12. Das „Paulügium“

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    „Paulügium“ ist der treffendere Begriff für das Menetekel, an dem fünf Jahre über den gesetzten Termin hinaus am Leipziger Augustusplatz immer noch zu Lasten der Steuerzahler geflickschustert wird und das nach Angaben der Bauherren mit dem vorher Gezeigtem bereits 250 Millionen Euro verschlingt. Dabei muß man wissen, daß die Universität Leipzig auch nach der „Wende“ überaus wohlwollend finanziell bedacht wurde, da schon vorher etwa eine Milliarde DM in ihre Erneuerung ihrer Einrichtungen gesteckt wurden.

    Nähern wir uns wieder von der objektiven Seite diesem Gebäude, wo behauptet wird, es soll an die Leipziger Paulinerkirche, die am 30. Mai 1968 intakt gesprengt wurde, erinnern.


    Paulinerkirche Situation 1968


    Situation 2014


    Paulinerkirche Situation 1968


    Situation 2014


    Paulinerkirche bereits mit Sprenglöchern 1968


    Situation 2014


    Situation Westseite 1968


    Situation Westseite 2014


    Der Kreuzgang um 1900 (Südseite, rechts Innenhof) nach einer Zeichnung von Curt Schuch


    Der Kreuzgang vom Augustusplatz aus 2014

    Ein weiterer im wahrsten Sinne des Wortes einschneidender Fakt ist im Vergleich zur historischen Luftaufnahme und zum Modell des vorherigen Punktes zu sehen. Wie dort dargestellt, umfaßte die Grundfläche der Paulinerkirche den Bereich über die verlängerte Ritterstraße hinaus. Doch die Ausmaße der Paulinerkirche von 66 Metern Länge und bis zu 33 Meter Breite wurden mutwillig abgehackt zu Lasten von der Universität Leipzig ungünstig verpachteter Flächen. D.h. der Umstand, den bereits Nobelpreisträger Professor Günter Blobel rügte, daß folgenschwere Fehlentscheidungen gegen den Studienbetrieb und Universitätsinteressen getroffen wurden, wird hier erkennbar. Man betrachte hierzu auch die jetzigen Innenhofseiten und die Eingangsbarriere von der Grimmaischen Straße aus.

    Da die Paulinerkirche nie entwidmet wurde, konnte folglich mit den ersten Gottesdiensten auf der Baustelle ihre Widmung unter großer Anteilnahme von Bevölkerung wieder aufleben. Ein Rechtsgutachten belegt zudem die Rechtswidrigkeit der Ambitionen in der Leipziger Universitätsleitung für eine Vermanschung „funktionaler Universitätsräumlichkeiten“. D.h. die Wunschvorstellungen der weiter aktiven SED- und Spitzelkader in der Universität Leipzig nebst ihrer neobolschewistisch ausgerichteten oder erpreßbaren Mitläufer, dort auf den Gräbern zu tanzen, den Raum für multifunktionale Bankette zu vermieten und sonstigen Schnickschnack auszuhecken, um die Paulinerkirche somit vergessen zu machen, werden nicht in Erfüllung gehen.

    Was nun aber in Erfüllung geht bei der Verhinderung des eigentlichen Wiederaufbaus der Leipziger Universitätskirche St. Pauli muß auch noch kurz beschrieben werden. Denn es gab 1936 bereits Pläne von Lossow und Meissner zur „nationalsozialistischen Umgestaltung“ der Paulinerkirche.

    Diese weisen eine große Affinität zu dem auf, was gegenwärtig entsteht. Im Gegensatz zur Zeit bis Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy, wo der Kirchenraum mittig im Sinne der Gemeinde ausgerichtet war, setzen die 1936er Pläne wie die jetzigen auf eine Frontalausrichtung des Raumes. Zudem wird der Raum seiner Individualität entkleidet, und die Epitaphien werden an den Rand gedrängt. Selbst die Kanzel verschwindet aus dem Langhaus als schmückendes Beiwerk. Daß man über 75 Jahre danach sogar noch weiter geht, indem man z.B. mit einer Aquariumglaswand Ausgrenzung betreibt, war in der ersten deutschen Diktatur sicherlich nicht zu ahnen.

