Posts by Leonhard

    Danke eryngium für den sehr interessanten Beitrag zur Produktion der Stoffe!


    Vielleicht kann mal jemand etwas zur Wandbespannung der Münchner "Reichen Zimmer" als weiteres Raumkunstwerk auf Augenhöhe im Vergleich erläutern ??? Würde mich sehr interessieren...
    Kriegsbedingt sind die Wandbespannungen in München auch rekonstruiert...

    Die Wandbespannungen der Reichen Zimmer in der Münchner Residenz sind zu einem großen Teil ziselierte Genueser Samtstoffe, die nicht so extrem aufwändig und teuer sind wie die von Dir beschriebenen Dresdener Brokatstoffe und deren Wiederherstellung in der Wiederaufbauphase der Münchner Residenz dementsprechend kein großes Problem darstellten.
    Allerdings gibt es im Inneren Audienzzimmer (Raum 57) und im Paradeschlafzimmer (Raum 60) der Reichen Zimmer auch anspruchsvollere Brokatstoffe, die vor den Bombardierungen abgenommen und in Sicherheit gebracht worden waren, zusammen mit den meisten geschnitzten Wandvertäfelungen, den Flügeltüren, den Gemälden, allen Möbeln und sonstigen mobilen Ausstattungsgegenständen. Die heute in diesen beiden Räumen zu sehenden Brokatstoffe sind also meines Wissens original, nicht rekonstruiert! Es gibt allerdings sehr wenige veröffentlichte Quellen hierzu, die meisten Texte zum Wiederaufbau der Reichen Zimmer behandeln die extrem schwierige und anspruchsvolle Rekonstruktion des Deckenstucks und der nicht gesicherten und zerstörten Schnitzereien im Miniaturenkabinett und im Konferenzzimmer, die aus Zeitmangel nicht mehr ausgebaut werden konnten.
    (Quellen: Kurt Faltlhauser (Hrsg.): Die Münchner Residenz: Geschichte – Zerstörung – Wiederaufbau, München 2006;
    Hermann Neumann: Der Wiederaufbau der Münchner Residenz nach dem Zweiten Weltkrieg und die Tradierung des Stuckhandwerks - ICOMOS – Hefte des Deutschen Nationalkomitees, 2015)


    Hier ein Foto des Paradeschlafzimmers der Reichen Zimmer mit den schweren Brokatstoffen am und um das Bett herum:



    Von den ziselierten Samtstoffen der anderen Räume der Reichen Zimmer hab ich im Moment keine adäquaten Fotos parat, bei Interesse kann ich aber welche machen und nachliefern.


    Das Hauptaugenmerk bei der Gestaltung der Reichen Zimmer lag allerdings nicht bei den Wandbespannungen, die größtenteils nur als Hintergrund dienen, sondern bei den unglaublich feingliedrigen und fantasiereichen Stuckaturen und Holzvertäfelungen, welche die ganzen Räume überdecken und im Sinne des Rokoko die Auflösung des Raumes, d.h. der tektonischen Hülle, anstreben (die Reichen Zimmer stammen aus den 1730er Jahren, sind also ein paar Jahre später entstanden als die Dresdner Paraderäume). Die beabsichtigte Wirkung, die Stilstufe und die verwendeten Materialien sind also größtenteils andere, von daher kann man beide Enfiladen nicht ganz miteinander vergleichen.
    Ich bin allerdings nicht unbedingt der Meinung, dass die sicherlich sehr teure und aufwändige Dresdner Lösung mit Brokatstoffen deswegen unbedingt an der Spitze der barocken Raumausstattungskunst stehen muss; es kommt im Endeffekt immer auf die Kunstfertigkeit an, mit der die Materialien bearbeitet werden und die künstlerischen Resultate, die damit erzielt werden. Insofern stehen Räume in anderen Schlössern, deren Materialien vielleicht etwas "billiger" waren, keineswegs den Dresdner Räumen nach, man denke neben den Stuckaturen and Schnitzereien der Reichen Zimmer oder der Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark beispielsweise auch an die filigranen Scagliola-Arbeiten in einigen Renaissance-Räumen der Münchner Residenz (vor allem Reiche Kapelle und Antiquarium) oder an die fantastischen Hinterglasmalereien im Spiegelkabinett der Residenz Würzburg, die alle von den reinen Materialkosten möglicherweise unter den Kosten der Dresdner Paraderäume lagen, aber deshalb vom künstlerischen Standpunkt her keinesfalls weniger wertvoll sind.


