Posts by Primergy

    Die Grundprinzipien der Klassik beruhen doch auf der Proportion, Gliederung, Säulenordnungen, Ornamenten, Anordnung von Fassadenöffnungen, Gestaltung einzelner Bauteile, usw.?

    Ich möchte davor warnen, klassische Architektur auf dieses rein Objektive zu beschränken. Wenn man das tut, erschafft man zwar Gebäude, die auf dem Papier alle Punkte der Klassik abhaken, aber trotzdem seelenlos wirken.


    Früher gab es auch das Prinzip des Decorum, der Angemessenheit / Schicklichkeit, um mal ein Beispiel für die geistige Basis der klassischen Kunst zu nennen. Dieses Gefühl, was angemessenen ist und was nicht, fehlt in unserer heutigen Gesellschaft.

    Ohne den Polen schlechtes zu wünschen - im Gegenteil - halte ich es wie Johannes R. Becher. Ein polnisches Breslau, Danzig oder Stettin muss ich mir nicht geben.

    Kleiner Tipp, Breslau, Danzig und Stetting sind mittlerweile nicht mehr nur polnisch, sondern aufgrund der Europäischen Union und der Schengen-Verträge "europäisch". Das heißt, dank der EU-Personenfreizügigkeit kann sich jeder einen Wohnsitz in Breslau uä zulegen.


    Wer heute noch dem alten deutschen Osten hinterhertrauert, hat also seit 2007 die Chance, seinen Wohnsitz auch in Polen frei zu wählen. Dann kann man doch mal beweisen, wieviel einem das alte deutsche Kulturland im Osten wert ist; Koffer packen und Breslau "re-germanisieren"! Opfer bringen fürs Vaterland und so!

    Außerhalb des Zentrums wurden in Danzig und der Nachbarstadt Gdynia teils abartig hässliche Plattenbauviertel errichtet. Da kommt man sich vor wie in der dritten Welt. Sowas gabs in der DDR nicht.

    Ja, dieses Prinzip, ein paar Traditionsflecken zur Erholung stehen zu lassen und dafür den Rest der Landschaft mit Hässlichkeit zuzupflastern ist leider universell. :(

    Ich glaube, dass beide Seiten gute Argumente haben.

    Wobei die Argumente der Windkraftgegner ziemlich selektiv sind und nur als "gut" erscheinen, wenn man die Problemchen der fossilen Energieerzeugung und unserer generellen Lebensweise konsequent ignoriert - was besonders gut funktioniert, weil die ja meist nur andere Weltregionen betreffen.


    Bei einem Windrad können sich Flügel lösen und Menschen gefährden? Katastrophe!! Aber die zehntausende Tote, die bei Kohlen-Minenunglücken weltweit ums Leben kamen - egal. Die zehntausend statistischen Tote, bedingt durch die Luftverschmutzung - egal. Wer erinnert sich noch an die Explosion der Deepwater Horizon, die 11 Toten Arbeiter und die hunderttausende Seevögel, die darauf hin verendeten? Wayne, mein SUV fährt mit Öl aus Saudi-Arabien.


    Der Einbruch der Vögel- und Insektenpopulation (75% laut NABU) in Deutschland aufgrund der industriellen Landwirtschaft (soviel auch zum Thema erhaltenswerte Kulturlandschaft)? Egal, Fleisch muss billig bleiben. Tausende Vögel brechen sich an Fensterscheiben das Genick? Whatever, mein riesiges Panoramafenster ist nicht verhandelbar. Aber wehe, eine Windkraftanlage schreddert einen Rotmilan - dann brennt die Hütte.


