Posts by Leonhard

    Zu dem zweiten Bild aus der Amalienstraße ist zu sagen, dass diese Häuser tatsächlich sehr münchnerisch aussehen, allerdings handelt es sich um einen Stil, der in München erst ab ca. 1890 im Spannungsfeld zwischen Späthistorismus und Heimatstil entstand und erst dann eine sehr charakteristische, regional inspirierte Historismusarchitektur ergab (vor allem in den Werken der Brüder Seidl, aber auch anderer Architekten), die aus einem heutigen, etwas oberflächlichen Rückblick "den Historismus" Münchens prägen. In Wahrheit aber gab es auch in München zur eigentlichen Gründerzeit um 1870-90 einen internationalen, akademischen Historismus, der auch in vielen anderen Städten hätte stehen können, bevor sich eben zur Jahrhundertwende der "malerische" Regionalstil immer mehr durchsetzte. Und diesen Regionalstil kann man natürlich relativ einfach von anderen Regionalstilen unterscheiden. Dass man diesen Stil auch in Tirol und Südtirol wiederfindet, ist auch kein Zufall: München war für Tirol in kultureller und künstlerischer Hinsicht lange Zeit ein wichtigerer Orientierungspunkt als Wien, das viel weiter weg war. Der österreichische Historiker Michael Forcher schrieb über die Kulturbeziehungen zwischen München und Tirol folgendes (aus "Bayern-Tirol", 1981):

    "Die Ausstrahlung der Kunstmetropole München hatte nicht nur in der Malerei für Tirol entscheidende Bedeutung. München war in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg das Mekka für alle schöpferischen Kräfte Tirols vom Kunsthandwerk bis zur Literatur, von der Bildhauerei bis zur Baukunst. Gerade die Architektur im damaligen Tirol wäre undenkbar ohne die starke Beziehung zu Bayern und zur Münchner Schule mit ihrer spezifischen Form einer sogenannten Regionalromantik und ihrem Nahverhältnis zur Heimatschutzbewegung. Eine ganze Generation von Tiroler Baumeistern und Architekten wurde fast ausschließlich in München ausgebildet, wodurch im Tiroler Baugeschehen dieser Zeit der Einfluss der rationalistisch-fortschrittlichen Wiener Otto-Wagner-Schule nur eine untergeordnete Rolle spielt. Vorbildcharakter für Tiroler Baumeister und Architekten hatten auch die zahlreichen von Münchner Baukünstlern ausgeführten Arbeiten in Tirol, vor allem öffentliche Gebäude und Bürohäuser. So entwarf z.B. der Münchner Ludwig Lutz die Innsbrucker Handelskammer (1900-1902) und die Creditanstalt (1905/06), um unter vielen nur einen Namen und zwei beispielhafte Bauwerke zu nennen. In Kufstein, wo der kulturelle Einfluß Bayerns naturgemäß immer besonders stark war, berief die Stadtführung im Jahr 1899 den Münchner Architekten Otto Lasne zur Erarbeitung eines "Stadtregulierungsplans". In ihrer Auseinandersetzung mit der heimischen Baukultur, die erst die Überwindung des akademischen Historismus ermöglicht hatte, bezogen die Münchner Architekten auch die Tiroler Tradition mit ein."

    Falls Du in der Lage bist, eigenständig auf den obigen Link zu klicken, wird das Deine Frage beantworten. Falls nicht, bitte einfach einen VHS-Kurs "Internet für Anfänger" o. ä. bei vhs.at buchen.

    Na, ganz so einfach war das nicht, weil die gesuchte Information nur sehr indirekt auf der verlinkten Wiki-Seite zu finden ist bzw. weil man eigentlich erst auf die Wiki-Seite der Harmonie-Gesellschaft gehen muss, um ausführlichere Informationen und ein Foto des Rundraumes zu bekommen:

    Harmonie-Gesellschaft – WürzburgWiki
    WürzburgWiki: Die Online-Enzyklopädie zu Geschichte, Zeitgeschehen, Kultur, Gastronomie und mehr zu Stadt und Landkreis Würzburg.
    wuerzburgwiki.de

    Es handelte sich um den klassizistischen Tanzsaal der Harmonie-Gesellschaft.

