Posts by Siedel?

    Sehr gutes Beispiel für ergänzendes Bauen im Bestand. Besser geht es immer, aber für eine Mall in Moabit (!) geradezu herausragend. Man vergleiche es mit der alles in allem sehr schwachen Leistung im Fall der Mall of Berlin an so prominentem und legendärem Ort, dem Leipziger Platz.

    Die von Mantikor markierten Reliefs stammen aus der Erbauungszeit unter FW I (also nach 1713) und sind daher deutlich martialischer als der Figurenschmuck unter F I. Adlerkartusche sowie Volutengiebel und die unteren Reliefs wurden unter W II hinzugefügt (um 1890).

    Die steinernen Reliefs sind nicht barock, sondern 1890er Jahre; der Volutengiebel wurde unter Wilhelm II rekonstruiert, nicht hinzugefügt (Schinkel hatte ihn entfernen lassen).

    Pronold war als parlamentarischer Staatssekretär sehr für die Rückführung des Schlossbrunnens vor Portal II und verkündete die Mittelfreigabe dafür durch den Haushaltsausschuß; das war am 13.11.2015 (ich war dabei). Leider wurde die Umsetzung dann von seinen Parteifreundem im Berliner Senat brüsk abgelehnt. Obwohl er deutlich gesagt hatte: „Wir wollen uns nicht in die Entscheidung Berlins einmischen“, man wolle aber vonseiten des Bundes die finanzielle Voraussetzung schaffen, damit der Brunnen überhaupt eine realistische Chance habe, an seinen historischen Standort zurückzukehren, wurde von Berlin völlig sinnfrei empört auf die Landeshoheit verwiesen.


    Ich vermute daher, Pronold könnte ein guter Mann für das Projekt Bauakademie sein.

    Der Krögel war eine 120 m lange Straße die vom Molkenmarkt bis zum Spreeufer verlief. In dieser Straße konzentrierte sich das Elend von Berlin. Die Häuser wurden in den dreißiger Jahren abgerissen. Auf der freiwerdenden Fläche entstand das Gebäude der Reichsmünze nach dem Krieg die Münze der DDR. Heinrich Zille gab mit seinen Bildern dem Krögel ein Gesicht, den in dieser Gegend verirrte sich kein Berliner Tourist.

    Ich finde das Einstellen historischer Fotos sehr gut, bitte beibehalten.


    Zu obigem Kommentar aber einige Anmerkungen:


    Das "Elend" des Krögel war teils übertrieben, teils inszeniert. Als Charlie Chaplin in den 20ern hindurchgeführt wurde, um ihm das von der Kaiserzeit hinterlassene soziale Elend zu demonstrieren, sagte Chaplin sinngemäß: Ist doch gar nicht dramatisch, saubere Wohnungen, nette Leute etc. (und er wußte wahrlich, was Elend heißt). Es war also ein Bereich, der gewissermaßen der republikanischen Stadtregierung als "Vorzeigeelendsquartier" diente.


    Warum aber war die Bausubstanz so baufällig? Weil das Quartier grundsätzlich nicht mehr saniert wurde, denn man wollte es abreißen. Dazu kam es aber in der Kaiserzeit nicht. Nun hätte man es also, da es ja so unzumutbar war, baldigst abreißen oder, viel besser, sanieren können. Dies geschah aber erst in der Nazizeit, nämlich 1935, um dem Neubau der Reichsmünze Platz zu machen.


    Und es ist ganz und gar nicht so, daß sich keine Touristen hierher verirrten. Im Gegenteil: Es gab geradezu Fotosafaris im Krögel, denn schon damals galt dieser als kultiger Ort mit seiner Uhr ("mors certa, hora incerta" - "Totsicher geht die Uhr falsch"); es gab sogar ein kleines Krögelmuseum. Am Eingang standen Kinder, die sich den Touristen gegen kleine Münze für Führungen anboten (siehe Willy Römer: Höfe und Gassen im alten Berlin, Verlag Dirk Nishen, Berlin 1987).

    Man sollte sich von Stuck und und Blattgold, auch wenn es schwerfällt, weil es genauso natürlich gedacht war, nicht allzu sehr blenden lassen.


    Doch, soll man. Es sei denn, man möchte sich das Vergnügen aus Gründen landsmannschaftlichen Stolzes versagen. Schon die Farbaufnahmen der Paradekammern des Berliner Schlosses überwältigen. Wie wäre erst der Eindruck des ganzen Raumkunstwerkes?


    Dies nimmt den Dresdener Paradekammern nichts von ihrer Delikatesse und erst recht schmälert es nicht die schier unglaubliche Leistung der Rekonstruktion.


    Ist es nicht faszinierend, wie man damals das Thema Paradekammern in benachbarten Residenzen auf so unterschiedlich großartige Weise umzusetzen imstande war?

    Ich teile die Einschätzung in keiner Weise, dass der Dom dem Alten Museum oder dem Stadtschloss die Show stehlen will.
    Der Dom will gar nichts, dazu fehlt im das Bewusstsein.
    Und welche Show denn?

