Posts by Seinsheim

    Mich graust zwar ein wenig bei dem Gedanken, es "könnten die Freiheitskämpfe des Sozialismus gedanklich mit denen des Liberalismus verbunden werden", oder bei der Idee, "Ein städtebaulicher Bogen" sei "in der Lage, die Monumente der DDR

    einzubeziehen" (mit expliziem Bezug auf Karl Marx).


    Wahrscheinlich ist es aber taktisch klug, die Sprache der heutigen Entscheider zu sprechen, um positiv Einfluss auf die Art des Wiederaufbaus ausüben zu können.

    Die Frage ist ja nicht nur, welche Argumente heute bei Politikern mehr Gehör finden, sondern welche überhaupt erst einmal eine Publikationsplattform finden.

    Der Tagesspiegel übernimmt das unkritisch und unkommentiert:

    Wegen diffamierender Falschbehauptungen:

    Schloss-Mentor von Boddien darf Buch nicht

    weiter vertreiben

    Teresa Roelcke

    Die Autobiographie von Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner

    Schloss, darf in der aktuellen Form von seinem Verlag nicht weiter vertrieben werden. Von

    Boddien selbst darf die in dem Buch enthaltenen Falschbehauptungen über den

    Architekten Philipp Oswalt auch sinngemäß nicht weiter verbreiten. Das hat das Berliner

    Landgericht am 2. November in einer strafbewährten Unterlassungsverfügung entschieden.

    Oswalt hatte 2006 auf den unsauberen Umgang des Fördervereins Berliner Schloss mit

    Spendengeldern aufmerksam gemacht.

    (...)

    Es ist bereits die zweite Unterlassungsverfügung in diesem Jahr wegen

    Falschbehauptungen über Oswalt gegen ein führendes Mitglied des Fördervereins. Im Juli

    untersagte das Landgericht dem Vereinsvorsitzenden Richard Schröder zu verbreiten,

    Oswalt habe den Antisemitismus des Großspenders Ehrhardt Bödecker selbst erfunden.

    Dem Tagesspiegel sagte Oswalt: „Dass der Förderverein sich zu seinen rechtsradikalen und

    antisemitischen Spender bekennt und seine Kritiker mit Falschbehauptungen diffamiert, ist

    der politische Tiefpunkt des Schlossprojektes.“

    (...)


    Artikelzitat gekürzt. Bitte nur kurze Pressezitate posten. Mod.

    Ich habe gerade mal in Boddiens Buch geschaut (was übrigens bei Amazon noch bestellbar ist). In Bezug auf Oswalt geht es um diese Geschichte, die damals vollkommen widerlegt wurde, ohne dass Oswalt sich jemals entschuldigt hat.

    Oswalt ist wirklich ein seltsamer Mensch. Permanent stänkern, Boddien mobben und dann selber einen Entwurf für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses einreichen (hier einsehbar). Sehr konsequent, so ähnlich wie wenn ein Vegetarier in der Wurstfabrik arbeiten würde...

    Und was für ein miserabler Entwurf war das!

    unify Genau, der Text ist eschatologisch zu deuten. In diesem Sinne lag er implizit auch dem Wandbild zugrunde, das Peter Cornelius im Auftrag F Ws IV für den Berliner Dom entwarf. Dort knien das Königspaar und der ganze Hof vor einem Altarkreuz, darüber erscheint der Weltenrichter..... Das ist auch alles schon im Extrablatt publiziert worden - aber Frau Roth und die Ihren interessiert das ja ebenso wenig wie die Stiftung HuFo.

    Denkmäler - auch rekonstruierte - haben m. E. zwei Aufgaben: sie sollen, sofern sie künstlerisch wertvoll sind, den öffentlichen Raum durch ihre Schönheit bereichern. Darüber hinaus sind sie Dokumente. Sie bezeugen, wie Menschen früher gedacht haben, nach welchen Wertvorstellungen sie gelebt haben. Insofern ist die Kuppel mit der Inschrift ein wertvolles historisches Zeugnis, weil sie das Herrschaftsverständnis ihres Erbauers sinnfällig macht.

    Nichts ist törichter, als historische Zeugnisse nach dem aktuellen Gusto zu zensurieren, nur weil man es nicht aushält, dass Menschen früher anders gedacht haben, als eine kleine Clique von Leuten es heute tut. Wenn wir anfangen zu beseitigen, was den Vorgaben einer vermeintlichen Political Correctness nicht entspricht, dann müssen wir den überwiegenden Teil unserer Kunst entsorgen:


    Da folgen die Physiognomien der Folterknechte in spätmitterlalterlichen Passionsbildern antijüdischen Stereotypen - also weg damit!
    Da werden in Venusbildern von Tizian und Velasquez nackte Frauen zu Objekten männlicher Begierde - also weg damit!

