Posts by Mozart

    Ich glaube nicht, dass dies dem Zeitgeist allein geschuldet ist, und falls doch, wäre der Einbau dieser wenigen Spolien eines der heute rar gewordenen Anzeichen obwaltender Vernunft.
    Ich persönlich habe mich seit mehr als zwanzig Jahren leidenschaftlich für die Rekonstruktion des Berliner Schlosses engagiert. Ich betone dieses Wort, weil den Gegnern des Wiederaufbaus durch die Integration zumindest einiger weniger Originalteile die Basis für das Argument entzogen wird, hier handele es sich um eine Fälschung oder gar - als Tiefpunkt der Verleumdung - "Disneyland"! Und bei aller Liebe zur grandiosen Ästhetik des Baus: Es darf auch nicht der Anschein erweckt werden, als handele es sich um ein lediglich repariertes Gebäude aus alter Zeit. Der von Hitler sinnlos vom Zaun gebrochene Krieg mit seinen ungeheuren Opfern und Zerstörungen hat dem aller preußischen Kunst abholden Ulbricht schließlich erst ermöglicht, dieses wichtige Zeugnis europäischer Kultur vom Angesicht der Erde zu tilgen. Diese barbarische Tat soll in dem wiedergewonnenen Bau ebenso ablesbar sein wie die singulären Verbrechen Hitlers, die ja unleugbar zumindest zum Teil von dieser Stadt aus verübt wurden - wenn auch nicht vom Schloss, das Hitler niemals betreten hat!
    Die allegorischen Figuren "Frühling" und "Sommer" zeigen auch die Vergänglichkeit aller menschlichen Bemühungen. In ihrem jetzigen Zustand verleihen sie dem ganzen Gebäude damit die Würde des Überkommenen. Und seien wir froh, dass wenigstens diese Fragmente den frevelhaften Abriss überstanden haben. Sie einfach nur in einem Lapidarium aufzustellen, hätte bei weitem nicht diese Aussagekraft.
    Dass die beiden Hermen angesichts der schieren Dimension der Fassade (ca. 168 mal 30 Meter!!) zur Störung des optischen Gesamtgenusses kaum ins Gewicht fallen, soll hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt sein.

    Kontrovers vielleicht, weil es nicht der Wahrheit entspricht. Der Aufbau ist deutlich von Unter den Linden oder dem Lustgarten aus zu sehen, und das ist ein Fakt, der auf genügend Fotos illustriert wurde. Das man immernoch das Gegenteil behauptet, ist echt wild. (Treverer)

    Es ist eine müßige Diskussion. Stell Dich in den Lustgarten, stell Dich unter den Linden auf die Straße. Nach erhöht aufgenommenen Webcam-Bilder darf man nicht gehen. (Agon)

    Ich habe diese Auseinandersetzung nun lange verfolgt und beschlossen, mich vom Sachverhalt durch persönlichen Augenschein, gewissermaßen durch eine demonstratio ad oculos zu überzeugen (auch wenn ich den trigonometrischen Beweis bereits "schlagend" fand). Ich betrat die Straße Unter den Linden auf der Höhe der Neuen Wache von Norden her, wandte meinen Blick auf das Schloss - und konnte die Dachaufbauten deutlich sehen. Ich bewegte mich weiter in Richtung Osten und überquerte dann die Schlossbrücke. Und erst ganz kurz, bevor ich die andere Straßenseite erreicht hatte, geriet das Café aus dem Blickfeld. Und da ich nur bescheidene 170 cm Körperlänge vorweise, kann bei mir von einem "erhöhten" Standpunkt wohl kaum die Rede sein...

    Was übrigens unsere Ahnungen bezüglich der Frage betrifft, ob der Schlüterhof zum Tag der offenen Baustelle bzw. zum ersten Festkonzert an diesem schönen Ort wirklich vollendet sein wird, weise ich auf den jüngsten Beitrag des Fördervereins unter


    https://berliner-schloss.de/bl…ge-der-offenen-baustelle/


    hin. Dort hat man sich nun ein formulierungstechnisches Hintertürchen offen gehalten: "Der nahezu vollständig fertiggestellte Schlüterhof ist Mittelpunkt eines Programms mit Informationen über Bau und Architektur, Musik, Live-Speakern, Streetfood und Workshops für Kinder."

    Was die Höhe des Berliner Schlosses betrifft: die Kuppel wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter anderem deswegen realisiert, weil die königliche Residenz inmitten der immer zahlreicher werdenden stattlichen Bürgerhäuser keine so herausragende Stellung mehr besaß wie im 18. Jahrhundert, und noch Wilhelm II. soll sich darüber erregt haben, dass die Höhe der Kuppel des Reichstages diejenige der Schlosskuppel um ca. 5 Meter übertraf.

