Posts by Citoyen

    Rastrelli: Du verkennst, daß nachgotische Gestaltungen im gotischen Stil nicht nur auf das 19. Jh. beschränkt waren. Im Falle der Glasmalerei stimmt es zwar, dies liegt aber auch daran, daß man erst im späten 19. Jh. wieder die technischen Fertigkeiten der mittelalterlichen Meister erreicht hat. Zwei Beispiele für Neuschöpfungen des Freiburger Künstlers Fritz Geiges (1853–1935):


    Neuromanisches Christusfenster in der Pfarrkirche St. Arbogast in Haslach im Kinzigtal (1896)

    Himmelsbachfenster im Freiburger Münster (1924)


    Letzteres weist natürlich starke Jugendstilzüge auf, was Deine These von der Zeitgebundenheit scheinbar stützt. Der grundsätzliche Unterschied zwischen einem figürlichen und einem abstrakten Fenster besteht aber darin, daß jenes auf den ersten Blick auf eine höhere Idee verweist, dieses nicht. Deshalb halte ich den bewußt abwertenden Begriff: "modernistisch" für angebracht.


    Hier wirkten die Fenster mit Sicherheit erhebend, hier sind sie einfach nur langweilig.


    Daß Prof. Mäckler bei seiner eigenen Arbeit hinter den selbst formulierten Ansprüchen zurückbleibt, ist leider nicht zum erste Mal so. Das Grundproblem bei der Neugestaltung liegt aber bei den kirchlichen Bauämtern, die der Meinung sind, auch die kleinste Kapelle nach den vermeintlichen Vorgaben des II. Vatikanischen Konzils umbauen zu müssen. Aber das ist ein anderes Thema.

    Vor kurzem ging eine Meldung über eine EU-Richtlinie durch die Presse, welche die Charta von Venedig in verschärfter Weise aufnimmt. Konkret hieß es in dem Papier, daß bei EU-geförderten Baumaßnahmen Ergänzungen an Denkmalen im zeitgenössischen Stil vorzunehmen sind. In Westeuropa ist diese Praxis ja leider längst üblich, aber nun wird sie EU-weit, zumindest für geförderte Bauten, "empfohlen" (Artikel 16). Rekonstruktionen sollen ausdrücklich nur in Ausnahmefällen gefördert werden (Artikel 19). Auf nationale Projekte, wie wir sie gegenwärtig beispielsweise in Ungarn sehen, dürfte diese Richtlinie also keine Auswirkung haben, sofern keine EU-Förderung vorliegt. Hier ein Pressetext dazu, auf welchen Oststaatler schon hingewiesen hatte.


    Jenseits des Atlantiks sieht es für die abendländische Architekturtradition gerade besser aus: Jüngst erschien ein Entwurf für eine Verfügung des US-Präsidenten mit dem Titel: “Making Federal Buildings Beautiful Again”. Der Entwurf sieht für bundesstaatliche Bauten, insbesondere Regierungsgebäude und Bundesgerichte, „den klassischen Architekturstil (gemeint ist der [Neo-]Klassizismus) als den bevorzugten und Standardstil“ vor. Dieser lege Wert auf Schönheit, respektiere das regionale architektonische Erbe und nötige der Öffentlichkeit Bewunderung ab.


    Wo vom klassischen Stil abgewichen werde, müsse die Gestaltung mit großer Sorgfalt und Rücksichtnahme erfolgen, um eine schöne Gestaltung zu finden, welche die Würde, den Unternehmergeist, die Kraft und Stabilität der amerikanischen Selbstverwaltung vermittle. „Architektur im brutalistischen oder dekonstruktivistischen Stil und die davon abgeleiteten Stile verfehlen diese Anforderungen und sollen nicht verwendet werden.“ Bei Renovierung unpassender Bauten solle eine Erneuerung im klassischen Stil in Erwägung gezogen werden.


    Die etablierte Architektenschaft und die Presse laufen dagegen Sturm: Klick, Klick, Klick, Klick... Und in der FAZ: Klick.

    Witziger Kommentar auf Twitter:

    the panic is understandable... if i were in the business of designing ugly buildings, i wouldn't want normal people getting involved.

