Posts by Bentele

    Das Staatsratsgebäude versperrt durch die Überbauung der Brüderstraße die Verbindung zwischen dem Schloss und dem alten Zentrum von Cölln. Es zerstört damit die historische Einheit von Cölln. Eine städtebauliche Todsünde. Freilich, als das Staatsratsgebäude errichtet wurde, war das Schloss bereits Geschichte - auch vom alten Kern Cöllns war nicht mehr viel übrig geblieben.


    Mit der Sperrung der Brüderstraße ist auch die Verbindung zum nahegelegenen Nicolaihaus unterbrochen, Standort einer der Barrikaden der Revolution am 18. März 1848. Das Nicolaihaus war ein Zentrum der Berliner und der deutschen Aufklärung und wäre somit eine wunderbare Ergänzung des Humboldt Forums.


    Die Beseitigung des Staatsratsgebäudes ist also wünschenswert!


    Dennoch sollten wir seinen Abriss nicht fordern: Es ist als ehemaliges Zentrum der Macht in der DDR auch ein Denkmal der deutschen Teilung und insgesamt der deutschen Geschichte. Auch pragmatische Gründe verbieten eine solche Forderung: Man soll in der Politik nichts fordern, was unerreichbar ist, sofern nicht Menschenrechte verletzt werden - und das geschieht hier nicht. Zudem gehört es nach meiner Ansicht zu den besseren Bauwerken der DDR. Nicht nur durch die Übernahme des Portals IV wurde die Erinnerung an das Schloss aufrechterhalten.

    Zu den herrlichen Sitznischenportalen:


    Ich bekomme das Bild einfach nicht aufrecht. Vielleicht schafft es ja einer der Moderatoren.


    Diese Sitznische um 1625 bildet die Nordostecke des Hornmoldhauses in Bietigheim in Baden-Württemberg und ist als einzelne Nische nicht Teil eines Sitznischenportales wie alle Sitznischen in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, die ich bis jetzt gefunden habe.


    Kennt jemand weitere einzelne Sitznischen? Weiß jemand weitere Sitznischen in Süd- und Südwestdeutschland? Von welchen im Taubertal weiß ich nichts - wäre überaus interessant.


    Ich bin immer davon ausgegangen, dass hier Einfluss aus Wittenberg vorliegt, da Samuel Hornmold, einer der Söhne des Erbauers des Hornmoldhauses, Hausgenosse von Philipp Melanchthon in Wittenberg war und im Osten diese Zierform kennengelernt haben muss.


    Ich habe diese Einzelnische immer nur als Zierde, nicht als Sitzgelegenheit betrachtet, dazu ist sie auch nicht geeignet. Früher wurde sie als Teil eines Prangers gesehen, was die Aussagen des Stadtarchivs völlig klar widerlegen.

    Das Ahnenbild


    Alter Vater! Du blickst immer, wie ehmals, noch,
    Da du gerne gelebt unter den Sterblichen,
    Aber ruhiger nur, und
    Wie die Seligen, heiterer


    In die Wohnung, wo dich, Vater! das Söhnlein nennt,
    Wo es lächelnd vor dir spielt und den Mutwill übt,
    Wie die Lämmer im Feld, auf
    Grünem Teppiche, den zur Lust


    Ihm die Mutter gegönnt. Ferne sich haltend, sieht
    Ihm die Liebende zu, wundert der Sprache sich
    Und des jungen Verstandes
    Und des blühenden Auges schon.


    Vor wenigen Tagen wurde in Lauffen das Hölderlinhaus eröffnet. Ich war gestern dort und möchte den Strang mit dieser wohl allerfrühesten Wohnstatt des Dichters abschließen, nachdem wir ihn bis zum Grab begleitet haben.


    Zuvor möchte ich das neugeschenkte Haus aber noch einbetten in die Umgebung und die Familie, so weit noch weiterer Bezug in Form eines Gebäudes besteht. Es ist das Pfarrhaus in Löchgau, zu dem der Dichter offenbar ein ganz besonderes Verhältnis hatte: Er empfahl es der Mutter als Witwensitz.


    Löchgau ist ein Dorf, etwa zwei Gehstunden von Lauffen entfernt, oberhalb der malerischen Stadt Besigheim gelegen, an deren nördlichem Rand die Enz in den Neckar mündet. Löchgau liegt inmitten einer fruchtbaren Lößlandschaft zu Fuß der ausgedehnten Laubwälder des Strombergs, in denen man wunderbar wandern kann.


    Wenige Kilometer sind es bis Cleebronn, wo der Großvater mütterlicherseits Johann Andreas Heyn Pfarrer war, und nach Frauenzimmern, dem Geburtsort der Mutter. Die Mutter hatte eine Schwester Maria Frederike, Hölderlins Tante. die 1775 Johann Ludwig Majer heiratete, der bis 1817 Pfarrer in Löchgau war.


    Das Pfarrhaus in Löchgau, das Hölderlin mehrfach besuchte.


    Hölderlins Cousin, oder wie man auf schwäbisch sagt, sein Vetter, Johann Friedrich Majer reiste mit dem Dichter Weihnachten 1795 von Löchgau nach Frankfurt und weiter nach Jena, wo Hölderlin dem sechs Jahre jüngeren Hilfe für sein Weiterkommen vermittelt hatte. Schon im November 1793 lässt sich ein Aufenthalt des Dreiundzwanzigjährigen in Löchgau nachweisen.


    Über die Familie seiner Mutter geborene Heyn ist Hölderlin verbunden mit den Nachkommen von Regina Bardili, die, wie im Strang Hornmoldhaus dargestellt, durch die „Folgen“ des von Sebastian Hornmold mit eingeführten Landexamens zur „Urmutter“ der schwäbischen Geistesgrößen geworden ist. Wir erinnern uns:

    Wilhelm Hauff, Friedrich Hegel, Friedrich Hölderlin, Friedrich Schelling, Ludwig Uhland, Justinus Kerner, Eduard Mörike, Hermann Hesse, Dietrich Bonhoeffer, Max Planck, Carl Friedrich von Weizsäcker, Richard von Weizsäcker und noch viele, viele andere Große waren alle miteinander verwandt. Auch die Mutter Goethes lässt sich hier einbinden. Schiller nicht.


    Zum neueröffneten Hölderlinhaus in Lauffen. Wenn auch sehr viel dafür spricht, dass es sich um das Geburtshaus des Dichters handelt, so fehlt doch der sichere Beweis, daher ist das Haus korrekt benannt:

    Das Hölderlinhaus und darin das Hölderlinmuseum, derzeit noch ein wenig Baustelle



    Das Museum ist wohltuend zurückhaltend und sehr informativ und bietet vor allem vielfältige Möglichkeiten und Anreize, sich dem großen Dichter, der hier als Zwei- bis Vierjähriger wohnte, auf anrührende und anregende Weise zu nähern. Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen.


    Wir aber sind hier in einem Architekturforum und blicken auf das Gebäude.


    Das Haus, 1750 vom Großvater des Dichters erbaut, ist in seiner Grundgestalt kaum verändert auf uns gekommen. Wir schreiten hier bildlich durch seine Räume und dürfen in jedem Winkel den noch ganz kleinen Friedrich entdecken, der übrigens bei seiner Liebe zu allen Tieren eine besondere Vorliebe für Eichhörnchen hatte.


    Die ehemalige Durchfahrt zur Scheune:


    Ein riesiger Keller hat dem empfindsamen Jungen vielleicht Angst gemacht

    Die Gitterplatte unten rechts deckt einen Ziehbrunnen.

    Wir sind im Neckarland - Weinbau, eine Quelle des Wohlstands der Familie.


    Die originalen Stiegen


    Zum zweiten Geschoss

    Eine wunderschöne Holzspindeltreppe, den Handlauf hat die Hand des Kleinen gespürt.


    Türe mit Katzenloch, für kleine Buben immer interessant


    Bürgerliche Stuckdecke


    Die anderen Räume, sicher noch im originalen Zuschnitt, einer noch mit Stuckprofilen an der Decke, sind alle Teil des Museums, aber für Fotos nicht spektakulär. Originalmöbel und sonstige Einrichtungen der Zeit werden keine gezeigt: Ziel ist nicht der Lebensstil der Zeit des Dichters, sondern eine Einführung in sein Schaffen und Leben.


    Verwinkelte Dachaufgänge, Gebälk, in Schlaufen hängende alte Stangen zum Trocknen von Kräutern und Säcken, ein richtiger Teppichklopfer, wie es ihn zur Zeit des Dichters zu dessen Glück aber noch nicht gegeben hat - in den Vierzigern des letzten Jahrhunderts wurde ich mit so etwas noch „erzogen“.


    Die Hofseite

    Nett ist die kleine Holzgalerie. Ob sie wohl schon immer zum heimlichen Ort führte?


    An der Stelle der abgegangenen Scheune entsteht ein Veranstaltungsraum, leider viel Beton




    Die du liebend erzogst, siehe sie grünen dir,
    Deine Bäume, wie sonst, breiten ums Haus den Arm
    Voll von dankenden Gaben;
    Sicher stehen die Stämme schon;


    Und am Hügel hinab, wo du den sonnigen
    Boden ihnen gebaut, neigen und schwingen sich
    Deine freudigen Reben,
    Trunken, purpurner Trauben voll.

    Der Jugendstil hat sich auch am Japanischen orientiert, wie so Vieles in der europäischen Kunst. Hier einige deutlich auf den noch in weiter Ferne liegenden Jugendstil hinweisende Holzschnitte von Tachibana Morikuni, entstanden etwa 1720, man könnte das beliebig erweitern.



    Das Schloss steht zum ersten Mal ganz ohne Kran!


    Hoffentlich fällt jetzt auch bald das letzte Gerüst, damit es seine Schönheit frei in die Mitte Berlins erheben kann. Wenn seine Stimme auch mit dem Verschwinden der Bauhütten immer klarer wird, hoffe ich auch auf ein Umdenken mancher Gegner.

    Vielen Dank für das viele Lob.


    Es war für mich die reine Freude, den Strang zu schreiben und zu gestalten.


    Wer sich noch weiter interessiert, dem empfehle ich die Biographie:


    Rüdiger Safranski: Hölderlin Komm! ins Offene, Freund!


    Ich habe daraus und aus der Erinnerung an die Vorlesungen von Friedrich Beißner seinerzeit in Tübingen die meisten Fakten und manche Interpretationen geschöpft.

    Doch uns ist gegeben,
    Auf keiner Stätte zu ruhn,
    Es schwinden, es fallen
    Die leidenden Menschen
    Blindlings von einer
    Stunde zur andern,
    Wie Wasser von Klippe
    Zu Klippe geworfen,
    Jahr lang ins Ungewisse hinab.


    Im Jahr 1804 nimmt Hölderlin eine der vielen Einladungen seines Freundes Sinclair an und zieht nach Homburg.


    Sinclairs Haus:


    Das Barockhaus in der Nähe des Homburger Schlosses ist auch Sinclairs Geburtshaus.