    Da lassen sich die nackten Putten in katholischen Kirchen und Caravaggios Amor mit Pädophilie assoziieren - also weg damit!

    Da werden in Rubens "Die Wunder des Franz Xaver" fremde Religionen - in diesem Fall Buddhismus und Hinduismus - als minderwertig dargestellt - also weg damit!

    Da wird in Adolph von Menzels Flötenkonzert von Sanssouci ein kriegslüsterner König zum Schöngeist stilisiert - also weg damit.

    Da werden mit Schlüters Masken Sterbender Krieger enthauptete Türken dargestellt - also weg damit.

    Da werden in Lebruns Deckenfresken zu Versailles die gegnerischen Nationen Frankreichs dämonisiert - also weg damit.

    Da werden in Tiepolos Treppenhausfresko der Würzburger Residenz Indianer als Kannibalen und Afrikaner als Sklavenhalter dargestellt -also weg damit.

    Da wurden im Kolosseum Christen als lebendige Fackeln missbraucht und - was natürlich noch viel schlimmer ist - Tiere getötet - also weg damit.


    Man könnte die Liste unendlich fortführen. Und natürlich müssen wir dann - was zum Teil ja auch schon geschieht - Werke der Weltliteratur und der Musik zensieren. Schillers Ode an die Freude ist sexistisch-patriarchalisch ("BRÜDER, überm Sternenzelt, muss ein lieber VATER wohnen").


    Nun wenden die Leute vom Humboldt-Forum ein, dass Kuppel und Kreuz eben nicht zu einen weltoffenen Museum passen. Allerdings müsste man dann auch überall die preußischen Königswappen abschlagen, weil die nicht mehr zu unserer Demokratie passen. Und man dürfte mit einem weltoffenen Orchester wie den Berliner Philharmonikern nicht mehr die Matthäuspassion von Bach aufführen, weil darin den Juden die Schuld am Tod Jesu gegeben wird - und und und.....


    Aber genau darin liegt der Fehler. Wenn ich ein Kunstwerk aufführe oder ausstelle, heißt das ja nicht, dass ich seinen Inhalt befürworte bzw. seinen Inhalt für die heutige Zeit zur Norm erheben möchte. Nur ein dummer Mensch kann dies schlussfolgern. Vielmehr geht es darum zu erkennen, dass frühere Werke in einem anderen Geist entstanden sind und als wichtige Quellen über diesen Geist Aufschluss geben. Und diese Verschiedenheit gilt es zu tolerieren. Geschichte lässt sich nicht ändern, wir müssen sie zur Kenntnis nehmen, wie sie ist. Und wenn wir uns mit ihr näher befassen, werden wir im übrigen auch feststellen, dass vieles gar nicht so schlecht war.


    Nur wer sich selbst unsicher fühlt, hat Angst, sich der Geschichte zu stellen. Diese Art von Geschichtsfeindlicheit ist auch Fremdenfeindlichkeit. Sie ist so fremdenfeindlich wie der Rassismus und gehört nicht zu einer weltoffenen Gesellschaft.

    Bentele

    Eine sehr treffende Analyse. Frau Roth ist eine komplette Fehlbesetzung, wobei ich anders als die FAZ satt von Hilflosigkeit eher von Unbeholfenheit (als einerselbstverschuldeten Form der Hilflosigkeit) sprechen würde.

    Ich habe Claudia Roth bei der Eröffnung der Donatello-Ausstellung hautnah erlebt. Ich will nicht persönlich werden, aber wie eine Ministerin, geschweige denn eine Kultursachverständige habe ich sie nicht wahrgenommen.


    Darüber hinaus sehe ich ein generelles Problem darin, dass die Emotionalität, "Spontaneität" und die Unreflektiertheit unserer tonangebenden "Eliten", die East_Clintwood zu Recht kritisiert, aus der Weigerung kommt, erwachsen zu werden. Es gibt viele Pippi-Langstrumpfs, die in ihrer Villa Kunterbunt leben, allenfalls mal nach Bullerbü reisen, und sich die Welt so machen, wie sie ihnen gefällt. Und was nicht so ist, wie sie es in ihren Klein-Mädchen-Phantasien gerne hätten, wird dämonisiert. Man reagiert trotzig, überheblich, beleidigt (und beleidigend). Letztlich ist es infantile Regression.

    was moechten die Gruenen und Ihre Verbuendeten eigentlich ?

    ich kann diese endlose Diskussion nicht mehr verstehen: Ist es die Absicht die Bundesrepublik abzuaendern in

    ""Volksrepublik Deutschland"??

    diese Bibeltekt ist natuerlich ziemlich ""uebherholt"" aber gehoert eben zur Orginalen Wiederaufbau des Schlosses wie beschlossen von der Bundesregierung oder ist es die Absicht dass Alles was beschlossen worden ist nach den Ereignissen von 9 November '89 und den 3 Okrober 1990, zurueck zu drehen?

