Posts by Snork

    Dieses Dokument zeigt doch ziemlich deutlich, wie normale Bürger so denken und empfinden und was sie sich für eine Stadt wünschen. Kleinteiligkeit, am besten auf den historischen Parzellen. Wertige Materialien. Gerne Bezüge zur Geschichte des Ortes, beispielsweise auch mit punktuellen Erinnerungsbauten wie in Potsdam und Frankfurt. Das kommt doch recht gut mit den Zielen und Idealen des Stadtbild-Vereins zur Deckung und wird als Ausdruck der vom Senat ja so gerne hochgehaltenen Bürgerbeteiligung hoffentlich seine Wirkung haben. Interessant...

    Östlich der Heidestraße, entlang der kleinen Seitenstraße Lydia-Rabinowitsch-Straße und dem Otto-Weidt-Platz, wurden in den letzten Jahren Wohnbauten fertiggestellt, die ich im Folgenden zeigen möchte. Nach Osten hin wird das Quartier vom Berlin-Spandauer Schiffahrtskanal begrenzt. In diesem Quartier wurde ein Straßenbild in typisch gründerzeitlichem Maßstab geschaffen: Der Rhythmus der Fassaden, die Hausbreiten, die Bürgersteige, Straßenbäume, Fahrbahnbreiten entsprechen dem bekannten gründerzeitlichen Muster. Insbesondere das Büro von Max Dudler hat, wie ich finde, durchaus einige Bauten beigetragen, die dem dortigen Stadtbild einen positiven Akzent verleihen. Nun, wo viele Wohnungen bezogen wurden und auf den Balkonen und Loggien menschliches Leben erkennbar wird, finde ich diese Straßenzüge recht angenehm. Weniger schön ist eigentlich nur die relative Nähe zur vielbefahrenen Heidestraße.


    Blick von der Heidestraße Richtung Osten, hinten bereits der Kanal:


    Europacity Berlin 2020


    Bei den Dudler-Bauten wurden keine Riemchen an den Fassaden angebracht, sondern vorgefertigte Backstein-Fassadenelemente (ca. 1 cm dicke, in Zement eingebettete Backsteinplatten auf Beton) in einer doppelschaligen Wand:


    Berlin Europacity 2020


    Lydia-Rabinowitsch-Straße - die Nordseiten der eben gezeigten Häuser:


    Berlin Europacity 2020


    Berlin Europacity 2020


    Berlin Europacity 2020


    Berlin Europacity 2020


    Blickrichtung Westen:


    Berlin Europacity 2020

    Heinzer: Du hast mit allem Recht, was Du dazu schreibst. Ich habe Dein Zitat genommen, weil es durchaus repräsentativ für das Meinungsbild hier im Forum ist, und es als Anlass genommen, mir das etwas genauer anzusehen.

    In der Tat ist es wohl schwer, in den Bauten der Europacity etwas typisch Berlinerisches zu erkennen. Vielleicht müssten das Auswärtige und spätere Generationen entscheiden. Allerdings ist eine fehlende Regionaltypik im engeren Sinne - also als direkt erkennbarer Baustil eines Ortes - wohl generell ein häufiges Merkmal der Architekturgeschichte. Stile haben sich ja eher in größeren geografischen Regionen ausgeprägt, mit Ausnahme vielleicht der Bauten einzelner Architektenpersönlichkeiten, die vorwiegend an einem Ort wirkten bzw wirken (wie Gaudi in Barcelona, Otto Wagner in Wien, oder heutzutage auch die Patzschkes, Höhne, Nöfer, Kollhoff und andere in Berlin).

    Manch einem mag aufgefallen sein, dass in Berlin sehr viele modernistische Neubauten ein weiße Fassade haben. Mir sind über diesen Trend zu sehr hellen Farben im Städtevergleich keine statistischen Erhebungen bekannt. Allerdings muss man wissen, dass noch bis in die nuller Jahre hinein Dunkelgrau eine in vielen Straßenzügen in Berlin dominierende Fassadenfarbe war, durch die vielen jahrzehntelang unrenoviert gebliebenen, vergrauten Kratzputz- und Originalfassaden der Gründerzeitler. Heute ist Berlin eigentlich keine graue Stadt mehr, die vielen hellen Neubau-Fassaden und natürlich die Altbausanierungen haben dies großteils kompensiert. Warum derzeit teilweise wieder WDVS-gedämmte Neubauten im Wohnbausegment grau angestrichen werden, kann ich nicht so recht verstehen. Schlimme Farbe.


