Posts by AntinomyX

    Stuttgart findet deutschlandweit medial auch kaum Beachtung. Klar, man verbindet Daimler, Bosch, Porsche und die Dauerbaustelle S21 automatisch mit Stuttgart (wenn man sich auskennt), aber sonst? In der Popkultur findet Stuttgart eigentlich gar nicht statt, abgesehen davon, dass ab und zu ein Tatort in der schwäbischen Landeshauptstadt spielt. Im Prinzip werden hauptsächlich nur folgende Städte wirklich zur Kenntnis genommen: Berlin, München, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Leipzig und das Ruhrgebiet als Gesamteinheit. Selbst Frankfurt am Main föllt da etwas ab, die haben außer den Banken und dem Flughafen jetzt auch nicht so viel zu bieten. Vielleicht liegt Stuttgart zu weit ab vom Schuss, keine Ahung, aber es wird sicher auch einen Grund darin haben, dass viele Medienunternehmen ihre Sitze in Berlin, München, Köln und Hamburg haben, während in Stuttgart eigentlich nur Maschinen und Autos produziert werden, wenn ich es jetzt mal ganz unspezifisch werde.

    Deshalb gilt es hier Leitbilder für eine Stadtreparatur zu finden. Leider aber beschreitet Stuttgart konsequent den entgegengesetzten Weg, z.B. im sterilen Europaviertel.

    Man glaubte in den 1990er Jahren, dass sich durch die Schaffung des Europaviertels weltstädtisches Flair auf die restliche Kernstadt ausbreiten würde. Mittlerweile sieht man, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil. Nachts und frühmorgens ist dort tote Hose, nur ein OP-Saal strahlt mehr Sterilität aus. Das Europaviertel will durch die Straßen- und Platznamen international wirken, doch ist es letztendlich nur das Ergebnis kleingeistiger Provinzialität. Ich kann nach wie vor nicht verstehen, weshalb die Stadtbibliothek von fast allen Seiten mit Lob überschüttet wird. Dieses Gebäude ist für mich eines der hässlichsten Architekturmonstren, die ich je zu Gesicht bekommen habe.

    Vielleicht hat man sich dort die Aussage von Alexander von Humboldt zu Herzen genommen, der Stuttgart als eine der sieben schönsten Städte der Welt bezeichnet hatte. Vor 1944 hätte man sich dem durchaus anschließen können.

    Für vor 1944 stimmt das definitiv. Wen ich alte Aufnahmen sehe, bekomme ich immer den starken Drang, all die engen Gassen zu druchstreifen, um wunderschöne Fotomotive zu entdecken. Dann wird mir immer bewusst, was für ein großer Schatz für immer verloren ging. Aber zur Zeit Humboldts hatte man auch noch eine sehr große Aauswahl an schönen Städten, da wäre es wirklich schwierig geworden. Rothenburg o. d. Tauber oder Nördlingen sind für mich subjektiv auch sehr schöne Städte, und das weltweit. Zusammen mit Venedig, Rom, Paris und unzählige erhaltende mittelalterliche, frühneuzeitliche Ortskerne in ganz Europa. Ein Rangliste würde ich gar nicht erstellen können und auch nicht wollen. Für viele ist das architektonische Stadtbild nicht wichtig, für die zählen dann andere Kriterien, wie Kultur, Freizeitangebote, Arbeitsplatzangebote etc. Nur nordamerikanische Städte tangieren mich nicht wirklich, die wirken allesamt auf mich sehr austauschbar und beliebig, aber dafür sind sie auch noch viel zu jung, es konnten sich daher keine - nach europäischen Maßstäben - architektonisch interessanten Altstädte bilden.

    Die relaxte Schwester von Berlin ist in meinen Augen eher Hamburg, aber ganz bestimmt nicht Hannover. Hamburg bietet auch im Vergleich zur Größe, der Art, des kulturellen Lebens, der Architektur und besonders einiger Ähnlichkeiten bei S- und U-Bahn viele Parallelen zu Berlin.


