Posts by Bauaesthet

    Die Rossebändiger sollten nicht „erledigt“ sein


    Die ca. vier Meter hohen Bronzeplastiken der Rossebändiger sind Meisterwerke des Bildhauers Clodt von Jürgensburg. Sie wurden im Jahre 1842 von Zar Nikolaus I. dem König Friedrich Wilhelm IV. geschenkt, Dieser ließ die begeistert angenommenen Figurengruppen auf der Lustgartenterrasse des Schlosses vor Portal IV aufstellen. Hier korrespondierten sie mit den Monumentalplastiken Kastor und Pollux von Christian F. Thieck sowie Löwenkämpfer und Amazone von Albert Wolff auf bzw. vor Alten Museum. Zwischen Schloss und Museum spannte sich so ein sorgfältig komponiertes Skulpturen­programm. An der Standortwahl der Rossebändiger waren Alexander von Humboldt  und  Christian D. Rauch beteiligt und von der Wirkung begeistert. Humboldt reagierte als intensiv involvierter Kulturpolitiker und Kunstexperte, dessen Wort bei den Projekten am Schloss Gewicht hatte. Alexander von Humboldt schrieb 1843 an Bildhauer Pierre d’ Angers über das Skulpturenprogramm am Lustgarten: „… wir haben aus Petersburg zwei Kolossal­statuen erhalten, die Pferdebändiger von Herrn Klot, der – wie Sie wissen – durch seine anatomischen Studien der schönsten Pferderassen unserer Zeit wie auch durch die lebendige Bewegtheit, die er seinen Werken zu verleihen versteht, berühmt wurde.“ Und an anderer Stelle: „… Diese Kontraste, vor so vollendeten Werken angeregt, sind eine frucht­bringende Nahrung des echten Kunstgefühls.“ Bildhauer Christian D. Rauch schrieb, „dass die kolossalen Gruppen der Rossebändiger eine solche allgemeine Begeisterung beim Publikum hervorgerufen haben, die es ähnlich dort nie gegeben hat oder selten über­haupt durch irgendetwas erregt worden ist.“

    Nach dem II. Weltkrieg ließ der sowjetische Stadtkommandant Nikolai E. Bersarin die Skulpturen 1945 in den Kleistpark versetzen. Dessen Gartenarchitekt Georg Pniower beschrieb den völlig bezugslosen Denkmalswert der Rossebändiger an ihrem provisorischen Standort als „zu klein und nur als Notbehelf“.Kammergericht, Königskolonnaden und Rossebändiger stehen hier historisch und architektonisch isoliert und beziehungslos.

    Vor dem historisch, städtebaulich und künstlerisch bedeutsamen Hintergrund ist die Auseinandersetzung um die Rückführung der Rossebändiger nicht erledigt. Die kategorische Weigerung der Stadtbau­direktion gegenüber der Rückführung der Kunstwerke ist nur als ideologisch bedingte, endgültig gemeinte Ablehnung zu verstehen. Den Aussagen der Senatsbaudirektion, sie wolle an „diesem sehr prominenten“ Ort den Eindruck eines „Freilandmuseums“ durch rückgeführte Kunstwerke vermeiden und eine „zeitgemäße Schicht erkennbar machen“, entspricht die im Schlossumfeld geschaffene kahle, schmucklose Steinfläche und beliebiges Grün, nur um die angestammten Skulpturen vom Schloss fernzuhalten. Sogar Teilnehmer der Architekturforen haben die Kunstwerke des Schlossumfeldes abfällig als "Firlefanz" und "Deko" bezeichnet. All das bedeutet im Ergebnis, die Ära vor den Zerstörungen ihrerseits auszuradieren.

    Während das Freiheits- und Einheitsdenkmal am Rande der Museumsinsel als ungeliebter Fremdkörper installiert wird, würden die historisch und künstlerisch viel bedeutsameren Rossebändiger als Bindeglied im Zentrum der Museumsinsel eine wesentlich größere Wirkung entfalten. Wer heute zu mehr Geduld bis zum Abschluss der Bauarbeiten auffordert, sollte verstehen, dass die kompromisslose Festlegung des Senats höchstwahrscheinlich nach der nächsten Wahl in Berlin fortbesteht und nur Resignation, Gewöhnung und Desinteresse bewirken könnte und sollte.

