Posts by MeisterEder

    "Die Grundlage dieses Streits ist der alte ideologische Konflikt der Nachkriegszeit. Damals wollte die angeblich "gute" Moderne den Spuk des "bösen" Historismus vertreiben, der symbolisch mit Faschismus gleichgesetzt wurde. Damals setzte sich eine moralische Verknüpfung durch, die bis heute wirkt. Dabei gab es diese saubere Front niemals. Ein Großteil der "modernen" Nachkriegsplaner stammte direkt aus dem Wiederaufbaustab von Albert Speer, und die wichtigsten Ahnherren der Moderne - von Mies van der Rohe über Le Corbusier bis zu Philip Johnson - haben allesamt intensiv mit dem Faschismus kollaboriert. Doch deren geistige Erben erklären heute immer wieder mit großem Aplomb ausgerechnet die Bewahrung historischer Qualitäten in der Baukultur als politisch rechts verdächtig."

    Dieses Wort in jedermanns Ohr!

    Quote from MagdeburgerKind

    sollte man nicht lieber schauen, ob das Haus in seiner ursprünglichen Form Denkmalcharakter hatte und wenn ja, es auch heute unter Denkmalschutz stellen und damit die Wiederherstellung des verlorengegangenen Denkmalwertes zur obersten Handlungsmaxime erheben?


    In der Tat sollte Denkmalschutz so funktionieren!


    Nach meinem Verständnis beruht der gegenwärtige rechtliche Denkmalschutz aber auf der Bewahrung der Originalsubstanz. Wenn die (zT auch aufgrund mutwilliger Eingriffe) nicht mehr vorhanden ist, gibt es zwar theoretisch Geldstrafen, aber der Schutz ist denke ich weg. Bitte korrigieren, falls jemand bessere Informationen hat!


    Die darüberhinausgehend interessante Frage ist die, ob der Denkmalschutz infolgedessen weitgehend rekonstruierte Bauten (wie zB die Münchner Residenz im anderen Thread) erfasst oder deren Abriss theoretisch möglich wäre?
    Mit anderen Worten würde dieser strikte "Materialfetischismus" zu einer denkmalrechtlichen Zulässigkeit der baulichen Rückführung deutscher Städte auf den Zustand von 1945 führen, was doch äußerst widersinnig wäre.


    Erneut: Ich würde mich sehr freuen, dahingehend von informierteren Forumsmitgliedern belehrt zu werden!

    Schade dabei: das Denkmal ist in seinen steinernen Bestandteilen nahezu vollständig erhalten und eingelagert. (Von der metallenen Statue ist dank einer "Reichsmetallspende" leider nur noch der Kopf vorhanden).
    Grund für den reduzierten Wiederaufbau soll ein Gutachten sein, nach welchem die Statik der Brücke nach heutigen Vorschriften die ursprüngliche Konstruktion nicht mehr zu tragen in der Lage sein soll. Dass der "Wiederaufbau" daher nur in höchst abgespeckter und veränderter Version erfolgen wird, erfüllt mich deshalb mit gemischten Gefühlen. Zwar ist die Stelle so ansprechender gestaltet, als vorher, dennoch wird man sich mit der avisierten "Ruinen-Romantik" mE zu Recht mit dem Vorwurf des Kitsches auseinandersetzen müssen.


    Original:



    geplanter "Wiederaufbau":


    Quote from Neußer

    Oh je, merci fürs Aufklären meines Missverständnisses, habe oben entsprechend korrigiert. Das kommt davon, wenn man sich in Forumsbereichen bzgl Gebieten nördlich des Weißwurstäquators herumtreibt ;)

    Schade dass es (Edit: beim benachbarten Luxusprojekt The Wilhelm) nicht zur Realisierung der "unverbindlichen Entwurfsplanung" kam.



