Posts by Seinsheim

    Man müsste mal eruieren, ob das Gebäude mit öffentlichen Hilfsmitteln saniert wurde und dann die Verantwortlichen wegen Veruntreuung von Subventionen verklagen.

    Eosander hatte bereits eine hypertrophe Kuppel geplant - ein Riesenmonstrum, das mit über 100 m Höhe den Verlust des Schlüterschen Münzturms kompensiert hätte (bemerkenswert übrigens auch die breite Laterne).

    Der Soldatenkönig hatte für so etwas natürlich kein Geld. Und wer weiß, ob es statisch funktioniert hätte. Nett immerhin die Brunnen an den Ecken (die dann an von Ihnes Marstall wieder auftauchten).





    Projektion von Eosanders Kuppelzeichnung auf das ausgeführte Portal III durch A. Geyer, nach 1902

    Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu verklären, sondern die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Und sich auch von den Mythen des Modernismus zu emanzipieren und Ambivalenzen zu akzeptieren.

    Die politische Aufklärung beispielsweise mündete in das Terrorregime der Jakobiner. Der nackte Rationalismus des Fortschrittsglaubens hat im 20. Jh. mehr als irgendwelche Rückwärtsgewandtheiten zu den großen Katastrophen geführt. Auch ging mit der Aufklärung ein ungeheurer Verlust an Bildungswissen einher.

    Auf der anderen Seite hat sie neues Wissen generiert und alten Aberglauben überwunden.

    Wie gesagt, die Dinge sind meist ambivalent.

    Centralbahnhof ist in jeder Hinsicht zuzustimmen. Hinzu kommt, dass die Menschen früher nicht nur unter schwierigeren Lebensbedingungen lebten und daher manches nicht besser machen konnten; manches haben sie einfach auch besser gemacht.


    Nennt mir einen Komponisten nach 1900 im Rang von Bach, Mozart, Schubert oder Beethoven.

    Nennt mir einen Maler der Moderne, der es mit Raffael, Tizian, Rubens, Rembrandt oder Tiepolo aufnehmen könnte.

    Welches Bauwerk der letzten 100 Jahre reicht an den Parthenon, an Fontenay, die Saint-Chapelle oder Vierzehnheiligen, an den Schlüterhof, den Dresdner Zwinger oder den Konservatorenpalast heran?

    Welcher Schriftsteller hat heute noch die Sprachgewalt eines Schiller oder den Gedankenreichtum eines Goethe und Hölderlin?

    Und im Gegenzug:

    Welches Jahrhundert hat es zu derartigen Völkermorden gebracht?

    Wann sonst als in der 20. Centurie sind Menschen so systematisch und in so großer Zahl ausgerottet oder unterdrückt worden?

    Wann sonst sind Millionen selbsternannten Heilsbringern nachgelaufen und haben so viele Massenmörder als Messiasse verehrt?

    Wann sonst haben Scharlatane und Blender sich so leicht als große Künstler und erfolgreiche Architekten ausgeben können?

    Wann waren die Städte der Welt jemals so hässlich?


    Es gibt vieles, was wir heute besser können - auch, weil wir auf den Erfahrungen früherer Generationen aufbauen dürfen.

    Aber es gibt auch so vieles, was wir heute nicht mehr können oder schlechter machen. Daher rate ich zu mehr Respekt gegenüber den Altvorderen und mehr Demut für uns selbst.

    Immer wieder habe ich von betagteren Modernisten zu hören bekommen, das alte Schloss sei ein hässlicher, dreckiger Kasten gewesen. Mit dieser Sichtweise korrespondiert die Begeisterung der Moderne für saubere, strahlende Außenhüllen.


    Dies wirft für mich ein bezeichnendes Licht auf die - buchstäblich oberflächliche, nicht mehr morphologisch denkende - Architektur der Nachkriegszeit. Die schönsten Ornamente, die bestproportionierten Gliederungen zählten nichts, wenn sie nicht sauber waren - im Gegenteil, sie waren Dreckfänger. Die glatten, einfallslosen, unstrukturierten Neubaufassaden waren hingegen gut, weil sauber. Am besten waren abwaschbare Oberflächen wie Glas, Stahl oder Fliesen.


    Diese Mentalität erklärt sich aus den Erfahrungen verwahrloster Mietskasernen und schmutziger Kellerlöcher, die im Krieg als Behausungen dienten. Aber dass derartige Traumata die Grundhaltung einer Architekturepoche prägen konnten, ist nur schwer verständlich. Zugleich wird deutlich, wie schnell die moderne Architektur entwertet bzw. in ihrer Dürftigkeit bloßgestellt wird, sobald die Materialien altern.




