Werden wir das schöne Bauen noch erleben?

  • Ich muss zustimmen, dass ein Mausoleum heutzutage etwas aus der Zeit gefallen zu sein scheint, weil es einfach untypisch ist. Natürlich kann man auch den Vorwurf erheben, dass es der Selbstinszenierung und der Darstellung des eigenen Egos dient. Das kann man wohl auch nicht ganz von der Hand weisen. Von daher ist die Einschätzung nicht ganz ungerechtfertigt.

    Jedoch muss es kein Problem sein, etwas zu machen, das heute als untypisch oder veraltet gilt. Manchmal ist es gut, sich von der Masse abzuheben und zu seinen eigenen Ideen zu stehen. Jeder kann mit dem eigenen Geld gerne machen, was er möchte und ich freue mich, wenn es für etwas Schönes ausgegeben wird, das sich auch andere angucken können, auch wenn es vielleicht eine Form der Selbstinszenierung ist. Von mir aus können sich ruhig mehr reiche Leute ein schönes Mausoleum leisten.

  • Ich stelle dabei fest, dass die Errichtung eines Mausoleums im 21. Jahrhundert aus der Zeit gefallen ist, weil es nicht mehr den gesellschaftlichen Normen entspricht

    Das ist tatsächlich ein sehr eng gezogener Betrachtungsrahmen, wenn die Art und Weise, wie an Verstorbene, bzw. (wie in diesem Fall ja wohl eher) dessen Leistungen für die Gesellschaft erinnert werden darf (nichts anderes ist ja eine Norm: eine Vorschrift, die sich aus sozialen Gegebenheiten ergibt), angeblich auch noch wissenschaftlich begründet sein soll. Was ist denn daran aus der Zeit gefallen oder sogar (wie impliziert) nicht "normal", wenn an eine Tradition angeknüpft wird, zumal noch eine, die positives soziales Verhalten (weiteren Normen entsprechend!) würdigt und als erinnernswert erklärt? Dieses architektonische Zeugnis ist ein unaufgeregter und leiser Zeuge solchen Verhaltens, ganz im Gegensatz zu heute sonst üblichen performativen Formen von Erinnern, die dann doch nur wieder populistisch missbraucht werden, bzw. sehr anfällig dafür sind.

    Damit hebt man sich von seinen Zeitgenossen in seiner gesellschaftlichen Bedeutung erheblich ab. Und das wird auch über den Tod hinaus demonstriert. Ein Mausoleum ist gleichzeitig ein Denkmal, das eine "Geschichte" über den Verstorbenen erzählen soll. Im Mittelpunkt steht dabei letztlich nicht die Demut vor dem Tod, in dem wir alle gleich sind, sondern die Darstellung des Egos.

    Der letzte Satz ist - aus meiner Sicht - eine äußerst diskutable persönliche Interpretation. Wenn sich jemand zu Lebzeiten von seinen Zeitgenossen "erheblich abgesetzt" hat, indem er für die Gemeinschaft Gutes getan hat, ist es nur legitim, dies auch über den Tod hinaus betonen zu können. Warum eine Begräbnisstätte dafür weniger geeignet sein soll, als irgendein anderer Platz, müsstest du bitte nochmal erklären, zumal es dafür auf deutschen Friedhöfen Normen, bzw. sogar Vorschriften gibt. Die Beschreibung des Architekten betont übrigens auch genau diesen Unterschied zu deiner Interpretation:

    celebrating a family’s continuous connection with their local community and the accomplishments of its members through architectural form

    und eben nicht "celebrating the deceased's ego" - überhaupt nicht einmal einer Einzelperson, sondern einer Familie, in der das Engagement für die Gemeinschaft (in unserer Zeit hervorhebenswert) Tradition hat, bzw. unüblicherweise üblich ist oder war.

