Posts by thommystyle™

    Je besser die Systeme umso höher die Zuversicht. Auch bedeutet Autonomie irgendwo Verlust an Resilienz. Fällt das Satelitensystem aus, Fahrzeuge ohne praktische Bedienelemente sind dann nutzlos, auf einen Schlag wäre die gesamte Logistik und Mobilität verloren. Ich sehe nicht, wie solche Effekte systematisch lösbar sind bei einem Endziel der vollständigen Automatisierung.

    Ich halte das für einen ganz interessanten und ich glaube auch oft in der Euphorie unterbelichteten Aspekt: Die sinkende Resilienz sowohl technischerseits durch die immer größeren gegenseitigen Abhängigkeiten, die bei (Teil-)Ausfällen umfallen wird wie Dominosteine.


    Aber auch die gesellschaftliche Resilienz durch die immer größere Bequemlichkeit und den Komfort in allen Lebensbereichen. Freilich ist das dann schon eine sehr futuristische, philosophische Fragestellung: Mit was beschäftigt sich eigentlich der Mensch den ganzen Tag, wenn ein Großteil des Lebens, der Arbeit, der Lebensmittelproduktion automatisiert ist und womöglich irgendwann das Energieproblem gelöst ist?

    Wobei man auch sagen muss, dass die Nordzeile nicht auf einmal abgerissen wurde, und erst der rechte, bescheidenere und etwas glücklicher proportionierte Teil ohne den Turm - korrespondierend zu der feinen Neogotik des alten Rathauses - gebaut wurde (anstelle des schmerzlichen Verlusts des alten Landschaftsgebäudes). Erst später, als der erste Teil des neuen Rathauses nicht mehr ausreichte setzte man mit dem linken Teil und dem monumentalen Turm noch einen oben drauf.

    Nun bei dieser Thematik mischen sich zwei ungute Strömungen: der Dogmatismus aus dem Denkmalschutz (Charta von Venedig, Dehio :opa:perpetuiert von Generationen von Denkmalpflegern) (in vielen Ländern wird das übrigens bei weitem nicht so dogmatisch gehandhabt, siehe Spanien, Italien oder England) und als zweite Player die ideologisch indoktrinierten Architekten. Da wird m.E. oft recht schnell klar, dass dort sehr wohl viel Ideologie mit im Spiel ist. Schon allein das Gefasel von demokratischer Transparenz durch möglichst viel Glas ist quasi vom Wintergarten des Dorfbürgermeisters bis zum Bundestag mittlerweile Legion. Bruch und Dekonstruktion sind der idologische Goldstandard der Architekten, der auf willige "Abnehmer" im Denkmalschutz trifft. Beides geht Hand in Hand (mit ganz wenigen Ausnahmen) und ganz besonders schlimm wird es oft, wenn Staat oder Kirche die Auftraggeber sind.


    Dass es anders geht, zeigt uns das just gestern eröffnete Levine Gebäude am Trinity College in Oxford:

    https://adamarchitecture.com/project/trinity-college-oxford/


    Quote

    The buildings are in two parts that share a common core, resulting in a compact plan and an overall scale that sits comfortably with its neighbours and with the listed buildings in the adjoining Conservation Area.

    The site is an extremely important historic feature of the College and the impact of the new building has been very carefully considered

    In Deutschland ist eine "careful consideration" des "impacts" in einer "Conservation Area" in diesem Sinne nicht mehr vorhanden. Im Normalfall kann man sich hierzulande gar nichts mehr anderes vorstellen, als einen möglichst krassen Bruch.


    (siehe Erweiterung Schloss Gottorf:

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    Gleichzeitig berücksichtigt die Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen die Vorgaben durch die Denkmalpflege, nach denen sich der Neubau deutlich vom Altbau abgrenzen muss.

    )


    Übrigens ist das Gebäude in Oxford kein "traditionalistisches" oder "historistisches" Gebäude im Sinne eines Entwurfs mit enger Führung in historischem Stil, sondern man merkt durchaus, dass es aus der Jetztzeit kommt. Und trotzdem ist es kein Bruch. (Hier ein Foto)


    (Da könnte unsereins höchstens noch geschmäcklerisch Fragen, warum man nicht gleich "in die Vollen" gegangen ist, wie vor einigen Jahren beim neuen Uhrturm des Harris Manchester College samt Torbogen (nicht allzu weit entfernt), Yiangou Architects, 2014:Harris_Manchester_College%2C_Oxford_%E2%80%93_Siew-Sngiem_Clock_Tower_and_Sukum_Navapan_Gate.jpgQuelle:Jonas Muschalski, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons


    Wenn man etwas näher am Thema bleiben möchte, kann man auch einen schönen Vergleich der Kathedrale von Bury St Edmunds nehmen:

    vorher

    nacher


    In Deutschland unvorstellbar, da werden zu angepasste Erweiterungen aus der Vergangenheit vom Denkmalschutz als wertlos und von der Architektenschaft als nicht zu wiederholender Unfall betrachtet, der eradiziert gehört, siehe u.a. Deutschhaus/Landtag in Mainz, Schloss Nymphenburg)


    Um nochmal auf zeitlos' ursprünglichen Beitrag zu kommen, den Vogel schießt Bürgermeister Schmidt ab:

    Bürgermeister Schmidt, der aus seinem Dienstzimmer täglich auf die Alte Kirche blickt, findet die neue Farbgebung gar nicht so negativ. Sie passt seines Erachtens sehr gut zu den Sitzstufen des neuen Rathausplatzes und wenn erst einmal die neue Regenrinne Patina angenommen habe, sei der Kontrast zur ehemaligen Kirche nicht mehr störend.

    Jeder Kommentar erübrigt sich da. Gut, dass es für die Nachwelt dokumentiert ist, falls nachfolgende Generationen mal fragen werden, wie so etwas möglich war.


    Vor ein paar Jahren gabs übrigens einen ähnlichen Fall im Schwarzwald (hier besprochen) : https://www.schwarzwaelder-bote.de/gallery.schoemberg-sakristei-in-schoerzingen-feierlich-eingeweiht

    Moderationshinweis: Offtopic-Diskussion entfernt.


    Um zurück zum Thema zu kommen: Ich denke nicht, dass das für die Frauenkirche selbst jemals relevant wird - wie Erbse geschrieben hat ein bisschen Clickbait - , für die Altstädte aber eben schon. In einem anderen Strang hatten wir dieses Testweise anbringen von Solarmodulen auf Altstadthäusern. Major meinte, das es gar nicht so schlimm sei, die Module seien ja immerhin schon farblich angepasst (ziegelrot) und überhaupt muss man den Leuten zugestehen auf "modernen Wohn- und Baukomfort" nicht zu verzichten. Ich bin bislang nicht überzeugt. Auch diese "angepassten Module" werden - zusammen mit vielen anderen Zumutungen, die die Altstädte bereits erdulden müssen - eine weitere Verschlechterung darstellen... Um so einfacher könnte es für die Befürworter solcher Anlagen in der Umgebung der Frauenkirche sein, da das dann als "nicht echte" Altstadt hingestellt werden könnte, bei der ein Schutz nicht notwendig sei...

    Doch heute noch soviele Sachen, Kunstwerke von oft nationaler Bedeutung, zurückzufordern um sie dann möglichst bald versteigern zu lassen um noch mehr Geld zu erhalten - da fehlen mir die Worte! (denke da auch an den Wettiner Schatzfund von Moritzburg) Die Nachfahren haben doch keinerlei Bezugspunkte mehr zu den historischen Dingen. Geld, Geld, Geld und wieder mal in der Öffentlichkeit stehen, darum geht es doch , oder?

    Genau, um nichts anderes geht es. Die raffgierigen Junker, die sich im Geld wälzen und auf goldenen Toilettenschüsseln sitzen und dazu noch die Paparazzi ins Haus bestellen... mannomann, fällt euch denn eigentlich gar nichts anderes ein, als diese Mischung aus DDR Propaganda und Yellow Press nachzuplappern?


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    Irgendwann sollte mal Schluss sein und als abgeschlossen gelten.

    Das ist der Sinn und Zweck der Initative: dass das ganze endlich abgeschlossen wird

    Lang hats gedauert, nun gibt es den neuen (dritten) Teil der Langzeitdoku zum Campus Galli:


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    Genau so hatte ich das auch in Erinnerung, wobei ich nie so ganz verstanden habe, was man an diesen Arkaden findet. Wie Leonhard schreibt wohl eher ein Reflex gegen den Investor, so haben sie eigentlich keinen Mehrwert - außer vielleicht als Regenunterstand. Vielleicht auch eine recht spät versuchte Umsetzung des Wiederaufbaukonzepts von Meitinger, der ja in seinem Plan Arkadengänge als prägendes Element in der Innenstadt vorgesehen hatte. Ästhetisch ist das ganze Gebäude, ob mit oder ohne Arkaden sowieso nicht diskutabel neben der alten Akademiefassade. Vor dem Krieg stand dort meines Wissens eine Fortführung der Akademiefassade aus dem 19. Jahrhundert.