    Das Hauptquartier von 50Hertz am südlichen Ende der Heidestraße, fertiggestellt 2017. Rechts angeschnitten der Tour Total. Hinter dem 50Hertz das schlicht gehaltene gründerzeitliche Hinterhaus des Sozialgerichts, welches bereits nördlich an der Invalidenstraße liegt. Links in einer Lücke der Hamburger Bahnhof, heute Teil der Nationalgalerie, Kunst der Moderne.


    Europacity Berlin 2020


    Nördlich angrenzend das Haus der Apothekerverbände von Kleihues+Kleihues - durchaus klassisch-traditionelle Baukunst mit ansprechend gegliederter Natursteinfassade.


    Europacity Berlin 2020


    Direkt nördlich angrenzend steht das folgende Bürogebäude, welches einen leichten Knick der Heidestraße in seinem Fassadenablauf aufnimmt:


    Europacity Berlin 2020

    Beginnen wir mit dem Schlechten: das "Hochhaus am Europaplatz" direkt nördlich des Hauptbahnhofs - dort wird bereits am Fundament gearbeitet. Hochhäuser bieten durchaus die Möglichkeit zur Schaffung herausragend guter, städtebaulich bedeutender architektonischer Bauwerke. Als wichtiges Beispiel fällt mir der Kollhoff-Tower am Potsdamer Platz ein. Hier am Europaplatz hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, einen markanten positiven Akzent in der Gegend zu setzen. Doch die Chance wurde ganz offensichtlich vertan. Schon der Architekturwettbewerb ließ nichts Gutes ahnen - ausgewählt wurde ein immerhin noch in puristisch-modernem Filigranstil gehaltener Bau des Münchener Büros Allmann Sattler Wappner Architekten. Der Entwurf wurde anschließend anscheinend noch einmal überarbeitet und deutlich verschlechtert, so dass das Ergebnis wohl einfach nur noch ein x-beliebiges, recht belangloses International-Style-Hochrechteck sein wird, wie man es zuhauf auch in Städten wir Bogota oder Jakarta findet. Diese Verschlechterung der Ergebnisse von Architekturwettbewerben nach der Entscheidung ist ein wirklich deprimierender, fast schon betrügerischer Vorgang. Schade, dass es anscheinend kaum eine Architekturkritik gibt, kein Feuilleton, welches sich für diese Art profitorienierter "Schummelei" zulasten des Stadtbilds und damit der Allgemeinheit interessiert.

    Aber gut, ich würde mal vermuten, dass weder der Vorher- noch der Nachher-Entwurf das ist, was mehrheitlich hier im Forum Gefallen findet. Ich kann's verstehen.


    Wettbewerbsergebnis


    Bauschild:


    Europacity Berlin 2020


    Blick Richtung Norden vom Vorplatz des Hauptbahnhofs. mittig hinten der Tour Total von 2012, benannt nach einem Mineralölkonzern, rechts das Amano-Hotel.


    Europacity Berlin 2020


    Hier noch ein Überblick über die Europacity zur Orientierung. Für das Hochhaus direkt rechts neben dem Hauptbahnhof wurde noch nicht einmal ein Wettbewerb ausgeschrieben, da der noch in Bau befindliche S21-Tunnel direkt unter dem Grundstück verläuft. Das oben erwähnt Hochhaus am Europaplatz ist auf dieser Übersicht nicht eingezeichnet. Es liegt direkt an der Invalidenstraße. Für das 2. abgebildete Hochhaus rechts neben dem Bahnhof gibt es m.W. keine aktuelle Planungen mehr, das 3. ist der erwähnte Tour Total.

