Posts by Seinsheim

    UrPotsdamer Der Nationenbegriff reicht bis ins 15. Jh. zurück. Er zeigt sich im Zusatz Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation ebenso wie z. B. in dem von Mazarin gegründeten Collège des Quatre-Nations in Paris. Neu ist im 19. Jh. lediglich die Idee des Nationalstaats, also die Identität von Staat und Nation.

    Und dass einem National-Denkmal des ausgehenden 19. Jh. der damalige Nationenbegriff zugrunde lag, sollte eigentlich auch niemanden wundern.

    Gerade bei der Schrägansicht wird deutlich, wie wichtig Attikafiguren über den Säulen sind, weil sie die Rückbindung der Säulenordnung an den Wandspiegel gewährleisten. Glücklicherweise werden sie in der zweiten Oktoberwoche folgen - eventuell zusammen mit den Figuren des Schlüterhofs.

    Denkmäler sind Zeugnisse von Ideengeschichte. Man kann die Geschichte und erst recht die Kunstgeschichte nicht begreifen, wenn man alles nur unter macht-, sozial- oder wirtschaftsgeschichtlichen Aspekten betrachtet. Das Berliner Nationaldenkmal hat einen ereignisgeschichtlichen, aber auch einen ideengeschichtlichen Vorlauf, der eben wirklich mehrere Jahrhunderte zurückreicht und ohne die besondere Rivalität von Frankreich und Deutschland - samt den jeweiligen Befindlichkeiten - nicht zu verstehen ist. Wieso die Erörterung dieser Aspekte hier fehl am Platz sein soll, erschließt sich mir nicht. Glaubt man wirklich, Denkmäler entstünden in einem geistigen Vakuum, die Form wäre nicht Ausdruck von Ideen und Mentalitäten?


    Und dass man diese Mentalitätsgeschichte für überholt erklärt, halte ich für besonders abwegig. Sie ist vielmehr eine große Errungenschaft der moderneren Geschichtsforschung. Man sehe sich allein das Bildprogramm im Spiegelsaal von Versailles an oder das ehem. Denkmal von Martin Desjardins auf der Place Victoire in Paris an, man befasse sich einmal mit der komplexen politischen Ikonographie des Wiener Hofes unter Karl VI., der Grafen von Schönborn oder König Friedrichs I. in Preußen - und man wird sehr rasch begreifen, dass es stets um viel mehr ging als um Gebietsarrondierungen, um Prestigestreitigkeiten und dergleichen. Es ging um Identitäten und Identitätsstiftung, ganz gleich, ob unter dynastischen, konfessionellen oder nationalen Vorzeichen.

    Noch eine kleine Anmerkung zu den deutsch-franzöischen Kriegen. Diese haben mehrere Wurzeln. Zwei sind die fränkische Reichsteilung und das französische Trauma, dass die Kaiserwürde an die Ostfranken (= Deutschen) ging. Franz I und Ludwig XIV haben sich bekanntlich vergebens um die Kaiserwürde bemüht, Napoleon I und III haben sich dann entsprechende Surrogate geschaffen. Zugleich verfolgten die französischen Könige die Kompensationsstrategie, ihre Monarchie als heiliger und höherwertig darzustellen. Ein Argument war, dass das französische Königtum keine Wahl-, sondern eine Erbmonarchie (und folglich die einzig wahre Form von Monarchie) sei (Mémoires de Louis XIV pour l'instruction du Dauphin). Eine weitere Rolle spielten Reliquien wie die Dornenkrone Christi als des Königs der Könige (ursprünglich Saint-Chapelle), während die Deutschen (Köln) die Gebeine der Heiligen Drei Könige, also der ersten Herrscher, die Christus huldigten, besaßen. Der Bau des Kölner Doms war also auch eine baupolitische Antwort auf die französische Kathedralgotik, insbesondere auf Amiens, als einer Repräsentationsarchitektur der französischen Krone. Ebenso antwortete der gotische Chor des Aachener Münsters auf die Saint Chapelle, die ihrerseits eine Replik auf die Palastkapelle des byzantinischen Kaisers war und damit gleichfalls eine imperiale Konnotation besaß.


    Ausdruck dieses Rangstreits war ferner, dass Ludwig XIV. die Kaisergräber im Speyer Dom zerstören und schänden ließ.


    Selbst die französische Expansion nach Westen (unter Missbrauch von Frankreichs Rolle als Garantiemacht der ständischen Freiheiten nach 1648) war nicht nur machtpolitisch und militärstrategisch begründet, sondern auch ideologisch überhöht: "Wiederherstellung" der Rheingrenze wie zu Zeiten des Imperium Romanum.


    Nicht zuletzt sollten die beiden Rheinbünde des 17. und 19. Jh. aus französischer Sicht dazu dienen, den französischen König bzw. den Kaiser von Frankreich zum Herrscher über deutsche Territorien zu machen.


