Posts by ulgemax

    darf ich mal ganz naiv fragen, welchen sinn diese liste hat? wollt ihr die damaligen hauseigentümer im nachhinein verurteilen für ihre entscheidung, so es denn eine entscheidung gewesen ist? oder glaubt ihr, dass es im einzelfall ein rekonstruktionsvorhaben erleichtert, wenn man sich hinstellen und sagen kann: dieser bau wäre 1951 wiederherstellbar gewesen? und liegen euch aussagekräfte informationen vor, die es euch erlauben, den zustand der ruinen sachgemäß beurteilen zu können, um ein wasserdichtes urteil heute fällen zu können, oder beurteilt ihr das allein nach augenschein anhand von fotos? ich frage das ohne hintergedanken und subtext, ich möchte es nur verstehen. danke.

    danke für den denkanstoß, dass ich beim einkaufen in einer shopping mall etwas erleben könnte, dieser gedanke ist mir in der tat neu. einkaufen und erleben gehen bei mir allenfalls auf einem markt oder in einer stadtstraße hand in hand, und eben diese beiden zutaten urbanen lebens scheinen mir nicht zwangsläufig von einem einkaufszentrum hinter dem mindener rathaus zu profitieren. aber wie gesagt: es ist eine schwierige frage; es soll auch einkaufszentren geben, die sich belebend auf ihre umgebung ausgewirkt haben. mir zumindest wäre wohler, wenn die stadt minden dort eine privatisierung in kleineren, städtischeren strukturen anstrebte.

    mir zumindest scheint die zukunft des areals durchaus nicht so eindeutig zu beantworten zu sein wie dir, neußer. dass das neue rathaus aus unserer heutigen sehgewohnheit an dieser stelle fragwürdig wirkt, nicht zuletzt in seiner dimensionierung, mag noch unstrittig sein, dass aber eine shopping mall an dieser stelle irgendetwas verbessert - architektonisch, maßstäblich, nutzungsstrukturell und im hinblick auch auf die angrenzenden innenstadtareale - drängt sich mir nicht so recht auf.


    das von alina angeführte beispiel vor den toren bad oeynhausens beweist, das solche entscheidungen weite auswirkungen zeitigen und eigentlich auf einer regionalen ebene verhandelt werden müssten. angenommen, minden bekäme das einkaufszentrum, würde vermutlich nicht nur dieser unsägliche werre-park, sondern würden ebenso die heute noch attraktiven zentren von herford und bückeburg leiden, da die kaufkraft wohl eher nicht wächst in der zukunft. wachstum hier bedeutet also schrumpfen dort. macht es volkswirtschaftlich sinn, dafür ein öffentliches gebäude, das erst vor dreißig oder vierzig jahren mit steuergeldern gebaut wurde, abzureißen und das grundstück zu privatisieren? gewinnt da nicht nur die ece? schwierige frage.

    dem kann ich mich nicht anschließen. sicher ist der abriss des historistischen bahnhofs 14 jahre nach kriegsende aus heutiger sicht bedauerlich und unverständlich, aber den bauhistorischen wert des verlorenen würde ich keinesfalls höher schätzen als den des folgebaus (anders als etwa in altona oder gelsenkirchen, wo noch etliche jahre später als in hildesheim erhaltene historistische bahnhöfe abgerissen wurden zugunsten gestalterisch vollkommener belanglosigkeiten). mag sein, dass der hildesheimer bahnhof heute heruntergekommen ist, ich bin sehr lange nicht dort gewesen, aber mit etwas zuwendung und pflege lässt sich daraus sicher etwas ansehnliches machen - wie sich am beispiel des bochumer hauptbahnhofs studieren lässt. bahnhöfe aus der selben zeit etwa in heidelberg, pforzheim oder heilbronn stehen längst unter denkmalschutz. aber das ist in diesem strang off topic.

    erstaunlich, wie eng hinter dem chor der andreaskirche wiederaufgebaut wurde - stadträumlich untypisch für diese zeit; da hätte mich ein lückelassen weniger überrascht.

