Posts by Lubitsch

    Wir sollten diese ganzen "Das alte ..." "... ehemals" "... in alten Bildern" und wie alle diese Bücherreihen heißen (und natürlich Einzelveröffentlichungen) mal systematisch Stadt für Stadt zusammenstellen. Das ist oft ein wahrer Dschungel an Veröffentlichungen und nicht selten sind die alten, vergriffenen Bände besser als die neuen.


    Wir sollten eigentlich für jede Stadt einen Atlas an Rekonstruktionsmöglichkeiten und -vorschlägen haben, damit man immer reagieren kann, sobald irgendwo etwas abrissreif ist.

    Ein wirklich herausragendes Buch für alle, die sich für Leipzigs Innenstadt interessieren


    https://www.amazon.de/Wie-Leip…hwunden-ist/dp/3948049009


    Der Autor stellt die Entwicklung ab 1860 vor, jedes abgerissene Gebäude wird auf einer Seite mit einem Foto präsentiert, dazu ein Erläuterungstext, zwei Kartenausschnitte für die Lokalisierung und ein kleines Foto des heutigen Zustands.
    Zuerst der langsame Beginn 1860-1892, dann die Abrissorgie 1893-1918, ein kleines Zwischenspiel in Weimar und dann die Bombenschäden, die nochmal mit einer präzisen Zerstörungskarte illustriert werden. Dann die DDR und als erfreulicher Abschluss einige Abrisse von hässlichen DDR Bauten nach der Wende. Und am Ende nochmal eine Karte mit allen prä-1860 Bauten.


    Sowas würde man sich eigentlich für fast jede deutsche Stadt wünschen.

    Also nacheinander:


    1) Ästhetikdiskussionen sind immer subjektiv. Deshalb hielte ich es für absolut notwendig, dass wir unsere subjektive Blase verlassen und eine Studie oder Umfrage in Auftrag geben, bei der repräsentativ mal abgefragt wird, was die Leute eigentlich mögen. Was gefällt den Menschen, eine Fachwerkzeile, ein Gründerzeitensemble oder eine moderne Bebauung? Es wurde hier doch schon mal sowas ähnliches zitiert, aber ich finde, wir brauchen wirklich eine nachvollziehbare Grundlage, damit es nicht immer heißt: nun, ihre Meinung ist eine Meinung, es gibt auch andere. Ich finde schon, dass die Bevölkerung, die ja in diesen Städten leben muss, auch mal sagen sollte, was sie eigentlich will. Wieviele Romantiker wie uns gibt es? Sind all die Initiativen, die Altstadtkerne gerettet haben nur kleine Bildungsbürgergruppen? Ist das den Leuten tatsächlich wurscht?


    2) Zum Historismus: ja, der Historismus ist zu einem gewissen Grad in den Köpfen der Verantwortlichen angekommen. die Denkmalschutzbehörden kartografieren ihn gewissenhaft. Aber, wenn du dir z.B. die Dehios durchblätterst und schaust, welche Gebäude mit Sternchen versehen werden, dann ist häufig Jugendstil und frühe Moderne dabei, aber der echte Historismus selten. Auch in Reiseführern kommt das gut erhaltene Gründerzeitviertel oft nur als Fußnote vor und auch die Tourist-Infos sind oft ratlos, wenn man in die Richtung hin fragt. Auch die Buchregale sind sparsam bestückt, ich suche bis heute eine wirklich repräsentative Geschichte, die all die Stränge mal aufdröselt.
    Und wie gesagt im Gespräch beiläufig anzumerken, dass ein historistisches Gebäude überladen ist, geht eigentlich immer und keine Epoche wird so lässig kritisiert wie diese.


    3) Die Neue Nationalgalerie ist ein Steckenpferd von mir, weil sie so sagenhaft unpraktisch ist und sie gehört durchaus zur klassischen Moderne. Das Übel der Rundumverglasung tritt hier so schön hervor und, wie im vorigen Beitrag zitiert, plagt sie auch das originale Bauhaus. Diese transparenten Glaspaläste sind nicht demokratisch durchsichtig sondern eher eines totalitären Überwachungsapparats würdig.


    4) Ich werde den Teufel tun, mich blamieren und versuchen Kunst zu definieren. Daran sind ungleich größere Geister gescheitert. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass dazu ein spielerisches-dekoratives Element gehört, das die bearbeiteten Objekte aus der reinen Nützlichkeit heraushebt.


    5) Nun, warum ist die moderne Architektur so erfolgreich? Warum bekommen wir seit 100 Jahren Varianten des Immergleichen (zugespitzt formuliert)? Warum ist der zuvor immer schneller werdende Wechsel der Stile plötzlich zum Erliegen gekommen? Doch nur weil die moderne Architektur eiskalt rational ist oder sich wenigstens so gibt. Stuckverzierungen und Skulpturen oder Fassadenmalereien kosten halt Geld und sind entbehrlich.