    Der heutige Innenraum:

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    Die wiederhergestellte Kanzel von Ignaz Günther:

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    Einer der beiden Beichtstühle:

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    Weitere Fotos von St. Elisabeth hier: https://www.flickr.com/photos/1619455…177720316248049

    Zum Schluss möchte ich noch die Situation an der Mathildenstraße gegenüber der Elisabethspitalkirche zeigen, wo das 1881/82 bzw. 1895/96 erbaute Mathildenstift, ein Altenheim, einen Ehrenhof bildet und zusammen mit der Elisabethspitalkirche ein hübsches Ensemble ergibt:

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    Wir gehen in die Ludwigsvorstadt.

    Ehem. Spitalkirche St. Elisabeth

    Mathildenstraße 10
    Erbaut 1758-60
    Typus: oktogonaler Zentralraum mit Pendentifkuppel, querrechteckigem Altarraum und ebenfalls querrechteckigem Vorraum mit Orgelempore

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    Baugeschichte:

    - 1754 Ansiedlung des Pflegeordens der Elisabethinerinnen in der Nähe des kurz zuvor gegründeten Spitals der Barmherzigen Brüder auf Veranlassung der Kaiserinwitwe Maria Amalie
    - 1757 Grundsteinlegung zum Kloster- und Spitalbau der Elisabethinerinnen
    - 1758 Grundsteinlegung zur Spitalkirche St. Elisabeth, Entwurf der Kirche wahrscheinlich von Leonhard Matthäus Gießl, evtl. auch von Johann Michael Fischer
    - 1760 Fertigstellung der Anlage samt Kirche mit Ausnahme der Fassade und der Innenausstattung und vorläufige Benediktion der Kirche
    - 1765 Fresken in der Kuppel, am Chorgewölbe, sowie Zwickelkartuschen und Monogramme von Matthäus Günther
    - 1777 Errichtung von Hochaltar und Kanzel nach Entwürfen von Ignaz Günther (Ausführung Joseph Häringer) und endgültige Weihe
    - 1790 Fertigstellung der Fassade wahrscheinlich nach Entwurf von Franz Anton Kirchgrabner
    - 1809 Auflösung der Ordensniederlassung der Elisabethinerinnen, ab 1823 Nutzung des Spital- und Klostergebäudes für das hierher transferierte Heiliggeistspital
    - 1844-48 Erweiterung des Spitalgebäudes zu einer symmetrisch sich um die Kirche gruppierende, um einen rückwärtigen Trakt erweiterten Vierflügelanlage
    - 1907 Abriss des Spitalgebäudes nach Auszug des Heiliggeistspitals und Neubau von Poliklinik und Augenklinik unter Beibehaltung und Einbeziehung der Kirche
    - 1943 schwere Zerstörung der Kirche bis auf Fassade und Umfassungsmauern, Gewölbe und Ausstattung weitgehend vernichtet
    - 1963-65 Rekonstruktion der Raumschale durch das Universitätsbauamt
    - 1966-71 Teilrekonstruktion von Hochaltar und Kanzel unter Verwendung von einigen aus dem Schutt geborgenen Skulpturen durch Josef Lang und die Bildhauer Höpfl, Konrad und Rösner
    - 1990/91 Restaurierung