    Bzgl. der "Enttäuschung" einiger Besucher der rekonstruierten Dresdner Paraderäume und der mangelnden Wertschätzung der aufwändigen Stoffarbeiten:
    vielleicht hat sich die Dresdner Schlossverwaltung nicht unbedingt einen Gefallen damit getan, die rekonstruierten Paraderäume mit allzu überschwänglichen Attributen zu bewerben und so bei einigen Besuchern die Erwartung zu wecken, nun die opulentesten und prächtigsten Schlossräume der Welt erblicken zu können; Vergleiche mit Versailles u.ä. waren diesbezüglich sicherlich nicht besonders hilfreich. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, explizit darauf hinzuweisen, was in diesen Räumen wirklich in außergewöhnlicher und unübertroffener Qualität zu besichtigen ist: die Stoffarbeiten der Wandbespannungen und des Paradebettes. Der gemeine Besucher hat sich aber wahrscheinlich mehr Prunk und Glitzer erwartet und ist nicht gebildet genug, die feine und diffizile Qualität der Brokatstoffe zu erkennen und zu schätzen. Vielleicht kann in Zukunft noch mehr auf diese besondere und wirklich außergewöhnliche Qualität hingewiesen werden.


    Zumindest in Deutschland wohl einzigartige ORIGINALE Wandbespannungen aus etwa gleicher Entstehungszeit wie in Dresden finden sich in der Rastatter Residenz.

    Im Neuen Schloss Schleißheim bei München gibt es auch noch das originale Paradeschlafzimmer von Kurfürst Max Emanuel, mit vollständig erhaltenem Bett und Wandbespannungen von ca. 1720 (beides wird zur Zeit restauriert, siehe hier):



    (Quelle: Wikimedia Commons; Autor: Rufus46, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported)

    Zuerst einmal freue ich mich sehr über die Rekonstruktion des Kronleuchters und finde den Probearm auch sehr gelungen!


    Aber es stellt sich mir doch eine Frage: warum kostet das Teil so viel? 250.000 € für einen sechsarmigen Leuchter??
    Ich kann mir zwar durchaus vorstellen, dass das eine außergewöhnlich schwierige Anfertigung ist und es nur wenige Spezialisten gibt, die so etwas können. Aber da ja wohl anzunehmen ist, dass die reinen Materialkosten sich bei dem Luster ziemlich in Grenzen halten dürften, bilden das Gros der Kosten wahrscheinlich die Honorare der Kunsthandwerker. Wie viele Leute sind da beteiligt und wieviel verlangen die an Stundenlohn?


    Ich habe einen ähnlichen Fall mitbekommen, bei dem ich auch nicht kapiere, warum das so viel gekostet hat: im Grottenhof der Münchner Residenz wurden vor kurzem zwei stark verwitterte Malereien aus der Renaissance restauriert (rechts vom Muschelbrunnen) und diese Restaurierung hat ebenfalls fast 200.000 € gekostet. Ich weiß das, weil ich Mitglied bei den Freunden der Münchner Residenz bin, die diese Restaurierung bezahlt haben. Unser Vorstand konnte (oder wollte) mir aber auch nicht genauer erklären, warum das so teuer war. Wie gesagt, ich bin mir sicher, dass dies sehr schwierige Arbeiten sind und schätze die Leistungen der beteiligten Künstler natürlich sehr, aber die Gesamtkosten scheinen mir nicht erklärbar. Wenn solche Arbeiten schon immer so teuer gewesen wären, wäre nie etwas wie die Residenzen in Würzburg oder München entstanden.
    Was übersehe ich dabei? Wie rechtfertigen sich solche exorbitanten Kosten?