    Übrigens habe ich mir den Spot nochmal angesehen und muss meine Aussage von weiter oben korrigieren. Es wird nicht behauptet, Stuttgart sei die schönste Stadt Deutschlands. Nein - laut Werbebotschaft ist Stuttgart die schönste Stadt der Welt!


    :gehtsnoch:

    Ich habe mit dem Smartphone gespielt, und um eine Prämie zu erhalten, kann man sich Werbeeinblendungen ansehen, um kein Echtgeld einsetzen zu müssen (was ich grundsätzlich nie tue). Mir fiel dabei ein Werbespot ins Auge. Es ging um irgendeine Singlebörse, und beworben wurde sie gleich zu Beginn mit einem Spruch, der mich zum Fremdschämen animierte. Dort hieß es ungefähr "Du lebst in der schönsten Stadt Deutschlands", während man im Hintergrund den Schloßplatz im Sommer sehen konnte und viele junge Menschen, die auf den Rasenflächen um die Jubiläumssäule saßen.
    Ich weiß nicht, welche Werbeangentur dafür zuständig ist, aber ich finde es schon seeehr weit hergeholt und eigentlich arrogant zu behaupten, Stuttgart sei die "schönste Stadt Deutschlands". Stuttgart wäre heute wunderschön, wenn nicht der unsägliche Krieg gewesen wäre. Die Landeshauptstadt ist absolut durchschnittlich, man rühmt sich lediglich mit der topographischen Lage und dem Schloßplatz - wie in allen anderen Stuttgart-Kampagnen der letzten Jahrzehnte. Dieses Selbstloben Stuttgarts finde ich jedenfalls überaus peinlich.

    Ich habe gerade eine Oberamtsbeschreibung von Reutlingen von Mitte des 19. Jahrhunderts gelesen, und da fiel mir auf, wie kritisch selbst damals der Schreiber über die Stadt Reutlingen her zog. Dabei muss man sich bewusst machen, dass Reutlingen und viele, viele andere Städte im deutschen Raum, sich um das Jahr 1810, als diese Ortsbeschreibung verfasst wurde, nach wie vor im noch mittelalterlichen Korsett befanden, und Bausubstanz vorwies, die noch nicht vom 2. Weltkrieg gebeutelt war.


    Der Schreiber berichtete Folgendes:


    "Weniger freundlich, als die Umgebung ist die Stadt selber, und weniger regelmäßig, als ihre Gestalt, ihre Anlage, obgleich die Stadt nach dem Brand von 1726 ganz neugebaut wurde. Die Straßen sind meist krumm, eng und ohne Plan angelegt, die Häuser größtentheils schlecht, durchaus von Holz, unverblendet und durch hohe Giebel verunstaltet. Nur wenige Straßen sind gepflastert, und häufig sind Bäche durch dieselben gerichtet. Das eigenthümliche reichsstädtische Aussehen vermißt man in Reutlingen ganz; man glaubt sich vielmehr in einem großen Dorfe zu befinden; wie im Innern der Häuser, so spricht sich auch im Äußern überall die Genügsamkeit und Sparsamkeit der Reutlinger aus."


    Das muss man mal schlucken. Hier wurden unverblendete Fachwerkfassaden, krumme Gassen, und hohe Giebel kritisiert! Ich wünschte mir, wir hätten so ein Luxusproblem heutzutage.

    In den äußeren Stuttgarter Stadtbezirken scheint wirklich niemand von Seiten der Stadt mehr einen Gedanken daran zu verschwenden, irgendwas Historisches abgesehen von Kirchen und Rathäusern zu erhalten. Hier zählt nur wirtschaftliche Prosperität, der das alte "Klump" im Weg steht.
    Vaihingen ist mittlerweile wirklich gesichtslos, man weiß nicht mehr was diesen Ort eigentlich auszeichnet. Der Übergang zum größten Stuttgarter Gewerbegebiet ist dementsprechend fließend.