    St. Elisabeth wurde als Spitalkirche für die Elisabethinerinnen erbaut, welche mit Unterstützung der Witwe von Kaiser Karl VII., Maria Amalia, 1754 nach München gekommen waren. Diese höchste Protektion mag auch der Grund gewesen sein, weshalb zunächst zwei außergewöhnlich qualitätvolle Fassadenentwürfe samt Innenentwurf erstellt wurden, deren Urheber wahrscheinlich niemand Geringerer war als Johann Michael Fischer; diese Entwürfe wurden dann allerdings nicht realisiert, vermutlich weil das Projekt zu teuer gekommen wäre. Bei Verwirklichung dieser Entwürfe, in denen neben böhmischen Einflüssen auch die ebenfalls von Fischer stammende Fassade des Marienmünsters in Dießen am Ammersee anklingt, wäre wohl eine der feinsten und elegantesten Kirchenfassaden des bayerischen Spätbarock entstanden. Die schließlich in einfacheren Formen erbaute Kirche übernahm zwar das grundsätzliche, dreiteilige Innenschema des Entwurfs von Fischer, orientierte sich in ihrer Fassadengestaltung aber an der Damenstiftkirche, wobei die erst 1790 fertiggestellte Fassade noch mehr als jene der Damenstiftkirche klassizistisch geprägt ist. Der Architekt des letztendlichen Entwurfs ist nicht gesichert: Norbert Lieb schrieb die Kirche aufgrund stilistischer Übereinstimmungen trotzdem J. M. Fischer zu, in neueren Publikationen, u.a. bei Bernhard Schütz, wird sie aber dem Hofmaurermeister Leonhard Matthäus Gießl und die Fassade dem aus dem Fischer-Umkreis stammenden Franz Anton Kirchgrabner zugeschrieben.

    Die Deckenfresken wurden von einem der großen Meister des süddeutschen Rokoko gemalt, von Matthäus Günther, von dem u.a. auch das Kuppelfresko in der Abteikirche von Rott am Inn stammt. Die drei Fresken, deren mittleres in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme überliefert ist, wurden zusammen mit dem Gewölbe und dem Großteil der Ausstattung im 2. Weltkrieg zerstört, von der Kirche blieben nur die Umfassungsmauern. Im Anschluss wurde zwar das Äußere der Kirche, das Gewölbe sowie der Hochaltar und die Kanzel wiederhergestellt bzw. rekonstruiert, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Kirchen der Innenstadt nicht die restliche Ausstattung, weswegen sich der Kirchenraum heute relativ kahl präsentiert; vor allem das Fresko von Matthäus Günther ist ein herber Verlust.

    St. Elisabeth ist heute der Sitz der griechisch-katholischen Unierten Rumänischen Kirche; “uniert” bedeutet, dass sie mit der römisch-katholischen Kirche verbunden ist und den Papst als geistliches Oberhaupt anerkennt. Gleichzeitig aber hat sie ihren östlichen Ritus beibehalten, weswegen in St. Elisabeth vor dem Hochaltar auch eine Ikonostase steht.


    Zunächst die wahrscheinlich von Johann Michael Fischer stammenden und nicht realisierten Entwürfe von 1757:

    Fassadenentwurf Nr. 1:

    St.-Elisabeth-Entwurf-Fassade-Fischer-1-1757.jpeg

    Fassadenentwurf Nr. 2:

    St.-Elisabeth-Entwurf-Fassade-Fischer-2-1757.jpeg

    Längsschnitt:

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    Dann einige Innenansichten vor der Zerstörung:

    St.-Elisabeth-historische-Innenansicht-1.jpeg

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    Das zentrale Kuppelfresko von Matthäus Günther, das Wirken des Elisabethinerinnenordens darstellend:

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    Weitere historische Innenansichten bei Google Arts & Culture (dort fälschlicherweise als Herzogspitalkirche bezeichnet):

    - https://artsandculture.google.com/asset/münchen-katholische-herzogspitalkirche-sankt-elisabeth-0012-und-0013/SgE4enCWHayu9A
    - https://artsandculture.google.com/asset/münchen-katholische-herzogspitalkirche-sankt-elisabeth-0012-und-0013/qQHm4omU2uhUtw
    - https://artsandculture.google.com/asset/münchen-katholische-herzogspitalkirche-sankt-elisabeth-0012-und-0013/mAHSknNRpJ9icQ

    Ansicht nach der Zerstörung (Foto von 1946):

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    Erstens entsprach es dem eher puristischen Zeitgeschmack der Nachkriegszeit und einer damals vorherrschenden Geringschätzung des Historismus (und wurde auch vor Einführung des Bayer. Denkmalschutzgesetzes 1973 durchgeführt) und zweitens argumentierte man in diesem Fall gerade damit, dass G. v. Seidl mit der Dekoration nicht glücklich war und fühlte sich dadurch in der Entscheidung legitimiert.