    Danke für die Information, das wusste ich nicht! Dieser Umbau ist anscheinend nicht an die große Glocke gehängt worden (hihi ;) ), deswegen hat es wahrscheinlich auch bisher keinen Protest gegeben. Ich verstehe allerdings nicht ganz, was dort genau gemacht werden soll, aus den verfügbaren Informationen werd ich nicht ganz schlau.
    Wenn der erstplatzierte Entwurf von Lederer, Ragnarsdóttir und Oei zur Ausführung kommt, dann sollen als den großen Hauptraum betreffend anscheinend die seitlichen Kirchenbänke entfernt und der darunter liegende Holzboden durch Terrazzo ersetzt werden, im hinteren Bereich eine Holzdecke entfernt und durch Akustikputz ersetzt werden, die zentralen Sitzbänke gekürzt, einzelne Türen ersetzt bzw. "reaktiviert" werden (heißt das, dass an den Stellen bislang geschlossen war?), die alten Seiteneingänge ebenfalls reaktiviert, ein mobiler Altar in die Mitte gestellt, drei Kronleuchter sowie vor allem Akustikpanels in der Vierung aufgehängt werden.
    Pläne hier: https://www.competitionline.co…628b63d1d8ab106e3a6_1.jpg
    https://www.competitionline.co…0a244e305518ab618bc_1.jpg


    Der Vorplatz vor einem der Seiteneingänge soll anscheinend auch umgestaltet werden, es sind z.B. so komische Treppenabgänge sichtbar, aber ich kapier das Projekt nicht ganz genau:
    https://www.competitionline.co…427d42ec0cc7e91b3cf_1.jpg


    Die anderen Zeichnungen sind total kindisch und nichtssagend; wie man mit so einem Präsentationsmaterial eine Ausschreibung gewinnen kann, ist mir schleierhaft.


    Ansonsten soll die Kirche innen restauriert werden und die restliche Originalausstattung drin bleiben, was ja schon mal etwas beruhigend ist. Die in der Luft hängenden Akustikelemente stelle ich mir aber total schlimm vor (die "Kronleuchter" wahrscheinlich auch...), sowas sollte in einer historischen Kirche tabu sein. Das ganze erweckt den Eindruck, dass die Kirche in Zukunft mehr als "Eventraum" dienen soll - ach ja, ich hab oben vergessen zu schreiben, dass in einem Seitenraum eine "Kitchenette", also eine Miniküche eingebaut werden soll. Als Katholik denke ich mir da schon, dass das mal wieder typisch protestantisch-progressiv ist, wie die mit ihren Kirchen umspringen...
    Eine Sache muss man allerdings zugeben: die Kirche hat eine miserable Akustik, ich war dort schon öfter in Konzerten und es ist wirklich ein einziger Brei. Aber für den Gottesdienst hat es bisher auch immer funktioniert, das ist kein Grund, deswegen Akustiksegel aufzuhängen wie in einem Konzertsaal!


    Ich werde mal versuchen, im Pfarrbüro etwas mehr über den bisher sehr obskuren Umbau herauszufinden.

    Soweit ich gesehen habe, steht im Artikel auch gar nichts von einer Bürgerbeteiligung in Sachen Architektur, da scheint es eher um strukturelle Seiten der Stadtplanung zu gehen und wie man das große Wachstum der Stadt in den Griff kriegt. Wenn man wie angedacht die Innenstadt autofreier gestaltet und das Problem der Wohnungsknappheit und -preise löst, sind das doch schon mal positive Ansätze. Eine Bürgerbeteiligung bzgl. Stadtbildgestaltung wäre natürlich eine feine Sache, aber das ist mit Frau Merk schwierig...

    Danke, sehr interessant! Trotzdem bleibt abzuwarten, ob der Feinschliff schließlich auch einmal in einwandfreier Qualität automatisiert werden kann... wenn ich höre, dass der Steinmetzbetrieb 2 Jahre am Portal des Berliner Schlosses gearbeitet hat, dann gibt's da in Sachen Automatisierung anscheinend noch viel zu tun.