    Zitat Quedlinburger Zeitung: "Wann und ob die ersten Bauarbeiten beginnen, ist ungewiss. «Die Bauherren stehen in der Quedlinburger Innenstadt nicht gerade Schlange», sagt Langhammer."


    das ist eben das problem, die leute wohnen lieber am stadtrand im freistehenden einfamilienhaus mit garage als in der engen altstadt. insofern erscheint mir das ganze verfahren recht theoretisch; selbst wenn sich für eine baulücke ein interessent finden sollte, wäre dieser vermutlich nicht an die ergebnisse des wettbewerbs gebunden, es sei denn, die grundstücke würden mit genau dieser bindung verkauft. das kann ich mir aber nur schwer vorstellen unter den bedingungen des quedlinburger wohnungsmarktes, s. zitat.

    vielen dank für diese bilder. noch ein paar anmerkungen, ergänzend. zunächst einmal: du hast nicht so viel verpasst, aber immerhin ein paar ecken, für die sich das wiederkommen durchaus lohnt. tatsächlich ist pb ende märz 45 fast vollkommen zerstört worden, zwischen rathaus und bahnhof war nichts, aber wirklich gar nichts stehen geblieben. was nicht heissen soll, dass dort nicht vielleicht doch noch das ein oder andere hätte wiederaufgebaut werden können. immerhin, die franziskanerkirche im barock römischer prägung setzt mitten in der fußgängerzone westernstraße einen bedeutenden akzent, du hättest sie passieren müssen.
    heisings haus am marienplatz ist eigentlich nur noch heisings fassade, das haus selbst wurde total zerstört, es stand nur noch die fassade, diese blieb dem dahinter errichteten neubau immerhin vorgesetzt, anders als im falle des gleichfalls aus der renaissance stammenden, im 19. jh im selben kanon aufgestockten hotel löffelmann am kamp, gegenüber dem theodorianum, dessen fassade noch in den 50er jahren stand und dann einem banalen neubau weichen musste. leider bist du nicht in die marktkirche neben dem theo gegangen, diese ist nicht nur ein bedeutendes beispiel der sogenannten barockgotik (erbaut von jesuiten), sie enthält auch ein projekt, wo die meisten der hier diskutierenden mit der zunge schnalzen dürften: den von 1989 bis 99 rekonstruierten barocken altar, der die gesamte höhe des 27 m hohen mittelschiffs an dessen südseite (sic!) einnimmt.
    wärest du vom adam-und-eva-haus weiter nach norden gekommen, hättest du am maspernplatz noch reste der mittelalterlichen stadtmauer und zwei stadttürme gesehen; auch hat sich noch der ein oder andere altbau in diesem teil der stadt erhalten, allerdings ohne kunstgeschichtlichen wert. vieles ist nach dem krieg noch abgerissen worden, etwa jenes geviert, auf dem sich heute der maßstabssprengende komplex der paderborner stadtsparkasse ausbreitet.
    wärest du vom dom weiter nach osten vorgedrungen, wärest du an die busdorfkirche gekommen; sie besitzt einen romanischen teil, der der jerusalemer grabeskirche nachempfunden wurde, später aber in dem gotischen neubau aufging bzw. für diesen abgerissen wurde. sehr schön ist der pürting genannte kreuzgang des zugehörigen klosters. auch an diesem östlichen rand der altstadt sind noch reste der stadtmauer erhalten, auch hat sich ein wenig altstadtflair dem erneuerungswahn widersetzen können.
    das pb vergleichsweise adrett daherkommt, verdankt sich zum einen der tatsache, dass die stadt als eine der ersten in westfalen wiederaufgebaut wurde, noch vor dem wirtschaftswunder und der damit einhergehenden übermodernisierung. hochhausscheiben und dgl maßstabsbrüche mehr finden sich in pb nicht, auch wurde der historische stadtgrundriss und damit der stadtraum weitgehend dem wiederaufbau zugrundegelegt. bis auf das hotel löffelmann wurden zudem sämtliche das stadtbild prägenden architektonischen dominanten trotz teilweise erheblicher zerstörung wieder aufgebaut, wenn auch teilweise mit veränderungen (so erhielten abdinghof- und gaukirche stumpfe turmhelme, auch jener des doms entspricht nicht dem neogotischen helm von güldenpfennig).
    aus den mir vorliegenden bildquellen der stadt vor ihrer zerstörung würde ich sagen, dass ihr stadtbild nicht gleichrangig war mit hildesheim, wohl aber erheblich bedeutender, als das die erhaltene bzw. neu aufgebaute fachwerkhauszeile auf den dielen vermuten lässt, wo früher ein einfacheres wohnviertel lag. auf dem ükern, so sein name, war immer eher ein kleine-leute-viertel, sicher auch bedingt durch die feuchtigkeit der hier in tausend quellen sprudelnden pader. nochmals vielen dank für die bilder deines rundgangs.