    Es geht um "woke" Ideologen, die zwar von Diversität und Vielfalt sprechen, jedoch eine unipolare Welt anstreben, in der nur noch ihre Meinung und ihre Sicht der Dinge zulässig sind. Diese Gesinnungsdiktatur maßt sich auch an, die Geschichte nachträglich zu bereinigen. Was nicht ins eigene spießige Weltbild passt, wird buchstäblich überblendet. Daher sind die Leute nicht nur intellektuell unfähig, sondern auch geistig unwillig, sich mit fremden Ideen auseinanderzusetzen geschweige denn, sie auszuhalten.

    ... und was den Wert von Kunst betrifft: Kunst trägt wesentlich dazu bei, dass Menschen das Stadium der Barbarei überwinden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Barbaren Kunst zwangsläufig ablehnen. Oder wie es am Westgiebel des Neuen Museums in Berlin heißt:

    ARTEM NON ODIT NISI IGNARUS (Nur der Ignorant verachtet die Kunst).

    Ob der König auch das Schloss besucht hat. Vermutlich schon, oder? Und dann ist man auf einmal doch ganz froh über ein wenig monarchischen Glanz in Berlin - bei aller sonstigen Hetze gegen Boddien und den Förderverein.

    Das wäre soooooo toll, Seinsheim, wenn das wiederkäme. War ja in den 70er schon mal angedacht, nicht wahr?

    Beim heutigen Zeitgeist undenkbar. Ein Rie-sen-ver-lust für das Erscheinungbild der Residenz.


    Man müsste einen Verein gründen......

    Es gab damals in der Tat Überlegungen, sogar eine Magisterarbeit wurde m W. verfasst. Aber die Experten gelangten zu dem Schluss, dass das nicht gehe - wobei ich der Meinung bin, ein gut nachempfundenes Gitter wäre wegen der Raumwirkung weitaus besser als gar keines. Aber es ist derzeit ja nicht einmal durchsetzbar, den Deckenleuchter von Materno Bossi im Treppenhaus zu rekonstruieren, obwohl das technisch durchaus möglich wäre.

    Ich finde, der Vergleich zwischen Würzburg und Berlin hinkt.


    In Würzburg gibt es in der Tat auch einen großen gepflasterten Platz.

    • Aber er ist erstens auf das Schloss ausgerichtet und verläuft nicht parallel zu den Fassaden wie in Berlin (Nordseite und Südseite). Er hat also einen starken Zielpunkt, was es erleichtert, über ihn "hinwegzusehen".
    • Zweitens hat er ein viel lebendigeres Pflaster, was ganz entscheidend ist. Das Berliner Granitpflaster wirkt viel lebloser: die Steine sind quadratisch, nicht querrechteckig, und weitaus glatter.
    • Drittens ist der Würzburger Residenzplatz an drei Seiten gefasst: Mit dem Rosenbachhof und dem Gesandtenbau sowie im Anschluss daran mit den Arkaden und den Kolossalsäulen. Die Umgebung des Berliner Schlosses diffundiert dagegen. Es fehlen der Apothekerflügel an der Südostecke des Lustgartens und die südwestliche Platzkante am Schlossplatz/ehm. Stechbahn.
    • Viertens ist der Hofgarten unmittelbar mit dem Residenzbau verbunden, nicht zuletzt durch die Oegg'schen Seitengitter und dann durch die Wallanlage, die Neumann in die Gartengestaltung einbezogen hat. Nicht zuletzt gibt es den Frankoniabrunnen, während in Berlin der Neptunbrunnen fehlt.

    Dennoch ist auch die Würzburger Situation nicht optimal. Der Rennweg an der linken Platzkante müsste für den Verkehr gesperrt werden, die seitlichen Durchgänge des Gitters wieder geschlossen werden. Und natürlich fehlt vor allem das zwölfteilige Ehrenhofgitter. Auch müsste der Parkplatz komplett verschwinden.


    In Berlin müsste noch mehr getan werden.

