Posts by East_Clintwood

    Das Gute ist, dass Benko an seinen Plänen festhält und sich als tiefenentspannter Österreicher von der üblichen deutschen Hysterie nicht aus der Ruhe bringen lässt: er will das Gebäude durchsetzen und scheint nicht willens zu sein, bei der architektonischen Umsetzung mit diesem Lokalpolitiker weiter zu verhandeln. Lieber sind ihm Sozialwohnungen und Nullsummen-Geschäfte (die er sich anscheinend leisten kann), als darauf verzichten zu müssen. Benko und Chipperfield werden noch da sein, wenn der Grüne längst politisch weg vom Fenster ist.


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    classica Naja, du setzt stillschweigend voraus, dass die deutsche Architektur in den 30ern grundsätzlich schlecht war, weil sie ‚gigantomanisch‘ war (warum höre ich hier gleich Guido Knopp?). Das sehe ich aber anders. Ich habe einen dicken Bildband mit fast allen Entwürfen für ‚Germania‘, München, Linz etc und halte vieles (darf man das überhaupt sagen?) für sehr gelungen. Wie aber bereits gesagt wurde, hat der Karstadtbau nichts mit Germania zu tun, sondern ist ganz in Weimar verhaftet. Und da mir der formale Aspekt des Gebäudes wichtiger ist, als das Material, stört mich der Beton hier nicht. Die reduzierten Ornamente kommen auch so zum tragen.


    Ich sehe hier eher Expressionismus und Art Déco, denke an Swing und Gassenhauer im Winterpalast, Babelsberg und Fritz Lang. Kurz: an ein Deutschland, das in der Welt kulturell noch etwas darstellen wollte und konnte, sich an den Besten orientierte und im permanenten Wettbewerb mit ihnen stand. Dementsprechend repräsentierten Gebäude auch noch etwas. Das mag heute als ‚verwerflich’ gelten, in Zeiten, in denen ein Kanzleramt nicht nur nicht schön sein, sondern noch nicht einmal ansatzweise daran erinnern darf, dass die mächtigste Person Deutschlands darin wohnt (geschweige denn, dass es ein deutscher Bau ist).


    „Gigantomanie“ bzw. den Anspruch, eine ästhetisch ansprechende, repräsentative und ‚erhabene‘ Lebensumwelt für die eigenen Bürger zu gestalten, für die man sich nicht zu schämen braucht, halte für gesünder, als das andere Extrem, das man in zahlreichen deutschen Städten sehen kann.


    Diejenigen westlichen Städte, die heute am meisten besucht werden, sind durchwegs von Gigantomanie geprägt (die sich natürlich immer an den Möglichkeiten der jeweiligen Epoche orientiert): Arc de Triumphe, Invalidendom, Eiffelturm in Paris. Der Big Ben oder die Tower Bridge in London. Das Kolosseum in Rom. Die zahlreichen Palazzi in Florenz. So ziemlich ganz St. Petersburg, die frühe Wolkenkratzerarchitektur New Yorks: überall ist „Größenwahn“ mit eine treibende Kraft. Und nicht die unwichtigste. Wenn Berlin nur 1/100 der alten Pracht zurückgewinnen könnte, wäre der Tourismusboom nicht nur modischer Katastrophen- oder Partytourismus (der wieder vergehen wird), sondern könnte sich über Jahrzehnte als attraktives Reisedestination halten.

    Dennoch sollte ein Minimum an Stilempfinden bei den Verantwortlichen vorhanden sein. Die Debatten werden jedoch von tagespolitischem Klein/Klein überlagert, das persönliche Eitelkeiten über städtebauliche Qualität stellt. Auch in diesem Fall ist es eine Antihaltung, die sich gänzlich vom Gegenstand entfernt hat und die in Gremien beiwohnenden Kunsthistoriker anscheinend in Geiselhaft nimmt. Jedes Kind erkennt, dass Florenz von höherem ästhetischem Wert ist, als z.B. Köln. Jedes Kind erkennt auch sehr schnell, weswegen das so ist. So auch beim Pellerhaus.

    Ein Buchhalter (womit ich nicht den Beruf, sondern die Geisteshaltung meine) erkennt nur, dass der momentane politische Gegner etwas anderes will. Die Stadt als Gesamtkunstwerk sieht er nicht- er sieht nur Parzellen und Parkplätze. Er kann den Wert von Kunst gar nicht einschätzen, da er nur in Kategorien der Nützlichkeit denken kann. Das Maximum an ästhetischem Feinsinn entfaltet sich bei ihm, wenn die Hecke des Nachbarn zu hoch ist. Und in den Händen solcher Menschen liegt die Gestaltungshoheit in ohnehin architektonisch -gelinde gesagt- durchwachsenen Städten. Daher: übergebt die Beurteilung gänzlich den Kunsthistorikern, die in Jahrhunderten denken können und ästhetisch geschult sind, ohne Druck auf sie auszuüben (und nicht den Architekten!) und im nächsten Schritt vielleicht sogar dem Wahlvolk.