    Diese früheren Diskussionen scheine ich nicht mitbekommen zu haben... hast du Links oder Beispiele für automatisierte Produktionsprozesse von solchen Architekturelementen wie sie in den obigen Fotos zu sehen sind, d.h. Fensterverdachungen, Brüstungen, Kapitelle, Flächenornamente, Pilaster, Gesimse, Attiken oder ganze Kuppeln? Und das aus Naturstein? Gibt es so etwas wirklich schon?

    Meines Erachtens würde es schon genügen, wenn knapp ein Dutzend der Prunkpaläste als Leitbauten an ausgewählten Orten wiederkommt.

    Was meinst du, was das kosten würde... komplizierte Steinmetzarbeiten wie auf den obigen Budapester Beispielen wären heutzutage unbezahlbar, abgesehen von der Frage, ob das heute überhaupt noch jemand in dieser Größenordnung und Qualität kann.


    Wikimedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Autor: Yelkrokoyade


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    Ich denke, Historismus- und Eklektizismusfans dürften hier Schnappatmung bekommen :D

    Als Beispiel für den monumentalen, eklektizistischen und teilweise überdrehten Prunk Budapests hier ein paar Fotos eines einzigen Platzes (!), dem Ferenciek tere. Plätze wie diesen gibt es öfters in der Stadt...



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    Dein Vergleich mit Berlin ist absolut richtig, Budapest und Berlin haben in architektonischer Hinsicht einige Parallelen. Berlin wurde für Budapest nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich von 1867, der zu einer partiellen Unabhängigkeit Ungarns von Österreich geführt hatte, neuer kultureller Orientierungspunkt, womit man sich weiter von Wien und Österreich zu emanzipieren trachtete. Der Bau der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in Budapest nach Plänen von Stüler hatte zudem das Interesse junger ungarischer Architekten geweckt, die daraufhin an die Berliner Bauakademie gingen, an der führende Vertreter der Neorenaissance unterrichteten. Durch diese ungarischen Architekturstudenten gelangte schließlich die Berliner Neorenaissance nach Budapest und wurde dort der bevorzugte Baustil. Diese architektonische Verbindung zwischen Berlin und Budapest begann in den 1860er Jahren und hielt mehrere Jahrzehnte an.
    Der Ausgangspunkt beider Städte im letzten Drittel des 19. Jhd's war außerdem sehr ähnlich: beide wurden Hauptstädte neuer Reiche und sahen so die Notwendigkeit, sich eine repräsentative architektonische Erscheinungsform zu geben und beide - jetzt werden mich die Berliner Mitforisten gleich kreuzigen - besaßen im Vergleich zu anderen großen europäischen Städten keine historisch gewachsene und bedeutende Altstadt, auf der sie hätten aufbauen und die ihnen einen stilistischen Rahmen hätte geben können. So wurde dieser Mangel durch einen unvorstellbaren Bauboom in kürzester Zeit mit möglichst monumentaler und prachtvoller Architektur behoben, der diese beiden Städte zu Weltstädten erheben sollte.
    Die Geschichte wollte es leider so, dass davon im heutigen Berlin fast nichts mehr zu sehen ist, aber in gewisser Weise dient somit Budapest heute als lebender Zeuge für das Berlin des späten 19. Jhd's.

