Posts by Suebicus

    Ich habe nirgends geschrieben, dass ich mir darum Sorgen mache. Ich wollte nur wissen, wo du deine Erfahrungen gesammelt hast. Lies doch bitte nochmal meine Zeilen.

    Ach, deine Aussage trug nicht eine gewisse abwertende Implikation? Klar, das war natürlich überhaupt nicht beabsichtigt..

    Ist das nur eine Gefühl oder kann man das auch messbar machen? Mein Gefühl und meine Berufserfahrung bestätigen das nämlich in keiner Weise.

    Es ist eine Beobachtung bezüglich meiner Altersgenossen. Beziehungsweise: Eine positive Bezugsnahme auf historische Kultur geht oft mit einem gewissen Konservatismus einher. Ich weiß, dass meine Einschätzung da nicht ganz von der Hand zu weisen ist, weil eben nicht nur ich zu dieser Einschätzung gekommen bin, sondern viele andere hier auf dem Forum auch. Du kannst dem aufgrund deiner eigenen Erfahrungen gerne widersprechen; es genügt jedoch nicht, diese Beobachtungen einfach mit einem unangebrachten Verweis auf mein Alter abzukanzeln.

    Ich weiß ja nicht, auf welcher Schule du deine Erfahrungen gesammelt hast. Ich habe ja nun aber ein wenig mehr Lebenserfahrung auf dem Buckel als du. Weder in meiner Schulzeit, noch im Studium, noch auf den zahlreichen anderen Bildungseinrichtungen, auf denen ich tätig war oder mit denen ich zusammengearbeitet habe, habe ich etwas von einer Abneigung gegenüber unserer Kultur gespürt. Gänzlich falsch ist, dass es ein konservativer Wesenszug ist, kulturaffin zu sein.

    Um meine Schulbildung brauchst du dich wirklich nicht zu sorgen, lieber Tegula. Wenn ich mir deine geschichtlichen Auslassungen in den letzten Beiträgen hier anschaue, wäre es umgekehrt wohl eher zu rechtfertigen.. Ich denke, dass ich meine Altersgenossen etwas besser einschätzen kann als du, wenn man schon eine solche Autorität heranführen muss. Ich sprach dezidiert von einem Interesse gegenüber alter Kultur. Das mag nicht zwangsläufig mit Konservatismus einhergehen, aber es gibt schon eine Tendenz. Gerade dann, wenn alte Kultur häufig von Seiten der Autoritätspersonen gebrandmarkt wird, braucht es unter jungen Leuten oft schon eine stärkere Triebfeder, um sich wirklich zu ihr zu bekennen.

    Man kann das Phänomen, dass es unter der Jugend tatsächlich kein sonderliches Interesse an "alter" Kultur zu geben scheint, aber nicht auf den generellen Rebellionsgeist junger Leute zurückführen. Denn Rebellion ist dies ja eben nicht. Die Jugend rebelliert nicht, sondern surft voll und ganz auf einem Zeitgeist, der ihnen von den (älteren) Gesellschafts- und Kultureliten vorgegeben wurde. Wenn ich mir meine Generation ansehe (Anfang Zwanzig), dann sind die allermeisten meiner Altersgenossen konformistisch bis zum Umfallen. Erst bei den Jüngeren (so um 18, 19) habe ich den Eindruck, dass es sich da etwas verändert: Da hat man dann wirklich wieder eine klitzekleine Minderheit von Jugendlichen, die tatsächlich auf die Idee kommen, dass das, was ihnen die Lehrer als altbackenen Konservatismus (historische Architektur, Kultur etc.) präsentieren, eher ihren Rebellionstrieb befriedigt als ein Pseudo-Widerstand gegen einen Strohmann, der schon seit fünzig Jahren nicht mehr die gesellschaftliche Realität widerspiegelt. Sicherlich sind die oft aufgestellten Behauptungen, dass Generation Z die konservativste Generation seit langem sei, im Großen und Ganzen totaler Unsinn (denn die entgegengesetzte Richtung ist natürlich bedeutend stärker). Dennoch scheint es - und das ist die Neuheit - in dieser Generation kleine Blasen zu geben, in denen Tradition tatsächlich wieder als Antithese gegenüber dem, womit man ständig in Schule und Medien beschallt wird, geschätzt wird.

