Posts by Martintre

    So sehr ein überzeugter Christ wie ich es auch bedauern mag: Die Argumentation "Mit dem rekonstruierten Kirchenschiff hätten wir Platz für 3000 zusätzliche Christen" ist in diesem Zusammenhang leider nicht förderlich.


    Aus meiner Sicht sieht das so aus: Man gewinnt Menschen für ein Leben mit Gott, wenn man ihnen vermittelt, wie wichtig die christliche Botschaft für sie ist. Jemand, der Christ wird, weil er dann in einer wunderschönen, rekonstruierten Kirche Gottesdienst feiern kann, sollte seine Motive hinterfragen.


    Deswegen möchte ich trotz meiner christlichen Überzeugung bei der Garnisonkirche primär mit architektonischen und städtebaulichen Argumenten für das Kirchenschiff werben. Mit genau diesen Argumenten lassen sich auch die sachfremden Argumente der Gegner am besten entlarven.

    He0a094abb6eca8b34b85a36e2d248555?

    Heute in der FAZ ein sehr überzeugender Artikel zum Thema Ethnische Museen:

    In der Tat eine sehr interessante Perspektive!


    Die Idee des "kulturellen Wissens", das die materiellen Exponate überlebt, kennt man allerdings auch in Europa, mit seiner Jahrhunderte alten Museumskultur:


    Wenn bei Ausgrabungen mehrere geschichtliche Epochen übereinander vorgefunden werden, kann man rein technisch nicht alle bewahren. Da muss oft die Dokumentation reichen, bevor ein historisches Ensemble für immer verschwindet, um die nächstältere Ebene freizulegen. Gleiches gilt auch bei den archäologischen Grabungen im Vorfeld von öffentlichen Bauten oder Verkehrswegen. Selbst der Schlosskeller unter dem Berliner Schloss konnte nicht vollständig erhalten werden.


    Überall hier ersetzt das "kulturelle Wissen" die nicht zu rettende historische Architektur. In unserer Zeit glücklicherweise mit aktiver Unterstützung digitaler Dokumentationsmöglichkeiten.

    Da es hier ja schon nur so wimmelt von vielfältigen Ansichten:


    Für mich hat dieses Gebäude etwas mit Schinkels Bauakademie gemein: Es zeigt, dass es tatsächlich eine Brücke gibt zwischen den historischen Baustilen (Romanik, Gotik, Renaissance, Barock, Rokoko, Klassizismus sowie deren Wiedergeburten im 19. Jahrhundert) und den modernistischen, vom Bauhaus-Stil eingeleiteten und optisch überaus nüchternen Baustilen.


    Dies sehe ich auch als Chance für heutige Architekten: Es gibt tatsächlich attraktive Optionen zwischen aufwändiger, als Neubau nur schwer vermittelbarer historischer Architektur einerseits und modernistischem, zierlosen Kastendesign andererseits.

    Hallo eryngium , zumindest ich würde niemanden für seinen Geschmack steinigen (außer vielleicht Leute, die Crocs anstelle von Schuhen tragen :wink:). Bei mir Zuhause geht es auch vorwiegend modern zu, mit viel Fliesen, Edelstahl und Glas. Allerdings würde ich mir nie erdreisten, einen anderen Stil besiegen und durch meinen eigenen ersticken zu wollen.


    In diesem Sinne kann Herr Chipperfield meinetwegen gerne irgendwo auf der grünen Wiese seine Kunstwerke verwirklichen. Aber sich ein bestehendes Gebäude mit einer existierenden Architektur herzunehmen und diesem seine eigenen Vorstellungen aufzudrücken zeugt meines Erachtens von geschichtsvergessener Respektlosigkeit und Arroganz.


    Schließlich sind derartige historische Gebäude nicht an unzulänglicher Architektur zugrunde gegangen, sondern durch äußere Einwirkung. Eine derartige unverschuldete Schwächung zu missbrauchen, um auf fremdem Terrain seinen eigenen Ideale zu verwirklichen: Ich finde, so etwas gehört sich nicht.

