Posts by Ein_Hannoveraner

    Ich wohne in der Nähe und bin ganz froh über den geplanten Umbau, so wird eine mindestens fünf Jahre dauernde Großbaustelle vermieden und es werden Ressourcen geschont. Der Entwuf gefällt mir, mehr kann man aus dem Bestand meiner Meinung nach nicht herausholen. In der unmittelbaren Nachbarschaft wurden übrigens zwei schlichte Putzbauten (ein in den 1930er Jahren stark vereinfachter Gründerzeitler sowie ein Neubau aus den 1950er Jahren) größtenteils verklinkert, was nun eine gute Korrespondenz zur Marktkirche, zum alten Rathaus und auch dem mit Klinkern belegten Pflasterungen ergibt.

    Der Blockteil, den das ehemalige Horten-/ Kaufhofgebäude einnimmt, bestand vor der Kriegszerstörung überwiegend aus durchschnittlichen Fassaden des frühen 19. Jahrhunderts bis hin zum Jugendstil, allein das von Spörckensche Haus an der Schmiedestraße wäre vielleicht aus gestalterischen und geschichtlichen Gründen ein Reko-Kandidat gewesen, vielleicht noch das Kaufhaus Sältzer - aber mit welcher Nutzung?

    Gamba - besten Dank für die Aufklärung.

    Wenn man mal so darüber nachdenkt, ist es ja völlig verrückt, Dächer, Kirchenglocken und Denkmäler für Waffen einzuschmelzen. :gehtsnoch:

    Erstmal finde ich es überhaupt verrückt, Kriege zu führen - besonders seit der Industrialisierung gehen der Menschheit dadurch Unmengen wertvoller Ressourcen verloren...

    Im I. WK war man in Deutschland nach drei Kriegsjahren 1917 in einer echten Notlage. Zwar wurden Geschütze mittlerweile aus Stahl hergestellt, aber die Geschosshülsen mussten weiterhin aus Messing oder Bronze hergestellt werden, da sie beim Durchlaufen und Verlassen der Geschützrohre eine hohe Geschmeidigkeit haben müssen. Es wurden für die stetige Produktion der Munition also Unmengen Kupfer, Zinn und Zink benötigt. Diese Ressourchen waren in Deutschland und den noch befreundeten Ländern nur in verschwindend geringen Mengen förderbar, das meiste wurde in den Kolonien der damals feindlichen Staaten gefördert, war also für die Deutsche Rüstungsindusrie nicht mehr verfügbar. Die Reserven waren Anfang 1917 aufgebraucht, der Krieg wäre in wenigen Monaten nach Ausbleiben des Munitionsnachschubes definitiv absehbar verloren gewesen - dies besonders nach dem Kriegseintritt der USA im April 1917. Nun wurde nach allem gegriffen, was aus diesen Metallen hergestellt und nicht überlebenswichtig war - Kirchenglocken, Denkmäler, Kupferdächer, aber auch z. B. zinnerne Bierglasdeckel, die damals weit verbreitet waren. Am 1. März 1917 erfolgte daher eine pauschale Beschlagnahme sämtlicher Kirchenglocken aus Bronze in Deutschland. Nach sensiblen Auswahlverfahren wurden ca. 50.000 Glocken - die meisten erst seit 1850 gegossen - ausgebaut und eingeschmolzen, die Kirchengemeinden bekamen angemessene Entschädigungen für das Metall und die Ausbaukosten. Nur ca. 200 haben diese Aktion überstanden, was beweist, dass die Bronze tatsächlich gebraucht und verarbeitet wurde. Die meiste Bronze dürfte also noch heute in flandrischer Erde liegen, wo es die stärksten und längsten Kämpfe gegeben hat.