    Kalendersprüche sind das eigentlich nicht, sondern eine dezidiert weniger kulturpessimistische Sicht auf die Dinge als hier verbreitet.

    Deine Schilderungen waren doch ausgesprochen kulturpessimistisch: Religion verfällt; ein kulturzerstörender Modernismus setzt sich - trotz aller Gegenmaßnahmen selbst einer so konservativen Regierung wie der von Erdogan - anscheinend sogar in der Türkei langsam durch. Kulturpessimistischer (aus konservativer Warte) geht es doch kaum. Ansonsten geht dein Narrativ doch immer dahin, dass die Sorgen über eine tiefgreifende Veränderung der Gesellschaft (die bei uns schon um einiges weiter fortgeschritten ist) nur kulturpessimistische Übertreibung seien. Nun ist aber plötzlich doch die sich vollziehende Veränderung tiefgreifend - und die Reaktion der Konservativen ein Ausdruck von Ohnmacht. Was nun? Übertreiben die Konservativen, wenn sie den vollständigen Verlust von Religion befürchten, eine Gesellschaft ohne traditionelle Verankerung? Oder übertreiben sie eben nicht und verfallen angesichts ihrer Hilflosigkeit in Überreaktionen? Du kannst dahingehend argumentieren, dass der Prozess stattfindet, die Konservativen jedoch die negativen Auswirkungen überschätzen. Dabei ist doch gerade der Verlust von Glaube und Tradition das, was Konservative in den vor dir so belächelten Niedergangsphantasien anprangern. Du kannst natürlich behaupten, dass es uns materiell auch ohne Religion immernoch gut gehen wird, und meinst dann, den Konservatismus widerlegt zu haben. Dabei legen Konservative eben ganz andere Maßstäbe an, haben eine ganz andere Vorstellung von Niedergang. Gerade das, was du in dem Beitrag geschrieben hast, ist doch die Bestätigung all des reaktionären Kulturpessismus: Die alten Traditionen haben keine Chance gegen die Planierraupe der Moderne.

    So abwegig sind die Aussagen von Platz/Solinger nicht. Trüby hat sich im Endeffekt schon in dieser Weise geäußert: Stuttgart sei aufgrund seiner Hässlichkeit eine weltoffenere Stadt als Dresden, weil hier durch die Architektur keine bestimmte Identität vorgegeben werde. Einige der Modernisten denken durchaus in eine solche Richtung.

    Und gleichzeitig darf man ja auch nicht vergessen, dass das Denken damals auch von Propaganda gesteuert war und zwar von der Grundschule aufwärts. Wie wären die Zustimmungswerte unter neutraler Betrachtung?

    Naja, in den angesprochenen Zeiten gab es keine "Grundschule". Propaganda setzt voraus, dass es überhaupt Strukturen gibt, die solcherlei erlauben - und diese existierten nicht. Höchstens könnte man mir da mit der Kirche kommen - diese tat im Mittelalter aber einiges dafür, ein Mindestmaß an Moral durchzusetzen (auch wenn das oft nicht gerne gehört wird).


    Ich will damit sagen, dass Menschen immer auch menschliche Gefühle unabhängig der zeitlich bedingten Sozialisation hatten.

    Das stimmt natürlich. Dass man Unrecht aus dem Zeitkontext heraus erklärt, heißt auch nicht, dass man das Unrecht gutheißt. Dennoch: Die Menschen hatten ein anderes Verhältnis zur Gewalt. Wir reden über eine Zeit, in der sich das Volk auf den Marktplätzen versammelte, um sich an Hinrichtungen zu ergötzen. Unter solchen Umständen ist es eben für das Individuum bedeutend schwieriger, tadellos zu bleiben - teilweise war es sogar unmöglich. Und dies sollte man bei der Bewertung der jeweiligen Individuen beachten. Um es einmal sehr vereinfacht darzulegen: Man stelle sich den total sanftmütigen Herrscher eines mittelalterlichen Fürstentums vor, der vor jeglichen harten Schritten zurückschreckt. Wäre ein solcher Herrscher ein Segen für sein Volk gewesen? Sicherlich nicht. Es wäre in Anarchie ausgeartet. So war zum Beispiel ein Bösewicht wie Cesare Borgia bei seinen Untertanen sogar recht beliebt - eben weil er mit seiner Brutalität Ordnung schaffte. Es ist essentiell, den Zeitkontext zu beachten.


