Posts by Kurpfalz

    Grundsätzlich Zustimmung, Heimdall. Heutiger Platzgestaltung fällt selten mehr ein als großflächige Betonflächen und armselige Grünstreifen. Hier muss ich die Planung aber etwas in Schutz nehmen, die der Pirmasenser Garten- und Grünflächenamtsleiter selbst verantwortet hat (und der versteht in der Regel sein Handwerk). Das Kunstwerk sieht etwas komisch aus, ist aber eine Art Außenexponat des Dynamikums. Es stellt die DNA-Doppelhelix dar und lässt sich durch Drehen in Bewegung bringen. Die schrägen Platten auf der Rasenfläche sollen wohl den Zugang zum Exponat markieren. Die seitlichen Grünflächen und Beete sind mittlerweile deutlich grüner, die Bäume größer (die beiden Bilder sind von 2017). Die Smarties sind tatsächlich unkaputtbare Sitzmöbel. Ästhetisch fragwürdig, aber die Stadt spart Wartungsaufwand und Vandalismus hat keine Chance. Der Zeitgeist drückt hier also leider seinen Stil durch, im Einzelnen haben die Gestaltungsentscheidungen aber durchaus Berechtigung.


    Die Sandsteinwände an den Seiten sind historisch und werden von den neu eingebauten Stützen abgesichert. Mittlerweile ranken sich auch Pflanzen die Stützen hoch. Vom Rest des Platzes habe ich leider keine aktuelleren Bilder, aber die Beete am Rande sehen mittlerweile so aus:

    Fortsetzung: Die Bahnhofstraße aufwärts passieren wir den Joseph-Krekeler-Platz, erst 2015 angelegt an Stelle des 110 Jahre alten Hotels Matheis mit Jugendstilschmuck, aber insgesamt eher grobschlächtiger Form (Zustand ursprünglich so, zuletzt noch so). Vor dem Abriss war die Schaufassade der Alten Post stark zugestellt (siehe Wikimedia Commons). Der heutige bauliche Zustand entspricht wieder demjenigen vor dem Bau des Hotels:


    Oberhalb des schlichten Platzes durchgehende Altbebauung, die als Ensemble denkmalgeschützt ist ("Denkmalzone Bahnhofsviertel"):

    Hier noch einmal die städtischen Bauämter mit originaler Dachlandschaft inklusive fantastischem Eckturm. Ginge man die Bahnhofstraße weiter aufwärts in Richtung Zentrum, würde man zu Bezirksamt und Amtsgericht gelangen. Der Altbau von letzterem ist eigentlich dieses Gebäude (nach Kriegszerstörung vereinfacht wiederaufgebaut, meines Wissens nicht denkmalgeschützt), der von Civitas fortis abgebildete Bau wurde ursprünglich als Wohnhaus für den Ledergroßhändler August Himmelspach errichtet und ist heute auswärtiger Sitzungssaal des Arbeitsgerichts Kaiserslautern.


    Gegenüber das "Postdreieck" zwischen Bahnhof-, Schützen- und Gärtnerstraße, einst für ein Straßenbauprojekt zum Abriss vorgesehen. Es wurden in den 70ern auch schon Teile davon abgerissen (ein Haus ganz rechts, mehrere Häuser ganz links), der Rest aber durch Hausbesetzer gerettet und in den 90ern vorbildlich saniert.


    Die Schützenstraße führt in Richtung Rheinberger, im Hintergrund blickt man auf einen schönen Altbau in der Teichstraße, ehemals das kgl.-bayerische Rentamt, später Vermessungsamt, auf diesem Bild noch vor einer aufwändigen Sanierung der letzten Jahre.


    Die "Rheinberger-Passage" führt von der Teichstraße aus zum Rheinberger. Bis vor ein paar Jahren war hier noch das Gelände eines Reifenhändlers.


    Die Passage in Richtung Rheinberger-Gebäude, im Hintergrund der Eingang zum Innenhof des Komplexes und zum Dynamikum.