    6) Ja, ich verrühre das alles etwas unzulässig zu einer großen Soße, da hast du sicher recht. Aber das dahinter liegende Prinzip scheint mir dasselbe. Ich hätte einfach gerne mal wieder durchgebildete Fassaden mit Risaliten, Türmchen und allerlei Krimskrams. Und wenn das nicht zu haben ist, dann doch wenigstens eine schlichte Eleganz a la Eisenzahn 1.

    Und ehrlich gesagt, wenn ich Bauhaus-Originale aus der Zeit zwischen 1920 und 1940 sehe, dann packt mich schon eine gewisse Faszination. Wenn ich mir dann vorstelle, dass damals drumherum alles überbordender Historismus gewesen ist, dann hat diese Architektur eine logische, folgerichtige und ästhetische Daseinsberechtigung.

    Ich muss gestehen, mich packt sie nicht, ich bin da vermutlich radikaler als die meisten hier. Ich habe keine Schwierigkeiten damit nachzuvollziehen, dass man sich irgendwann im Historimus nicht mehr steigern konnte. Allerdings ist ja der Jugendstil bereits eine Antwort auf diese Tendenzen, eine dekorative Antwort, aber doch auch eine reduzierte. Und dann sollte man nicht vergessen, dass in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg auch im Historismus selbst das Pendel zu einem monumentalen Klassizismus zurückgeschwungen ist.
    Es kann einerseits nichts schaden, Qualitätsunterschiede zwischen verschiedenen modernen Bauten herauszustellen, aber andererseits liegt die Wurzel aller Probleme schon in den ersten Bauten. Sei es so eine banale Sache, wie dass es wegen der Glasfassade "schweineheiß im Sommer, saukalt im Winter" gewesen ist, um den MDR Artikel zu zitieren. ich finde es wichtig, den Sekten-Charakter und vor allem die rücksichtslose Ideologisierung des Bauhauses herauszuarbeiten. Die stets im Hintergrund und auch bei anderen Architekten wabernde Vorstellung, dass sich der Mensch an die Architektur anpassen muss, die eher zu den totalitären Regimes des letzten Jahrhunderts passt als zur demokratischen Bundesrepublik. Die positive Konnotation des Bauhauses mit Fortschritt und Demokratie müsste mal kritisch beleuchtet werden.

    Dass ein plumpes Auftreten schädlich ist, ist unbestritten. Aber ich muss dann doch fragen, ist hier wirklich jemand, der das Bauhaus gut findet? Steht es nicht für all das, was uns in diesem Forum an der Gegenwarts-Architektur missfällt?
    Ein Verweis auf die Architekturgeschichte scheint mir reichlich dünn. Sicher, es ist Teil davon, aber das gilt auch für den Historismus und da gibt es bemerkenswert wenig Beißhemmungen bei sehr vielen Leuten ihn als überladen abzuqualifizieren. Wer sowas sagt, wird kaum schief angesehen. Man hört ähnliches gelegentlich auch beim Barock und der Klassizismus wird durchaus hie und da als trocken angesehen. Warum man da nicht sachlich alle kritischen Punkte zum Bauhaus abarbeiten kann, erschließt sich mir nicht.
    Einige unumstrittene Angriffspunkte:


    1) Die Bauhaus Gebäude sind in ihrer Funktionalität oftmals zweifelhaft (siehe Neue Nationalgalerie) und folgen eher einer Ideologie, wie Menschen angeblich wohnen möchten statt sich an realen Bedürfnissen zu orientieren.


    2) Das Bauhaus bekämpft das Ornament. Der Mensch ritzt aber seit Anbeginn der Geschichte Ornamente in Tonkrüge, weil er Verzierungen offenbar als schön empfindet. Das Bauhaus ist seinem Selbstverständnis nach funktionell. Kunst ist eigentlich das Gegenteil davon.


    3) Das Bauhaus ist die Bauweise eines eiskalten Kapitalismus. Bloß keinen Cent extra für irgendwas Unnötiges. Nicht für Details, nicht für eine Ensemblewirkung, nicht für etwas Verspieltes. Deshalb hält es sich so hartnäckig. Frühere Generationen wollten repräsentieren, aber auch ein Stadtbild schaffen, heute ist das abgeschafft worden. Es geht nur und ausschließlich um Geld.