    Wenn jemand im 21. Jahrhundert genau auf diesen Bedeutungszusammenhang zurückgreift, dann ist es halt aus der Zeit gefallen. Dabei macht es schon einen erheblichen Unterschied, ob man sich in einer schon lange existenten Familiengruft bestatten lässt und sich somit der Familie verbunden fühlt, oder ob man sich ein solches Denkmal selbst neu errichten lässt. Das sind zwei ganz verschiedene Botschaften.

    Von denen keine überhaupt bedenklich oder diskutabel ist. Wenn dem Verstorbenen oder dessen Hinterbliebenen die "normale" Art und Weise der Erinnerung auf Friedhöfen zu wenig ist, ist ein neu errichtetes Mausoleum legitim. Für die "Ewigkeit" heißt übrigens auch nur so lange die Gebühren für die Grabstätte entrichtet werden oder das Mausoleum irgendwann als für die Gesellschaft bedeutend unter Schutz gestellt wird. Außerdem: Nur weil in der Geschichte solche Bauten eine jeweils in der Zeit verankerte Bedeutung ausdrückten, heißt das nicht, dass sie heute die gleiche Bedeutung besitzen. Wenn dieses neue Gebäude einen Beitrag dazu leistet, diese als überheblich interpretierte historische Bedeutung in eine andere zu überführen, ist dessen Erbauung mehr als zu begrüßen. Dieser Mechanismus der "Normalisierung" fehlt heutzutage übrigens in vielen gesellschaftlichen Bereichen, wo lieber skandalisiert und nach Verboten gerufen wird, statt sich mit problematischer Historie konstruktiv auseinanderzusetzen. Dazu gehört - gerade hier - die unaufgeladene Betrachtung von Baukunst heutiger Zeit, denn genau das ist doch das Problem: Ansprechende Architektur fehlt so häufig, weil zu viel historisch belastete Bedeutung in sie gelegt wird, die sie intrinsisch überhaupt nicht besitzt.

  • Ich gönne jedem seinen Wohlstand, wenn er diesen in das Gemeinschaftsgut Öffentlicher Raum investiert - und sei es auch ,,nur" zur hier kritisierten Heraushebung seines Privilegs.

    Zurschaustellung des eigenen Wohlstands war DIE maßgebliche Triebfeder für die Entstehung herausragender bürgerlicher Profanbauten in unseren Städten. Das wollen wir nicht vergessen.

  • Civitas fortis

    Ich will versuchen, auf deine Anmerkungen zu antworten:

    Das ist tatsächlich ein sehr eng gezogener Betrachtungsrahmen, wenn die Art und Weise, wie an Verstorbene, bzw. (wie in diesem Fall ja wohl eher) dessen Leistungen für die Gesellschaft erinnert werden darf (nichts anderes ist ja eine Norm: eine Vorschrift, die sich aus sozialen Gegebenheiten ergibt), angeblich auch noch wissenschaftlich begründet sein soll. Was ist denn daran aus der Zeit gefallen oder sogar (wie impliziert) nicht "normal", wenn an eine Tradition angeknüpft wird, zumal noch eine, die positives soziales Verhalten (weiteren Normen entsprechend!) würdigt und als erinnernswert erklärt?

    Wenn ein Bestattungsritus, der früher üblich war, heute nicht mehr einer gängigen Praxis entspricht, dann ist er nun mal per Definition aus der Zeit gefallen, ahistorisch, wenn du es so willst. Das ist, wie ich bereits mehrfach schrieb, zunächst eine nicht wertende Feststellung. Nicht alles, was nicht zeitgemäß ist, muss zwingend schlecht sein. Die Wertung überlasse ich hier gerne anderen. Das ist nicht mein Anliegen.