    Wer weiß, vielleicht haben wir in zweihundert Jahren eine rein vegetarische Gesellschaft. Sollen dann die Menschen der Zukunft das Recht haben, jeden von uns, die wir Fleisch essen, als Unmenschen zu verdammen? Dann wird jede historische Persönlichkeit zuerst darauf überprüft, wie sie sich bezüglich des Fleischkonsums positionierte - und dann schneiden natürlich auch nur wenige gut ab.

    Und das war hier eindeutig der Fall, da alles weggewischt worden ist, wenn ich zu Recht darauf verwies, dass Menschen zur damaligen Zeit Kaiser und Könige anprangerten (Literatur, Kunst).

    Ich möchte hier jetzt keine riesige, müßige Diskussion eröffnen, aber - tut mir Leid - dieses Geschichtsbild ist schon etwas simplifizierend. Die bösen Kaiser und Könige, die das an sich hehre Volk in ständige Kriege zwangen.. Ich würde es eher so betrachten, dass die starken Staaten ein sowieso vorhandenes Gewaltpotenzial nach außen wandten. Es ist eben nicht so, dass die Menschen damals genauso tickten wie wir heutzutage, aber dann von den angeblich durchweg bösen Monarchen zu blutigen Konflikten gezwungen wurden - vielmehr spiegelte sich im Verhalten der Monarchen das wieder, was auch für das Verhalten der einfachen Leute galt. Und ja, es gab vereinzelte Menschen, die auch damals schon heutige Moralstandards vorwegnahmen. Aber man kann diese wenigen großen Persönlichkeiten nicht absolut setzen. Sicherlich sollte man auch nicht komplett amoralisch an die Geschichte herangehen, aber das tut doch auch kaum jemand. Deshalb ist es klar, dass sich ein Ivan der Schreckliche, der auch in seiner Zeit durch Blutrünstigkeit hervorstach, nicht zum "Helden" taugt. Man wägt eben ab, wie moralisch ein Mensch in Relation zu seiner Epoche handelte - nicht in Relation zu der unseren. Deshalb kann man auch einen Friedrich Barbarossa als vergleichsweise guten Herrscher bezeichnen, obwohl er bei seinen Belagerungen in Italien haufenweise Geiseln aufhängen ließ. Aus heutiger Sicht ist er ein Kriegsverbrecher - damals verließ er nicht den üblichen Rahmen. Es ist eben ungerecht, von unserem hohen Standpunkt die Menschen der Vergangenheit zu verdonnern. Wir haben halt - im Gegensatz zu ihnen - das Glück, in Zuständen leben zu dürfen, die unsere dunklen Seiten im Dämmerschlaf halten.

    Wenn man sich den Verlauf der Diskussion ansieht, erkennt man sehr deutlich, wer beleidigend ist, Verschwörungstheorien entfachte und wer stringent diskutieren möchte.

    Vielleicht hat man irgendwann auch keine Lust mehr, "stringent" zu diskutieren, wenn Du von deinem hohen Ross herab sowieso jegliche Gegenargumente penetrant mit Deinen heutigen Moralstandards niederwälzst. Da macht eine Debatte halt irgendwann keinen Sinn mehr. Das hat man ja in den letzten Tagen und Wochen x-mal in dieser Form miterleben können: Wassermann: "Preußen war böse" - x-beliebiger APHler: "Preußen hat nicht mehr Kriege geführt als andere Staaten der damaligen Zeit, sondern sogar weniger" - Wassermann: "Preußen war trotzdem militaristisch und böse". So läuft jede Debatte mit Dir ab, wirklich jede einzelne. Es ist immer und immer wieder dasselbe Muster: Du verweist auf historisches Unrecht; jemand reagiert darauf, indem er korrekterweise darlegt, dass die Zeiten damals einfach anders waren und man dementsprechend die Fairness aufbringen muss, das in die Bewertung einfließen zu lassen; du wischst es beiseite mit dem Hinweis, dass es trotzdem böse ist. Da braucht man sich auch irgendwann nicht mehr wundern, wenn die Gegenseite keine Lust auf ernsthafte Debatte mehr hat. Tatsächlich haben Leute wie Heimdall wirklich erstaunlich lange versucht, diese Standards aufrechtzuerhalten.