    Das einzige sinnvolle Argument gegen erneuerbare Energien ist die Grundlastversorgung, alles andere sind heuchlerische Krokodilstränen.

    mE würden die hier eingemahnten pseudotraditionellen Aufmotzungen mehr Schaden als Nutzen bringen:
    Mehr Altstadtgefühl würde sich nicht einstellen - modern bleibt modern, auch mit mehr Fenstersprossen auch mit mehr Giebelanpassung oder -Anbiederung werden keine richtigen historischen Altstadthäuser draus, deren Flair lässt sich eben nur durch möglichst genaue Reko wiedererzielen. Das Fehlen von Rekos ist und bleibt der einzig mögliche Kritikpunkt.

    Auf der einen Seite gebe ich dir absolut recht - Neubauten, die traditionelle Elemente aufgreifen, wirken aus irgendeinem Grund immer etwas künstlich, ohne dass ich wirklich sagen kann warum.


    Mit dem letzten Satz gehe ich aber nicht konform. Dieser setzt setzt ja vorraus, dass an der Stelle etwas stand, was man rekonstruieren kann. Logisch weitergedacht würde dies auch bedeuten, dass wir überhaupt nur dann in der Lage sind, etwas Schönes zu schaffen, wenn wir rekonstruieren - in Neubaugebieten jedoch wären wir aufgrund einer sonstwie gearteten Naturkraft dazu verdammt, hässlich bauen zu müssen, weil man dort nichts rekonstruieren kann.


    Diese "Naturkraft" gibt es natürlich nicht, unsere Vorfahren haben es auch geschafft, schön zu bauen ohne zu rekonstruieren. Wenn unsere traditionellen Neubauten in der Altstadt und sonstwo künstlich wirken, liegt es daran, dass wir heutzutage etwas falsch machen und nicht an fehlenden Rekos. (Vielleicht fehlt einfach nur Patina, vielleicht bauen wir mit unserem Maschinen auch einfach nur zu perfekt - macht man menschliche Gesichter auch perfekt symmetrisch, wirken diese auch sofort eigenartig)


    Hier ist das Lübecker Gründungsviertel auch so spannend, weil man, nach Fertigstellung, sofort sehen kann, welche Häuser Altstadtcharme haben und welche nicht und woran es liegen könnte.

    Mag alles so sein für den bewanderten Klassikfan. Ottonormalbürger sieht hier nichts Anrüchiges, nicht mal unterbewusst, glaubt's mir. Dafür müsste da schon so eine völlig verdrehte Skopje- oder Kiew-Variante stehen, damit der Rest der Menschheit merkt, dass da das ein oder andere faul ist.

    Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite aber auch nein von meiner Seite.


    Ja, solche Gebäude zeigen der breiten Masse, dass man auch anders bauen kann, dass es Alternativen zum Fertig-Bau-Toskana-Bungalow-Haus gibt.


    Aber solche vermeintlich kleinen Fehler schleifen sich ein, verbreiten sich und am Ende braucht es nur einen Schritt zu viel und man steht knietief im Kitsch. Alles was ohne tieferes Verständnis und Kenntnis des Gegenstands produziert wird trägt diese Gefahr in sich.


    Dem Bauherren und ausführendem Architekten kann man aber auch keine Vorwürfe machen, dass Wissen ist schlicht nicht mehr vorhanden.


    Was ich mir hier seitens des Vereins wünschen würde, wären Handreichungen - etwa Broschüren oder ganze Bücher - mit Hinweisen, wie man schön baut, und die dann auf Bau-Messen den Leuten in die Hand drückt.

    Auf Spektrum.de argumentiert der Kolumnist und Philosoph Matthias Warkus, dass es keine objektiven Kritieren für Schönheit geben kann.


    Warkus' Welt: Was ist Schönheit?


    Hier meine Gegenargumentation:


    1) "Schön finden viele vor allem, was alt ist – weitgehend unabhängig davon, wie es aussieht."