    Sinclair ist derzeit gewissermaßen der Chef der Regierung der Landgrafschaft Hessen-Homburg. Für den frommen Landgrafen, dem die säkularen Bestrebungen der Aufklärung zuwider sind, schreibt Hölderlin mit der Ode Patmos eines seiner bedeutendsten Werke.


    Isaac von Sinclair, Portrait von 1808:


    Sinclair verspricht sich viel für die Heilung des Freundes, wenn er die Zwänge beseitigt, denen der ja immer noch unterliegt. So bekommt Hölderlin die Stelle des Hofbibliothekars. Für das Gehalt verpflichtet sich Sinclair, ohne dass Hölderlin das weiß, es aus eigener Tasche zu bezahlen.


    Hölderlin, der jetzt zum zweiten Mal in Homburg wohnt, lebte insgesamt in zwei Häusern: Dorotheenstraße 34 und Haingasse 12, beide Häuser wurden vor einigen Jahren abgerissen!


    Dorotheenstraße 34 vor dem Abbruch:


    Der Abbruch:


    Das moderne Gebäude im Hintergrund muss man wohl als Abbild des Geistes wahrnehmen, der die Stadt Bad Homburg dazu brachte, die Wohnhäuser Hölderlins abzureißen.


    Proteste aus dem In- und Ausland führten schließlich zur Rekonstruktion des Hauses in der Dorotheenstraße und zur Stiftung des Bad Homburger Hölderlin-Preises.


    Das rekonstruierte heutige Hölderlinhaus:


    Das rekonstruierte Hölderlinhaus ist ein Hölderlinmuseum.


    1806: Sinclair und Hölderlin werden verleumdet! Beide dachten und fühlten sich als Anhänger der französischen Revolution, aber nicht der Revolution Robespierres. Hölderlin dachte ohnehin mehr an eine geistige Erneuerung als eine konkrete politische, wobei eine solche ebenfalls seine Sympathie hatte. Konkretes hatten beide nie geplant - Sinclair schon gar nicht gegen seinen Dienstherrn, Landgraf Friedrich V. von Hessen-Homburg. Im Weinrausch freilich wurde schon mal schwadroniert von der Beseitigung der Fürsten und der Einführung der Republik. Pläne wuchsen in der alkoholisierten Luft und machte rasch wieder der Nüchternheit Platz.


    Sinclair hatte einen seiner Freunde, Alexander Blankenstein, als Betrüger entlarvt und ihn angezeigt. Der wiederum rächte sich und zeigte Sinclair und Hölderlin an als Aufrührer mit Mordplänen und als Umsturzaktivisten. Eigentlich zu viel der Ehre: Beide waren das nicht, und Sinclair konnte, schließlich auch einen Freispruch erwirken.


    Hölderlin, der aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nicht in der Lage war, seine Stelle als Hofbibliothekar auszufüllen, wurde von Sinclair für schon seit drei Jahren unzurechnungsfähig erklärt.


    Klar, er will ihn retten! Letztlich weiß er jedoch auch, dass es stimmt.


    So wird Hölderlin - die Sache war auch in Württemberg anhängig geworden - von einigen kräftigen Männern in eine Kutsche gezerrt und der große Wanderer nach Tübingen gefahren und dort in die Autenriethsche Klinik gebracht. Dort blieb er von September 1806 bis Mai 1807.


    Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth hatte als erster Arzt eine Klinik gefordert, in der an den Krankenbetten medizinischer Unterricht erteilt wurde.



    Er richtete diese Klinik ein im Gebäude der Alten Burse, dem frühesten Kerngebäude der Universität Tübingen. Sie wurde zur Keimzelle der heutigen Universitätskliniken. Ebenfalls hatte er dort als erster Geisteskranke untergebracht - er war der erste, der Geisteskrankheit überhaupt als behandlungsfähig eingestuft und Patienten in eine Klinik aufgenommen hat.


    Die Alte Burse in Tübingen:


    Nur wenige Schritte entfernt vom Tübinger Stift liegt der stattliche Kernbau der Universität Tübingen - errichtet Ende des 15. Jhdt.. Hier wurde Hölderlin von Autenrieth aufgenommen und behandelt.


    Dass Geisteskrankheit einer Behandlung unterzogen wurde, war zweifellos ein großes Verdienst des Mediziners. Andererseits stand man dieser Art von therapeutischer Zielsetzung ahnungslos gegenüber. Für die Patienten müssen die Therapien von Autenrieth entsetzlich gewesen sein: körperlicher Zwang war wohl die wichtigste Maßnahme. Zum Beispiel sollte die Autenriethsche Maske, auf das Gesicht geschnallt, Zuckungen unterbinden. Auch sparte man nicht mit giftigen Substanzen wie z. B. Quecksilber.


    Was ein Geist wie Hölderlin erlitten haben muss, lässt sich nur in Alpträumen erahnen.


    Sein Gesamtzustand war nach fast einem dreiviertel Jahr so schlecht, dass Autenrieth mit seinem Tod in höchstens einem Jahr rechnete und ihn als unheilbar entließ.


    Das Angenehme dieser Welt hab' ich genossen,
    Die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen,
    April und Mai und Julius sind ferne,
    Ich bin nichts mehr, ich lebe nicht mehr gerne!


    In Nürtingen hätte man nicht für ihn sorgen können. Ganz in der Nähe der Klinik am Neckar hatte der Schreinermeister Zimmer seine Werkstatt und Wohnung. Es traf sich, dass dieser Handwerker den Hyperion gelesen hatte und ein begeisterter Verehrer Hölderlins war. So nahm er den Dichter bei sich in Kost und Logie und Pflege. Zum Anwesen des Handwerkers, nahe der Burse und dem Stift gelegen, gehörte der Rest eines alten Turmes der Stadtbefestigung, wo Hölderlin untergebracht wurde und bis zu seinem Tod 1843 lebte.


    Der Hölderlinturm, links dahinter die Alte Burse:


    Der Unterste Steinteil ist noch Teil der Befestigung des 13. Jhdt. Alles darüber und das angrenzende Wohnhaus sind 1875 abgebrannt; beides wurde aber einigermaßen getreu rekonstruiert. Hölderlin verbrachte hier in einer idyllischen Umgebung mit beruhigendem Blick auf den Neckar und in die Natur noch 36 Jahre.


    Er schrieb noch fleißig, wovon vieles verloren gegangen ist. Viele der Gedichte sind mit in Unterthänigkeit Scardanelli unterzeichnet. Die Krankheit konnte seinem dichterischen Schaffen aber wenig anhaben. So dass einige auch heute noch behaupten, Hölderlin hätte wie Hamlet den Wahnsinn nur simuliert. Der Hautvertreter Pierre Berteaux macht dafür politische Gründe geltend - eine Art Innere Emigration. Die Mehrheit der Wissenschaftler zählt viele Gegengründe auf.


    Der alte Hölderlin:



    Als einmal Schreinermeister Zimmer einen Stapel Bretter die Treppe hinauftrug und so etwas Ähnliches sagte wie: „0, Herr Hölderlin s‘isch net leicht!“ nahm dieser einen Stift und schrieb auf ein Brett:


    Die Linien des Lebens sind verschieden
    Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen.
    Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
    Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.


    Zimmer schrieb es ab und schickte es Hölderlins Mutter. Das Brett brauchte er in der Werkstatt - er war ein Schwabe.


    Über zwanzig Jahre lang wurde Hölderlin von Zimmers Tochter Lotte aufopferungsvoll gepflegt.


    Studenten trieben ihren Spaß mit dem hilflosen Mann. Es gab aber auch andere, die sich für den Dichter interessierten und sein Werk bewahrten, Wilhelm Waiblinger, Eduard Mörike, Justinus Kerner, der bei Autenrieth für ihn zuständig gewesen war, Gustav Schwab, der noch zu Lebzeiten des Dichters eine Ausgabe seiner Gedichte herausbrachte.


    Schließlich am 7. Juni 1843 mit 73 Jahren starb Hölderlin und wurde im Tübinger Stadtfriedhof begraben, wo man seine letze Wohnstätte, sein Grab heute noch besuchen kann.



    Die Inschrift auf dem Grabstein ist aus einer Strophe eines seiner frühen Gedichte:


    Im heiligsten der Stürme falle
    Zusammen meine Kerkerwand,
    Und herrlicher und freier walle,
    Mein Geist in’s unbekannte Land!








    Code

    Aber sie können mich nicht brauchen.


    Hölderlin fühlt, dass eine Wende zum Dauerhaften kommen muss in seinem Leben. Da ist die ständige Drohung, dass das Konsistorium ihn zur Annahme eines Vikariats und damit in den Beruf des Pfarrers zwingen könnte. Da ist das Drängen der Mutter, endlich eine Stelle in einer Pfarrei anzunehmen. Da ist die Erkenntnis des Abhängigseins als Hauslehrer, aber auch das Wissen, dass auch die erfolgreichste Tätigkeit hier nicht seiner Berufung zum Dichter entspricht.


    Das ehemalige Spital in Nürtingen:


    Das Spital steht gegenüber dem Schweizerhof der Familie Gok, die Mutter Hölderlins ist ja eine verwitwete Gok. Der Spitalmeister Rooschüz war ihr „Kriegsvogt“, ein Sachverhalt, von dem heute nur noch die wenigsten wissen. Man traute damals und noch eine ganze Zeit lang Frauen in Geschäftsdingen wenig zu, und so brauchte eine verwitwete Frau einen Kriegsvogt, der sie in geschäftlichen und juristischen Dingen beriet und sie bei den entsprechenden Behörden vertrat, für sie also in juristischem und notariellen Sinne handelte. Der Spitalmeister war ohne Zweifel daran beteiligt, dass Hölderlin von der Mutter den Pflichtteil seiner Erbschaft nicht ausbezahlt bekam. Sie hielt ihn auf diese Weise in der Abhängigkeit, die ihn zur Annahme des Pfarrerstandes führen sollte. Diese Abhängigkeit war ein Hauptgrund für seine zwangsvolle Lage, die oben beschrieben ist.


    An Landauer schrieb Hölderlin nach der Rückkehr aus Hauptwil: überhaupt ists seit ein paar Wochen ein wenig bunt in meinem Kopfe.


    Hölderlin wollte eine Dozentur in Jena, das sollte die Zwänge beseitigen und ihm Raum geben, seine Berufung zum Dichter leben zu können. Schiller sollte ihm dabei helfen. Am 2. Juni 1801 schrieb er ihm, obwohl sein letzter Brief vom September 1799 an Schiller nicht beantwortet worden war. Er wolle nicht als Vikar zu einem Landprediger geschickt werden. Er unterbreitet Schiller seine Lage, nimmt ihn dabei in Verantwortung, was er gegen Schluss herunterzonen will.


    Auch dieser Brief bleibt unbeantwortet. Auch sein Freund aus Tübinger Tagen Niethammer, jetzt Professor in Jena, antwortet ihm nicht auf einen Brief in der selben Sache.


