Posts by Heinzer

    Ja, gar nicht schlecht! Zeigt einfach die Gestaltungsverweigerung, die bei vielen modernen Projekten herrscht. Schon mit minimaler Mühe kann man aus diesen Kisten etwas machen, das eine gewisse Wirkung hat, von den Arkaden mit Rundbögen über das Design der Lampen bis zur Farbgebung/Gestaltung der Fassade. Und man erkennt ja trotzdem, dass das hier kein Edelwohnen a la Düsseldorf ist, sondern wahrscheinlich mit hoher Sozialquote ging.

    Ich stehe da eher so zwischen Euch beiden, würde den Bau jetzt auch nicht übermäßig feiern - umgekehrt gehen Einkaufszentren, gerade solche aus der Zeit der Erbauung, auch wirklich deutlich schlimmer. Die Höhengliederung ist interessant, die Gestaltung der Treppenhäuser abwechslungsreich und sehr wohl entweder postmodern oder Art déco-inspiriert, eigentlich atypisch für die Erbauungszeit um die Jahrtausendwende. Die blauen Fenster und diese 90er-Pastelltöne hingegen finde ich wiederum nicht so gelungen wie Heimdall (ist aber einfach eine Modefrage - kann sein, dass ich das in 10 Jahren wieder "pfiffig" fände). Das Gebäude würde aus meiner Sicht mit hellgrauen Fenstern und einer -gerne in zwei oder drei verschiedenen Tönen- beige/erdigen Fassadenfarbe nochmal besser wirken.


    Bzgl. eines Verschönerungsvereins Heimdall: Ja, so etwas wäre wirklich sinnvoll. Allerdings weiß ich nicht, wie gut das ankäme, die Stadt versucht es in verschiedenen Bereichen mit direkten Zuschüssen für Wiederherstellung der alten Fassaden inklusive Wiederbestuckung (z.B. in Huckelriede/Teil der Neustadt im Rahmen von Sanierungsprogrammen/Stadtumbau West) oder in Form von Erhaltungs- oder Gestaltungssatzungen, die bei Sanierungen eine an das Original angelehnte Fassadengestaltung nötig macht. Ein solches Vorhaben ist gerade erst vor wenigen Jahren am massiven Widerstand der Hausbesitzer im Gröpelinger Humannviertel gescheitert:


    Siedlungsschätze Gröpelingen


    Man kann der Stadt wirklich kein Desinteresse vorwerfen, aber der Prozess ist langwierig und durch die kleinteilige Eigentümerstruktur sehr zäh, zumal viele dieser Häuser (man beachte Wohnflächen, die in der Dietrichstraße kaum über 60-70qm liegen werden) auch weiterhin von Menschen bewohnt werden, die eher knapp bei Kasse sein dürften und wenig Geld für derartige Rückgängigmachungen überhaben dürften. Trotzdem muss man es weiterhin versuchen.


    Das ist ja eigentlich mein großes Thema, und der ursprüngliche Grund gewesen, mich hier anzumelden. Bremen könnte in seinen Wohnvierteln wirklich mit recht bescheidenen Mitteln sehr viel schöner werden, da wirklich und trotz der Zerstörungen überraschend viel Vorkriegsbausubstanz überlebt hat - aber es ist und bleibt ein sehr mühseliger Prozess, an dem sich wohl weitere Generationen abarbeiten werden - wie vor mir Carsten H. Meyer mit seinem sehr guten Buch "Mehr als nur Fassaden" von 1997. Mittlerweile wohnt er wohl in Berlin.


    Carsten H. Meyer - Mehr als nur Fassaden - Bremer Hausschicksale

    In den Nebenstraßen das alte Bremer Elend von unpassenden, entstellenden Renovierungen:



    Man muss sich einfach vor Augen führen, dass alle vier hier abgebildeten Häuser den Krieg wie das zweite Haus von links überstanden hatten. Die Nachbarn glaubten dann aber anscheinend, nur ein "modernes" Bremer Haus ist ein gutes Bremer Haus. An diesen Häusern wurde wirklich alles zerstört, die beiden typischen EG-Fenster neben der Haustür zu einem breiten Fenster "horizontalisiert", zusätzlich die elenden Rolladenkästen, die Verfliesung, die (hier zumindest noch in Holz ausgeführte) neue Haustür. Es macht mich immer noch fassungslos, wie jemand denken konnte, dass das dem Haus guttun würde.