    Mit dem Taliban-Vergleich bin ich doch von manchen völlig missverstanden worden. Keinesfalls wollte ich aber pauschal den Berliner Senat mit den Taliban gleichsetzen.


    Durchaus provokativ wollte ich aber zeigen, wohin festgelegte Denkweisen, bezogen auf Architektur und Kunst, führen können. Wenn fachgebildete Entscheider ein Wertesystem vertreten, wonach „die Moderne“ als die fortschrittliche, älteren Kunst- und Architekturformen überlegene Ausdrucks- und Gestaltungsform gezeigt werden soll, verlieren alte, geschädigte oder zerstörte Kunstwerke die Berechtigung zur vollständigen Rekonstruktion. Sie werden immer mit modernen Elementen deutlich sichtbar ergänzt, dekoriert, gewandelt – im Grunde gebrochen, um die „Nicht-Originalität“ des neuen hybriden Werkes nachzuweisen. Dieses wird damit als unecht abgewertet. Der durch Rekonstruktion geschaffene Kunstwert entsteht erst neu mit den ergänzenden modernen Ausdrucksformen.


    Das ist so, als ob die Rekonstruktion der zerstörten Brücke von Mostar nur mit sichtbar zugefügten Betonstützen und Edelstahlteilen wieder als Kunstwerk akzeptiert werden könnte. Berechtigt wäre dies, wenn die Brücke funktional als Hybrid für Lastenverkehr ertüchtigt werden sollte. Deshalb zeigt die Stella-Ostfassade, funktional gerechtfertigt, das Schloss als modernes Museum. Im Falle des Freiraumes rundum gibt es aber keine funktionalen Gründe, diesen zu „modernisieren“, hier symbolisch eine neue Zeitschicht durch neue Leere zu schaffen, die Schlossterrassen „neu zu interpretieren“ und die erhaltenen, versetzbaren (!) Kunstwerke fernzuhalten. Denn so wird der Schlossbau von der Nachbarbebauung bloßgestellt und die Gesamt-Ensemblewirkung durch Isolierung gebrochen.

    Ich war auch überhaupt nie für einen Wiederaufbau des kompletten, pompösen und überfrachteten Nationaldenkmals (Zoo von W zwo). Sicher wurde Begas auch von W II protegiert. Trotzdem ist der Neptunbrunnen ein großartiges Kunstwerl und sein Meisterwerk. Immerhin gilt Begas gemeinhin als der größte Bildhauer des Neobarocks in Deutschland. Nach meinem Geschmack wäre auch die Rekonstruktion allein der Kolonnaden Halmhubers an dem Platz vor dem Eosanderportal passender gewesen als die Wippe.

    Die Neue Nationalgalerie Mies van der Rohes ist saniert. Die Stuttgarter Zeitung schreibt aner­kennend, dass 2011 eine denkmalgerechte Sanierung beschlossen wurde, die vom Wettbewerbs­sieger David Chipperfield Architects ausgeführt wurde. Gelobt wurde, dass die Architekten dabei „das Paradoxon vollbracht haben, ihre Meisterschaft zu beweisen, indem sie unsichtbar bleiben – (fast) alles wie vorher! Den Urzustand wieder herstellen, nichts neu interpretieren oder auffrischen, und wenn korrigieren, dann im Geiste des Originals – diesen Anspruch haben die Architekten beeindruckend akribisch umgesetzt.“


    Welch ein schönes Lob für ein Projekt, das den Respekt vor dem großen Architekten Mies van der Rohe und „dem Schluss- und Höhepunkt seines Lebenswerkes“ zum Ausdruck bringt. Davon können Befürworter der Rekonstruktion des Schlosses und umgebenden Schlossplatzes nur träumen. In Berlin, das über viele dutzende großer Plätze und Quartiere verfügt, in denen sich moderne Architektur an Gebäuden, Raum- und Platzgestaltung beispielhaft austoben kann, bringt man es nicht fertig, die überschaubare Museumsinsel Spreeathen, ein Filetstück aus der Zeit des Barocks und des Klassizismus mit Park- und Platzanlagen aus der Zeit vor der großen Kriegszerstörung wieder entstehen zu lassen. Wo bleiben Respekt und künstlerische Würdigung von Andreas Schlüter, Karl Friedrich Schinkel, Eosander von Göthe, Peter Joseph Lenné, Clodt von Jürgensburg, Reinhold Begas, Gustav Halmhuber? Alle hatten einander ergänzend und einfühlsam zu dem Gesamt-Ensemble beigetragen. Stattdessen wird eine neue, ausdruckslose „zeitgemäß“ minimalisierte Moderne mit fast zerstörerischer Absicht diesem Herzstück Berlins aufgedrückt, ausdrücklich, um eine neue Zeitschicht erkennbar zu machen und „Platz für Busparkplätze“ zu schaffen. Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein.