    Seinem Freund Böhlendorff schreibt er resigniert: Aber sie können mich nicht brauchen.


    Im Herbst 1801 wird ihm von einem Freund Landauers eine Hauslehrerstelle vermittelt bei dem hamburgischen Weingroßhändler und Konsul Daniel Christoph Meyer in Bordeaux. Das angebotene Jahresgehalt war das höchste, das ihm jemals geboten wurde.


    Am 10. Dezember brach er In Nürtingen auf zu der weiten Reise - einer Winterreise. Er hatte genügend Geld erhalten, um bequem mit der Kutsche reisen zu können. Aber Hölderlin wandert! Er will den weiten Weg sogar noch verlängern und plant einen riesigen Umweg über Paris. Er wandert über Freudenstadt durch den verschneiten Schwarzwald und will über die französische Grenze nach Straßburg. Aber Napoleon putscht in dieser Zeit, und so muss er vierzehn Tage warten, bis er die Grenze überschreiten darf.


    War er in dieser langen Zeit in Frankfurt?


    Am 30. Dezember darf er endlich einreisen, Paris bleibt ihm aber verboten; er muss den Weg über Lyon nehmen. Über Belfort, der Doubs entlang, dann die Saône, wo ihn Überschwemmungen aufhalten, erreicht er Lyon am 9. Januar 1802.


    Die Kathedrale von Lyon:



    Die Größe der Stadt mit ihrem Gewimmel von Menschen wirkt auf ihn verstörend, wie er der Mutter schreibt -


    Er wandert vorbei an Clermont und auf steilen und einsamen Wegen über die tief verschneiten Berge der Auvergne. Ein abenteuerlicher Weg. Räuber machen das Gebirge unsicher. Er sei neugeboren nach den Gefahren, schreibt er, denen er offenbar entronnen ist, in eiskalter Nacht und die geladene Pistole neben mir im rauhen Bett.


    Die verschneite Auvergne:


    Die große Einsamkeit des Wanderns, alleine, über Wochen hinweg, man spürt sie hier. Kälte, Stürme, die Sorge um den richtigen Weg. Schließlich konnte er auf dem letzten Wegstück im Tal der Isle die ersten warmen Lüfte spüren, die ihm entgegen kamen. Am 28. Januar erreichte er Bordeaux.


    Auch heute wäre die weite Strecke zu Fuß, in vier Wochen zurückgelegt, eine beträchtliche sportliche Leistung. Aber auch die psychische Leistung wollte vollbracht sein, die große Einsamkeit wollte ertragen werden, dazu die Lebensgefahr, in die er offenbar geraten war.


    Die Villa des hamburgischen Konsuls Meyer in Bordeaux als neues Domizil Hölderlins:


    Die klassizistische Villa Meyer, 1795-1796 von Louis Combes errichtet, ist bis heute erhalten. Ein Schild in französischer und deutscher Sprache hält die Erinnerung an den berühmtesten Bewohner des schönen Gebäudes wach.


    Der Konsul empfing ihn warmherzig und versprach ihm eine glückliche Zeit in seinem Haus.


    Konsul Daniel Christoph Meyer

    .

    Der Dichter erlebt die fremde Stadt intensiv und hinterlässt ihr ein unvergleichliches Zeugnis:


    Andenken

    Der Nordost wehet,

    Der liebste unter den Winden

    Mir, weil er feurigen Geist

    Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.

    Geh aber nun und grüße

    Die schöne Garonne,

    Und die Gärten von Bourdeaux

    Dort, wo am scharfen Ufer

    Hingehet der Steg und in den Strom

    Tief fällt der Bach, darüber aber

    Hinschauet ein edel Paar

    Von Eichen und Silberpappeln;


    Noch denket das mir wohl und wie.

    Die breiten Gipfel neiget

    Der Ulmwald, über die Mühl,

    Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.

    An Feiertagen gehn

    Die braunen Frauen daselbst

    Auf seidnen Boden,

    Zur Märzenzeit,

    Wenn gleich ist Nacht und Tag,

    Und über langsamen Stegen,

    Von goldenen Träumen schwer,

    Einwiegende Lüfte ziehen.


    Es reiche aber,

    Des dunkeln Lichtes voll,

    Mir einer den duftenden Becher,

    Damit ich ruhen möge; denn süß

    Wär unter Schatten der Schlummer.

    Nicht ist es gut,

    Seellos von sterblichen

    Gedanken zu sein. Doch gut

    Ist ein Gespräch und zu sagen

    Des Herzens Meinung, zu hören viel

    Von Tagen der Lieb,

    Und Taten, welche geschehen.


    Wo aber sind die Freunde? Bellarmin

    Mit dem Gefährten? Mancher

    Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;

    Es beginnet nämlich der Reichtum

    Im Meere. Sie,

    Wie Maler, bringen zusammen

    Das Schöne der Erd und verschmähn

    Den geflügelten Krieg nicht, und

    Zu wohnen einsam, jahrlang, unter

    Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen

    Die Feiertage der Stadt,

    Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.


    Nun aber sind zu Indiern

    Die Männer gegangen,

    Dort an der luftigen Spitz

    An Traubenbergen, wo herab

    Die Dordogne kommt,

    Und zusammen mit der prächtgen

    Garonne meerbreit

    Ausgehet der Strom. Es nehmet aber

    Und gibt Gedächtnis die See,

    Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,

    Was bleibet aber, stiften die Dichter.


    Der Hafen von Bordeaux

    Das Leben in Bordeaux war prall, voll Lebens- und Genussfreude. Februar und März sind die Zeit des Dionysos, des römischen Bacchus, des Gottes des Weines und der Trunkenheit in der Hauptstadt des Weines. Nichts von alledem findet sich in den Briefen des Dichters. Die braunen Frauen daselbst auf seidnen Boden zur Märzenzeit in der Ode auf Bordeaux könnten ein Nachklang sein. Aber braun im Zusammenhang mit Frauen gilt in der Zeit des Puders und der höfisch weißen Haut eigentlich als ländlich oder bäurisch.


    Nach nur zweieinhalb Monaten in Bordeaux, am 10. Mai ließ sich Hölderlin einen Pass nach Straßburg ausstellen und reiste ab, zu Fuß. Offenbar im Einvernehmen mit der Familie Meyer, denn vom Dienstherrn erhält er ein glänzendes Zeugnis.


    Niemand weiß weshalb er seine Tätigkeit abbricht. Es gibt viele Theorien und Spekulationen, jede hat vieles für sich. Aber jede enthält auch zu viele Widersprüche zu sicheren Fakten. Sicher ist sein Heimweg über Paris.


    Völlig verwahrlost trifft er gegen Ende Juni in Stuttgart ein. Wohnt bei Landauer. Dort erhält er am 30. Juni aus Frankfurt die schreckliche Nachricht vom Tod der Geliebten, Susette Gontard. Sie starb am 22. Juni 2802 an den Röteln. Seine Diotima ist tot!


    Es ist fast eine Flucht - zur Mutter nach Nürtingen. Er erregt Aufsehen durch die Verwahrlosung seiner Erscheinung und durch wiederkehrende,Ausbrüche offenbar unbezähmbarer Wut.


    Der Freund Sinclair lädt ihn mehrfach ein zu sich nach Homburg. Hölderlin besucht ihn, nach einiger Zeit ruhiger geworden, auf dem Immerwährenden Reichstag in Regensburg, Sinclair wohnt dort im Goldenen Anker.


    Das Gebäude des Immerwährende Reichstag in Regensburg


    Sinclair ist dort Ende September 1802 für seinen Landesherren als Diplomat.

    Hölderlin habe sich beruhigt. Aber dreimal braucht er in Regensburg dennoch ärztliche Hilfe. Hölderlin wandert, wie er gekommen ist zu Fuß zurück nach Nürtingen wohl über Amberg und Nürnberg.


    Ruhiger geworden lebt er bei der Mutter in Nürtingen. Fängt er an zu toben, wird ein Wärter geholt, der oft auch in der Nacht bleibt.


    Im Sommer 1803 geht er zu Fuß, offenbar querfeldein zu Schelling, der seine Eltern in Murrhardt besucht. Eineinhalb Tage wohnt er bei den Schellings in der Murrhardter Prälatur.


    Das rechte Gebäude ist die Prälatur, die der Vater des Philosophen innehat.


    Hölderlin macht auf Schelling einen verwirrten Eindruck: Ich überzeugte mich bald, daß dieses zart besaitete Instrument auf immer zerstört sey.


    Aus Hölderlins Übersetzung des König Ödipus von Sophokles. Die Übersetzungen Hölderlins sind eher Nachdichtungen zu nennen.


    Ödipus hat Angst, in Wahnsinn zu verfallen:


    Nachtwolke mein! Du furchtbare

    Umwogend, unaussprechlich, unbezähmt,

    Wie fährt in mich zugleich

    Mit diesen Stacheln

    Ein Treiben und Erinnerung der Übel.

    Nah ist
    Und schwer zu fassen der Gott.
    Wo aber Gefahr ist, wächst
    Das Rettende auch.
    Im Finstern wohnen
    Die Adler und furchtlos gehn
    Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg


    Hölderlin erlangt nach der Rückkehr aus Frankfurt in Stuttgart bei seinem Freund Landauer wieder Ruhe und Schaffenskraft, vielleicht die schöpferischste und glücklichste Zeit seines Lebens. Er wohnt bei seinem großzügigen Freund, der ihn in allem unterstützt.


    Wir lassen ihm die Zeit und kehren noch einmal zurück in das Hölderlinhaus in Lauffen, nicht weit vom Neckar, wo er nach aller Wahrscheinlichkeit geboren ist:


    Die Treppe, die er vom zweiten bis zum vierten Lebensjahr benützt hat,


    Eine Stuckdecke im Haus, die er gesehen hat:


    Einfache, aber gediegene bürgerliche Barockdekoration. Sie Und die Treppe sind wohl bereits restauriert und warten auf das Ende der Pandemie -


    In Stuttgart das Gymnasium illustre, Hölderlin wohnte bei seinem Freund Landauer 1800 und 1801 im zweiten Haus links des Gymnasiums:


    Die Bomben haben das 1944 alles vernichtet, und das Wenige, was noch stand, zerstörte der Aufbau nach 1945.


    Christian Landauer:

    Bei ihm verbrachte Hölderlin die wohl künstlerisch ertragreichste Zeit seines Lebens. Er hatte einen ebenfalls republikanisch gesinnten Freundeskreis, Gesprächskreise, Kunst, Musik. Die Idealvorstellungen Hölderlins schienen hier verwirklicht.

    Möglicherweise aber konnte der Dichter die eigene unbefriedigende Lebenssituation nicht damit in Einklang bringen. Daher wohl als Ausbruch die Annahme der Hauslehrerstelle in Hauptwil, von wo er schon nach drei Monaten zurückkehrte.


