Posts by Atticus

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    Ich habe mich auf den Ausdruck "Gutmensch" in einem ganz konkreten Zusammenhang bezogen und diesen auch zitiert.

    Der Duden definiert den Gutmensch als einen "naiven Mensch, der sich in einer als unkritisch, übertrieben, nervtötend o.ä. empfundenen Weise im Sinne der Political Correctness verhält". So wie ich Stauffer verstehe, ist es also ein naiver Ausdruck nervtötender Political Correctness, möglichst keine prominente Weihestätte zulassen zu wollen, an der der Nationalsozialismus und/oder seine Protagonisten verklärt werden können – ganz losgelöst von der Frage, was Stalin dachte etc.. Meine Nachfrage war ganz simple: Verstehe ich das richtig?

    Und bei der Gelegenheit wende ich mich dann auch nochmal direkt an Dich, Heimdall. Du sprichst nun von einer "Angstphantasie" (die für jene "Gutmenschen" zum Topos geworden sei). Du meinst also eine Angst, die aus dem Imaginären kommt?

    Um mal den Bogen zurück zu schlagen: Anfangs stand ja die Idee im Raum, die Reichskanzlei zu rekonstruieren. Darauf bezog sich die weitere Diskussion. Neben der Planierung stand auch die Möglichkeit, die Reste des Gebäudes zu erhalten und in irgendeiner Form zu nutzen. Welche Verfahrensweise hättest Du denn befürwortet?

    Andererseits ist totschweigen und ignorieren der Geschichte der bessere Weg? Ich war noch nie an der Stelle wo die NRK stand, ist vor Ort irgendetwas, daß an sie mahnt? Eine Tafel oder soetwas? Geschichtsnivellierung wie sie heute häufig praktiziert wird (bezüglich aller Epochen) kann doch auch nicht der Weisheit letzter Schluß sein...

    Nun kann man nicht behaupten, daß in Deutschland die Geschichte totgeschwiegen würde …

    Die Reichskanzlei wurde mit voller Absicht komplett aus dem Stadtbild getilgt. Es sollte keine Pilgerstätte entstehen. Darum wurden auch vor Jahren noch die letzten Reste des Bunkers gesprengt. Vor der Zeit des allgegenwärtigen und inzwischen auch mobilen Internets mit Google Earth etc. hat diese Unsichtbarmachung auch sehr gut funktioniert und noch heute muß man sich Mühe geben, den Standort zu finden. Einzig ein chinesisches Restaurant zeigt auf einer Werbetafel einen kleinen Stadtplan, auf dem die Reichskanzlei eingezeichnet ist. Etwas skurril. Kurz bei Adolf vorbeischauen und danach gibt's eine schöne Peking-Ente.

    Heimdall:

    Ich sprach ja eingangs nur vom subjektiven Angstgefühl an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten.

    Klar ist das Gefüge heute ein anderes. Aber im Endeffekt macht es für den Betroffenen keinen großen Unterschied, ob ihm ein SA-Trupp oder eine libanesische Großfamilie eins übern Kopp hauen, weil er eine Kippa trägt oder schwul ist. In beiden Fällen ist es im Grunde ein soziales Problem. Verfehlter Städtebau ist nur ein Faktor.

    Meinetwegen könnte man eine Fensterachse rekonstruieren, oder eine Gebäudeecke, Teile des Portikus, um die Erinnerung zu pflegen und einen kleinen Eindruck zu geben [...]

    Nicht mal das. Ein solches wiedererrichtetes Fragment hätte mehr noch als das gesamte Gebäude den Charakter eines Monuments. Man muß nicht lange überlegen, wer da hin pilgern würde. Einzig ein Erhalt von Originalsubstanz als Teil einer didaktisch durchdachten und ideologisch klar positionierten Gedenkstätte wäre vertretbar gewesen. Die Neue Reichskanzlei hatte eben gegenüber dem Olympiastadion oder dem Luftfahrministerium einen deutlich höheren Symbolwert. Derart aufgearbeitet aber, dürfte heute eine Bewunderung nur der Architektur kaum möglich sein. Praktisch nicht, weil sie mit Sicherheit überformt worden wäre. Und auch theoretisch nicht, weil an einem solchen Ort die Auseinandersetzung mit der Ideologie alles überschatten würde - und müßte!

    Danke, Hildesheimer.