    der zeitungsbeitrag klingt nicht so, als ob es eine feststehende planung gäbe. wenn noch nicht einmal die künftigen nutzer bzw. bauherren feststehen, kann es sich allenfalls um eine städtebauliche rahmenplanung handeln, die aber, je nach investor, dann auch anders umgesetzt werden kann. denk mal an unser berliner alexa, da wollte der senat ursprünglich mehrere blöcke mit wohnungen, büros und geschäften realisiert sehen, jetzt steht da dieses rosa trumm.

    dem phänomen der in diesem forum so heiss geliebten nachkriegsdurchschnittsarchitektur widmet sich folgende neue veröffentlichung des verlags walter könig:


    Graue Architektur
    Benedikt Boucsein
    Verlag der Buchhandlung Walther König
    6/2010
    BOUCSEIN, BENEDIKT.


    Graue Architektur. Bauen im Westdeutschland der Nachkriegszeit. Photos von Bene Redmann. Köln 2010. 4to. 186 S. mit 218 teils farb., teils ganzseit. Abb., Bibliographie, brosch.


    Bestell-Nr: 1443381
    ISBN: 978-3-86560-761-4


    EUR 29,80


    dazu der verlag:


    Quote

    Als "Graue Architektur" bezeichnet der Autor das enorme Bauaufkommen der 1950er und 60er Jahre, das meist von unbekannten Architekten entworfen wurde und das Bild der deutschen Städte bis heute entscheidend prägt. In Kritik und Analyse ist diese "Graue Architektur" als eigenständiges Phänomen bisher nicht aufgetaucht. Ihr wird in der vorliegenden Arbeit nun zum ersten Mal nachgespürt. Es werden ihre vermeintlich nicht vorhandenen Entwurfsprinzipien bestimmt und die Geschichte ihrer Entstehung erzählt. Damit liegt auch zum ersten Mal eine Geschichte des Wiederaufbaus "von Unten" vor. Die Graue Architektur stellt sich dabei als ein keineswegs negatives Phänomen heraus, sondern als gewaltige kollektive Anstrengung, die unter höchstem Zeit- und Finanzierungsdruck entstand und in ihrer Architektursprache Traditionalismus und Moderne auf einzigartige Weise verbindet. Illustriert ist die Arbeit mit historischem Material sowie mit über 50 professionell ausgeführten Photographien von Bene Redmann, die den eigenartig stummen Ausdruck verschiedener Bauten aus Essen, Düsseldorf und Köln einfangen. Die Arbeit ist ein unentbehrliches Werkzeug für Architekten, Städteplaner und Denkmalpfleger, sowohl bei Neuplanungen unterhalb der Repräsentativbauten als auch bei der Sanierung der zahlreichen in die Jahre gekommenen Bauten der Nachkriegszeit.

    sehr gerne, auch wenn ich selbst vor ein paar wochen erst dort gewesen bin. soest ist gemischter, das stimmt, aber das alte ist dafür imponierender: etwa der wuchtige "bauerndom" oder die filigrane gotische wiesenkirche. auch die erhaltenen bürgerhäuser habe ich aufwendiger in erinnerung als den lippstädter bestand. sei´s drum.