    Einerseits halte ich die Tatsache, dass der Brunnen schon länger vor dem Roten Rathaus steht als er vor dem Schloss stand, hier für nicht wirklich relevant. Bei Beutekunst (oder Diebesgut im Allgemeinen) spielt es ja auch keine Rolle, ob der Dieb schon länger im Besitz der Sache ist als es der rechtmäßige Eigentümer zuvor war.


    Andererseits sehe ich es ebenfalls als eine Selbstverständlichkeit, dass ein umsetzbares Konzept für den heutigen Brunnenstandort fester Bestandteil eines jeden Vorschlags sein muss. Die Diskussion darf nicht zersplittert werden und muss zu einer ganzheitlichen Lösung für Berlin führen. (Deswegen gibt es ja auch einen Berliner Bausenator und nicht einen Schlossplatz-Bausenator.)

    (...) dass derlei Angriffe von linksaußen gerne als "in der Sache nachvollziehbar" relativiert werden. (...)

    Das, denke ich, ist derzeit das Hauptproblem. Wenn wir als Gesellschaft uns darauf einigen könnten, dass Hass niemals gerechtfertigt ist, und dass eben der Zweck nicht die Mittel heiligt (selbst wenn man noch so sehr von der Richtigkeit der eigenen Ansichten überzeugt ist), könnten wir uns sogar mit kontroversen Themen sachlich auseinandersetzen.


    Auf diesem Wege könnte man dann vielleicht auch Kapitalismuskritik von Architekturkritik entkoppeln und separat diskutieren.

    Auch der Neptunbrunnen stand ja nie als Solitär an seinem alten Standort. Er war, eingerahmt in weitere Flächen, das Zentrum eines geschäftigen Platzes.


    Warum sollte man nicht die positiven Aspekte von damals (abwechslungsreicher Platz mit dem Neptunbrunnen als Zentrum) und heute (Autoverkehr auf Abstand vom Schloss) kombinieren?


    Die Aufenthaltsqualität würde noch einmal deutlich zunehmen, und den Blick von der Breiten Straße auf die Schlossfassade würde es ebenfalls aufwerten.

    Wenn man auf teilsanierte Geisterbahnhöfe steht, kann man dem Großen Treppenhaus sicherlich etwas abgewinnen.


    Aber darum geht es wohl nicht. Vielmehr scheinen die drei Leitsätze moderner Kunst auch für moderne Architektur zu gelten:

    1. Je weniger Menschen seine Architektur verstehen, umso erhabener fühlt sich der Architekt gegenüber dem gewöhnlichen Volk.
    2. Je mehr Menschen über die Architektur den Kopf schütteln, umso besser wurde das Hauptziel der Provokation erreicht.
    3. Schönheit ist nachrangig.

    Wenn ich durch Berlin, Budapest, Wien oder Paris gehe und mir ein Gebäude architektonisch auffällt, dann hängt mein ästhetisches Urteil nicht davon ab, ob es sich um einen Nachbau oder ein historisches Original handelt. Es hängt auch nicht davon ab, welche guten oder schlechten Menschen dieses Gebäude gebaut, heute nutzen oder historisch genutzt haben. Ich schaue auf historische Zitate, auf Proportionen, auf gegebenenfalls verwendete Allegorien oder auf die städtebauliche Wirkung.


    Ich unterscheide also zwischen dorischen, ionischen und korinthischen Säulenkapitellen, aber nicht zwischen historisch belasteten und ethisch hochstehenden Säulenkapitellen. Mein Credo: Der Stein kann nichts dafür.


    Von daher habe ich für architekturfremdes Interpretiergehabe à la Klaus Lederers "eklatantem Widerspruch zwischen der baulichen Hülle und dem inhaltlichen Anspruch" nur sehr begrenzt Verständnis.

    Wie stehen denn die Chancen für eine Rückversetzung des Neptunbrunnens unter Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt? Sie hat ja in ihrer Vergangenheit durchaus Wertschätzung für, sagen wir mal, architektonische Elemente vor-modernistischer Epochen erkennen lassen. Sind Aussagen von ihr zur Rückführung des Neptunbrunnens bekannt?