    Ohne Zweifel sahen das Leben und seine Randerscheinungen vor 100 Jahren anders aus als heute. Aber letztere zu leugnen oder kleinzureden zeugt m.E. entweder von Unwissenheit oder unbedingtem Willen zur Verklärung. Um es nochmal ganz klar zu sagen: Ich rede hier von Architektur nur insofern (auch qua Strang-Titel) sie den räumlichen Rahmen bildet; nicht von Baustilen. Ohne in irgendeiner Form der Charta von Athen o.ä. das Wort reden zu wollen, muß es doch wohl möglich sein, sich auch mit den Schattenseiten historischer Architektur auseinanderzusetzen. Multiple, enge, feuchte Hinterhöfe sind einfach schlechte Planung und bildeten (empirisch belegbar) einst einen ähnlichen Nährboden für Kriminalität wie heute viele der Großsiedlungen. Von mir aus kann man sich jetzt ausgiebig über Prozentsätze streiten (dann aber bitte mit Quellen und nicht mit gefühltem Wissen). An der Tatsache ändert das nichts. Hier gehört die Doktrin einfach mal kurz beiseite gelassen.

    Neben politisch motivierter Gewalt (brauner und roter!), die vielleicht das berüchtigtste Cachet der 20er Jahre war, gab es auch die ganz "normale" Kriminalität: Jugend- und Bandenkriminalität gab es einst wie heute; in Form der Ringvereine war letztere damals sicher sogar etablierter. Die Ringvereine distanzierten sich zwar deutlich von Mord und Sexualstraftaten, aber mit dieser expliziten Aussage ist nur bewiesen, daß solche Verbrechen absolut nicht unüblich waren. Die Gesellschaft zeigte weniger religiös/bürgerlich bedingten Zusammenhalt, als viel mehr deutliche Auflösungserscheinungen. Armut grassierte in den 1920er Jahren, Obdachlose hausten in Kellern und in Hüttendörfern mitten in der Stadt. Grauenvoll verkrüppelte Kriegsveteranen bettelten hungernd auf den Straßen. Drogen gab es auch damals – wiewohl sich die Unterschicht vorrangig mit Alkohol begnügen mußte. Aber gerade dieser fördert ja den Hang zum Faustrecht. Und bemerkenswerterweise war es auch die klassische Epoche der irren Serienmörder.

    Einen feuilletonistischen Einblick in die Abgründe dieser Zeit erhält man z.B. über die Bilder George Grosz', die Fotos Heinrich Zilles, die Texte von Friedrich Hollaender, Erich Kästner, Willi Mann und Alfred Döblin.


    Oder man geht etwas tiefer in die Materie:

    von Liszt, Elsa: Die Kriminalität der Jugendlichen in Berlin, IN: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft. Band 47/1, Berlin 2009
    Brückweh, Kerstin: Mordlust. Serienmorde, Gewalt und Emotionen im 20. Jh, Frankfurt 2006
    Feraru, Peter: Die Ringvereine und das organisiete Verbrechen in Berlin, Berlin 1995
    Claßen, Isabella: Darstellung von Kriminalität in der deutschen Literatur, Presse und Wissenschaft 1900 bis 1930, Hamburg 1988
    Liang, Hsi-Huey: Die Berliner Polizei in der Weimarer Republik, Berlin 1977

    Ja und nein. Natürlich war mein Kommentar eher polemisch gemeint.

    Tatsächlich wäre aber mal eine juristische Untersuchung gar nicht uninteressant. Das zum Zeitpunkt einer bestimmten Handlung im jeweiligen Land geltende Recht ist ja nicht unbedingt der einzige Maßstab. Das gibt es in der Weltgeschichte viele traurige Beispiele. Wie also wäre hier das "DDR"-Recht zu beurteilen? Waren solche Abrisse danach überhaupt legal? Ähnliches könnte man dann natürlich auch für die Bundesrepublik erörtern. Und wenn das so war, gab es nicht übergeordnete völkerrechtliche (?) Regeln zum Umgang mit Kulturschätzen?

    Die Rechtsnachfolgerin der SED jedenfalls sollte doch trotz fröhlichem Nämlein-wechsle-Dich heute unschwer auffindbar sein. Nichtmal die Anschrift hat sich geändert. Juristische Personen können durchaus für Handlungen einer Organisation in Haftung genommen werden, deren Rechtsnachfolge sie angetreten haben.

