Die alte Prager Straße war meines Erachtens durchaus herausragend. Sie hatte auf jeden Fall mehr als ein halbes Dutzend wirklich stattliche Gründerzeithäuser: Victoriahaus, Residenzkaufhaus, Europäischer Hof, Esders, Deutscher Hof, Centralpassage, Kaisercafe. Man nenne mir bitte eine weitere Gründerzeitstraße der Stadt, die das in den Schatten stelt. Kleinreden würde ich hier nicht. Freilich hatte die Straße ihren Ruf in erster Linie durch die Geschäfte. Eine alte Dresdnerin erzählte mir mal: "Wenn du irgendwas gesucht hast, in der Prager konntest du es kaufen." Alt war sie natürlich nicht, wertvoller war die Stadt innerhalb des Rings, da geb ich Niederländer recht.
Die neue Prager Strase gefällt mir vom Raumgefüge sogar besser als die Alte! Urbaner Anfang und Ende, in der Mitte ein schöner Platz. Die Wasserbecken stehen, begleitet von den 3 Baumreihen und den Lichtsteelen in Reih und Glied, die Ästhetik - aus der Luft betrachtet - hat fast was faschistisches. Trotzdem hat's seinen Reiz, man sollte da ja nicht zu viel reininterpretieren. Tja, und auch die neue Prager Straße hat mindestens ein halbes Dutzend erstklassige - freilich moderne - Bauten: Haus des Buches, die Centrumgallerie mit den Waben, Rundkino, Kristallpalast, Prager Spitze und Kugelhaus, dazu gefallen mir das Denkmal Völkerverständigung und natürlich die Pusteblumenbrunnen. Der Rest versinkt entweder im Mittelmaß oder ist banal.
Sogesehen kann ich den Verlust der alten Prager verschmerzen. Gute Architektur ist weg, Gutes ist teilweise aber auch entstanden. Irgendwo muss es ja auch Platz für Experimente geben. Lieber dort, als in Alt- oder innerer Neustadt. In den letztgenannten Gebieten, zur Altstadtreparatur nämlich, könnte eine solche Architektursprache überhaupt nicht funktionieren. Sie wäre eine Katastrophe.