    Konnte bei diesen "Studien" der Einfluss anderer Variablen außer "Alter" ausgeschlossen werden? Mir fällt nämlich ganz spontan noch die "Materialität" ein, sowie die "optische Vielfalt der Fassade", die beide stark mit "Alter" korrelieren. Der Kölner Dom, Lehmmoscheen im Nigerdelta oder Tempelanlagen auf Java wurden alle mit natürlichen Materialien errichtet. Die Hypothese erscheint sinnig, dass der Mensch natürliche Materialien und optische Abwechslung evolutionsbedingt als angenehmer empfindet - sowohl optisch als auch haptisch.


    Von daher, man sollte sich bei Fragen nach der "Schönheit" nicht auf Baustile fixieren, sondern danach fragen, was ein Bauernhaus in der Provence, der Kölner Dom und das Taj Mahal gemeinsam haben und inwiefern sich unsere heutigen Plastikhäuser davon unterscheiden.


    2) Ich finde es eigenartig, dass hier die "Schönheit" von modernistischer Architektur verteidigt wird, obwohl diese selbst überhaupt nicht den Anspruch hat, "schön" zu sein. Eine Architektin hat mir mal offen gesagt, dass "Schönheit" keine Kategorie ist, in der sie denke. Das spiegelt sich auch in der Werbeprosa für Bauprojekte wieder. Wie oft ließt man da "schön"? Meistens garnicht, stattdessen werden die ewig gleichen Buzzwords wiederholt. "Modern", "Skulptural", "Transparent" usw. usw.


    Also, modernistische Architektur will nicht schön sein und kann daher auch nie schön sein. Allerhöchstens durch glückliche Zufälle, etwa durch die Verwendung natürlicher Materialien, oder dass die Natur sich dem Gebäude bemächtigt.

    Ich habe auch mal einen Kommentar geschrieben - keine Ahnung ob es was bringen wird...



    Ich bin öfters in Augsburg und habe mir sofort nach Fertigstellung das Gebäude angeschaut... und war schwer enttäuscht.


    Für diesen prominenten und meiner Meinung nach auch schönsten Stadtplatz in Augsburg (Rathausplatz ist überbewertet ^^) ist der Bau unterirdisch. Die klassischen "Zitate" sehen aus als hätte man die Architekten mit vorgehaltener Waffe dazu zwingen müssen und aus Trotz hat man die Gesimse einfach irgendwo draufgeklebt. Hinzu kommt die abtörnende Materialität aus Metallrahmen der Fenster, diversen Blechen und das ewige Grau der Fassade. Besonders ästhetisch ist dann auch die knallrote Leuchtschrift der Sparkasse.


    Da war mir auch das alte Pow-Wow-Cafe lieber, da herrschte wenigstens menschliches Leben. Der Neubau mitsamt Inhalt ist zu Tode sterilisiert.

    Bei der Frage sollte man vielleicht auch Danzig und Augsburg mit betrachten, schließlich gehören deren Altstädte mit zu den flächenmäßig vier Größten auf dem Gebiet des HRRDN.


    Spontan würde ich aber Nürnberg vermuten, da es ja schon früh zu der "idealtypischen mittelalterlichen Stadt" stilisiert wurde. Eventuell war man da mit den Eingriffen sparsamer. In Augsburg zb. hat man die westliche Stadtumwallung weggerissen, aber dafür auf dem Gebiet der Altstadt nur kleinere Verkehrsanpassungen durchgeführt. Ua. Abriss von den Innentortürmen sowie die heutige Bürgermeister-Fischer-Str. durchgebrochen. Zahlen habe ich jedoch keine :/

    Meine Frage an euch wäre, was ihr bei großflächigem Wohnungsbau wichtig findet, und welche Ansätze ihr gut findet!

    Ich habe bis vor Kurzem im Bornstedter Feld in Potsdam gelebt - hier wurden in den letzten Jahren ein kompletter Stadtteil aus dem Boden gestampft und kenne aus eigener Anschauung zwei Beispiele - jeweils gut und schlecht.