    Leider gibt es genügend Leute, denen die eigentliche Natur und auch die althergebrachte Kulturlandschaft egal sind. Viele dieser Hotelgäste suchen nach Wellness- und Sportmöglichkeiten und haben überhaupt kein Interesse an der eigentlichen Gegend, in die sie fahren. Der moderne Businessmensch sucht nur nach Ausgleich von seinem anstrengenden Alltag und möchte deswegen in seinem Urlaub so viel Erholung und Freizeitangebot auf einem Fleck wie möglich: da geht's nur darum, wieviele Saunen, Fitness- und Massageräume, Whirl- und Swimmingpools, Tennisplätze und sonstwas so ein Hotel hat. Bildungsurlaub oder überhaupt geistige Interessen sind bei den meisten Gästen vollkommen out. Und dieses aufs reine körperliche Wohlbefinden konzentrierte Geschäft boomt: in den letzten 20 Jahren sind die Wellnesshotels für die gestressten Großstädter in den Alpen nur so aus dem Boden geschossen. Dass das immer schon äußerst kommerzielle Tirol da ganz vorne mit dabei ist und keine Hemmungen kennt, dürfte nähere Kenner dieses Bundeslandes nicht verwundern.

    Die monotone Abfolge von wenigen, vergleichsweise großen Zellen erzeugt eine beträchtliche Monumentalität, deren Grobheit sogar modernistische Züge trägt:

    Interessant, dass Du das sagst! Auf den ersten Blick erscheinen mir Zellengewölbe durch ihre Glattheit und Schärfe eh immer wie futuristische Fremdkörper in einer alten Welt... das sind wirklich faszinierende Gebilde. Was ich auch bemerkenswert finde, ist das oftmals riesige Volumen, was den Eindruck erweckt, dass die Hälfte des Raumes aus Gewölbe besteht. Ungefähr von wann bis wann waren denn Zellengewölbe eigentlich im Gebrauch?

    Ich war erst in den letzten Jahren dabei, als sich Stephan aus Zeitmangel schon fast ganz zurückgezogen hatte, von daher habe ich keinen kompletten Überblick. Er hat über die Jahre das Gespräch mit einigen Verantwortlichen der Stadt, u.a. Stadtbaurätin Elisabeth Merk gesucht, hat Kontakte in den Stadtrat geknüpft, hat bei neuen Bauvorhaben immer wieder an die Verantwortlichen und die Öffentlichkeit appelliert, ansprechende Fassaden zu errichten, hat sich auch mal an den Stadtrat insgesamt mit einem "Fassadenverbesserungsprogramm" für die Altstadt gewandt und hat meines Wissens auch Andreas Heigl bei seiner Rekonstruktion der Don-Bosco-Fassade unterstützt. Viel herausgekommen ist dabei nicht, weil in einer Großstadt - und gerade auch in München - die Player einfach viel zu groß und mächtig sind, um sich von einer privaten Initiative beeindrucken zu lassen und er war am Ende auch dementsprechend frustriert. Aber versucht hat er es zumindest einige Jahre lang mit einigem Aufwand und Energie.

    Ich möchte allerdings berichtigen, dass der Ortsverband München nicht neu gegründet wurde, sondern schon seit vielen Jahren unter dem Vorsitz von Stephan Riedel existierte, dann aufgrund von Zeitmangel stillgelegt und jetzt unter neuer Führung wiederbelebt wurde.