    Der letzte Satz ist - aus meiner Sicht - eine äußerst diskutable persönliche Interpretation. Wenn sich jemand zu Lebzeiten von seinen Zeitgenossen "erheblich abgesetzt" hat, indem er für die Gemeinschaft Gutes getan hat, ist es nur legitim, dies auch über den Tod hinaus betonen zu können. Warum eine Begräbnisstätte dafür weniger geeignet sein soll, als irgendein anderer Platz, müsstest du bitte nochmal erklären

    Ich habe nirgends geschrieben, dass es nicht legitim ist. Ich habe nur geschrieben, dass dort eine Intention zum Tragen kommt, die sich nicht allein durch die Demut vor dem Tod erklären lässt. Im Übrigen wissen wir doch absolut nichts über die Leistungen des Auftraggebers und seiner Familie. Ob also ein solches Grabmal in irgendwelcher Weise gerechtfertigt ist (wenn das überhaupt objektiv feststellbar ist), können wir doch gar nicht beurteilen. Aber auch das ist gar nicht mein Thema. "Ego" ist hier im Übrigen im Sinne von "Individuum" gemeint.

    Von denen keine überhaupt bedenklich oder diskutabel ist. Wenn dem Verstorbenen oder dessen Hinterbliebenen die "normale" Art und Weise der Erinnerung auf Friedhöfen zu wenig ist, ist ein neu errichtetes Mausoleum legitim.

    Natürlich ist es legitim, aber halt nicht zeitgemäß und deshalb durchaus erklärungs- und diskussionswürdig. Die Handlung und die Intention sind nämlich alles andere als trivial, weil sie eben aus der gesellschaftlichen Norm fallen. Fazit: Schöne Architektur, ungewöhnliche Form der Zurschaustellung.

  • Wenn ein Bestattungsritus, der früher üblich war, heute nicht mehr einer gängigen Praxis entspricht, dann ist er nun mal per Definition aus der Zeit gefallen, ahistorisch, wenn du es so willst.

    Ersetze "Bestattungsritus" durch "Architektur", und du hast die typische Argumentation der Modernisten, mit der sie ihre Ablehnung gegenüber neoklassischem Bauen begründen. Es führt an der meiner Meinung nach entscheidenden Frage vorbei, ob ein solches Mausoleum der gesellschaftlichen Bedeutung der verstorbenen Persönlichkeit überhaupt angemessen ist.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Ersetze "Bestattungsritus" durch "Architektur", und du hast die typische Argumentation der Modernisten.

    Diese Feststellung wäre, wenn man entsprechend älteren Bauepochen bauen würde, absolut korrekt. Tut man aber erfreulicherweise nicht, denn eine Adaption oder Rekonstruktion, wie die meisten von uns sie anstreben und gutheißen, ist dann doch etwas ganz anderes. Ich bitte doch um etwas Differenzierung!

  • Das gezeigte Mausoleum erscheint mir aber auch eher wie eine Adaption, die du ja offenbar gutheißt. Wo ist also das Problem? Vielleicht doch eher meine Fragestellung in #266? Darüber könnte man mit gutem Grund diskutieren.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Das gezeigte Mausoleum erscheint mir aber auch eher wie eine Adaption, die du ja offenbar gutheißt. Wo ist also das Problem?

    Dass du offensichtlich überlesen hast, dass es mir hier niemals um die Architektur ging. Die habe ich ausdrücklich gelobt. Alles andere findest du oben in meinen Ausführungen. Du verzeihst, dass ich das jetzt nicht wiederhole. Und ein Problem scheinen andere zu haben, ich habe lediglich die Diskussion über die Intention dieser Architektur in diesem Kontext und im 21. Jh. angestoßen.

  • Du hast mit der Frage der Intention aber sehr deutlich die Zulässigkeit einer solchen Architektur im 21. Jh. in Frage gestellt. Dasselbe machen einige auch beim Berliner Schloss.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Es wäre einer solchen Diskussion sicher zuträglicher, wenn man nicht irgendwelche Intentionen in Texte hineinliest, die dort in keiner Form zu entziffern sind. Noch weniger interessiert es dabei, was irgendwelche Dritte zum Berliner Schloss gemacht und gesagt haben. Ich spreche für mich allein, und zwar zu der grundsätzlichen Frage, inwiefern opulente Mausoleen eine zeitgemäße Form darstellen, um der Nachwelt im Gedächtnis zu bleiben. Und für diese Frage ist weniger die konkrete Architektur von Bedeutung, als vielmehr der repräsentative Rahmen, in dem dies geschieht. Es würde also gleichermaßen für ein Grabmal gelten, das als gewaltiger Kubus daherkommen würde.