    Das moderne Stuttgart gibt am Schlossplatz noch einen kleinen Eindruck von der waldhügelumsäumten, naturnahen und harmonischen Schönheit der Stadt zur Zeit Hölderlins:


    Seinem Freund Landauer hat Hölderlin eine seiner schönsten Oden geschrieben, nicht leicht zu lesen - einfach mal wirken lassen, vielleicht auch laut lesen:

    e

    Der Gang aufs Land.

    An Landauer

    Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute
    Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein.
    Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes
    Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.
    Trüb ists heut, es schlummern die Gäng’ und die Gassen und fast will
    Mir es scheinen, es sei, als in der bleiernen Zeit.
    Dennoch gelinget der Wunsch, Rechtglaubige zweifeln an Einer
    Stunde nicht und der Lust bleibe geweihet der Tag.
    Denn nicht wenig erfreut, was wir vom Himmel gewonnen,
    Wenn ers weigert und doch gönnet den Kindern zulezt.
    Nur daß solcher Reden und auch der Schritt und der Mühe
    Werth der Gewinn und ganz wahr das Ergözliche sei.
    Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte
    Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst,
    Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist,
    Und von trunkener Stirn’ höher Besinnen entspringt,
    Mit der unsern zugleich des Himmels Blüthe beginnen,
    Und dem offenen Blik offen der Leuchtende seyn.

    Denn nicht Mächtiges ists, zum Leben aber gehört es,
    Was wir wollen, und scheint schiklich und freudig zugleich.
    Aber kommen doch auch der seegenbringenden Schwalben
    Immer einige noch, ehe der Sommer ins Land.
    Nemlich droben zu weihn bei guter Rede den Boden,
    Wo den Gästen das Haus baut der verständige Wirth;
    Daß sie kosten und schaun das Schönste, die Fülle des Landes,
    Daß, wie das Herz es wünscht, offen, dem Geiste gemäß
    Mahl und Tanz und Gesang und Stutgards Freude gekrönt sei,
    Deßhalb wollen wir heut wünschend den Hügel hinauf.
    Mög’ ein Besseres noch das menschenfreundliche Mailicht
    Drüber sprechen, von selbst bildsamen Gästen erklärt,
    Oder, wie sonst, wenns andern gefällt, denn alt ist die Sitte,
    Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns,
    Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch thun,
    Wir, so gut es gelang, haben dass Unsre gethan.

    Aber schön ist der Ort, wenn in Feiertagen des Frühlings
    Aufgegangen das Thal, wenn mit dem Nekar herab
    Weiden grünend und Wald und all die grünenden Bäume
    Zahllos, blühend weiß, wallen in wiegender Luft
    Aber mit Wölkchen bedekt an Bergen herunter der Weinstok
    Dämmert und wächst und erwarmt unter dem sonnigen Duft.



    Umgebung von Stuttgart: Komm ins Offene:



    Und aus der Ode Stuttgart


    Aber indes wir schaun und die mächtige Freude durchwandeln,

    Fliehet der Weg und der Tag uns, wie den Trunkenen, hin.

    Denn mit heiligem Laub umkränzt erhebet die Stadt schon,

    Die gepriesene, dort leuchtend ihr priesterlich Haupt.

    Herrlich steht sie und hält den Rebenstab und die Tanne

    Hoch in die seligen purpurnen Wolken empor.

    Sei uns hold! dem Gast und dem Sohn, o Fürstin der Heimat!

    Glückliches Stuttgart, nimm freundlich den Fremdling mir auf!

    Immer hast du Gesang mit Flöten und Saiten gebilligt,

    Wie ich glaub, und des Lieds kindlich Geschwätz und der Mühn

    Süße Vergessenheit bei gegenwärtigem Geiste,

    Drum erfreuest du auch gerne den Sängern das Herz.

    Aber ihr, ihr Größeren auch, ihr Frohen, die allzeit

    Leben und walten, erkannt, oder gewaltiger auch,

    Wenn ihr wirket und schafft in heiliger Nacht und allein herrscht

    Und allmächtig empor ziehet ein ahnendes Volk,

    Bis die Jünglinge sich der Väter droben erinnern,

    Mündig und hell vor euch steht der besonnene Mensch –


    Grabtempel für Königin Katharina


    Der heutige Württemberg, früher Rotenberg genannt, trug einst die Stammburg Wirtenberg des Hauses Württemberg. Nach dem frühen Tod der Königin Katharina Pawlowna, einerZarentochter, ließ König Wilhelm I. die alte Burg abbrechen und 1824 von Giovanni Salucci für sie dieses Mausoleum errichten. Der Verlust der alten Stammburg freilich ist schlimm! Dennoch steht der Bau in einem hochkarätigen frühen Klassizismus, der zum schönsten in Deutschland gehört. Für mich ist es, als hätte die Rückbesinnung Hölderlins auf das klassische Griechentum hier vollendet steinerne Form angenommen.


    Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,

    Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört?

    Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge,

    Wahrlich zu einzigem Brauche vor alters gebaut!


    Lebenslauf

    Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt

    All uns nieder, das Leid beuget gewaltiger,

    Doch es kehret umsonst nicht

    Unser Bogen, woher er kommt.


    Aufwärts oder hinab! herrschet in heilger Nacht,

    Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,

    Herrscht im schiefesten Orkus

    Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?


    Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich,

    Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,

    Daß ich wüßte, mit Vorsicht

    Mich des ebenen Pfads geführt.


    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern',

    Und verstehe die Freiheit,

    Aufzubrechen, wohin er will.


    In Nürtingen schrieb Hölderlin weiter am Hyperion und übersetzte Oden des antiken Dichters Pindar. Da erhielt er eine neue Anstellung in Frankfurt am Main. Er sollte die Kinder der Kaufmannsfamilie Gontard als Hauslehrer unterrichten.


    Das Anwesen der Familie war eines der größten und schönsten in der Kaiserstadt; die alten Patrizierhäuser der Gotik in der engen Altstadt wurden schon seit einiger Zeit verlassen und neue weiträumige Residenzen geschaffen.


    Die Gontards wohnten im Haus zum Weißen Hirsch in der Straße, in der Goethe geboren wurde, dem Großen Hirschgraben. Hier ist das das ganze riesige Anwesen zu sehen, das jetzt auch den Dichter Hölderlin beherbergte:


    Diese ganze Fläche wird heute vom Commerzbank Tower bedeckt!


    Angelehnt an das ehemalige Weißfrauen Kloster das Wohnhaus zum Weißen Hirsch:


    Hier lebte und unterrichtete der Dichter, und liebte, denn Suzette Gontard, die Mutter der Zöglinge wurde seine Geliebte und er ihr Geliebter - die Liebe war gegenseitig. Sie, eine empfindsame, künstlerische und hochgebildete Frau, fand in ihm etwas völlig Anderes als die Welt des Handels und der Geschäfte, die ihr Mann ihr bot.


    Suzette Gontard:


    Gut gehen konnte das nicht. Sie wurden ertappt. Der Kaufmann warf den von ihm bezahlten Hofmeister und Schreiberling kurzerhand aus dem Haus.


    Hölderlin fand Zuflucht im heutigen Bad Homburg bei Isaac von Sinclair, mit dem er sich in Jena befreundet hatte. Der Freund war ein glühender Anhänger der Französischen Revolution und schon in Jena als Aufrührer aufgefallen. Jetzt war er in Homburg In landesgräflichen Diensten. Das klingt merkwürdig, aber Menschen verhalten sich nicht immer ganz logisch: Schiller war Ehrenbürger der französischen Revolution, dennoch wurde er vom Herzog von Weimar geadelt.


    Bei Sinclair fand Hölderlin nicht nur Schutz und Unterkunft, er konnte das Verhältnis mit Suzette noch eine Zeit fortsetzen, sie kam, sie trafen sich. Bis auch das aufflog und die beiden endgültig auseinandergerissen wurden.


    Sie wurde bei ihm als Diotima eine Hauptfigur in seinem Roman Hyperion.


    Diotima

    Du schweigst und duldest, denn sie verstehn dich nicht,

    Du edles Leben! siehest zur Erd und schweigst

    Am schönen Tag, denn ach! umsonst nur

    Suchst du die Deinen im Sonnenlichte,


    Die Königlichen, welche, wie Brüder doch,

    Wie eines Hains gesellige Gipfel sonst

    Der Lieb und Heimat sich und ihres

    Immerumfangenden Himmels freuten,


    Des Ursprungs noch in tönender Brust gedenk;

    Die Dankbarn, sie, sie mein ich, die einzigtreu

    Bis in den Tartarus hinab die Freude

    Brachten, die Freien, die Göttermenschen,


    Die zärtlichgroßen Seelen, die nimmer sind;

    Denn sie beweint, so lange das Trauerjahr

    Schon dauert, von den vorgen Sternen

    Täglich gemahnet, das Herz noch immer


    Und diese Totenklage, sie ruht nicht aus.

    Die Zeit doch heilt. Die Himmlischen sind jetzt stark,

    Sind schnell. Nimmt denn nicht schon ihr altes

    Freudiges Recht die Natur sich wieder?


    Sieh! eh noch unser Hügel, o Liebe, sinkt,

    Geschiehts, und ja! noch siehet mein sterblich Lied

    Den Tag, der, Diotima! nächst den

    Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleicht.


    Im Jahr 1800 sahen sie sich zum letzten Mal. Bei Hölderlin fielen in dieser Zeit „hypochondrische Störungen“ auf, was immer damit gemeint war - Vorboten seiner Erkrankung?


    Im darauf folgenden Jahr erhielt der angeschlagene Dichter eine neue Anstellung als Hauslehrer der Familie Gonzenbach in Hauptwil in der Schweiz, nicht weit entfernt von St. Gallen.


    Das Haus der Familie Gonzenbach in Hauptwil:


    Hier hatte er die jüngere Schwester des Hausherrn zu unterrichten. Es sollten noch zwei Neffen dazu kommen. Aber sie kamen nicht, und so musste Hölderlin nach drei Monaten schon wieder gehen, wirklich gehen: Er war zu Fuß gekommen und wanderte zu Fuß zurück nach Nürtingen.


    In der Schweiz lernte Hölderlin die Berge kennen. Ihre Größe und ihre Einsamkeit. Eine Ahnung davon gab schon die kurz zuvor in Homburg entstandene Ode des Unbehausten:

    Abendphantasie

    Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt

    Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.

    Gastfreundlich tönt dem Wanderer im

    Friedlichen Dorfe die Abendglocke.


    Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch,

    In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts

    Geschäftger Lärm; in stiller Laube

    Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.


    Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen

    Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh

    Ist alles freudig; warum schläft denn

    Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?


    Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;

    Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint

    Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,

    Purpurne Wolken! und möge droben


    In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -

    Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht

    Der Zauber; dunkel wirds und einsam

    Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -


    Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt

    Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,

    Du ruhelose, träumerische!

    Friedlich und heiter ist dann das Alter.