    Bzgl. Zwiebelkuppeln oder -hauben hab ich aber starke Zweifel, dass sie eine russische Erfindung sind, die gab's wahrscheinlich schon im alten Jerusalem. Über Byzanz und Venedig kamen sie in Form von Stichen in der frühen Neuzeit auch nach Süddeutschland und Österreich, wo sie weitverbreitet sind.

    Vielen Dank für die sehr interessanten Ergänzungen und Fotos! Dass die Kirchenausstattung ganz vernichtet werden sollte, war mir gar nicht bekannt, das ist ja schrecklich... Gottseidank hat das Denkmalschutzamt noch rechtzeitig interveniert.

    Ich hab die von Dir erwähnten Bücher leider nicht, von der Existenz der Bücher wusste ich, hab sie aber nicht finden können. Ich hab mich hauptsächlich auf eine Kirchenbeschreibung von Hans Lehmbruch in "Münchens Kirchen" von 1973, die wie immer sehr ergiebige Denkmaltopographie und den Kirchenführer von Grän gestützt.

    Von der historischen Orgel hab ich auch kein Bild, das hätte mich auch sehr interessiert.

    Pfarrkirche St. Anna im Lehel

    St.-Anna-Platz 5
    Erbaut 1887-92
    Typus: dreischiffige, überkuppelte Pfeilerbasilika mit zwei Querhäusern und Apsis

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    Baugeschichte:

    - 1885 Ausschreibung eines auf Münchner Architekten beschränkten Wettbewerbs mit Gabriel von Seidl als Gewinner
    - 1887 Grundsteinlegung, 1889 Hochführen der Mauern, 1890 Einwölbung, 1891 Dachstuhl
    - 1892 Weihe, Vollendung des Tympanonreliefs, Aufstellung des Brunnens (Bildhauer Anton Pruska)
    - 1892 Apsisgemälde (Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit, der Apostel und Engel sowie Maria und deren Mutter Anna) von Rudolf von Seitz, 1894 Tympanonrelief am Hauptportal (Christus in der Mandorla zwischen Engeln) von Anton Pruska, 1898 Kreuzwegbilder in den Seitenschiffen von Martin Feuerstein,1903 Heiligenstatuen und Rosenkranztondi an den Schildwänden des Querschiffs über den Altären von Anton Pruska, 1907/08 Gemälde an der Ostseite des Querschiffs über den Altären von Becker-Gundahl, 1909/10 acht Reliefdarstellungen der vier griechischen und der vier lateinischen Kirchenväter von Anton Pruska an den Hochwänden des Mittelschiffs, 1910 Reiterstandbild aus Bronze über der Portalädikula der Westfassade von Ferdinand von Miller, 1912 Türsturz und Gewändefiguren am Hauptportal von Anton Pruska
    Sonstige Ausstattung: Hochaltar: Evangelistensymbole von Pruska, Tabernakel von Otto Hupp; Antoniusaltar: Gemälde von Feuerstein, Figuren von Georg Beyrer und Kaspar Ruppert; Marienaltar: Statue von Pruska; Kanzel: Bildhauerarbeiten von Pruska. Alle Entwürfe von Gabriel v. Seidl.
    - 1913/14 farbige Raumfassung mit Dekorationsmalerei vor allem an den Pfeilerarkaden, Gewölbegurten und in der Vierungskuppel (Sternenhimmel)
    - 1917 Mosaiken am Marienaltar, 1925/26 acht Prophetenfiguren von Pruska für die Blendarkaden der Apsis des nördlichen Querarms, 1928 Mosaiken am Herz-Jesu-Altar
    - 1944/45 vergleichsweise geringe Kriegsschäden: Verlust des Turmhelms am Westturm, Beschädigung des linken Seitenschiffs, Destabilisierungen und Risse an Mauerwerk und Gewölben
    - 1948-55 Behebung der Kriegsschäden, 1954 Beseitigung der Dekorationsmalereien und der Reliefs der Kirchenväter an den Hochwänden des Mittelschiffs
    - 1971/72 purifizierende Innenrenovierung und liturgische Neuordnung mit Altarinsel in der Vierung: Volksaltar und Ambo von Max Faller, Zusammenfassung des Gestühls zu einem Block (Leitung der Renovierung: Armin Dietrich)
    - 1980 neue Orgel (Gestaltung Arthur Kneer) und Auffindung und Wiederanbringung von zwei der 1954 beseitigten Kirchenväterreliefs an den Hochschiffwänden
    - 1989 Wiederfreilegung der Mosaiken am Marienaltar und Herz-Jesu-Altar
    - 1995/96 Rekonstruktion der sechs fehlenden Reliefs der acht Kirchenväter an den Hochschiffwänden, die zu den zwei erhaltenen und bereits wiederangebrachten Reliefs hinzugefügt werden
    - 1996 Freilegung und Restaurierung des Uhrenfreskos unter der Orgelempore


