Posts by Bentele

    Auch das häufig wegen seiner einseitigen Ausrichtung umstrittene Goethe-Institut trägt über seinen italienischen (=dolce vita)-Ableger zur internationalen Weiterbildung über die bauliche Gestaltung des Humboldt-Forums bei

    Warum kann denn kaum einer von hunderten, die über die Rekonstruktion des Schlosses schreiben, in welchem Organ auch immer, das Gebäude einfach als wiedergewonnenes Kunstwerk wahrnehmen? Da sind immer zuerst die Hohenzollern, deren Wiederkommen angeblich ersehnt werde oder denen man wieder Glanz verleihen möchte. Die über vierzigtausend Spender, dabei viele aus dem Ausland, haben aus keinem dieser Gründe gespendet - von einer sicher winzigen Menge kurioser Sonderlinge abgesehen, die es immer gibt.


    Viele Berliner und auch andere Spender aus Deutschland haben auch wegen der Heilung ihrer Stadt oder Hauptstadt gespendet. Immerhin würdigt das Goethe-Institut wenigstens dieses Motiv, schon fast eine Rarität.


    Für mich ist das Schloss zuerst ein bauliches Kunstwerk von Weltrang, das Deutschland und der Welt wiedergeschenkt worden ist. Und dann ist es neben der Heilung der Stadt ein wiedergewonnenes Zeugnis unserer Geschichte, positiv und negativ. Eine historische Stimme in dem historischen Akkord der Stadt - eine gut vernehmbare und klare Stimme von zentralem Klang und überragender Bedeutung.


    Für die Welt aber, denke ich, ist die Rekonstruktion des Schlosses vor oder neben der auch für andere Nationen wichtigen historischen Dimension ein jetzt endlich wieder erlebbares Kunstwerk!

    Noch einmal das Gemälde Ballsouper von Adolf Menzel 1878:

    Der Glanz und Schimmer dieses Bildes, das den Rahmen eines Hoffestes so wunderbar schildert, liegt über einer tieferen Ebene. Verwunderlich ist schon, dass Menzel nicht den Hofball selbst darstellt, mit der Anmut der Tänzer, dem Glanz der Roben, dem Schwung der Bewegungen.

    Nein, er hat eine Ballpause oder die Zeit gegen Schluss des Festes dargestellt: auch lange Zeit nach dem Kommando „Das Büffet ist eröffnet!“ Die Gesellschaft wird nicht beim Tanz, sondern beim Essen beobachtet.


    Und diese Tätigkeit ist höchst hinderlich und bar jeder Eleganz:


    Die Linke Bildseite: Der zentrale Herr, ein ranghoher Militär, hat ganz protokollwidrig seine Kopfbedeckung zwischen die Knie geklemmt, um die Hände zum Essen frei zu haben. Die beiden Herren rechts neben ihm, einer hochdekoriert, scheinen in verkrampfter Haltung mehr Konzentration auf den Vorgang des Essens und der notwendigen Balance legen zu müssen als sie es auf das Gespräch können. Zwei Herren dahinter scheinen aus dem Bild zu blicken, der eine sehr scharf durch ein Monokel - eine Karikatur wie der Herr neben ihm.



    Die rechte Bildseite beherrscht die Damenwelt in eleganten, schimmernden und prächtigen Seidenroben. Die Eleganz aber wird sehr gestört durch die Teller auf den kostbaren Stoffen, das Nippen an den Gläsern als Balanceakt. Die hier zentrale Dame in hellblauer Garderobe, die sich einer Gruppe links von ihr zuwendet, die anmutigste Gestalt des Bildes, wird von ihrem Begleiter höchst ungalant fast grob am Arm nach rechts gezogen. Die Gesichter der Damen im Vordergrund erscheinen höchst unvorteilhaft verkniffen.


    Und über allem der Glanz des Hoffestes und die impressionistisch erahnte Pracht der Ausstattung des Schlosses. Menzel zeigt den preußischen Königshof nicht nur in dem Glanz, in dem er erscheinen möchte. Er analysiert ihn bis fast hin zur Karikatur. Er holt diese Damen und Herren aus der Wolke des Scheins und zeigt sie als Menschen.


    Dabei nimmt er ihnen bei aller Lächerlichkeit, die sich im Detail entpuppt, nicht die Würde: Er zeigt sie in einer menschlichen Situation des Essens und Trinkens, auch des Flirts und der Eifersucht, wenn man die Damen ganz rechts und ihre Galane genau beobachtet. Menzel, nur 1,40 m groß, hatte Zugang zum Hof und bekam mit dem Schwarzen-Adler-Orden den persönlichen Adel, bezeichnete seine Auszeichnungen aber als Kladderadatsch.