    Vielleicht endet es dann so, dass die Künstler dann ganz leer ausgehen: Der Investor für das Kreativquartier zieht sich zurück, das Rechenzentrum kann aufgrund von Geldmangel nicht saniert werden und wird dann baupolizeilich gesperrt und steht jahrelang als nicht mehr nutzbare Ruine in der Stadtlandschaft...

    In Wasserburg versucht man im denkmalgeschützten Bereich in einem Pilotprojekt Solarfolien auf die Dächer zu kleben. Ich glaube in den nächsten Jahren werden die Verbote, die bislang noch gelten, Schritt für Schritt fallen.

    Sowohl bei den Folien als auch bei den sonstigen Alternativen, "die so aussehen wie..." wird man immer ein Problem haben: das altert nie und nimmer wie echter Ziegel, echtes Metall, echter Stein und wird daher wahrscheinlich immer künstlich wirken...


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    Passau, Wasserburg, Burghausen - historische Altstädte unter Denkmalschutz - aber wie soll Denkmalschutz eigentlich mit der Energiewende zusammengehen? Ein Pilotprojekt.

    In meiner Heimat im Altmühltal hat jetzt eine Stadt das bislang geltende generelle Verbot von Solaranlagen in der Altstadt aufgehoben, und für "von der Straße nicht einsehbare" Dachbereiche erlaubt. Da die Stadt aber rund herum von den Talrändern aus erhöhter Lage einsehbar ist, wird man das in Zukunft immer irgendwie sehen. Gespannt bin ich auch, wann dann die ersten Anlagen auftauchen, die man dann doch "von unten" auch sehen kann, weil man bei der Genehmigungsentscheidung gewisse "Blick-Standorte" vergessen hat zu berücksichtigen (oder vergessen wollte)...

    Wurde hier schon gefragt/angesprochen, warum die Gebäude allesamt so extrem schlicht sind und fast schon, ich will das böse Wort kaum ausprechen, entstuckt wirken?

    Ich hoffe, das sollte jetzt keine Polemik gegen die Beiträge sein, mit denen ich versucht hatte, deine Enttäuschung über Regensburg zu erklären. :tongue: Mir geht es ja selbst in manchen Ecken dort so.


    Mit Ausnahme des letzten Beitrages von Johan zeigen die vorherigen Beiträge oft Häuser aus den 20er/30er oder? Die gezeigten Gebäude paraphrasieren oft Gestaltungselemente aus früheren Jahrhunderten (z.B. Schweifgiebel). Äußerst gelungen!


    Hier sieht man auch, dass sehr einfache, reduzierte Gestaltungen große Wirkung entfalten...

    - Fenster, Fenster und nochmals Fenster; auf den Bildern ist fast kein Haus ohne mehrfach gegliederte Holzfenster zu sehen

    - Einfache Gliederung der Fassaden durch Lisenen

    - manchmal Fensterfaschen

    - abgesetzte, rustizierte Erdgeschosszone

    - gegliederte Dachzone

    - Türme und Erker

    - warme, keine grellen Farben

    - kein "Modeputz" wie z.B. dieser 60er-Jahre Kratzputz

    - kaum störende Reklame, Markisen oder sonstige unpassende Ladeneinbauten

    und was oft auch auffällt: man scheint hier oft auch noch Kalkfarben, selbst bei sehr "späten" Bauten zu verwenden, so dass die Farben leicht changieren und ein abwechslungsreiches, nicht monotones Bild entsteht...

    dazu kleine Plätze mit Grün, Point-de-Vues etc.


    Urbaner Städtebau fast wie aus dem Lehrbuch, oder?


    Es muss also absolut nicht großartig Stuck sein um zu einer harmonischen Gestaltung zu kommen. Offensichtlich waren da große Architekten am Werk und heute wird noch sehr viel Wert darauf gelegt, diese Ensembles in einem gepflegten und authentischen Zustand zu erhalten.


    Nur am Rande: in Regensburg schauen vergleichbare (denkmalgeschützte(!)) Siedlungen aus den 20ern so aus:

    Alte_Waldm%C3%BCnchener_Stra%C3%9Fe_47-51_Regensburg_2014.JPG

    (Johanning, CC BY-SA 3.0, wikimedia commons)

    Als Nichtdeutscher fällt es mir womöglich auch etwas leichter, Vergleiche anzustellen. Du wirst in meinem Land wenige Menschen finden, die das Verhältnis der Deutschen zu ihrem Vaterland als „gesund“ bezeichnen würden.