    Jetzige Planung:


    Quote from Treverer

    an ihrer Stelle entsteht das optisch ganz gefällige The Wilhelm (Diese Namen immer...): pss-gp.de/wp-content/uploads/2016/02/1The-Wilhelm.jpg


    Dem Vorgängerbau trauere ich aus ästhetischen Gesichtspunkten (also vorbehaltlich der Gentrifizierungsproblematik) allerdings auch keine Träne hinterher



    Bildquellen und Artikel: https://www.tagesspiegel.de/be…tatt-platte/11335828.html

    Erstaunlich dabei aber, dass sich die Purifizierung (heute insb in Berlin oft zu beobachten) im Inneren der Häuser (Eingangshalle, Treppenhaus, Deckenstuck etc.) nicht fortsetzte.


    Hat hier möglicherweise jemand einen über die allgemeinen "Bauhaus-Überlegungen" (die ich teile) hinausgehenden wissenschaftlichen Ansatz, wieso Entstuckungen hauptsächlich genau in Deutschland en vogue waren? Auf eine tiefere Begründung wäre ich durchaus mal gespannt.

    Anbei noch ein Link zu einem wahnsinnig interessanten Artikel aus der Zeit von 1970: Der Schwund dieser grünen Oasen war damals in vollem Gange und wurde als ernsthaftes städtebauliches Problem wahrgenommen. Auch die hier betroffenen Keller wurden erwähnt:



    Nicht genug: Auf dem Gelände des Bavaria- und Hackerkellers hinter der Theresienwiese sollen Wohn- und Geschäftshochhäuser entstehen. Zur Beruhigung sagt die Pschorr-Brauerei, daß auch die neue Anlage einen Kastaniengarten bekommen und "die typische Münchner Atmosphäre erhalten bleiben soll". Nur: Statt der Spatzen spucken dann die Bewohner des achten Stocks den Biertrinkern in den Krug.

    Ob die "typische Münchner Atmosphäre" durch den -jetzt ebenfalls abgerissenen- Nachfolgebau erhalten blieb, bezweifle ich stark. Für alle Interessierten: https://www.zeit.de/1970/31/rettet-die-biergaerten

    Einer der beiden historischen Vorgänger-Bierkeller (Bavaria-Keller, daneben gab es wohl noch den Hacker-Keller, beide abgerissen Ende der Sechziger. Heute heiß begehrt, standen solche Oasen der Ruhe damals wohl dem allgemeinen Fortschrittsglauben im Wege...


    tolle Aufnahmen, Wanninger! Und anstelle der schönen Gebäude auf dem ersten Bild im Vordergrund entsteht nun zur rechten der unsägliche Königshof bzw. besteht zur linken der mindestens ebenso unsägliche Karstadt, nicht wahr? Letzteres Abriss und Neubau wurde doch unlängst geplant, weiß diesbezüglich jemand etwas neues? Wie wäre es mit dem von den Berlinern derzeit geschmähten Hermannplatz-Entwurf? hihi

    Da bin ich ja mal gespannt, ob wirklich nur die Westfassade am Portal rekonstruiert wird, oder auch der Turm, oder gar die gesamten Fassaden!


    In jedem Fall eine sehr erfreuliche Meldung. Man bedenke den kulturellen Kontext der ehemals "leuchtenden" Stadt München, namentlich wurde der Nordfriedhof schon in Thomas Manns "Tod in Venedig" genau beschrieben. Die entsprechende Passage zitiere ich für alle geneigten Mitforisten, die die entsprechende Literatur gerade nicht zur Hand haben:


    "Hinter den Zäunen der Steinmetzereien, wo zu Kauf stehende Kreuze, Gedächtnistafeln und Monumente ein zweites, unbehaustes Gräberfeld bilden, regte sich nichts, und das byzantinische Bauwerk der Aussegnungshalle gegenüber lag schweigend im Abglanz des scheidenden Tages.
    Ihre Stirnseite, mit griechischen Kreuzen und hieratischen Schildereien in lichten Farben geschmückt, weißt überdies symmetrisch angeordnete Inschriften in Goldlettern auf, ausgewählte, das jenseitige Leben betreffende Schriftworte, wie etwa: «Sie gehen ein in die Wohnung Gottes», oder «Das ewige Licht leuchte ihnen»; und der Wartende hatte während einiger Minuten eine ernste Zerstreuung darin gefunden, die Formeln abzulesen und sein geistiges Auge in ihrer durchscheinenden Mystik sich verlieren zu lassen, als er, aus seinen Träumereien zurückkehrend, im Portikus, oberhalb der beiden apokalyptischen Tiere, welche die Freitreppe bewachen, einen Mann bemerkte, dessen nicht ganz gewöhnliche Erscheinung seinen Gedanken eine völlig andere Richtung gab.“ - Thomas Mann, Tod in Venedig [zit. nach https://www.stadtspuerer.de/de…edig-seinen-anfang-nimmt/]