    Diese geistige Enge und das miefige Kleinbürgertum, das sich in solchen Debatten zeigt, ist schier unerträglich. Man könnte meinen, beim Pellerhaus handelte es sich um eine Kathedrale unbekannten Ausmaßes, so wie es sich hinzieht. Und mit jedem kleinbürgerlichen „Nein!“ entwertet man ein solches Gebäude. Man macht daraus einen Zankapfel niederster Interessen und ein ‚Haus unter Häusern‘, so dass man am Ende denkt: diese Possen hat das Gebäude nicht verdient- baut einen Betonblock und suhlt euch in diesem Abbild eurer kleinen Seele.

    Dieses politische und sich nun Jahre hinziehende Hickhack ist mittlerweile ermüdend. Der Hof wurde rekonstruiert, der Sockel steht noch und der jetzige Bau stößt auf breite Ablehnung- dennoch entscheidet sich eine kleine Kaste in Hinterzimmern gegen den Wiederaufbau und bringt dünne Scheinargumente, die die Verzögerungstaktik begründen sollen. Ähnlich in Frankfurt mit dem Schauspielhaus. Wieso werden solche Entscheidungen keinem Kunsthistoriker überantwortet, anstatt dass man sie einem Buchhalter und Ex-Kämmerer überlässt? Worin liegt seine Expertise begründet? Er stellte sich zur Wahl als Repräsentant der Mehrheit Nürnbergs auf- darauf beschränkt sich seine gesamte Aufgabe, der er gerecht zu werden hat. Seine ästhetische ‚Meinung‘ ist dagegen vollkommen irrelevant und sollte von kompetenterer Stelle (oder direkt durch eine Volksabstimmung) vorgenommen werden. Es ist letztlich eine Schande, dass man um die Gunst solcher Figuren werben muss, um ihnen etwas Selbstverständliches ‚schmackhaft‘ zu machen.

    Mir gefällt die Maserung und der „dreckige“ Look des Sockels sehr gut. Wobei das vermutlich durch die Foto-Vignette noch zusätzlich unterstrichen wird? Es zeigt, wie sehr ein Gebäude durch Patina gewinnt. Manchmal werden mir die Fassaden in Dresden beinahe zu sehr gepflegt (dahingehend kann ich den -sehr unfairen- „Puppenstuben“-Vorwurf halbwegs verstehen, wenn auch nicht teilen). Ganz extrem war es beim Johanneum, wobei es aufgrund der neuen Bebauung rund herum nachvollziehbar ist. Die Gebäude sind nun verputzt und gestrichen- lasst sie jetzt einfach mal altern.

    Es gibt nicht einmal ein Nietzsche-Museum.. Vor einigen Jahren wurde ein bestehender Brunnen ‚feierlich‘ in „Nietzsche-Brunnen“ umgetauft, that’s it. Ein Nietzsche-Platz ist seit langer Zeit in Planung, aber die Regierung gab vor einigen Jahren an, dass alle weiteren Plätze Frauennamen erhalten werden, weswegen der Plan auf Eis liegt.


    Ja, ist wirklich einiges schief gelaufen... Es gibt an zwei, drei Plätzen noch eine weitestgehend geschlossene Altstadt, aber (fast) überall mit „Brüchen“ versehen. Das Kunstmuseum lohnt sich natürlich auch, sowohl architektonisch als auch von der sehr guten Sammlung her, vor allem was das 19. Jahrhundert und die klassische Moderne betrifft.

    Die festen Grenzen des Stadtkantons sind ein Grund. Ein anderer ist eine maßlose Selbstüberschätzung. Man riss vieles ab, als die Stadt im Wachstum begriffen war und glaubte, man würde Metropole. Mittlerweile kann man aber seit Jahren eine massive Abwanderung beobachten, vor allem aufgrund des Steuerwettbewerbs mit Basel-Land, als auch aufgrund einer rechtsbürgerlichen Politik im Nachbarkanton, die den Mittelstand anzieht. Dennoch lassen sich Abrisse wie die des Theaters oder der alten Post nicht darauf zurückführen. Die Fläche des alten Theaters ist seither unbebaut mit einem Brunnen von Tinguely (der trotz des lukrativen Auftrags gegen einen Abriss war). Man glaubte, dass man mit einem Betonbunker eine Theaterstadt von Weltrang würde. Die alte Post hätte sich wunderbar in einen Neubau integrieren lassen. Die rostende neue Post wird nun wiederum abgerissen und neu bebaut. Vieles hätte sich durch angepasste Aufbauten regeln lassen, zumindest in einer Stadt, die auch nur einen Funken Selbstliebe empfindet.