    Natürlich müsste Frau Kahlfeldt bei rekonstruktiven Plänen dieser Art mit heftigem Gegenwind rechnen. Die Angriffe gegen sie aus der etablierten Architektenschaft ließen ja nicht lange auf sich warten. Allerdings kommen diese fast einem Ritterschlag gleich: Da man ihr weder die Qualifikation als Architektin noch Erfahrung in der Gremienarbeit absprechen konnte, musste sich die Kritik auf das Berufungsverfahren fokussieren.


    Außerdem müsste Frau Kahlfeldt die aktuellen politischen Mehrheitsverhältnisse Berlins berücksichtigen. Sie könnte eventuell einen Umzug des Neptunbrunnens vor das Schloss in ein Ausgleichsangebot verpacken, bei dem beispielsweise am aktuellen Standort des Neptunbrunnens ein modern gestalteter Brunnen unter einem Zeitgeist-kompatiblen Motto entstehen würde.


    Naheliegendes Rezept: "Brunnen der [Kapitelüberschrift aus dem Berliner Koalitionsvertrag]".


    Wenn man thematisch innerhalb des Bausenats bleibt, böte sich konkret an: "Brunnen der 20.000 neuen Wohnungen". (Das konnte ich mir einfach nicht verkneifen floet:))

    Ja, bei einigen Begriffen kann man differenzierter wählen. Die Medien waren in Deutschland von 1933 bis 1945 und nochmal in Ostdeutschland bis 1989 seitens des Staates "gleichgeschaltet". Das ist etwas anderes als der selbstgewählte Erziehungsauftrag, der bei einem Großteil der heutigen Medien den Informationsauftrag ersetzt hat.


    Mod: entfernt wegen (hier)


    Und seriöse Mitforisten indirekt am "politischen Rand" zu verorten halte ich ebenfalls nicht für mit den Grundsätzen von Stadtbild Deutschland vereinbar.

    Wäre es nicht schön, wenn moderne Architekten sich nicht dienstbeflissen über das eigene Design definieren würden, sondern vielmehr über ihre Fähigkeiten in der Statik, der verwendeten Baustoffe, der Isolierung, des nachhaltigen Bauens und ähnlicher funktionaler Fortschritte?


    Dann könnten sie neidlos anerkennen, dass frühere Architekten ihr Handwerk verstanden, und es gäbe keine Notwendigkeit eines Wettbewerbes auf dem Gebiet der Ästhetik.


    Wenn ich mir beispielsweise vergegenwärtige, wie moderne Technik die Frauenkirche in Dresden um so viel stabiler hat werden lassen als das Bähr'sche Original, dann frage ich mich, ob das nicht die wahre Win-Win-Situation wäre: Sich ergänzende moderne (technische) und traditionelle (ästhetische) Aspekte von Architektur.

    Eigentlich gibt es schon einige Jahre einen richtigen Kompromiss.

    Lieber Rastrelli, Herr Herrmann hat's gemerkt: Ich hatte bewusst einen guten Kompromiss vorgeschlagen, den es schon längst gibt.


    Dies zeigt, dass es hier nicht an Ideen für eine faire Lösung mangelt, sondern an der Kompromissbereitschaft einer Minderheit.

    Die aktuelle Diskussion um die Garnisonkirche zeigt meines Erachtens anschaulich, dass es nicht nur auf das Finden eines Kompromisses ankommt, sondern auch um die Qualität eines solchen Kompromisses.


    Wenn ich bei meinem Auto zwischen Sommer- und Winterreifen schwanke, ist es ein ziemlich dämlicher (und dazu illegaler) Kompromiss, stets links zwei Sommerreifen und rechts zwei Winterreifen zu montieren. Im Sommer auf Sommerreifen und im Winter auf Winterreifen zu fahren wird hingegen den Herausforderungen beider Jahreszeiten gerecht.


    Genauso halte ich den aktuellen "Kompromiss"-Vorschlag, zwei unversöhnliche Richtungen auf einem Grundstück mischen zu wollen, für nicht besonders klug. Hingegen wäre eine vollständig rekonstruierte Garnisonkirche hier und eine finanziell geförderte Heimstatt für Künstler an anderer Stelle durchaus ausgewogen und unter zivilisierten Menschen deutlich konfliktfreier.


