Posts by Seinsheim

    Dann dürfen wir auch die Schaumweinsteuer nicht vergessen. 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt, wurde sie von 1933 bis 1939 ausgesetzt. Erst mit Kriegsbeginn hat man sie wieder aktiviert. Aber auch ohne Krieg will der bundesdeutsche Staat heute nicht mehr darauf verzichten.

    Die Schaumweinsteuer wurde damals gewiss mit Rücksicht auf den Sekthändler Herrn von Ribbentrop ausgesetzt. :biggrin:

    Ich denke, man muss auch einmal grundsätzlich unterscheiden zwischen Wilhelm II. und "seiner" Zeit, dem sogenannten Wilhelminismus. Das Reich war weder politisch noch gesellschaftlich ein homogenes Gebilde - nicht einmal Preußen war es (das Industriegebiet der preußischen Rheinprovinz war eine völlig andere Welt als das ostelbischen "Junkerland", als Ostpreußen oder das katholische Schlesien). Selbst die Reichshauptstadt Berlin war mit ihren verschiedenen Bezirken völlig heterogen . Nicht einmal die Eliten - Militär, Kirche, Wissenschaft, Industriebarone, Großbürgertum, Adel - waren über einen Kamm zu scheren. Welche dieser Strömungen verkörperte der Kaiser denn nun? In welchem Maße hatte er auf ihre Entwicklung Einfluss? Wofür zeichnete er persönlich verantwortlich, wofür seine Berater, was war durch den Zeitgeist oder durch andere Faktoren bedingt? Die rasant voranschreitende Industrialisierung war ebenso wenig sein Verdienst wie ihm die Armut des Proletariats anzulasten ist (im übrigen stimmt es nicht, dass der Großteil der Bevölkerung arm war - im Gegenteil, Handwerker und Kleinbürgertum hatten weitgehend ihr Auskommen, dem gehobenen Bürgertum ging es sehr gut, dem Großbürgertum sogar prächtig). Und für welchen Stil stand Wilhelm? Er schätzte das Neorokoko des Wiesbadener Theaterfoyers ebenso wie den wuchtigen Neobarock des Berliner Doms, die Neoromanik der Gedächtniskirche und die klare, eher klassische Architektur Ernst von Ihnes.

    Wilhelm ist schon als Kaiser zur Projektionsfigur geworden und er blieb es auch danach. Projektion und Person gilt es zu trennen.

    Mir ist schleierhaft, wie man diesen missglückten Abklatsch des Originals mit all der widersinningen Applikation unverstandener Formelemente goutieren kann. Genau solche Collagen diskreditieren das Neumarkt-Projekt. Wohlgefällig nur auf den ersten Blick. Zwischen diesem Pseudo-Historisieren und dem der Architektur Haussmanns liegen m. E. Welten!

    Man könnte zu dem Bild von Gaertner eine ketzerische Frage stellen: Waren das Quergebäude und der Lynarbau - vor ihrer Aufhübschung Ende des 19. Jh. - so viel besser als die Westfassade von Stella?

    tegula Ach, ich glaube schon, hinlänglich informiert zu sein. Und wenn ich sehe, nach welchen Richtlinien gefördert wird, dann hat das wenig mit dem Profil der Stiftungen zu tun als vielmehr mit gesellschaftspolitischen Tendenzen. Ich denke, wer mit offenen Augen durch die akademische Landschaft geht, kann das eigentlich nicht übersehen.

    Was den "Fortschritt" der Wissenschaft betrifft, so ist unbestritten, dass wir durch technische Neuerungen auf naturwissenschaftlichem Gebiet vieles verbessert haben. Diese Innovationen kommen auch den Geisteswissenschaften zugute (Datierung von Bauwerken und Bildern durch Röntgenaufnahmen, Infrarotuntersuchungen etc.). Und natürlich gibt es auch Fortschritte in der Methodik.

    Andererseits stelle ich fest, dass eine zunehmende Geistlosigkeit um sich greift, die sich in einem Mangel an Esprit, Intellektualität, Einfallsreichtum, Mut und Sprachbegabung bemerkbar macht. Zu letzterem zählt nicht nur die dümmliche Gendersprache, sondern auch die zunehmende Unfähigkeit, sich differenziert, tiefgründig oder auch mit etwas Esprit auszudrücken.