    Eigentlich habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass unsere Position eine Mehrheitsposition ist. Kein Mensch sucht sich als Ziel seiner Städtereise die Innenstadt von Kassel aus, es zieht die Leute nach Rothenburg. Und ironischerweise ist ausgerechnet ein Gebäude des Historismus das deutsche Postkartenmotiv schlechthin. Und wer wendet sich eigentlich nicht mit Grausen ab, wenn er am Lübecker Marktplatz oder an Fuldas Stadtkirchenplatz die jeweilige moderne Schöpfung sieht? Und mit politisch rechts oder links hat das alles gar nichts zu tun.


    Manchmal frage ich mich, ob das Engagement für Einzelprojekte nicht der falsche Weg ist. Es sind immer wieder dieselben Schlachten und dieselben Gegner. Und das schon seit Jahrzehnten. Vielleicht sollte man mal die Grundsatzfrage stellen. Und die Leute mittels moderner Medien vernetzen und zugespitzt fragen: wollt ihr das so? Sollen eure Städte weiter wie seit mittlerweile 100 Jahren mit Investorenarchitektur mit Schießscharten zugestellt werden?


    Mir scheint eine sachliche und kluge Kriegserklärung nötig und die kann eigentlich nur dem Bauhaus und der dahinter stehenden Ästhetik und Ideologie gelten. Natürlich nicht ohne konkrete und bezahlbare Verbesserungen zu fordern (Blockrandbebauung, eine dezente Ornamentierung und Gliederung des Baukörpers als Pflicht usw.).

    Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass der Verein sich eine Gefallen damit tun würde, sich zum 100jährigen Jubiläum des Bauhauses zu äußern. Was sollte man auch schreiben? Man feiert die Gründung einer der bedeutendste Kunstschule Deutschlands vor 100 Jahren. Heute ist das Bauhaus Teil unserer Architekturgeschichte. Konstruktive Kritik an diesem Jubiläum kann man da wohl kaum üben.

    Hm, nun könnte man argumentieren, dass das Bauhaus zusammen mit anderen Entwicklungen der Moderne beginnend bei Adolf Loos ornamentlosem Haus mitverantwortlich ist für den trostlosen Städtebau der letzten Jahrzehnte. Und das betrifft sowohl einen ästhetischen Stillstand, denn wie zurecht bemerkt bekommen wir immer noch eine 100 Jahre alte Moderne als letzten Schrei serviert, als auch eine psychologisch deprimierende Umgebung. Dann ist da zudem die vielgepriesene Funktionalität, bei der sich zeigt, dass die Häuser oftmals simpelste Standards nicht erfüllen und auch rein kapitalistisch gesehen gar nicht so viel Sinn machen.
    Letzten Endes ist das Bauhaus auch eine Negierung des Kunstschaffens seit Beginn der Menschheit, denn während seit dem frühesten homo sapiens wenigstens Keramik mit Ritzungen zur Dekoration verziert wurden, postuliert die Moderne, dass das alles unnütz und schmucklose Funktionalität viel schöner sei. Im Prinzip ist das alles nur eine Ausrede, damit billig und mit möglichst null gestalterischem und städtebaulichem Aufwand gebaut werden kann. Daraus resultiert unsere Frustration und auch dieses Forum.
    Insofern schiene mir ein Positionspapier nicht völlig abwegig, aber das kann natürlich niemand allein schreiben oder entscheiden.

    Entschuldigt, wenn das irgendwo schon näher diskutiert wurde, aber ich habe nur im Facebook Strang kurz was dazu gefunden. Ich würde vermuten, dass die Anzahl der Anhänger des Bauhauses sich hier in Grenzen hält. Gibt es Pläne sich irgendwie öffentlich damit im Jubiläumsjahr auseinanderzusetzen?


    Mich hat es z.B. amüsiert beim mdr folgende Sammlung von fünf Artikeln zu lesen https://www.mdr.de/kultur/them…mythos-flachdach-100.html , die eigentlich unverblümt konstatiert, dass das Bauhaus unpraktische, teure und nicht funktionale Lösungen hervorbrachte. Die Neue Nationalgalerie fiel mir da auch ein, die von den Museumsleuten als nicht zweckmäßiger, weil schwer zu bespielender Bau verflucht wird.


    Ohne dass ich mir über die Form klar wäre, aber sollte man nicht in diesem Jahr eine Art umfassende Kritik des Bauhauses lancieren, die die zahlreichen Defizite von der Ästhetik bis zur menschlichen Verträglichkeit durchdekliniert? Wenn ich hier https://www.goethe.de/de/kul/des/dos/bau/21343958.html lese, wie der Architekturexperte den Schülern eintrichtert, dass das Bauhaus ja gar nicht "langweilig, schmucklos und nicht schön" ist, wie deren erster, verständlicher Reflex ist, dann frage ich mich, wie man diese Experten stoppen und ihnen was entgegensetzen kann.