    Letztlich passiert nun genau das, was die DDR-Nostalgiker von Anfang an befürchtet und die geschichtsbewussten Berlin-Erneuerer gehofft haben: dass mit dem Bau des Schlosses sich auch die gesamte städtebauliche Logik und die gesamten Bezugssysteme ändern. Dass die Stadtarchitektur wieder vom Kopf auf die Füße gestellt wird.


    Als ich gestern um das Schloss lief, stellte ich fest, wie sehr schon jetzt die Schlossfreiheit und auch der südlich gelegene Schlossplatz aufgewertet worden sind, wie immer mehr Leute auch über die Rathausbrücke gehen. Die fertige Kuppel ist zum Magneten geworden, dessen Wirkung sich weiter verstärken wird, wenn das Eosanderportal abgerüstet sein wird. Und wenn dann auch noch die von Stella geschaffene Passage eröffnet sein wird, stellt sich auch die Frage nach der Anbindung der Breiten Straße, die derzeit ja völlig unattraktiv und in Teilen recht hässlich ist.


    Dann geht es darum, wie diese vormalige Hauptstraße von Cölln aufgewertet werden kann. Der Verlust des Cöllner Rathauses am Anfang der Breiten Straße, aber auch der Petrikirche am Beginn der Brüderstraße werden immer augenfälliger werden. Immer offensichtlicher wird werden, wie sehr die Nachkriegsplanung den Stadtkörper verkrüppelt hat.

    Was ich bei vielen Debattenbeiträgen in der Presse, etwa bei Bisky, Bernau und Kilb vermisse, und was auf diesem Forum vorbildlich praktiziert wird, ist die Bereitschaft, Geschichte nicht binär, sondern dialektisch zu denken: Monumente in ihrem Kontext zu verstehen und darauf angemessen und souverän zu antworten.


    Dies gilt gerade auch für das Gottesgnadentum Friedrich Wilhelms IV. Natürlich steht es in diametralem Gegensatz zu den demokratischen Bestrebungen um 1848. Aber bei näherer Betrachtung ist es doch auch weitaus mehr als nur eine reaktionäre Frömmelei. Von einer mittelalterlichen Herrschaftsethik geprägt, begriff FW IV sein Königtum nicht als ein durch Geburt verliehenes Privileg, wie es z. B. Ludwigs XIV., und auch nicht als ein Amt, auf das man durch Verdienst einen Anspruch erwerben könne, wie Friedrich I., der sich im Triumphbogen von Portal III in die Nachfolge römischer Imperatoren stellte. Vielmehr betrachtete FW IV seine Königswürde als ein Mandat, durch das er gegenüber Christus in besonderer Weise rechenschaftspflichtig war. In diesem Kontext besagt die Kuppelinschrift, in Christus allein sei das Heil sei und alle Knie hätten vor ihm zu beugen, auch, dass das Heil nicht beim König oder einer staatlichen Institution liege und auch der König sich Gott zu unterwerfen habe. Und die Untertanen beugen ihre Knie nicht mehr vor dem König, sondern Volk und König beugen sie gemeinsam vor Gott.


    Noch deutlicher wird dieser Demuts-Gedanke in Karl Gottfried Pfannschmidts Apsismosaik des Charlottenburger Mausoleums (1849, Foto unten), auf dem Friedrich Wilhelm seine Eltern verewigte, dergestalt, dass sie nach ihrem Tod Christus die ihnen verliehenen bzw. geliehenen Königskronen zurückgeben.


    Ich sehe darin eine klare Abgrenzung gegenüber dem Cäsarenwahn Napoleons, der sich nach seiner Selbstkrönung als Heilsbringer feiern ließ und für die Umsetzung seiner Welterlösungspläne Millionen Menschenleben opferte - wie auch die vermeintlichen politischen Heilsbringer des 20. Jh. Und nicht zuletzt muss man Friedrich Wilhelms persönliche traumatische Erfahrungen mit der napoleonischen Besatzung berücksichtigen (Zusammenbruch Preußens, Tod der geliebten Mutter Luise im Exil).


    Fazit: Die Kuppelinschrift ist einerseits zwar antidemokratrisch, aber auch antitotalitär und darüber hinaus ein sehr wichtiges zeitgeschichtliches Zeugnis. Und als solches muss es sichtbar bleiben, ganz gleich, wie man zu seiner Aussage steht. Denn ein konstruktiver Umgang mit unserer Vergangenheit bedeutet nicht, Geschichte im Nachhinein ideologisch zu bereinigen und zu zensieren, sondern sie zu Wort kommen zu lassen und ihr alternative Gedanken entgegenzusetzen.