    Ich wollte nicht die Situation "Umfeld Schloss“ genau mit der Situation von Bamiyan vor 20 Jahren gleichsetzen und schon gar nicht die jeweils Verantwortlichen auf eine Stufe stellen. Ich wollte aber zeigen, wohin ein lockerer, zeitgeistkonformer Umgang mit nationaler Denkmalkultur führen kann:

    Johannes Milla, Geschäftsführer und Kreativdirektor der Agentur Milla & Partner und Gestalter des Einheitsdenkmals (Wippe) machte zum Beispiel, bezogen auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Stuttgart, folgenden ernstgemeinten „kreativen“ Vorschlag in der Stuttgarter Zeitung: Man könne doch den Reiter Wilhelm I samt Pferd vom großen Sockel heben (Milla sagt nicht wohin mit den beiden) und stattdessen das Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf das Podest stellen. Das ist eine Granitsteingruppe, bestehend aus 4 riesigen würfelförmigen, aufeinandergetürmten Granitsteinen. Für sich gesehen nicht schlecht, aber auf dem W I Sockel hätte man zwei Denkmäler zerstört und durch ein unförmiges zweideutiges Monstrum ersetzt. Man müsste dann auch die nicht mehr passenden Inschriften und die Siege kündenden Obelisken (Sedan usw.) schleifen. Jedenfalls hätte man mit der Zerstörung des Denkmals W I auch die Auseinandersetzung mit der Person zerstört, die nie Kaiser werden wollte einschließlich seiner Rolle als „Kartäschenprinz“. Wir sind nicht so weit weg von dieser Entwicklung, die historische Manipulation lediglich durch ereignisfernere zeitgemäße Manipulation ersetzt. Zurzeit werden in Amerika und Asien Magellan-Statuen, Columbus-Statuen usw. geschleift.

    Ich sehe die Aufgabe eines Landesdenkmalamtes darin, die Bedingungen für Erhalt und Pflege von Denkmälern aufzustellen, unabhängig zu prüfen und auf deren Einhaltung zu bestehen.


    Quellennachweis: Wikepedia: Buddhastatuen von Bamiyan


    Wenn ich an das Schlossumfeld denke, fällt mir die Sprengung der Buddha-Statuen von Bamiyan vor 20 Jahren ein. Die Taliban waren absolut überzeugt: nur sie haben den rechten Glauben. Mit Sprengungen vernichteten sie Götzensymbole ohne Wert. Danach gähnende Leere! Die Statuen aus Rücksicht auf Ungläubige stehen zu lassen, wäre ein Verstoß gewesen gegen Koran und Prophet!


    Und was geschah im Schlossumfeld? Nach 1945: Schloss-Sprengung (Imperialismus-Symbol), Abbau, Einschmelzung des Nationaldenkmals (Kaiserkult), Wegschaffung der Kunstwerke Neptunbrunnen, Rossebändiger(gut genug für bezuglose Ersatzstandorte), danach zeitgemäß gähnende Leere für Aufmärsche, Tribünen, Ersatzpalast, Parkplatz. Nach hoffungsvollem Schloss-Neubau: „zeitgemäß“ gähnende Leere des neuen Schlossplatzes, Löschung älterer Zeitschichten, selbstgerecht gläubiges Rückkehrverbot für die Rossebändiger (Rückwärtssymbole ohne Wert, "Freilichtmuseum"), fortgesetzter Missbrauch des Neptunbrunnens („Abenteuerspielplatz“), Ablehnung der Bepflanzung Schlossplatz-Süd (wilhelminische Überdekoration). Widerrechtliche Zerstörung des Denkmal-geschützten Denkmalsockels (preußisches Götzensymbol), Einlagerung wertvoller Bodenmosaike (kitschiger Historismus). Überstülpung eines riesigen Fremdkörpers als „zeitgemäßes“ Denkmal. Vom alleinigen rechten Glauben absolut überzeugtes Denkmalamt: Alte Statuen und Zeitschichten aus Rücksicht auf die vielen Andersdenkenden wieder zurück zu stellen wäre ein Verstoß gegen Denkmalschutzgesetz und Kultursenat!