    Ich habe von 1999 bis dieses Jahr in Vaihingen gewohnt und habe noch die letzten Jahre des Schwaben-Bräu-Areals Anfang der 2000er erlebt, welches für den Bau der Schwabengalerie 2002 weichen musste. Man wollte die Vaihinger Ortsmitte damals urbaner gestalten, was aber mehr oder weniger gründlich in die Hose ging. Die Folge war ein massives Ladensterben alteingesessener Familienbetriebe, die von der Schwabengalerie schier zerquetscht wurden, um es mal hart zu formulieren. Die Außenbezirke Stuttgarts sind wahrlich ein Graus. Es wurde und wird ohne Not viel Kulturgut zerstört, weil gewisse Leute wieder nur Dollarzeichen vor den Augen haben.
    Das Perverse an so Konstrukten wie der Schwabengalerie ist, dass sich viele Geschäfte in dieser Mall nicht halten konnten. Ich weiß die genaue Zahl nicht, aber seit der Eröffnung der Schwabengalerie sind viele Läden nach ein paar Jahren wieder ausgezogen, weil es sich nicht für sie rechnete. In Zeiten des Onlinehandels auch kein Wunder. Der Trend mit diesen Malls kam ohnehin viel zu spät, weil das Internet zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich weit war und die Leute es als bequemer empfanden, von daheim aus seine Einkäufe zu tätigen. Mal ganz davon abgesehen, dass es von Anfang an eine Schnapsidee war, dieses Monstrum ins Vaihinger Zentrum zu stellen.


    In Vaihingen stehen noch einige wenige Bauernhäuser aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert versprengt in der Gegend herum, hauptsächlich im Bereich der Robert-Leicht-Straße, Bachstraße, Kelterberg, Rathausplatz, Pfarrhausstraße und Katzenbachstraße. Der Vaihinger Markt ist komplett verloren, denn dort tummeln sich hauptsächlich Bauten aus den 60er bis 90er Jahren. Leider hat man hier eine große Chance vertan, als es darum ging, die Ortsmitte attraktiv zu gestalten. Der Vaihinger Markt ist mehr oder weniger eigentlich nur das Dach einer Tiefgarage, und urbanes Leben findet auf dem Platz praktisch nicht statt. Wobei ich vermute, dass der Vaihinger Markt in alten Zeiten ohnehin nicht der Marktplatz war, denn laut alten Katasterplänen aus dem 19. Jahrhundert sieht es mir eher danach aus, als sei dieses Areal eher von Gärten und Innenhöfen bebaut gewesen zu sein. Der eigentliche Marktplatz war damals der heutige Rathausplatz, der aber mittlerweile nur ein Dasein als stark befahrene Durchgangsstraße und als Hinterein-/ausgang der Schwabengalerie fristet.

    In Stuttgart-Vaihingen soll das alte Gebäude, in dem bis September das Fahrradfachgeschäft Speiche viele, viele Jahre beheimatet war, abgerissen werden. Es steht (noch) in direkter Nähe zum Bezirksrathaus. Es soll mal wieder ein seelenloser Neubau hingeklatscht werden. Es fand sich kein Nachmieter und der Käufer will es abreißen lassen.
    Der Vaihinger Ortskern ist ohnehin schon arg gebeutelt, und spätestens seit die Schwabengalerie 2004 fertiggestellt wurde, eigentlich nicht mehr wirklich schön.


    "Die Stadt nutzt ihre Chance nicht"

    Viele schwäbische Dörfer bestehen (bzw. bestanden) zum Großteil aus maximal schlichten, verputzten Bauernhäusern ohne jeglichen gestalterischen Anspruch. Ich kann zumindest nachvollziehen, warum viele diese alten Häuser für entbehrlich halten und lieber modernen Wohnraum wollen. Ich sehe das in meiner Heimatgemeinde auf den Fildern. Hier gab es nie wertvolle Architektur, daher gab es auch nie irgendein Engagement für die alte Bausubstanz, die mittlerweile weitgehend durch Neubauten ersetzt wurde. Irgendwann bleiben halt nur noch Kirche und Rathaus übrig.