    Sehr schöne Nachricht! Ich war vor einer Woche ein paar Tage in Budapest und da ist mir dieser riesige, aber inzwischen sehr stark "patinierte" Bau auch aufgefallen... überhaupt gibt es in Budapest eine Menge an Historismus-Gebäuden, die eine für deutsche Augen geradezu unglaubliche Patina besitzen! Man denkt teilweise, dass die Häuser viel älter sein müssen, als sie in Realität sind, viele Neorenaissance-Bauten in Budapest sehen älter aus als echte 500-jährige Renaissance-Paläste in Rom oder Florenz... einige Fassaden sind nicht nur dunkelgrau bis schwarz, es bröckelt auch quadratmeterweise der Putz herunter und es fehlen sogar ganze Fassadenelemente wie Fensterüberdachungen, Gesimse, Pilaster etc... einige dieser Zustände kann ich mir eigentlich nur dadurch erklären, dass Kriegs- und Revolutionsschäden nicht behoben wurden. Auch wenn man in die Innenhöfe und Stiegenhäuser hineingeht, findet man mitunter unvorstellbare Zustände... es schaut teilweise aus, als ob der Krieg erst gestern zu Ende gegangen wäre. Ich finde das absolut faszinierend, es trägt wesentlich zur Atmosphäre Budapests bei, auch wenn es teilweise natürlich zu viel des Guten, d.h. der Patina, ist. Aber das kulturelle "Problem" der Stadt, so wie ich es sehe, ist ja, dass die Stadt als ganze wenig Geschichte hat und das meiste halt im 19. Jahrhundert in der k.u.k.-Zeit errichtet wurde und man der übermächtigen Stadt Wien und den Österreichern mit möglichst prächtiger Architektur zeigen wollte, dass man auch wer ist und eine eigene bedeutende Historie hat; und angesichts dieser Situation gibt diese Patina der eigentlich jungen Stadt Budapest einen Hauch von "alter Ehrwürdigkeit". Überhaupt haben die Ungarn den Historismus und auch Jugendstil auf eine mitunter dermaßen schwindelerregende Prachtstufe getrieben, dass teilweise sogar Wien nicht mehr mitkommt; Wien ist bei aller Pracht meistens noch klassisch und distinguiert, wohingegen Budapest der Fantasie keinerlei Schranken auflegt. Es wird an architektonischen Stilen und Formen alles aufgeboten und durchmischt, was nur irgendwie möglich ist; Häuser wie der New York Palace mit dem völlig überdrehten neobarocken Café dürften nicht so oft in Europa zu finden sein.
    Es gibt kilometerlange historistische Prachtstraßen, nicht nur die bekannte Andrássy Út (die übrigens wirklich sehr schön ist und für Budapest ein geradezu ausgewogenes Straßenbild besitzt; der Platz Kodály körönd gegen Ende der Andrássy Út z.B. ist wunderbar!), sondern auch die Bajcsy-Zsilinszky út, Rákóczi út, Erzsébet krt., Teréz krt. u.a., außerdem viele "Seitenstraßen", die oft prächtiger sind als Hauptstraßen in vielen anderen europäischen Städten. Die Substanz an Historismus-Gebäuden (vor allem an Neo-Renaissance) scheint unendlich, und das trotz der gar nicht so wenigen Bombardements im 2. Weltkrieg.
    Eher enttäuschend finde ich das Burgviertel Buda mit den Resten des alten Ofener Stadtkerns; es gibt dort schon noch einige schöne alte Gebäude, aber die im Weltkrieg zerstörten Häuser wurden leider in vielen Fällen durch häßliche Betonburgen ersetzt, die so gar nicht zu dem ansonsten mittelalterlichen und barocken Eindruck passen, den das Viertel erwecken möchte.
    Das berühmte Donau-Panorama Pests ist leider auch empfindlich durch riesige moderne Baublöcke gestört, das hatte ich anders in Erinnerung (vielleicht waren mir diese modernen Einsprengsel bei meinen früheren Besuchen aber auch nicht aufgefallen), ist aber natürlich trotzdem sehr beeindruckend.
    Es gibt auch recht viele moderne Architektur in Pest und genauso wie schon im Historismus und Jugendstil kleckern die Ungarn nicht, sondern klotzen: es gibt dort einige riesige moderne Gebäude wie z.B. das Kempinski Hotel Corvinus am Erzsébet tér, die teilweise geschwungene Formen mit Marmorverkleidungen kombinieren und modern aber dabei nicht unelegant sind. Es wird auch weiter viel gebaut in Budapest und leider nicht immer mit viel Rücksicht auf umstehende alte Gebäude: als Beispiel sei genannt die barocke Marienkirche am Serviten-Platz (eine der wenigen authentischen Barockkirchen Budapests), die im Zuge einer Platzneugestaltung durch zwei neue moderne Gebäude flankiert werden soll, hier zwei Fotos, wie das in Zukunft ausschauen soll:




    Das wäre in einigen anderen Städten meines Erachtens so nicht möglich, zumindest nicht ohne großen Bürgerprotest; aber in Budapest gibt es einige von solchen Bauvorhaben, teilweise bereits realisiert, teilweise noch in Planung, man scheint dort mit einer großen Unbekümmertheit und viel Selbstbewusstsein an solche Dinge zu gehen. Auf der anderen Seite hat die Stadt, wie oben bereits geschrieben, dermaßen viel unberührte historistische Stadtviertel, dass man wahrscheinlich die Notwendigkeit nicht sieht, alles beim Alten zu belassen.