    Eine Bildanalyse wie bei Theodor Hetzer oder eine Fassadenanalyse wie von Hans Sedlmayr finde ich bei heutigen Kunsthistorikern kaum noch. Auch habe viele nicht mehr die Courage zu freiem Denken (stattdessen zeigt man "Haltung"). Es herrscht bei vielen Angst, man könne irgendwie anecken oder sich "nicht korrekt" äußern. Provoziert wurde und wird diese Entwicklung durch das Bologna-System, die schleichende Ideologisierung der Geistes- und Sozialwissenschaften seit 1968 sowie die Abhängigkeit von Nachwuchswissenschaftlern von der Drittmittelakquise, die wiederum zunehmend an gesellschaftspolitische Vorgaben gekoppelt ist (betreutes Denken auch hier). Die Ministerien und Stiftungen geben Themenlisten aus, die gefördert werden - und das auch nur, wenn Richtung und Zielsetzung stimmen.

    Dann nimmt - bedingt durchs Internet und Publikationszwang - der Plagiatismus zu, das beginnt schon bei den Seminararbeiten und reicht über Promotionen bis in monographische Fachpublikationen hinein.

    Einen besonders starken Niedergang beobachte ich in den Theologischen Fakultäten, die immer mehr zu zeitgeistkonformen Geschwätzwissenschaften degenerieren. Gilt leider auch für andere Geisteswissenschaften.

    Umso beeindruckender, wenn man sieht, welche enormen Grundlagenarbeiten Gymnasialprofessoren oder promovierte Pfarrer um 1900 gerade im altsprachlichen oder kirchengeschichtlichen Bereich geschaffen haben (Grammatikbücher, Lexika, Texteditionen). Haben wir heute noch einen Historiker, der an Theodor Mommsen heranreicht (auch wenn vieles von Mommsen im einzelnen überholt ist)? Oder an die über 20-bändige Papstgeschichte eines Ludwig von Pastor? Da ist jede Seite Papier Gold wert! Für Vergleichbares braucht man heute riesige Sonderforschungsbereiche, begleitet von Fachtagungen, deren Referate zur Hälfte belanglos und mindestens zu einem Viertel eine intellektuelle Zumutung sind.

    Natürlich ist unbestritten, dass es früher auch viel Schwulst und viel Einseitigkeit gab. Allein die ältere Geschichtsforschung zu den Themen Investiturstreit und Reformation war zum Teil eine Katastrophe, da haben jüngere Deutungsansätze (z. B. das "Konfessionalisierungsparadigma") vieles erbracht.
    Ergo: Tatsächlich gibt es heute noch vereinzelt herausragende Forscher und Wissenschaftler, die ihre Fächer wirklich mit neuen Fragestellungen mutig voranbringen. Aber die werden zunehmend die Ausnahme. Ich habe den Eindruck, dass es seit den 1980er Jahren insgesamt bergab geht.

    Klasse, die Fotos, Dropdeaded209.


    Auch ich empfinde die Schilder als störend und hässlich, muss aber konzidieren, dass das Gebäude schließlich eine Funktion als Museum haben wird und eine Wegweisung grundsätzlich sinnvoll und notwendig ist. Immerhin sind die Schilder schwarz, so dass sie nicht so sehr stark auffallen.

    Es hätte vollkommen ausgereicht, an der Wand über der jeweiligen Eingangstür eine Beschriftung - in Goldlettern und einer klassischen Schrifttype - anzubringen, anstatt sie aufdringlich in die Kolonnade hineinzuhängen. Man hätte die Beschriftung auch durch verdeckte Strahler beleuchten können, so dass sie auch in der Dunkelheit sichtbar gewesen wäre. Die jetzige Lösung ist einfach nur plump und einfallslos.

    Bergischer

    Wenn es das SW-Bild bei Alamy ist mit dem Ritter auf dem Brunnen, ist es eine Vorkriegsaufnahme., wohl Ende 1930er Jahre. Man sieht bereits einige in der Nazizeit "entschandelte", d. h. von ihrem historischen Dekor befreite Fassaden. Das Denkmal selbst wurde im Krieg zerstört.

    Mit der Kadaververwertungsanstalt wurde weitere üble Hetzpropaganda betrieben. Die Verwertung betraf ausschließlich Tierkadaver. Bezeichnend ist jedoch die englische Übersetzung German Corpse Factory oder German Corpse-Rendering Works, die suggeriert, es habe sich um menschliche Leichen (= corpse) vor allem alliierter Gefallener gehandelt. Richtig wäre die Übersetzung "Carcass-Utilization Factory".