    Hälfte des Lebens


    Mit gelben Birnen hänget
    Und voll mit wilden Rosen
    Das Land in den See,
    Ihr holden Schwäne,
    Und trunken von Küssen
    Tunkt ihr das Haupt
    Ins heilignüchterne Wasser.


    Weh mir, wo nehm' ich, wenn
    Es Winter ist, die Blumen, und wo
    Den Sonnenschein,
    Und Schatten der Erde?
    Die Mauern stehn
    Sprachlos und kalt, im Winde
    Klirren die Fahnen.


    Noch schien sein Leben aufwärts zu gehen im Jahre 1794 als Hauslehrer im Schloss Waltershausen, zehn Jahre bevor das Gedicht Hälfte des Lebens 1804 veröffentlicht wurde, fast genau an der wirklichen Wende seines Lebens. Aber die nahm unentwirrbar ihren Anfang.


    Er schrieb an seinem Briefroman Hyperion, er versuchte seinen Zögling In seinem Sinne zu erziehen. Viel wissen wir nicht darüber - nur dass er vielleicht daran gescheitert ist,


    Ein weiteres Bild des Schlosses:

    Festsaal mit herrlichen Stuckarbeiten:


    Hölderlins Zimmer:


    Man trennte sich einvernehmlich vom Hauslehrer Hölderlin. Die Gründe sind Spekulation: Schwierigkeiten mit dem Zögling, erste Anzeichen der späteren Krankheit? Ein Verhältnis mit der Gesellschafterin der Hausherrin? Gar ein uneheliches Kind? Es gibt für all das nur unzulängliche Hinweise, keine Belege.


    Da sah' ich neulich einen Knaben am Wege liegen. Sorgsam hatte die Mutter, die ihn bewachte, eine Decke über ihn gebreitet, daß er sanft schlummerte im Schatten, und ihm die Sonne nicht blende. Aber der Knabe wollte nicht bleiben, und riß die Decke weg, und ich sah wie er's versuchte, das freundliche Licht anzusehn, und immer wieder versuchte, bis ihm das Auge schmerzte und er weinend sein Gesicht zur Erde kehrte.

    Armer Knabe! dacht ich, andern ergehts nicht besser

    Aus dem Thalia-Fragment des Hyperion.



    Für Hölderlin schien es die Erfüllung eines Wunsches zu sein: Jena war nicht fern, dort lehrte und wohnte sein Idol Schiller!


    Schillers Gartenhaus in Jena:


    In diesem Häuschen neben dem eigentlichen Wohnhaus hatte Schiller einen Arbeitsraum. Er nannte es Zinne:


    Hier entstanden viele wichtige Werke Schillers. Wir würden es eigentlich Gartenhaus nennen, aber für Schiller war es die Zinne, denn wie eine solche ragte es am damaligen Rande der Stadt in die Höhe.


    Hölderlin traf Schiller in dessen früherer Wohnung im Kirstenschen Haus am Jenaer Markt:


    Das Haus wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Ich denke aber, dass es zur Zeit Schillers anders aussah und seine spätere Form dem Historismus zu verdanken war. Es ist verloren.


    Hölderlin war bei dieser Begegnung so angespannt und befangen - wie er es immer war, wenn er Schiller traf - dass er einen weiteren Herrn im Zimmer gar nicht wahrnahm: Goethe!


    Der Himmel helfe mir, mein Unglück, u. meine dummen Streiche gut zu machen. Kommentierte er seinen Lapsus.


    Schiller und Goethe sahen in dem jungen Mann große Anlagen, und vor allem Schiller, der ihn förderte, versuchte ihn literarisch zur Ausgewogenheit der Klassiker zu bewegen - die wirkliche künstlerische Kraft Hölderlins blieb ihnen neu und fremd und vielleicht unheimlich.


    Das Cottahaus in Tübingen, wo Hölderlins Werke verlegt wurden wie die von Schiller und Goethe und unzähliger anderer Geistesgrößen. Goethe war hier fast zwei Wochen zu Gast.


    Was dazu führte, dass vor einigen Jahren Studenten als Ulk das wahrscheinlich nicht unwahre Schild unter einem Fenster anbrachten: „Hier kotzte Goethe“, heute bereits berühmt und denkmalgeschützt.


    Hölderlin hörte in Jena begeistert Fichte und Schiller, der als Professor für Geschichte Furore machte, und hoffte eine Stelle zu bekommen für die griechische Mythologie und ihre Darstellung in der antiken Literatur und damit seine Unabhängigkeit, und einen besseren Kenner dürfte es nie gegeben haben - aber Ende Mai oder Anfang Juni 1795 reiste er plötzlich ab, der Grund ist unklar - das Gefühl des Unverstandenseins? Das Gefühl der Unterlegenheit? Jena war in dieser Zeit der geistige Mittelpunkt Deutschlands. Andere Gründe?


    Das mögliche, aber sehr fragliche Verhältnis mit der Gesellschafterin von Charlotte von Kalb? Einen Monat später kam sie nieder.


    Schon 1794 hatte Schiller in seiner literarischen Zeitschrift, der Neuen Thalia den noch fragmentarischen Hyperion veröffentlicht, das sog. Thalia-Fragment. Hatte sich Hölderlin mehr erwartet als bloßes Wohlwollen?


    Hölderlin reiste ab, und unzählige Hoffnungen waren dahin.


    Aber blühet indes, bis unsre Früchte beginnen,

    Blüht, ihr Gärten Ioniens! nur, und die an Athens Schutt

    Grünen, ihr Holden! verbergt dem schauenden Tage die Trauer!

    Kränzt mit ewigem Laub, ihr Lorbeerwälder! die Hügel

    Was bleibet aber stiften die Dichter.


    Friedrich Hölderlin um 1790


    Seine Ausbildung zum Pfarrer war beendet, die Mutter wollte ihn als Pfarrer. Er aber sah sich zum Dichter berufen. Der Zufall fügte es, dass in dieser Zeit sein Idol Schiller in Ludwigsburg war.


    Schiller war ein Abtrünniger. Er hatte sich gegen seinen Herzog Herzog Carl Eugen vergangen und war vor seiner Tyrannei ins Ausland geflohen. Er musste mit Strafe rechnen und hatte dabei Friedrich Daniel Schubart vor Augen, den derselbe Herzog ohne Anklage und Urteil zehn Jahre lang auf der Festung Hohenasperg hatte einsperren lassen. Friedrich Schiller aber war inzwischen eine Berühmtheit geworden. Und der Hof hatte ihm zwar keine Straffreiheit zugesichert, aber ein Stillehalten. Freilich, würde die Zusage aber auch eingehalten werden?


    Der Drang, die Eltern und die Heimat wIeder zu sehen, war stärker als die Furcht, und so hatte Schiller es gewagt, und war nun für Hölderlin in greifbarer Nähe.


    Am 8. September 1793 traf man sich in Ludwigsburg in der Unterkunft Schillers in der

    Wilhelmstraße 17:



    Hölderlin war für Schiller kein ganz unbekannter: Einige Gedichte von ihm waren schon erschienen. Er hielt sie für etwas überspannt, eine Sichtweise, die Schiller Hölderlin gegenüber nie ablegen konnte. Er betrachtete den ansehnlichen jungen Mann aber durchaus als förderungswürdig. Hölderlin aber war bei der Begegnung sehr angespannt und in der Gegenwart seines Idols sehr befangen. Auch dieser Umstand konnte in der Folgezeit nie überwunden werden. Das Treffen dauerte etwa eine halbe Stunde, hatte aber für Hölderlin trotz aller Schwierigkeiten positive Folgen.


    Friedrich Schiller zu Zeit seines Besuches in Ludwigsburg:


    Hölderlin: Ich liebe dies Griechenland überall. Es trägt die Farbe meines Herzens. Wohin man siehet, liegt eine Freude begraben.


    Im Stift nannte man Hölderlin den Jakobiner. Er blieb Revolutionär, denn Politik war für ihn nun nicht mehr Sache der Fürsten. Aber mit dem Blick auf das Volk trat bei ihm viel dominierender der Blick auf das Menschliche in den Vordergrund: Mündigkeit nach Kant, Bewusstsein dessen, was man tat - das wurde zu der Forderung eines ebenso ästhetischen wie vernünftigen Daseins. Er folgte hier vor allem Schillers „Über Anmut und Würde“. Das Ideal sah er im antiken Griechenland. Der damalige Freiheitskampf der Griechen gegen die Osmanen sollte ihm den Stoff zu seinem Roman Hyperion liefern.


    Sein kritischer Blick im Hyperion, den er als Briefroman schrieb, ging aber auch nach Deutschland:


    So kam ich unter die Deutschen. Ich foderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. Demütig kam ich, wie der heimatlose blinde Oedipus zum Tore von Athen, wo ihn der Götterhain empfing; und schöne Seelen ihm begegneten –

    Wie anders ging es mir!

    Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien, in jedem Grad der Übertreibung und der Ärmlichkeit beleidigend für jede gutgeartete Seele, dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes – das, mein Bellarmin! waren meine Tröster.

    Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?

    Ein jeder treibt das Seine, wirst du sagen, und ich sag es auch. Nur muß er es mit ganzer Seele treiben, muß nicht jede Kraft in sich ersticken, wenn sie nicht gerade sich zu seinem Titel paßt, muß nicht mit dieser kargen Angst, buchstäblich heuchlerisch das, was er heißt, nur sein, mit Ernst, mit Liebe muß er das sein, was er ist, so lebt ein Geist in seinem Tun, und ist er in ein Fach gedrückt, wo gar der Geist nicht leben darf, so stoß ers mit Verachtung weg und lerne pflügen! Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –


    Hier wird deutlich, welch eine Revolution Hölderlin in seinem Briefroman fordert, eine Revolution zum Menschlichen.


    Der Tod fürs Vaterland heißt eine Ode Hölderlins. Hier die letzte Strophe:


    Und Siegesboten kommen herab: Die Schlacht
    Ist unser! Lebe droben, o Vaterland,
    Und zähle nicht die Toten! Dir ist,
    Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.


    Dieses Vaterland ist nicht Deutschland, es gibt dieses Vaterland nirgendwo. Es ist keine Beschreibung, sondern ein revolutionäres Ziel. Im alten Griechenland sah es Hölderlin traumhaft verwirklicht. Für dieses Vaterland der Vernunft, der Würde, der Gleichheit und der Schönheit freilich würde nicht Einer zu viel fallen. Nicht für die Nazis, die diese Ode für ihre Verbrechen missbraucht haben.


    Der nun nimmer zögert, der nun
    Länger das Kind nicht ist
    Denn die sich Väter ihm nannten,
    Diebe sind sie,
    Die den Deutschen das Kind
    Aus der Wiege gestohlen
    Und das fromme Herz des Kindes betrogen,


    In diesen Zeilen gegen die Fürsten ist das revolutionäre Ziel Hölderlins auch als Politisches zu erkennen.