    Auf Abrisse können auch gute Meldungen folgen: Die BBC berichtet von diversen Fällen, in denen Immobilienentwickler historische, teils sogar denkmalgeschützte Gebäude ohne Genehmigung zügig abreißen ließen – um Fakten zu schaffen. Statt der wohl einkalkulierten Geldstrafen wurden die Verantwortlichen jedoch durch die Gemeinde gezwungen, daß alte Gebäude "Stein für Stein" wiederherzustellen.

    http://www.bbc.com/news/magazine-33535561

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    Wenn Du mich nicht sofort als angeblichen Anhänger der Charta von Athen dargestellt hättest und dann nochmal in Deiner aggressiven Art nachgelegt hättest, hätte ich mir gern die Zeit genommen, Dir sogar eine Bibliographie mit Seitenangaben zusammenzustellen. Offenbar ist Dir (wie einigen anderen hier) aber nur daran gelegen, ohne jede Rechtfertigung immer mal wieder irgendwen zum Feind zu stilisieren. Dabei wünsch ich Dir noch viel Spaß und mache dann doch lieber was anderes mit meiner Zeit.

    Das ist aber die klassische Modernistenargumentation der damaligen Zeit und die gipfelte bekanntlich in Forderungen nach mehr "Licht und Luft" und der unsäglichen Charta von Athen.

    Toll, was Du da so alles in meine knappe Aussage hineinliest. Meinen zweiten Halbsatz scheinst Du komplett ignoriert zu haben, um ihn dann als Dein eigenes Argument präsentieren zu können.

    In jedem Fall ist die von Dir verklärte Arbeiteridylle im Berlin der 1920er Jahre in so verallgemeinerter Form historisch nicht haltbar.

    Da in Pankow so viel erfreulich schöne Architektur gebaut wird, fragt man sich umso mehr, warum gerade am exponierten Garbátyplatz dieser schreckliche schwarze Riegel entstehen mußte. Wie konnte es passieren, daß Bauherr, Architekt und Beamte alle fanden, ein solches Gebäude würde gut zum schönen S-Bahnhof, zum Gesundeitshaus und zum jüdischen Waisenhaus passen?

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    Die Anlage des Doms hatte durchaus auch eine programmatische Dimension. Vertikal wird das gesellschaftliche Gefüge symbolisiert, horizontal der Lauf des Lebens.
    Wer den Dom betritt, findet sich auf der Ebene des Volkes. Darüber stehen Adel und Klerus. Die kaiserliche Familie sitzt auf der Empore. Über allen stehen die Reformatoren vor den Pendentifs. Dann kommen –und nur zweidimensional als Mosaik!– die Evangelisten und über allem wölbt sich die Kuppel als Sinnbild des Himmels.
    Horizontal (und zwar vom Schloß aus gesehen!) ergibt sich eine Raumfolge aus Taufkriche, Predigtkirche und Gruft-(oder Denkmals-)kirche, die die Stationen des Lebens widerspiegelt.


    Bild: TU Architekturmuseum

    Achtung, Ketzerei-Alarm: Zumindest angesichts Vulgows Luftbildes scheint das Fehlen der Denkmalskirche die Gesamterscheinung des Doms allerdings zu verbessern. Schön wäre es, wenn aus der Brache mit Park- und Schrottplatz endlich wieder eine Grünanlage würde.

    Ich hätte Albers' Entwurf ziemlich gut gefunden. Vielleicht hätte der Turm nicht unbedingt als neuer Point-de-Vue der Linden platziert werden müssen (andererseits: wo sonst?). Aber Albers zeigt hier gut, daß eine jetztzeitige, eigenständige Interpretation klassischer Architekturformen durchaus möglich ist, ohne kitschig oder plump zu sein (ja, liegt sicher im Auge des Betrachters …). Mich erinnert die Ästhetik an Gio Pontis Umgestaltung des Palazzo del Bo in Padua.

    Auf den kleinen Abbildungen ist schlecht zu erkennen, in welchem Material Albers die Wandflächen ausgefacht hätte. Ich würde spontan auf Onyx-Platten tippen. Weiß es jemand?

    Ist doch nur eine perspektivisch andere und hinsichtlich des Kapellenturms geänderte Darstellung des bekannten Schlüter'schen Planentwurfs, der hinsichtlich der Ostseite so nicht umgesetzt wurde.


    Danke. Einordnen konnte ich's schon. Hatte es nur noch nie so gesehen.

    Die Montage stammt m. E. aber nicht von Schlüter selbst; sie war beim Richtfest im Humboldtforum ausgehängt.


    Da auf ein Foto gesetzt, würde ich diese Vermutung uneingeschränkt unterstützen.