  • Die Gegenfrage dazu ist: was ist heutzutage ein "angemessenes Grabmal" - und warum?

    Die von mir erwähnten anonymen Massengräber, weil nur noch das Irdisch-Materielle zählt, Menschen wie Nummern behandelt werden und man eh an allen Ecken und Enden sparen und bloß nicht auffallen will?

  • Um mal wieder etwas Leben in den Thread zu bringen hier einmal ein Video eines relativ bekannten Youtube Kanals von Heute:

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    Befasst wird sich mit der Frage warum sehen unsere Städte so aus und was in Zukunft daraus werden könnte.

  • Hier noch ein weiterer Link zu unserem neuen Stadtbild-Video. Es hatte >10.000 Aufrufe in den ersten 24 Stunden.

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    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Fast zwei Jahrzehnte sind vergangen seit dem ersten Beitrag in diesem Strang. Und obwohl es einige wenige Rekonstruktionsprojekte gegeben hat, muss man doch insgesamt konstatieren, dass sich nichts Wesentliches geändert hat. Deutschland wird mit jedem Tag hässlicher und verliert seine baukulturelle Identität.

    Wenn man sieht, mit welchen Summen heute in der Politik hantiert wird und wofür diese ausgegeben werden, wird auch klar, dass dies kein finanzielles Problem, sondern auf einen mangelnden Willen und wohl zunehmend auch schlicht auf Unwissenheit zurückzuführen ist. Ja, man hätte sogar die Stadtkerne der deutschen Städte mehr oder weniger vollständig rekonstruieren können - aber man wollte es nicht, will es immer noch nicht, sondern lebt lieber in potthässlichen Städten, die fast nichts mit ihren historischen Vorgängern gemein haben.

    Die äußerst unangenehme Wahrheit ist, dass die Zerstörungen und Verluste durch Krieg sich als dauerhaft erwiesen haben. Städte wie Kassel, Magdeburg oder Köln sind gänzlich weg, während das Gesicht anderer Städte, wie etwa München oder Freiburg, noch erkennbar ist, aber dennoch grotesk entstellt bleibt. Dass Touristen dennoch in Städte wie Nürnberg strömen und banale Fünfzigerjahrekisten für originale Überbleibsel der alten Stadt halten, macht es für empfindsame Geister nicht besser, sondern schlimmer.

    Auch neue Stadtviertel werden in aller Regel nicht in traditionellen Bauformen und nach den Gesetzen des traditionellen Städtebaus errichtet. Viertel wie das Europaviertel in Frankfurt oder die HafenCity (was für ein blöder Name) in Hamburg sind hässlich und funktionieren nicht als Stadt, sondern allenfalls als öde, zugige Vorstädte mit U-Bahn-Anschluss.

    Es gibt leider auch keinerlei Hinweis darauf, dass sich das alles jemals ändern könnte. Im Gegenteil, mit jedem Jahr, das ins Land geht, entfremdet sich Deutschland mehr von seiner Identität, Kultur und Geschichte. Die heutige junge Generation in den Großstädten ist in einer banalen Umgebung aufgewachsen, und ihre Identität mag vieles enthalten, aber ein Bewusstsein für traditionelle deutsche Baukunst wohl kaum, zumal sich ein immer größerer Anteil gar nicht mehr mit Deutschland identifizieren dürfte außer im Sinne eines Siedlungsgebietes und Wirtschaftsraumes.