    Im übrigen ist Jurist sein kein Argument nicht rechts zu sein. Schließlich hat uns das die Geschichte gezeigt (so viel zu Geschichtskenntnisse).

    Ursus wollte mit seinem Hinweis auf die Profession nicht die Behauptung entkräften, dass er rechts sei. Du hattest ihm im Vorhinein vorworfen, keine Ahnung vom Fach zu haben - darauf hat er gekontert. Aber naja....

    Lesen kann halt nicht jeder.

    sowie hier ebenso vorkommende Kommentare á la "wenn der Kaiser hätte Kaiser bleiben dürfen, wäre es nicht zu Hitler gekommen " sind weder Zeugnis von historischer Bildung, sondern Zeugen von einem unsensiblem Umgang mit Geschichte. Zudem ist gerade Letzteres im Konsens der Historiker grober Unfug.

    Wenn hier etwas kein Zeugnis von historischer Bildung ist, dann sind es Deine Beiträge, lieber Wassermann.

    Ein Altstadtpurist findet natürlich genug zum Meckern

    Um in Köln genug zum Meckern zu finden, muss man beileibe kein "Altstadtpurist" sein. Damit ein "Altstadtpurist" überhaupt meckern kann, muss es eigentlich zuerst überhaupt so etwas wie eine Altstadt geben.


    Dennoch: ja, Köln ist durchaus noch eine eindrucksvolle Stadt, gerade durch den Rhein, den Dom und die großen romanischen Kirchen.

    Besonders enttäuscht war ich von Erfurt.

    Ja, kann ich absolut nachvollziehen, wenn auch aus anderen Gründen. Natürlich, Erfurt ist grandios an den zentralen Orten: Domplatz, Marktstraße, Fischmarkt, Anger. Da hat man wirklich geschlossene historische Bausubstanz, die sich zu großartigem Ensemble vereint. Aber genau das ist es, was ich ansonsten in Erfurt vermisst habe: Das Ensemble. Wenn man einmal die angesprochenen Magistralen verlässt, verflüchtigt sich der Altstadtcharakter recht schnell - man tritt nicht in ein heimeliges Gassengewirr ein, nicht in einen wirklich kohärenten Stadtraum, sondern stattdessen in etwas, was eher den Charakter der Vorstadt trägt, was zugig und wenig zusammenhängend wirkt. An den Hauptplätzen erscheint Erfurt wie eine Metropole aus Mittelalter und Früher Neuzeit, deren Fassaden die alte Bedeutung widerspiegeln - verlässt man jedoch das unmittelbare Zentrum, fühlt man sich schlagartig in eine x-beliebige Kleinstadt versetzt.

    Das ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit! Nun muss also auch noch Rottenburg verhunzt werden.. Die Modernisten verstehen eben nicht, dass ein einziger (!) steriler Neubau reicht, um einem historischen Ensemble jegliche Heimeligkeit auszutreiben (bzw. vielleicht verstehen sie es und es ist ihnen schlichtweg egal). Ich komme aus der Nähe von Rottenburg und verehre die dortige Altstadt - deshalb ist es für mich eine besondere Tragödie. Gerade der Rottenburger Marktplatz zeichnete sich doch bisher durch eine relative Geschlossenheit aus, durch ein noch wirklich altertümliches Gepräge. Aber nein, dieses letzte Stückchen der alten Welt können sie uns nicht einmal lassen... Ich kann meine Wut und meine Trauer überhaupt nicht in Worte fassen.