    danke für die bilder, ich bin seit über zwanzig jahren nicht mehr dort gewesen. das städtchen ist ganz in ordnung, aber als juwel würde ich es auch nicht bezeichnen; die altstädte etwa von lemgo, das du erwähnt hast, detmold oder dem lippstadt noch näheren soest sind weit sehenswerter. und trotz seiner weitgehenden zerstörung ende märz 1945 würde ich auch einen besuch von paderborn empfehlen, aufgrund seines gewaltigen doms, seines rathauses aus der renaissance, der romanischen bartholomäuskapelle und der der jerusalemer grabeskirche nachempfundenen, allerdings in einem späteren neubau teilweise aufgegangenen, teilweise dafür zerstörten romanischen busdorfkirche oder der barockgotischen ehemaligen jesuitenkirche. an den lauschigen paderquellen unterhalb der in den 1970er jahren rekonstruierten kaiserpfalz heinrichs II aus dem 11. jh. kann man sich dann angenehm ausruhen, besonders wenn man zum liborifest ende juli/anfang august in pb weilt, wenn sich die stadt von einer ihrer besseren seiten zeigt.


    p.s.: den auf deinem letzten bild gezeigten baywatch-turm würde ich in die 50er jahre datieren.

    politikerschelte ist halt immer kostenlos, die hat man gewählt und ist dann enttäuscht oder hat sie nicht gewählt, weil man sowieso alles besser weiss. wie viel ringen und kompromissbereitschaft gerade in der kommunalpolitik zum erreichen selbst kleiner verbesserungen oft notwendig sind, wird dagegen kaum wahrgenommen. das agieren großer konzerne wird dagegen weit weniger öffentlich wahrgenommen. andererseits darf man es sich auch in diesem fall nicht zu einfach machen: den meisten bürgern dürfte das verschwinden dieser einfachen arbeiterbehausungen vermutlich weit mehr egal sein als der mögliche rückzug eines arbeitgebers von der grösse thyssenkrupp. und die paar türken, die in marxloh-abbruchhausen ihr dasein fristen, haben aus verschiedenen gründen dagegen keine lobby zu setzen. aber wer weiss, vielleicht ist für die ein umzug auch gar nicht so unzumutbar? der widerstand gegen die abrisse wurde jedenfalls eher von den verbliebenen privaten hauseigentümern betrieben als von der mehrheit der bewohner (die meisten häuser gehören übrigens längst thyssenkrupp, die haben, zukünftige erweiterungen im blick, über die jahre hinweg hier ordentlich eingekauft...). aber deren interessen sind für sich betrachtet natürlich auch legitim. seien wir ehrlich: ein um jeden preis erhaltenswertes stück duisburg geht hier vielleicht nicht verloren, wohl aber ein stück heimat und industriegeschichte.

    das ist standortpolitik: thyssenkrupp will einen neuen hochofen bauen, und das dürfen sie nach europäischem recht nur, wenn die nächste wohnbebauung in größerem abstand als bislang angrenzt. also müssen die stadtväter springen und baufreiheit schaffen...

    welche klötze am berliner alex von mvdr meinst du? realisierte gebäude dieses architekten dort sind mir nicht bekannt. mvdr hat sich seinerzeit zwar am städtebaulichen wettbewerb zur umgestaltung des "weltstadtplatzes" beteiligt. aus seinem städtebaulichen projekt auf etwaige architekturqualitäten zu schließen, erscheint mir aber etwas gewagt.

    bei meinem letzten besuch in wismar, der nun aber auch schon wieder ein jahr zurück liegt, hieß es, der turm solle keine haube bekommen, sondern als aussichtsplattform stumpf geschlossen werden. eigentlich schade, ich fand die merkwürdige silhouette von st. georgen auf den historischen bildern immer sehr charaktervoll, aber irgendwie auch verständlich, die einst nur provisorisch abgeschlossene situation nicht wiederherstellen zu wollen.