, dass sie einen Protestanten geheiratet haben, inkl. "du bist nicht mehr meine Tochter"-Sprüchen. Nochmal eine Generation vorher wurde auch in Deutschland gerne ausgeklüngelt durch die Väter in der Dorfkneipe, wer wen heiratet. Gleichzeitig wünschen sich dieselben Leute, die sich bei Syrern über archaische Familienstrukturen aufregen, die "gute alte Zeit" zurück mit Mutti am Herd und als "family values" verbrämter Rückabwicklung der Emanzipation, einfach nur herrlich - auch hier wieder kognitive Dissonanz in Reinstform. Dieselben Leute, die in den 90er Jahren unbedingt verhindern wollten, dass der Straftatbestand "Vergewaltigung in der Ehe" abgeschafft wird und dabei auf "eheliche Pflichten" hinwiesen, stehen nun an der Speerspitze der Frauenbefreiung, oder was? Leute wie Mike Pence (immerhin der Vizepräsident der USA) möchte nicht allein in einem Raum mit einer nicht verwandten Frau sein, weil das zu unziemlichen Gedanken führen könnte - in was genau unterscheidet sich die Denke dieser Leute von einer konservativen Koranschule?


    Sorry, ich will hier nicht zu politisch werden, aber ganz so einfach ist das alles nicht. Es ist am Ende eine Schichtfrage, solange wir uns ehemalige Bergbauern aus Anatolien ankucken, werden wir auch eine Denke wie bei Bergbauern aus Anatolien haben, die kaum anders denken als vor 100 Jahren Bergbauern von der Schwäbischen Alb.


    Ich stimme Dir zu, dass dieser Prozess in den USA einen guten Schritt weiter ist, auch weil es natürlich ein ganz anderes Selbstverständnis als Einwanderungsland gibt (statt der "Gastarbeiterselbstlüge" in D) und einen natürlicheren Patriotismus, der das Zugehörigkeitsgefühl zum Land steigert und hier im Forum abwertend als "BRD-Verfassungspatriotismus" verbrämt wird. Außerdem sind die Italiener und Iren, die man heute nur noch am Namen erkennen kann und die ganz selbstverständlich Amerikaner sind, vor 100 Jahren in die USA gekommen und nicht vor 5 Jahren. Auch hier würde ich einfach um etwas Geduld bitten, weniger Angst und ein positiveres Selbstbild als Land statt dieses verzagten Kulturpessimismus, der auch hier so schön verbreitet ist. Ich kenne außerdem im erweiterten Kollegenkreis mehrere Mischehen zwischen Türkinnen und Biodeutschen, zwischen Türken und Griechen und alle möglichen weiteren Kombinationen. Es gibt keinen einzigen Grund anzunehmen, dass dieser Prozess nicht ganz normal voranschreitet. So etwas braucht Zeit.

    Das ist Whataboutism der reinsten Sorte. Durch unsere Gesellschaft geht


    Das ist zwar ein beliebtes Bild, das v.a. von rechts kultiviert wird, dieser Graben liegt aber eher bei 10/90% der Gesellschaft, auch wenn sich das in den entsprechenden Echokammern immer anders anfühlt. Das soll die alberne Denkmalstürmerei nicht verteidigen, aber man sollte doch froh sein, dass unsere Gesellschaft eben trotz allem immer noch einen Kompass hat, der Schwachsinn von rechts und links auch als Schwachsinn erkennt.


    Das Ziel der Populisten von links und von rechts ist genau der Graben, der dann beweint wird. Ergebnis ist dann tatsächlich eine unversöhnlich gespaltene Gesellschaft, das übelste Beispiel hierfür sind sicher die USA, wo nur noch Tribalismus herrscht, jeder seine eigenen Nachrichten aus seiner eigenen Blase konsumiert und jede Kleinigkeit maximal politisch überladen wird. Es reicht auch ein Blick ins VK, um zu sehen, wie die Spaltung einer Gesellschaft gelingt: Ein jahrzehntelanges Randthema zur Schicksalsfrage hochstilisieren, in einem aufgeladenen Umfeld mit zweifelhaften Geldgebern ein Referendum veranstalten und sich dann einer harten konservativen Finanzelite ausliefern, der es nur um Steuerhinterziehung und persönliche Ränkespiele ging. Diese hat in einer kongenialen Kooperation mit der "konservativen" Presse dank einer jahrzehntelagen Desinformations- und Lügenkampagne (die Gurkenstory des überführten Lügners Johnson mal als Beispiel dafür) gegen die EU tatsächlich Erfolg gehabt. Die ganzen Sprechblasen wie "sovereignty" und "global Britain" sind hier nur erfolgreiche Spins, um die verführbaren Massen dazuzubringen, sich selbst Schaden zuzufügen und sich dabei auch noch gut zu fühlen.