    Als Nichtdeutscher oder aber als Deutscher, der längere Zeit im Ausland verbracht hat. Kann ich jedem nur empfehlen - insbesondere den "Bunten" und "Diversen" unter uns, für einige Zeit ins Ausland zu gehen, also keine 3 Wochen Osteuropa-Rundreise oder zwei Wochen Oman oder Ägypten am Strand sondern ein Jahr oder länger, da öffnen sich ganz neue Horizonte und Einblicke, auch auf die Wahrnehmung des Heimatlandes. :wink:

    Ansonsten habe ich deine Aussage überhaupt nicht als Belehrung wahrgenommen, sondern als Beobachtung eines "Außenstehenden", die auch mit meiner im Prinzip übereinstimmt.

    Ich würde deine Beobachtungen aber tatsächlich nicht auf das ganze Volk schieben (sicherlich gibt es da auch Teil der so denkt), aber es ist doch größtenteils eine politisch-mediale-kulturelle "Elite", meist aus dem großstädtischen Milieu, die diese gedanklichen Verrenkungen, wie sie ein Matthias Alexander und andere Geistesgrößen des Feuilletons von sich geben, vordenken und verbreiten. Heiko Maas "ist wegen Auschwitz in die Politik gegangen" und Matthias Alexander findet, dass die "Klarheit" - vulgo die Leere - der jetzigen Paulskirche die richtige Antwort auf die Verheerungen des Dritten Reiches waren. Beide Aussagen haben ungefähr dasselbe Niveau und da steht dieselbe Denkweise dahinter. Aber so leer wie Paulskirche ist, so geistig leer sind auch solche Aussagen.

    In einem Punkt trifft der Autor voll ins Schwarze:

    Quote

    Phrasen lässt er besonders hohl klingen.

    weiter oben im Text schreibt er wie zum Beweis:

    Im Text klingt noch ein wenig zu sehr der Schaum vorm Maul durch, den er wohl hatte, als einige wenige angedacht hatten, diesen heiligen Gral des deutschen Feuilletons (also die Leere) wenigstens etwas, nur ganz leicht Richtung einer klassischeren Erscheinung anzupassen, von einer echten Rekonstruktion war meines Wissens sowieso nie die Rede...


    Dann darf jetzt der nächste modernistische Architekt hier und da ein paar (kleine) Häufchen im Gebäude setzen, in 30 Jahren wird dann die Diskussion erneut beginnen aufgrund des unbefriedigenden Zustands... sleep:)


    Hier nochmal die schöne Simulation des historischen Zustands vom ZDF:

    https://www.zdf.de/dokumentati…ive-commons-clip-102.html

    Bitte nicht falsch verstehen, mir gehts nicht darum, aus dem Vor-WKI/WKII Regensburg ein vermeintliches Bamberg zu machen von den Verhältnissen der Architekturdekoration. Aber es gibt für mich doch ein paar Indizien, die dafür sprechen, dass es in vielen Ecken so ausgesehen haben könnte, wie es am Fischmarkt heute noch aussieht, oder hier. Also gar keine große Stuckateurskunst, sondern hier Lisenen, dort Fensterprofile, am übernächsten Haus Fensterläden etc etc.


    Ein weiteres Beispiel hier, am Krauterermarkt:

    Wenn man dieser Lithographie von Samuel Prout von 1833 glauben darf, wurde hier ebenfalls eine reiche Rokoko-Fassade zerstört:

    Lithographie_-_Regensburg_-_Krauterermarkt_-_Prout_-_1833.jpg

    gemeinfrei, wikimedia commons


    Man erkennt auch links am Haus Heuport noch weitere Architekturdekoration, die Spiegel; um 1910 ("J. Dietl Fleischhacker") war das alles schon wieder weg bzw. vereinfacht:

    AK_-_Regensburg_-_Kr%C3%A4utermarkt_mit_Stra%C3%9Fenbahn_-_um_1910.jpg


    dafür sehen wir rechts Häuser mit gründerzeitlicher Dekoration, die wiederum heute nicht mehr existiert:


    1024px-Wei%C3%9Fe-Hahnen-Gasse_4,_Ansicht_Krauterermarkt_Regensburg_20180515_001.jpgTilman2007, CC BY-SA 4.0, wikimedia commons

    Lustigerweise hat man bei dem grünen Gründerzeitler (furchtbare Farbe eye:) ) die Dekoration auf der anderen Seite zur Goliathstraße hin auf der Fassade belassen.

    aber ein Wunder an Ornament war Regensburg sicherlich nie.