    Hier noch einige Fotos, die ich von Häusern mit viel Patina gemacht habe (es gibt allerdings noch krassere Beispiele, ich habe leider erst am Schluss ein paar Fotos gemacht):


    Zuerst der Adria Palast, der im vorigen Post bereits vorgestellt wurde:





    Dann noch zwei weitere Paläste aus der näheren Umgebung (Gegend Báthory utca), man beachte im Detail, was da an den Fassaden teilweise abgebröckelt ist:


    Beim unterstehenden Haus gibt es in den Giebeln nahezu keinen Putz mehr und das Mauerwerk ist sichtbar, außerdem waren in den Giebeln sicher auch mal Fassadenelemente:



    Beim nächsten Haus fehlt die Hälfte des Konsolgesimses und teilweise ganze Fensterumrahmungen samt Lisenen:





    Alles in allem eine mitunter zwar übertrieben üppige, aber trotzdem wunderbare und beeindruckende Stadt, bei der man sich vielleicht nachher die Frage stellt, ob Nachgemachtes und Nicht-Authentisches nicht doch auch etwas Wertvolles und Schönes ergeben kann... jedenfalls hat die Stadt ihren Zauber.

    Danke für den Artikel, der interessante Nahaufnahmen bietet! Ich hoffe mal, dass die letztendlichen Sgraffiti um einiges genauer gearbeitet werden als die teilweise recht groben und eckigen Versuchsmuster...


    Es ist schön, dass der Autor des Artikels diese Fassade als positiv bewertet, auch wenn er sich natürlich nicht enthalten kann zu schreiben: "Die Idee überzeugt, weil alte Baukultur wieder aufgegriffen und zugleich die Erinnerung an den Krieg wachgehalten wird." Die Erinnerung an Krieg und Wunden scheint ja immer das Wichtigste zu sein...

    Weitere Neuigkeiten zur Weinstraße 7: in einem Artikel der Süddeutschen sieht man, wenn ich es richtig interpretiere, zum ersten Mal eine Gesamtvisualisierung der Gebäudeseite an der Filserbräugasse zwischen Weinstraße und Frauenplatz. Die Sgraffito-Gestaltung soll also nicht nur das Vordergebäude an der Weinstraße betreffen, sondern sich über die gesamte Seite bis zum Rückgebäude 7a am Dom ziehen, wobei zwischen den beiden Gebäuden eine Terrasse sein wird:
    https://www.sueddeutsche.de/mu…welt-innenstadt-1.4361550
    Sieht toll aus (auch wenn die Fenster anscheinend wirklich sprossenlos sein werden...)!

    Die meisten aus der Denkmalliste gestrichenen Gebäude dürften hier zu finden sein: https://de.wikipedia.org/wiki/…%C3%A4ler_in_M%C3%BCnchen
    Beispiel Hans-Sachs-Straße 1 https://commons.wikimedia.org/…C3%9Fe_1_M%C3%BCnchen.jpg
    u.a. wegen vereinfachter Fassade. Den fehlenden Stuck könnte man u.U. wieder aufbringen.

    Das ist ja das Perfide: irgendjemand schafft heimlich Tatsachen, indem er Teile eines denkmalgeschützten Hauses verändert und dann kommt irgendwann das Denkmalschutzamt und hebt den Denkmalschutz gleich ganz auf, weil das Haus ja "kaum mehr denkmalwürdige Substanz aufweist". Damit wird die Schutzfunktion, die ja die eigentliche Aufgabe des Denkmalschutzes wäre, ad absurdum geführt und abrisswillige Besitzer geradezu animiert, den Denkmalschutz auf diese Art zu unterlaufen... logischer und besser wäre es, die Besitzer anzuhalten, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, anstatt sich auf einen reinen Substanzfetischismus zurückzuziehen.
    Bzgl. einiger aus der Denkmalschutzliste gestrichener Gebäude besteht immerhin noch Ensembleschutz, aber ob der viel bewirkt, sei dahin gestellt...