    Anbei ein paar Fotos der wunderschönen, aber zu entfernenden Bänke, sowie der räumlichen Gesamtsituation in St. Lukas:



    Nach dem Plan der Gemeinde werden ersatzlos entfernt: die Bänke auf der linken...
    (man beachte nicht nur die kunstvoll gefertigten Armlehnen, sondern auch den ebenfalls zu entfernenden Holzsockel mit fein gearbeiteten Lüftungsgittern)


    ...sowie auf der rechten Seite der Kirche:



    Hier ein Gesamtraumeindruck der mittleren und (wieso eigentlich??) zur Seite zu kürzenden bzw vor dem Altar ebenfalls großflächig zu entfernenden Bankreihen:



    Diese Kuppel würde durch die Akustikpaneele verhängt:



    Die Balustrade rechts des Altars (links spiegelbildlich ebenso) soll ebenfalls ersatzlos entfernt werden und "runden Stufen" weichen:


    Und abschließend noch ein Schmankerl: der atmosphärische Gegensatz der Original- im Vergleich zu den schmucklosen Nachkriegsfenstern im Altarbereich:


    Der massivste Eingriff ist (neben den fremdkörperartigen Akustikpaneelen) wohl der Hinauswurf von ca. 3/4 der historischen Sitzbänke (die anderen Entwürfe sahen gar eine komplette Entfernung des historischen Gestühls vor, Pfui Teufel!).
    Und das von einer Gemeinde, die sich auf ihrer Website folgendermaßen rühmt:

    Quote

    Das Kircheninnere wird von der reichen bauzeitlichen historistischen Architektur bestimmt, die sich am Übergangsstil von Romanik zur Gotik orientierte. Bemerkenswert ist auch wohlerhaltene Innenausstattung [...]

    Was für ein Jammer. Man möchte meinen, die 70er seien zurück. Dabei haben sich die damaligen Kahlschläge (so zB geschehen und Jahre später mühevoll und nur teilweise revidiert in der benachbarten Kirche St. Anna im Lehel) wenig rentiert, die gewonnene Leere existiert vielmehr als Selbstzweck. Mir ist unverständlich, wie die zuständigen Behörden so etwas anstandslos hinnehmen können.

    Quote from treverer

    Moment mal, der Bereich von dem gesprochen wird, zumindest den Visualisierungen nach zu urteilen, betrifft den Bereich zur Innenstadt hin, also die Ludwigstraße. Die Straße war immer als baumlose Prachtstraße, gerahmt von monumentalen Stadtpalästen, geplant. Jetzt will man diese historische und sicher denkmalgeschützte Gestaltung und Wirkung lokal komplett verändern mit Pappelreihen und anderer Stadtmöbelierung?

    Die entsprechenden Bereiche, nämlich zwischen Siegestor und Hauptgebäude der LMU bzw gegenüber dem sog. Lehrturm, waren zu Zeiten Gärtners und der Entstehung der Ludwigstraße allerdings überhaupt nicht bebaut. Bei der einen "Platzhälfte" geschah dies erst Ende des 19. Jhdts bzw gegenüber ("Nazi-Bau") sogar erst 1936 (vorher befand sich hier der Garten des damals benachbarten Max-Joseph-Stifts). Von einer historisch-baumlosen Gestaltung kann also keine Rede sein. Und die gegenwärtigen Parkplatzreihen vor dem Siegestor gereichen der prächtigen Bebauung auch nicht gerade zur Ehre. M.E. daher eine klare Verbesserung zum Vorzustand.