    Ich bewundere den Idealismus, den manch anderer an den Tag legt, mir geht er zunehmend verloren, weil es ein Kampf auf verlorenem Posten ist und die eigene Lebenszeit begrenzt ist.

  • Ich kann mit diesem überbordenden Kulturpessimismus nichts anfangen. Als Kulturblogger bin ich im Jahr so häufig unterwegs, dass ich es kaum schaffe, alle Reisen und Themen in Artikeln zu verarbeiten. Schon seit meiner Jugend und im Kunstgeschichtsstudien dann nochmals mehr habe ich unser bauliches Kulturerbe geradezu aufgesogen. Und trotzdem werde ich im Leben nicht annähernd an den Punkt kommen, alles halbwegs Sehenswerte besucht zu haben.

    Insofern bleibt mir nur die Verwunderung über dieses vernichtende Urteil. Niemand kann den Maßstab bei Italien oder Frankreich ansetzen, schon gar nicht nach den Zerstörungen des Krieges. Dass zweifelsohne mehr machbar gewesen wäre und vor allem die Ideologie der autogerechten Stadt unnötige Zerstörungen hinterlassen hat, bestreite ich nicht, aber lassen wir doch bitte die Kirche im Dorf.

  • Ich sage immer, Deutschland ist ein Land für ästhetische Trüffelschweine. Man muss oftmals suchen, aber wird am Ende sehr belohnt. Und die kleineren und die Mittelstädte müssen einen Vergleich mit Frankreich und Italien auch nicht scheuen. Wenn man sich die UNESCO-Listen anschaut, sieht man, wie reich an kulturellem Erbe Deutschland immer noch ist. Ich fühle mich immer etwas auf die Füße getreten, wenn manche sagen „in Deutschland ist alles hässlich“. Wie Tegula habe ich das Land seit ich 17 bin ordentlich bereist und kam meist auf meine Kosten. Ja, manche Altstädte sind recht klein, wie beispielsweise Mainz oder Ulm. Aber dennoch sehenswert. Auch Nürnberg. Großartige Stadt, die aber noch eines gewissen Elans bedarf, was Rekonstruktionen betrifft (Pellerhaus). Ich sehe im obigen Beitrag eine tiefe Trauer über den Verlust und den Unwillen, ihn rekonstruierend zu beheben. Das verstehe ich. Aber -und da bin ich ausnahmsweise bei Tegula- es gibt eine Unzahl an Schönem in diesem Land. Und das gilt es zu entdecken.

  • Es geht hier nicht darum, ob es Schönes in diesem Land gibt. Das stellt ja niemand im Frage. Sondern um schönes Bauen, also das, was in den letzten Jahrzehnten an Architektur entstanden ist. Lässt man da einmal die Leuchtturmprojekte wie in Dresden oder Frankfurt beiseite, kann man eigentlich nur zu einem ernüchternden Fazit kommen, wie es @Rothenstein beschreibt. Es hat kein wirkliches Umdenken stattgefunden. Es gab unzählige Abrisse und seelenlose Neubauten als Ersatz. Wirkliche Stadtreparatur im Sinne von angepasst-traditionellem Bauen findet nicht statt. Die Lehre an den Hochschulen ist unverändert dogmatisch dem Modernismus verpflichtet, und die Ergebnisse bestimmen unsere bauliche Realität. Ausnahmen bestätigen die Regel.

    PS: Was wurde aus "new urbanism", dem Begriff, der uns vor einigen Jahren Hoffnung machte? Er ist wieder in Vergessenheit geraten.