    Schiller habe Hölderlin nicht verstanden und ihn nicht gefördert, wird oft behauptet. Zunächst aber hat er ihm eine Existenz verschafft! Denn das evangelische Konsistorium war mit der Einforderung der Stipendiatskosten eine ständige Drohung oder mit der Forderung, sich endlich um eine geistliche Stellung zu bewerben. Die Mutter, die seinen Erbanteil verwahrte, lag ihm pausenlos in den Ohren.


    Schiller empfahl ihn seiner Freundin Charlotte von Kalb als Hauslehrer für ihren zehnjährigen Sohn auf Schloss Waltershausen. Hauslehrer, Hofmeister, wie man das damals nannte, war für viele Stiftsabgänger der letzte Ausweg, nicht Pfarrer zu werden.


    Hölderlin trat die Reise nach Waltershausen an. Auch weil er glaubte, hier Schiller nahe zu sein. Aber es handelte sich weder um Waltershausen bei Jena, wie Hölderlin zunächst glaubte, noch um das bei Gotha, sondern um Waltershausen in der südliche Rhön an der fränkischen Saale.


    Das Schloss Waltershausen, Schloss und Dorf in einer Ansicht der Zeit.


    Charlotte von Kalb (1761-1843)

    Gemälde von Tischbein


    Sie war hier in Schloss Waltershausen als Freiin Marschalk von Ostheim geboren, eine sehr ungewöhnliche intellektuelle Frau, die ihren Anteil am Kulturleben der Zeit forderte und auch bekam. Sie hatte Verbindung zu den literarischen Größen ihrer Zeit, die ihr Urteil suchten. Goethe schätzte sie. Mit Schiller war sie befreundet, fast verlobt. Eine enge Bindung bestand zu Jean Paul. Ihr Mann verspekulierte ihr Vermögen und erschoss sich, auch ihr ältester Sohn, auch den zweiten Sohn musste sie begraben. Schließlich lebte sie völlig verarmt und erblindet in Berlin und seit 182o in einer kleinen Wohnung im Berliner Stadtschloss, wo sie 1843 starb. Ihr literarischer Nachlass wurde erst viel später veröffentlicht.


    Das Grab von Charlotte von Kalb in Berlin Dreifaltigkeitskirchhof


    Schloss Waltershausen heute:


    Als Hölderlin eintraf, war Freifrau von Kalb auf Reisen. Ihr Mann, ein Offizier in französischen Diensten, wusste nicht Bescheid, sein Vorgänger war noch da, peinlich! Dennoch wurde der neue Hauslehrer freundlich aufgenommen.


    Zwei Stunden Unterricht hatte er am Vormittag zu geben, zwei am Nachmittag, die übrige

    Zeit hatte er völlig für sich allein zur Verfügung - eine schöne Natur, Wandern, noch nie in seinem Leben hatte er so viel Zeit zu völlig freier Verfügung gehabt.


    Er nützte sie vor allem für den Roman Hyperion.



    Hier ein Auszug aus dem Archipelagus als Parallele zur Kritik an den Deutschen im Hyperion


    Aber weh! es wandelt in Nacht, es wohnt, wie im Orkus,

    Ohne Göttliches unser Geschlecht. Ans eigene Treiben
    Sind sie geschmiedet allein, und sich in der tosenden Werkstatt
    Höret jeglicher nur und viel arbeiten die Wilden
    Mit gewaltigem Arm, rastlos, doch immer und immer
    Unfruchtbar, wie die Furien, bleibt die Mühe der Armen.


    Fuͤr meines Lebens goldnen Morgen
    Sey Dank, o Pepromene, dir!
    Ein Saitenſpiel und ſuͤße Sorgen
    Und Traͤum' und Thraͤnen gabſt du mir!
    Die Flammen und die Stuͤrme ſchonten
    Mein jugendlich Elyſium,
    Und Ruh' und ſtille Liebe thronten
    In meines Herzens Heiligthum.


    Pepromene ist in der griechischen Mythologie die Göttin des persönlichen Schicksals. Die meisten Zeilen Hölderlins sind hier nur als Auszüge meist umfangreicher Gedichte wiedergegeben. Die zitierten Gedichte sind durch Eingabe weniger Worte im Internet rasch zu finden und vielleicht nachzulesen.


    Tübingen, die Neckarseite


    1788 kam Hölderlin von Maulbronn an das evangelische Stift nach Tübingen. In Maulbronn hatte er, wie man heute sagen würde, das Abitur gemacht. Im Tübinger Stift trat er jetzt das Studium der Theologie an, dessen Ergebnis die Befähigung zum Stand des evangelischen Pfarrers sein würde.


    Das Tübinger Stift


    Bis zur Reformation war der Baukomplex ein Kloster der Augustinereremiten gewesen, denen auch Martin Luther angehört hatte. Der Chor der ehemaligen Klosterkirche ist gut zu erkennen.


    Das Wort Stift stammt vom lateinischen Wort Stipendium. Und als Stipendiaten waren die Studenten von allen Kosten befreit: Wohnung, Verpflegung, Ausrüstung. Freilich nur wenn sie Pfarrer wurden, sonst musste alles nachbezahlt werden.


    Die Stadt Tübingen hat ihren Flair bis heute bewahrt. Freilich erinnert die Enge der Stadt auch an die Enge des Stifts.



    Die enge Altstadt mit ihren spitzen Giebeln und Dächern. Eng und hochgeschossig hier am Berg und breiter, aber immer noch kleinteilig in der Unterstadt um die Ammer, einem kleinen Bach. In der Bildmitte liegt der reizvolle Marktplatz, links geht es hinunter in die einst bäuerlich geprägte Unterstadt um die Ammer, rechts kommt die Neckarseite.Eigentlich sind fast alle Häuser aus Fachwerk, aber man hat sich wohl in den Siebzigern entschieden, nur an wenigen hervorragenden Gebäuden das Fachwerk freizulegen, ansonsten den Zustand der verputzten Fassaden des späten 18. und 19. Jhdt. zu bewahren.


    Hier ein Fachwerkblick:


    Die Regeln im Stift waren sehr eng und sehr streng, dem künftigen Pfarrberuf angemessen. Die Kontrolle aber war großzügiger als der dahinterstehende Geist. Und bei aller Enge und Strenge in Denkendorf, Maulbronn und jetzt in Tübingen: Die geistige Bildung war vorzüglich, auch in Vielfalt, Tiefe und Hinführung zur Selbständigkeit des Denkens. Die Vielzahl Dutzender hervorragender und bedeutender Männer, die aus dem Stift hervorgegangen sind, beweist das. Hölderlin hätte kaum eine fruchtbarere Bildungsstätte finden können. Vergleichbar mit Schiller in der Hohen Karlsschule in Stuttgart mit ihrer legendären Strenge.


    Bei Goethe ist zu lesen:

    So ist’s mit aller Bildung auch beschaffen:

    Vergebens werden ungebundne Geister

    Nach der Vollendung reiner Höhe streben


    Wer Großes will, muss sich zusammenraffen

    In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

    Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.


    Womit weder Prügelei oder geistiger Gängelung oder Unterdrückung das Wort geredet ist.


    Das Kircheninnere der Stiftskirche in Tübingen mit dem schönen Lettner:


    Und noch einen Blick zum Schloss, einst Landesfestung


    Man sieht auch die schöne Umgebung: hier den Schönbuch; und die Schwäbische Alb ist nicht weit - Wandern war für Hölderlin Leben.


    Also sagt ich und jetzt kehr ich an den Rhein, in die Heimat,
    Zärtlich, wie vormals, wehn Lüfte der Jugend mich an;
    Und das strebende Herz besänftigen mir die vertrauten
    Offnen Bäume, die einst mich in den Armen gewiegt,
    Und das heilige Grün, der Zeuge des seligen, tiefen
    Lebens der Welt, es erfrischt, wandelt zum Jüngling mich um.
    Alt bin ich geworden indes, mich bleichte der Eispol,
    Und im Feuer des Süds fielen die Locken mir aus.
    Aber wenn einer auch am letzten der sterblichen Tage,
    Fernher kommend und müd bis in die Seele, noch jetzt
    Wiedersähe dies Land, noch einmal müßte die Wang ihm
    Blühn, und erloschen fast glänzte sein Auge noch auf.
    Seliges Tal des Rheins! kein Hügel ist ohne den Weinstock,
    Und mit der Traube Laub Mauer und Garten bekränzt,
    Und des heiligen Tranks sind voll im Strome die Schiffe,
    Städt' und Inseln, sie sind trunken von Weinen und Obst.
    Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus,
    Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie das Haupt.


    Hölderlin erhielt zwei Zimmergenossen, und die drei machten eine kleine Kammer im Stift zur größten Geistes-Konzentration aller Zeiten, wie gesagt wird.


    Der eine war Hölderlins jüngerer Mitschüler in der Nürtinger Lateinschule gewesen: Friedrich Schelling, geboren in Leonberg. Er war erst fünfzehn, als er nun Zimmergenosse des fünf Jahre älteren Hölderlin wurde, und hatte die Schulen in Denkendorf und Maulbronn überspringen dürfen. Mit siebzehn war er bereits Magister und mit dreiundzwanzig Professor in Jena.


    Der andere war Friedrich Hegel aus Stuttgart, immer Jahrgangsbester und ebenfalls rasch befreundet mit Hölderlin.


    Die drei waren miteinander verwandt, worüber mehr zu lesen ist im Strang über das Hornmoldhaus.


    Die beiden zählen heute zu den bedeutendsten Philosophen Deutschlands und der Welt.


    Schelling ist Hauptvertreter des deutschen Idealismus, richtungsweisend durch seine Philosophie des Unbewussten hin auf die künftige Tiefenpsychologie. Auch richtungsweisend für die Romantik.


    Kaum ein Philosoph dürfte, obwohl indirekt, größeren Einfluss auf die Weltgeschichte ausgeübt haben als Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Seine dialektische Erklärung des Ganges der Geschichte wurde von Karl Marx umgedreht zum dialektischen Materialismus, Kern des Marxismus. Wenn Hegel auch, wie Marx das ausdrückte, von ihm vom Kopf auf die Beine gestellt worden sei, so hat Marx doch die ganze Grundstruktur der hegelianischen Geschichtsphilosophie übernommen.


    Und Hölderlin? Er wollte Dichter sein!


    Das Stift vermittelte ihm die Mythen der griechischen Antike. In der Vermittlung des demokratischem Geists stellte sich für Hölderlin eine Lebensaufgabe, womit für ihn als Voraussetzung persönliches Bewusstsein aller Menschen für das Wesentliche verbunden war - eine Utopie. Gemeinsam mit den Zimmergenossen hatte er die intensive Beschäftigung mit Kant und dazu mit dem großen jüdischen Philosophen Spinoza, aus dessen Lehre er wie Goethe für sich den Pantheismus entnahm, der Hölderlins Werk prägt.