    Gut: Das private Studentenwohnheim in welchem ich gewohnt habe. Die 4 Gebäude waren in Zeilenbauweise errichtet, wobei das mittlere kürzer war. Dadurch entstand eine eine Fläche, auf der noch alter Eichen-Bestand stehen gelassen wurde. Umrahmt war die Anlage von Buchenhecken. Die Grüngestaltung hat mir besonders gut gefallen, da nicht alles planiert und durch Parkplätze ersetzt wurde.


    Damit kommen wir zu meinem Negativ-Beispiel: 300m weiter entstanden mehrere Riegel (in einem abscheulichen Gelb-Ton). Zwischen den Riegeln wurde alles plattgewalzt und für Parkplätze zugepflastert. Um die Riegel herum ist eine platte Wiese, die von der Hausverwaltung gepflegt wird. Perverserweise dürfen die Bewohner die Wiese aber nicht benutzen - ich habe nie jemanden darauf laufen sehen, die Terassengestaltung endet an der Kante. Mit 900€ warm für 2 Zimmer a 45qm für mein Gefühl ziemlich teuer, dabei hässlich und umweltschädlich. Aber die Menschen sind gezwungen, dort einzuziehen.


    Was ich mir also für großflächigen Wohnungsbau wünsche:


    Bauen mit der Natur statt gegen Sie - alten Baumbestand einbinden, Wände begrünen und vor allem, nicht immer alles weiß streichen. Erdfarben funktionieren in unseren Breiten besser.


    Keine sinnlosen, toten Flächen, wie die nicht nutzbare Wiese, die noch teuer gepflegt werden muss. Entweder ich baue den Block bis an die Straße und enger (spart qm und damit Geld) oder ich überlasse die Fläche den Bewohnern als Garten. Urban Gardening ist doch ein Trend und würde einen höheren Preis rechtfertigen.


    Und ein ganz persönlicher ästhetischer Wunsch - keine Fensterbänder, sondern senkrecht stehende Fenster - alles strebt senkrecht nach oben, nur unsere Gebäude werden durch Bänder in die Breite gezogen wie Kuhfladen. Außerdem braucht es zweiflüglige Fenster in einer hellen Kontrastfarbe zum meist schwarzen Glas. Neben der Ästhetik helfen zweiflüglige Fenster außerdem bei der Lüftung und beugen der Schimmelbildung vor. Sobald die Fensterbänke voll gestellt werden mit Pflanzen macht kein Mensch mehr einflüglige Fenster auf - da muss man ja alles runterräumen. Bei zweiflügligen kann ich einen Flügel frei lassen.


    Ich denke, dass diese Maßnahmen schonmal das ästhetisch Schlimmste verhindern und die Wohnqualität steigern und sich auch für günstigere Wohnanlagen umsetzen lassen.

    Oder man macht es sich leicht und vergibt dieses Jahr keinen Preis für ein Einzelgebäude, sondern für das Gesamtensemble - um die gelungene Stadtreperatur zu würdigen.


    Wenn der Verein so kurzfristig die Statuten nicht ändern möchte, kann man auch die Goldene Waage pars pro toto auszeichnen und in der Festrede die Bedeutung des Gesamtensembles hervorheben. Damit umgeht man das Problem, dass wir eh nur Rekonstruktionen gewinnen lassen würden.

    Der Denkmalpfleger muss sich also erst einmal Rechenschaft ablegen, was die Idee des Gebäudes ist. Die aber variiert von Epoche zu Epoche, von Kulturregion zu Kulturregion, von Architekt zu Architekt. Und dann muss sie abwägen, wo es sinnvoller ist, die Veränderung, die ein Gebäude im Lauf der Zeit erfahren hat, zu dokumentieren, oder wo es angebracht ist, die ursprüngliche Idee des Architekten wieder sichtbar zu machen - gegebenenfalls durch Ergänzungen fehlender oder Entfernung späterer hinzugekommener Teile.