    Vor diesem Hintergrund feierte das Nationaldenkmal die Etablierung eines (hohenzollernschen) Erbkaisertums, die Aufhebung der Rheingrenze (Rückführung von Elsaß und Lothringen) sowie die Überwindung der seit den Rheinbünden bestehenden Uneinigkeit deutscher Fürsten und ihrer Opposition gegen den Kaiser. Der französische Kaiser war gefangengenommen worden und hatte abgedankt, Deutschland hingegen erhielt einen einen neuen Kaiser. Die Ereignisse von 1804 und 1806 wurden also geradezu umgekehrt.


    Letztlich reichten die historischen Bezüge des Berliner Nationaldenkmals also in der Tat bis zu Napoleon I und darüber hinaus bis zu Ludwig XIV. zurück. Nicht zu vergessen auch, dass Wilhelms Mutter, Königin Luise, von Napoleon gedemütigt, gleichsam im Exil gestorben war. Diese Ereignisse hatten Wilhelm stark geprägt. Nicht von ungefähr hatte er vor seinem Aufbruch in den Frankreichfeldzug die Gräber seiner Eltern in Charlottenburg aufgesucht.

    Ein erhellender Vergleich ist übrigens auch das Nationaldenkmal für Viktor Emanuel I. in Rom. Ähnliche Elemente (Reiterstandbild, Quadrigen, Viktorien, Kolonnaden) aber im Unterschied zu Berlin nicht der städtebaulichen Situation geschickt angepasst, sondern in seiner Gigantomanie den Stadtraum zerstörend. Eigenartigerweise regt sich darüber niemand so recht auf.

    Bentele hat völlig recht, natürlich war es ein Denkmal zum Anfassen. Über die seitlichen Stufen gelangte man problemlos auf die etwas höhere Plattform, wo die Reichsinsignien abgelegt waren, als wären sie Requisiten aus dem Theaterfundus - völlig anders als beispielsweise in den offiziellen Staatsgemälden, wo sie schön arrangiert auf einem Tisch liegen.

    Wilhelm II gefiel das Denkmal am Deutschen Eck in Koblenz viel besser. Man vergleiche nur die jeweilige Aufmachung Ws I. In Koblenz Helm mit Federbusch und Hermelinmantel, auf einem Ross mit flatternder Mähne, in Berlin einfache Pickelhaube, einfacher Mantel auf einem Pferd, dessen Mähne vom Regen durchnässt erscheint. Auch der Palmzweig der Berliner Viktoria wirkte nicht gerade erhaben. In Koblenz reitet der Kaiser selbst, in Berlin wurde er am Zügel geführt (das besonders missfiel W II). Die Koblenzer Viktoria trägt die Kaiserkrone, in Berlin lag sie, wie gesagt, am Boden zusammen mit anderen, eher lieblos abgestellten oder gar hingeworfenen Objekten. Kurzum: das Berliner Denkmal war voller ironischer Brechungen, sehr geistreich, und eben nicht Ausdruck von Hurra-Patriotismus. Und gerade die Reliefs waren von höchster künstlerischer Qualität (wobei das Friedensrelief an der ikonographisch prominenteren Südseite angebracht war). Aber das den heutigen Politikern zu vermitteln, ist fast aussichtslos, sie sind ideologisch zu sehr mit Scheuklappen behaftet, um es mal höflich auszudrücken.

    Schade, dass man die Verglasung nicht zurückgesetzt hat oder gleich in den hinteren Bogen zum Hof hin gesetzt hat. Der Kämpfer ist auch sehr breit und plump geworden. Ein Triumphbogen mit Glastür, wo hats denn sowas schon mal gegeben?

    Ja, absurd. Der Bereich unter dem Triumphbogen ist eigentlich öffentlicher Raum und sollte als solcher mit dem Vorplatz kommunizieren. Und Gitter wirken immer weniger trennend als Glasscheiben. Zumal an der Innenseite des Bogens zum Foyer hin ja eine weitere Glasscheibe angebracht ist, was als Witterungs- und Brandschutz völlig ausgereicht hätte.

    @VON ZIETEN

    Könnten Sie Ihre Entwürfe zu Frankfurt oder zum Reichstag in die hierfür in Frage kommenden Stränge einstellen? Das würde mich - und wohl auch viele andere Foristen - sehr interessieren.

    @VON ZIETEN

    Ich wünsche Ihnen viel Glück. Der Aspekt des verdichteten Holzes ist spannend. Wie bekommt man das hin?

    Apropos leichter Dachstuhl: Es wäre zu überlegen ob die größere Auflast hölzerner Dachstühle nicht auch konstruktive Vorteile hatte: Der Druck minderte wohl die Auswirkungen der Schubkräften von Gewölbes und Windlast.

    Danke, dass Du uns auf den neuesten Stand bringst. Die Frontalansicht zeigt allerdings auch, dass es toll gewesen wäre, wenn das Nachbarhaus rechts des Regimentshauses (aus Sicht des Betrachters) nicht aus der Reihe schlagen würde. Dieser unnötige stilistische Bruch, vor allem der Knick im Dach und die Dachhaut, verhunzt das Gesamtbild aus diesem Blickwinkel erheblich.

    Schade, dieses plumpe Konstrukt ist eine optische Beleidigung gegenüber der Qualität eines Regimentshauses.

    Danke für die Feststellung. Was haben andere und ich auf diesem Strang wegen ähnlicher Feststellung schon Prügel bezogen....