    Die Straßen hier haben eigentlich eine gute Bausubstanz, je nach Erbauungsjahr eben entweder im Jugendstil:



    oder in einer Art spätem Historismus:



    In der Vegesacker Straße herrscht eine Art reduzierter Reformstil vor:



    Auch bei diesem Stil ist die Gestaltung/Gliederung der Fenster angesichts der sonst bereits sehr reduzierten Fassadengestaltung enorm wichtig:



    Die Fenster "im Stil des Hauses" heben dieses recht einfache Mietshaus aus der Zeit um 1910 bereits sehr positiv von seinen Nachbarn mit ihren Plastikrahmen und Rolladenkästen ab. Auch der alte Vorgartenzaun macht viel aus, zerstört wird der sonst gute Eindruck allerdings durch den zum Waschbetonparadies degradierten "Vorgarten".



    Wie so oft sind auch die öffentlichen Bauten beeindruckend gut und solide gebaut:





    Zwei Schulgebäude aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg an der Vegesacker Straße.

    Ein paar Schnappschüsse aus dem nicht oder nur wenig kriegszerstörten Teil Walles, zunächst eine der vielen wirklich bescheidenen Arbeiterhausstraßen, die Dietrichstraße:



    Es war (und ist) eine der Eigenheiten Bremens, dass auch in der "Arbeiterklasse" ein hoher Wohneigetumsanteil herrschte. Die verschiedenen Ausprägungen des Bremer Hauses machten dies möglich. In diesen wirklich kleinen Häusern wohnten oft 6 köpfige Familien, im "Garten", meist nur ein 20 qm großer Hinterhof wurden noch Hühner gehalten - leider waren gerade diese sehr einfachen gründerzeitlichen Wohnhäuser brutalen Entstellungen und Umbauten "a la mode" ausgesetzt nach dem Krieg.


    Am Ende der Dietrichstraße öffnet sich der Blick auf die Hauptachse Walles, der Waller Heerstraße mit für Bremen atypisch großen Wohn- und Geschäftshäusern:




    Dies waren immer nur Inseln, umgeben von Häusern mit nur ein oder zwei Geschossen. Eine neue Gestaltungssatzung schreibt nun immerhin vor, dass Neubauten mindestens 3 Stockwerke haben müssen, so dass das Straßenbild insgesamt etwas urbaner werden dürfte:



    Die beiden rechten Häuser sind Neubauten, die runtergekommene Nachkriegsprovisorien oder runtergekommene ein- und zweistöckige Altbauten ersetzt haben.



    Gegenüber wurde auf einer Industriebrache ca. zur Jahrtausendwende ein Einkaufszentrum gebaut:



    Wenn man die 1999! schreienden Farben mal durch geschmackvollere Kompositionen ersetzen würde, ist das Gebäude trotz seiner Größe zumindest nicht vollkommen daneben mMn.

    Regen so stark, dass er stört ist sogar in Bremen wirklich selten. Ich fahre seit Jahren fast ausschließlich mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber dass man dabei richtig nass wird (also kein Sprühregen oder harmloses Getröpfel) kann ich bei überschlägig 500 solcher Fahrten im Jahr an zwei Händen abzählen.


    Regen ist kein echtes Problem. Ich benutze vielleicht 2x im Jahr Regenkleidung, sonst reicht eine normale Jacke. Und wie gesagt, in Bremen.

    Bei diesen Themen bin ich nicht durchgehend Deiner Meinung, findorffer. Es hat zwar nichts mit dem Essighaus zu tun, aber viele dieser Dinge sind eben so, wie sie sind. Es gibt keine Mehrheit in Bremen für eine Nichtbebauung des "Gartenstadt"-Grundstücks. Die BI war im Wesentlichen von den Partikularinteressen der unmittelbaren Anwohner geleitet, die keine Neubauten hinter ihren Topgrundstücken wollten. So kann Stadt aber nicht funktionieren. Die ganze Werderinsel ist ab der umgedrehten Kommode unbebaubares Grüngebiet und tlw. Naturschutzgebiet, direkt neben der Wiese liegt der schöne parkähnliche Friedhof Huckelriede, es ist auch weiterhin eine sehr grüne und weitläufige Umgebung - die Leute, die sich in der Bürgerintiative engagierten, wohnen zum Teil selbst in Neubaugebieten aus den 80er Jahren, die direkt nebenan lagen und ebenfalls mal Wiesen gewesen waren. Man darf legitime, mehrheitsfähige Interessen der Stadtgesellschaft nicht mit einer "not in my backyard"-Attitüde direkter Anwohner verwechseln. Ich wäre vielleicht auch gegen die Bebauung einer Wiese, auf der ich immer so schön meinen Hund ausführen konnte - aber deshalb ist es noch kein Skandal, wenn diese Wiese trotzdem bebaut wird.