    Wir sollten gelernt haben, Denkmäler als Teil des geschichtlichen Gedächtnisses und der Identität eines Landes zu respektieren und stehen zu lassen oder wieder hinzustellen, selbst dann, wenn sie nicht dem aktuellen Zeitgeist entsprechen. Denn auch von nicht „politisch korrekten“ Denkmälern kann man lernen, wie früher oder von anderen gedacht, was bewundert, wofür gelebt, gestritten, gelitten und gestorben wurde.

    Seinsheim:

    Ihren Beitrag finde ich ganz hervorragend. Vielen Dank. Sie bringen es auf den Punkt. Genau das verfolgen auch der Berliner Senat und Senatsbaudirektorin Frau Regula Lüscher mit der Isolierung des Schlossbaus gegenüber dem Umfeld. Genau das soll durch die ferngehaltenen Neptunbrunnen und Rossebändiger erreicht werden und genau das soll die Wippe erreichen. Wenn das aber nicht nur Senatspolitik ist, sondern ein allgemein und überall schwebender Zeitgeist, dann haben Rekonstruktionsfreunde keine Chance, historisch bedeutsame Kunstwerke und Stadtbilder wieder unbeschädigt zu gewinnen. Über alles muss in unverständlicher Arroganz eine moderne Zeitschicht übergestülpt werden.

    Onkel Henry:

    Ich kann Ihre Sympathie für eine der Vorkriegssituation entsprechend rekonstruierte Ostfassade durchaus verstehen. Das aus alten Bildern vertraute, kleinräumige Erscheinungsbild mit den abwechslungsvollen Elementen würde sicher wohnlicher, gemütlicher, historisch gewachsener und authentischer wirken als die großflächig glatte, aus einem Guss geplante, kühl und fast monoton wirkende, moderne Stella-Fassade. Man hätte aber, wenn schon, nicht nur die historischen Fassaden, sondern damit auch die Wohn-, Sakral- und Arbeitsräume „archäologisch“ wieder herstellen müssen. Und das wäre im Widerspruch zur geplanten durchgängigen Museumsfunktion gewesen.


    Ich glaube deshalb nicht, dass für diese Wahl Kosten entscheidend waren, sondern auch funktionale Argumente und das gewünschte hybride Erscheinungsbild. Auch die öffentliche Uferfront wäre so nicht möglich gewesen. Nach Westen, Norden und Süden des HF gibt es historisch wirkende Nachbarschaften, die auf den Barockbau geradezu gewartet haben. (absolute Widersprüche dazu sind allerdings die Wippe, der verweigerte Neptunbrunnen und die in der Diaspora gefangenen Rossebändiger!!!) Im Osten wird es keine historisch anmutende Nachbarschaft, sondern Parkanlagen oder eine moderne Bebauung geben, auf die Stella reagiert hat. Das Gesamtergebnis ist ein entsprechend den Ausschreibungen gewünschter Hybrid. Dafür konnte am besten auf die alte Ostfassade verzichtet werden.


    Ich empfehle dazu einen hervorragenden Artikel im Berliner Extrablatt Nr. 95:

    „Vom Unbehagen am Unversehrten. Das philosophische Konstrukt des Hybriden, der Kreuzung aus Historischem und Modernem, erobert die Architektur. Es sagt viel über die Verfasstheit unserer Gegenwart aus – von Dankwart Guratzsch. Jede Entscheidung ist eben ambivalent.