    Wir starten am Bahnhof, einer der wenigen Kriegsverluste im Bahnhofsviertel, da gezielt bombardiert. Der heutige Bau aus den 50ern wurde aber erst vor wenigen Jahren von der Stadt gekauft und ganz ansehnlich saniert. Hinter dem etwa 2002 angelegten Bahnhofspark (ehemaliges Gleisfeld des Postbahnhofs) gelangen wir über eine kleine Automeile (eine alteingesessene VW-Werkstatt nimmt beide Straßenseiten in Beschlag) zu den ersten Altbauten.

    Highlight des Viertels ist die bis 2013 über mehrere Jahrzehnte sanierte Alte Post von 1893 im Stil der Neorenaissance, heute ein Kulturzentrum mit Ausstellungen zum Landschaftsmaler Heinrich Bürkel und dem Dadaimusbegründer Hugo Ball. Interessantes Fassadendetail ist das Mosaikband mit Motiven aus dem Postbetrieb von Villeroy & Boch, im Krieg durch den Luftdruck in der Nähe eingeschlagener Bomben teilweise beschädigt und vor 10 Jahren nach Originalplänen vollständig wiederhergestellt.

    Auf der anderen Straßenseite liegt das neue, alte Postamt, die ehemalige Hauptpost aus den späten 20er Jahren. Errichtet, weil die Alte Post nach 30 Jahren bereits zu klein war, und mit damals modernster Technik inklusive mechanischer Paketverladung in den im Untergeschoss gelegenen Postbahnhof. Anfang der 2000er war der Bau aber schließlich völlig überdimensioniert und wurde aufgegeben. In den letzten Jahren wurde er (noch gerade rechtzeitig vor der Pandemie) zu einer Jugendherberge umgebaut.

    Danke für die Bilder, Neußer! Nach Pirmasens verliert man sich nicht so schnell. Die Innenstadt ist leider wirklich ein Best of BRD mit dem Charme der 50er- und 80er Jahre. Und das sind noch die besseren Bauten, zwischendrin entdeckt man auch die eine oder andere üble Bausünde der 60er und frühen 70er. Die Stadt wurde im Krieg zu insgesamt zwei Dritteln zerstört, das Zentrum aber zu ca. 90 Prozent, sicherlich auch der Lage geschuldet an praktisch nur zwei parallel verlaufenden Straßen, der Haupt- und der Allee-/Schlossstraße, und damit fast nur einer einzigen Einflugschneise für feindliche Bomber. Zu Kriegsende standen nur noch einzelne Bauten wie die abgebildete Bayerische Staatsbank unbeschädigt, die wichtigsten Bauten wie das Alte Rathaus und die Kirchen wurden wiederaufgebaut, aber das Stadtbild war unwiederbringlich verloren.


    Dagegen hat der Gründerzeitgürtel um den Stadtkern herum den Krieg fast unbeschädigt überstanden. Teilweise besteht er heute aus mehr schlecht als recht gepflegten früheren Arbeitervierteln, manche Straßenzüge sind autogerechten Straßen zum Opfer gefallen, aber die aufwändiger gestalteten Viertel am Landauer Tor im Süden und das Bahnhofsviertel im Nordwesten der Innenstadt sind ziemlich gut erhalten. Ich schaue, dass ich die nächsten Tage Bilder dazu beisteuere.

    Interessant war gestern Mittag die Aussage des geschäftsführenden Direktors des Städtetags RLP beim Interview im Deutschlandfunk, dass eine Vielzahl von Sirenen in der Zeit nach dem Ende des kalten Krieges abgebaut wurden. Man hat sich nicht mehr bedroht gefühlt und wollte sparen. In den letzten Jahren hat man dann verstärkt auf Digitaltechnik wie Warn-Apps gesetzt, um den Katastrophenschutz zu stärken. Was, wie Valjean anführt, schon letztes Jahr als "Trockenübung" nicht gut funktioniert hat. Kurzfristig gibt es hier einiges zu verbessern. Wenigstens werden Warnungen in Zukunft schon mal etwas ernster genommen. Eine Schulung zu Warntönen per Sirene ist aber auf alle Fälle notwendig, bei uns in der Region kennt man die nur als "die Feuerwehr fährt zu einem Einsatz" oder in Kombination mit Lautsprecherdurchsagen "in der Straße wird das Wasser abgestellt". Ich lebe aber nicht in einer Hochwasserregion.