    Nun fragt sich mancher angesichts der Bilder zur Universität Leipzig 2014, wie man überhaupt zu solchen Planungen und überhaupt solchen Realisierungsabsichten kommt. Wie konnte es so weit kommen? Was sind die eigentlichen Hintergründe?

    Die SED wollte im Sinne Lenins die Religion im wahrsten Sinne des Wortes beseitigen und alles mit ihr verbundene, auch bürgerliche Werte, auslöschen. Dabei verließ sie ethische Grenzen, die in diesem Falle selbst die Nationalsozialisten nicht überschritten. Diese Kernaussage, daß sie damit in Wahrheit ihre eigenen Ideale, ihren eigenen Anspruch und ihre Existenzberechtigung verlor, durfte einfach nicht sein.

    Die Leipziger Universitätskirche St. Pauli war das Symbol und der Schlüssel dafür. Die ersten Pläne ihrer Beseitigung gab es schon Anfang der 1960er Jahre. Die eigentliche Vorbereitungszeit währte aber über vier Jahre. Diese Zeit wurde von den Tätern intensiv genutzt, um Dokumente nicht nur aus Bibliotheksteilen der „Karl-Marx-Universität“ Leipzig zu ziehen, Agitation und Propaganda für eine sozialistische Pseudozukunft auszumalen und insbesondere Bildung durch ideologischen Haß und Scharfmacherei zu ersetzen. Folgerichtig wurde seitens SED+Stasi mit der planmäßigen und systematischen Ausschlachtung von Kulturwerten begonnen. Mit der Aktion „Licht“ Anfang der 1960er Jahre beginnend mit der Öffnung von Banktresoren, der Suche nach Schätzen auf Firmengeländen und in Schlössern folgten in der Region Leipzig mit der Zerstörung ganzer Dörfer durch die Abbaggerung von Braunkohle die Plünderung von Gebäuden, Kirchen und Friedhöfen nach allem Werthaltigem und beim Klassenfeind Vermarktbaren. Im Musikviertel traf es auch Gründerzeitbauten und nach der Paulinerkirche die Matthäikirche sowie weitere Objekte.

    Jedoch war und ist die Paulinerkirche etwas Besonderes. Sie war nach dem Angaben des Denkmalpflegers Dr. Hans Nadler die Grabstätte für ca. 800 Persönlichkeiten. Und so wurde die Geheimoperation der Raubgrabung in der Paulinerkirche am Wochenende vor ihrer Sprengung mit dem anonymen Verscharren derjenigen, die die Universität, Leipzig, Sachsen und die wissenschaftliche Welt über Jahrhunderte beförderten, zum größten Kulturverbrechen in der Geschichte der DDR.

    Der Universität Leipzig wurde damit auch mutwillig ihrer Geschichte beraubt!


    Die damit in Verbindung stehenden Straftaten sind bis heute nicht aufgeklärt, auch nicht, ob es neben Verletzten damals auch Tote gab. Zwar meint der Fraktionsvorsitzende der Linken, Dr. Gregor Gysi, daß „die Sprengung der Universitätskirche scharf kritisiert werden muss“, aber bei der Aufarbeitung grundlegender parteieigener Verbrechen, gerade da sein Vater Dr. Klaus Gysi in dieser Zeit als Minister für Kultur der DDR (1966-1973) aktiv war, tritt großes Schweigen ein. Einsatz für nationales Kulturgut gemäß Genfer Konvention, für Aufklärung von schwerster DDR-Staatskriminalität und für Gerechtigkeit – weit gefehlt. Die Genossin Kersten Naumann alias Steinke geht als Vorsitzende des Bundestagspetitionsausschusses in ihrem Umfeld sogar noch weiter, indem von einer „abgerissenen“ Leipziger Universitätskirche gesprochen wird.