    Auf den Fildern sieht es größtenteils wirklich schlimm aus. Besonders das Ortszentrum von Bernhausen fällt mir da als erstes negativ ein. Einigermaßen Plieningen ist noch ganz in Ordnung, wobei auch hier viel nach dem Krieg zerstört wurde. Es wäre zwar ein gewaltiger Aufwand, vor allem in finanzieller Hinsicht, aber würde man jeden verputzten Fachwerkbau freilegen, sähen viele Ortschaften deutlich schmuckhafter aus. Für mich ist jedes einzelne ehemalige Bauern- oder Weingärtnerhaus erhaltenswert und ein wichtiger Baustein für ein gelungenes Gesamtensemble einer historischen Ortsmitte.

    Das sehe ich nicht so: dass diese "ohne Gestaltungsanspruch" seien ist letzlich doch nur die Konsequenz der modernistischen Umbauten in den 1960-70er Jahren (Plastikfenster, Glasbaustein,...) und das ständige Verputzen der Fachwerkhäuser! Das verstehe ich sowieso nicht in Schwaben...
    Aber wenn man das Fachwerk freilegen würde und die Häuser ständig pflegen würde , wären diese Dörfer Schmuckstücke! Siehe Strümpfelbach (Stadt Weinstadt) (Galerie)


    Was ist an diesem Örtchen bitteschön "ohne gestalerischen Anspruch"? Allein die Struktur des allemanischenn bzw fränkischen Fachwerks mit seinen Mannfiguren und anderen Verstrebungen besitzt doch einen künstlerischen Anspruch! Und die Farbgebung! Außerdem, wenn man mit "gest. Anspruch" nur Ornamente der Gründerzeit meint, da kannst Du die gesamten Dörfer in ganz Deutschland flachlegen, außer vlt. die Alpendörfer mit Lüftlmalereien, da es diese Masse an Verzierungen nicht in der Tradition dörflichen Bauens gab (ist ja auch klar, dies war eher dem Adel bestimmt)!


    Ja genau dieses Denken wird leider in Schwaben dazu führen, dass man seine ganze Baukultur vernichtet nur weil es halt "nicht so viel Rocaille" besitzt. Echt traurig das ganze :weinenstroemen:

    Das Verputzen von Fachwerkhäusern hat ja auch schon eine lange Tradition, wenn ich mich recht entsinne? Wenn ich richtig liege, kam diese Mode zum ersten Mal im frühen 19. Jahrhundert auf, als man zum ersten Mal sichtbares Fachwerk als altbacken empfand. Viele wurde in den späteren Jahren des 19. Jahrhunderts wieder freigelegt, aufgrund des neu aufgekommenen Interesses am Mittelalter, aber viele Häuser verblieben auch weiterhin, bis heute, in diesem schmucklosen Zustand.

    Das kommt - insbesondere im deutschsprachigen Kulturraum - doch sehr darauf an, ob in der ländlichen Region eine anerkannte Baustiltradition vorhanden ist. Als positives Beispiel sei der ländliche bayerisch-österreichisch-südtiroler Bauernhaus-Stil genannt. Dort wird dann ein heruntergekommener Altbau durch einen in lokaltypischer Bauweise gestalteten Neubau ersetzt, der nicht selten noch "prächtiger" und stilreiner ausfällt als der Vorgänger. Ein weiteres Beispiel für einen sogar noch perfektionierten Lokalstil sind die Nordseeinseln, hier insbesondere Amrum, auch Sylt (wobei in Sylt das Problem besteht, dass vielfach die stilreinsten Friesenhäuser als Neubauten entstehen, es aber überhaupt keine vorhandene Siedlungsstruktur für sie gibt). Im moderateren Preissegment wird in vielen ländlichen Neubaugebieten in Schleswig-Holstein ein recht schöner Backstein-Heimatstil gepflegt und auch in den Bausatzungen vorgegeben.
    In BW hingegen gibt es anscheinend das Problem einer nicht wertgeschätzten und daher von den Bauherren auch nicht angeforderten lokalen Bautradition. So können die Architekten dann entwerfen, was sie selbst für schön und richtig halten - was dabei dann so herauskommt, wissen wir ja.