    An der Mosel, wo meine Familie herkommt, kennt man Hochwasser und hat einen ziemlich gelassenen Umgang damit entwickelt. Die meisten Orte haben gute Schutzvorrichtungen wie Hochwassermauern, die bisher fast immer ausgereicht haben. Bei so einem springflutartigen Hochwasser reichen sie nicht mehr. Und die gelernte Gelassenheit kann leider tödlich enden. Zum Glück waren es bei meiner Verwandtschaft an der Mosel nur recht kurzzeitig anderthalb Meter hohes Wasser in der Straße. So etwas war dort früher tatsächlich normal, als es noch keine Hochwassermauer gab.

    Wo genau fahren heute noch Züge auf Gleisen oder Bahnschwellen aus der Kaiserzeit?

    Du hast schon Recht, die Gleise und Gleisbetten werden in der Zwischenzeit doch ein paar Mal ausgetauscht worden sein :D Die Stellwerkstechnik stammte aber vielerorts noch aus der Kaiserzeit und wurde erst in den letzten Jahren durch elektronische Stellwerke ersetzt. So jedenfalls in der Südpfalz. Brückenbauwerke wurden auch einige Male saniert in der Zwischenzeit, manche ausreichend oft, andere nicht. Ich finde es aber schon interessant, wie gut manches alte Bauwerk mit in der Zwischenzeit deutlich gestiegenem Verkehrsaufkommen klarkommt. Vielleicht war man verschwenderisch großzügig mit den Ressourcen, vielleicht wurde manche Brücke aus militärstrategischen Gründen so stabil gebaut (hier ein Beispiel an der Mosel, entlang der einstigen "Kanonenbahn" zwischen Berlin und Metz, bis heute sehr robust - wenn auch teilweise kriegszerstört und wiederaufgebaut).


    Solche Aufbauleistungen wären ohne die wirtschaftlichen Bedingungen des Kaiserreichs nicht möglich gewesen. Sie waren auch nötig, um die stark wachsenden Mengen Bevölkerung und Güter von A nach B zu bringen. Die Situation ist mit heute oder 1945/49 nicht vergleichbar. Aber vielleicht kann man sich heute etwas inspirieren lassen von der Fähigkeit, funktional, ästhetisch und nachhaltig zu bauen.

    Wesentlicher Unterschied ist, dass das Kaiserreich seine Infrastruktur mit einem enormen Kraftakt neu aufgebaut hat. Das heutige Deutschland hat einen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung viel größeren Staatshaushalt, der aber neben zahlreichen (mehr oder weniger sinnvollen) neu hinzugekommenen Staatsaufgaben auch die Instandhaltung sehr vieler alter Infrastruktur finanzieren muss. Es braucht heute viele Milliarden Euro pro Jahr, allein damit sich der Zustand nicht durch natürlichen Verschleiß verschlechtert. Eine einmalige Ausgabe zu finanzieren ist leicht für einen Staat, dauerhafter Unterhalt ist dagegen viel schwieriger und lästiger, wird also gerne vernachlässigt. In vielen Ländern noch schlimmer als bei uns ( z. B. in den USA), aber die letzten Jahrzehnte haben auch wir ziemlich von unserer Substanz gelebt.


    Eine Substanz, die teilweise immer noch auf das Kaiserreich zurückgeht. Gerade diese alten Brücken und Eisenbahnstrecken sind erstaunlich langlebig (und trotzdem heute teilweise erschreckend marode). Bleibt zu hoffen, dass die Infrastrukturoffensiven der letzten paar Jahre den Kassensturz nach der Pandemie überleben und wir gerade das alte Eisenbahnnetz zukunftsgemäß weiterentwickeln können.