    Zum von "Treverer" empfohlenen Interview mit Sebastian Rost in der "TAZ" zwei dumme Fragen:
    1. Wo gibt es am Berliner Schloss "Stuck"? Im Gegensatz zu Gründerzeitfassaden ist doch im Außenbereich des Schlosses eigentlich fast alles "echt" aus Sandstein bzw. Terrakotta. Die Putzpilaster an den Risaliten des Schlüterhofes können ja wohl nicht gemeint sein, oder? Und da bisher (leider) kein einziger Innenraum, wo es tatsächlich Stuck in großen Mengen gab, rekonstruiert wurde, kann ich mit dem Artikel wenig anfangen, es sei denn, dass der Interviewte als Modelleur für später in Sandstein ausgeführte Elemente tätig war.
    2. Habe ich Herrn Rost richtig verstanden, dass er der Rekonstruktion des Schlüter-Eosander-Böhme-Baus eine Wiedererrichtung des Schlosses im Zustand VOR dem barocken Umbau zur Königsresidenz vorgezogen hätte, damit die Linden an ihrem östlichen Ende nicht mit einem "Würfel" kollidieren? Oder wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass auch die Spreeseite in ihren deutschen Renaissance-Formen hätte rekonstruiert werden sollen?
    Und was schließlich Herrn Rosts Annahme betrifft, das fertige Schloss werde, da/obwohl es so aussehen wird wie 1701, wenig Begeisterung hervorrufen, würde ich persönlich entschieden widersprechen wollen: Ich kann mir gut vorstellen, dass das Berliner Schloss kurz vor seiner Zerstörung mit seinen rußgeschwärzten Fassaden, die ja in der Tat eine ziemlich beachtliche Größe hatten, auf manchen Betrachter den Eindruck eines etwas langweiligen, vielleicht sogar etwas bedrohlichen Kastens gemacht haben mag, zumal die barocke Architektur sich zu dieser Zeit allgemein nicht der größten Wertschätzung erfreute. "Deutsche" Romanik fand damals vielmehr Anhänger. Aber die kurz vor ihrer Vollendung stehende Rekonstruktion mit ihren warmen Gelbtönen und den wegen des fehlenden schwarzen Schmutzes wunderbar klar erkennbaren plastischen Elementen des Fassadenschmuckes wird insgesamt einfach eine monumental-barocke Festlichkeit ausstrahlen. Und keineswegs werden die "Baumassen" den Flaneur "erschlagen", denn trotz seiner imposanten Dimensionen wirkt das Schloss nicht einschüchternd oder gar erniedrigend, sondern es wahrt menschliche Maßstäbe, im Gegensatz zu dem nach meinem Empfinden etwas überdimensionierten Raschdorffschen Dom. Aber der wirkt nun auch nicht mehr ganz so unpassend, da seine Ausdehnung durch die bloße Nachbarschaft zum Schloss relativiert wird.
    Meine Kinder beispielsweise finden das Schloss "gar nicht SO groß", und erst als ich ihnen sagte, dass die Fassaden in etwa so hoch seien wie das zehnstöckige Hochhaus am südlichen Berliner Stadtrand, in dem ihre Großeltern leben, erkannten sie seine wahre Dimension. Und mir wurde dabei klar, dass es die harmonischen Proportionen sind, die ihm diese Würde verleihen und es eher großartig als einfach nur "groß" erscheinen lassen.

    In der Zeit der Abstinenz vom Forum hat sich äußerlich wenig am Schloss getan. Besonders schade finde ich, dass die Pilaster am Risalit des großen Treppenhauses noch immer nicht mit ihren Kannelierungen aus Putz versehen wurden. Aber ich zumindest war überrascht, dass die vor wenigen Wochen vollendeten Balustraden noch gar nicht die letzte "Sandsteinzutat" an den Fassaden des Schlüterhofes gewesen sind. Ich hatte nämlich gar nicht daran gedacht, dass ja auch noch steinerne Elemente für die Gitter oberhalb der Bogengalerie gesetzt werden müssen. Weiß jemand, ob diese Gitter vergoldet werden und ob sie bereits eingebaut sein sollen, wenn Ende August die feierliche musikalische Eröffnung des Schlüterhofes erfolgen wird? Irgendwie müssen die Arbeiter meiner Meinung nach noch einen ganz beachtlichen Schlussspurt hinlegen, wenn alles noch zur rechten Zeit fertiggestellt werden soll. Zu schaffen ist es noch, zumal ja auch kleinere Abschnitte des Schlüterhofes bereits verputzt und mit dem "eierlikör- bzw. vanillesaucenfarbenen" Anstrich versehen worden sind. Aber Wetten, wie sie Seinsheim vorschlägt, würde ich nicht eingehen.