    Die Vergrößerung der Mustermesse durch die Stümper von Herzog/DeMeuron (die hier unverständlicherweise Narrenfreiheit genießen) erwies sich ebenfalls als kommerzieller Flop. Der Fischmarkt wurde ebenfalls zu großen Teilen zerstört. Die Aeschenvorstadt ist eine Wüste, deren teuren Abriss man durch den Denkmalschutz (tolle 50er und 70er Jahre Architektur) verhindert. Die Straße wurde dort verbreitert- ohne dass es den geringsten städtebaulichen Sinn machte, da der Bürgersteig nun breiter ist als die Straße selbst. Städtebaulich hat man einfach an allen Ecken und Enden gepfuscht.


    Die gründerzeitliche Adler-Apotheke, die ich postete, hätte alle weiteren Unternehmungen, die folgten, problemlos übernehmen können. Und es gibt hunderte ähnlicher Fälle. Das Geburtshaus Arnold Böcklins wurde abgerissen um einer „Migros“ Platz zu machen. Immerhin konnte das Zaha Hadid-Ungetüm per Volksabstimmung verhindert werden (Begründung der Basler, die sich für ihre „Rückständigkeit“ schämten: der Bau sei „unheimlich gut“, aber „zu groß“ für den Platz. Selten tritt drückender Konformismus selbstbewusster und „weltoffener“ auf, als in dieser Stadt...)


    Bern zeigt, wie es geht: die gesamte Innenstadt ist erhalten. Man staunt, wie die Berner es schafften in diese kleinen Häuschen ganze Malls hineinzupferchen. In Basel herrschen seit mindestens den 50er Jahren Ideologen. Erst waren es hornbebrillte Fortschrittsgläubige, heute sind es rot-grüne Internationalisten, die im „internationalen Stil“ (vornehmlich von ihren Hausarchitekten Herzog/DeMeuron) ihre architektonische Entsprechung finden. Mit der Stadt Burckhardts und Nietzsches oder der bürgerlichen Vernunft, die diese Stadt einst auszeichnete, hat dieser Ort nichts mehr zu tun- auch wenn es mit „Kulturstadt Basel“ wirbt. Ein ernüchternder Moment war, als einer der renommiertesten Kunsthistoriker der Stadt mir einst sagte, das Kunstmuseum „müsse abgerissen werden“, weil es ein „Nazi-Bau“ sei. Und der unterrichtet die kommende kulturelle „Elite“ dieser Stadt.


    Nein, diese Stadt hatte zahlreiche Chancen. Und hat so viele verpasst, dass sie die neuen gar nicht mehr wahrnehmen kann...

    Unglaublich. Ich bin ja normalerweise nicht der ‚Schlossgänger‘, da mich die Außenarchitektur mehr interessiert als das Interieur der ehemaligen Herrscher. Aber in diesem Fall ist beides gleichermaßen beeindruckend (letzteres aber zugegeben sogar noch mehr), auch weil man zum ersten Mal am Entstehungsprozess teilhat. Dafür bin ich sehr dankbar. Alleine dieses Video macht große Lust, nur schon die fertigen Tapisserien zu sehen. Plötzlich sind alle Einzelteile wichtig (sogar die kleinsten), die man in Versailles oder Sanssouci -gemeinhin- nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Man kann es mit einem Gedicht vergleichen, in dem jedes Wort zählt.



    Es ist zudem ein großes „jetzt erst recht!“, was letztlich für jeden Menschen einen emotionalen Bezug zulässt- unabhängig vom historischen. Man vergleicht die alten Fotos, staunt über die Perfektion in einer Welt, der man so etwas nicht mehr ansatzweise zutrauen würde. Es sind nicht einfach die Räumlichkeiten Augusts des Starken, bei denen alles zufällig erscheinen würde (er hätte je nach der momentanen Laune auch etwas ganz anderes kreieren lassen können), sondern ein leidenschaftlicher Kampf um die perfekte Umsetzung. Und damit echte Kunst, die letztlich immer von der ‚Illusion’ des Betrachters lebt, auch wenn manche das mit dem Wort „Disneyland“ abwerten möchten (und letztlich alles Schöne, das heute entstehen könnte, damit diskreditieren und im Keim ersticken möchten). Wäre es nicht zerstört gewesen, wäre dieser Zauber und die damit verbundene Überwältigung zu großen Teilen futsch.