    Das Nebengebäude der Villa Ufer heute im gepflegten Garten hinter der Villa:


    Die Villa Heilmann stand früher direkt links neben der Villa Ufer, aber sie wurde leider in den 80er- oder 90er-Jahren abgerissen und durch den postmodernen Erweiterungsbau der Verbandsgemeindeverwaltung ersetzt. Aus dem Jahr 1982 gibt es Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Landesamts für Denkmalpflege RLP im Bildindex der Kunst & Architektur, die das Gebäude noch recht gut in Schuss zeigen. Wenig später wurde es trotz mutmaßlichem Denkmalstatus abgerissen und hierdurch ersetzt:


    Für ein postmodernes Gebäude ganz interessant, scheinbar wurde auch die alte Haustür und das darüber liegende Fenster der alten Villa Heilmann in den Neubau integriert, aber dass man es überhaupt abgerissen hat, finde ich schon fragwürdig. Mit der Villa Ufer und der Villa Streccius sind Ludwig Levys bedeutendste Wohnbauten in Landau allerdings bis heute erhalten.

    Heute Verwaltungsgebäude der Verbandsgemeinde Landau-Land, das Nebengebäude steht auch noch! Auf der Denkmalliste als "Kutscherhaus im Schweizerstil" bezeichnet. Wenn ich die Tage dort vorbeikomme, mache ich mal ein Foto davon. Der Architekt Ludwig Levy hat übrigens im ganzen südwestdeutschen Raum beeindruckende Gebäude geplant, neben Villen, Verwaltungsgebäuden und protestantischen Kirchen vor allem Synagogen, die leider fast alle später von den Nationalsozialisten zerstört wurden. Im Schweizer Kanton Neuenburg hat ein Exemplar überlebt.

    Die Grafschaft Burgund (gehörte die überhaupt zum HRR? Ich glaube nicht) ist ja heute in deutsche, französische und schweizer Gebiete aufgeteilt.


    Ich meine, der deutsche Teil des ehemaligen Burgunds macht den geringsten Anteil aus - Worms soll ja die Hauptstadt von Burgund gewesen sein.


    Ich weiß jetzt allerdings nicht, was der Sage und was der Geschichte entspringt, ich hab die Zeit Burgunds noch nicht so bewußt miterlebt.

    Das historische Burgund war geteilt in das Herzogtum Burgund mit der Hauptstadt Dijon, Teil Frankreichs, und der (Frei-)Grafschaft Burgund, der Franche-Comté, die bis 1678 Teil des HRR war. Hauptstadt der Freigrafschaft war das heute sehr beschauliche Dole, der Bischofssitz Besançon war reichsunmittelbare Freistadt. Hier sieht man eine Karte der Aufteilung, alles grüne kam 1032 als Königreich Arelat zum HRR, vorher gab es hier die Königreiche Hoch- und Niederburgund (siehe Karte), Worms war aber nie Teil davon. Das ist, wie du schon vermutet hast, Teil der Sage, nämlich aus dem Nibelungenlied. Historisch war der Stamm der Burgunder nur mal als römische Hilfstruppe am Rhein stationiert.


    Besançon hat auch eine interessante Kathedrale, eine ursprünglich romanische Basilika, mit einzelnen gotischen Elementen, später umfangreich barockisiert. In die Kategorie dieses Strangs fällt sie allerdings sicher nicht ;)

    Die Staatsbibliothek wurde heute endlich (wenn auch nur digital) wiedereröffnet. Dazu aktuelle Berichte im Tagesspiegel (von SPK-Präsident Parzinger selbst), in der Süddeutschen, und ein Videobeitrag beim ZDF, lief gerade in den Heute-Nachrichten. Schade, dass die alte Uhr des Kuppellesesaals so versteckt liegt (die SZ erwähnt einen "versteckten Gang hinter einer Treppe des Freihandmagazins"), das ist so ein herrliches Machwerk! Die neuen Lesesäle machen im Gesamtbild aber auch einen guten Eindruck auf mich. Zusammen mit historischen Brunnenhof und Treppenhaus eine schöne Folge von Raumkunst, die man hoffentlich bald wieder als Besucher erleben kann.

    Sehr schöne Videos bisher, Sir Moc! Ich freue mich auf das nächste. Vielleicht finde ich in der Zwischenzeit auch noch Bilder aus Neustadt a. d. W., die ich vor zwei, drei Jahren mal gemacht habe, aber nicht mehr den Speicherort finde. Es gibt aber auch bei Wikimedia Commons ein paar Bilder zum dortigen Marktplatz.