    Solch eine gedankliche Alternative lässt sich durch die Nutzung des Humboldt Forums als eines Ortes der Weltkulturen formulieren, aber auch durch das neue Einheitsdenkmal.


    Das Konzept des Humboldt-Forums - und selbst die dürftige Millna-Wippe - werden durch die Kuppelsymbolik nicht konterkariert, sondern erhalten zusammen mit dem Triumphbogenportel Eosanders einen Widerpart, mit dem sie sich auseinandersetzen können. Die Kuppel würgt den Dialog der Kulturen nicht ab, sie ist ein Teil von ihm!


    Statt Geschichte verstummen zu lassen oder pseudohistorische Phantome auf der Grundlage inkorrekter Textinterpretationen zu errichten, sollten wir Geschichte, wie sie war, zu Wort kommen lassen und selbstbewusst auf sie antworten!



    Ich muss gestehen, dass ich als Barockliebhaber vor allem auf die Kuppelproportionen des 17. und 18. Jh. geeicht bin. Und ein Barockbaumeister hätte die Laterne der Schlosskuppel sehr wahrscheinlich größer gemacht. Die Klassizisten bevorzugten hingegen eher kleine Laternen, wie man auch an Schinkels Nikolaikirche in Potsdam sehen kann.

    Hinzu kommt, dass bei den barocken Kuppeln der Tambour nicht breiter ist als die Kuppelschale. Die Berliner Laterne passt zur Schale, weniger zum Tambour, jedenfalls solange dieser noch ohne Prophetenfiguren ist. Ich habe mal versucht, das auf einigen Folien darzustellen.










    außen: SS. Nome di S. Maria, Rom; innen: S. Carlo al Corso, Rom.

    Bei einigen Barockkirchen ist das Verhältnis von Laterne und Kuppelschale ähnlich wie beim Berliner Schloss, bei anderen sind die Laternen größer.

    Deutlich zu klein wirkt die Berliner Laterne im Vergleich zu den barocken Kuppeln, wenn man sie in Relation zum Tambour setzt.




    außen: S. Maria della Consolazione, Venedig, innen: Theatinerkirche München


    Wenn ich überlege, weshalb Politiker früher zurückgetreten sind: Willy Brandt wegen eines Spions im engsten Umfeld, von dem er nichts wusste; Lothar Späth, weil er auf der Jacht eines Industriellen kostenlos mitgefahren war; Heinz Eggert wegen einer vermutlich unwahren Unterstellung sexuellen Belästigung; Kurt Biedenkopf, weil er bei Ikea einen besonders hohen Rabatt erhalten hatte; Rudolf Scharping, weil er sich ein paar teure Anzüge hatte spendieren lassen; Philipp Jennniger, weil man eine Rede von ihm mutwillig falsch interpretiert hatte. Heute sind Politiker in der Regel viel sattelfester.

    Ich habe mich schon mehrfach gefragt, inwiefern Dombaumeister Willy Weyres sich beim Entwurf für den neuen Vierungsturm des Kölner Doms in den 1960ern von Stülers Laterne hat inspirieren lassen. Ich kenne sonst keine Turmarchitektur, in der Engel auf diese Art mit ihren Flügeln eine Art 'Arkade' bilden wie in Köln und Berlin, wenngleich die Flügel unterschiedlich sind und die Engel in Köln keine tragende Funktion haben, sondern vor dem Dach schweben. Die gemeinsame ikonographische Wurzel ist natürlich das himmlische Jerusalem. Doch kannte Weyres die Stüler-Laterne überhaupt?

    Den Kölner Dachreiter finde ich übrigens per se nicht schlecht, zumindest aus der Distanz wirkt er sehr elegant und grazil. Aus der Nähe sind die Engel dagegen recht grob gearbeitet. Außerdem bildet der neue Dachreiter am Dom m. E. einen Fremdkörper (der Chefarchitekt von Notre-Dame de Paris bezeichnete ihn sogar als eine "Warze an einem alten Gebäude"*). Umso eleganter und nobler wirkt auf mich Stülers Laterne, zumal sie sich trotz ihrer spätklassizistischen Formensprache hervorragend in die barocke Schlossarchitektur integriert.


    *https://www.domradio.de/video/…arze-einem-alten-gebaeude