    Durch den Bau der Maximilianstraße Mitte des 19. Jhs erfuhr die östlich der Altstadt gelegene Vorstadt Lehel eine deutliche Aufwertung und wurde als Wohnviertel attraktiv, so dass ihre Bevölkerung bis 1880 auf 17000 Einwohner anwuchs. Die bisher als Pfarrkirche genutzte Klosterkirche St. Anna wurde für die stark anwachsende Gemeinde zu klein, weswegen eine neue, größere Pfarrkirche mit gleichem Patrozinium gebaut werden sollte; zu diesem Zweck wurde schließlich ein auf Münchner Architekten beschränkter Wettbewerb ausgeschrieben, den Gabriel von Seidl gewann. Der Bauplatz direkt östlich der alten Klosterkirche ergab sich durch die testamentarische Schenkung des Gartens eines Bürgers im Jahre 1880 und wurde in den folgenden Jahren durch den Aufkauf weiterer angrenzender Grundstücke erweitert.
    Für die Wahl der Neo-Romanik als Baustil der neuen Kirche gab es mehrere Beweggründe: erstens galt die Romanik nach der Reichseinigung und der Schaffung eines neuen deutschen Kaiserreiches 1871 als besonders prägend für die Idee des deutschen Kaisertums, da die romanischen Dome in Mainz, Worms und Speyer im Heiligen Römischen Reich eine herausragende Rolle gespielt hatten; zweitens war die Romanik in München bis dato nicht wirklich vertreten (abgesehen von einigen wenigen, eher unbedeutenden Resten sowie der gegenüberliegenden, 1852/53 geschaffenen neoromanischen Zweiturmfront der barocken Klosterkirche); drittens wollte man mit der Wiederaufnahme der Romanik an die als beispielhaft empfundene Frömmigkeit des Mittelalters anknüpfen und viertens mag vielleicht auch gerade die damalige, direkt gegenüberliegende neoromanische Zweiturmfront der Klosterkirche als Inspiration gedient haben. Die Pfarrkirche St. Anna war jedenfalls die erste vollständig neoromanische Kirche in München, die zwar grundsätzlich auf einem strengen, d.h. historisch korrekten Historismus basierte, sich aber gleichzeitig auch auf spielerisch-malerische Weise gewisse Freiheiten in der Stilauslegung erlaubte, die sich z.B. in der vielgliedrig-kleinteiligen, auf malerischen Effekt getrimmten Komposition des Ostteils zeigen - eine Herangehensweise, wie sie typisch für die Gebrüder Seidl und München war: „Somit ist St. Anna ein frühes Hauptbeispiel des sich von der strengen Kühle kopistischer Routine ablösenden, die Münchner Architekturszene der Jahrhundertwende positiv im Sinne künstlerischer Qualität, wenn auch retrospektiv prägenden »Seidl-Stils«.“ (Bayer. Denkmaltopographie)
    Auch insgesamt ist das Äußere der Kirche nicht auf eine einheitliche Perspektive hin entworfen, sondern so in seine Umgebung hineingebettet, dass sich ständig wechselnde Ansichten ergeben: „Die Kirche ist so eingebettet in ihr Stadtviertel, dass sie sich nicht von weitem schon als Fernbild zeigt. Sie wird erst dann sichtbar, wenn man den Kirchplatz selber betritt. Und von allen Seiten, woher man immer kommt, ergibt sich dann ein Schrägblick, der nie als geschlossenes Bild erscheint, sondern weiterverweist auf andere Ansichten und den Betrachter auffordert, weiterzugehen und um das Gotteshaus herumzuwandern. Dieses Arbeiten mit ständig wechselnden Ansichten, die sich jeweils als ein reiches »malerisches« Bild offenbaren, ist ein hervorragendes Merkmal der Architektur Seidls.“ (Hans Lehmbruch)