    Auch wenn das Thema der Ostseite des HF abgeklungen zu sein scheint, möchte ich in diesem erlauchten Kreise der Experten und der Interessierten mal meine Meinung dazu äußern:


    Es gibt, auch wenn das Thema in der Sache erledigt ist, weiterhin viele unzufriedene Befürworter der vollständigen Rekonstruktion des älteren Ostteiles des Schlossbaus inklusive Renaissancebau und Apothekerflügel. Meist ging es dabei eher um eine emotionale Kritik an der Stella-Fassade. Ich meine:

    • Zur Funktion: Der gesamte Innenraum des HF- Neubaus ist unter modernen Museumskriterien mit großen Ausstellungsräumen, Raumfolgen, funktionalen Stockwerkserschließungen und Verkehrswegen geplant und erstellt. (Über Details kann man immer streiten!). Zu diesem Raumprogramm passen Schlüters und Eosanders großflächige, geradlinige Barock-Fassaden einschließlich der Portale ausgesprochen gut. Ganz anders ist das beim Ostflügel: Dieser bestand aus kleinen Räumen mit engen Fluren, Niveausprüngen und verschiedenen Fassadenteilen, -höhen und Türmchen. Eine archäologischer Wiederaufbau wäre unpraktisch und ein Widerspruch zum gesamten Museumskonzept gewesen.
    • Kunsthistorische Sicht: Die Barockfassaden Schlüters und Eosanders waren und sind wieder eine Berühmtheit auf höchstem europäischem Niveau. Die zusammengesetzten alten Ostfassaden, in der wilhelminischen Zeit in historisierendem Stil „aufgehübscht“, zeigen dagegen keine ursprüngliche und gleichrangig wertvolle Ansicht.
    • Die Stella- Fassade: Ich meine, Stellas Fassade wird zu Unrecht als Hochgarage, Sparkasse und 08/15-Bürotrakt verunglimpft. Die Fassade ist durchaus mit den Barockfassaden abgestimmt – ohne postmodern barockisierte, sich dem übrigen Baukörper anbiedernde Schnörkel. Sie ist Ruhe ausstrahlend, zusammen mit Treppen und Rampen sogar edel, großzügig und funktional, trotz großem Kontrast zu den Barockfassaden, durchaus passend im Stil und in der Klarheit. Mir fehlt nur, so wie zwei Nord- und zwei Südportale sowie ein dominantes Westportal an der Ostfassade ein entsprechendes, durchaus modernes und markant erkennbares Ostportal. Durch dieses Portal könnte man direkt über das zu rekonstruierende, einladende Eingangsambiente des Gigantentreppenhauses in den Schlüterhof und in die Obergeschosse gelangen. Auch das Gärtchen hätte man etwas üppiger wieder erschaffen können.

    Die Probleme des Zusammenbaus und des Transports und der Montage vor Ort und der Betriebskosten und der Sicherheit und und und interessieren mich zwar auch, aber wichtiger scheint mir, dass man die am falschen Platz aufgestellte nationalnostalgische Bananenschale in möglichst absehbarer Zeit wieder leicht auseinanderbauen und abtransportieren und an einen geeigneteren Ort aufstellen kann, falls wenigstens die Betriebskosten und die Sicherheit sich als beherrschbar erweisen.

    Eiserner Pirat:

    Unter den Befürwortern der Rückversetzung von Neptunbrunnen und Rossebändigern gibt es zwei unterschiedliche Ansichten:

    1. diejenige Gruppe, die meint, ein ständiges Wiederholen der Rückführungsforderungen wirke eher ärgerlich auf die Gegner jeglicher Veränderung und stärke deren Abwehrhaltung und führe zu noch mehr Sturheit. Diese Gruppe hat auch vielleicht bereits resigniert und wartet auf eine ferne Zukunft

    2. diejenige Gruppe, die ihre Forderung immer wieder neu geltend macht und im öffentlichen Bewußtsein wach zu halten versucht. Wenn das mit guten und abwechslungsreichen Argumenten gemacht wird, gehöre ich jedenfalls zur zweiten Gruppe. Das Bild von Eiserner Pirat ist ganz ausgezeichnet und ein neuer, mich bestärkender Eindruck. Vielen Dank.