    Sein Ballsouper zeigt uns den preußischen Hof im Glanz seiner Geschichte durch die erfundene und doch so treffsichere Wirkung der Festräume des Schlosses - füllt diese aber mit Menschen, deren Schwächen gegenwärtig gemacht werden, ohne sie zu verletzen. Wir können uns eingliedern in dieses Leben im Schloss.

    Dieses Bild habe ich vor wenigen Wochen erstanden.

    Richard Duschek: Berliner Schloss 1922:



    Richard Duschek (1884 - 1959) galt in Deutschland als einer der der besten Pressezeichner der zwanziger und dreißiger Jahre. Entsprechend sucht das Aquarell, unterstützt von Feder und Bleistift mehr die Realität als die Stimmung, an der es dem Bild durch eine gewisse Orientierung am Impressionismus dennoch keineswegs fehlt. Besonders eindrucksvoll finde ich die Darstellung des Verkehrs zwischen der bewachsenen Mauer zum Kupfergraben und dem Schloss.


    Duschek ist in Neugarten Nordböhmen geboren, nicht weit entfernt von Zittau und hat sich auch als Landschaftsmaler einen Namen gemacht. Er hatte seine Wohnung und sein Atelier in Charlottenburg, wo er unter Verlust einiger seiner bedeutendsten Bilder ausgebombt wurde. Von da an lebte er im württembergischen Besigheim, dem Heimatort seiner Frau.


    Mein Vater war mit ihm befreundet, und so habe ich ihn schon als kleines Kind kennengelernt. Er war sehr humorvoll und meist zu Späßen aufgelegt und kam bei uns Kindern immer gut an. Er war wohl der erste, der mir vom Berliner Schloss erzählt hat.


    Richard Duschek war der einzige Pressezeichner, der am „Tag von Potsdam“ 1933 in der Garnisonkirche zugelassen war. Sein durch grelle Überbetonung der braunen Uniformen und der Hakenkreuze aufschlussreich kritisches Aquarell wurde von keiner Zeitung übernommen. Er hat es uns oft gezeigt und von dem Tag der Nazis erzählt, die er immer gehasst hat. Er war kleingewachsen und hatte so gar nichts Heldisches oder Germanisches an sich. Auch passte seine kritische und berlinerisch-schnoddrige Art überhaupt nicht zu den Nazis.


    Sein weiteres Werk hat vor allem expressionistische Einflüsse. Natürlich kann sich das Bild nicht mit Lovis Corinth oder Liebermann messen. Ich halte es in der Art, wie er das Schloss in die Zeit des Künstlers stellt, dennoch für ein Juwel.

    „Das wilhelminische Mosaik beinhaltet neben Schmuckelementen zu weiten Teilen eine Huldigung des Kaiserhauses der Hohenzollern, die sich in der Darstellung des Monogramms Kaiser Wilhelms und der Kaiserkrone widerspiegelt“, (…) „warum eine Sichtbarmachung des Mosaiks auf dem Denkmalsockel mit dem Projekt Freiheits- und Einheitsdenkmal unvereinbar ist“.


    Ganz in der Nähe steht das Staatsratsgebäude der DDR, in dem Schießbefehl und Mauerbau beschlossen wurden, von wo aus die Überwachung von Millionen Menschen ausging, hinein bis in privateste Bereiche.


    Man hat dieses höchst kontaminierte Gebäude dennoch zu Recht stehen lassen: Denkmale sind Zeugen ihres Zeitgeistes und als solche unersetzbar. Es ist falsch, hier Unterschiede zu machen. Der Geist von Monarchie und Feudalismus ist meiner Ansicht nach, aus ihrer Zeit verstanden, kaum oder sehr viel weniger unmenschlich als die Diktatur des Sozialismus. Die Überreste beider aber müssen als Zeugen toleriert werden: Beide sind unsere Geschichte.


    So schmerzhaft auch gerade das Staatsratsgebäude durch rücksichtslosen Einbruch in historische Bausubstanz und gewachsene Stadtstrukturen Geschichtslosigkeit geschaffen hat: z.B. Abbruch der aufbaufähigen Ruine des Wohnhauses von Andreas Schlüter, Abschneiden der Mitte vom Zentrum Cöllns.


    Der Schwung der Skulpturen am Großen Risaliten im Schlüterhof nach dem schönen Bild von Seinsheim, das man vielleicht im entsprechenden Strang zum vergleichenden Betrachten vergrößert aufsuchen sollte.