    Aber ja, gerade Rottenburg tut sich schon seit längerer Zeit durch Kulturvernichtung hervor. Man schaue sich auch einmal den dortigen Dom an (Rottenburg ist ja seit dem 19. Jahrhundert Bischofsstadt). Bis zur Renovierung 2001/2003 war der eigentlich gotische Dom im Inneren vom Neobarock dominiert – sicherlich künstlerisch nicht besonders hochwertig, aber doch ganz nett. Dann hat man das altehrwürdige Kirchengebäude modern umgestaltet, die neobarocke Bemalung verschwand zusammen mit den Prunkgegenständen, darunter auch die spätgotischen (!) Altäre. Seit dieser unsäglichen Renovierung muss einem der Dom doch leidtun: Sein Äußeres ist noch immer sehr beeindruckend, das Innere jedoch modernistisch verstümmelt. Hier finden sich Bilder von der früheren und der heutigen Gestaltung: http://www.held.eu/de/Dom_Kirche_1.php

    Bleibt in der Diskussion bei der Architektur. Ich habe die Beiträge deaktiviert, die sich rein um Politik drehten.


    Wir debatieren hier über den Populismus-Vorwurf in der Architektur. Natürlich darf man dann auch einmal den politischen Begriff des Populismus an sich analysieren, aber hier bahnte sich eine rein themenfremde (und sinnlose) Diskussion an.

    Ich denke, die Katzen- und Hunde-Gedanken von Suebicus bringen schon eine ironische Brechung rein. Jedem ist wohl klar, dass sich Tierliebhaber nicht in eine rechte oder linke Ecke drängen lassen würden. Tierliebe ist überparteilich, genauso wie die Freude an schönen Gebäuden.

    So war es gedacht.


    Moscovicus (besser: Moscovitus)

    Diese "cus"-Endung muss aber schon drin sein, deshalb: Moscovicus :D


    Ich glaube, das hat auch was mit dem heißen Wetter dieser Tage zu tun.

    Das glaube ich auch. Besonders am heutigen Tage (40 Grad 8| ) werde ich wohl tatsächlich nur Hunde und Katzen vor meinem inneren Auge herumwandeln sehen.


    Das ist doch jetzt der versöhnliche Abschluss einer sehr tierlastigen Diskussion. Stalins Katzen können sich also wieder beruhigt in ihr Kissen zurückkuscheln.

    Ein wütender Moscovicus, der Klartext redet, würde schnell im Gulag landen und seinem Verein einen Bärendienst erweisen.

    Unter Stalin wäre viel eher der gesamte Verein ohne jegliche Differenzierung beim Hauch einer Denunziation im Gulag gelandet. Wahrscheinlich der Hundeliebhaber grundlos gleich hinterher.


    Es war ein Spiel ohne jeglichen Anspruch auf historische Realität. Ich wollte eigentlich zuerst dafür ein anderes geschichtliches Regime verwenden, dachte mir dann jedoch, dass ich in diesem Fall erst einmal einen ellenlangen Text schreiben müsste, nur damit niemand den Vergleich falsch versteht. Ich nahm dann ohne viel Nachzudenken eben die Sovjetunion, aber vielleicht trifft mein Beispiel im Endeffekt mehr auf das andere historische Regime zu. Na, dann kann ich immerhin wieder von "tegula" statt vom anscheindend falschen "плитка" schreiben... Hätte ich aber das andere Regime verwendet, fiele mir auf Anhieb ein bestimmter Forengenosse ein, der dann trotzdem ebenso laut Einspruch erhoben und mir ohne faktische Grundlage was weiß ich auch immer vorgeworfen hätte...


    Wenn der Genosse Hundeliebhaber versucht, mit den Mitteln des Systems eine eigentlich unpolitische Sache zu diskreditieren, wäre er dann kein Gegner? Es ging mir darum, die Brisanz der Situation und die Boshaftigkeit einer bestimmten Persönlichkeit zugespitzt darzustellen, um meine Fassungslosigkeit angesichts der Gelassenheit mancher hier begreifbar zu machen. Ich kann es einfach nicht verstehen, wie hier die Angriffe eines Möbys ( :D ) teilweise relativiert werden. Natürlich wäre es sinnvoll, ihn mit den Mitteln des Systems zu schlagen, aber ist das überhaupt immer möglich? Versuchen wir das nicht auch schon?