    Ich weiß, dass ich mit dieser Frage zu spät komme, aber möglicherweise weiß ja jemand Bescheid: Was ist eigentlich mit der Bodengestaltung des Schlüterhofes? Auf den historischen Photographien sieht es immer so aus, als wäre er im Prinzip mit denselben kleinen Granitsteinen gepflastert gewesen, die man vom Trottoir der innerstädtischen Straßen Berlins her kennt. Allerdings kann man auf den Bildern auch erkennen, dass dazwischen hellere Steine verlegt waren, die irgendein Linienmuster ergeben. Allerdings ist mir bisher keine Ansicht untergekommen, auf der man das gesamte Liniensystem bzw. das sich daraus ergebende Muster erkennen könnte...

    Nach einer - was den Baufortschritt angeht - entbehrungsreichen, langen Winterpause geht es jetzt sogar am Sonnabend mit großen Schritten voran: ich habe zu meiner Überraschung und Freude gesehen, dass in den letzten Stunden die ersten Baluster über dem Risalit des Großen Treppenhauses im Schlüterhof aufgesetzt worden sind. Jetzt wird die Fassade bis auf Putz und Anstrich wohl wirklich in wenigen Tagen fertig sein!

    Da können wir dann alle nur hoffen, dass sich die bislang um den schönen Anblick der entstehenden Fassaden Betrogenen und die dem Schloss skeptisch bis ablehnend Gegenüberstehenden höchst verwundert die Augen reiben werden, sobald Gerüste und Reklametafeln verschwunden sind! Welch eine Schönheit wird da plötzlich jedermann offenbar werden!

    Es ist im Nebel ja nur recht schemenhaft zu erkennen: Aber könnte es sein, dass mittlerweile am Kuppeltambour die Betonwände mit Ziegeln verkleidet werden? Zumindest waren gegen 17 Uhr über die auf die Nordseite gerichtete Webcam 5 (in Worten: FÜNF!) Bauarbeiter zu sehen. Das scheint mir angesichts des langen Dornröschenschlafs der Bauarbeiten im Außenbereich eine geradezu emsige Aktivität zu sein!

    Vielleicht tröstet es ja ein ganz klein wenig, dass ich ähnliche Gedanken hatte, was das Schicksal dieser Gründungspfähle betrifft. Auch ich ärgerte mich, dass man diese Elemente aus ihrem historischen Kontext nerausreißt und sie dann in alle Welt zerstreut. Dann habe ich mich aber entschieden, zwei Teile davon zu erwerben, eines für mich, das zweite für einen besonders guten Freund, der sich ähnlich für das Berliner Schloss begeistern kann. Erstens dachte ich, dass der Erlös dann wenigstens dem Wiederaufbau zugute kommen dürfte. Und zweitens werde ich meinen kleinen Überrest in besonderen Ehren halten, und das alte Holz ziert an prominenter Stelle meinen Schreibtisch. Da es aber so unscheinbar wirkt, wird es fast automatisch zum Annlass üfür ein Gespräch über das Schloss. So wirkt es drittens noch als Multiplikator.

    Dennoch finde ich, dass der Kontrast zwischen der rekonstruierten Innenseite von Portal III und Stellas anderen Hofseiten sehr gelungen und harmonisch ist, ebenso wirkt die Passage zwischen Portal V und II. In abgeschwächter Form stellt sich dieses Gefühl bei mir auch im Schlüterhof ein (da könnte es allerdings auch vielleicht noch stärker werden, wenn die Gerüste erst mal gefallen sein werden). Die Verbindung von Lustgarten- und Schlossplatzfassade mit dem zur Spree gewandten Ostflügel hingegen empfinde ich als krassen Bruch.

    Und vergessen wir doch bitte den architektonischen Höhepunkt des Berliner Schlosses, den Schlüterhof, nicht. Hier scheint ja alles etwas "beschaulicher" zuzugehen als an den anderen Fassaden. Ich finde auch, dass der Figurenschmuck an den Hofseiten der Portale und vor allem am Risalit des Großen Treppenhauses der interessantetse und schönste des gesamten Baus ist. Da werden wir alle sicher noch einige Monate etwas zum Beobachten und Bestaunen haben.

    Böhme war ja Schlüters Schüler gewesen und hat dann sicher im Sinne seines Meisters weitergewirkt, während Eosander von Göthe irgendwann mal Schlüters Stil kritisiert und dann behauptet hatte, dass die wahre Majestät in der Baukunst in der "Simplicität" bestehe; dieses ästhetische Prinzip findet man am "Eosanderrisalit", also an dem vorspringenden Fassadenteil der nordwestlichen Lustgartenfront, und natürlich an der Schlossfreiheit bestätigt: Eosander verzichtete auf die Putzspiegel, und auch andere Details wirken schlichter als bei Schlüter, wohingegen Böhme die Formensprache seines Lehrers wieder aufnahm, als er den Schlossplatzflügel in Richtung Westen verlängerte und so das Schloss zu einem geschlossenen Baukörper machte.