Posts by Sonicted

    Ich war jüngst im GOP in der Überseestadt. Der Stadtteil ist eine einzige Katastrophe. Öd und leer. Kein Leben. Kein Charme. Es wurden sämtliche Fehler der 60er und 70er Jahre wiederholt. Es ist mir ein Rätsel, wie man heute noch ein solches Viertel bauen kann. Ich bin kein Fan der Hafencity, aber sie schlägt die Überseestadt um Längen. (Das GOP Theater kann ich allerdings sehr empfehlen).

    "Die Räume mit Fischgrätparkett und Sichtbetondecken, das darf an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, sind wirklich schön." (Berliner Zeitung).

    Das Fischgrätparkett ist tatsächlich herrlich. Aber das kann ich mir in jeder Wohnung verlegen lassen. Und den Sichtbeton finde ich schrecklich.

    Erinnert mich an das Treppenhaus in dem Schulneubau meiner kleinen Tochter. Hat den Charme einer Tiefgarage. Und alle Eltern hatten den Eindruck, der Bau ist eigentlich noch gar nicht fertig.

    Stimmt, die "Zwiebelschalen" gibt es vielerorts nicht mehr. Komplett neu bauen lassen sich Städte aber auch nicht mal eben so, oder willst du die Eigentümer all der Gebäude enteignen? Und wo soll dafür das Geld her kommen? In der Realität kann man immer nur nach und nach vereinzelt Gebäude ersetzen und die betreffenden Neubauten sind dann immer dem jeweiligen Zeitgeschmack unterworfen.

    Du hast mich missverstanden. In Magdeburg musste ja die gesamte Stadt nach der 'Magdeburger Hochzeit' neu aufgebaut werden. Ebenso große Teile Lissabons nach dem Erdbeben. Oder eben Teile Dresdens nach dem Beschuss durch die Preußen im 18.Jahrhundert.

    Was ich sagen will: damals hat es funktioniert, auch ohne Rekonstruktionen. Denn die Architektursprache hatte überzeugende Lösungen parat. Nach den Zerstörungen des 2.Weltkriegs hat es oftmals nicht funktioniert. Weil die Moderne eben vieles so radikal anders machen wollte. Im Nachhinein wäre es klüger gewesen, mehr zu rekonstruieren und sich stärker an den alten Grundrissen zu orientieren.

    Nun ist es für viele Städte zu spät. Nach und nach kann - und sollte - man einzelne Stadtplätze aufwerten, da bin ich ganz bei dir. Aber eben auch mit Rekonstruktionen, es sei denn, die Moderne entwickelt sich endlich weiter. Und ich bin mir auch bewusst, dass "mehr" oft nicht geht.

    Deswegen glaube ich auch, dass z.B. Dresden ein "Jahrhundertprojekt" ist. Ich bin mir sicher, dass das Neustädter Rathaus zurückkommt, weil die aktuelle städtebauliche Situation so unbefriedigend ist. Ich bin mir aber nicht sicher, dass ich den Wiederaufbau noch erleben darf.

    Das Lübecker Gründerviertel finde ich gelungen, zwar nicht immer im Einzelnen, aber definitiv im Ganzen.

    Und zum Thema Rekonstruktionen würden so tun als hätte es den Krieg nie gegeben: Das Gründerviertel z.B. fügt sich in die Stadt ein, ohne die Spuren der Zeit gänzlich zu verwischen. Der Krieg ist Teil der Geschichte der Stadt. Ich finde die Folgen optisch gänzlich unkenntlich zu machen, würde Lübeck in seiner geschichtlichen Erlebbarkeit ganz massiv schaden. Ein Lübeck voller Rekonstruktionen wäre nicht mehr das echte Lübeck, sondern ein ... was auch immer. Mit Architektur ist es wie mit Zwiebelschalen. Jede Epoche hinterlässt ihre Spuren und drückt einer Stadt ihren Stempel auf. Das verstehe ich unter Authentizität. Wünschenswert ist, dass Viertel wie das Gründerviertel Schule machen, und dass mögliche zukünftige Viertel dieser oder ähnlicher Art dann differenzierter ausfallen. Dann wäre meiner Meinung nach eine Menge gewonnen.