    D.h. statt Aufklärung von Verbrechen und damit Wiedergewinnung von Kulturwerten geht es weiter nur um Vertuschung mit allen Mitteln und Kadern. Das Totschweigen, die Bildungsunterdrückung und die Lüge wurde und wird organisiert. Die SED- und LDPD-Schreiberlinge des einstigen SED-Lokalblattes unterbanden freie Berichterstattungen. Störer wurden für Veranstaltungen und Foren eingesetzt. Neobolschewistischer Mob wurde für Aktionen organisiert. Bis zur Postkontrolle in bewährter Stasi-Manier boten die Genossen vieles auf, womit sie sich in den letzten beiden Diktaturen auf Kosten des Volkes im Staat durchfraßen. Der vormalige Rektor, Mitglied von NSDAP und SED, Prof. Lothar Rathmann, lobte in seiner Jubelrede im Jahre 1984 zum 575. Universitätsjubiläum diesen Nährboden mit 5.800 Kommunisten an der Spitze der „Karl-Marx-Universität“ Leipzig für die kommunistische Zukunft.

    Bis zur „Wende“ 1989 war die Paulinerkirche ein völliges Tabuthema. Sonst schritt sofort das Rektorat der „Karl-Marx-Universität“ ein. Damit fehlt den folgenden Generationen das nötige Wissen. Doch statt diese Bildungslücken zu schließen, erzählte der SED-Professor, Dr. Thomas Topfstedt, den Studenten im Konzil 1999 nicht etwa über seine eigene Rolle 1968 oder über die Qualität der vernichteten Universitätsgebäude und Kulturgüter, sondern er setzte sich nur dafür ein, Bildung, Vorschläge und entsprechende Wiederaufbaupläne zur Paulinerkirche und weiteren Universitätsbauten unter den Tisch fallen zu lassen. Auch der ehemalige Rektor, Professor Cornelius Weiss, glänzte nach tschekistischen Prinzipien (Desinformation war ein gebräuchliches Mittel des KGB), indem er behauptete, der Wiederaufbau würde eine Milliarde DM kosten (wobei damals noch 100 Millionen Euro geplant waren). Weitere der reichlich belasteten und legendierten Professoren und Kader der ehemaligen „Karl-Marx-Universität“ betätigen sich weiterhin, um auf Staatskosten Wissenschafts- und Bildungsunterdrückung zu leisten, vom einstigen SED-Kader Dr. Ralf Schulze, der schon zu DDR-Zeiten als „wissenschaftlicher Sekretär“ im Rektorat angestellt war bis zu langjährigen Block-CDU-Partnern der SED an der Universität.

    Die Folgeergebnisse haben wir gesehen. Die Universitätsleitung um Prof. Volker Bigl und Peter Gutjahr-Löser ließ nicht nur 27 Nobelpreisträger abblitzen, sondern sie stellte auch derartige Forderungen für den Wettbewerb auf, daß renommierte Architekturbüros auf eine Teilnahme verzichteten. Die gewollte Überfrachtung des Geländes bei gleichzeitiger Verpachtung dringend benötigter Räumlichkeiten für den Studienbetrieb war nur gezieltes Kalkül, um den Wiederaufbau der Paulinerkirche ad absurdum zu führen. Alles andere war nebensächlich. Es sollten nur schnellstens Tatsachen geschaffen werden – vom Bauzaun mit Bewachung bis zur Fertigstellung. Daß man dabei gegen Landesgesetze und die Verfassung des Freistaates Sachsen verstieß – abgesehen von tausenden Protestbriefen, die spurlos in der Sächsischen Staatskanzlei verschwanden – war bekannt. Symbol dafür, wie man in Sachsen Archäologie betreibt, ist u.a. dieses Foto:


    Gemäuer des Fürstenhauses Grimmaische Ecke Universitätsstraße, 12.06.2007

    Während für den City-Tunnel Monate zur archäologischen Freilegung und entsprechendes Personal zur Verfügung stand, dreidimensionale Messungen auf zwei Zentimeter Genauigkeit vorgenommen wurden, kam bei dem historisch wertvollen Areal von der Universitätsstraße bis zum Augustusplatz die von der Sächsischen Staatsregierung kreierte „Laufschrittarchäologie“ zum Einsatz. Entweder fehlten die Archäologen gänzlich oder sie traten nur punktuell in Erscheinung.