    Der Innenraum ist wesentlich einfacher angelegt, als es das teilweise verspielte und verschachtelte Äußere glauben ließe: eine dreischiffige, überkuppelte Pfeilerbasilika mit zwei Querbauten und Apsis, wobei der westliche Querbau durch die darüber liegende Orgelempore innen kaum zur Geltung kommt, sondern wie ein Vorraum wirkt. Der interessanteste Teil ist sicher der östliche Bereich mit östlichem Querhaus, Vierung, Kuppel und Apsis, der für den beim westlichen Hauptportal Eintretenden allerdings erst recht weit vorne, d.h. östlich, einsehbar wird. Der Kirchenraum hat in seiner heutigen Gestalt ein deutlich wahrnehmbares Ungleichgewicht zwischen „hinten“ und „vorne“, was einigen ungünstigen Nachkriegsentscheidungen geschuldet ist: die 1913/14 entstandene üppige Dekorationsmalerei des Innenraums an den Pfeilerarkaden und Gewölbegurten sowie der Sternenhimmel in der Vierungskuppel - Ausschmückungen, die angeblich nicht das volle Wohlgefallen Gabriel v. Seidls gefunden hatten - wurden leider 1954 entfernt, als man für das Pittoreske der Jahrhundertwende nicht mehr viel übrig hatte. Zusätzlich entfernte man bei der Renovierung 1971/72 weitere Ausstattungsgegenstände und ersetzte die vormals in der Mitte geteilten Kirchenbänke, die ein Fortschreiten in der Mitte zuließen, durch ungeteilte Bänke, so dass man sich seitdem fast nur noch seitlich der Vierung nähern kann. Seit Beginn der 1980er Jahre wurden zwar einige dieser Entscheidungen revidiert, der Kirchenraum präsentiert sich seitdem (mit Ausnahme des Chors) aber trotzdem eher nüchtern und leer und drückt auf diese Weise umso mehr das Dilemma jeglicher purifizierter Historismusarchitektur aus: auf der einen Seite fehlt die Aura des Echten, auf der anderen aber auch die künstlerische Überzeugungskraft, die nur in der Qualität eines künstlerischen Konzeptes und seiner kunsthandwerklich gelungenen Umsetzung liegen kann. Anders ausgedrückt: die Purifizierungen zielten darauf ab, den historistischen Bauten ihre „unechten“ und „übertriebenen“ Stilelemente zu nehmen und betonten damit paradoxerweise nur ihre Künstlichkeit.