    In dubio pro reko

    Der größte Feind der Ideologie ist die Realität

  • Wir sehen in einigen Bereichen durchaus positive Entwicklungen. Städtebau, Baustoffe, Umgang mit Altbauten. Hier z.B. folgendes Buch:

    Urban Block Cities
    Blockrandbebauung als Prinzip der idealen Stadtplanung fördert ein nachhaltiges Stadtleben mit sozialen und gesunden Strukturen.
    www.db-bauzeitung.de

    Lest mal den kurzen Artikel dazu. Die Stichworte sind dann doch recht erstaunlich, wenn man die These vertritt, in der heutigen Baukultur spiele Tradition keine Rolle wie noch vor einigen Jahrzehnten:

    Quote

    [...] ideale Stadt: [...] die Distanzen sind kurz genug dafür, sodass man sie gerne zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkundet [...] in einer baulichen Tradition verwurzelt und entwickelt sich daraus weiter, indem sie ihr kulturelles Erbe respektiert. [...] Plädoyer für die Blockrandbebauung und für dichte, organische Städte.

    Das ist Städtebau nach Gründerzeitvorbild. Nun kann man natürlich viel schreiben, aber allein schon ein berufen auf historisches Kulturwissen und daraus entwickelt eine Begründung dem Modell auch heute zu folgen, wäre vor wenigen Jahrzehnten recht schnell abgeräumt mit einem lapidaren Hinweis, dass man für heutige Bedürfnisse moderne Lösungen benötige.

    Das zeigt sich auch im Umgang mit Altbauten. Es findet breite Rezeption, dass weniger abgerissen werden soll. Auch das war in den 2000ern noch deutlich unterentwickelt. Das Ganze ist zwar immer noch nicht da, wo es sein sollte, aber auch hier, allein schon diese Diskursebene erreicht zu haben, ist ein großer Fortschritt. Es gibt häufige öffentliche Debatten heute zum Erhalt von Häusern (jüngere und ältere Bauten) und entsprechende Reaktion aus der Politik. Heute ist es auch viel selbstverständlicher, dass man Altbauten ihre urspüngliche Form zurückgibt. Ich habe noch erlebt, wie in meinem Heimatort die Altbauten dastanden, völlig verbaut, Fenster ohne Teilung, keine Profilierung mehr. Das kam alles in den letzten 20 Jahren zurück. Dem stehen nur wenige Beispiele entgegen, wo Altbauten frisch verschandelt werden z.B. durch unansehnliche Aufstockungen, die leider ja immer noch ein Thema sind.

    Eine weitere positive Entwicklung, die ich wahrnehme, ist im Bereich der Baustoffe. Da ist gleich zuforderst mal die Renaissance des Lehms zu nennen. Aber auch die jüngere Erfolgsgeschichte im Bereich Holzbau. Durch die Nachhaltigkeitsdebatte und den Gesundheitsfokus hat sich da sehr viel getan in den letzten 25 Jahren - und oft dabei in einem erstaunlich traditionsorientierten Sinne. Vorbei die Zeiten, wo neue Kunstmaterialien freudig aufgenommen wurden. Heute kämpfen die Hersteller darum, möglichst natürlich auszuschauen. Auch rückt dabei immer stärker die baustoffliche Trennung und Wiederverwendbarkeit wieder in den Fokus.


    Kritisch an all dem finde ich allerdings, dass sich die Kluft nicht geschlossen hat zwischen dem Umgang mit Neubauten und mit Altbauten. All das Angesprochene kann zwar Brücke sein, ist es aber in der Realität kaum. Ein modernes Quartier im Blockrand mit einer Fassadengrundgliederung, in Holzbauweise und Lehminnenputz ist immer noch meilenweit entfernt von einigen historischen Quartieren. Wir sind da auf einem Weg, von dem ich hoffe, dass man sich zunehmend fragt, warum es diesen deutlichen Unterschied gerade auch in der dekorativen Gestaltungsqualität geben muss zwischen diesen Bauzeitaltern. Positiv nehme ich da ein zunehmendes Interesse zu dieser Frage aus der Forschung wahr, die dann eigentlich stets empfiehlt mehr Wert diesem Thema bei Neubauten einzuräumen.