    Vielleicht kann man ja außerdem noch einen Gedenkort schaffen für das, was in Potsdam unter den besonderen Bedingungen des real existierenden Sozialismus künstlerisch geleistet wurde. Dazu zähle ich ausdrücklich das 1972er Mosaik "Der Mensch bezwingt den Kosmos" von Fritz Eisel.

    Ja, Rastrelli, diese Diskussion ist mittlerweile ziemlich Off-Topic. Ich möchte aber zum Verstehen einer Situation beitragen, in der das im Kern objektiv positive Christentum in einer extremen Form angegriffen wird, bei der selbst originale Rekonstruktionen von Gebäuden nicht mehr toleriert werden.


    Die andere Frage ist, wer das "Copyright" für die Definition der christlichen Lehre hat. Natürlich darf jeder Mensch und auch jede Kirche eine neue Religion begründen. Eine bestehende (in der Bibel beschriebene) Religion nach eigenem Gusto anzupassen, dann aber zu behaupten, man spreche für das Original, welches man "weiterentwickelt" habe, ist jedoch nur schwer zu rechtfertigen.

    Lieber tegula, danke für die Bereicherung der Diskussion durch zusätzliche Quellen. In der Tat zeichnet sich die islamische Lehre in ihren Schriften durch Widersprüchlichkeit aus.


    Viele Imame lösen dies auf, indem sie bei Widersprüchen den jüngeren Aussagen den Vorrang einräumen - dies nennt sich "Substitution". In diesem Zusammenhang wird Allah in den Hadithen zitiert mit den Worten "None of Our Revelations do We abrogate or cause to be forgotten but We substitute something better or similar."


    Das gilt beispielsweise für die Gebetsrichtung, die ursprünglich in Richtung Jerusalem zu wählen war (als Mohammed sich noch um die Juden und Christen bemüht hatte) und in späteren Texten in Richtung Mekka: Letzteres ist bis heute gültig.


    In diesem Kontext dürfen die Aussagen über die Christen in der maßgeblichen muslimischen Literatur gesehen werden: Ursprünglich waren sie positiv, später jedoch negativ - bis hin zur Aufforderung am Muslime, Christen und Juden zu töten, wo immer man sie findet. (Wenn man diese Aussage "schon" in der 2. Sure findet, heißt das nicht, dass sie alt ist: Die Suren sind nicht nach Alter sortiert, sondern weitgehend nach ihrer Länge.)

    Liebe newly und tegula, ich glaube, wir definieren "Christen" anders. Für mich sind das Menschen, die die Bibel als Richtschnur betrachten. Christen dieser Definition begreifen, dass sie sich selbst nicht retten können, indem sie "so gut wie möglich" sind, sondern auf die Vergebung ihrer Sünden angewiesen sind.


    Damit sehe ich einen klaren Unterschied zwischen Christen, die sich an der Bibel orientieren und Kirchenmitgliedern, die sich allgemein an "christlichen" Grundsätzen orientieren. Der Kalauer ist alt, aber deutlich: In der Kirche zu sein macht einen genauso wenig zu einem Christen, wie es einem zu einem Auto macht, in einer Garage zu stehen.


    Natürlich haben die heutigen Gutmenschen nichts gegen "Kirchenchristen" à la Katrin Göring-Eckard. Wenn sich aber jemand auf die Bibel beruft, oder sogar Bibelsprüche am Berliner Schloss rekonstruiert, wird deutlich, wie wenig weit die Toleranz dieser Menschen reicht.


    Der Islam hat übrigens eine besonders perfide Art gewählt, um Jesus zu diskreditieren. Als Mohammed seinerzeit merkte, dass die Christen nicht bereit waren, den Sohn Gottes zu einem der vielen Propheten degradieren zu lassen, hat er sehr schnell klargestellt, dass Christen neben den Juden als Hauptfeinde des Islam mit allen Mitteln zu verfolgen seien. Das muss man einfach mal selbst im Koran und in den Hadithen nachgelesen haben.