    Außerdem unterschlägst Du bei Deinen Beispielen, dass natürlich trotzdem Änderungen an den Plänen erreicht wurden. So wird vom Bau von Häusern mit mehr als 5 Stockwerken auf dem Gartenstadt-Werdersee-Grundstück nun abgesehen. Das evoreal-Projekt auf dem Bundesbankareal wurde ebenfalls um 3 Stockwerke gestutzt und ist nun kaum noch höher als der Bestandsbau (!), ein unfassbar hässliches postbrutalistisches Monstrum, dem niemand auch nur eine Träne nachweinen wird:


    (googleEarth)


    Geplanter Neubau, aktuelle Version mit gekürztem Hochhaus:


    Dein Rendering zeigt (nicht zufällig?) noch die alte Höhe des Projekts. Nun ist das alles städtebaulich alles andere als eine Offenbarung, aber ein richtiges Problem kann ich in der Neubebauung ehrlich gesagt nicht sehen.


    Bei der BI zur Rettung der Platanen bin ich wiederum vollkommen Deiner Meinung. Hier MUSS es eine Lösung geben, bei der mehr Bäume gerettet werden können, wobei der Lösungsvorschlag der BI wohl leider keinen adäquaten Hochwasserschutz bietet und die Richtlinien hierzu nunmal gewisse Mindeststandards fordern.


    Auch bei der Galopprennbahn kann ich ehrlich gesagt das Verhalten der Stadt verstehen. Es wurde mit Riesentamtam eine Bebauung der Rennbahn verhindert, ohne, dass sich wirklich Gedanken gemacht wurden, was mit dem Areal passieren soll und v.a., wer das bezahlen soll. So wird nun auf Jahre eine Art Wildwuchsbrache mitten in der Stadt entstehen. Ich habe damals für den Bebauungsvorschlag der Stadt gestimmt, der eine Hälfte zu einem neuen Park mit vielen neuen Möglichkeiten gemacht hätte, die durch die Grundstückverkäufe der anderen Hälfte des Areals gegenfinanziert wurden. Nun fehlen die Einnahmen und eine klamme Stadt wie Bremen wird dann eben nicht viel mehr als ein paar Wege durch das Areal bauen können.


    Auch beim Autobahnringschluss gibt es eine riesige Mehrheit FÜR den Weiterbau, auch in der jetzigen, in quälenden, jahrelangen Verhandlungsrunden ausgehandelten Kompromissform. Die ganze Stadt hat hörbar aufgeatmet, als das BVG in Leipzig letztes Jahr die letzten Einwände abgelehnt hatte. Zurückbleiben Mehrkosten in Milliardenhöhe, jahrzehntelange Verzögerungen und eine seit Ewigkeiten untragbare Situation für die Anwohner der Kattenturmer Heerstraße.


    Nein, diese Beispiele überzeugen mich nicht davon, dass irgendetwas grundsätzlich im Argen läge, das sind für mich alles ziemlich normale Vorgänge, es kommt zu Kompromissen und Maximalforderungen setzen sich eben auf beiden Seiten nicht durch. Eine Skandalisierung jedes einem persönlich gegen den Strich gehenden Projekts halte ich für nicht zielführend. Manchmal gewinnt die eine Seite, manchmal die andere, meist keiner richtig, sondern es kommt zu einem Kompromiss. Häufig sind die Planungsprozesse durch die verschiedenen Verfahren zur Bürgerbeteiligung sogar extrem langatmig - und natürlich geht niemand für eine neue Straßenbahn auf die Straße, die wird, wenn sie da ist, einfach genutzt. Aber zuvor hat eine sehr laute Minderheit den Eindruck erweckt, keiner wolle die Straßenbahn und es würden Bürgerinteressen übergangen. Wenn jede Bürgerinitiative, die für (meinetwegen verständliche, nachbarschaftliche) Partikularinteressen kämpft, einfach Recht bekäme, würden in dieser Stadt kein Kilometer Straßenbahn (oder Straße) mehr gebaut werden und fast nirgends neuen Häuser entstehen können, v.a. nicht in Gegenden, wo (pensionierte) Lehrer, Ärzte und Anwälte wohnen, die viel Zeit haben und wissen, wie der Hase läuft.


    Wenn sich alle diese Leute im gleichen Ausmaß und mit der gleichen Energie für die Bremer Altstadt einsetzen würden, wäre schon viel getan.

    findorffer: Es mangelt ganz sicher nicht an individuellem Engagement, das meinte ich nicht. Was aber fehlt, ist eine Art gemeinsame Plattform, denn das sind alles Einzelaktionen mit sehr bestimmtem Ziel, meistens in Form der Verhinderung einer bestimmten Maßnahme. Eine Rekonstruktion aber muss erstritten, erreicht werden und nicht verhindert.