    Naja, einige subjektive Eindrücke :-)

    weiter:


    Abriss des St. Johanns-Schwibbogens, 1873



    Zeughaus (1438), 1937 abgerissen



    Birsig in der Steinenvorstadt in den 1930ern. In den 1940ern überwölbt und in den 1960ern zum Parkplatz ausgebaut (= Abriss aller historischen Gebäude, Verbreiterung der Straße)



    Hinterhof der Brodlaube am Markplatz, 1894 abgerissen



    Kornhaus, abgerissen und in denselben Proportionen historisierend wiederaufgebaut...



    Die alte Post, 1975 abgerissen



    Und hier das Stadttheater (leider -noch- nicht koloriert), 1975 gesprengt und durch einen Betonbau ersetzt:



    Basel ist in meinen Augen so ziemlich das schändlichste Beispiel in Europa einer einst schönen Stadt, die ihre Identität und Geschichte ohne Not selbst zerstörte und weiterhin zerstört...

    Mal ein kleiner Stadtrundgang durch Basel, um das Ausmaß der Abrisswut zu zeigen (und das ist nur ein kleiner Teil). Die Aufnahmen wurden von mir koloriert.


    St. Alban Schwibbogen, 1878 abgetragen



    Die neugotische Französische Kirche, 1971 abgerissen



    Aeschenplatz, bis auf das Gebäude rechts (Basler Zeitung) alles abgerissen, natürlich auch alle Straßen in der Umgebung



    Petersberg, ab 1937 komplett abgerissen



    Nochmal Aeschenplatz (andere Seite) Ende 19. Jahrhundert, komplett abgerissen



    Engelgasskapelle, 1970 abgerissen


    Wirtshaus zum Tellsbrunnen, 1906 abgerissen (der Nachfolgebau wurde wiederum abgerissen)



    Zwei Villen an der St. Albananlage, 1948 und 1975 abgerissen



    Adler Apotheke, 1959 abgerissen


    Aber nach reiflicher Überlegung muss ich dennoch sagen: Florian Schmidt ist ein Politiker, mit dem sich dennoch reden lässt und der -zugegeben- kleinere Fehler machte, über die man aber hinwegsehen kann. Der größte Fehler wäre nun, von seinem teils fragwürdigen Verhalten auf die toleranten, weltoffenen und pluralistischen Grünen als Ganzes zu schließen. Würde er tatsächlich verurteilt und seines Amtes enthoben, ginge der Republik ein großer Demokrat verloren. Das wollen wir alle nicht. Das Karstadtgebäude wird sicherlich kommen, auch wenn ein anderer, ebenso kluger und kompromiss- und dialogbereiter Grüner an seine Stelle tritt, von denen es ja zahlreiche in der Berliner Politik gibt. Man sollte wegen solcher Bagatellen nicht übertreiben. So, ich hoffe, dass die Wogen nun etwas geglättet sind.

    Danke für den Artikel. (gekürzt, Mod) Er unterschlägt Akten, um Presse und Opposition zu umgehen. Er stellt seine privaten ideologischen Überzeugungen über rechtsstaatliche und demokratische Prozesse. Er kauft mit Steuergeldern (die er benutzt wie Spielgeld) Immobilien, um sie dem Markt zu entziehen. Dieser Mann, der Deutschland anscheinend mit einer Sowjetrepublik verwechselt, gehört in einem demokratischen Rechtsstaat in keine politisch verantwortungsvollen Ämter.


    (...gekürzt, bitte nicht übertreiben, Moderation).


    Jeder, der noch gutgläubig meinte, dass es auch nur ansatzweise möglich wäre, mit solchen Figuren das Karstadtgebäude (oder überhaupt repräsentative Bauwerke) wiederaufzubauen, sollte diesen Artikel lesen.

    Eine Möglichkeit wäre, alte ungebaute Entwürfe des Bauhauses in Dessau zu bauen. Aber davon, dass Modernisten einen „auf Bauhaus“ machen, halte ich grad mal gar nichts. Mich interessiert die private ‚Interpretation’ dieser Leute nicht. Sie können nichts, was ein Bauhausprofessor konnte, insofern fehlen hier die künstlerischen Voraussetzungen auf ganzer Linie. Entweder richtig oder gar nicht.