    Das große Ereignis in der Zeit des Stifts war der Ausbruch der französischen Revolution 1789, ein Jahr nach Beginn des Studiums. Die Freunde wurden zu Revolutionären. Die Sehnsucht nach Griechenland verschmolz mit der Sehnsucht nach Freiheit. Der Fortgang in Frankreich wurde glühend verfolgt, ein Freiheitsbaum wurde gepflanzt. Und von oben kamen besorgte Mahnungen und Verbote. Aber sie konnten das Denken der drei nicht mehr erreichen.


    Hölderlin begann die Pläne zu einem Roman über die damals einsetzenden Freiheitskämpfe der Griechen gegen die Osmanen: Hyperion oder der Eremit in Griechenland. Dieser Roman sollte ihm den Durchbruch verschaffen, so hoffte er. Schiller, von dem man wusste, dass ihn die Franzosen zum Ehrenbürger der Revolution gemacht hatten, stieg im Bewusstsein Hölderlins immer höher: Schiller sollte ihm helfen, Dichter zu werden und auch dazu, davon leben zu können.


    Denn Hölderlin war bettelarm: Die Mutter, besorgt um seine Karriere als Pfarrer, zahlte ihm den Pflichtteil seines beträchtlichen Erbes nicht aus, damit er von ihr abhängig blieb. Und wir erinnern uns: Wurde er nicht Pfarrer, so musste er das Stipendium seiner gesamten Ausbildung zurückzahlen!


    Über allem stand die große Sehnsucht nach Griechenland als Hort menschlicher Selbstverwirklichung. Das galt für ihn auch für die Deutschen und beherrscht sein Werk.

    Der Poseidontempel auf dem Kap Sounion:


    Wo bist du ? trunken dämmert die Seele mir

    Von aller deiner Wonne; denn eben ists,

    Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne

    Voll, der entzückende Sonnenjüngling


    Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt';

    Es tönten rings die Wälder und Hügel nach.

    Doch fern ist er zu frommen Völkern,

    Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

    Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!

    Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,

    Daß williger mein Herz, vom süßen

    Spiele gesättiget, dann mir sterbe.


    Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht

    Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;

    Doch ist mir einst das Heilge, das am

    Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,


    Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!

    Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel

    Mich nicht hinab geleitet; Einmal

    Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.


    Das ehemalige Zisterzienser Kloster Maulbronn.


    Dass es einmal Weltkulturerbe werden sollte, davon konnte Hölderlin nichts wissen. Aber sein Leben wurde in diesem Kloster freier als in Denkendorf: Nur noch neunzehn Lehrstunden in der Woche waren Pflicht. Die übrige Zeit sollte mit Selbststudium genützt werden.


    Die Brunnenkapelle.


    Ob der unglaublich schöne Brunnen zur Zeit Hölderlins noch lief, weiß ich nicht. Heute füllt er den Kreuzgang wieder mit seinem immerwährenden melodischen Gesang. Johannes Kepler, der große Astronom hörte ihn wohl noch, als er wie Hölderlin, aber zweihundert Jahre vor ihm hier Schüler war, und später Hermann Hesse, der den Zwang der Schule nicht aushielt und davon lief.



    Den Magnolienbaum im Hof hatte es zur Zeit Hölderlins sicher noch nicht gegeben.


    Die alten Klosterräume und der Kreuzgang, vor allem im Winter kalt, dunkel und feucht, mussten sich auf den jungen Mann düster und bedrängend auswirken. Aber die Liebe blühte auf: Louise Nast hieß die Tochter des Klosterverwalters, mit der er sich in allen möglichen Winkeln der alten Gemäuer und in den weitläufigen Klostergärten traf.


    Das Herrenrefektorium.


    Das Leben Hölderlins wurde offener: Das Selbststudium wurde kaum kontrolliert, die Zöglinge konnten lesen, was sie wollten - die Hauptsorge war die Beschaffung. Hölderlin entdeckte den Sturm und Drang und vor allem Schiller. Ihm eiferte er nach, und ihm wurde immer klarer: Er wollte Dichter werden.



    Hu! Der Kauz, wie er heult,

    Wie sein Furchtgeschrei krächt

    Erwürgen - ha! du hungerst nach erwürgtem Aas

    Du naher Würger komme, komme.


    Aus einem der wenigen erhaltenen Gedichte dieser Zeit; es ist ganz im Stil der Räuber von Schiller. Er hat sich dann rasch von diesem gefühlsbetonten Stil entfernt. Aber Schiller wurde sein Idol.


    Deshalb reiste er Schiller von Maulbronn aus gewissermaßen nach und wanderte nach Mannheim, wohin Schiller nur wenige Jahre zuvor 1782 von Stuttgart aus vor seinem Herzog Carl Eugen geflohen war. Hölderlin übernachtete bewusst im selben Gasthof wie Schiller in Oggersheim im Gasthof zum Viehhof, der heute noch als Schillerhaus das Andenken an Schillers Flucht wahrt.


    Schiller hatte hier zur Tarnung als Dr. Schmidt mehrere Wochen lang gewohnt. Damals noch fast aktuell und für einen jungen Mann abenteuerlich.


    Von hier aus wanderte Hölderlin nach Heidelberg. Über Stadt und Schloss schrieb er später eines seiner für mich schönsten Gedichte:


    Heidelberg

    Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
    Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
    Du, der Vaterlandsstädte
    Ländlichschönste, so viel ich sah.

    Wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt,
    Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
    Leicht und kräftig die Brücke,
    Die von Wagen und Menschen tönt.

    Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
    Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
    Und herein in die Berge
    Mir die reizende Ferne schien

    Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
    Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
    Liebend unterzugehen,
    In die Fluten der Zeit sich wirft.

    Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
    Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
    All' ihm nach, und es bebte
    Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

    Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
    Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
    Von den Wettern zerrissen;
    Doch die ewige Sonne goß

    Ihr verjüngendes Licht über das alternde
    Riesenbild, und umher grünte lebendiger
    Efeu; freundliche Bilder
    Rauschten über die Burg herab.

    Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
    an den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold,
    Deine fröhlichen Gassen
    Unter duftenden Gärten ruhn.




    Die Mutter hatte ihn zum Pfarrerberuf bestimmt. Von seinem Wunsch, Dichter zu werden, konnte er zu ihr nicht einmal reden.

    1788 war seine Schulzeit beendet, und er wechselte in das Tübinger Stift, der Ausbildungsort des evangelischen Pfarrernachwuchses im Herzogtum Württemberg. zuvor trennte er sich von seiner ersten Liebe Louise Nast.


    Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll

    seit ich liebe? Warum achtetet ihr mich mehr,

    da ich stolzer und wilder,

    wortereicher und leerer war?

    Einig zu sein ist göttlich und gut; woher ist die Sucht denn

    Unter den Menschen, dass nur Einer und Eines nur sei?


    Das Kloster Denkendorf wurde als Chorherrenstift im 12. Jhdt. anstelle einer dem Heiligen Pelagius geweihten Pfarrkirche errichtet, von der noch der Westturm des Klosters stammt. Die Weihe an den Heiligen Pelagius blieb. Die romanische Klosterkirche blieb im Wesentlichen erhalten, versehen mit gotischen Seitenschiffen. Nach der Reformation wurde das Kloster mit Unterbrechungen Landseminar und blieb es bis 1810, danach diente die Anlage mehreren Zwecken, unter Anderem als Senffabrik. 1972 wurde eine Fortbildungsstätte der evangelischen Kirche eingerichtet. Heute wird es zu einer Altenpflege umgebaut.


    Das Kloster ist sehr schön gelegen, an der Oberen Hangkante der westlichen Fildern zum Neckar hinab Richtung Esslingen. Die Fildern sind eine kleine Hochebene südlich von Stuttgart. Im Süden grüßt ganz nah die Schwäbische Alb wie eine gläserne Mauer, so beschreibt das Mörike.



    Mit vierzehn Jahren begann für Hölderlin, nachdem er das Landexamen bestanden hatte, die Ausbildung zum Pfarrberuf im Landseminar des jetzt evangelischen Klosters Denkendorf, nur sieben Kilometer von Nürtingen entfernt.


    Das Leben dort war unsagbar streng geregelt: Es setzte den Tagesablauf der ehemaligen Mönche fort. Mit Sonnenaufgang begann der Tag, und mit Sonnenuntergang war er zu Ende. In der Zeit dazwischen war kaum freie Zeit. Für Hölderlin, der die Freiheit und das Wandern liebte, eine schlimme Zeit!


    Er war jetzt in einem Alter, in dem der eigene Wille sich festigt, die Wertmaßstäbe sich weiter und weiter konsolidieren. Aber der Wille wurde eher gebrochen, Werte nicht diskutiert.


    Der noch kindlich anmutende Hölderlin aus seiner Schulzeit.

    Ein neuer innerer Mensch sollte herangezogen werden. Bindungen nach außen, wie alle Vergnügungen galten als „weltlich“.



    Die romanische Klosterkirche. Mehrere Gottesdienstbesuche am Tag waren erwünscht.


    Hölderlin flüchtet in seine geistige Welt: Tausend Entwürfe zu Gedichten beschäftigen ihn, schreibt er 1784 aus Denkendorf. Er sucht darin nach Übereinstimmung mit der Natur - nicht unbedingt das Ziel seiner pietistischen Lehrer.


    Aus der Welt, wo tolle Thoren spotten,

    Um leere Schattenbilder sich bemühn,

    Flieht der zu euch, der nicht das schimmernde Getümmel,

    Der eitlen Welt, nein! nur die Tugend liebt.


    Das klingt gut pietistisch, aber der Gegensatz der schimmernden Welt ist bei dem fünfzehn- oder sechzehnjährigen Jungen In Wirklichkeit die freie Natur.



    Die Farbigkeit des Obergadens konnte Hölderlin noch nicht erleben. Sie wurde erst in neuerer Zeit wiedergewonnen - sie erinnert mich an den Dom in Limburg an der Lahn.


    Als Gegensatz zum Kloster sei hier die Kirche und das evangelische Pfarrhaus seines Großvaters mütterlicherseits, des Pfarrers Heyn, im idyllischen Cleebronn gezeigt, wenige Kilometer von Lauffen entfernt:


    Über die Familie Heyn ist Hölderlin Teil der weitverzweigten Familie Bardili und damit der meisten schwäbischen Geistesgrößen, wie wir noch sehen werden.


    Nach zwei Jahren in Denkendorf und bestandenem zweiten Landesexamens - er war sechster von 29 Schülern, wechselte die Schule nach Maulbronn.


    Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit.

    Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ists,

    Nun schlafe, wo unendlich ferne

    Ziehen vorüber der Völker Jahre.

    Zur Erinnerung an Lauffen noch zweimal der Neckar:

    Südlich von Lauffen Richtung Kirchheim


    Und hier noch ein Altarm:




    An die Deutschen


    Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsch und Sporn

    Auf dem Rosse von Holz mutig und groß sich dünkt,

    Denn, ihr Deutschen, auch ihr seid

    Tatenarm und gedankenvoll.