    Volle Zustimmung. Solche Formulierungen sind nichts als die negative Variante der üblichen Architektenprosa à la "Der Bau drängt sich nicht auf".

    Es wäre der Mühe wert, überhaupt einmal wirklich den architektonischen Einfluß Wilhelm II. näher zu bestimmen. Es wird immer einfach so dahingesagt, daß "bekanntlich" Wilhelm stets persönlich als eine Art Architekturtrump irgendwelche, und selbstverständlich immer blöde, Eingriffe vorgenommen habe. Das hat Tradition: Noch bei der Teilzerstörung des Reichstages nach dem Krieg wurden frei erfundene Stories dieser Art als Legitimation für die Zerstörungen herangezogen.


    Ich möchte hier nur (ich glaube, das hatte ich schon einmal vor einigen Jahren getan) darauf hinweisen, daß es nicht Wilhelm war, der sich für Raschdorff entschied, sondern, daß er lediglich an diesem festhielt, da er der Lieblingsarchitekt seines Vaters Friedrich III. war (deshalb ließ er seinen Eltern auch durch Raschdorff das Mausoleum in Potsdam errichten).


    Ein paar Beispiele für Entscheidungen bzw. Einflußnahmen Wilhelms II. möchte ich hier einmal nennen:


    - Hofarchitekt Eberhard von Ihne, der schon seit Friedrich III. im Amt war, baute unter Wilhelm II. Marstall, Kaiser-Friedrich-Museum und Staatsbibliothek, allesamt hoch qualitätvolle Beispiele einer zunehmend gemäßigt historisierenden Architektur.


    - Wilhelm berief ganz persönlich Ludwig Hoffmann nach Berlin, eine der segensreichsten Personalentscheidungen in Sachen Architektur in Deutschland in dieser Zeit. Dieser blieb sogar in der Weimarer Republik im Amt. Seine fantastischen Bauten in Berlin sind Legion. Noch Ludwig Mies van der Rohe äußerte: "Ja, dem Ludwig Hoffmann [und damit auch dem Kaiser, Anm. Siedel?] haben wir alle Unrecht getan."


    - durch diesen faßte auch Alfred Messel in Berlin Fuß (Wertheim, Pergamonmuseum)


    - Neben eher traditionellen Bildhauern förderte er auch Louis Tuaillon (Reitende Amazone)


    - unter Wilhelm II. entwickelte sich Berlin zu einem Labor der Frühmoderne (Peter Behrens Turbinenhalle 1909, Bruno Taut Tuschkastensiedlung Falkensee 1914 u.v.m.)


    - nicht alles (ich nehme an, das gelte z. B. für Taut) muß dem Kaiser persönlich gefallen haben, na und? Er mochte auch den Impressionismus nicht; dennoch konnte in Sichtweite von seinem Schloss Tschudi bis zu seinem Abgang infolge des Konfliktes mit Wilhelm 1909 die erste Impressionistensammlung in einem Museum in Europa präsentieren.


    - Wilhelm war sogar kritikfähig. Hoffmann schreibt in seinen Erinnerungen, daß, als er die Pläne für ein neues Opernhaus ohne die vom Kaiser gewünschte Kolossalsäulenfront vorstellte und dies damit begründete, daß eine solche jedem Bühnenbild die Chance nehmen würde, Eindruck auf das Publikum zu machen, eisige Stimmung im Raum mit den kaiserlichen Räten geherrscht habe.
    In die Stille hinein habe Wilhelm gesagt: "Ludwig Hoffmann hat wie immer Recht."


    - Der Märchenbrunnen am Friedrichshain ist nun nachweislich ein Werk, das unter starker persönlicher Einflußnahme Wilhelms entstand (so Hoffmann). Ergebnis: Ein wunderschönes Werk und eine Freude für die KInder und ihre Eltern seit über 100 Jahren.


    Ich bin ehrlich genervt von den allgegenwärtigen Ressentiments gegenüber Wilhelm II.

    Ceterum censeo laternam aeterna restituendam esse!


    [wahrscheinlich fehlerhaft, aber egal]


    Das schöne Foto vom Dombau mit fertiggestellter Laterne zeigt nun einmal, wie hinreißend schön diese war (auch gerade mit der Aussichtsplattform!). Da ist es kein Wunder, verehrter Ur-Potsdamer, daß man die Uhr danach stellen kann, daß sich Stimmen vernehmen lassen, die ihre Wiederherstellung wünschen. Ich schließe mich diesen mit Vehemenz an.

    Daß sich Nöfer selbst zitiert ("variiert" wäre allerdings treffender), ist ein großes Glück für Berlin- möge er sich in immer neuen Varianten noch 250 mal zitieren, so wie Ludwig Hoffmann es tat!

    Ich habe auf dem Alten St. Matthäi-Friedhof in Schöneberg das Grab meiner Urururgroßeltern entdeckt, von dem in unsrer Familie niemand mehr wußte (meine Familie hatte nur wenige in Berlin lebende Mitglieder). Da ich nur 1,2 km entfernt wohne und erst seit eineinhalb Jahrzehnten überhaupt in Berlin, ein besonderer Zufall!


