Posts by Martintre

    Bei den Versuchen, das Kreuz zu verhindern, muss ich immer an Lukas 19, 38-40 denken:


    38 »Gesegnet sei er, der König, der im Namen des Herrn kommt!« riefen sie. »Frieden bei dem, der im Himmel ist, Ehre dem, der droben in der Höhe wohnt!« 39 Einige Pharisäer aus der Menge erhoben Einspruch. »Meister«, sagten sie zu Jesus, »verbiete es deinen Jüngern, so zu reden!« 40 Doch Jesus gab ihnen zur Antwort: »Ich sage euch: Wenn sie schweigen, werden die Steine schreien!«

    Sie wird ja durchaus gewürdigt, bloß nicht von Dir.

    Guter Punkt - in der Tat hätte ich "Würdigung" definieren müssen!


    Für mich bedeutet "Würdigung" die Einstufung einer Architektur als "erhaltenswert" durch weite Teile einer Gesellschaft.


    Kaum jemand würde heute ein Gebäude wie das Berliner Stadtschloss abreißen wollen. Ähnliches gilt beispielsweise für die weitere westliche Bebauung der Museumsinsel. Dasselbe gilt aber auch für die Oper in Sydney, oder für Bauten im Bauhaus-Stil. die Epoche alleine oder gar die Menge statisch nicht notwendiger Verzierungen ist also kein Kriterium.


    Gebäude werden heute immer dann nicht als erhaltenswert "gewürdigt", wenn es problemlos möglich erscheint, sie ohne Verlust für die Allgemeinheit durch andere Bauten zu ersetzen. Das passiert bei bei Bauten aus der "Neuzeit" nunmal ziemlich oft. Ihre Würdigung dauert oft keine 30 Jahre.


    Regelmäßig müssen derartige Bauwerke weichen, wenn das Nutzungskonzept nicht mehr gilt - man denke nur an das Technische Rathaus in Frankfurt. Ein Neuer Marstall in Berlin bleibt hingegen unangetastet, obwohl die Anzahl der zu versorgenden Regierungs-Pferde mittlerweile stark zurückgegangen ist.


    Natürlich ist all dies immer mit Subjektivität versehen (Wer bestimmt, was "schön" ist? Haben die Leute Unrecht, die das neue Springer-Hochhaus schön finden?), und weder Erhalt noch Abriss erfolgt jemals einstimmig. Und es ist auch gut, dass Liebhaber fast jeder Architektur irgendwo auf ihre Kosten kommen.


    Aber Untersuchungen, vor welchen Gebäuden die meisten Passanten schauend stehenbleiben, und welche Architektur wie häufig fotografiert wird, gäben hier schon klare Anhaltspunkte über das, was Menschen "eher" als schön empfinden.


    Meint ihr nicht auch?

    Ganz so dumm, wie einige hier meinen, sind die Landschaftsarchitekten und Gärtner also nicht.

    Ich habe eher ein Problem mit der gestalterischen Kompetenz gewisser Landschaftsarchitekten - an technische Inkompetenz glaube ich auch nicht.


    Man schaue sich noch einmal den von Maecenas freundlicherweise geteilten Link zum Projekt Troisdorf auf der Homepage von bbz an. Ich habe zuerst gedacht, es handelt sich dabei um ein Bild einer noch zu gestaltenden Fläche. Dies erinnert frappierend an das Layout des Berliner Schloss-Areals VOR Baubeginn, welches treffend als "Zwischennutzung" bezeichnet wurde.


    Ich gehe allerdings fest davon aus, dass dieses Unternehmen gerade wegen seiner Präferenz zur Vermeidung von Architektur von der Stadt Berlin ausgewählt wurde. Das Gesamtbild des Schlosses ergibt sich damit wie folgt:

    - Im Osten wurde Architektur systematisch verhindert. Der "Ostblock" tilgt das Gedenken an den ältesten Teil des Schlosses spurenlos

    - Im Süden wurde der Neptunbrunnen verhindert, und es entsteht eine unstrukturierte Steinwüste

    - Im Westen wird ein modernistisches Wippenkonstrukt von 50(!) Metern Breite vor das Schloss gestellt

    - Im Norden lässt man die Fassade auf über der Hälfte der Gebäudefläche zuwachsen


    Da wäre ich als Rot-Rot-Grüner Senat auch stolz drauf: Die Rekonstruktion konnte man nicht verhindern, aber die Macht über das Umfeld wurde maximal-effizient destruktiv genutzt.