    Das Gebiet um den Hauptbahnhof ist wirklich von einer ausnehmenden Tristesse, auch die sich nördlich anschließende Europastadt/city(?) strahlt eine unheimliche Sterilität und Seelenlosigkeit aus.

    Ist das so?

    Ich war erst gestern in der Gegend und habe einige Eindrücke gesammelt, die ich mit Euch teilen möchte. Ich verfolge die Entwicklung des Hauptbahnhof-Areals seit Anfang der 90er Jahre. Vieles Richtige, Treffende wurde in diesem Strang bereits geschrieben, auch zur historischen Entwicklung hin zur heutigen Situation - ich möchte daher auch auf die sehr informativen Vorbeiträge in diesem Strang verweisen und mich auf die Gegenwart konzentrieren.

    Kurz zusammengefasst: als Musterbeispiel für triste und entseelte, abschreckende moderne Architektur taugt der Hauptbahnhof, sein Umfeld und die Europacity nicht unbedingt. Man muss es wohl fairerweise differenziert betrachten. Auch heute gibt es Architekten, die sich um eine gute Architektur im Stadtbild bemühen, Beispiele werde ich noch liefern. Auch die Stadtplanung kann man nicht in Bausch und Bogen verurteilen. Hinzu kommt, dass Vieles einfach noch nicht fertiggestellt, geschweige denn vollständig belebt ist. Dies betrifft insbesondere auch die westliche Fassung des Humboldhafens, die unmittelbare Bahnhofsumgebung und die nördliche Europacity.

    Der Bahnhof selbst ist in meinen Augen faszinierend, lebendig und schön - so schön und gelungen, wie moderne Architektur eben im Idealfall sein kann. Nach außen hin fehlt etwas eine stringente durchkomponierte Fassade, so wie sie die alten Berliner Bahnhöfe hatten. Im Inneren hingegen ist der Bahnhof großzügig, es gibt keine engen, schmuddeligen Gänge oder Ecken; der freie Blick im Innenbereich von den Hochgleisen der Stadtbahn bis hinunter zu den tiefen Gleisen und Bahnsteigen ist eine der wirklich beeindruckenden Perspektiven, die ein Verkehrsbauwerk nur bieten kann. Anders als bei vielen andere Bahnhöfen in Deutschland gibt es um den Berliner Hauptbahnhof keine Schmuddelzonen, wenig Dreck, Müll, kaum Verwahrlosung, offenen Drogenkonsum oder sichtbare Obdachlosigkeit.

    Nach Süden hin öffnet sich der Washingtonplatz weit in Richtung Spreebogen. Nahebei sind viele Brückenbauwerke. Hier ist das meiste fertig. Problematisch ist nach wie vor die Nordseite und der Übergang zur Europacity - auch heute noch zu großen Teilen Baustelle, deren Fertigstellung nicht zuletzt auch durch die sich lange hinziehenden Arbeiten an der S21 verzögert wird. Hier befindet sich auch der Schwerpunkt des oberirdischen Verkehrs, die breite Invalidenstraße und die Straßenbahn.


    (Fortsetzung folgt, bitte um etwas Geduld...)

    Königsbau hat Recht, in Berlin muss man auch heute noch einen besonders respektlosen Umgang mit gründerzeitlichen Bauten feststellen. Dies betrifft leider nicht einmal periphere Lagen (dort geht man eher respektvoll mit Altbauten um), sondern vorwiegend die großen gründerzeitlichen Quartiere innerhalb des S-Bahn-Rings. Besonders schlimm ist der Umgang mit entstuckten Fassaden, diese sind quasi vogelfrei. Man hat diesen Häusern einst durch die Entstuckung ihre Würde genommen, sie haben Bombenkrieg und Verfall überstanden - und die Reaktion in unserer heutigen Zeit besteht nicht etwa darin, nun auf diese geschundenen, historisch wertvollen, mehr als 100-jährigen Bauten besonders achtzugeben, sie zu schützen, ihnen vielleicht sogar ein wenig der verlorenen Würde zurückzugeben. Nein, sie dürfen auch heute noch nach Lust und Laune verunstaltet werden. Kein Parlament, keine Verwaltung, keine Denkmalbehörde macht einen Finger für sie krumm. Die Medien interessieren sich nicht dafür. Proteste gibt es so gut wie nicht.