    Einen besonders kuriosen, ja geradezu lächerlichen Fall stellt das Haus Kardinal-Faulhaber-Straße 6 dar: es wurde ebenfalls aus der Denkmalschutzliste gestrichen mit dem Argument, es sei "aufgestockt und innen stark erneuert". Nun ist dieses Haus ursprünglich mal ein barockes Adelspalais gewesen (ein kleines und bescheidenes zwar, aber immerhin) und war um 1720 durch den Umbau von zwei vorher an dieser Stelle befindlichen Bürgerhäusern entstanden. Es wurde Palais Spreti genannt, da es zeitweise dem italienisch-bayrischen Adelsgeschlecht von Spreti gehörte. Das Haus hatte ursprünglich nur zwei Obergeschoße, wurde aber nach einem Besitzerwechsel nach 1863 um ein weiteres Geschoss aufgestockt.
    Hier eine Ansicht von ca. 1910 (Haus ganz links): https://stadtarchiv.muenchen.d…D=331037&DEID=10&SQNZNR=1
    Man sieht deutlich, dass die Aufstockung zu diesem Zeitpunkt bereits erfolgt war. Nach schweren Beschädigungen im 2. Weltkrieg baute man das Haus zumindest äußerlich mehr oder weniger wieder so auf, wie es vor dem Krieg ausgesehen hatte, innen gestaltete man es neu. Auf dieser Grundlage wurde es in den 70ern, nach Einführung der Denkmalschutzgesetze, unter Denkmalschutz gestellt. Von der originalen Barockausstattung war schon lange vor der Zerstörung nichts mehr da gewesen, weil das Haus ab 1916 von einer Bank genutzt wurde (Teile der Originalausstattung befinden sich im Bayerischen Nationalmuseum). Das Innere hatte also auch zum Zeitpunkt der Unter-Denkmalschutz-Stellung schon keinen historischen Wert mehr, es war ja auch, wie oben geschrieben, nach den Kriegszerstörungen neu gebaut worden. Nach einer weiteren Renovierung vor vielleicht 10-15 Jahren, bei der das Innere nochmal komplett neu gestaltet wurde, kam das Denkmalschutzamt schließlich auf die Idee, dass das Haus nicht mehr genügend historische Substanz aufweisen würde, außerdem aufgestockt worden wäre und somit nicht mehr dem Originalzustand entsprechen würde, weswegen es keinen Denkmalschutz mehr verdiene. Dass das Haus bereits im 19. Jahrhundert aufgestockt worden war und mit genau diesem Aussehen auch unter Denkmalschutz gestellt worden war, interessierte anscheinend niemand mehr. Das ist nicht nur ein Schildbürgerstreich, sondern auch eine unglaublich armselige Argumentation! Wenn dieser Verlust an Innensubstanz so wichtig gewesen wäre, hätte man es gleich nicht unter Schutz stellen dürfen und hätte auch viele andere Gebäude, von denen ebenfalls nur die Fassaden übrig geblieben waren (oder sogar rekonstruiert worden sind), niemals unter Denkmalschutz stellen dürfen!


    Hier ein Bild des heutigen Aussehens, man vergleiche es bitte mit dem Aussehen im historischen Bild oben:


    (Wikipedia Commons, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, Autor: AHert)

    Keine Anmerkungen oder Kritik zum Faltenwurf (schaut für mein Laienauge sehr gut aus :) ), nur große Vorfreude auch meinerseits auf die Gelbe Treppe!
    Heute war auch im Münchner Merkur ein Artikel über den momentanen Stand der Rekonstruktion der Gelben Treppe, in dem stand, dass sie im Frühjahr 2020, also in etwas mehr als einem Jahr, fertig werden soll. Es ist also noch ein bisschen Geduld vonnöten...