Posts by East_Clintwood

    Riquewihr hat wirklich einen großartigen Denkmalschutz. Nirgendwo sieht man derart geschmackvoll und dezent restaurierte Fassaden wie dort. Es ist jedesmal schön (ich möchte es fast als „Ereignis“ für ästhetische Feinschmecker bezeichnen), Kotzgrün neben prachtvollem Hämorrhoiden-Rot zu sehen, und das am selben Haus (alles andere wäre ja auch ahistorisch oder dürfte mindestens als Geschmacksverirrung gelten). Daneben wird man sofort von einem zarten urin-esken Gelb überrascht und kann seine Freude spätestens bei diesem Anblick kaum noch bremsen. Mit welcher Feinheit wird diese Altstadt doch gepflegt. Dagegen ist Rothenburg fast ewiggestrig mit seinen zaghaften Pastelltönen. Riquewihr wurde ja ebenfalls fast bis zur Hälfte zerstört. Aber das Elsass ist eben der einzige Ort der Welt, wo man pittoreske deutsche Altstädte zu sehen bekommt und der höchste Richtwert, wenn es um Vergleiche geht.

    Ein von mir koloriertes Bild, das mir ganz besonders gefällt, weil es auf mich modisch gesehen und durch die beiläufige Alltäglichkeit und unprätentiöse Pose eine starke Nähe zur Gegenwart herstellt: Ein Italiener, der auf der Halleschen-Tor-Brücke Skulpturen verkauft, im Jahre 1905.



    Noch 9 Jahre bis zum Ersten Weltkrieg. Noch 13 Jahre Kaiserreich und danach 15 Jahre Weimar. 28 Jahre bis zum Beginn der Katastrophe. 40 Jahre bis zum Untergang. Und er sitzt da auf seiner Brücke, nimmt jede Gasse und jedes Baudenkmal in Berlin als selbstverständlich, ist genervt bei kaltem Wetter, verkauft seine Skulpturen, denkt sich „heute war‘s ja ein beschissener Tag, alle Skulpturen stehen noch da“, sieht die Zukunft lediglich als Ausdehnung des Ist-Zustands, würde vermutlich lachen, wenn man ihm sagt, wohin die politische Reise dieser Stadt noch führt („was geht mich die Welt an, wenn ich 80 bin? Ich muss heute meine Ware loswerden und dann schau ich weiter!“) und weiß von alledem nichts.

    Residenz Teil 2


    Grüne Galerie


    Audienzzimmer in den Reichen Zimmern


    Raum in den Kurfürstenzimmern (edit: danke dir Leonhard!)


    Schwarzer Saal mit der eindrücklichen Illusionsmalerei


    Miniaturenkabinett, auch mit einer Miniatur von mir


    Thronsaal


    Thronsaal der Königin


    Salon der Königin im pompejanischen Stil


    Nibelungensaal

    Leonhard Genau an dich habe ich gedacht. Ich hab an anderer Stelle schon gesehen, wie umfangreich und detailliert deine Sammlung ist (Fotos sind qualitativ top!) und es wäre klasse, wenn du uns in diesem Themenstrang daran teilhaben lassen könntest. Künstlerisch wertvoll, danke dir sehr, aber sind „nur“ HDR-Bilder, die halt grundsätzlich zum Experimentieren einladen (mal mehr, mal weniger geglückt) :-) Ja, werde demnächst mehr posten, ggf. auch noch zu Schloß Nymphenburg. Stimmt mit Würzburg, womöglich ist das Stichwort ‚Überrepräsentation‘ das Hindernis.

    Ich poste hier mal einige Fotos der Residenz, die ich Anfang September knipste. Leider ist es kein Rundgang und die Bilder daher sehr unvollständig. Aber ich weiß, dass mancher Forist hervorragende eigene Dokumentationen besitzt.


    Dazu: bitte die Schlösserverwaltung anschreiben und eine Genehmigung einholen. Da wir hier keine Einnahmen erzeugen, sollte es relativ unproblematisch sein.