    Wie gesagt, man kann nur froh sein, dass Deutschland auf diesem Weg wesentlich weniger weit gegangen ist, denn es ist ein Weg in den Konflikt, in Destruktion und Spaltung, am Ende Schwächung. Die USA, Brasilien und das Vereinigte Königreich, die gleichzeitig nicht zufällig diejenigen Länder mit den höchsten Todeszahlen beim Coronavirus sind, werden Jahrzehnte brauchen, um sich von diesen Spielchen zu erholen, daran ggf. sogar zerbrechen (UK) oder ihren Status als Hegemon (USA) verlieren.

    Ich schaue mal, ob ich an die Emailadresse von ihm oder zumindest seines Sprechers komme.... sehe das ganz genauso wie Ihr, diese Chance darf nicht verstreichen. Nun wird auch der Karstadt Sport am anderen Ende der Passage zugemacht, all das vergrößert nur das Gebiet, in dem "Bremens neue Mitte" entstehen kann. Hoffe nur, dass sich Herr Zech nicht verhebt, wobei der Mann eigentlich ein Anpacken und kein Schnacker ist. Am Europahafenkopf geht es nun mit mittlerweile 7 Turmdrehkränen wild zur Sache, bei Gelegenheit werde ich Euch mit Bildern quälen ;).

    Interessant, vielen Dank. Tlw. erinnern diese dreiachsigen und zweistöckigen Häuser in manchen der Nebenstraßen an Bremer Häuser. Insgesamt eine interessante Galerie mit dieser typisch westdeutschen Art der eher 3-stöckigen gründerzeitlichen Bebauung, wie man sie auch in Bonn und Aachen häufig findet. Gibt viel zu renovieren in unserem Sinne in dem Viertel!

    Nur einzelne Straßenzüge, es gibt meines Wissens auch keine richtige Erhaltungs- oder Gestaltungssatzung. Eigentlich ein Skandal, denn - auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen - so was wie das Ostertor gibt es in Deutschland nicht noch einmal.

    Man müsste irgendwie an Zech rankommen, der Macher für das Gebiet. Die Rekonstruktion der Lloydfassade ist beständig Thema im Netzraunen unter diesen Weserkurierartikeln, auch die Sendung butenunbinnen hatte vor einigen Jahren die Erinnerung an das Gebäude durch einen Bericht wachgehalten, vergessen ist das Haus also nicht. Aber die Idee müsste man irgendwie in Zechs Kopf pflanzen, ich hoffe ja immer, dass er sich etwas bei Jacobs mit der Essighausfassade abkuckt und sich auch ein Highlight setzen will für das Projekt. Das wäre wahrscheinlich die Schiene, über die sowas laufen würde, eine Art Edeleinkaufspassage im Gewand des Lloydgebäudes mit Hotels, Büros und Wohnnutzung.


    Mal sehen.

    Ja, der Mann ist Gold wert für das Viertel, zusammen mit Herrn Schmeckies, der dieses Künstlerhaus in der Goethestraße 45 mitgestaltet hat nach jahrelangem Kampf mit der städtischen Wohnbaugesellschaft. Zusammen machen die beiden jetzt auch das benachbarte Haus Goethestraße 47, welches ebenfalls aufwendig saniert werden soll von Herrn Thörner und dann der Erweiterung der "goethe45" dienen soll. Im folgenden Mal das Herz des Sanierungsgebiets auf einen Blick, wir sehen die Goethestraße, rechts ist in diesem Bild Norden, da die Straße in Nord-Süd-Richtung verläuft:



    Links oben befindet sich das erste Sanierungsobjekt der STÄWOG im Viertel aus der Zeit um 2010 (das Haus direkt über dem Schriftzug "WAYDO"), das nun Mehrgenerationenwohnen enthält, direkt rechts daneben gegenüber der Markierung "Zur Kleinen Hexe" die Goethe45, deren Sanierung ca. 2018 abgeschlossen war. Die 47, die ebenfalls Thörner gehört und einmal über die Querstraße Uhlandstraße rechts neben der 45 liegt, soll als nächstes saniert werden. Dieser gegenüber liegt ein hier gelblicher Bau aus den späten 70er Jahren, der ebenfalls saniert wurde von Thörner und direkt rechts daneben, markiert mit "Markterei" der erste der von Thörner sanierten Altbauten in Bremerhaven, hier leider beide von hinten, sie sind aber weiter oben gezeigt. Nun kommt ein Sprung um einen Block und am rechten unteren Bildrand sehen wir die "Mutter aller Schrottimmobilien", die Goethestraße 60, die seit Jahren abgerissen werden sollte, bis Herr Thörner sich ein Herz nahm und sie sanierte, findorffer hat oben die beeindruckenden Bilder. Hier will er dann selbst einziehen, wenn es fertig ist.


    Ihm gehören noch zwei weitere Altbauten im Viertel, die nicht auf diesem Abschnitt enthalten sind und die ebenfalls saniert werden sollen. Insgesamt besteht v.a. um diesen oben gezeigten Nukleus der Entwicklung nun wirklich die Hoffnung auf Besserung, die Hochschule soll erweitert werden, so dass hoffentlich ein leichter Gentrifizierungsprozess einsetzen wird. Und ohne mutige junge Leute und Künstler/Querdenker geht so etwas einfach nicht. Wenn es gelingt, werden in 20 Jahren die ehemaligen Studenten und Künstler wettern gegen den Ausverkauf "ihres" Viertels, wobei die echte Gefahr einer Überhitzung oder eine Verszenung des Viertels wirklich noch weit weg ist. Momentan ist es definitiv eher mit der Dortmunder Nordstadt oder Duisburg-Marxloh als mit dem Prenzlauer Berg zu vergleichen ;). Trotzdem ist die Stimmung im Viertel nicht schlecht, unsicher habe ich mich dort nie gefühlt, es herrscht eher so eine raue norddeutsche Herzlichkeit.

    Lustig finde ich immer den Rückschluss, dass ich -nur weil ich mich gegen Fake News und rechte Paranoia mit Fakten wehre- Angela Merkel toll fände oder die Bundesrepublik ein Land ohne Probleme. All das wird mir nun hier in mehreren Posts zugeschrieben, nicht gerade ein Zeichen für Souveränität. Auf meine Argumente natürlich kein Wort, dafür das übliche Internetspiel aus dem Raussuchen der prägnantesten Äußerung und dem Abarbeiten an derselben. Kann man so machen ;),


    Zum Thema Popularität von Angela Merkel hier noch mal eine andere Quelle, pewresearch aus den USA - aber auch die natürlich nur von Globalisten unterwandert. Dieser Umfrage zufolge ist das Vertrauen gegenüber Angela Merkel in Polen von 2018 auf 2019 sogar angestiegen von 37 auf 46%. Selbst wenn diese Zahl übertrieben sein sollte, (für was es aber überhaupt keinen Anhalt gibt) widerspricht das aber doch dem hier veröffentlichten Bild einer unisono verhassten deutschen Kanzlerin in Ostmitteleuropa. Ihre Popularität ist in Griechenland, Tschechien und Ungarn in der Tat mit am geringsten, in den meisten west- und nordeuropäischen Ländern hingegen tlw. überragend.


    Im UK, wo Angela Merkel ja angeblich nicht einmal eine Kommunalwahl gewinnen könnte, liegt das Vertrauen z.B. bei 69%. Und das war alles vor Covid19, dürfte 2020 also nochmal deutlich steigen nachdem das UK wie die USA vollkommen versagt haben. Hier der Link. In der Filterblase lebt Ihr, nicht ich. Dass ich mich hier allen Ernstes nochmal zum Verteidiger ausgerechnet von Angela Merkel aufschwingen müsste, hätte ich mir in meinen finstersten Träumen nicht gedacht. Aber so ist das im Stadtbildforum. Da wird der muffelige, latent reaktionäre und in vielen Dingen stockkonservative Heinzer zum linksradikalen "Kulturmarxisten", obwohl er immer noch nicht genau weiß, was das sein soll ;), während "Konservative" an seiner Intelligenz zweifeln.