    Mein "Gedankenexperiment" zielte auch gar nicht darauf ab, eine richtige Handlungsweisung zu liefern, sondern sollte lediglich, wie schon geschrieben, in äußerst zugespitzter Form die Boshaftigkeit derer darlegen, die versuchen, aus Eigeninteresse heraus den architektonischen Diskurs zu politisieren, um sich nicht mit legitimen Ansprüchen auseinandersetzen zu müssen. Und dadurch mein Unverständnis denen gegenüber begreifbar zu machen, die uns tatsächlich ein aufgebauschtes Feindbild vorwerfen. Du machst also aus meinem Experiment etwas, das es nicht sein sollte, und widerlegst dann diesen Strohmann. Ich hatte mir sogar noch überlegt, ein Ende im Gulag zu verfassen, das die Grundaussage der Geschichte verdeutlicht hätte. Das habe ich dann aber sein gelassen, denn es wäre wohl sehr dunkel, geschmacklos und zu dick aufgetragen geworden und hätte mir eventuell eine Rüge von den Mitmoderatoren eingebracht. Moscovicus stapft durch den sibirischen Schnee: "Na, und? Ist er nicht unser Gegner?"..


    Als so böse wollte ich den Hundeliebhaber dann doch nicht darstellen.


    Warum плитка / plitka? Das lateinische Wort "tegula" heißt doch "Ziegel", gegebenenfalls "Dachziegel". Das russische Wort dazu ist im ersten Fall "кирпич / kirpitsch", und im zweiten Fall "черепица / tscherepiza". Für mich ist dieses Übersetzungsproblem das interessanteste an deinem Gedankenexperiment.

    Ich kann leider kein Russisch und musste mich auf Google-Übersetzer verlassen.

    Gut, das wird jetzt mein letzter Beitrag hierzu. Ich kann einfach diese Gelassenheit nicht verstehen. Wir leben in einer Zeit, in der es keine größere Sünde zu geben scheint als rechts zu sein. In einer Zeit, in der jegliche auch nur vage Assoziation mit "rechts" eine totale gesellschaftliche Isolation nach sich zieht. Herr Trüby weiß genau, was er macht, wenn er versucht, der Rekonstruktionsbewegung ein rechtes Mäntelchen umzuhängen. Dass er dies wirklich rein aus einer wissenschaftlichen Überzeugung tut, glaube ich einfach nicht. Das ist das letzte verzweifelte Mittel der Modernisten.


    Stellen wir uns einmal folgendes vor (und nein, ich möchte unsere Lage nicht mit der in der Sovjetunion vergleichen, es ist lediglich ein weiteres, (sehr) zugespitztes Gedankenexperiment): Es gibt einen Verein der Katzenliebhaber in der Sovjetunion, der aber von einem Hundeliebhaber kritisch beäugt wird. Der Hundeliebhaber kann Katzen nicht ausstehen und möchte, dass die Menschen sich wieder vermehrt Hunde zulegen. Aus irgendeinem Grund haben Katzen gerade Hochkonjunktur (vielleicht weil Hunde zu sehr an den Krieg erinnern). Nun überlegt sich der schlaue Hundeliebhaber, wie er die Katzen wieder ins Abseits drängen kann, und da er nun einmal schlau ist, erkennt er den Zeitgeist und seine Möglichkeiten (ich weiß, eine Unterstellung, aber ich halte sie für schlüssig). Er ist zufällig auch Professor für ..hmm... Kulturtheorie mit dem Schwerpunkt auf der Beziehung zwischen Mensch und Tier und kann sich demnach als Autorität präsentieren. Also veröffentlicht er mehrere Schriften, in denen er krampfhaft versucht, Katzen irgendwie in die Nähe der Bourgeoisie zu rücken. Schließlich stünden sie ja für eine effeminierte Affektiertheit, die sehr an das dekadente Bürgertum der Jahrhundertwende erinnere. Hunde hingegen seien loyale, schlichte, geradlinige Tiere, die vielmehr den Idealen des "Neuen Menschen" entsprächen als die so dekadenten, bürgerlichen Katzen. Die Liebe zu Katzen sei also oftmals Ausdruck einer tiefsitzenden bourgeoisen Einstellung. "Es ist ja nicht jeder Katzenliebhaber ein Klassenfeind", sagt der Hundeliebhaber mit einem Zwickern. "Aber dennoch versucht der Klassenfeind, mittels der Katzen das Proletariat zu verderben!". Und nun gibt es eine hitzige Diskussion bei der Versammlung der Katzenliebhaber in einer Moskauer Datscha. Wutentbrannt erhebt Moscovicus das Wort: "Der Herr ... ist klar als unser Gegner zu betrachten. In dieser Situation versucht er, unsere unschuldige, harmlose Katzenliebhaberei auf niedere Beweggründe zurückzuführen und rückt uns bewusst in eine Richtung, in der für uns staatliche und gesellschaftliche Repressionen zu erwarten sind". "Pah", entgegnet плитка. "Wir müssen differenzieren. Er meint es ja alles nicht so. Wir dürfen uns keinen Gegner machen, wo keiner ist und nicht zuviel in seine Aussagen hineininterpretieren...".