    Mantikor hat mir erlaubt, hier nochmal Fotos von ihm aus einem Beitrag von Juli einzustellen, vielen Dank dafür:


    Fotos von Mantikor, Berlin-Prenzlauer Berg 2019


    Danziger Straße 55, Prenzlauer Berg - der Anblick mag bei empfindlichen Menschen Migräne, Niedergestimmtheit, gar epileptische Anfälle auslösen.


    Schönhauser Allee 43 a - wer will solche albernen Fassadenbilder sehen?


    Fotos von Mantikor, Berlin-Prenzlauer Berg 2019


    Eigenes Foto, Bergmannkiez - noch nicht einmal ein besonders schlimmes Beispiel:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Ebenfalls Bergmannkiez - alles ist erlaubt...


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Wohin diese Respektlosigkeit gegenüber dem Stadtbild führt, kann man in den öffentlichen Anlage sehen - Verwahrlosung, Müll. Hier ein paar Eindrücke vom Mittelstreifen der einst würdevollen Gneisenaustraße im Kreuzberg:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20

    In der Solmsstraße hat sich ca. 2012 im Rahmen einer energetischen Sanierung eine besonders üble Fassaden-Schweinerei ereignet, die bereits damals im Deutschen Architektur-Forum dokumentiert wurde. Beim Haus Nummer 31 wurde eine völlig intakte gründerzeitliche Fassade abgestuckt (StreetView zeigt noch die Fassade vor der "Sanierung" - links von dem Haus mit dem Elefantenrüssel) und eine WDVS-Dämmung mit unpassendem Styropor-"Stuck" sowie Balkone an die Stelle gesetzt. Dies führte damals allerdings zu einzelnen öffentlichen Protesten.


    Gemeint ist das Haus links von dem mit dem Elefantenrüssel:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Es reicht nicht im Entferntesten an die Qualität der Originalfassade heran. Ob die Energieeinsparung über den einstelligen Prozentbereich hinausgegangen ist, wage ich zu bezweifeln.


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Straßenseite gegenüber:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Über die Initiative, die die Verunstaltung dieses Hauses und andere Fassadenzerstörungen im Rahmen energetischer Sanierungen damals mit einem offenen Brief kritisiert hat, berichtete die Berliner Morgenpost in einem Artikel; andere regionale und überregionale Zeitungen und sonstige Medien zeigten kein Interesse.

    Nun könnte man den Einwand erheben, dass wir Stadtbild-Foristen nun mal geschmäcklerische Snobs seien, der großen Mehrheit der normalen Menschen die Farbgebung von Hausfassaden aber ziemlich egal sei. Warum also soll nicht jeder Hausbesitzer sein Haus anmalen können, so wie ihm gerade zumute ist? Die Antwort lautet: weil es den meisten Menschen eben nicht egal ist, sie sich jedoch nicht zu Wort melden. Weil es respektlos gegenüber dem historischen Stadtbild ist, eine Hausfassade nach Lust und Laune und zugunsten des eigenen wirtschaftlichen Vorteils zu verunstalten. Weil eine verwahrloste, rücksichtslos verunstaltete bauliche Umgebung die Qualität des sozialen Miteinanders beeinträchtigt und den Wert aller anderen Immobilien dort beeinträchtigt. Weil ein Hausbesitzer, der es sich einfach macht und eine billige und lieblose Gestaltung für seine Immobilie wählt (bzw wählen darf, weil kein Denkmalamt oder Bezirk ihn daran hindert), die Motivation anderer Hausbesitzer in der Umgebung untergräbt, Geld in eine qualitativ hochwertige und bauhistorisch passende Sanierung zu investieren.


    Warum viel Geld in die aufwendige Erhaltung dieser opulenten, stadtbildprägenden Stuckfassaden investieren ...


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    ... wenn der Nachbar sich offenbar jede Albernheit erlauben kann:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Warum Aufwand betreiben mit der Restaurierung schmiedeeiserner Balkongitter ...