    Acht Figuren Schlüters, jede über drei Meter groß, viele als Kopien der noch original erhaltenen, erheben sich im Schlüterhof auf ihren Postamenten am sog. Portal VI, dem Großen Risaliten, davon sechs frontal zum Hof, und zwei, die Pax, die Allegorie des Friedens, und die Borussia mit den königlichen Insignien, die Allegorie Preußens, auf den Schmalseiten links und rechts der Hauptfassade des Risaliten. Fast zierlich wirken die mächtigen Figuren vor der feingegliederten Fassade.


    Diese lebendige Wirkung will ich untersuchen.


    Wir schreiten, den Blick auf die Figuren vom Pflaster des Hofes aus gerichtet, Schritt für Schritt und beginnen am Innenportal I, so wie sie jeder Besucher zweihundertfünfzig Jahre lang hat erleben können, wenn er das Portal I, als Hauptzugang benützte.


    Mit erhobener Hand begrüßt ihn als erste Figur Pax, der Friede, an der seitlichen Schmalfläche ihm ganz zugewandt. Die erste der sechs zentralen Skulpturen ist der Götterbote Hermes. Er zeigt sich mit ebenfalls erhobenem Arm in einer eigenartig spiralförmigen, sehr barocken Bewegung und mit leicht geneigten Kopf vom Betrachter aus nach links hin zu den weiteren Figuren. Damit leitet seine Bewegung von Pax graziös hinüber zu den anderen Göttern und Helden: Er ist der Götterbote, der hier den Frieden vermittelt.


    Er scheint hinüber zu Herakles zu tänzeln, dem Halbgott mit Löwenfell und Keule. Dieser ist hoch aufgerichtet, sein Gewicht ruht ganz auf seinem rechten Bein, sein linkes Bein scheint Schwung zu nehmen, um den Körper kraftvoll nach rechts zu drehen - vom Betrachter aus nach links - in Richtung der anderen Figuren, auf die sein Haupt und Blick bereits gerichtet sind. Die Keule ruht fast lässig auf der Schulter und weist dabei in dieselbe Richtung wie sein Blick, und ebenso wie der rechte Arm und die rechte Hand des Helden, das Löwenfell locker hochgezogen.


    Ein kurzer Blick auf alle sechs: Alle haben ihr Gewicht auf ihr rechtes Bein als Standbein gelegt, der Körperachse, die den Schwung der Hüfte, aber auch den des des linken Beines bestimmt. Diese Übereinstimmung gibt den sechs Gestalten insgesamt Ruhe und Festigkeit, auch dadurch, dass der Winkel der sechs Standbeine zur Standfläche und damit auch hinunter zum Boden des Hofes bei allen fast übereinstimmt. Gleichzeitig weist dieser Winkel aber auch wieder vorwärts in die Richtung des Innenportals V, die der Besucher abschreitet, in die Hermes und Herakles blicken und in die bei allen der Schwung des linken Beines den Körper um die Achse des Standbeines drehen würde.


    Meleager, der große Jäger, ist die dritte Figur: Er scheint sich dem weiteren Weg entgegenzustellen. Sein Blick geht zurück - wie die Reprise in einem Musikstück - zu Herakles, dessen Keule auf Meleagers Haupt zu zeigen scheint. Sein Gesicht ist dem Halbgott zugewandt, von vorne nur als Profil zu sehen - so führen die beiden in Augenhöhe offenbar ein stilles Gespräch, die Dramatik des spannungsreichen Herakles scheint in der aufrechten Haltung Meleagers zur Ruhe zu kommen. Ja, selbst das Standbein des Helden scheint fast gestreckt, wodurch nicht nur Spannung zu Herakles entsteht, sondern auch zu allen übrigen Figuren. Nur der Kopf des Wildschweins, den Meleager in Hüfthöhe mit der linken Hand hält, weicht von der Statik der fast gerade stehenden Gestalt ab und nimmt die Bewegungsrichtung der anderen Figuren deutlich wieder auf, verschiebt die fast symmetrische Statik Meleagers nach links in die Bewegungsrichtung und schafft so einen spannungsreichen Bezug.


    Steht Meleager als ein Sinnbild der Kraft auf der rechten Seite des kleinen Balkons unter dem Bogen des Großen Haupt- und Mittelfensters, so steht auf der linken Seite Antinous als eine Allegorie des Schönen. Es besteht eine gewisse Symmetrie zu Meleager: Antinous’ Kopf ist nach links gewandt, der Meleagers nach rechts. Nur der Eberkopf Meleagers und der abgewinkelte Arm des Antinous zeigen in dieselbe Richtung nach links. Ebenso der Winkel seines Standbeins.