    Es gibt und gab zig BI gegen alles Mögliche in Bremen. In Huchting gibt/gab es eine Initiative gegen den Straßenbahnausbau, in Huckelriede eine sehr erfolgreiche, sehr präsente BI gegen den Ausbau der A281/Autobahnringschluss, es gab die Rennbahninitiative, diejenige gegen die Bebauung des "Investorengrundstücks" am Bahnhofsplatz etc., alles mit wechselndem Erfolg, der Ringschluss wurde immerhin um 20 Jahre verzögert (kann man wohl Erfolg nennen, auch wenn er vielleicht etwas schal schmeckt), die Rennbahn wird nicht bebaut (Erfolg), dafür sind andere Dinge gescheitert (Bahnhofsgrundstück, wahrscheinlich auch der Neubau auf dem Grundstück der ehemaligen Bundesbank im Ostertor).


    Was mir aber in Bezug auf die Innenstadt vorschwebt wäre eine Initiative FÜR die Altstadt, wo sich Leute aller Couleur mit vielleicht sogar primär verschiedenen Schwerpunkten treffen und überlegen, was am meisten Strahlkraft hätte. Unser Bremer Problem, welches Dir natürlich auch bekannt ist, ich plaudere hier jetzt keine Betriebsgeheimnisse aus, ist die Zersplitterung aufgrund verschiedener, sagen wir sehr starker Persönlichkeiten mit völlig verschiedenen Schwerpunkten. Hier war eine Zeitlang ein Kylo Ren sehr aktiv, wollte irgendwas mit Ansgarii auf die Beine stellen - nie wieder gehört. Es gibt den Verein Anschari, da ist auch nichts weiter passiert, zumindest nicht öffentlich.


    De facto ist es trotz mehrerer durchaus wohlmeinender und erfolgversprechende Anläufe nicht gelungen, die Bremer Akteure (klingt gleich so offiziös, kurz vor Zivilgesellschaft) irgendwie zu vereinen. Ich bleibe auch dabei, dass uns das entscheidende Zugpferd fehlt, ein vernetzter, charismatischer Typ mit der Erfahrung und dem breiten Rücken, sowas durchzuziehen. Das bin ich ganz sicher nicht, bin nicht mal Bremer und das Gegenteil von vernetzt und überhaupt kein "Anführer". Somit sind wir verdammt, in der Defensive zu bleiben, maximal noch anonym im Stadtbildforum zu schimpfen, vielleicht mal zwischendurch eine Aktion wie die von Jakku zum Medienhaus auf die Beine zu stellen (was wirklich aller Ehren wert war - aber sogar bei dieser wirklich klar fokussierten Aktion gab es unheimlich viel Reibung durch interne Querelen und Befindlichkeiten).


    Klingt jetzt zu passiv und nölig und ist es auch. Mach's doch besser, möchte man sagen - ich kann für mich in meiner jetzigen Lebenssituation einfach nur sagen, mehr als von Zeit zu Zeit ein paar Fotos zu machen und hier mehr oder minder launisch, manchmal positiv und leidenschaftlich, manchmal enttäuscht und mit Tendenz zur Melodramatik Beiträge zu schreiben und mich zumindest finanziell einzubringen ist einfach nicht drin. Ich würde mich sofort an eine irgendwie erfolgversprechende Bremer Aktion anschließen, aber deren Gründer oder Antreiber kann ich im Moment einfach nicht sein.

    Dass die SPD der Stadt Bremen insgesamt nicht immer gutgetan hat, ist glaube ich fast nicht zu bestreiten. In Bezug auf die Essighausfassade möchte ich jedoch betonen, dass deren geplante Rekonstruktion überparteilich begrüßt worden ist, vom damaligen Bürgermeister quer durch alle Fraktionen. Es gab hier überhaupt keine Diskussion bzgl. der Reko wie in vielen anderen Städten, auch die organisierte Architektenschaft, die grundsätzlich natürlich immer modernistisch tickt, hat sich hier neutral bis sogar leicht positiv positioniert. Das Thema ist hier ideologisch nahezu gar nicht aufgeladen worden, was ich sehr efreulich fand. In der Beiratssitzung, von der im WK-Artikel berichtet wurde, auf der der Jacobs-Vertreter die Planänderung bekanntgegeben hat, hat sich u.a. auch die grüne Vertreterin enttäuscht gezeigt. Es wäre also sehr kurz gesprungen und auch schlicht unangemessen, das jetzt wieder zu politisieren. Am Ende war sowohl die Planung als auch deren Nichtausführung eine reine Investorenentscheidung, das ganze Projekt war von der Bremer Politik sehr positiv aufgenommen und auch unterstützend begleitet worden.