    In der Zwischenzeit: Hatten wir schon Staufen im Breisgau? Bilder sind von 2015, man erkennt an den gelben Gebäuden im ersten und im zweiten Bild immer noch Schäden durch die Hebungsrisse aufgrund von leider sehr folgenreichen Geothermiebohrungen im Jahr 2007 .

    "Kurprinz", was willst Du eigentlich aussagen?

    "Kurpfalz", nicht "Kurprinz", so heißt ein anderer Nutzer :) Im Wesentlichen wollte ich auf die positive Seite des Deutschen Bundes (und auch des Alten Reiches) mit ihren föderalen Strukturen aufmerksam machen. Die "teutsche Libertät" der Reichsstände bzw. Bundesländer gehört fest zur deutschen Geschichte. Und zwar auch zu den Teilen, auf die wir stolz sein können, selbst wenn sie nicht immer zum Nutzen des Landes ausbalanciert war. Deutschland vor 1871 war auch nicht so arm, wehrlos und schwach, wie es von der preußisch-kleindeutschen Geschichtsschreibung nach 1871 (im Sinne eines notwendigen, aber dezent geschichtsklitternden nationalen Gründungsmythos) dargestellt wurde. Schon das alte Reich hatte unter Montecuccoli oder dem "Türkenlouis" Angriffe des "Sonnenkönigs" letzten Endes immer wieder am Rhein aufhalten können, bei allen Schwachpunkten und Altlasten die es hatte. Der deutsche Bund wiederum wurde nie von außen angegriffen.


    In Sachen Fürsten: Das 18. Jahrhundert war eine Blütezeit der Kultur in Deutschland, auch dank kleiner Fürstenhöfe wie Weimar. Ich sage in keiner Weise, dass wir ein Fürstenbund hätten bleiben sollen, zu oft waren diese Fürsten uneinig, um gemeinsame Synergien zu schaffen. Aber dieser Fürstenbund war durchaus eine Basis zur Erneuerung und Weiterentwicklung.


    Die demütigende Niederlage gegen Napoleon hat eine große Bewegung für nationale Einigung und demokratische Rechte erzeugt, die die Fürsten auf Dauer nur schwer unterdrücken konnten. Es hätte aber durchaus andere Möglichkeiten zu dieser Einigung gegeben. Z. B. eine weitere Vertiefung des Deutschen Bundes und einen Ausbau seiner Institutionen. 1848/49 ist das unter anderem daran gescheitert, dass der preußische König als Anhänger des Gottesgnadentums keine Krone aus Händen des Volkes akzeptieren wollte. Ein fortschrittlicherer Monarch als Friedrich Wilhelm IV. hätte diese Möglichkeit und dieses kurze Zeitfenster für sich genutzt.


    Auch unter Führung des "Dritten Deutschlands" ohne Preußen und Österreich wäre eine Einigung vorstellbar gewesen, aber machtpolitisch unrealistisch. Oder unter Führung Österreichs - der preußische Sieg 1866 war auch eher überraschend gegen einen zahlenmäßig deutlich stärkeren Gegner, und nur möglich durch die schnelle Mobilisierung und den schnellen Transport der Truppen. Konkurrierende Pläne der beiden Großmächte gab es schon nach 1849 in Form der Erfurter Union vs. Großösterreich. Preußen unter Bismarck ist es schließlich gelungen, eine Einigung durchzusetzen. Das war eine Riesenleistung, ich beurteile das wahrscheinlich deutlich weniger nüchtern als unser Bundespräsident. Diese Einigung hat deutliche Fortschritte für die Bevölkerung gebracht oder beschleunigt. Allerdings war Österreich ab 1866 draußen aus dem neuen Nationalstaat. Und das neue Kaiserreich war extrem preußisch dominiert (siehe das ganze Blau auf dieser Karte). Meiner Meinung nach ein gewisses Übergewicht, das man thematisieren sollte. Die preußische Effizienz hat die wirtschaftliche und militärische Dominanz des Reichs in Europa möglich gemacht (und die großartigen Bauten der Gründerzeit), aber kulturell ist Preußen mir persönlich als südwestdeutschem Katholik und historisch großem Fan der Habsburger und Wittelsbacher eher fremd. Daher mein Interesse für andere Möglichkeiten der Geschichte. Aber sicher halte ich 1871 nicht für einen "Betriebsunfall" unserer Geschichte. Ich sehe die kluge und erfolgreiche Realpolitik und erkenne sie an, mein Pathos hält sich aber auch etwas in Grenzen.