    Es ist manchmal eigenartig, an der eigenen Orientierung zu arbeiten, wenn man einen Perspektivenwechsel unternimmt. Mir ist auch schon „Lüscher-Bashing“ vorgeworfen worden, wenn ich ihren maßgeblichen Einfluss auf die Schlossplatz-Planung und auf die Gestaltung des von Kunstwerken entblößten Platzes und der so geschaffenen Leere heftig kritisiert habe. An meiner Kritik an dem Ergebnis hat sich nichts geändert. Ich habe aber in YouTube ein Interview mit Frau Lüscher gehört und dabei eine hochintelligente, differenziert argumentierende, sympathische Frau kennengelernt, die beruflich und privat viel über Berlin nachgedacht und interessant gesprochen hat.


    Den Kritikern der Freiraumplanung empfehle ich, ihr in dem Interview zuzuhören: „Berliner Städtebaugespräche 2 – Regula Lüscher – YouTube“


    https://www.youtube.com/watch?v=LaIXfgT8MhM.

    Eiserner Pirat

    An anderer Stelle hatte ich früher geschrieben, dass ich die Idee mit dem Flussbad-Planschbecken im Stadtzentrum ganz lustig finde. Das war wohl nicht gut überlegt. Der Artikel in der Berliner Zeitung hat mich davon überzeugt, dass es falsch wäre, in diesem engen, zentralen Stadtraum zwischen Schinkelplatz und Fernsehturm, der jetzt schon historisch und kulturell hochverdichtet und funktionell sehr komplex ist, noch mehr Funktionen und Bespaßungsräume hineinzupressen. Ohnehin stehen sich hier viele politische, städtebauliche, architektonische, künstlerische, soziale und historisch interessierte Anspruchsteller fundamental und bis an die fletschenden Zähne bewaffnet gegenüber. Es gibt im großen Berlin genügend passende oder ausbaufähige Räume für alle Funktionen der Kultur, der Erholung und der Freizeitgestaltung. Das muss nicht alles in der Mitte von Berlin-Mitte zusammengepfercht werden, zumal dann ein ungeordneter, sich gegenseitig irritierender und störender Gesamteindruck entsteht. Die Gestaltung dieser Mitte Berlins prägt nicht nur das Gesicht der Stadt. Ebenso wie man aus Respekt vor anderenTeilnehmern und vor der Leistung der Künstler nicht in löchrigen Schlabber-Jeans in ein Konzert geht, ebenso sollte Berlin aus Selbstachtung und aus Respekt vor seiner Rolle als Hauptstadt sich hier in einer geordneten und anspruchsvollen Aufmachung repräsentieren.

    Hier ist eine kleine Auswahl von Neubauten, wohl nach Meinung der Schlossgegner rückwärtsgewandte Nachbauten aus feudalen Zeiten, Fälschungen, Imitate, Disneyland-Pappmaschee-Kulissen? Wären an den vielen sehr prominenten Plätzen Europas nicht moderne Bauten, z. B. minimalistisch im Bauhaus-Stil, oder provozierende Solitäre von Modearchitekten auch mitten in alten Ensembles viel interessanter, damit zeitgemäße Schichten erkennbar werden?

    Berlin: Berliner Schloss, Charlottenburger Schloss, Kommandantur, Kronprinzenpalais, Deutscher + Französischer Dom, …. Potsdam: Stadtschloss, Garnisonkirche. Dresden: Zwinger, Taschenberg-Palais, Frauenkirche, Neumarkt, Residenzschloss. Frankfurt: Römerberg-Fassaden, Goethehaus. Hamburg: St. Michaelskirche, Hildesheim: Knochenhaueramts-Haus. Köln: Kirche Groß-St. Martin. München: Residenz.

    Belgien: Kathedrale Dijksmulde, Tuchmacherhalle Ypern. Bosnien: Brücke von Mostar. Frankreich: Kathedrale Orleans. Griechenland: Erechtheion Athen. Italien: Campanile Venedig, Oper Venedig, Monte Casino- Lettland: Schwarzhäupter-Haus Riga. Litauen: Großfürstliches Schloss Vilnius. Polen: Altstadt Breslau, Königsschloss Warschau, Stadtzentrum Danzig. Russland: Erlöserkathedrale Moskau. Spanien: Altstadt Toledo.