    Im II. WK sah dies anders aus, da wurden bereits im Sommer 1940 vorsorglich sämtliche Glocken registriert und die Beschlagnahme angekündigt. Diese verzögerte sich durch die (aus Deutscher Sicht) positive Kriegslage, es konnten erst mal Metallreserven und Förderungen der besetzten Länder geplündert werden... Erst mit der Stagnation des Russlandfeldzuges kam es dann im Frühjahr/ Sommer 1942 zum Ausbau und Abtransport der beschlagnahmten Glocken durch die Kreishandwerkerschaften, sie wurden auf Sammellagern verbracht. Die bekanntesten lagen im Hamburger Hafen und wurden im Volksmund als "Glockenfriedhöfe" bezeichnet. Diesmal traf es auch ältere, sowie künstlerisch oder musikalisch wertvollere Glocken, allerdings gab es verschiedene Wertkategorien, die der Reihenfolge nach eingeschmolzen werden sollten. Entschädigungen sollten die Kirchengemeinden erst nach dem "Endsieg" erhalten, hingegen wurde das Metall vom Reich an die Schmelzhütten verkauft, dadurch also zusätzliche Einnahmen für die Kriegskasse generiert... Nach Kriegsende standen z. B. noch ca. 17.000 Glocken in Hamburg auf den Lagerplätzen. Zum einen kamen die Schmelzhütten, auch bedingt durch den Luftkrieg, nicht mit der Verhüttung hinterher, zum anderen zeigt dies auch, dass das Metall doch nicht so dringend benötigt wurde, und die Beschlagnahme auch als eine Repressalie des Regimes gegen die Institution Kirche gesehen werden kann. So waren z. B. auch sog. Glocken-Abschiedsfeiern, die im I. WK überall und sehr emotional begangen wurden, 1942 per Erlass verboten.

    Tja, bei mir in der Marktkirche Hannover sind wir dann den Titel "größte Kirchenglocke Norddeutschlands" (e°, 10.360 kg, Dm. 2,46 m, 1960 von F. W. Schilling/ Heidelberg) los... OK...

    Es geht wahrscheinlich auch darum, in der katholischen Hochburg Hildesheim dem Dom (Cantabona f°) noch eins draufzusetzen...

    Dann aber bitte auch bald die seit 1917 fehlende es° für St. Petri in Hamburg...

    Der Abbruch der Villa Willmer erfolgte 1970 und wurde durch ein Immobilienentwicklungsunternehmen veranlasst, die Familie Willmer konnte das für sie völlig überdimensionierte Anwesen wirtschaftlich nicht mehr halten und musste verkaufen... Für 1 Mio. DM hätte es die Stadt Hannover übernehmen und nach erforderlichen Sanierungsarbeiten z. B. ein Kulturzentrum einrichten können, Musikschule o. ä. . .... wurde aber abgelehnt, u. a. da der tatsächliche Aufwand der erforderlichen Sanierung von verschiedenen Seiten sehr unterschiedlich bewertet wurde. Ein weiterer Grund mag die ablehnende Haltung gegenüber jeder Historismus-Architektur seitens des damaligen Stadtbaurats Hillebrecht (einem Protagonisten der "autogerechten Stadt"...) gewesen sein.

    Es gab kurz vor dem Abbruch Demonstrationen und eine öffentliche Protestliste, die sogar von fast allen damals in Hannover namhaften Architekten unterschrieben wurde. Auch eine Besetzung durch Studenten war bereits geplant. Die Abbruchgenehmigung wurde seitens der Stadt an einem Freitagmittag erteilt, am folgenden Montagmorgen standen seltsamerweise schon die Abbruchgeräte arbeitsbereit da...

    Das Niedersächsische Denkmalgesetz wurde leider erst 1975 verschärft und infolgedessen nach intensiven Neuinventarisierungen die Liste der unter Denkmaschutz zu stellenden Objekte - insbesondere Bauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert - erheblich verlängert. Die allgemeine, aber besonders die behördliche Erkenntnis des Wertes der Villa Willmer als ein besonders herausragendes Beispiel der "Hannoverschen Schule" kam daher zu spät.