    Wie gut, dass das meiste davon langfristig reversibel ist!

    Aktuell könnte sich der Handwerkermangel ja sogar noch verschärfen, durch die eingeschränkte Freizügigkeit über Grenzen hinweg.


    Gespannt bin ich, wie sich das im Rahmen der vorhergesagten Wirtschaftskrise entwickelt, wenn (zumindest vorübergehend) das Geld für Ausrüstungsinvestitionen fehlt oder wenn Überkapazitäten derartige Investitionen überflüssig machen. Das dürfte definitiv Auswirkungen auf den Auftragsbestand haben.


    Vielleicht normalisieren sich dadurch ja sogar die in den letzten Jahren explodierten Stundensätze im Handwerk...

    Als Kunsthistoriker kenne ich genug Beispiele aus der Kunstgeschichte, wie heute anerkannte Künstler von ihren Zeitgenossen als Nichtskönner verlacht wurden, weil sie nicht dem allgemeinen Geschmack entsprachen.

    Ich bin mir sicher, dass das regelmäßige Bestreben heutiger Architekten, ihren eigenen Fußabdruck zu hinterlassen (sei es durch eine moderne Fassadenseite oder eine "moderne Interpretation" alter Architektur) genau darauf abzielt: Dass spätere Generationen dereinst ihre Genialität erkennen und sie bedauern ob der Anfeindungen seitens architektonischer Banausen, die sie in ihrer Zeit haben ertragen müssen.


    Dasselbe haben sich aber schon die Architekten der 50er-, 60er-, 70er- etc Jahre erhofft, und sie sind fast alle enttäuscht worden. Die weitgehend belanglose Architektur der letzten 75 Jahre wird wohl auch weiterhin vergeblich auf ihre Würdigung warten - eben weil sie so belanglos ist.

    der historische Plan des Aufbaus des Stadtschlosses in Einzelheit auf einen Blick

    Ich finde es bemerkenswert, dass die Form des Schlosses seit dem frühen 18. Jahrhundert als derart "rund" empfunden wurde, dass seitdem niemand (außer Willi Zwo) mehr die Notwendigkeit sah, dem Schloss Elemente späterer Epochen hinzuzufügen.


    Dieselbe Charakterstärke hätte ich mir auch von der heutigen Generation gewünscht. Die maßgeblichen Leute meinten aber leider, die Neuzeit sei derart wichtig, dass für spätere Generationen unbedingt großflächig Architektur aus dieser Zeit hinzugefügt werden müsse.


    Mal sehen, ob die späteren Generationen das genauso sehen werden...

    Heute wurde die Fläche um und zwischen den 13 Bäumen auf der Lustgartenseite wieder mit einem grauen Material belegt und mit einer Walze verdichtet. Weiß jemand was das für ein Material ist? Feiner Steinschotter? Kann da überhaupt genug Wasser für die Bäume durchkommen??

    Ich vermute aufgrund der aufgebrachten Lagen und der Art der Verdichtung, dass es sich um eine sogenannte wassergebundene Wegedecke handelt.


    Eine solche habe ich bei einer eigenen Immobilie für die Befestigung eines Parkplatzes aufbringen lassen. Dieser Belag ist sogar für gelegentliches Befahren fest genug und gleichzeitig hinreichend durchlässig für Niederschlagswasser. Außerdem ist er in verschiedenen Farben verfügbar.

    Die wenigen Fensterachsen, die zur vollständigen Wiederherstellung des Schlüter'schen Gesamtbildes fehlen, sowohl am Eckrondell als auch im Schlüterhof, machen einen großen Unterschied im Gesamteindruck aus.