    Dieser Standpunkt wirft jedoch quellentheoretische Fragen auf: Ist uns die Idee des Architekten überhaupt zugänglich?


    Ich verweise hier auf den "linguistic turn" in der Geschichtswissenschaft, welcher betonte, dass es keine absolute historische Wahrheit gibt. Jedes historische Wissen was wir glauben zu haben ist letztendlich nur eine Interpretation unsererseits - Baberowski hat das schön ausgedrückt: "Geschichte ist immer Gegenwart."
    Ich persönlich sehe das nicht so eng, da ich auch mit einer Annäherung an die Wahrheit zufrieden bin, aber ich kann auch die Denkmalpflege verstehen, die lieber das Original hat, als eine - wie gut auch immer - bloße Annäherung.


    Generell will ich auch mal eine Lanze für die Denkmalpflege brechen, die schlicht andere Ziele hat, als wir. Sie betrachtet das Denkmal vor allem als historische Quelle, als materialisiertes Zeugnis der Kultur einer bestimmten Zeit. Natürlich kann man ein Gebäude wiederaufbauen, aber seinen Quellenwert für die Zeit des Erstbaues verliert es dadurch. Denn ein Gebäude besteht nicht nur aus der Idee eines Architekten. Was ist mit dem Holz und den Ziegeln, welche die chemische Signaturen des "Entstehungsortes" und Schaffenszeit trägt? Mit den handwerklichen Spuren der Zimmerleute? Das fällt alles weg.

    Schön, dass der Cecilienhof nicht so glattgebügelt wurde und etwas von seiner Patina bewahrt wurde. Ist das eigentlich der Originalzustand, dass manche Fenster Bleiverglasung mit Rauten haben und andere glatt verglast sind?

    Cecilienhof diente zu DDR-Zeiten als Hotel, eventuell wurden damals auch die glatten Fenster eingesetzt.

    Trüby bietet genug Angriffsfläche, da braucht es keine Beleidigungen oder "Ad Hominems" (wir kommen doch nicht aus der Gosse!). Tatsächlich würde ich mir auch eine sachliche Entgegnung seitens des Vereins wünschen. Natürlich wird man einen Trüby und seine Gefolgsleute nicht überzeugen können, aber das Ziel unserer Argumente ist nicht er, sondern das Publikum.


    Was mich an ihm so ärgert, ist dass er über zwei wichtige Punkte nonchalant hinweggeht:
    1) Ja, Rechte mögen die Projekte angestoßen haben, aber bürgerliche Parteien haben das dankbar aufgegriffen. Auf das Warum geht er aber nicht ein - denn es zeigt, dass sich die Mehrheit eine andere Architektur wünscht, gleichzeitig die Strukturen aber so verkrustet sind, dass nur Außenseiter sich trauen, mal etwas vorzuschlagen.


    2) Die Beweggründe, warum man für Rekonstruktionen ist: Trüby reduziert das auf ein "allgemeines Unwohlsein" mit der Globalisierung und einem Bedürfnis nach Heimat - übersieht dabei aber, dass eben nicht nur "Globalisierungsverlierer" und Heimattümelende für Rekonstruktionen sind. Mir sind etliche junge Menschen begegnet - auch aus dem linken Kunstmilieu - die mir hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, sie finden Rekonstruktionen und Altbauten schlicht viel schöner.
    Ja, manchmal ist es einfach so banal und oberflächlich. Das Leben der meisten jungen Menschen wird sich in der Stadt abspielen und da will man es einfach nur schön haben. Ein Bedürfnis was moderne Architektur weder erfüllen kann und auch garnicht möchte.

    Wen interessiert denn wirklich was an den Zubringerstraßen zur Autobahn gebaut wird?

    Es sollte uns alle und zu jeder Zeit interessieren. Was bringt es uns Menschen, wenn die Innenstädte schön herausgeputzt werden? Die machen ja nurnoch einen kleinen Teil der heutigen Stadtflächen und dienen nurnoch als Naherholungsgebiet, wenn man die alltägliche Hässlichkeit nicht mehr ertragen kann.