    Heimdall: Es hätte zweifellos auch deutlich schlimmer kommen können, keine Frage. Man bedenke aber auch das schlichte Innere: Alles schön kantig und kahl, abstrakte Glasmalereien, ein auf drei Seiten von Bänken umgebener "Volksaltar". Insgesamt eine ganz andere Ästhetik als die traditionell katholische. Besonders bedauerlich finde ich in solchen Fällen immer, daß die in den 50er-Jahren aus Platzgründen ersetzte Barockkirche für die geschrumpfte Gemeinde heute wahrscheinlich völlig ausreichen würde.

    In einem Interview mit Nikolaus Bernau, erschienen in der Berliner Zeitung vom 7.1.2020, wehrt sich Florian Pronold gegen die Vorwürfe. Außerdem stellt er sein Konzept vor, mit dem er die Auswahlkommission überzeugen konnte:

    Quelle: Berliner Zeitung


    Und, überzeugt?

    Das Andlausche hinten herum



    Link zum Original


    Hier ein Vergleichsbild derselben namenlosen Gasse:

    Blick vom Erzbischöflichen Konvikt zum Freiburger Münster von Osten, Foto: Alois Raslag, 1927, SLUB/Deutsche Fotothek, (Direktlink), Lizenz: Freier Zugang – Rechte vorbehalten.


    Unbedingt den Link zum Original in deutlich besserer Qualität anklicken. Welch herrliche Dachlandschaft! Und welch banale Gestaltung dagegen heute...


    NB: Das alte Andlawsche Haus stand nicht direkt an der Ecke zur Gasse. Sein Dach ist links oben im Foto zu erkennen. Der Neubau wurde um einige Meter versetzt gebaut, so daß er heute das Eckgebäude zu dem Gäßchen bildet.

    Habe die Quelle zur Nicht-Bebauung des Trümmergrundstücks ggü. dem Andlawschen Haus gefunden. Ein Artikel in der Badischen Zeitung vom 14.05.2016. Am Ende des Artikels heißt es:

    Ragnarsdottír [Vorsitzende des Freiburger Gestaltungsbeirats] plädierte dafür, ein weiteres Grundstück gegenüber, am Durchgang zum Münster, wieder zu bebauen. Doch dieser Idee erteilte Baumgartner [Leiter der Immobilien- und Bauabteilung beim Erzbischöflichen Ordinariat] eine Absage, die Beschlusslage dazu sei klar und 'endgültig': 'Wir wollen das Gebäude gegenüber nicht wieder aufbauen.'

    Nun habe ich noch ein wenig über die frühere Bebauung dieser Grünfläche recherchiert. Da einige Bilder enthalten sind, habe ich den Beitrag im BKF veröffentlicht. Antworten darauf können natürlich auch gerne hier geschrieben werden.

    Neußer: Eine Bebauung dieser Grünfläche ist meines Wissens ausdrücklich nicht geplant. Eine Quelle finde ich gerade aber nicht. Den benachbarten Franziskanerinnen würde dadurch die Sicht aus der fensterreichen Giebelseite genommen und vielleicht wäre der Münsterblick, den der Saal im neuen Andlauschen Haus bieten soll, ebenfalls etwas beeinträchtigt.
    Davon abgesehen: Mit einer Rekonstruktion, sofern überhaupt möglich, wäre im Moment eh nicht zu rechnen. Da ist mir vorerst der Blick auf den Münsterchor und das Franziskanerinnenhaus lieber, so unhistorisch die Freifläche auch ist.

    @Rastrelli: Uff, ist das ermüdend. Beim König-Albert-Haus ist das Dach weniger steil, es geht wunderbar fließend aus dem Gesims hervor und hat wohlproportionierte Gauben. Die vertikalen Elemente der Fassade werden durch helle Flächen zwischen den Fenstern unterbrochen. Ein sehr schönes Haus!


    Auch bei Steibs Hof wieder die Unterbrechung der Erker durch helle Flächen.


    Thomaskirchhof 22 ist endlich ein passender Vergleich, was die dunklen Metall-Fensterrahmen betrifft und eben diese gefallen mir auch hier nicht so recht. Dafür ist die Fassade längst nicht so kantig wie beim Haus am Burgplatz oder der neuen Alten Post in Potsdam.

    @Rastrelli: Auf Stahlbauers Fotos habe ich tatsächlich nicht aufgrund guter Ortskenntnis verwiesen, sondern aufgrund ähnlicher Detailbilder im DAF. Vielleicht liegt der ungünstige Kontrast auf Herrn Geislers Fotos aber auch nur am hohen Sonnenstand. Ein solcher ergibt selten gute Ergebnisse.