  • Ich kann diese ganzen Hafencitys und Neubauviertel einfach nicht mehr ertragen. Das ist alles so belanglos, grau, seelenlos – und trotzdem wird es ständig gehypt, als sei das die Zukunft. Für mich ist das die Kapitulation vor echter Baukultur. Der neue Hafen in Hamburg ist ein Paradebeispiel: steril, kalt, vollkommen identitätslos.

    Was mir dabei immer wieder auffällt – gerade im Vergleich zu den Niederlanden oder auch dem Elsass – ist der völlige Mangel an Stolz auf unsere eigene Baukultur. In Deutschland fehlt oft jedes Gespür für regionale Identität im Bauen. Ich wohne selbst in der Grenzregion und sehe, wie dort auf der anderen Seite Fachwerk, Altbauten und ganze Ensembles gepflegt, geschätzt und weiterentwickelt werden – mit Charakter. Bei uns? Totalsanierung, Abriss, Ersatz durch Investoren-Kisten. Ganze Städte – vor allem im schwäbischen Raum – verlieren so Stück für Stück ihre Seele.

    Ich will nicht nur pessimistisch klingen, aber wenn sich am Denken nichts ändert, droht unsere Baukultur endgültig zur Fußnote zu werden. Und das wäre ein riesiger Verlust – nicht nur für Architekturliebhaber, sondern für unser kulturelles Selbstverständnis als Ganzes.

    Trotzdem: Aufgeben ist keine Option. Wer sensibel für das Thema ist, muss dagegenhalten – mit Ideen, mit Argumenten, mit Leidenschaft. Denn wenn wir nichts sagen, ändert sich erst recht nichts.

  • Ich kann diese ganzen Hafencitys und Neubauviertel einfach nicht mehr ertragen. Das ist alles so belanglos, grau, seelenlos – und trotzdem wird es ständig gehypt, als sei das die Zukunft. Für mich ist das die Kapitulation vor echter Baukultur. Der neue Hafen in Hamburg ist ein Paradebeispiel: steril, kalt, vollkommen identitätslos.

    Was mir dabei immer wieder auffällt – gerade im Vergleich zu den Niederlanden oder auch dem Elsass – ist der völlige Mangel an Stolz auf unsere eigene Baukultur. In Deutschland fehlt oft jedes Gespür für regionale Identität im Bauen. Ich wohne selbst in der Grenzregion und sehe, wie dort auf der anderen Seite Fachwerk, Altbauten und ganze Ensembles gepflegt, geschätzt und weiterentwickelt werden – mit Charakter. Bei uns? Totalsanierung, Abriss, Ersatz durch Investoren-Kisten. Ganze Städte – vor allem im schwäbischen Raum – verlieren so Stück für Stück ihre Seele.

    Ich will nicht nur pessimistisch klingen, aber wenn sich am Denken nichts ändert, droht unsere Baukultur endgültig zur Fußnote zu werden. Und das wäre ein riesiger Verlust – nicht nur für Architekturliebhaber, sondern für unser kulturelles Selbstverständnis als Ganzes.

    Trotzdem: Aufgeben ist keine Option. Wer sensibel für das Thema ist, muss dagegenhalten – mit Ideen, mit Argumenten, mit Leidenschaft. Denn wenn wir nichts sagen, ändert sich erst recht nichts.

    Gute Zusammenfassung! Gerade in den Kleinstädten und Dörfern verfällt in Deutschland immer mehr und Abrisse identitätsstiftender Gebäude gehören zum Alltag. Gleichzeitig wird teilweise unfassbar belanglos neu gebaut. Im internationalen Vergleich (NL, Elsass etc.) fällt D dabei stark ab. Niemand kommt im europäischen Ausland so schnell auf die Idee alte Türen und Fenster herauszureißen und diese durch Billig-Plastik-Teile zu ersetzen. Auch das Thema Wärmedämmung mit bis zur Unkenntlichkeit verpackten Bauten in Deutschland ist beispiellos.