    Denn ansonsten sind die Zubringerstraßen zur Autobahn, die Platten- und Beton-Wohnmonster, die öden Plätze, hässliche Industriegebiete, Einkaufsparkplätze und Trabantenvorstädte, die Orte, wo sich das Leben der Menschen seit Jahrzehnten täglich abspielt.


    Solange wir uns nicht für einen vollständigen Bewusstseinswandel im Baugeschehen einsetzen, dass Schönheit etwas ist, nachdem wir allzeit streben sollten und stattdessen die genannten Hauptorte des modernen Lebens quasi für immer abschreiben und ignorieren, solange hat der "Disneyland-Spott" der Modernisten meiner Meinung nach leider einen wahren Kern.

    Es fehlt einfach jemand wie Camillo Sitte (bekanntestes Werk: Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen), der überhaupt wieder einmal das Bewußtsein schafft, daß auch ein neu errichteter Stadtteil eben mehr ist als nur Gebäude, die laut einer geometrischen Grundform gleichmäßig verteilt sind - es ist eine Abfolge von Plätzen und durchaus auch unregelmäßigen, gewundenen Straßen. Es fehlt nämlich nicht nur an der Gestaltung der einzelnen Gebäude, sondern auch an der Fähigkeit, wieder so etwas wie einen richtigen Platz zu gestalten.

    Jedenfalls bringt dieses Geschimpfe auf den "pöhsen Kapitalismus" uns nix. Der Kapitalismus hat doch all unsere schönen Stadtbilder weitgehend erst möglich gemacht. Zumal unsere Städte seit Jahrhunderten von der Marktwirtschaft unterschiedlicher Prägung bestimmt sind, im Grunde seit dem Mittelalter.

    Ich stimme euch natürlich zu, aber ich habe gerade einen Knoten im Kopf, den ich nicht so recht auflösen kann.


    Eines der häufigsten Argumente, die gegen den klassischen Städtebau gebracht werden, sind doch die kapitalistischen Auswüchse im späten Kaiserreich. Das ganze Familien sich in den "Mietskasernen" ein Zimmer teilen dürfen, wo niemals Licht hinkommt und die Luft stickig ist, weil das Gebäude eines der berüchtigten Hinterhofhäuser ist. Die ja nur gebaut werden durften, um möglichst viel Rendite aus dem beschränkten Platz in den Städten zu schalgen.


    Die moderne Architektur mit ihrer aufgelockerten Bauweise wollte doch eine Antwort auf die miserable Wohnsituation sein. Jede Wohnung soll genug LIcht und Luft bekommen. Daher frage ich mich gerade, ob wir uns die historischen Altstädte vielleicht nicht doch manchmal zu idyllisch vorstellen, weil wir nur noch die durch Bomben und Abrisse aufgelockerten Viertel kennen?

    Gekürzt zwecks besserer Lesbarkeit.

    Bei der Frage nach objektiver Schönheit geht es doch überhaupt nicht darum, einen Baustil endgültig und für alle Zeit als den definitiv Schönsten festzulegen und dann diesen diktatorisch durchzusetzen! Deswegen ist diese Unterstellung sowie das ständige Herumreiten auf Rokoko und Barock auch völlig unsinnig, weil viel zu eingeschränkt.