    In den schwäbischen Dörfern und Städten herrscht oft ein wirres Potpurri aus verschiedensten Baustilen unterschiedlicher Epochen. Es herrscht eine visuelle Unruhe, die beispiellos ist. Es kommt oft vor, dass da ein klotzhafter, seelenloser Neubau aus dem Jahr 2018 direkt neben einem ehemaligen Bauernhaus aus dem 18. Jahrhundert, welches wiederum neben einem 60er-Jahre Mehrparteien-Wohnhaus steht. In Urbach bei Schorndorf ist letztens das ehemalige Gasthaus "Ochsen" abgebrannt. Leider kam eine Person ums Leben. Der Grund für das Feuer konnte nicht mehr ermittelt werden. Ich habe mir das selbst angesehen und das Gebäude wurde erst vor etwa 2 Jahren renoviert und bekam einen neuen Anstrich, da es zuvor schon arg ramponiert aussah. Und nun geschah dieses Unglück. Es stehen nur noch die Grundmauern und der Rest wird jetzt komplett abgetragen. Ich denke, man wird auch hier einen kalten, weißgrauen Klotz hinstellen.
    Leider weiß ich nicht mehr aus dem Gedächtnis, wann das Gebäude errichtet wurde, aber es war eine Infotafel an dem Haus angebracht, nur habe ich vergessen, welche Jahreszahl dort stand. Es müsste aber aus dem 17. oder 18. Jahrhundert gestammt haben.


    Link:
    https://www.zvw.de/inhalt.urba…a9-b3c5-365ff9fe2740.html

    Zitat:

    Ja klar, wie immer. Bürgermeister Ulbricht hat große Pläne. Komische Bürger, die im reichen Baden-Württemberg regelmäßig ihre Häuser so stark verkommen lassen, dass eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich ist. Ist Baden-Württemberg schon DDR, noch bevor die nächste Euro- und Konjunkturkrise angebrochen ist?

    Hier in Baden-Württemberg sieht es in der Tat in manchen Ortskernen furchtbar gammelig aus. Man glaubt bei so einem Anblick gar nicht, dass das hier eine der reichsten und wirtschaftsstärksten Regionen in der BRD ist. Ich verstehe auch nicht, warum hier viele Grund- und Hausbesitzer ihre Güter so dermaßen verkommen lassen. Ich komme hier viel rum und mir fällt immer wieder auf, wie nach und nach jahrhundertealte Gebäude einfach so plattgemacht werden und es offenbar auch keine große Gegenbewegung zu geben scheint. Man schaue sich nur das neueste Scheusal (so nenne ich es nun mal, weil das für mich keine Architektur, sondern ein Verbrechen ist!) in Marbach an:


    https://www.stuttgarter-nachri…9a-bc2b-bdeab4527c37.html


    Kein Feingefühl für Ästhetik und Geschichte. Irgendwann haben wir in Württemberg keine historischen Ortskerne mehr, weil jedes Kuhkaff meint, unbedingt en vogue sein zu müssen, was den neuesten architektonischen Schrei angeht. Von gefühlt 15 historischen Gebäuden eines durchschnittlichen schwäbischen Kleinstädtchens, verschwinden innerhalb 20 Jahre im Schnitt gefühlt 5 bis 7. In Plüderhausen im Remstal wurde vor bestimmt schon 9 bis 10 Jahren ein altes Walmdachgebäude aus dem 18. Jahrhundert abgerissen, was man sicher hätte renovieren/restaurieren können. Was machte man? Man riss es innerhalb weniger Tage komplett ab und seitdem befindet sich auf exakt derselben Fläche ein geschotteter Parkplatz für 15 Autos. Gab es dagegen Proteste oder Aufregung? Nein! Es wurde stillschweigend hingenommen. Wahrscheinlich applaudierten viele Einwohner innerlich sogar noch, weil dieses "alte Glomp" endlich nicht mehr das Ortsbild verschandeln konnte. Das traue ich den Leuten hier ehrlich zu.