    Ich finde das Gründerviertel in Ordnung und halte es für einen Schritt in die richtige Richtung.

    Leider ist das bei moderner Architektur aber viel zu selten der Fall. Billig, hässlich, unpassend. Das sehen ja nicht nur wir Rekonstruktionsbefürworter so. Ich muss nur meine kleinen Töchter fragen, was sie schöner finden. Da fällt die Antwort jedes Mal eindeutig aus (und ich beeinflusse nicht). Schönheit liegt eben nicht - oder nur ganz selten - im Auge des Betrachters.

    In Lübeck denke ich z.B. an das Peek&Cloppenburg Gebäude. Wie konnte man so etwas nur direkt am Markt bauen?

    Ich bin der Meinung: man müsste nicht rekonstruieren, WENN die moderne Architektur eine überzeugende Alternative bieten würde. Aber wann tut sie das schon? Selbst die Füllbauten am Dresdner Neumarkt sind ernüchternd - dabei war die Aufgabenstellung doch so einfach.

    Und das Problem in vielen deutschen Städten sind eben die von dir erwähnten Zwiebelschalen: es gibt sie nicht mehr. Der Bombenkrieg hat innerhalb weniger Stunden die gebaute Geschichte mehrerer Jahrhunderte ausgelöscht. Nun kann man sagen: wir bauen die Stadt eben komplett neu auf, so wie Magdeburg nach dem 30-jährigen Krieg oder Lissabon nach dem Erdbeben von 1755.

    Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die moderne Architektur dabei versagt. Man schaue sich nur die meisten deutschen Städte an. Die Moderne kann spektakuläre Solitäre hervorbringen, so wie die Elbphilharmonie, das Centre Pompidou, das Sydney Opera Haus und so weiter. Aber sie scheitert beim Städtebau. Und deswegen geht es eben so oft nicht ohne Rekonstruktionen.

    Wenn nachts die Farbheinzelmännchen kommen.


    Diese Farbe sähe in der Tat deutlich angenehmer aus. Insgesamt fehlt dem Haus bei der Breite die Unterteilung / Strukturierung. Zudem wirkt die Fassade zu glatt. Aber gut, immer noch besser als der wirklich grässliche Bau Erika-Wolf-Str. 3.

    Bei den Füllbauten sieht man leider wieder einmal, dass die Architekten von heute es zumeist nicht können oder nicht wollen.

    Ein schlechter Witz: was soll sowas in Holstein? Nichtmal die Farbe passt. Und dann die Solarpanele.... Bitte nach Frankreich schauen. Dort wird regionaltypisch gebaut.

    Die Solarzellen auf dem Dach sind tatsächlich ein schlechter Witz im grauen Norddeutschland. Sehen auch nicht schön aus.

    Ansonsten ist das natürlich schwedischer Stil. Die Eigentümer sind offensichtlich Fans. Ich finde es sehr hübsch. Die Farbe wurde erst jüngst geändert; vorher ging der Anstrich eher ins gräuliche, so wie man es auf dem ersten Foto im OG noch sieht. Das sah angenehmer aus.

    Das Haus steht in einem Neubaugebiet. Der Großteil der Neubauten sind billige Scheußlichkeiten. Da sticht dieses Haus einfach sehr positiv hervor. Allein die Fenster: so etwas sieht man heutzutage bei Neubauten selten. Regionaltypischer Stil wäre in der Gegend selbstverständlich Backstein. Diesen findet man unter den Neubauten leider kaum.

    Schöne zwei Vergleichsbilder. Wäre auch was für unser Social media. Man kann hierbei wunderbar illustrieren, dass die modisch modernen Bauten allesamt bereits nach der kurzen Zeit ausgetauscht wurden, während die traditioneller ausgeprägten Gebäude weiterhin stehen. Welche Gestaltung ist nachhaltiger?