    Enttäuschend finde ich in der Tat die Passivität der Bremer Bürger. Es wird zwar immer viel gemeckert in Bezug auf das Stadtbild und Architektur, aber so richtig was machen tut eigentlich auch keiner bzw. bleiben es im Wesentlichen bei Einzelaktionen wie das sehr lobenswerte Engagement auch einiger Mitglieder hier gegen den Abriss des Medienhauses. Es wohnen in Bremen wirklich noch viele alteingesessene Bürger im besten Sinne, Kaufmannsleute etc., die vernetzt sind und sicherlich eher konservativ ticken - aber abgesehen von den lobenswerten Aktivitäten von Herrn Hübotter, der langsam aber einfach zu alt ist für große Projekte herrscht da überall Schweigen im Walde.


    Mit Migranten hat das alles auch nichts zu tun, diese mögen zwar insgesamt gleichgültiger gegenüber dem Bauerbe eingestellt sein, "ersetzen" in diesem Sinne aber nur die gleiche, zuvor genauso desinteressierte Schicht an Deutschen, die ihre Häuser in den 50er-80er Jahren baumarktgerecht saniert haben und keinen Deut mehr Interesse am Stadtbild zeigen/gezeigt haben. Ob in einer Stadt 10 oder 25% Menschen mit Migrationshintergrund leben, ändert daran gar nichts, siehe Entscheidung gegen die Reko der Ulrichskirche in Magdeburg, in einer Stadt mit sehr niedrigem "Ausländeranteil" - umgekehrt war die Reko der Frankfurter Altstadt erfolgreich, obwohl es kaum eine Stadt in Deutschland mit einem höheren Anteil an Menschen (mit Wurzeln) aus anderen Ländern gibt.


    Am Ende hängt der Erfolg solcher Bewegungen immer an ein paar engagierten, gut vernetzten und charismatischen sowie klar überparteilichen/unpolitischen Leuten. Diese Voraussetzungen sind in Bremen leider nicht erfüllt. Aber auch das hat mit dem Scheitern der Essighausfassade nur indirekt zu tun, da deren Reko wie gesagt eine reine Investorenentscheidung war und ihr Scheitern auch.

    Auf keinen Fall dürfen die traurigen Reste der Essighausfassade in dieses Monstrum integriert werden. Das Steinerne Haus wird ebenfalls abgetragen. Ich bin für einen komplett modernen Neubau (die Visualisierungen ließen ja Schlimmstes befürchten, und das wird jetzt nochmal deutlich reduziert und billiger in die Ausführung gehen) und dafür, alle vorhandenen Spolien und die Reste der Erdgeschossfassade abtragen und einlagern. Ggf. kann man irgendwann einen 70er Bau im Schnoor abreißen und die Fassade dorthin translozieren. Das absolut Schlimmste wäre nun eine endgültige Verballhornung des Essighauses, die Pläne waren so schon problematisch genug mit ihrem "Vorklatschen" vor eine 08/15-Kiste, aber wenn jetzt noch das Stückwerk des Nachkriegsprovisoriums perpetuiert wird, fällt mir wirklich gar nichts mehr dazu ein.


    Das Projekt Langenstraße kann aufgegeben werden. Es wird eine zerschossene Parkhauszufahrt bleiben mit Billigsupermarkt im Erdgeschoss.

    Nun soll die Fassade ein "historischer Schattenwurf" werden, was nur eine weitere (schlechte) Kopfgeburt darstellen dürfte. Da hoffe ich mal, dass ihnen bald das Kapital und das Interesse an einem Umbau ausgeht. Und dass sich nichts an der bestehenden Situation ändert.


    P.S.: @ "Heinzer". Dann mache doch mal eine kritische Fototour durch die Bremer Innenstadt, bei der negative Situationen gezeigt werden. Das gäbe sicherlich Diskussionsstoff im Forum.

    Nein, das wäre zu deprimierend. Meine Frau war heute in der Stadt und meinte, man könne sich das gar nicht vorstellen. Selbst in den 1a-Lagen mittlerweile 30-40% Leerstand, dazwischen popup stores und Handyläden. Wie gesagt, selbst die etablierten, alteingesessenen Geschäfte mit einem stark reduzierten Ramschsortiment, so dass ich als sehr treuer Innenstadteinkäufer dort auch nicht mehr hingehe.


    Die Entscheidung des Investors ist insofern nur konsequent und entspricht dem Erwartbaren, man kann ja meine Einschätzung zur Realisierungswahrscheinlichkeit von vor ca. einem Jahr hier noch nachlesen. Ich hoffe nur, dass es nun auch zu einem kompletten Entfernen der Utluchten kommt, auch die weiteren Versatzstücke sollten auf keinen Fall in dieses Monster integriert werden, sondern in Hoffnung auf bessere Zeiten eingelagert werden. Der Gipfel wäre nun in der Tat ein lustloses Anklatschen der traurigen Reste an den Neubau. Das sah schon bei dem 50er-Jahrebau fürchterlich aus und würde beim 2020er Neubau endgültig zur Farce.