    Das eigentliche Problem der heutigen Altstadt Regensburgs liegt meines Erachtens darin, dass die Fassaden nach dem Krieg auf zu moderne und unsachgemäße Weise renoviert wurden, nämlich mit Zementputzen und Dispersionsfarben statt Kalk. Das hat den Häusern viel von ihrer Ausstrahlung genommen und gibt vielen von ihnen fast schon das Aussehen von Nachkriegsbauten. So eine mittelalterliche Stadt braucht eine Aura und die wurde, wie Ursus richtig angemerkt hat, mit dem deutschen Sauberkeitsfimmel gründlich ausgemerzt.

    Auch meine Sicht der Dinge. Ich möchte die Aufmerksamkeit nochmal auf diese Ansicht der Franziskanergasse von Bozen lenken. Auch absolut kein "Wunder an Ornamenten", Standardware, möchte man fast sagen, wahrscheinlich 19 Jh. Aber es verleiht der Gasse doch etwas malerisches, etwas was in Regensburg oft abgeht, trotz der immer noch vorhandenen Substanz.


    Ein weiteres Beispiel, bitte nicht auf das Hauptmotiv, die historische Wurstkuchl achten, sondern die beiden Häuser im Hintergrund:

    heute und damals, das weiße Haus direkt dahinter ist an der Fassade komplett abgeräumt, das Haus rechts daneben (nicht der Salzstadel ganz rechts im Bild) ist aber noch interessanter: es hat heute immer noch Stuck, aber auf dem historischen Bild kann man - wenn man genau hinschaut - oberhalb der Fenster Festons erkennen - womöglich also Zopfstil, ausgehendes 18. Jh. - und auch direkt unterhalb kann man ein Gliederungselement erkennen, wobei ich nicht mehr erkenne, um was es sich genau handelt, vielleicht ein Fassadenspiegel, und ein Stockwerk darunter sieht man eine Fensterbedachungen, das fehlt heute alles.


    Nächstes Beispiel: Zieroldsplatz. Dort hat eine Fassadenbemalung überlebt. Ich nehme stark an, dass man diese aufgrund von Befunden wiederhergestellt hat. Gleich links im verlinkten Bild sieht man einige "mittelalterliche" Fassaden, die mir aber verdächtig nach diesen Vorkriegssanierungen aussehen, als man die deutsche Gotik stärker hervorheben wollte und an gar nicht so wenigen Fassaden Fensterlaibungen aus Stein oder wie schon erwähnt sogar Spitzbögen eingefügt hat.


    Oftmals sind es auch kleine Details, die eine große Wirkung erzielen: Ein Haus am Neupfarrplatz Richtung Bachgasse war auch vor 100 Jahren schlicht, bis auf zwei Details: Fensterlaibungen aus Stein in den Obergeschossen und ein gegliedertes Erdgeschoss. Die steinernen Fensterlaibungen sogar samt Sprossenfenster existieren auch heute noch. Die simple, "in Streifen" (ich weiß den Fachbegriff gerade nicht) gegliederte Erdgeschosszone wurde "geglättet", blanke Fläche und ungegliederte Schaufenster. Das Haus schaut, obwohl wirklich nicht viel verändert wurde, heute irgendwie "nackt" aus. So sehr, das ich eben vermutet hatte, da sind größere Veränderungen daran vorgenommen worden, was nicht der Fall war. Die ursprüngliche simple Gliederung in der Erdgeschosszone lässt das Haus aber einfach wesentlich stimmiger aussehen.


    So denke ich, dass die Denkmalpflege damals eher darauf erpicht war, ein Gebäude oder Gebäudeteile möglichst auf ihren Urzustand oder früher nachweisbaren Zustand zurückzuführen.

    Genau, insbesondere in den 30er bis 60er war das der Fall. Das Beispiel Haus Heuport findet sich hier mit zwei Vergleichsaufnahmen vor und nach '35, als "gotische" Zutaten hinzugefügt wurden, auf der letzten Seite. Gut, da ist die Frage, ob das tatsächlich nachweisbar war. Wobei auf der Aufnahme, die mit vor '35 datiert ist, auch sonst kein Schmuck mehr zu erkennen ist, anders als auf der Lithographie oben.

    Umgekehrt kann ich mir gut vorstellen, das beim Goldenen Kreuz diese Pseudotudorgotik des frühen 19. Jh entfernt wurde, ebenfalls als denkmalpflegerische Maßnahme.