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    ...wenn der Nachbar nur einen Bruchteil der Kosten für seine feuerverzinkten Balkongitter aufbringen musste...


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Und warum die entstuckte Fassade nicht gleich totsanieren ...


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    ... während ein paar Häuser weiter der Nachbar sich bemüht, der entstuckten Fassade mittels Gesimsen, Fensterverdachungen und einer angenehmen Farbwahl wenigstens einen kleinen Teil ihrer ursprünglichen Würde zurückzugeben:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20

    Eigentlich ist es erstaunlich, dass es hierzulande für einen Großteil des gründerzeitlichen Baubestandes keinerlei Vorgaben für die gestalterische Qualität bei Fassadensanierungen gibt. Obwohl diese Bauten inzwischen mehr als 100 Jahre alt sind, gibt es - um hier beispielsweise für Berlin zu sprechen - für die meisten zwischen 1871 und 1918 erbauten Häuser keine Gestaltungssatzungen und keine Zuordnung zu Denkmalbereichen oder gar eigenen Denkmalschutz.

    Bei Gründerzeitlern mit Putzfassade wird etwa alle 25-70 Jahre zwangläufig eine Sanierung fällig - die Hausbesitzer sind also ohnehin in der Situation, Geld für die Überarbeitung der Gebäudefassaden auszugeben. Aber sie erhalten keinerlei Vorgaben, nicht einmal eine Handreichung oder sonstige Hinweise, welches Erscheinungsbild ihrer Immobilie für das Stadtbild passend, historisch angemessen und wünschenswert wäre. Das Ergebnis der Sanierung, die Farbwahl, der Umgang mit der Ornamentik, ist mehr oder weniger Glückssache. Dennoch wird die Mehrheit der Hausbesitzer auf Grund eigener Bildung und Geschmackssicherheit, vielleicht auch dank der Empfehlung der sanierenden Firma eine irgendwie passende Gestaltung für ihr Objekt finden. Oft genug aber auch nicht. Einzelne traurige, teils niederschmetternde Ergebnisse misslungener Sanierungen sollen in diesem Strang dokumentiert werden - in der vagen Hoffnung, diese Beklagung möge nicht vergebens sein. Aber dazu ein andernmal mehr.

    Beginnen möchte ich mit Berlin-Kreuzberg, weil dort der Kontrast zwischen den perfekt sanierten gründerzeitlichen Altbauten im Denkmalbereich rund um den Chamissoplatz (Denkmalkarte) südlich der Bergmannstraße, und den nicht minder wertvollen, aber völlig ungeschützten benachbarten Straßenzügen um die Solms- und Zossener Straße nördlich der Bergmannstraße geradezu schmerzlich ins Auge fällt.


    Zossener- Ecke Bergmannstraße, am Marheinekeplatz ... eines weiteren Kommentars bedarf es wohl nicht:


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20


    Zur Bergmannstraße hin ist bei diesem Gründerzeitler sogar noch teilweise der Stuck vorhanden. Eine Beratung bei der Farbauswahl unter Berücksichtigung des umgebenden Baubestandes scheint es für diesen Hausbesitzer nicht gegeben zu haben.


    Berlin-Kreuzberg 29.8.20

    Lieber Pagentorn, ich sehe es auch so, dass dieses sehr interessante Thema nicht des genannten Zusatzes im Titel bedarf. Es mag ja auch Zerstörungen durch Deutsche gegeben haben, die es ebenso wert sind, im Forum dokumentiert zu werden, aber für die man dann ja wiederum einen eigenen Strang eröffnen müsste. So kommt alles hier unter.