    Mal abgesehen davon, dass der Deutsche Bund ein kleinstaatliches Fürstengebilde mit inneren Gegensätzen und Zollschranken war

    Der Deutsche Bund war ja nur ein Staatenbund mit gewissem bundesstaatlichem Ausbaupotential. Die Mitglieder waren im Gegensatz zum Alten Reich vollständig souveräne Staaten. Davon zwei europäische Großmächte und respektable Mittelmächte wie Bayern, Württemberg oder Hannover. Aber auch verbleibende "Duodezfürsten" wie "Reuß ältere Linie", die die Kooperation mit und den Schutz durch die größeren Nachbarn für die eigene Lebensfähigkeit gebraucht haben. Die Zentralgewalt war geringer als im Alten Reich ohne Kaiser, Reichstag oder Reichskammergericht. Die gemeinsame Verteidigung war dagegen zeitgemäßer und organisierter als zuvor, mit Bundesfestungen im Westen zusätzlich zu den landeseigenen, zwei davon (Rastatt, Ulm) nach der Rheinkrise 1840 als gemeinsames Bundesprojekt neu erbaut. Die Zollschranken fielen 1834 im Deutschen Zollverein für einen Großteil des Bundesgebietes außerhalb Österreichs weg. Diese wirtschaftliche Vertiefung zeigte schon etwas den Weg in Richtung "kleindeutsche Lösung". Ein weiterer Ausbau des Deutschen Bundes zum Bundesstaat scheiterte auch wesentlich an der Rivalität zwischen Preußen und Österreich (was schon das Alte Reich Ende des 18. Jahrhunderts gelähmt hat).


    Es war also nicht alles Leistung des Kaiserreichs bzw. der Reichseinigung. Die Schulpflicht gab es in den einzelnen Ländern auch schon vorher. Nur auf dem Lande noch nicht so erfolgreich durchgesetzt. Und mit einem Flickenteppich von Regelungen - also fast genau wie heute ;) . Die kleindeutsche Reichsgründung war vielleicht auch nicht so zwangsläufig oder notwendig für Deutschland, wie sie generell gehalten wird. Es hätte andere Wege zu einem effektiven Bundes- und Nationalstaat gegeben. Leider waren Preußen und Österreich zu groß und ambitioniert, um beide zusammen in einen Staat zu passen. Es konnte nur einen geben. Und damit hatten wir ein sehr preußisch dominiertes Kaiserreich, was süd- und westdeutschen Katholiken oder vormals stolzen, selbstständigen Regionen wie Bayern und dem preußisch eroberten Hannover nicht unbedingt gefallen musste. (zur katholischen Skepsis gibt es einen aktuellen Beitrag bei DLFKultur)


    Trotzdem bleibt es eine große Leistung Bismarcks. Für den heutigen Zeitgeist fällt es aber anscheinend die Würdigung schwierig, wenn 1867 der Norddeutsche Bund (der wirklich erste deutsche Bundesstaat) durch einen Bürgerkrieg und 1871 das Kaiserreich durch einen geschickt provozierten Krieg mit dem alten napoleonischen Feind begründet wurde. Es gab trotz "Einigung von oben" ein fortschrittliches Wahlrecht und

    Budgetrecht für den Reichstag als realpolitisches Zugeständnis Bismarcks. Man erreichte eine wirtschaftliche und wissenschaftliche Vorrangstellung in der Welt. Es gab aber selbstverständlich auch Militarismus und Obrigkeitsstaat. (zu den Gegensätzlichkeiten nochmal der DLF)

    Bisher der geheimste "hidden champion" hier. Sir Moc braucht dringend ein eigenes Video über Kleinstädte. Sogar mit "Mohren-Apotheke" mit Mauenstatuete gibt es dort noch.

    Meisenheim ist ein Juwel. Nie kriegszerstört, unverbaut und gut gepflegt. Ich muss unbedingt mal hinfahren und Fotos machen. Auf Google Maps findet man aber bereits sehr gute 360-Grad-Ansichten zum Ort.