    Ich weiss nicht, wann die Restaurierung des 'Goldenen Kreuzes' stattfand, aber wenn ich die Bilder im folgenden Zitat betrachte, finde ich es fast eine Wohltat, was dort gemacht wurde

    Das ist ein wenig auch Geschmackssache. Die Gliederung, alles ein bisschen schief, schenkt dem Haus aus meiner Sicht noch ein bisschen mehr Charakter. Ich denke auch nicht, dass hier der Eindruck einer Kaserne entstanden ist. Dafür war der Bau von Haus aus zu unregelmäßig und die Fassadengliederung aus dem 19. Jh auch recht unregelmäßig, wenn man in das Foto von meinem letzten Beitrag reinzoomt, kann man das schön erkennen. Dass das nicht bauzeitlich und auch nicht die große Stuckateurskunst war, versteht sich von selbst. Solcherlei Analyse geht mir aber schon zu sehr in die akademische Denkweise. Oft ergibt sich der malerische ("romantische") Eindruck bei Häusern, die selbst recht "schief" und schon uralt (mittelalterlich) sind und zusätzlich dann eben in späteren Epochen nochmals versucht wurde, sie im Barock oder Biedermeier mit Stuck "aufzuhübschen".


    Eine Tradition von Fensterläden erkenne ich aber nicht.

    Das mag so sein oder auch nicht, (woran erkennt man eine Tradition von Fensterläden? viele Haken sind ja noch vorhanden...) Der Eindruck von Häusern mit Fensterläden ist jedenfalls wesentlich freundlicher und gliedert die Fassade auch noch mal. Muss es dazu dann unbedingt eine Tradition geben, wenn etwas passt? Aus denkmalpflegerisch-akademischer Sicht vielleicht schon, aus einer städtebaulichen Sicht der Dinge, die von Harmonie und Schönheit geleitet sein sollte, doch nicht wirklich, bzw dann kann man ja eine neue Tradition begründen... :wink:


    Vielleicht rührt ja auch daher auch ein wenig die Enttäuschung von Treverer, dass man eben dieses Malerische unterbewusst in der Erwartungshaltung hat, wenn man so eine alte und größtenteils erhaltene Stadt wie Regensburg besucht und sie an nicht wenigen Stellen dann doch recht überformt und überhaupt nicht mehr "romantisch" oder alt wirkt.


    Aber damit will ich es bewenden lassen. Die große Misere in Regensburg wurde ja schon angesprochen: viele, wenig sensible Sanierungen nach dem 2. WK (der deutsche Reinheitswahn war halt da immer noch omnipräsent in den Köpfen) und zusätzlich kommt dann noch - wie so oft - an vielen Stellen eine unpassende Straßenbelags- und Straßenmöblierungsgestaltung hinzu. Mit diesem Anblick am Eingang zur Altstadt kann halt auch ein Weltkulturerbe keinen Blumentopf gewinnen. Aber seien wir froh, sehr sehr viele Häuser stehen noch und vielleicht erbarmen sich die Besitzer und führen in Zukunft sensiblere Sanierungen durch. Und vielleicht steigt auch bei der Stadt in Zukunft wieder die Sensibilität in Hinblick auf die Straßengestaltung, nach der kleinen Katastrophe in der Max.straße, die ja auch von den dort ansässigen Händlern mittlerweile massiv kritisiert wird...

    (Über das Hotel Karmeliten, auch eigentlich ehemals in der Altstadt gelegen, brauchen wir uns nicht mehr unterhalten, das durfte vor wenigen Jahren abgerissen werden, trotz gut erhaltener Substanz. Entstuckter Anblick vor dem Abriss und zur Entstehungszeit. Beim Nachfolgebau hätte man mit ein wenig mehr (Qualität) viel erreichen können, aber da ist die Stadt viel zu willfährig gegenüber den Investoren gewesen…)

    @Major, diese Häuser zeigen ja auch alle mehr oder weniger den "Rücken" und nicht die Hauptfassade. Das Bild ist deshalb m.M.n nicht so aussagekräftig. Grundsätzlich habe ich diese Info aus einer kleinen Reportage, die vor Jahren mal im BR gelaufen ist, dort war es ein (Kunst?)Historiker, der das formuliert hat. Wenn mich nicht alles täuscht, ging es da eben genau um diese sogenannten "Entschandelungen". Dazu wurden auch Beispiele gezeigt. Ob das nun "breitflächig und bedeutend" - wie du schreibst - passiert ist, weiß ich nicht, aber es gibt in der Altstadt eben tatsächliche viele Fassaden, die mir viel zu kahl für ihre Lage und Größe vorkommen. Ich halte es für sehr schlüssig, dass die Händler, Kaufleute, Patrizier im Barock und später ihre Fassaden reicher dekoriert haben, auch wenn die große Zeit der Stadt da längst vorbei war. Genauso schlüssig halte ich es, dass man den Stuck später entfernt hat.

    Ich versuche mal, ein paar Beispiele zu bringen.