    Insofern hat es die Stadt Bremen auch einfach nicht besser verdient.

    War nicht anders zu erwarten. Das ganze Ding für die Katz. Immerhin dürfte die Freude über das Scheitern hier groß sein, wenn man sich an die Diskussionen erinnert in diesem Strang. Am Ende ein weiteres Mahnmal des Scheiterns für Bremen. Die Innenstadt hat jetzt den Charakter eines runtergewirtschafteten Aldimarkts, selbst Karstadt sieht vom Sortiment und der Warenpräsentation aus wie im Notverkauf vor Schließung.

    Ja, die Deutschen sind mittlerweile natürlich mehrheitlich mit dem Licht-Luft-Grün-Mantra des Nachkriegsstädtebaus sozialisiert, weshalb ich derartigen Projekten auch eher geringe Realisierungschancen einräume. Außerdem ist trotz des anthropogenen Klimawandels der Sonnenstand unverhandelbar. Es wird ohne eine Veränderung der Rotationsachse bei uns zumindest im Tiefland v.a. in den Gebieten nördlich 50°N dabei bleiben, dass die Winter und angrenzenden Herbst- und Frühlingsmonate extrem trüb sind, was in sehr dicht bebauten Gebieten schon heute tlw. zu mehrmonatigem Schattenwurf führt in vielen Erdgeschossen.


    Die Zeit, in denen die Sonne quasi zum Feind wird, mag in Ost- und Süddeutschland in den letzten 15 Jahren von durchschnittlich 4 auf 8 Wochen verlängert worden sein und im Norden von ein paar Tagen auf 4 Wochen, aber dieser Zustand liegt südlich der Alpen eben eher 3-6 Monate vor, was die aus unserer Sicht manchmal richtig "düster" wirkenden Wohnungen in Italien z.B. erklärt. Für Bremen jedenfalls kann ich sagen, dass trotz eines unbestreitbaren Erwärmungstrends die Zahl der Tage mit belastender Wärme und Sonneneinstrahlung immer noch an zwei Händen abzuzählen sind und aus einer rein egoistischen Betrachtung heraus die Vorteile des Klimawandels für mich in Form von mehr Sonne und Wärme durch frühere und längere Phasen mit schönem Wetter überwiegen.


    Das ändert für mich nichts am Handlungsbedarf, selbst mit einer "klimawandelkritischen" Position wie der von unify kommen ja immer mehr Menschen auf die Idee, dass das Verbrennen von in Jahrmillionen entstandenen fossilen Ressourcen in wenigen 100 Jahren irgendwie nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann und der Umbau unserer Wirtschaft auf weniger Abhängigkeit von oft aus Ländern mit fragwürdigen politischen Systemen importierten Energieträgern problematisch ist. Was an Leid durch den Kampf um diese Ressourcen alles entstanden ist, geht auf keine Kuhhaut. Vor diesem Hintergrund war der hektische Atomausstieg aus meiner Sicht z.B. auch ein Fehler. Man hätte die Kraftwerke ruhig noch ein paar Jahre länger laufen lassen können, da man den Doppelschlag Kohle- und Atomausstieg zur selben Zeit etwas hätte entzerren können.

    Niederschlagsanomalien in Deutschland sind seit über 100 Jahren ohne erkennbaren Trend.


    https://www.umweltbundesamt.de…menge-in-deutschland-im-0

    Ich kann mich gar nicht erinnern, dass irgendwo behauptet wurde, dass sich aufs Jahr bezogen die durchschnittlichen Niederschlagsmengen verändern würden. Das ist zumindest keine Mainstreammeinung und das Argument somit wertlos. Es gibt aber ganz klar eine Tendenz zu höheren Temperaturen, so dass bei höherer Verdunstung (auch aufgrund zunehmender Sonnenscheindauern) so trotzdem sehr problematische Trockenphasen entstehen können, die jeder, der im Ostteil unseres Landes wohnt auch seit einigen Jahren am eigenen Leibe erfahren kann.


    Hinzu kommt ein stärkeres Mäandern um die Standardabweichungen und mehr Starkregenereignisse, die oberflächlich abfließen und dem Boden nicht so zu Gute kommen. Ganz ausgeprägt ist z.B. der Trend zu trockenen Frühjahren in den letzten 15 Jahren gewesen, der durch einzelne "Normal"-Exemplare, die zudem noch recht kühl daherkamen wie das letzte, nicht gebrochen wird.