    Eine Mischung aus Marktplatz und bayrischem Straßenmarkt bilden Stadtplätze an Inn, Donau und Salzach wie derjenige von Mühldorf am Inn. Schlicht und elegant, strahlt er eine angenehme Atmosphäre aus. Zwischendrin verstecken sich allerdings einige angepasste Neubauten wie der türkise H & M links im folgenden Bild. Mit 500 Metern Länge angeblich der längste Stadtplatz in typischer Inn-Salzach-Bauweise (wesentliches Merkmal: einfach verzierte Scheinfassaden, die mehrere Häusern verbinden). Der schönste davon ist es wohl nicht. Aber seht selbst:


    Die Plätze in Passau oder Burghausen halte ich eindeutig für noch schöner. Mühldorf ist aber auch auf jeden Fall einen Tagesausflug wert.

    Ich hätte tatsächlich noch ein paar beschauliche Markplätze in Rheinland-Pfalz im Angebot.


    Meisenheim in der Nordpfalz ist generell bekannt für sein gut erhaltenes Stadtbild. Früher diente der Ort als Nebenresidenz der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken. Neben dem dortigen Marktplatz gibt es sogar noch eine alte Markthalle.


    Das winzige Beilstein an der Mosel ist nicht zu klein für einen eigenen Marktplatz. Unweit zur Mosel war mir auch der Wittlicher Marktplatz immer sympathisch. Die vielen Ladeneinbauten stören allerdings.


    Zum Marktplatz von Landau in der Pfalz habe ich noch Bilder, die Sir Moc sehr gerne verwenden kann. Der Name des Platzes ist eigentlich Rathausplatz, er wird aber eher Marktplatz genannt, hier findet nicht nur der Wochen-, sondern auch ein schöner Weihnachtsmarkt statt (in normalen Jahren jedenfalls). Auf dem ersten Bild man ein schönes Reiterstandbild vom Prinzregenten Luitpold.

    In der Pfalz kann ich Neustadt empfehlen. Die Altstadt war vor einer teilweisen Flächensanierung noch größer und geschlossener als heute, der Kern um den Marktplatz, der Metzgergasse (mit den vielleicht ältesten Fachwerkbauten von Rheinland-Pfalz) und der Hauptstraße ist aber noch gut erhalten. Recht einzigartig für die Pfalz sind hier Bauten aus allen Epochen seit dem Spätmittelalter, die meisten anderen Orte erlitten entweder im Holländischen Krieg oder dem Pfälzischen Erbfolgekrieg Brände und Zerstörungen, denen kaum ein Fachwerkhaus entkam. Überraschenderweise entging auch Kaiserslautern einer Zerstörung in diesen Kriegen, verlor sein Stadtbild aber später durch 2. Weltkrieg und besonders gnadenlose Flächensanierung. Der St. Martinsplatz dort ist noch sehr schön, aber schon am Rande lauern die Bausünden ;)


    Wunderschöne Plätze in kleinen Orten gibt es auch in Deidesheim oder Freinsheim. Entlang der Weinstraße fallen mir noch mehr schöne Orte ein, denen fehlt als klassische Straßendörfer aber in der Regel der zentrale Markt- oder Rathausplatz. Ehrenvolle Erwähnungen gehen auch noch an die Markplätze von Speyer und Landau. Ersterer ohne spektakuläre Bauten, aber mit Pluspunkten für den Domblick. Letzterer mit ein bisschen elsässischem Charme, aber weit und zugig als ehemaliger Paradeplatz der französischen Festung.

    Quote from Heimdall

    müsste das Ganze so ausgeweitet werden, dass die ganze Menschheitsgeschichte aufgearbeitet wird

    Richtig ist, dass wir nicht alles vergangene Unrecht vollumfänglich aufarbeiten können, sonst bleibt uns keine Zeit mehr für die Zukunft übrig. Für Kriegsbeute aus dem Zweiten Weltkrieg stimme ich dir grundsätzlich zu, Heimdall. Auch dort gäbe es noch einige Dinge zurückzugeben oder wiederzufinden. In meiner Heimatstadt wurden z. B. 1945 etwa 20 Gemälde von Heinrich Bürkel aus der städtischen Sammlung von amerikanischen Soldaten gestohlen. Vor 10 Jahren wurden 4 davon zurückerstattet, die amerikanische Behörden bei privaten Besitzern oder Auktionen aufgestöbert hatten. Es geht aber bei Restitutionen erstens um fallweise und nicht um Pauschalentscheidungen, und zweitens wäre es absurd, alle möglichen Fälle aus der längsten Vergangenheit in die gleiche Reihe zu stellen.