    Sehr geehrter von Zieten, mein Eindruck ist schon, dass Sie darauf vertrauen können, dass eigentlich alle in diesem Strang diskutierenden Forumskollegen Ihrem und Papentorns Anliegen, zu einer Rekonstruktion des für das Bremer Stadtbild so wichtigen Ansgari-Turms zu kommen, mit grundsätzlicher Sympathie gegenüberstehen. Durch Ihre Initiative haben Sie sicher mehr als je zuvor seit der Zerstörung dafür getan, dem schmerzlichen Verlust anhaltende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und so überhaupt den Boden für eine mögliche Wiederherstellung des Turms zu bereiten. Ich finde dieses Engagement sehr gut und hoffe mit Ihnen, dass Ihre durchaus idealistisch-romantische und patriotische Idee einmal realisiert wird. Auf dem Weg dahin gilt es natürlich, den real vorhandenen Hindernissen offen und nüchtern ins Auge zu sehen, um weiterhin die richtigen Bretter zu bohren und sich nicht in nutzlosen Nebenkampfplätzen zu verausgaben.

    Grundsätzlich finde ich, dass Sie mit der in diesem Strang geäußerten Kritik gelassener umgehen könnten und sollten. Nehmen Sie diese als eine Art kostenloses Coaching, welches Sie Ihrem Ziel tatsächlich näherbringen kann, indem es Ihnen hilft, möglichen Einwänden in der "wirklichen Welt" sachkundiger und souveräner entgegentreten zu können. Wirklich böse meint es hier, glaube ich, niemand mit Ihnen. Es ist besser, wenn hier in diesem Forum alle wichtigen Einwände und Hindernisse auf dem Weg zur Rekonstruktion besprochen und erwogen werden, als wenn Sie später in einer öffentlichen Diskussion einen für Sie neuen Einwand zu hören bekommen, der Sie direkt in Schwierigkeiten bringt.

    Im Baunetz findet sich noch eine Bilderstrecke.

    Auch der Tagesspiegel berichtet etwas ausführlicher.

    Obwohl noch keine Visualisierungen der übrigen eingereichten Entwürfe gezeigt wurden, muss man wohl wieder einmal zu dem Schluss kommen, dass der am wenigsten schlimme Entwurf ausgewählt wurde. Dem 2. Preis mit der Glasfront wäre mit Sicherheit kein würdiges Altern beschieden und erinnert zu sehr an x-beliebige Bürobauten. Der 3. Preis von Bruno Fioretti Marquez scheint mir in seinem edel-puristischen Design ganz annehmbar - man sieht aber sofort, dass die direkte Einbeziehung der Rückwand des historischen Portalbaus in die Fassade diesem Würde und Wirkung nimmt. Der 1. Preis hingegen lässt den Portalbau frei, macht gar einen Bogen um ihn.

    Das Backstein-Fassadenmaterial macht auf den Visualisierungen einen soliden, lebendigen und schönen Eindruck und wird schon alleine für eine gewissen Aufwertung dieser niederschmetternd unurbanen Gegend (StreetView) in nur ca. 400 m Entfernung vom Potsdamer Platz sorgen. Dort kann es eigentlich nur noch besser werden. In direkter Nachbarschaft befindet sich ein Sportplatz (auf dem früheren Bahnhofshallengelände), das wohl ebenfalls als Bausünde anzusehende Tempodrom und einige wirklich unfassbar monströse und hässliche Bauten der 60er und 70er Jahre. Eine Blockrandbebauung existiert dort nur noch in Resten. Im Gegensatz zum Potsdamer Platz verirren sich nur wenige Touristen und überhaupt kaum Passanten hierher.

    Am besten wäre es natürlich, dieser ganzen Gegend durch einen Rückbau der eklatanten Bausünden und Fehlplanungen der Nachkriegsjahrzehnte und angemessene Neubauten im Blockrand ihren einstigen urbanen Charakter zurückzugeben. Dass hier mitten in der Stadt ein solch trister Unort existiert, ist traurig. Ein hässlicher, toter Ort, von dem man eigentlich nur weg will. Schlechter noch als die Hochhäuser an der Leipziger Straße, die wenigstens noch eine gewisse urbane Qualität aufweisen. Nur die Portalruine des Anhalter Bahnhofs erinnert daran, dass hier einmal ein ganz anderer städtischer Raum war. Daran wird auch das Exilmuseum nicht viel ändern.

    Gegenüber entsteht übrigens das Dokumentationszentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung.