    Es geht darum, sich mal zu fragen, warum man Gotik, neben Barock, neben Klassizismus stellen kann und das trotzdem harmonisch wirkt - obwohl hunderte Jahre dazwischenliegen - aber sobald ein "Bauhaus" reingestellt wird, es als absoluter Bruch empfunden wird. Es geht darum sich zu fragen, warum Menschen kollektiv und seit Jahrhunderten von Amsterdam, Versailles und dem Taj Mahal begeistert sind. Es geht darum sich mal zu fragen, warum Menschen verschiedener Kulturen und Epochen die gleichen Elemente entwickelt haben, wie eben die Symmetrie und die ungeraden Achsenzahl von 3/5/7. Das tritt mir persönlich viel zu häufig auf, als das es völlig zufällig sein kann:


    Vgl. dieses Eingangstor zu einem Tempel oder diese Inka-Münze [Links funktionieren nicht - ich werde das beizeiten reparieren]


    Die obigen Beispiele zeigen, dass die Frage nach objektiver Schönheit mindestens eine empirisch begründete wissenschaftliche Hypothese ist und keine esoterische Anwandlung. Ob jetzt der goldene Schnitt oder Symmetrie oder was anderers Schönheit erzeugt oder ob es doch nur subjektiv ist, lässt sich aber nicht beantworten, wenn man die Hypothese mit dem Verweis auf Bauernregeln grundsätzlich und für alle Zeit versucht abzuwimmeln.


    Und sich immer nur auf die unterschiedlichen Phänotypen von Häußern zu stürzen und dann zu sagen: "Schau! Die einen bauten Pagoden und die anderen Pyramiden also kann es keine Objektivität geben!" ist genauso sinnvoll, wie zu behaupten wir sind nicht mit den Affen verwandt, weil wir uns unterschiedlich fortbewegen. Ja, Affen laufen meist auf allen Vieren und Menschen auf zwei Beinen, aber am Ende teilen wir uns trotzdem 99 % der Gene.


    Also, die Frage ist, gibt es eine gemeinsame DNS für schöne Gebäude? Wenn ja, wie lässt sich diese in modernes Bauen integrieren, so dass auch moderne Architektur und damit auch das Stadtbild wieder allgemein schön wird, ohne dass man sich, mangels besserer Lösungen, darauf beschränken muss immer nur Barockbauten zu kopieren?


    Ich finde ehrlich dass moderne Gebauden konnen wirklich schon sein. Ich bewundere besonders die Hufteisensiedlung im Berlin als eine gelungene moderne Stadtteil. Ich finde Bauhaus wie im Tel Aviv auch sehr schon.

    Also, zumindest die Hufeisensiedlung sieht mir von oben auch ziemlich symmetrisch aus, weswegen das ja nicht im Widerspruch zu dem steht, was wir "Objektivisiten" sagen ;)

    1. Ich finde es wirklich schade, dass thematisch spannende Diskussionen, wie diese, im APH-Forum immer direkt zu einer hasserfüllten Total-Konfrontation werden, obwohl - wie ich vermute - wir uns relativ nahe stehen.


    Zum Thema:


    Es muss meiner Meinung nach gewisse objetive Grundregeln für Schönheit geben, sonst hätten sich etliche Phänomene nicht zeit- und kulturübergreifend herausgebildet:


    Menschen lieben das Regelmäßige, das Rhytmische, also all das, was mit gewissen mathematischen Regeln auftritt. Bsp. Trommelmusik: Mir ist kein Kulturkreis bekannt, in welchem wild auf Trommeln eingedroschen wird. Stattdessen hat sich menschheitsübergreifend das herausgebildet, was wir ‚Rhythmus‘ nennen. (Man kann hier sogar ganz esoterisch werden und behaupten, dass Rhythmus das ist, was uns mit dem Kosmos verbindet. Zb ohne Rythmus ist ein Sonnensystem instabil und der Planet, der sich außer Takt bewegt, wird früher oder später aus dem System geschleudert)


    Auch ein Blick in die Geschichte bestätigt das: Seit Jahrhunderten - ach was rede ich - seit Jahrtausenden (Stonehenge) bauen Menschen den Regeln der Mathematik entsprechend und genau das sind die Gebäude, welche bis heute faszinieren und von Touristenströmen heimgesucht werden. Mathematik alleine macht ein Gebäude zwar noch nicht automatisch schön, führt aber schonmal zur Zeitlosigkeit (vgl. Das Haus ohne Eigenschaften).