    :gehtsnoch:

    Mich hat es nur familiärbedingt nach Stuttgart verschlagen. Wäre das nicht so, wäre ich selbst nie auf die Idee gekommen, Stuttgart einen Besuch abzustatten, ganz zu davon schweigen, hier zu wohnen. Ich selber habe lange genug hier gelebt und ich finde, dass der Schlossplatz von der einheimischen Bevölkerung total überbewertet wird. Ich finde ihn nicht hässlich, sehe ihn ihm aber auch nichts Besonderes. In Deutschland gibt es einige schönere Plätze, vor allem in München und auch Potsdam. Ich spiele ohnehin schon seit längerer Zeit mit dem Gedanken, nach Potsdam zurückzukehren.

    Ich habe mir kürzlich den Archäologischen Stadtkataster Baden-Württemberg Band 31 Bopfingen zugelegt. Dort findet man einige Informationen zu abgegangen Gebäuden. Aber ich glaube, das mit dem Zweiten Weltkrieg und den Zerstörungen deswegen kann nicht so recht stimmen. Unzählige Gebäude wurden in Bopfingen laut dem Buch erst in den 60er/70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts abgerissen! Und zwar nicht wenige! Oft lies man dann in der Anmerkung zu dem abgegangen Objekt: "1971 abgebrochen" oder "wegen Baufälligkeit 1980 abgerissen". Erst im Jahr 2001 wurde beispielsweise ein Haus aus dem 16./17. Jahrhundert einfach abgebrochen, um einen Neubau hinzustellen. Im Krieg kann also gar nicht so viel kaputt gemacht worden sein - die meisten Gebäude aus reichsstädtischer Zeit gingen erst n a c h dem Krieg verloren.

    Das mit den Schwaben ist ja jetzt geklärt. Bayerische Schwaben, Württembergische Schwaben, Oberschwaben... Ich bin auch nur ein "Reigschmeckter" aus dem Preußenland. Ich hoffe, man sieht es mir nach.


    Überraschend ist für mich immer wieder die Feststellung, wie viele doch unwichtig wirkende Orte damals im Krieg bombardiert wurden, auch wenn es nur eine Bombennacht gewesen sein sollte. Sogar Landstädte und teilweise Dörfer wurden angegriffen. Die Alliierten müssen Unmengen von Spreng- und Brandbomben produziert haben, dass sie schon gar nicht mehr wussten, wohin mit dem ganzen todbringenden Zeug. War die Last, die man auf Bopfingen abwarf vielleicht noch eine Restmenge, die man von einem vorangegangen Angriff übrig hatte? Vielleicht Nürnberg? Oder "Probebombardierungen" auf dem Weg dorthin?


    Hier in Württemberg, besonders im Großraum Stuttgart, sind diese sich selbst überlassenen Straßenbilder doch recht häufig. Besonders negativ fiel mir das immer wieder im Bereich des Filstals auf. Entweder lässt man Gebäude gnadenlos verfallen, bis gar nichts mehr zu retten ist und ein Komplettabriss rentabler ist als eine Rekonstruktion/Restaurierung. Oder man saniert die Häuser dahingehend, dass von der alten Bausubstanz gar nichts, oder nur noch ein Bruchteil übrig bleibt: Unnatürlich wirkende Fassadenfarben außen dran, komplett andere Dachaufbauten und Neuanordnungen der Fenster, Isolierungen der Fassaden, Türen/Fenster an komplett anderen Stellen als zuvor etc. Das Handwerk hier schreit geradezu nach solchen Aufträgen, da wird ein Mordsreibach gemacht. Die Baumarkt- und Großbauhändlerdichte in der Region ist auch einer der höchsten Deutschlands - so ist zumindest mein subjektiver Eindruck, wenn ich hier unterwegs bin.