    Ich habe inzwischen eine Patenschaft angemeldet und erste Erkundungen zur Restaurierungs-bedürftigkeit angestellt; glücklicherweise ist es eher schlicht und es ist wohl nur wenig zu tun. Im Gegenzug kann man das betreffende Grab dann auch selbst belegen.

    Bitte, bitte schreibt (gerade auch in den Titeln der Threads) B e r l i n e r S c h l o s s.
    Jeder, der sich halbwegs fachlich mit dem B e r l i n e r S c hl o s s beschäftigt, schreibt
    B e r l i n e r S c h l o s s.
    Wer jetzt sagt, das sei doch egal, und die hier gewählte Bezeichnung sei inzwischen weit verbreitet, soll dann bitte auch Brandenburger Stadttor schreiben...

    Das ist ein wunderschönes Photo; allerdings nicht frühes 19. Jh., denn die Kostenvoranschläge für die Figuren auf den Portalen IV und V sowie rechts und links auf der Eosanderschulter stammen vom 5.1.1865; danach wurden sie ausgeführt.

    Die beiden Nebenküppelchen können jederzeit nachgereicht werden. Sie können ohne Problem aufgesetzt werden (so der Architekt), wären von der Terrasse ebenerdig erreichbar, hätten als "Neugierden" auch eine sinnvolle Funktion (angenehm bei Nieselwetter!), wären nicht allzu kostenaufwändig, und die nördliche würde von Nordwest her den negativen Eindruck des Dachrestaurant zumindest abmildern. Ich bin sehr sicher, daß sie kommen werden. In ein paar Jahren werden die Schlossfreunde, nachdem sie lange genug gestaunt und sich gefreut haben, sagen: Und was mach´n wir nun? Dann ist die Stunde für solche Kleinigkeiten gekommen, auch für die Rossebändiger, die Adlersäule etc. ...

    Sichtbeton befindet sich (leider) im Inneren. Nach außen wird dieser von Betonwerkstein abgelöst, der etwas ganz anderes im Erscheinungsbild darstellt. Die Terrassenplatten bestehen z.B. aus Betonwerkstein. Dieser ist pigmentiert und mit einem Zuschlag von Kies versehen und wirkt hochwertig und hat nichts vom tristen Sichtbeton des Innenbereiches. Hätte Chipperfield auch innen konsequent auf den edlen Betonwerkstein gesetzt wie in den Neubaubereichen im Neuen Museum, wäre der Eindruck trotz der minimalistischen Formensprache großzügig und edel. So gibt es für die Sichtbetonödnis innen leider deutliche Abzüge.

    Ich denke, das Bild täuscht. Zwar sieht man fast nichts vom Gitter, wenn man das Bild aber herunterlädt und stark vergrößert, kann man es jedoch rechts schwach erkennen. Es scheint mir durch vormittägliche Sonneneinstrahlung der Bereich so überbelichtet zu sein, daß es kaum zu sehen ist. Zu dieser Zeit (die Balustraden und die Domkuppel setzen das Datum post quem, ist der Balkon schon seit langem da. Die Verschattung der unteren Säulenstellung am Eingang ist auch ein klarer Beleg. Ohne Balkon wären die tuskischen Kapitelle ebenfalls sonnenbeschienen.


    Auf einem Symposium 2006 in der Bauakademie zur damals noch in weiter Ferne liegenden Schlossrekonstruktion, auf der Peter Stephan den Hauptvortrag hielt, fragte ich York Stuhlemmer, ob es nicht besser sei, den Balkon wegzulassen, da er durch die Verschattung Schlüters Konzept verunkläre. Seine Antwort war: Eigentlich wäre das sinnvoll, aber schon deshalb, weil König Friedrich Wilhelm IV. 1848 auf diesem Balkon vor dem revoltierenden Volk gestanden habe, werde dieser sicher kommen. Es ist dann doch erfreulicherweise anders entschieden worden...

    Die nördliche Nebentür von Portal IV ist erhalten und ebenso kleinere Fragmente des großen Gitters ebendort.

    Die Bilder vom Postplatz und vom Brunnen rufen Jugenderinnerungen herauf. Die Brunnenskulpturen! Besser geht es nicht. Grandios!


    Leider fahren heute werbeverunzierte Straßenbahnen anstelle der, wenn ich mich recht erinnere, cremeweißen schlichten, mit denen wir bei unserem ersten Görlitzbesuch 1991 zur Landeskrone fuhren. Damals war der Aufenthalt in Görlitz für uns Studenten aus Münster das Eintauchen in eine surreale Welt, eine Stadt wie ein gerade erwachtes Dornröschen. Eine vollständig erhaltene Stadt in ihrer ganzen Schönheit, von vierzigjährigem Stillstand angestaubt, aber ihrer Würde (noch) nicht beraubt (das wäre bei anhaltendem Verfall eingetreten); noch nicht gegenwärtig wirkend wie bei späterem Besuch 1999, sondern wie aus einer Zeitkapsel befreit. Bürger mögen das anders empfunden haben, aber uns hat das Erlebnis Görlitz zutiefst beeindruckt. Ich bin dankbar, diese guten Jahre, die Deutschland damals hatte, erlebt zu haben