    Ja, diese Renovierungen finden ja meist im Rahmen von Eigentumswechseln statt, insofern besteht in der Tat noch Hoffnung. Leider ist selbst in diesen Gegenden nicht gesagt, dass ein Neubesitzer verunstaltete Häuser wiederherstellt, die Wahrscheinlichkeit ist zwar gegenüber vor 30 Jahren sicherlich gestiegen, aber es gibt immer noch viele Häuser, die z.B. einfach nur neu gestrichen werden und sonst unverändert bleiben (oder schlimmer noch sogar mit einem Wärmedämmverbundsystem bedacht). Ist natürlich auch eine Frage der vorhandenen Mittel, aber eben auch des Know-Hows.

    Nichts Dolles, aber mal wieder ein Vergleich vom Zustand Bremer Straßen im Jahre 2008 (Aufnahmedatum GoogleStreetview) und heute, Bilder aus der östlichen Feldstraße, Nordseite:




    Was ist passiert? Bei den beiden mittleren Häusern sind passendere Fenster eingebaut worden, das Haus links hat seine bescheuerten Außenrolladenkästen behalten. Es ist ein langer Weg.

    Die Menschen scheinen im Kaiserreich sich sehr wohl gefuehlt zu haben.

    Die Leute haben deutlich mehr Kinder bekommen. Man scheint die Zukunft daher

    positiv gewichtet zu haben.

    Das kann man so auch wieder nicht stehen lassen. Es gab praktisch kaum Verhütungsmethoden und die Fertilität hat sich trotzdem halbiert von 1880 bis 1914 (TFR von etwa 6 1890 auf etwas über 3 1914 (also noch ohne Kriegseinwirkungen wegen der 9 Monate Differenz zwischen Konzeption und Geburt). Hauptgründe für die sinkende Fertilität waren wie überall auf der Welt 1. Massiver Abfall der Säuglingssterblichkeit, 2. Urbanisierung, 3. zunehmend gut ausgebildete Frauen und ihre wachsende Teilnahme am Erwerbsleben.


    Die demografischen Verheerungen, die die Kriege ausgelöst haben (in Ostmittel- und Osteuropa und für den 1. Weltkrieg in Frankreich noch viel schlimmer) sind eher auf das Sterben potenzieller Väter zurückzuführen als auf einen massiven Rückgang der individuellen Fertilität. Nachdem Deutschland ab den 1970er Jahren und bis in die 1990er dasjenige (größere) Land mit der niedrigsten Fertilität auf der Welt war, hat sich diese auch bei autochthonen Frauen in den letzten 10 Jahren wieder signifikant erhöht und liegt in vielen Bundesländern auf Rekordniveau der letzten 40 Jahre, während umgekehrt nun in vielen anderen Ländern Einbrüche und Negativrekorde in den Geburtenstatistiken verzeichnet werden (Frankreich, Großbritannien, USA). Deutschland hatte von 1997 bis 2015 in jedem Jahr weniger Geburten als Frankreich - und seitdem in jedem Jahr mehr. Und die Flüchtlinge machen nur einen kleinen Teil dieses Booms aus, 2019 wurden etwa 30.000 Kinder von geflüchteten Frauen geboren - ein Großteil des kleinen Geburtenbooms wird von autochthonen Frauen getragen.


    Auch hier also kein Niedergang, sondern im Gegenteil entgegen dem europäischen oder Trend in entwickelten Ländern eine sehr positive Entwicklung. Besonders in Ostasien sieht es sehr düster aus, Südkorea nun das dritte Jahr in Folge mit einer TFR von unter 1, das ist Weltrekord zusammen mit Taiwan. In Japan sterben mittlerweile jedes Jahr fast doppelt so viele Menschen, wie geboren werden. Auch Ostmitteleuropa mit sehr schlechten Daten, in Polen und Russland nähern sich die Geburtenzahlen langsam wieder den schlimmsten Nachwendejahren an. Positive Ausnahme in Ostmitteleuropa ist interessanterweise Tschechien, das laut neuesten Daten sogar Frankreich und Irland, die anderen beiden klassischen europäischen Spitzenreiter bei der Fertilität, überholen könnte.


    Nicht vergessen sollte man auch, dass Deutschland die USA quasi als demografisches Ventil nutzen konnte in der Kaiserzeit, Millionen von Deutschen haben sich in dieser Zeit dorthin aufgemacht, weswegen je nach Betrachtungsweise in manchen Publikationen die Deutschstämmigen noch heute die größte Einzelgruppe in den USA ausmachen.