    Auch das ist eine freie Unterstellung. Er möchte Hass gegen sich provozieren? Lassen wir doch bitte mal die Kirche im Dorf.

    Entschuldigung, darf man nun keine Vermutungen mehr anstellen? Es ist eine strategisch logische Erwägung, die so nun wirklich nicht aus der Welt ist. Natürlich sieht ein Herr Trüby es gerne, wenn seine Kontrahenten von Hass getrieben sich in niveaulosen Beleidigungen diskreditieren, anstatt vorzeigbare Argumente zu liefern. Und nein, natürlich finde ich kein Zitat, das dies belegen wird, aber das ist wohl auch der Sinn der Sache.

    Ich kann überhaupt nicht damit anfangen, sich persönlich beleidigt zu fühlen, weil jemand etwas schlecht macht, wovon ich überzeugt bin. Es sei denn, die Person meint explizit mich und meine Aktivitäten und hat sich mich als Zielscheibe ausgesucht. Das kann ich so aber nicht aus seinen Texten herauslesen.

    Ich bewundere Deine stoische Haltung, aber ich kann sie auch nicht wirklich nachvollziehen. Vielleicht liegt es an meiner Jugend... Noch ein kurzes Gedankenexperiment (weil diese hier derzeitig solche Hochkonjuktur habe): Sagen wir einmal, eine Person a mag eine Sache b. Nun kommt ein Herr c (der vielleicht aus Stuttgart stammt, man weiß es nicht...) und meint, jeder der Gefallen findet an Sache b sei ein (Schimpfwort einfügen). Würdest du dich in der Haut von a nicht beleidigt fühlen? Ich weiß, es ist zugespitzt, aber im Endeffekt ist die Lage, wie hier schon herausgearbeitet wurde, eine ähnliche. Das Damoklesschwert des trübyschen Zorns droht über jedem Reko-Befürworter. (Und ja, ich weiß, dass wir uns hier den Modernisten gegenüber manchmal recht ähnlich verhalten, das beruht aber auf Gegenseitigkeit und tut in der Diskussion nix zur Sache)


    Trotzdem: Es sollte nun keinen irrationalen, sinnlosen Hass gegen Herrn Trüby geben (genau das möchte er haben). Stattdessen muss man sachlich bleiben und seinen Vorwürfen mit Argumenten begegnen. Das trübe Wasser verlangt nach Klarheit.

    Wir tun uns wirklich keinen Gefallen damit, unsere unterschiedlichen Überzeugungen auf eine persönliche Ebene zu ziehen.

    Ich rede auch überhaupt nicht davon, dass man nun irgendeinen persönlichen Hass gegen Trüby hegen sollte. Es geht mir lediglich darum, dass er nun einmal unser Gegenspieler im Architektur-Diskurs ist. Wir müssen dies anerkennen und auf eine anständige, zivilisierte Art und Weise unseren Standpunkt verteidigen - eine devote Anbiederung würde meiner Meinung nach sowieso nichts bringen.