    Ukraine: Michaelskloster Kiew, …


    Sollten wir nicht froh sein über die nach furchtbaren Zerstörungen kunstvoll wieder geschaffene Erinnerungskultur in ganz Europa?

    Majorhantines

    Die verlorene Weide sehe ich genauso wie Sie als beispielhaft exerzierte Sterilität.


    Frau Lüscher sieht das als Teil der Ostseite allerdings ganz anders. Zitat:

    "Als romantisches Element erinnert eine Bank mit Trauerweide an das ehemalige Spreegärtchen." Quelle: Beitrag im Berliner Extrablatt Nr. 94

    Ich kann ihr Verständnis von Romantik und von einem romantischen Ort nicht teilen.

    Es wurde hundertmal gesagt, und es muss wieder gesagt werden:


    Das neue, steinerne, schmucklose Umfeld des neuen Berliner Schlossbaus haben wir bekanntlich der Senatsbaudirektorin Regula Lüscher zu verdanken. Frau Lüscher (Studium an der ETH Zürich) steht für Stadtgestaltung, orientiert am Bauhaus und dem Neuen Bauen in der Mitte des 20. Jhds. Sie lehnt historische Bezüge zu Bautraditionen und Kontextualisierung zum Stadtbild vor dem 2. WK sowie Rekonstruktionen grundsätzlich ab. Sie setzte für das Humboldt Forum eine minimalistisch reduzierte Gestaltung des Umfeldes durch, die auf historische Elemente (Neptunbrunnen, Skulpturen, Terrassen, Rossebändiger) völlig verzichtet. Das Schloss solle als „Projekt des 21. Jhds erkennbar gemacht werden und ausreichend Parkflächen für Reisebusse aufweisen“ (Quelle Wikepedia).


    Meine Erklärung dazu: In der Schweiz gibt es keine traumatisierten und bis zum Identitätsverlust zerstörten Städte wie in Deutschland (wo nach dem Krieg zudem alte, zerstörte und beschädigte Leitbauten der Vorkriegszeit auch noch nach „Vorbildern“ der US-Autostadt bzw. der neuen sozialistischen Stadt gnadenlos entsorgt oder "zeitgemäß" optisch modernisiert, d.h. vereinfacht, „entschmückt“ und begradigt wurden). Jetzt wo versucht wird, verlorene und geschädigte Stadtbilder, Ensembles und bedeutsame Plätze wenigstens durch Rekonstruktionen bedeutungsvoller Leitbauten wieder zu gewinnen, lehnt sie das kategorisch ab. Sogar die mögliche Rückführung erhaltener, hochwertiger Kunstwerke an ihre ursprünglichen, wesentlich ausdrucksstärkeren Standorte innerhalb stimmiger Ensembles verhindert sie ausdrücklich, so als wären das alles kitschige Elemente von „Freilichtmuseen“. Indem sie „an prominenten Orten" neue, „zeitgemäße Zeitschichten“ hinzufügen und sichtbar machen will, zerstört sie bewusst tiefer liegende, ältere Zeitschichten aus dem historischen und kunstgeschichtlichen Gedächtnis der Stadt. Dabei wird sie unterstützt durch Kultursenator Klaus Lederer und die Berliner Linke. Auch das Landesdenkmalamt zeigt sich blind gegenüber der Entstehungs- und Bedeutungsgeschichte der Kunstwerke, die ihre volle Wirkung nur am Kulminationspunkt im Zentrum der Stadt wieder voll erreichen könnten. In diesen Haltungen sehe ich einen großen Verlust an wertvollen, zeitlos-ästhetischen Eindrücken im Stadtraum. Deutlich wird eine betrübliche Geschichtsvergessenheit und Arroganz verantwortlicher Amtsträger gegenüber der Kunst- und Kulturgeschichte sowie der Städtebau- und Architekturgeschichte Berlins.

    1. April 2021 um 13:07 Uhr

    Zur Antwort von Frau Grütters, die ihre Weglass-Entscheidung verteidigt: Der Erhalt der Mosaike am alten Standort sei „weder Gegenstand der Bundestagsbeschlüsse noch Teil des Wettbewerbs“ für das Freiheits- und Einheitsdenkmal gewesen.