    Weit auskragende Dachgesimse tragen in der klassischen Architektur normalerweise relativ flache Dächer, so in der Toskana und schon bei etruskischen Tempeln. Hohe und steile Dachgeschosse, wie beim Neubau am Burgplatz wirken darüber meist etwas unausgewogen, wie eine nachträgliche Aufstockung (siehe die neuesten Fotos von Stahlbauer im BKF). Beim Merkurhaus ist das Verhältnis zwischen Hauptgesims und darüber liegendem Geschoß harmonischer.


    Snorks Hochhausvergleiche waren schon richtig. Eine so deutliche Betonung der Vertikalen mit wenig ausgleichenden horizontalen Elementen kommt erst im modernen Hochhausbau auf.

    Das Herrnhuter Schulhaus wagt gar nichts. Das kann doch nicht der Anspruch von Architektur sein.

    In der heutigen Zeit ist ein Fassadenentwurf in barocken Formen, ohne witzige Zutat, leider durchaus ein Wagnis. In einem Forum für Rekonstruktionen und klassische Architektur sollte man das bemerkt haben. Allerdings ging es in Herrnhut, anders als in Leipzig, um die Reparatur eines barocken Stadtbildes. Man kann beides nicht gut vergleichen.


    Zuletzt auch von mir der obligatorische Satz: Bei aller Kritik an Details handelt es sich beim Haus am Burgplatz dennoch um einen guten Neubau.

    Als direkte Nachfolger wären da zunächst einmal die beiden Hahnentürme des Freiburger Münsters zu nennen...


    Aber Spaß beiseite: Letztlich könnte man wahrscheinlich jeden durchbrochenen Turmhelm nach 1330 anführen, ohne im einzelnen einen direkten Einfluß nachweisen zu können, oder? An Kirchen mit neugotischen Turmhelmen fallen mir außer den schon genannten das Berner Münster, die Wiener Votivkirche, der Prager Veitsdom und die Kathedrale von Barcelona ein.

    Auf dem von Rastrelli für Beitrag 1.261 ausgewählten Bild ist der Kontrast zwischen dunklem Dach und Festern einerseits und heller Natursteinverkleidung andererseits sehr hart. Dadurch erschlägt das Dach die Fassade optisch. Im BKF hat Stahlbauer jüngst zwei Bilder eingestellt, die den natürlichen Eindruck an den meisten Tagen des Jahres wahrscheinlich besser wiedergeben – und schon wirkt das Gebäude deutlich harmonischer.

    Zur Farbgebung: Ich habe neulich irgendwo gelesen, daß man bei einer Restaurierung in den 90er-Jahren das Rosa als Originalfarbe gefunden hat. Genauer gesagt: Der Putz war mit Ziegelmehl versetzt und dadurch durchgefärbt. Die Attikafiguren waren ursprünglich weiß gefaßt. Unter Schinkel wurde das Zeughaus ockerfarben gestrichen, so daß man lange dachte, gelber Ocker sei typisch für den Barock in Berlin gewesen.
    Die unterschiedliche Fassung der Säulen kommt mir auch seltsam vor.


    Wahrscheinlich war das hier die Quelle: https://berlingeschichte.de/bms/bmstxt96/9611gese.htm

    Selbstverständlich ist die Goldene Waage eine hervorragende Rekonstruktion. Bezüglich der Gestaltung der Innenräume möchte ich Götzenhainer aber zustimmen. Warum stellt man die wunderbaren Möbel auf plumpe fliederfarbene Podeste? Warum wurden die Wände teils so monoton gestaltet? Warum erhielten die Kastenfenster, gegen die generell gar nichts zu sagen ist, eine so moderne Gestaltung? All dies verfremdet das, was eigentlich gezeigt werden soll: bürgerliche Wohnkultur der Renaissance.
    Das Gegenbeispiel des Goethehauses ist sehr gut gewählt. Schon vor dem Krieg war kaum etwas original aus der Goethezeit also schon damals mehr Dichtung als Wahrheit und dennoch vermittelt selbst die Nachkriegsrekonstruktion das Gefühl der Authentizität. Der Schriftsteller Martin Mosebach, der als Abiturient im Goethehaus als Fremdenführer gearbeitet hat, beschrieb es in einer Rede, die in der FAZ abgedruckt wurde (28.8.2015), einmal so:

    Quote

    Die alten Herren, die mich in das Handwerk des Fremdenführens einwiesen, gaben sich nicht groß mit irgendwelchen scheinbar gesicherten Fakten ab, sondern versuchten vor allem, ihr Publikum zu unterhalten, das es zum größten Teil ja auch gar nicht so genau wissen wollte, das aber durchaus den Reiz empfand, in einem fremden Privathaus in die Küche zu gucken. […]
    Das wesentliche Bestreben dieser Führungen war, die Besucher vergessen zu lassen, dass das Haus eine Rekonstruktion war.

    Überhaupt bezeichnet er sich als „Freund der Rekonstruktionen“, denn:

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    Es ist das eine, die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu kennen, und ein anderes, zu sehen, in welchem ästhetischen Rahmen sie sich entfaltet hat.

    Um diesen ästhetischen Rahmen, das Gesamtkunstwerk geht es. Durch moderne Zutaten und Verfremdungen wird der Blick auf das authentisch Alte nur verstellt.

    Im Ausstellungskatalog "Friedrich Weinbrenner 1766–1826. Architektur und Städtebau des Klassizismus", Städtische Galerie Karlsruhe (Hrsg.), Michael Imhof Verlag, 2015 sind auf S. 281 ein Aufriß und Schnitt des Ettlinger Tores abgebildet, signiert vom Weinbrenner-Schüler Johann Jakob Dyckerhoff, 1806. Das Original liegt im Stadtarchiv Karlsruhe. Anhand des eingezeichneten Maßstabs habe ich einige Maße in einen nicht maßstabgerechten von mir dilettantisch gezeichneten Grundriß eingetragen. Die Maße sind in Fuß angegeben. Wie lang ein Fuß im damals neu gegründeten Großherzogtum genau war, weiß ich nicht. Ab 1810 waren es 30 cm. Hier der Grundriß, der gerne verwendet und verändert werden darf:
    Die Höhe betrug 50,9 Fuß, also ca. 15 Meter, wie kruk richtig schätzte.

    Danke für die Übersicht! Vom Generallandesarchiv Karlsruhe steuere ich wieder ein paar Abbildungen bei. Die Datierung der Fotografien schien mir teils nicht korrekt, weshalb ich sie nicht angegeben habe.


    1. Durlacher Tor
    Feldseite; Hofphotograph Th. Schumann & Sohn, Karlsruhe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-2015377-1
    Stadtseite; Lith. v. C. F. Müller in Carlsruhe, um 1830 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1678865-1


    2. Rüppurrer Tor
    Lithographie, W. Scheuchzer, gedruckt bei J. Velten, um 1830 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1684115-1


    3. Ettlinger Tor
    Stadtseite http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1078312-1
    Feldseite; Hofphotograph Th. Schumann & Sohn, Karlsruhe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-2015378-1


    4. Karlstor
    Lithographie, Druck bei J. Velten, um 1828 http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1684119-1
    Blick vom Karlstor in die Karlstraße nach Norden http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079755-1


    5. Mühlburger Tor
    Feldseite; Hofphotograph Th. Schumann & Sohn, Karlsruhe http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-2015379-1
    Torhäuser von SW http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079741-1
    Torhäuser, Ostseite http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079748-1
    Torhäuser von SO http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1078315-1


    6. Linkenheimer Tor
    Wachhäuschen http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079750-1
    nördliches Wachhaus http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-1079753-1

    Gut, daß Du an dem Thema dran bleibst, Geisberg! Ich habe mich auch an einem Plan versucht und dazu den von kruk verlinkten Bebauungsplan zugrunde gelegt:



    Die Ost-West-Fahrbahn wird so weit wie möglich verschwenkt. Weiter in die Kriegsstraße vorschieben kann man das Tor meines Erachtens nicht. Die Radwege wären sicherlich kein Problem. Sie könnten zwischen Säulen und Risaliten geführt werden. Die Karl-Friedrich-Straße müßte für Anwohner und Lieferverkehr zur Einbahnstraße werden. Problematisch wäre der enge Kurvenradius zwischen Tor und nördlicher Fahrbahn der Kriegsstraße. Bei einer Einbahnstraßenregelung in Richtung Süden müßte es aber gehen.