    Ausschnitt vorderer Bereich Paulinerkirche vom 30.08.2007

    Zugießen von Kellerräumen, Rausreißen von historischen Mauern und Abtransport mit unbekanntem Ziel, Negieren von Fundstellen – im Jahre 2007 ausführlich auch öffentlich dokumentiert. Der damalige Ministerpräsident Prof. Dr. Georg Milbradt hüllte sich in Schweigen.

    Dabei hätten die Beteiligten wissen müssen(!), wo Fundstellen zu erwarten waren. Die 1969 gesetzte Grundplatte umfaßte nur einen Flächenteil der Paulinerkirche. Und auch darunter werden noch Gruftteile vermutet.


    Blick auf einen Teil der Fläche von Paulinerkirche und Augusteum 1969 , (Film- und Bildstelle K-M-U Leipzig)

    Das einzige, was positiv vermerkt werden kann, ist, daß Nachfolgegenerationen genug zu tun haben, um die verbliebenen historischen Fundstellen dann fachgerecht und ohne ideologische Verblendung und ohne Repressalien zu sichern. Denn was die Juroren letztlich als „großen Wurf“ zum Sieger kürten, ging nicht in Erfüllung. Daß dort jetzt laut Siegermodell ca. 20 Meter hohe Bäume im Innenhof stehen sollten, sei nur marginal vermerkt.


    Wettbewerbssiegerentwurf 2004, Seitenansicht von der Grimmaischen Straße aus gesehen

    Entscheidend war für die im Hintergrund agierenden Genossen nur, daß das gesamte Gräberareal der Kirche, wo sich die Grüfte der derzeit anonym Verscharrten befanden, total ausradiert sein sollte. Dafür wurden zweistöckig Autoparkplätze prämiert! (Letztlich kam es aber nur zu Fahrradaufhängungen, die von den Studierenden ungern genutzt werden.)

    Nichts sollte mehr erinnern an Johannes Otto Münsterberg, den ersten Rektor der Universität Leipzig, an Dr. Paul Luther, den jüngsten Sohn von Martin Luther, an Gottsched und hunderte von Persönlichkeiten der Universität, Leipzigs und der wissenschaftlichen Welt, die hier über Jahrhunderte ihr letztes „Ruhekämmerlein“ gefunden hatten.

    D.h. hier geht es nicht etwa um nach dem II. Weltkrieg geraubte Kunstschätze der Universität Leipzig, die die „Freunde“ in die Sowjetunion mitgehen ließen und die bis heute weiter in Rußland liegen.

    Hier geht es um Geschehnisse der 1960er Jahre, wo es keine Ausreden gibt, SED- bzw. DDR-Staatskriminalität nicht aufzuklären. Und es ist eine generelle Frage der Ethik. In diesem Zusammenhang sprach Nobelpreisträger Prof. Günter Blobel von einer Talibanisierung in Deutschland.

    Denn was ist noch von einer alma mater übrig, wenn ein Jurist als Rektor seine Amtsvorgänger verleugnet? Was ist, wenn die jetzige Rektorin, Frau Prof. Beate Schücking, ebenso ihre vielen, zum Teil sehr berühmten Arztkollegen verleugnet und damit letztlich die Verbrechen legitimiert?

    Was ist mit einem Genossen OBM Burkhard Jung, der gesetzesverletzende Tätigkeiten ebenso nicht nur schweigend tolerierte, sondern Fördergelder aus dem Konjunkturpaket II dafür verschwendete, Verbrechen weiter zu deckeln?

    Das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn nicht alle gewußt hätten, daß sie sich wie bei „Des Kaisers neue Kleider“ für Realitätsverlust, Betrug und Lüge starkmachen. Denn jedes Kind bzw. alle Studierenden konnten die teuren Schildbürgerstreiche gedruckt sehen.


    Sonderveröffentlichung der Universität Leipzig vom 18.10.2008 (39,9 cm x 28,6 cm)

    Danach strahlt die Sonne hell aus dem Norden in einen glatten, leeren Raum, wo sich Säulen im Nichts auflösen und einige Gestalten mit „Ostschatten“, teils durchsichtig, beziehungslos durch die Gegend laufen oder herumstehen. Das ist das gegenwärtige Niveau der Universität Leipzig. Zu dem ominösen Text wird abschließend nochmals Stellung genommen.

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