    Das ist ein erbärmlich schwaches, ja unverantwortliches „Argument“! Weder nimmt sie Bezug auf gerechtfertigte Vorwürfe, dass hier Denkmalschutz willkürlich und eigenmächtig gebrochen wird, noch geht sie auf die historische, kunstgeschichtliche oder ästhetische Rechtfertigung für den Erhalt der Mosaike an diesem Ort ein. Stattdessen versteckt sie sich hinter rein formalen, bürokratischen angeblichen Zuständigkeiten des Bundestags (wofür?) bzw. des Wettbewerb-Auslobers, die schließlich beide dem Denkmalschutz verpflichtet sind. Frau Grütters hat zwar manches gut gemacht, aber hier liegt sie voll daneben und biedert sich völlig argumentationslos den Kulturvandalen an. Leider gehört in Berlin auch das Denkmalschutzamt in diesem und anderen Fällen zu diesen Vandalen.

    Meldung der Berlinerischen Zeitung - 1.4.2021


    Glaubwürdige Kreise wollen erfahren haben, dass Berlins Kulturpapst, Viledera heimlich die Rück­führung des Neptun-Brunnens zum Schlossplatz plant, obwohl er das offiziell ablehnt. Grund waren bisher Gasleitungen und Kosten. Auch soll eine Elterninitiative fordern, für die Kleinen wenigstens die Brunnen-Jungfrauen für „Abenteuer­spiele“ zu belassen (Zitat: Boron). Immerhin habe es Viledera erreicht, dass der Bund 10 Mio. € für die Umsetzung anbietet. Viledera sei auch für die Rückführung der Rosse­bändiger. Das sei aber zu teuer (fehlende Kitas). Den Rossebändiger-Umzug verweigere er nur, damit der Bund das irgendwann auch finanziert. Da der Bund wegen der Pandemie pleite sei, lehne er weitere Pferde, Reiter und Bändiger in B-Mitte ab. Jetzt prüfe Willi Boden vom ProSchloss-Verein, mit Spenden auszuhelfen. Ergebnis: Diese könnten zwar für einen Rossebändiger, nicht aber für zwei reichen. Der Teilrepatriierung mit Spenden würde der Kulturchef sogar zustimmen, da beide Statuen im Kleistpark zu weit auseinander stünden. Jetzt werde endlich eine alle befriedigende Gesamt­lösung ausgearbeitet. Danach könnten beide Pferde mit Personal umziehen, wenn die „grausige nachgemachte Schlossfassade“ (Zitat: v. Dusel) dafür „zeitgemäß“ an dem „sehr prominenten Ort“ (Zitat: Luschara) von religiösen Barocksymbolen befreit und weiß gestrichen würde. Auch müsse der Lustgarten planiert werden, damit durch die Pferde kein Freiluftmuseum entsteht. Der so gewonnene „Platz der demokratischen Republik“ könne für beliebte Großdemos von bis zu 60.000 Personen dienen (Wunsch des Senats). Vorteil: Der Platz könnte dann auch als Bus-Parkplatz alle Parkprobleme lösen. Das Rote-Rathaus-Forum könnte dann eng und historisierend bebaut werden (Forderung der Reko-Fraktion). Zur Finanzierung dieses genialen Konzeptes liegen keine Informatio­nen vor, es wären aber viele Bürger zu Spenden bereit. Zudem lägen lukrative Angebote aus aller Welt zum Ankauf von Raubkunst vor, was erheblich zur Finanzierung beitragen könnte. Das erfolgreiche BER-Projektmanagement stehe für diese neue Herausforderung bereit. Red.: Bauaesthet

    Um das Dachrestaurant nicht mehr zu sehen müsste man Dutzende Attikafiguren dicht an dicht im Schulterschluss vor das Restaurant stellen. Oder besser: man müsste das Restaurant etwas ältlich dekorieren und auswärtigen Touristen erklären, dass schon Wilhelm I in diesem Restaurant gespeist hätte.

    Die Mosaike sind in unterschiedlichen, nicht zusammenhängenden Teilen erhalten. Was spricht dagegen, einzelne, gut erhaltende und dekorative Stücke - ohne jede kontaminierte Verbindung mit "ungewollten, weil verwerflichen kaiserkultischen Nebenabsichten" an passender Stelle aufzustellen oder auszulegen?





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