    „Durch den heutigen gleichmäßig weißen Anstrich der Wände ist die Einbindung der allein noch teilweise in alter Farbigkeit erhaltenen Altarnischen in die Architektur verlorengegangen; in ihrer Isolierung wirken sie fast wie autonome Kunstwerke, die in mehr oder weniger zufälliger Ordnung auf der neutralen Wandfläche angebracht sind. Die ursprüngliche Konzentration der bildlichen Motive auf die Ostteile der Kirche wurde zu einer puren Anhäufung von Ausstattungsstücken. Die intendierte Steigerung der Architektur zum Allerheiligsten hin - Auftakt, rhythmisches Fortschreiten, Höhepunkt -, bei der Farbe und Bild eine wohldurchdachte Rolle spielten, wurde dadurch eines ihrer wesentlichen Momente beraubt. Es blieb die überragende Wirkung der Ausgestaltung der Hauptapsis, die unmittelbar vom Eingang im Westen her als vorrangiges Gestaltungselement des Raumeindrucks noch vor der Architektur zur Geltung kommt. Der Raum verliert im Blick auf das Hauptbild an Tiefe. Man kann sich davon überzeugen: beim Rückblick von der Apsis zum Eingang gewinnt das Langhaus auf geradezu überraschende Weise an Räumlichkeit und Plastizität. Der Architekt hat sich in dieser Hinsicht vermutlich an Vorbildern der ersten Hälfte seines Jahrhunderts inspiriert, etwa an der Ludwigskirche, deren Architektur allerdings in noch stärkerem Maße auf das Gemälde an der Altarwand konzentriert ist.“ (Hans Lehmbruch)

    Lehmbruch zum Apsisbild von Seitz: „Dargestellt ist die Dreifaltigkeit, angebetet in der oberen, als Himmel bezeichneten Zone von einer Engelsschar, in der unteren von Maria und Anna. Beide Frauengestalten - besonders die der Kirchenpatronin - sind durch ihre Größe und die Farbe der Gewänder aus der Reihe der Apostel hervorgehoben, die nach dem Vorbild einer Sacra Conversazione im unteren, terrestrischen Bereich des Gemäldes der Darstellung beigeordnet sind. Die überlebensgroßen Figuren stehen als geschlossene Umrißformen vor dem Grunde. Die Farbgestaltung ihrer Binnenformen ist wenig nuanciert und vor allem durch kräftige Schattierungen modelliert. Der Eindruck ist auf die Fernwirkung berechnet und nimmt auch Rücksicht auf die nur dämmerige Beleuchtung, die in der Apsis herrscht. (…) Das Gemälde ist daher auf den Lichteinfall vom Langhaus angewiesen. Es bedarf heller, sonniger Tage, besser noch der hinter dem Eingangsbogen zur Apsis angebrachten künstlichen Beleuchtung, damit das Bild seine volle Wirkung entfalten kann. Auch der Altar darunter kommt erst voll zur Geltung, wenn bei einem Gottesdienst die Kerzen auf ihm angezündet sind und das Gold des Altaraufsatzes mit warmem Schimmer den Baldachin aus weißem Marmor zu füllen scheint und die vergoldeten Schmuckformen zum Leuchten bringt. Ersetzt durch den neuen Altar unter der Vierung, hat der alte mit seiner Funktion auch einen Teil seiner künstlerischen Wirkung eingebüßt.“

    So ist der im Krieg kaum beschädigte Kirchenraum durch unsensible Nachkriegsentscheidungen leider in seiner Wirkung beeinträchtigt.


    Ansichten vor 1954:

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    (https://www.erzbistum-muenchen.de/pfarrei/st-ann…chen/cont/64328)

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    (https://www.erzbistum-muenchen.de/pfarrei/st-ann…chen/cont/64328)

    Bevor wir zur Pfarrkirche St. Anna weitergehen, möchte ich noch zwei Fotos aus der Klosterkirche St. Anna nachliefern, die ich vor kurzem gemacht habe und die die Goldbrokat-Malereien in den Kalotten der Konchen zeigen. Normalerweise überstrahlt entweder das einströmende Sonnenlicht die Malereien derart, dass sie einfach nur gelb und flach aussehen, oder es ist zu dunkel und die Malereien scheinen tot; bei dieser Gelegenheit aber war es draußen relativ dunkel und trotzdem kam etwas Sonnenlicht durch die Wolken, was die Malereien unerwartet zum Leben erweckte:

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    Ein sehr schöner Effekt.