    Die Bilder hier poste ich mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Schlösserverwaltung:


    Blick auf den Königsbau


    Westflügel und Feldherrnhalle


    Der Brunnenhof


    Königsbauhof


    Die im Rokoko erbaute Ahnengalerie mit ihren aufwändigen Stuckaturen


    Der Grottenhof


    Wohl eine der berühmtesten Renaissance-Raumschöpfungen Deutschlands: das Antiquarium


    Großes Kabinett


    Das Paradeschlafzimmer


    Das Spiegelkabinett


    Weitere Bilder folgen

    Weil es eine Politikerin war, die sich hier geäußert hat und hinsichtlich des Schlosses ausschließlich politisch argumentierte. Ich kann mich natürlich auch über ihre Kleidung auf dem Bildchen auslassen, wenn dir das eher zusagt. Oder die Fassade ihres Ferienhauses in der Türkei. Bloß hätte das inhaltlich wenig mit ihrer Wortmeldung und den daraus ablesbaren Tendenzen zu tun. Zudem verglich ich einen Typus, der leider in allen Zeiten und unter allen Staatsformen präsent ist, und dessen kulturpolitische Methoden- und nicht die jeweiligen Verfassungen und Staatsformen, in denen er sein Unwesen treibt. Also bitte richtig lesen. Und ja, mich macht das wütend und es schrillen bei mir -im Unterschied zu dir- alle Alarmglocken, wenn jemand die Geschichte ideologisch umschreiben und den historisch gewachsenen öffentlichen Raum der Staatsdoktrin anpassen möchte und allen Ernstes noch beschwichtigend und gönnerhaft hinzufügt, dass man ja nicht vorhat, das Schloss niederzureißen. Ich würde in diesem ihrem Satz aber ein „noch“ anfügen.

    Heute seien wir „weiter“. Übersetzt: heute sind wir so weit, Geschichte und demnächst sicherlich auch Bücher umzuschreiben (bzw. zu „kontextualisieren“, wie es euphemistisch und im zeitgemäß pseudowissenschaftlichen Vokabular aus dem Soziologen-Seminar verlautbart wird), sie den Befindlichkeiten einer Claudia Roth und den totalitären Hysterikerinnen (hier halte ich ausnahmsweise die ausschließlich weibliche Form für sehr passend), die sie politisch vertritt, „verträglich“ zu machen und alle kulturellen Misstöne im Konzert der vereinten Linken Europas rücksichtslos auszumerzen. Anbei bemerkt: Europa und insbesondere Deutschland war schon zwei mal „so weit“. Und es war leider immer derselbe Typus, der uns allen diese totalitären Methoden als „politische Notwendigkeit“ im Namen des „Fortschritts“ schmackhaft machen wollte. Bloß -und das muss man fairerweise hinzufügen- war der Typus in der Vergangenheit wesentlich intelligenter als diese Ministerin für Staatskultur…pardon, Staatsministerin für Kultur.

    Laut Wikipedia wurde der Turm abgerissen (wobei ich auch schon las, dass einiges noch erhalten sei, aber vermutlich bezog sich das nur auf die Flügelbauten).


    Wiki: „Trotz der Zerstörung konnten Teile der beiden Seitenflügel beim Wiederaufbau erhalten werden. Der ebenfalls nicht zerstörte Turm wurde hingegen abgerissen, als man 1951 einen Wettbewerb zur Neugestaltung ausschrieb.“

    Meines Wissens wurde die Frankfurter Altstadt aus Sandstein und Beton errichtet (mit vorgeblendeten Fassaden), die Goldene Waage wurde sogar nach alter Fachwerkkunst errichtet. Plastik fiel mir nirgends auf. Ich glaube, er verwechselt die Frankfurter Altstadt mit seinem letzten Besuch in Disneyland oder im Europapark. Kann ja mal passieren. Ich hoffe einfach, dass er als Nächstes nicht auch noch sagt, dass nur Mäuse in solchen Gebäuden wohnen.