    Die Deutschen sind immer sehr verkrampft, wenn es um das nationale Empfinden geht. Deshalb finde ich es gut, dass wir hier mal darüber reden. Ich denke, die Moderation sollte die Diskussion hier laufen lassen und nicht abwürgen oder auskoppeln. Diese Diskussion in angenehmem Ton ist ein seltener Glücksfall.


    Erstaunlich, dass selbst Konservative so mit Deutschland fremdeln.

    Konservative fremdeln mit diesem Deutschland. Das sind die kognitiven Dissonanzen, die man einfach braucht heutzutage. Auf der einen Seite ist Deutschland immer Opfer, wird ausgenommen von der wahlweise turbokapitalistischen oder sozialistischen EU, den bösen Ausländern oder faulen Südeuropäern, wird künstlich kleingehalten von einer antideutschen kulturmarxistischen Politelite, auf der anderen Seite ist es arrogant und selbstgefällig, zu dominant. Auch "am deutschen Wesen soll die Welt genesen" hört man früher oder später dann ironischerweise immer von rechts, wenn ich es nicht selbst gesagt hätte, wäre es bestimmt gleich gekommen.


    Das eine (Opfer, Schuldkult, Zahlmeister) passt nicht zum anderen (arrogant, dominant, sendungsbewusst), aber das stört nur peripher. Aus diesem Grund führt aus meiner Sicht kein Weg an einem positiven, entspannten und gleichzeitig selbstbewussten Deutschland vorbei. Nicht alle vor Angst auf dem Baum vorm Niedergang und Selbsthass, aber trotzdem behutsam die komplexen Befindlichkeiten der Nachbarn im Blick behaltend. Dass so ein Prozess niemals geradlinig und reibungslos verläuft, ist vollkommen klar, der alte und neue Hegemon wird immer kritisch beäugt, und zwar zurecht. Insofern ist es auch vollkommen in Ordnung, Deutschland zu kritisieren, auch für das ungeschickte Verhalten 2015 und die etwas moralinsaure Empörung damals. Trotzdem muss es weitergehen, und eine Kritik, der sich allein an einer Person und einem Thema abarbeitet, verliert spätestens nach 5 Jahren etwas an Reiz und wirkt erstarrt, rückwärtsgewandt, langweilig.


    Ich bin weiterhin ganz optimistisch, was Deutschland angeht, wenn es nicht den Rattenfängern auf den Leim geht. Aber auch diese Gefahr scheint deutlich rückläufig zur Zeit und Vernunft doch wieder einzuziehen nach der extremen Emotionalisierung, die das Elixier der neuen politischen Bewegungen ist auf beiden Seiten des politischen Spektrums.

    Nicht Deine ernst hoffe ich 😂. Frau Merkel ist in Beliebtheit in Polen ungefaehr fast wie Putin bei uns, wenn auch andere Gruende. Leider muss ich Gegenteil bestaetigen. Vielleicht auch Zeitung aus andere Laender bitte lesen. Deutschland ist in unsere Augen auf keinen gute Weg. Wir Polen sind abgeschreckt von deutsche Grosstaedten. Meine nicht die Architektur.


    Und Umfragen...Honecker und unsere Jaruzelski hatten 99,9 Prozent 😂

    Hast Du dafür einen Beleg außer Gefühlen aus Deiner Blase? Die Polen, mit denen ich rede, sehen das eher anders und schämen sich eher ihrer eigenen Regierung. So können wir uns nun mit Gefühlen aus unseren respektiven Blasen gegenseitig malträtieren, an den Tatsachen ändert das aber nichts. Dass PiS mit sehr fragwürdigen Methoden Stimmung gegen Deutschland macht, und das wahrlich nicht erst seit "2015", habe ich außerdem oben erwähnt. Wie schlau es ist, sich in der geostrategischen Position Polens mit gleich beiden seiner großen Nachbarn anzulegen, steht auf einem anderen Blatt.

    Okay, lass uns das hier nicht ausarten lassen, sonst wird wieder alles gelöscht. Das, was ich schrieb, war meine Meinung, die aus meiner Sicht durch viele Fakten belegt zumindest nicht völlig falsch sein kann. Hier mal eine aktuelle Umfrage aus dem UK zum Thema Angela Merkel:


    Umfrage zu Merkel


    Sie ist im Vereinigten Königreich trotz des Geklingels um den Brexit die zweitbeliebteste ausländische Politikerin (inklusive natürlich allen Politikern).