    Angeregt durch "thommystyles" tolle KI Bilder hab ich auch ein paar alte Ansichten in die Gegenwart versetzt.

    Berlin-9.png

    Berliner Kiez (war leider nicht beschriftet wo)

    Das ist der Schöneberger Winterfeldplatz mit der katholischen St. Matthiaskirche. Die Turmspitze ist weg (war übrigens mit Schiefer gedeckt...) und die Dächer sind jetzt etwas einfacher. Die Platzrandbebauung selbstverständlich nur noch vereinzelt alt...

    Lt. Webseite der Gemeinde kommen morgen (Dienstag, 15.04.) ab 10 Uhr die Glocken aus dem provisorischen Träger in den Turm und sollen Ostern das erste Mal vom Turm läuten:

    Kirchsanierung
    Die Schlosskirche Berlin-Buch bekommt ihren Turm „Auch ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt.“ (Verfasser unbekannt) Berlin Buch braucht…
    www.schlosskirche-berlin-buch.de

    (2. Meldung von oben)

    Die Bauberichte auf der Webseite der Kirchengemeinde Buch wurden heute mal wieder aktualisiert und es gibt ein erstes Foto vom nahezu vollendeten, jetzt größtenteils sichtbaren Turmaufsatz:

    Kirchsanierung
    Die Schlosskirche Berlin-Buch bekommt ihren Turm „Auch ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem ersten Schritt.“ (Verfasser unbekannt) Berlin Buch braucht…
    www.schlosskirche-berlin-buch.de

    Das war offenbar eine Glocke, die 1890 von der Gießerei J. J. Radler & Söhne in Hildesheim gegossen wurde:

    Burlage | kirchengemeindelexikon.de

    (´runterscrollen bis "Geläut")

    Da ist der Diebstahl besonders dramatisch, da von dieser Gießerei aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg nur noch sehr wenige Glocken erhalten geblieben sind, angesichts von etwa 4.500 Exemplaren, die zwischen 1854 und 1914 dort entstanden sind...

    ...den Link im Übrigen auch mal zum weiteren Vergnügen, im digitalen Kirchengemeindelexikon der Ev. Landeskirche Hannovers ist seeehr viel über Orgeln und Glocken zu finden...!

    (...)

    Na, ist doch wahr. Berlin ist in weiten Teilen einfach total verkommen und versifft. Kleinreden oder gar verschweigen bringt da nichts mehr. Das muss offen benannt werden, dieses Forum ist prädestiniert dafür, und irgendwann wird es hoffentlich mal angegangen. Vielleicht erleben wir das ja alle noch...

    Beim meinem letzten Besuch in Berlin hatte ich jemanden aus New York kennengelernt (aus dem Village, nicht aus der Bronx...) - er sagte mir, er sei erstaunt, wie sauber und ordentlich Berlin doch sei... Ich sagte ihm, da sollte er erstmal nach München fahren... Alles ist also relativ.

    Wie definiert sich eigentlich Leerstand? Ich war Anfang Juni an einem lauen Sommerabend in Berlin am Spreeufer beim Treptower Park. Eigentlich perfektes Wetter, um den Abend auf der Terrasse, dem Balkon oder bei offenen Fenstern zu verbringen. In einer Reihe von Neubauten am gegenüberliegenden Ufer war nicht ein einziger Balkon belegt und die meisten Jalousien waren heruntergelassen. Später in der Dämmerung war auch in den übrigen Fenstern nirgendwo Licht zu sehen. Es handelt sich dort in der 1A-Lage sicher um hochwertige Eigentumswohnungen, die alle einen individuellen Besitzer haben werden - aufgrund der gut entwickelten Grünanlagen um diese Häuser scheint die Fertigstellung schon ein paar Jahre zurückzuliegen... Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um nicht ständig oder gar nicht genutzte Zweitwohnungen.