    Es ist meiner Meinung nach schon in Ordnung, dem Themenbereich Exil ein Museum zu widmen, auch wenn dieses keine eigene Sammlung hat und sich die doch etwas abstrakte Materie in einem musealen Setting möglicherweise nicht sehr eingängig wird darstellen lassen. Aber gut, man weiß vorher nie so richtig, wie erfolgreich ein Museum sein wird. Manche Museen laufen erstaunlich gut, obwohl es dort eher wenig Spektakuläres zu sehen gibt, so die Topografie des Terrors nahebei.

    Es mag eine Marginalie sein, aber hier sieht man, wie Stuck nach vier Jahren aussieht, der statt aus der traditionellen Formmasse gegossen mit dem Brotmesser aus der Dämmung geschnitten und mit einem Spritz-Dünnputz überzogen

    wurde.

    Gibt es denn Belege für diese Behauptung? Warst Du dabei?

    Es mag ja sogar bautechnische Gründe geben, ein hängendes Dekorationselement aus weniger "edlem" Material anzufertigen - beispielsweise unter dem Gesichtspunkt eines geringeren Gewichts, wodurch eventuell die Verbindungsstabilität verbessert werden kann. Leichtere Baustoffe müssen ja nicht in jedem Fall eine geringere Haltbarkeit haben, zumal der Überzug aus mineralischer Zementschlämme auch die Verbindung umfasst.

    Es ist auch kein Geheimnis, dass in der Bautechnik oft ökonomische Aspekte eine Rolle spielen. Schon die alten preußischen Baumeister waren gut darin, Bauoberflächen edler aussehen zu lassen, als sie ihrem Material nach waren. Was wie Ziegel oder Marmor aussah, war nicht selten angestrichener Putz. Auch international und zu allen Zeiten ist und war es oft genug so, dass man dort, wo es konstruktiv nicht notwendig erscheint und optisch keinen Unterschied macht, preiswertere Materialien verwendet.

    Wo ich Konstantin Recht geben muss, ist, dass es sicherlich fraglich ist, ob ganze aus Dämm-Material mit Putzoberfläche gefertigte Fassaden mit Gesimsen (wie an den Seitenflügeln des Barberini zur Havel hin) nach Jahrzehnten überhaupt noch oberflächensaniert werden können oder nicht doch komplett abgenommen und erneutert werden müssen. Hier fehlen einfach noch die Langzeiterfahrungen.

    Ihren Höhepunkt erreicht die Wilhelmstraße am Rand des Hochufers. Rechts das 2018 eröffnete "First", links das bereits leergezogene Kurhaus, Baujahr 2000, welches abgerissen und durch einen weiter oben im Strang bereits erwähnten Neubau ersetzt werden soll...


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Das "First", durchaus qualitätvoll ausgeführt:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Ansicht vom Hochufer - die etwas seltsam wirkende aufgeständerte Turmspitze wurde offenbar dem Original nachempfunden:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Ansicht des 1995 abgerissenen "Strandhotels" von 1899 in einem Schaukasten:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    hier nochmal das erst 20 Jahre alte Kurhaus:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Blick auf die Seebrücke, 1992-98 wiedererrichtet:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Blick Richtung Norden über den Strand, am Horizont die Halbinsel Jasmund mit den Kreidefelsen:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    So geht es hinter dem "First" Richtung Süden weiter:


    Sellin auf Rügen, August 2020

    Folgend ein etwas besserer Bau der letzten Jahre. Würde der ganze Ort aus Bauten wie diesem und dem letzten bestehen, wäre wohl der ganze Zauber dahin.


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Ein weiterer, etwas besserer Vetreter des Neo-Bäderstils:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Mal wieder ein Altbau zum Vergleich:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Links die immer noch sehr schöne, wenngleich modern überformte "Villa Theres", rechts ein durchaus origineller Neubau...


    Sellin auf Rügen, August 2020


    ... mit seinen spindelförmigen Säulen und den ambitioniert zurechtgesägten Balkonen:


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Sellin auf Rügen, August 2020


    Zwischendrin dieses 1905 erbaute nordische Blockhaus, jetzt Teil einer Hotelanlage:


    Sellin auf Rügen, August 2020