    • Der Lustgarten wäre gleichfalls an das Schloss heranzuführen - wobei die derzeitigen Schlossterrassen grundlegend verändert werden müssten (keine massiven Granitmauern zum Beispiel, die die Materialität des Platzpflasters gegen das Schloss in Stellung bringen, sondern Sandsteinfassungen mit Balustraden, welche die Schlossarchitektur in den Platz hinein verlängern).
    • Der Schlossplatz wiederum braucht klare Kanten: an der Südwestecke und an der Westseite der Breiten Straße. Und natürlich wäre generell ein klassisches Katzenkopfpflaster mit abgerundeten Rändern, querrechteckig und mit spiegelnder Oberfläche weit besser gewesen. Pflastersteine dieser Art müssten in Berliner Depots genügend vorhanden sein. Vor langer Zeit habe ich mal das Pflaster des Freiburger Münsterplatzes als Vergleich gebracht. Da sieht man, wie gut ein lebendiges Pflaster selbst große Flächen füllen kann. Noch schlechter ist freilich das Pflaster im Schlüterhof und in der Passage.

    Ich finde die Innenräume auch recht banal und steril. Und völlig lieblos finde ich die Präsentation der Exponate. Das hat Chipperfield im Neuen Museum - freilich mit einen sehr viel höheren Etat - weitaus besser gemacht - wobei ich nicht der Meinung bin, dass man die Innenräume nicht umfassender hätte rekonstruieren sollen.

    Sehr viel mehr als die Durchfahrten der Portale II und IV wünsche ich mir die Durchfahrten von I und V, da deren Säulenreihen eine Verbindung zwischen den Säulen der Hofkolonnaden und der der Außenfassaden herstellen werden.

    Man hatte aus statischen Gründen zunächst Betonpfeiler eingezogen, welche die Betondecke stützen. Diese werden jetzt nachträglich umkleidet, jedenfalls der untere Teil, der unterhalb des noch einzuziehenden Rabitzgewölbes sichtbar bleiben wird. Die Säulen vor der Wand waren für die Abstützung der Betondecke nicht erforderlich, gehörten ursprünglich aber zur barocken Gewölbekonstruktion. Sie können komplett aus Sandstein gefertigt werden.

    Was man übrigens auch bedenken sollte und was heute dank der niedrigeren und vereinfachten Kuppeln nicht mehr so deutlich wird: der Dom hat in seiner ursprünglichen Form das Schloss und noch mehr das Alte Museum zu sehr übertrumpft und damit ihrer Wirkung beraubt.

    Das kommt aber sehr wohl in der Praxis vor. Es gibt sogar einen Beethovenschen Satz, wo die Coda mehr als die Hälfte ausmacht.

    Ja, ich weiß. Ich habe auch schon an Beethovens 5. Symphonie gedacht, deren Coda ich in der Tat etwas sehr lang finde - zumal sie m. E. nicht mehr den Ideenreichtum des übrigen Satzes hat. Auch in der Achten braucht Beethoven eine Weile, bis er zum Schlussakkord findet. Sehr erfrischend finde ich den Schluss der 4. und der 7. Symphonie.

    An allen gut entworfenen Kirchen - Petersdom, S. Andrea della Valle, Karlskirche in Wien etc. - bildet die Kuppel einen Abschluss, in der das Gebäude nach oben hin ausklingt, in einem schönen Schlussakkord. Raschdorff hat das umgekehrt und auf die Kuppel viel zu viel Zierrat gepackt, er hat sie im Zuckerbäckerstil hoffnungslos überladen und überdies samt den Turmhauben schlecht proportioniert. Das ist, als würde ein Komponist in die Coda die musikalischen Themen und Effekte einer ganzen Symphonie hineinpressen. Wenn die neue Kuppel eine fette Henne ist, wie Der Kurfürst sagt (ich sehe es anders), dann war die alte Kuppel ein aufgeplusterter Gockel. Wie man eine gute Kuppel um 1900 baute, hat wenige hundert Meter entfernt Erst von Ihne am Kaiser-Friedrich-Museum (heute Bodemuseum) bewiesen.

    Aber ist die Bremer Stadtverwaltung nicht selbst schuld? Hätte man das vorher mit dem Investor nicht vertraglich aushandeln können? Und wäre es nicht jetzt noch möglich, den Vertrag wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen rückgängig zu machen?

    Natürlich, ich vergaß. Die meisten Kirchenschändungen sind weltanschaulich völlig unmotiviert und geschehen aus einer Bierlaune heraus. Dasselbe gilt dann wohl auch für die Schändung jüdischer Friedhöfe, für der Zerstörung von Denkmälern usf. Bloß nicht um des "inneren Friedens" willen auf den Gedanken kommen, dass auch viel tiefer greifende Faktoren eine Rolle spielen könnten.