    Ich erinnere immer wieder an die fundierte Kritik von Noa Ha: „Das Schloss ist zu kroß!“. Was will man mit solchen Menschen diskutieren? Dass der Petersdom zu grau und die Frauenkirche zu beige ist? Dass solche Stimmen von den Medien hofiert werden, zeigt, dass es nicht um eine intelligente Diskussion geht, sondern man einfach alles aufsammeln will, was gegen das Schloss ist. Auch der Artikel lässt keine Diskussion zu. Es werden anklägerische linke Statements rausgehauen, die als nüchterne Tatsachen präsentiert werden, denen zu widersprechen einen sehr gezielt in die Nähe von Nazis bringen soll. Man sagt z.B. einen Satz wie:


    „Überhaupt: Wieso glaubt man in einer deutschen Gesellschaft, in der ein immer größerer Teil migrantische Biografien mit sich bringt oder Eltern und Großeltern hat, die eine solche besitzen, sich ein Schloss ins Zentrum stellen zu müssen? Noch dazu eins, auf dessen Kuppel ein Kreuz thront, dessen Inschrift die Unterwerfung unter den einen Gott fordert und das Gottesgnadentum der Hohenzollern feiert.“


    Die Intention hier ist keine sachliche Kritik, sondern ein geschickter Kniff mit dem Ziel der Einschüchterung, um Schlossbefürworter als Rassisten und fundamentalistische Christen, die Migranten ablehnen, zu brandmarken. Wer hier widerspricht, macht sich politisch verdächtig. Übrigens ein absurder Vorwurf: ich habe in meinem Freundeskreis viele Migranten, auch Muslime, und alle sind von diesem Projekt begeistert. Ähnlich der dauernde Verweis auf rechtsextreme Spender, der suggerieren soll, dass nur Nazis Geld dafür gaben. So macht man aus dem von Touristen aus aller Welt besuchten Preußenschloss ein Projekt von wenigen Rechtsextremen. Der ganze Artikel (und letztlich die ganze „Diskussion“) ist voll von solchen Drohungen und Unterstellungen. Und die ganze Debatte läuft auf dieser propagandistischen Ebene, die keine Gegenrede zulässt. Sie ist geistlos, ideologisierend und bedient genau das, was die „Beteiligten“ (die unter sich bleiben und sich lediglich gegenseitig bestätigen) sicherlich mit aller Vehemenz von sich weisen würden: Hass und Hetze.

    Die Frage ist, ob Kunst, die in die Realität ausgreift, sodass Darstellung in Handeln übergeht, und sich nicht mehr auf ein künstlerisches Medium beschränkt, noch unter den Begriff „Kunstfreiheit“ fällt. Das würde ich ganz klar verneinen. Ich beziehe mich vorrangig auf Gemälde und Literatur. Der einzige Richtwert bei der Beurteilung eines Werks sollte hier der Wille des Künstlers und die Qualität der Umsetzung sein. Ich kann (und will) ihm nicht vorschreiben, dass er meine Geschmacksgrenzen zu übernehmen hat oder einen Katalog überreichen, in dem alle Gruppen aufgelistet sind, deren Gefühle er meiner Ansicht nach nicht verletzen darf. Ob ich dem dargestellten Inhalt zustimme, er sich mit dem Menschenbild der Verfassung deckt oder er innere Abneigung verursacht, meine Gefühle verletzt oder meine subjektiven Geschmacksgrenzen überschreitet, ist da nebensächlich.