    Die Römer müssen sicher nicht dem Volk der Sabiner ihre Frauen zurückgeben. Auch der Prager Kunstraub ist kein relevanter Vergleich, da niemand hierzu Ansprüche stellt (wer hätte überhaupt die Ansprüche geerbt?) und es sich um ein nach damaligem Kriegsrecht legales Vorgehen handelte. Das war ein Konflikt zwischen gleichberechtigten Parteien, selbst wenn eine Seite ihr zeitweises militärisches Übergewicht ausgenutzt hat, die andere Seite kämpfte nach den gleichen Regeln und konnte sich wehren. Dieser Punkt wird kolonialen Konflikten ja nicht ganz zu Unrecht abgesprochen.

    Quote from Heimdall

    Warum fordern die Nigerianer nicht alles?

    Die Nigerianer werden selbst wissen, dass das unrealistisch ist. Auf dem Rechtsweg könnten sie ihre Ansprüche kaum alle erkämpfen. Es kann hier nur um symbolische Rückgaben gehen. Und verständlicherweise wollen sie selbst mitreden, welche Stücke man ihnen zurückgibt. Der typische "deutsche Kompromiss", der niemanden zufriedenstellt, aber auch niemandem zu sehr wehtut, könnte darin liegen, einzelne Stücke als Leihgabe für das neue Museum in Benin zur Verfügung zu stellen. Das würde auch die Klärung der Frage ersparen, ob im Falle einer Restitution der rechtmäßige Besitzer das immer noch bestehende Königshaus von Benin oder der nigerianische Staat wäre.

    Die einzige mir bekannte, sehr aktuelle Forderung richtet sich nach den Benin-Bronzen, die hier ja schon erwähnt wurden. 1897 von britischen Kolonialtruppen bei einer "Strafexpedition" gegen das Königreich Benin (im heutigen Nigeria) geraubt, als man dessen Hauptstadt geplündert und verwüstet hat. Der kulturelle Schatz eines ganzen Volkes, teilweise Jahrhunderte alt, innerhalb weniger Tage geraubt und gebrandschatzt. Die meisten der mehreren tausend Stücke blieben in England (British Museum, Pitt Rivers Museum in Oxford), viele wurden aber direkt versteigert, um damit die Kosten des Feldzugs zu begleichen (Quelle: Tagesspiegel).


    Die nigerianische Botschaft hat bereits im August 2019 eine Rückgabeforderung gestellt, wie kürzlich bekannt wurde. 2025 soll ein Museum für Westafrikanische Kunst in Benin-Stadt eröffnet werden, genau dort, woher die Bronzen ursprünglich stammen. Einzelne Rückgaben gab es bereits durch das British Museum zwischen 1950 und 1972 durch die Verkäufe von 30 doppelt vorhandenen Werken an die nigerianische Regierung. Heute werden laut Tagesspiegel 64 Bronzen in Lagos ausgestellt, weitere 12 in Benin-Stadt. Die englische Wikipedia listet auf, in welchen internationalen Sammlungen heute wie viele der Bronzen vorhanden sind. Ein ziemlich großer Anteil gelangte nach Deutschland, auch wenn die Bestände in Hamburg, Dresden, Leipzig und Köln nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie das Humboldt-Forum. Die Leipziger Volkszeitung hat mal über die sächsischen Sammlungen berichtet.


    Es gibt offensichtlich viel mehr Werke in den Sammlungen, als die Museen ausstellen können, Nigeria fordert auch nicht alle zurück, sondern nur die bedeutsamsten Stücke. Davon wiederum will sich wohl kein Museum freiwillig trennen. Außerdem sind die Bronzen auf dem Kunstmarkt einiges wert. Auch das Kapital schenkt man eher ungern her.