    (Im gründerzeitlichen Bereich außerhalb der Altstadt war es ganz sicher so, ein Beispiel welches mir immer wieder ganz besonders aufgefallen ist und auffällt ist direkt neben dem alten Posthof am Galgenberg (im Bild rechts zu sehen), dort gibt es mehrere radikal entstuckte Gründerzeitler. Auch der Bahnhof ist ein prominentes Opfer der "Säuberung". Auch sonst findet man etliche Gründerzeitler, die leergeräumt wurden.)

    Wie gesagt ich halte es für absolut schlüssig, dass im Zuge dieser "Modernisierungs- und Purifizierungswellen" auch einige Fassaden in der Altstadt zum Opfer gefallen sind. Wo ich mir auch ganz sicher bin, ist bei den fehlenden Fensterläden, weil man bei vielen Häusern eben die Haken noch sehen kann. Zusammen mit besser gegliederten Fenstern wäre eine Wiederanbringung schon mal eine enorme Aufwertung für viele Häuser.


    Edit: Ein Beispiel, dass ich auf die schnelle finden konnte: Das Goldene Kreuz heute, in der Vergangenheit mit Stuck, in der Vergangenheit mit Stuck und Fensterläden. (die Fassaden gegenüber sind auch alle etwas vereinfacht worden)

    Beim gelb gestrichenen Haus rechts nebenan sieht man schön die vereinfachte Fenstergliederung und die fehlenden Fensterläden.

    Dieses Haus (wohl aus der ersten Hälfte des 19. Jh) am Neupfarrplatz ist ebenfalls vereinfacht.


    Man vergleiche mal die reiche Rokoko-Fassade (Restaurant "Weiße Rose") am Neupfarrplatz links im Bild einst:

    499px-Regensburg_Neupfarrplatz_1892.jpg

    und heute. Wohl ein frühes Opfer in der Gründerzeit und später nochmal zu seinem Ungunsten verändert. Auch das Eckhaus rechts der Mitte ("Engel-Apotheke") wurde zwar nicht komplett entstuckt, aber doch vereinfacht. Von den zwei Abrissen und deren mediokren Ersatzbauten ganz links und ganz rechts in diesem Bildausschnitt wollen wir gar nicht reden.

    Ansonsten, ich habe mal ein paar Bilder von dem eher gelungenen Neubauprojekt in der Altstadt gemacht ("Karree am Donaumarkt"):


    Aus diesem Winkel verdeckt gerade ein Schiff gnädigerweise die größte Bausünde in der Altstadt seit dem Kaufhof am Neupfarrplatz.

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    Ja, auch hier gäbe es viel zu kritisieren, u.a. die Eintönigkeit der plastischen Fassadengestaltung und die hunzmiserable materielle Qualität derselbigen (alles "hohl", also alles mit Polysterol verkleidet, man sieht auf Bildern oben die vielen Ausbesserungen, die es wohl schon gegeben hat), die Rolläden, die Glasbrüstungen, die eintönige Platzgestaltung zur Donau hin etc aber da ja direkt nebenan ein gigantischer Furunkel die Silhouette "bereichert", will man da gar nicht zu streng sein.


    Da kampieren gerade ein paar "Klimastreikende*/:_innen" vor diesem architektonischen Elend direkt nebenan, immer noch absolut unfassbar, wie die Stadt dazu "ja" hat sagen können:


    39045-bavariathek-museum-der-bayerischen-geschichte


    39035-bavariathek

    Nun wurde heute ein Rundgang durch die Altstadt bei Youtube hochgeladen...und nach betrachten von diesem, muss ich ehrlich gesagt gestehen, dass ich ziemlich enttäucht und entzaubert bin. Da steht aber jede Menge Nachkriegsschrott in der Altstadt herum. Sie wirkt nicht, wie eine gar nicht oder kaum vom Krieg berührte Stadt, sondern erinnert mich mit ihren zahlreichen Nackriegseinsprengseln, teils extrem unsensibel, eher an teilzerstörte Städte, wie meine Heimatstadt, Trier.

    Ihr habt beide recht. Ich war gestern zufällig mal wieder in Regensburg und kann deinen Eindruck durchaus ein Stück weit nachvollziehen. Zur Enttäuschung gibt es allerdings keinen Grund, denn:

    die Kernaltstadt zählt zum Bedeutendsten und Geschlossensten, das D aufzuweisen hat.

    Die größten Lücken sind am Neupfarrplatz/Umgebung und am St.-Georgen-Platz/Donaumarkt und im Vergleich zur Gesamtaltstadt trotz der herben Verluste doch vom Anteil an der Gesamtsubstanz her (nicht jedoch vom visuellen Eindruck) eher vernachlässigbar.