    Das führt jetzt zwar weit, aber ich möchte dazu doch noch was sagen. Wenn man anfängt, staatliche Grenzen zu setzen, kann man die Kunstfreiheit auch gleich begraben. Die Freiheit von Künstler A) steht im direkten Verhältnis zur Freiheit von Künstler B). Wenn ersterer in seinen Ausdrucksmöglichkeiten beschnitten wird, betrifft das auch die Freiheit von letzterem. Ich halte es für höchst problematisch, wenn ein Bundespräsident und Kulturstaatsminister öffentlich festlegen, was ein Künstler noch ausdrücken darf und was nicht, weil dadurch nur noch staatlich abgesegnete Werke akzeptabel sind und alle Werke, die der gewünschten Richtung widersprechen, schlimmstenfalls sogar verboten werden. Kunst als harmloser Streichelzoo, der keine gesellschaftlichen Tabus mehr brechen darf? Das widerspricht dem eigentlichen Gedanken der Kunstfreiheit. Ich heiße die Bilder nicht gut, aber sie sind zulässig und laden zu einer kritischen Auseinandersetzung ein. Man muss als aufgeklärter Bürger ein Werk nicht mögen, um dessen Existenzrecht zu akzeptieren. Dass in Deutschland Antisemitismus einen anderen Stellenwert hat als in muslimischen Ländern, sollte einen nicht dazu verleiten, diesen vorzuschreiben, sich künftig an deutschen Befindlichkeiten zu orientieren. Ebenso sind Mohammedkarikaturen zulässig. Auch hier haben muslimische Länder nicht das Recht, ihre persönliche Schmerzgrenze auf die Kunst als Ganzes zu übertragen. Wer legt am Ende also fest, wo die „Grenzen“ zu sein haben? Welche Kritik ist noch zulässig? Welche Emotionen darf man noch künstlerisch ausdrücken? Alleine diese Fragen -gerade in einer sich liberal nennenden Demokratie- zeigen, wie gefährlich es ist, auf diesem Gebiet „regulierend“ eingreifen zu wollen.

    Wer denkt beim Besuch von Versailles oder bei einem Rundgang durch Wien nicht auch als erstes: wie kann man nur so viel national-völkische Scheiße stehen lassen oder gar instandsetzen? Und wie jeder weiß, sind es ausschließlich pilgernde Neonazis, die diese Orte besuchen- die Demokraten gehen allesamt in die Gropiusstadt in Berlin (alles andere verträgt sich nicht mit dem Grundgesetz).

    Der berühmte Lübecker Totentanz, der 1942 den Bomben zum Opfer fiel, um 1920. Von mir koloriert anhand eines relativ detaillierten Aquarells aus dem 19. Jahrhundert.


    Einerseits stört man sich an der „Propaganda“ (man könnte es auch Illustration nennen) zweier Bronzereliefs, andererseits stört es nicht im Ansatz, dass die letzten Reste der Altstadt für den Berliner Fernsehturm (Propaganda in Reinform) geopfert wurden. Sozialismus ist halt eine lustige Sache und Berliner Kulturgut. Lustig ist in dem Zusammenhang auch, dass sich dieser Tomas Fitzel über den Abriss von Bürgerhäusern im 19. Jahrhundert echauffiert (dafür, dass er dabei ernst bleiben kann, gebührt ihm mein Respekt) und gleichzeitig die Abrisswut der DDR, der genau dieses Schloss zum Opfer fiel zugunsten eines weiteren sozialistischen Propagandabaus, mit keiner Silbe erwähnt. Ein bisschen weniger Propaganda täte der Berliner Mitte also tatsächlich gut, da bin ich vollkommen d’accord. Auch das Marx-Engels-Forum darf meinetwegen gerne der unpolitischen Bebauung des vorherigen Zustands weichen.

    https://m.tagesspiegel.de/kult…boldt-forum/28535210.html


    „680 000 Besucher:innen haben sich demnach ausschließlich in den frei zugänglichen Bereichen aufgehalten, etwa im Foyer, im Schlüterhof oder auch oben auf dem Dach des Museumsbaus. Die Zahl beruht laut Humboldt Forum auf einer Schätzung; die meisten der offenen Bereiche sind ohne Zeitfenster oder Eintrittskarte zugänglich.“


    Das heißt, fast die Hälfte der Besucher interessiert sich nicht für die Plastiken und Zelte aus der Dritten Welt, sondern für den Schlüterhof und die Barockfassaden. Die hohe Besucherzahl der Ausstellungen ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass der Eintritt anfangs gratis war.


    Ich plädiere dafür, dass das Humboldt-Forum sich künftig nur noch auf die Besucher beschränkt, die ihre Zelte und Boote besuchen und darauf verzichtet, die verhasste Rekonstruktion als ihr Verdienst zu propagieren. Wenn man die Fassade ablehnt und nichts dafür tat, sie wiedererstehen zu lassen (was ja legitim ist), sollte man sich nicht mit ihrem Erfolg schmücken.