    Du hast eine andere Meinung, vollkommen in Ordnung.


    Positive Überraschungen:

    Hamburg (zum zweiten Mal erst in den 2010er Jahren entdeckt)

    Düsseldorf

    Leipzig


    bei den großen Städten in Deutschland. Schön fand ich viele, war aber eben nicht positiv überrascht, weil ich schon vorher viel gelesen hatte.

    Wie können Fakten provozieren? Dass es bei unseren ostmitteleuropäischen Nachbarn unter der Oberfläche antideutsche Reflexe gibt, dürfte sich aus der Geschichte erklären. Wir sind eben der große, immer schon dominante Nachbar, der vor nicht allzulanger Zeit die Region in einen katastrophalen Konflikt gestürzt hat, der dann zur Unterjochung der Großregion unter das Sowjetregime geführt hat. Mich wundert eher, wie grundsätzlich positiv und aufgeschlossen die meisten Menschen dort Deutschland gegenüber sind. Aber da braucht es nicht viel, so etwas wieder hochkochen zu lassen, und das wissen die Strategen dort auch.


    Überall dort, wo selbsternannte Konservative das Zepter übernehmen, brodeln alte Konflikte hoch und werden Ressentiments bedient, das geht gar nicht anders. Siehe die lustige Geschichte zwischen Salvini und der FPÖ, als letztere auf die Idee kam, Südtirolern die österreichische Staatsbürgerschaft anzubieten - auf eine solche Schnapsidee muss man erstmal kommen, einen wirklich und nach Jahrzehnten der Auseinandersetzungen halbwegs gelösten Konflikt völlig ohne Not wieder aufreißen, das können sie ganz hervorragend. Der Migrationsheld Salvini fand das plötzlich gar nicht mehr so witzig, so einen Vorschlag unter politischen Brüdern. Wie gesagt, von außen betrachtet ist die Fähigkeit dieser Kasper, alte Konflikte wieder anzuheizen, unübertreffbar.


    Die PiS war auch schon vor "2015" glühend antideutsch und spielte zu gerne mit Ressentiments, genau wie im Westen der RN das alte Bild des Erzfeinds wiederaufleben lässt. Das Thema zweisprachiger Unterricht im Elsass und die Haltung des RN dazu hatten wir hier ja erst neulich.


    Wie gesagt, wer ein Europa der alten Konflikte möchte, kann gerne so weitermachen. Gottseidank sehen das in Deutschland weiterhin sehr wenige Leute so.

    Oh, heute früh haben die Kulturpessimisten hier aber wieder das Sagen. Die deutsche Sprache ist in Bezug auf den Wortschatz weiterhin eine der produktivsten der Welt und extrem vital, trotz mancher kurzlebiger Anglizismen, die mich auch manchmal nerven. Wenn hier vom Sprachverfall geredet wird, möchte ich doch einmal darauf hinweisen, dass bis weit ins 20. Jhdt. hinein die meisten Berliner den Dativ nicht vom Akkusativ unterscheiden konnten und es in ganz Süddeutschland kein Präteritum und keinen Genitiv mehr gab. Im 19. Jhdt. war das, was wir heute bedroht empfinden, die Sprache einer sehr kleinen Elite, "das Volk" hat immer verballhornt, verpidgint und Komplexität reduziert.


    Ich erlebe die deutsche Sprache im Schriftbereich zur Zeit als extrem reich, allein, wenn ich wie zur Zeit häufig Kinderbücher vorlese, herrlich, was man alles machen kann im Deutschen, macht richtig Spaß. Die paar "isch"-Autoprolls in Offenbach gab es früher genauso, nur dass sie hellere Haare hatten und mit ihren Mopeds prollten. Und selbst, was im von Migranten geprägten deutschen Hiphop läuft, ist nicht nur arm, sondern tlw. richtig kreativ, auch hier spürt man die Lust an der Sprache, am Reimen, am Spiel - es ist eben nur etwas anders als bei Thomas Mann oder Theodor Storm.