    Das Problem m.E. in Regensburg ist, das man bereits seit den 30ern bis in die 60er und womöglich sogar darüber hinaus versucht hat, die Fassaden in der Altstadt erst zu "entschandeln" also auf einen vermeintlichen Originalzustand (das ging soweit, dass man in der Vorkriegszeit Spitzbögen in die Fassaden eingebaut hat) zurückzuführen, später dann, in den 60er ist das dann unter Label Modernisierung gelaufen. Man hat also den Stuck aus Barock, Biedermeier und Gründerzeit auf den mittelalterlichen Häusern (und den Gründerzeitlern außerhalb der Altstadt) radikal abgeräumt und dementsprechend haben heute viele Häuser einen eher herben Charme. 60er-Jahre-Kratzputz und ungeteilte/zweigeteilte Fenster finden sich sehr oft insbesondere in den vielen Gassen. Dazu kommt dass von dem ehemals reichen Bestand an Fassaden mit Fensterläden (erkennt man an den oft noch vorhandenen Einhängehaken) so gut wie nichts übrig ist (also die Häuser stehen noch, aber von den Fensterläden ist nichts übrig). Als Gegenbeispiel finde ich da Bozen immer recht passend, dass hat ja auch einen mittelalterlichen Kern, aber dort wirkt das in vielen Bereichen doch etwas freundlicher. Dort hat es offensichtlich keine "Entschandelungen" und keine Wohlstandsmodernisierungen a la Früh-BRD gegeben.

    Das beschreibt freilich nur grobe Tendenzen in meiner Wahrnehmung, in Regensburg gibt es auch den wunderbaren Haidplatz wo man nicht ganz so stark gewütet hat und in Bozen dafür das unsäglich Diözesanzentrum und das Pfarrheim unmittelbar neben dem mittelalterlichen Dom sowie den Dominikanerplatz ...

    Naja, zwar ist Mäckler kein klassischer Architekt, aber man erkennt bei ihm durchaus immer wieder den Willen, Architektur jenseits modernistischen Einheitsbreis zu liefern, zusätzlich haben viele seiner Fassaden durchaus auch eine gewisse handwerkliche Qualität. Gerade seine Hochhäuser wie der Opernturm und der Tower 185 zeigen, wie sich Hochhäuser in einen urbanen Kontext einbinden lassen (Blockrandbebauung, keine ausschließliche Glasfassade). Ja, auch er hat schon öfters daneben gegriffen, wie z.B. bei seinem „Zoofenster“, aber insgesamt für den großstädtischen Kontext, für den er zumeist baut, doch oft ordentliche Ergebnisse geliefert.


    Zusätzlich ist er wenigstens zu einer Selbstreflexion über die Misere seines Berufsstands fähig, etwas was gefühlten 95% der Architekten total abgeht.


    Also so ganz wie vonSalza sehe ich bei Mäckler das auseinanderklaffen zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht.


    Die Bilder, die Joseph eingestellt hat, zeigen hingegen wirklich die drögeste aller möglichen Bauformen im kleinstädtischen Umfeld. Bauen nach (Baumarkt-)Katalog und DIN Norm, absolut null Qualitätswille, Gestaltungswille nur innerhalb von willkürlichem Stapeln von Rechtecken im Quadrat und umgekehrt, Provinz ohne jeglichen Anspruch, von Garmisch bis zur Nordseeküste die selben belanglosen Kisten und Kuben. Und - um mal den Bogen zurück zum Strangthema zu spannen - wie grottig diese Architektur tatsächlich ist, erkennt man auch gerade an den Fenstern und deren Platzierung in der Fassade. Lieblose Wegwerfarchitektur, die keine zwei Generationen überleben wird. Freilich, oft ist ein Architekt an gewisse Sachzwänge gebunden, Kundenwünsche, Budget etc und doch zeigen die Bilder eine besondere Form der Anspruchslosigkeit, die mit den Aussagen des Herrn aus dem Film besonders stark kontrastieren. (Gerade wenn es solche Einschränkungen seitens des Kunden gibt, wäre es die ureigenste Aufgabe eines Architekten, daraus etwas präsentables zu machen. Es gibt durchaus Architekten, die dazu fähig sind.)

    Bei so viel Geschwurbel musste ich lachen. :lachen: Diese ganze Phrasendrescherei ("Disneyisierung", "neo-nationale Bauten", "Biedermeier sind müde Demokratinnen") übertüncht nicht die geistige Leere dieser "Horsts". Die passende Antwort von Alexander Wendt auf diese geistigen Tiefflieger hat ja Maecenas bereits gestern gepostet. Ansonsten: schade, dass die Allgemeinheit verpflichtet ist, solchen "Journalismus" zu finanzieren.