    Dies gilt aber für beide Sichtweisen: Während die meisten hier im Forum sich über die unharmonischen Übergänge und vergebenen Möglichkeiten beklagen, wissen die "Modernisten" genau, dass die zusätzliche Rekonstruktion der nun fehlenden Meter die modernen Teile marginalisiert hätten: Anstelle vollständiger Fronten, wie wir sie heute sehen, hätten sie sonst als moderne Aufsätze auf eine grundsätzlich historische Architektur gewirkt.


    Ein entsprechend abweichender Entwurf von Stella wäre daher wohl (leider) durchgefallen.


    Sollte es aber eines schönen Tages die Möglichkeit geben, für eine (vom Grundriss her mögliche!) Korrektur zu spenden, würde ich wohl persönlich vorbeikommen und eine Betonsäge beisteuern.

    Riegel: Dein Post #11380 hat mich zweifach beeindruckt! Sowohl wegen deiner perfekten Fotomontage, als auch für dein architektonisches Gefühl.


    Genauso hätte ich mir einen Kompromiss gewünscht.


    Der moderne Ostblock würde in dieser Variante das zierliche Rondell nicht so erdrücken wie eine moderne S-Klasse einen daneben stehenden 300 SL.


    Andererseits wäre es im Sinne der Modernisten gelungen "die barocke Idee einer Vierflügelanlage modern weiterzudenken", wie Seinsheim es formuliert hatte. Um es auf den Gipfel zu treiben: Diese Lösung könnte sogar Gnade vor den Augen von Rastrelli finden.

    (...) Die Ostfassade wird langsam zur Klagemauer.(...)

    Ganz ehrlich? Die Idee gefällt mir! Warum soll man nicht diese Fassade propagieren als das Symbol einer modischen Architektur, die keinerlei gestalterische Elemente beizusteuern hat, aber überall präsent sein will?


    So könnte das auch in intelligentere Stadtführer aufgenommen werden:


    Besucht dieses Mahnmal! Haltet ein, werdet still und vergleicht - Ursprung und Ersatz, alt und neu, kreativ und fade. Reflektiert, wieviele "moderne" Architekturen seit dem Bauhaus gekommen und wieder gegangen sind. Allesamt werden sie im Nachhinein als hässliche Auswüchse ihrer Zeit gesehen.


    Und danach umrundet das Schloss, um zu sehen, dass zeitlose Schönheit in der Architektur tatsächlich möglich ist. Freut euch, dass auch heute noch auf diese Art gebaut werden kann. Und dann geht mit offenen Augen durch diese geschundene Stadt und entdeckt die Möglichkeiten...

    Ja, lieber @newly, genauso werde ich es dereinst meinen Enkeln erzählen.


    Wenn ich ihnen anstelle dessen die Wahrheit erzählen würde:


    „Jemand beschloss, ein wunderschönes Schloss abzureißen, damit dort anstelle des Schlosses ein großes Nichts entsteht. Später stellte man dort einen Kasten mit bronzefarbenen Fenstern hin, um den Schlosszerstörer und seine Nachfolger zu feiern. Als viele Jahrzehnte später das Schloss wiederaufgebaut werden sollte, kämpften einige der Nachfahren des Schlosszerstörers darum, möglichst wenig von dem schönen Schloss wiederherzustellen. Deshalb wurde dann ein Großteil entweder weggelassen oder in Architektur-freier Kastenform gebaut.“


    Dann würden meine Enkel zu mir sagen „Mensch, Opa, du erzählst wieder Märchen! So einen Quatsch würde doch niemand in Echt machen!“


    Deshalb werde ich ihnen lieber das obige Märchen erzählen. Es klingt einfach nachvollziehbarer.

    Im Gegensatz zu der üblichen, von Gesichts- und Einfallslosigkeit gekennzeichneten Großarchitektur des 21. Jahrhunderts kann man beim Springer-Bau in jedem Fall noch nicht sagen, wie man in 30 Jahren darüber denken wird. Der Wiedererkennungswert ist in jedem Fall schon einmal sehr hoch.


    In ferner Zukunft wird dieses Gebäude wahrscheinlich entweder als richtungsweisend gelten oder als verzweifelter Versuch, "hautpsache anders" zu sein. Oder beides, wie bei der automobilen Scheußlichkeit Citroën DS...