    Paradoxerweise empfindet der Mensch ausgerechnet das Gegenteil zur Ordnung auch als schön. Nämlich die Natur und die Natürlichkeit. Bauernhäuser und Lehmhütten sind wohl selten exakt mathematische Gebilde, aber durch ihre Einbindung in die Natur und die Verwendung von natürlichen Materialien, wirken sie schön.


    Die Idee wiederum - auf die moderne Architektur (und Kunst) hauptsächlich abzielt - alleine reicht aber nicht aus, um schön zu sein. Sie braucht immer entweder das Element der Mathematik oder der Natürlichkeit, um schön zu wirken. Vgl. etwa das Opernhaus von Sydney. Ich bin überzeugt, dass modernen Architekturformen nicht diese Feindseligkeit entgegenschlagen würde, wenn sie statt in Beton, Glas und Aluminium in ‚natürlichen‘ Materialien errichtet worden wäre.


    Damit will ich nicht behaupten, dass es nur eine richtige Form von Schönheit gibt, dafür ist Schönheit in zu unterschiedlichen Formen manifest - sowohl das Taj Mahal wie auch Versailles sind schön - aber das es gewisse, fundamentale Regeln gibt. Wie auch immer, ich denke nicht, dass sich die Frage nach objektiver Schönheit sich auf reine, völlig subjektive Modetrends reduzieren lässt - dafür ist das Phänomen ‚Schönheit‘ zeit- und kulturübergreifend viel zu konstant.


    Und die Moral von der Geschicht': Selbst ein und dieselbe Person kann ihren Geschmack im Laufe der Zeit ändern. Um wie viel mehr sollten wir dann anderen zugestehen, dass sie tatsächlich einen derartigen Geschmack haben..

    Aus diesem Grund habe ich weiter vorne vorgeschlagen, zwischen den Empfindungen "etwas ist schön" vs "etwas ist interessant" zu unterscheiden - beides evoziert eine emotionale Reaktion, aber nur "schön" ist zeitlos. Vielleicht kann man auch von zeitloser und zeithafter Schönheit unterscheiden, um dieses Gefühl der emotionalen Ergriffenheit zu beschreiben?

    Es gibt nun einmal keine 100% objektiven Kriterien für Schönheit.

    Ich denke, dass du ‚schön‘ mit ‚interessant‘ verwechselst – ein Fehler, der wie ich finde, symptomatisch für die Diskussion ist, ob es sowas wie objektive Schönheit geben kann. Das Gebäude ist objektiv nicht schön (warum, dazu im nächsten Absatz) aber man kann es durchaus ‚interessant‘ und damit gut finden.


    Nun zu dem, warum es objektiv nicht schön ist: Es ist nicht schön, weil es auch garnicht schön sein will. Würde man die Architekten befragen würden sie es vielleicht mit den Attributen "modern, spannend, skupltural, etc." versehen aber nicht mit "schön". Moderne Architektur hat garnicht den Anspruch schön zu sein, sie will interessant sein.


    Vor einem Monat war ich auf einer interessanten Podiumsdiskussion über Schönheit im Bauwesen, und die Architektin, die als Vertreterin moderner Architektur eingeladen war sagte ganz offen und deutlich, dass weder sie noch einer ihrer Kollegen im Büro würde bei ihren entworfenen Gebäuden jemals behaupten, dass sie schön sind. Das sei keine Kategorie, in der sie denken.
    Daher bin ich zu dem Schluss gekommen: Doch, es gibt klare Kriterien für Schönheit. Und auch wenn ein Gebäude nicht schön ist, kann es durchaus interessant sein.


    Das was sbjektiv ist, ist die Entscheidung, welche Kategorie man bei der Bewertung eines Gebäudes wichtiger findet. Ich finde, diese begriffliche Trennung tut der Diskussion Not.