    Der Schweizerhof in Nürtingen an der Neckarsteige war das Wohnhaus der Familie Gok ab 1774, bis Hölderlins Mutter 1798 auszog. Für Hölderlin war es das Haus der Mutter, der Stiefvater war ja schon 1779 gestorben. Hierher kam er immer wieder zurück, wenn er von den Erschütterungen seines Lebens Ruhe und Beständigkeit suchte. Man kann sagen, dass dieses Haus der Ruhepunkt der ersten Hälfte seines Lebens war. Somit ist der Schweizerhof zweifellos zusammen mit dem neuentdeckten mutmaßlichen Geburtshaus die wichtigste Hölderlin-Gedenkstädte.



    2007 wurde sein Abbruch beschlossen.


    Schon seit Beginn des 20. Jhdt. war die Bedeutung des Gebäudes bekannt. Dennoch war es später Schule, Kindergarten, Suppenküche, Lehrerseminar, Volkshochschule und noch mancherlei anderes. Und jeder Zweck war mit baulichen Veränderungen verbunden! Das Landesdenkmalamt weigert sich wegen fehlender Originalsubstanz bis heute, dem Haus der Mutter Hölderlins und erklärten Heimat des Dichters Denkmalstatus zu verleihen, nachdem es vorübergehend sogar zum Denkmal des Monats erklärt worden war!


    Dennoch will die Stadt das Haus nun als Gedenkstätte erhalten, es zu diesem Zweck aber entkernen, ein Haus im Haus errichten und nur geringste Originalteile wie z.B. den originalen Keller erhalten. Seit Jahren ein riesiges Hickhack. Der Hölderlin-Verein konnte nachweisen, dass immerhin 40% der Originalsubstanz erhalten ist, und setzte, um die Entkernung zu verhindern vergeblich auf das Landesdenkmalamt.


    Zugeständnisse des Architekten, doch sensibler mit der Originalsubstanz umzugehen, wurden wohl erreicht, mehr nicht.


    Die beginnende Baustelle:


    Ich meine, dass sich anhand der umfangreichen Originalreste idealerweise eine Rekonstruktion des Gebäudezustands der Hölderlinzeit erarbeiten und errichten ließe. So denkt wohl auch der Verein. Hölderlin und die Heilung der Stadt an dieser Stelle wären das wert!


    Aber das Haus wird entkernt und erhält sogar noch eine Aufstockung.


    Hier noch einmal Nürtingen mit Originalsubstanz:




    Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,

    Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;

    An das Göttliche glauben

    Die allein, die es selber sind.

    Verehrte sichre Grenzen, der Mutter Haus

    Und liebender Geschwister Umarmungen

    Begrüß ich bald und ihr umschließt mich,

    Daß, wie in Banden, das Herz mir heile


    Wir haben nun das Haus gesehen, in dem er nach allem Erwägen wohl geboren ist.


    Hier sind nun die Eltern:

    Zuerst der Vater, der als erster gestorben ist:


    Der Klosterverwalter von Lauffen am Neckar:


    Heinrich Friedrich Hölderlin lebte von 1736 bis 1772 in Lauffen, eine ortsansässige Familie, sein Titel war Klosterhofmeister. Als solcher gehörte er zur Ehrbarkeit der Stadt, also zu den Familien, aus denen man in die wichtigsten Ämter der Stadt aufsteigen konnte.

    Die Tracht seiner Kleidung und seiner Frisur zeigen das deutlich.


    Die Mutter Johanna Christina


    Johanna Christina geb. Heyn, verwitwete Hölderin, wiederverheiratete Gok war die Mutter des Dichters. Sie lebte von 1748 bis 1828, geboren in Frauenzimmern, gest. in Nürtingen, wohin sie mit ihren Kindern zwei Jahre nach dem Tod des ersten Mannes gezogen war,.


    Auch ihrer reichen Kleidung sieht man die Zugehörigkeit zu den führenden bürgerlichen Familien an. Ihr zweiter Mann Christoph Gok, Friedrich Hölderlins Stiefvater, ein einfühlsamer, war einer der Bürgermeister von Nürtingen. Freilich wurde sie bereits 1779 wieder Witwe, Hölderlin war da neun Jahre alt und hatte bereits den Vater und den Stiefvater verloren.


    Friedrich wurde von ihr zum Pfarrerberuf bestimmt, wie es ihrer Herkunft aus einem evangelischen Pfarrhaus entsprach, ihr Vater war Pfarrer in Cleebronn.


    Dazu war im Herzogtum Württemberg das Landexamen nötig - eine landesweite Prüfung in den Fächern Deutsch, Latein, Mathematik und Musik. Wer diese Prüfung bestand, besuchte eines der Landseminare und dann das Tübinger Stift, wo er zum Pfarrer ausgebildet wurde - alles auf Kosten des Landes. So hatte das Herzogtum nach der Reformation für seinen Pfarrer -Nachwuchs gesorgt. Nachzulesen im Strang zum Hornmoldhaus.


    Hölderlin besuchte also die Lateinschule in Nürtingen:


    Er besuchte die Schule 1775 bis 1784, sein Mitschüler war Friedrich Schelling. Wir werden Schelling, dem künftigen großen Philosophen im Tübinger Stift auf der Stube des Dichters wieder begegnen.


    Ein Blick auf die neue Heimatstadt Hölderlins Nürtingen:


    Der Blick über den Neckar hinweg zeigt die Altstadt mit der Laurentiuskirche. Die Altstadt war im 18.Jhdt. von einem Großbrand betroffen, ist aber immer noch stimmungsvoll und hat reizvolle Partien und Häuser. Nürtingen wirkt städtischer als das unbedeutendere und dörflichere Lauffen.


    Der Salemer Hof

    Foto Städte-fotos, alle anderen Wikipedia


    Der Blockturm


    Nürtingen war einst von einem dreifachen Mauerring umgeben!


    Er umschloss auch den „Schweizerhof“, sein neues Elternhaus.


    Du stiller Ort! in Träumen erschienst du fern

    Nach hoffnungslosen Tagen dem Sehnenden,

    Und du mein Haus, und ihr Gespielen,

    Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten!

    Da ich ein Knabe war,

    Rettet‘ ein Gott mich oft

    Vom Geschrei und der Rute der Menschen,

    Da spielt ich sicher und gut

    Mit den Blumen des Hains,

    Und die Lüftchen des Himmels

    Spielten mit mir


    In den Armen der Götter wuchs ich groß.


    Wo aber ist Friedrich Hölderlin geboren?

    Das Kloster ist abgerissen mit der Dienstwohnung des Klosterverwalters, und so blieb Hölderlin über hundert Jahre nur ein Schild im leeren Klosterhof: Hier sei er geboren.



    Erst 1970 bekam plötzlich die Frage nach dem Geburtshaus neue Nahrung. Im Stadtarchiv von Lauffen fand sich ein weiteres Haus der Familie in Lauffen. Hölderlins Großvater hatte es 1750 gebaut. Nur wenige Schritte vom Kloster entfernt steht es noch, Nordheimer Straße 5, kaum verändert, im Wesentlichen die Grundrisse des 18. Jhdt. bewahrt!


    Vor einigen Jahren erwarb es die Stadt und erst jetzt drang das Haus richtig ins Bewusstsein der Wissenschaft.


    Von außen viele Jahre wenig gefällig:


    Grässlich die Betongarage, wohl der Sechziger oder Siebziger. Aber das Wohnhaus verrät noch ganz das barocke Bürgerhaus, edel mit dem großen Zwerchgiebel über der Mitte mit der wohl originalen doppelläufigen Eingangstreppe. Bei längerem Betrachten ein wohlproportioniertes, gefälliges und doch stattliches Gebäude.


    Zwei Häuser der Familie in Lauffen, was heißt das?


    Zunächst ist festzuhalten: Das Haus des Klosterverwalters war eine Dienstwohnung! Freilich zur Zeit der Geburt des Dichters 1770 die ständige Wohnung der Familie. Im zweiten Haus, das wurde rasch herausgefunden, wohnten zwei Tanten Hölderlins. Das Weitere liegt auf der Hand: Eine Geburt war im 18. Jhdt. ausschließlich Frauensache - kein Mann durfte dabei anwesend sein! Die Geburt von Friedrich Hölderlin in der Dienstwohnung des Klosterverwalters? Wenn nur wenige Schritte entfernt ein eigenes Haus stand, mit zwei Frauen der Familie, die helfen konnten?


    Jede Wahrscheinlichkeit spricht für das Haus im Familieneigentum!


    Und damit hätte unser Dichter sein Geburtshaus zurück. Zwar fehlt ein urkundlicher Beleg, denn die Bürokratie verzeichnete natürlich den ständigen Wohnsitz der Familie im Kloster als Haus der Geburt. Wer konnte denn ahnen, dass die Suche eines Tages dem Ort eines Dichters von Weltrang galt!


    So kann das Haus heute als Geburtshaus gelten, obwohl man es ganz korrekt als „Hölderlinhaus“ bezeichnet.


    Hier ist es nun, fast fertig restauriert:


    Das Hölderlinhaus wird ein Hölderlinmuseum mit viel Originalsubstanz. Die hässliche Garage ist entfernt, die Scheunendurchfahrt mit originalem Tor führt in einen rückwärtigen Museumsteil. Auch die Haustüre könnte noch, so meine ich, aus der Zeit stammen.


    Eigentlich sollte das Museum zum 250. Geburtstag eingeweiht werden. Aber Virus hat das verhindert.



    Und Hölderlin?

    Als er zwei Jahre alt war, starb sein Vater, und die Familie musste die Dienstwohnung im Kloster räumen. Sie zog die paar Schritte weiter und lebte noch zwei Jahre bis zum 4. Lebensjahr des Dichters in diesem Haus. Auf den alten Treppen und Stufen zwischen Stuben, Kammern und Dachgeschoss ist er herumgetollt und hat hier seine frühe Kindheit verbracht.


    So wird es aussehen das neue Museum:

    Es gelten die Farben, die auf den Bildern oben zu sehen sind. Über die ehemalige Garage lässt sich streiten. Eine Verbesserung gegenüber der Betongarage ist der neue Anbau in jedem Fall.


    In seinem vierten Lebensjahr heiratete die Mutter wieder, und die Familie zog nach Nürtingen am Neckar.


    Ihr teuern Ufer, die mich erzogen einst,

    Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,

    Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich

    Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

    Du meine Güte was hat man diesen armen Fachwerkhäusern in der Nachkriegszeit angetan?

    Die Sonne und das Fachwerkhaus beim Kloster finde ich eigentlich gelungen - freilich kenne ich die Befunde nicht. Das Erkerhaus erscheint mir insgesamt original, die Fenster sind, modernistisch oder zum Teil künstlich historisierend, wirklich abschreckend. Das Fachwerkgefüge dieses auffallenden Gebäudes müsste man halt im Befund kennen, im oberen Bereich wirkt das Gebälk recht dünn.


    Aber immerhin die schönen Gebäude sind noch da und können jederzeit angemessen restauriert werden, so weit das nötig ist.