    Unbestreitbar aber war das Kaiserreich eine Zeit großen Zukunftsoptimismus, der sich natürlich auch in vielen Kindern niederschlug. Ich glaube, wir können uns heute den Kinderlärm in den großen Mietshäusern in Berlin damals gar nicht mehr vorstellen. Heute wird ja gegen jeden Kindergarten wegen Lärmbelästigung geklagt, damals gab es in jeder zweiten Wohnung einen Säugling und Kinder, die bandenmäßig nachmittags durch die Gegend streiften. Die "gute alte Zeit" war also anders als das vielleicht viele Boomer in Erinnerung aus den 60er und 70er Jahren haben, keineswegs eine "stille" Zeit, sondern vom Geschrei spielender und weinender Kinder geprägt, gerade in den Arbeitervierteln.

    Ich hätte eine These, die natürlich auch grundfalsch sein kann, die sich etwas vom Diskurs zum politischen System abscheidet und sich der Frage widmet, warum in der Zeit zwischen 1850 und 1919 Deutschland ökonomisch/innovativ voranging. Es wäre in meinen Augen denkbar, dass wirtschaftliche Prosperität, basierend auf einem hohen Niveau an Innovation, allein darauf beruht, von Disparität geprägte Räume zusammenzuschließen und zu Standardisieren, und damit Hemmnisse im Ideenaustausch und in der Größe der Märkte abbaut.

    Wäre die These korrekt, dann hieße das, dass es nur eine logische Konsequenz war, dass Deutschland im Rahmen einer Globalisierung und informationellen Revolution irgendwann an seine Grenzen stößt und seine besondere Position verliert. Es würde umgekehrt heißen, dass man weniger aus der Kaiserzeit für heute ableiten kann als vielleicht erhofft und die Diskussion um Staatsform und Politik ins Leere läuft.

    Klingt mir zu monolithisch als Erklärung - Du hast aber natürlich Recht, dass der Wegfall von Zöllen und eine gemeinsame Regulierung in einem großen Gebiet Mitteleuropas ein massives Wachstumsprogramm war. Es war eine Mischung aus vergleichsweise kluger Wirtschafts- und Sozialpolitik, (noch) nicht so fest im Sattel sitzenden Eliten (vergleiche UK - dort begann zur gleichen Zeit der bis heute währende schleichende Niedergang vom reichsten zum ärmsten Land Westeuropas) und einer enormen demografischen Expansion, die natürlich konsumfördernd war und Investitionen erzwang. Es gibt heute nicht mal mehr in Afrika mehr als ein, zwei chronisch krisengeschüttelte Länder, die auf die Geburtenraten des Deutschen Reichs in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts kommen.


    Das Bildungs- und Universitätssystem war innerhalb Europas wohl eines der offensten, auch wenn natürlich Standesdünkel aus heutiger Sicht noch deutlich stärker vertreten waren als damals. Insgesamt profitierte das Deutsche Reich vom Nimbus des neugegründeten Landes, viele Strukturen mussten neu geschaffen werden und waren frei von dem Ballast, den andere europäische Länder mit kontinuierlicherer Entwicklung mit sich herumschleppten. Einen ähnlichen Effekt gab es im Westen auch in den Nachkriegsjahrzehnten, das meiste war zwangsläufig neu, die Produktivität sowohl in der Industrie als auch in der Verwaltung höher als in den Ländern, deren Geschichte weniger disruptiv verlaufen war.


    Letztlich ist Deutschland seit der Gründung des Deutschen Reichs und trotz einer extrem unruhigen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer wieder auf die Füße gefallen, weil es eine gut ausgebildete Bevölkerung hat und zumindest einigermaßen soziale Durchlässigkeit. Anders als die Niedergangspropheten hier und anderwo behaupten, sehe ich das größte Problem, wenn man das so nennen will, auch im Jahre 2021 darin, dass Deutschland wie vorhergesagt wieder sehr stark geworden ist im europäischen Kontext. Nach dem schweren Anpassungsschock der Wiedervereinigung steht es nach zwei schweren Jahrzehnten mit hoher struktureller Arbeitslosigkeit und stagnierenden Reallöhnen wieder sehr gut da, auch wenn manche hier vom Gegenteil überzeugt sind.

    Das ist in Fahrradausflugsdistanz von Göttingen. Dort bin ich als Kind und Jugendlicher oft mit meinen Eltern zur Christmette gewesen, ganz tolle Kirche in einer wirklich schönen Gegend, die leider relativ unbekannt ist in Deutschland. Auf dem Weg nach Bursfelde fährt man durchs Niemetal mit einem die ruhige Straße begleitenden rauschenden Bach in einem waldigen Tal, viele Dörfer in der Umgebung wie z.B. Hemeln sind sehr schön. In Hemeln (ein paar km südlich von Bursfelde) konnte man noch in den 90er Jahren für 2 Mark 30 ein Weißbier an der Weser trinken mit Blick auf die Schrägseilfähre rüber nach Hessen und den imposanten Reinhardswald im Blick.