    Vor allem: der Ufa Palast von 1958 wurde 1997 für einen Kino-Neubau abgerissen, der wiederum 2006 für das jetzige Bürogebäude abgerissen wurde.


    Auf diese gewisse Wertigkeit haben sich Investoren doch mittlerweile bei vielen Innenstadt-Projekten in Deutschland geeinigt. Ganz einfach weil dieser Standard bei maximaler Rendite hinreichend Akzeptanz generiert.

    Dabei ist die hier entstandene Dichte auch meiner Meinung nach zu begrüßen. Aber was Urbanität bedeutet, da gehen unsere Vorstellungen offenbar weit auseinander. Dafür braucht es nicht nur eine hinreichende Verdichtung, sondern die Nutzungsmischung machts. Bezahlbarer Wohnraum, nette Nachbarschaft, kleine Läden und Gewerbebetriebe im Erdgeschoss. Früher mal hat es das in Hamburg auch in der Innenstadt gegeben. Mit Investorenbauten, teuren Büroflächen in den Obergeschossen und vermutlich mehr oder weniger ausschließlich Luxusläden unten ist das nicht zu machen. Aber das ist ja ein Verdrängungsprozess, welcher in allen europäischen Metropolen zu beobachten ist. Nur das sich dieser Prozess z.B. in Madrid oder London hinter historischen Fassaden abspielt. (Man siehe nur die ganzen Hostels, wo früher Menschen gewohnt haben.) Alle europäischen Motropolen sterben letzten Endes den gleichen Tod.

    Wir liegen bzgl. Urbanität gar nicht so weit auseinander, wie du denkst. Ich habe eben immer den Vorgängerbau im Kopf: das Allianz-Hochhaus.

    Mit dem Abriss entwickelt sich Hamburg doch in die richtige Richtung. Letztens war ich beruflich in Düsseldorf. Bin von der Königsallee zu Fuß zum Hbf gegangen. Ich war sehr überrascht, wie schäbig und heruntergekommen die Stadt doch in großen Teilen wirkt. Und dann dieser gräßliche Platz der Deutschen Einheit! Ich erzähle das nur, weil alles eben relativ ist: in Hamburg hätte man das Hochhaus der Bundesbank bereits vor längerer Zeit abgerissen.

    Ich bin grundsätzlich ganz bei dir, dass mehr Wohnraum wünschenswert wäre, ebenso kleinere Parzellen mit Ladenfläche im EG, ähnlich der Schanze.

    Du darfst aber auch nicht vergessen - bzw. vielleicht kennst du die Gegend am Burstah nicht - dass dort eben schon viele kleinere Läden sind: Restaurants und Imbisse, Kleidungsläden, Apotheken, Friseure, Supermärkte, ein Irish Pub etc pp.

    So „tot“ wie in der Bohnenstraße ist es drumherum nicht.

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    Schöne neue Welt. So stelle ich mir den Orwell-Überwachungsstaat vor. Wer im Geburtskanal steckengeblieben ist, sollte diese Straße meiden. Hier hätte Hitchcock eines seiner dystopischen Traumfragmente drehen könnten

    Ohne Frage fehlt da ein bisschen grün. Und die Fassaden kann man noch besser gestalten. Aber: es ist Dichte / Urbanität entstanden und die Gebäude haben eine gewisse Wertigkeit.

    Ich vergleiche Neubauten gerne mit der HafenCity. Dort reiht sich ein billiger Block an den nächsten und die Straßen sind viel zu breit. Insofern ist Hamburg zumindest in der Innenstadt auf einem ordentlichen Weg.

    Aktueller Stand Bohnenstraße / Großer Burstah.

    Früher:


    Aktuell: Allianz-Hochhaus abgerissen, 60er-Jahre Gebäude (links) mit neuer Fassade, Neubau mit interessanter Kubatur aber etwas fragwürdiger Fassade. Insgesamt eine deutliche Verbesserung des Stadtbilds.