    Und Exilwiener: Mein Eindruck ist genau umgekehrt, war ja klar ;). Deutschlands Strahlkraft auch im kulturellen Bereich wird sicherlich nicht durch Deutschtümelei und Vergangenheitssehnsucht größer, ich hoffe außerdem, dass Dir in Deiner Blase nicht entgangen ist, dass das Bild Deutschlands im Ausland in den letzten 10 Jahren deutlich verbessert wurde. Deutschland zählt in vielen Umfragen zu den beliebtesten und angesehensten Ländern der Welt, Angela Merkel ist bei den Briten beliebter als der eigene Premier und das gilt noch für viele andere Länder genauso. Deutschland verzeichnet mittlerweile Wanderungsüberschüsse mit Ländern wie Kanada, Australien und den USA, zum ersten Mal in seiner Geschichte. Auch die Nettoauswanderung Deutscher hat entgegen den tapfer herbeigewünschten Geschichten im "konservativen" Milieu mit zu Hunderttausenden vor Muttis Politik fliehenden Menschen massiv abgenommen und liegt auf einem der tiefsten Niveaus der letzten Jahrzehnte, v.a. unter Berücksichtigung der Tatsache, dass diese Statistik in den 90er und 00er Jahren massiv zugunsten Deutschlands verfälscht durch den Zuzug von Aussiedlern aus Osteuropa, die als Deutsche gezählt wurden und so die Nettoauswanderung massiv verringerten. Da ändern ein paar ostdeutsche Rentner, die an den Plattensee ziehen, original gar nichts dran.


    Euer Narrativ vom ewigen Niedergang ist nicht nur unbegründet, sondern auch schlicht falsch. Der Weg führt ganz sicher nicht über eine Rückkehr zu alten (Sekundär)-Tugenden, sondern über eine Melange aus den positiven Dingen des Deutschseins, derer es viele gibt und einer Öffnung für Neues, im Prinzip also genau dem, das nun geschieht.

    Heimdall: Ich habe das ja nicht bewertet, sondern einfach eine Tatsache beschrieben. Ja, es gibt einen deutschen Kulturraum, der früher durch Theaterstücke, Literatur und Musik, heute auch durch deutschsprachiges Fernsehen und Onlineangebote geprägt ist. Trotzdem hat eine Entfernung der meisten deutschsprachigen Gruppen von diesem Kulturraum stattgefunden, der aus meiner Sicht irreversibel ist. Früher gab es z.B. eine ganze Menge gemeinsam produzierter Fernsehsendungen, ich weiß nicht, ob es jenseits des "Tatorts", der langsam fossiliert, noch solche gemeinsamen Fernsehprojekte mit der Schweiz und Österreich gibt, sehe allerdings auch fast kein Fernsehen mehr. Ältere Niederländer können u.a. noch so viel besser deutsch, weil sie mit deutschem (Kinder)fernsehen aufgewachsen sind. Heute schaut wohl kaum noch ein Niederländer deutsches Fernsehen, außer eben ältere Leuten in den Grenzregionen, die Musikantenstadl kucken. Ich bin immer überrascht, wie viel mehr Austausch es bis in die 60er/70er Jahre noch gegeben hat, wie viel Strahlkraft deutsche Stars auch im Ausland hatten - alles weg, und das liegt nicht an der mangelnden Qualität (war ohnehin viel Seichtes dabei), sondern irgendwie an dieser Renationalisierung, die parallel zur europäischen Einigung stattgefunden hat. Würde auch sagen, dass Deutschlands kulturelle Strahlkraft auch in Österreich sehr stark nachgelassen hat, ich weiß nicht, wie viele deutschsprachige Bands Österreich überhaupt noch auf dem Zettel haben und umgekehrt.


    Das heißt nicht, dass ich das gut finde, es ist einfach eine Feststellung. Mit "den Medien" hat das alles gar nichts zu tun, es ist -wenn man so will- eine noch weitergehende Nationalisierung der Angelegenheiten. Und einen Luxemburger wirst Du nicht vom Deutschsein überzeugen, wenn Du die Existenz seiner Sprache in Abrede stellst. Durch derartiges Getue wird allenfalls das Französische weiter an Grund gewinnen, wie auch mit dem Beharren darauf, dass Elsässer eigentlich ja Deutsche seien. Viel schneller kriegst Du die nicht auf den Baum als mit solchen Sprüchen.


    Insofern scheint mir eher ein wenig Demut sinnvoll, ein selbstbewusstes, nicht in Verlustängsten und Vergangenheitsglorifizierung gefangenes Deutschland wirkt auch hier wohl deutlich attraktiver, wenn einem eine Art überstaatlicher deutscher Kulturraum vorschwebt.