    Generell fällt mir hier in Württemberg auf, wie viele sogar kleinere Ortschaften und Städte ihrer architektonischen Schätze beraubt wurden ... und das ganz ohne Kriegszerstörungen. Ich war vor einigen Wochen in Bopfingen. Das ist eine kleine Stadt am Fuße des Ipf - ein Zeugenberg und Ausläufer der Schwäbischen Alb. Ostalb, um genau zu sein. Bopfingen besaß bis 1802 den Status einer Reichsstadt, obwohl sie relativ klein und unscheinbar wirkt, allerdings zeugen nicht mehr viele Gebäude von dieser Zeit, abgesehen vom Bereich des kleinen Marktplatzes mit angrenzendem Rathaus. Dieser Ort wurde meines Wissens nach im Krieg nicht zerstört, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen und auch in den Chroniken wird eine größere Zerstörung nicht erwähnt. Im Umland gab es auch keine kriegswichtigen Produktionsstädten. Einzig die Bahnstrecke nach Stuttgart und Nördlingen hätte für die Amerikaner und Briten ein lohnenswertes Ziel abgegeben. Aber offenbar war selbst die zu unwichtig und Bopfingen wohl zu weit ab vom Schuss. Dafür spricht auch, dass das benachbarte und deutlich größere, dazu architektonisch reichere Nördlingen ebenfalls glimpflich davonkam.
    In Bopfingen muss nach dem Krieg der typisch schwäbische Fortschrittswahn geherrscht haben. Kaum ein Haus, dass noch aus reichsstädtischer Zeit zeugt, dafür aber unzählige farblose 50er/60er/70er-Jahre Häuser. Dasselbe Phänomen kommt auch in dutzenden anderen Ortschaften im Schwabenland vor. Weiß jemand, was hier geschah?

    Cannstatt ist für mich persönlich sowieso absolute No-Go-Area. Am Bahnhof ist es eine Katastrophe. Was sich dort für Gesindel herumtreibt, man fühlt sich eher wie im Orient, und im Rest des Stadtteils sieht es auch nicht viel besser aus, ganz davon abgesehen, wie heruntergekommen einige Bereiche um den Bahnhof und Wasen aussehen. Und das sage ich als jemand, von dem ein Elternteil (Mutter deutsch) nicht aus Deutschland stammt, sondern ebenfalls aus einem kulturell eher schwer integrierbaren Milieu! In Feuerbach und Zuffenhausen haben wir fast dasselbe Problem. Viel Multikulti der problematischen Sorte gepaart mit einer abscheulichen Architektur, die sich zwischen Bosch- und Porsche-Industriegebäuden befindet.

    Danke für das Lob für die Änderung Nibelgauer.


    Übrigens kam letzten Freitag ein Artikel in den Stuttgarter Nachrichten zum Europaviertel. Ich finde ihn ziemlich gut, denn er spricht deutlich das große Manko dieses mehr oder weniger toten Areals an:


    "Das Europaviertel am Hauptbahnhof zeigt nicht den Geist Europas. Die wahren Europaviertel Stuttgarts sind woanders, dort, wo Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenleben, meint Lokalchef Jan Sellner."


    Die Stadt braucht einen Aufbruch

    Abstimmen konnte man nur als Registrierter. Der Online-Bürgerhaushalt wird seit 2011 im Zweijahresabstand durchgeführt, seitdem stiegen die Teilnehmerzahlen stetig. In meinen Augen ist diese Aktion aber nur ein Placebo, weil die Stadtverwaltung sich in der Regel selten an die Vorschläge hält, sie teilweise trotz viel positiver Bewertungen komplett abschmettert oder nicht mal diskutiert. Auf den vordersten Plätzen der Abstimmungsergebnisse landen jedenfalls immer nur Themen bezüglich Neubau von Schulen, Sportplätzen und Sporthallen.