    Verfolgt man die angedeuteten Drehungen dieser vier Figuren, so wirken die unterschiedliche Intensität der Drehungen und Stellungen bei insgesamt gleicher Hauptrichtung nicht nur als Vielfalt, sondern fast filmhaft tänzerisch. Davon scheint nun Poseidon als nächste Figur deutlich abzuweichen: Als Einziger blickt er aus der Fassadenfläche heraus, dabei das Haupt sogar etwas nach rechts geneigt, also in die Gegenrichtung der Hauptbewegung. Sieht man nur seinen sehr aufgerichteten Oberkörper und den leicht nach rechts gewinkelten linken Arm, der unter seinem Gewand hervortritt, so ist die Gegenbewegung sehr deutlich, der aufrechte Oberkörper aber strahlt Ruhe aus. In Poseidon kommt die Bewegung zur Ruhe, nur der leicht erhoben abgewinkelte rechte Unterarm weist wie auch seine Hüfte nach links. Poseidon ist die vorletzte Figur der sechs Figuren auf der Hauptfläche der Fassade: Die Ruhe, die hier eintritt, erinnert mich an die Retardation des klassischen Dramas, der Ruhe vor dem Sturm, aber ebenso an die retardierenden Momente in der Musik vor dem Großen Finale. In göttlicher Ruhe steht er da, der Bruder des Zeus oder Jupiter, seine aufrechte Gestalt hat wohl dazu geführt, dass Poseidon hier immer wieder auch als Jupiter gedeutet wurde. Der aber bekämpft über der Gigantentreppe im Inneren des Risaliten in der Gigantomachie die Giganten.


    Die Ruhe Poseidons führt dennoch mit einer lässigen Bewegung seiner rechten Hand hinüber zum Höhepunkt der bewegten Reihe - zu Apollo, dem Gott der Künste. Er, auf dem Podest vor der Ecke, in sehr eleganter Stellung noch höher aufgerichtet, leitet schwungvoll mit Haupt und Arm hinüber zur Schmalseite mit Borussia, der Allegorie Preußens. Ihr Haupt fängt den Blick Apollos auf, und sie - nahezu eine Kopie vom Grab der Mathilde von Tuszien von Bernini im Petersdom - weist dem Betrachter stolz die Herrschaftsinsignien der preußischen Könige. Die Reihe der Statuen auf der Frontseite leitet also in großem Bogen vom Frieden hinüber zur Allegorie des Preußischen Staates und imaginiert ein Friedensreich: nicht zu unrecht, König Friedrich I. in Preußen, der Krumme Fritz, wie die Untertanen ihn nannten, hat während seiner Herrschaft keinen Krieg angefangen.


    Die klassische Ruhe in der Bewegung erreicht Schlüter zudem durch die jeweils paarweise Zuordnung der Skulpturen. Hermes und Apollo leiten an den Ecksäulen hinüber zu den Schmalseiten. Paarweise zugeordnet sind jeweils die vier inneren Figuren: Herakles und Meleager stehen Auge in Auge, Meleager und Antinous sind unter dem Mittelbogen voneinander abgewandt, und doch durch Körperhaltungen miteinander verbunden. Antinous und Poseidon verbindet die Kopfhaltung und trennt eine gewisse Unverbindlichkeit in der Körperhaltung. Pax und Borussia verbindet dieselbe Position an den Schmalseiten sowie der Bogen der Figuren. So entsteht ein beziehungsreiches Miteinander, das voller Spannungen ist.


    Die Architektur des Großen Risaliten ist kristallklar und in der skelettartigen Ordnung sehr streng. Vor dieser Klarheit und Strenge, die freilich durch formalen Reichtum bereits in sich gelockert erscheint, bewegen sich nun die Steinfiguren. Ihre Mächtigkeit und Kraft erhält durch die beziehungsreichen Zuordnungen und durch Spannungen und tänzerische Bewegtheit eine filigrane Gesamtwirkung und verleiht der Fassade eine wunderbare Anmut. Diese wiederum macht den Schlüterhof zu einem der schönsten Innenhöfe nicht nur des norddeutschen Barock.


    Für mich nun in der Rekonstruktion ein unfassbares Geschenk!

    Ich finde dieses Vorgehen in St. Denis doch sehr fragwürdig. Kriegszerstörungen der jüngeren Geschichte zu tilgen, ist die eine Sache, aber Bauveränderungen, die weit mehr zurückliegen, zu revidieren, ist eine andere Hausnummer.

    Wie war das mit der Rekonstruktion des Schlingengewölbes in der Schlosskirche in Dresden? Es wurde vor über 250 Jahren abgebrochen, und Grundlagen waren bloß ein paar alte Ansichten und Fragmente. Und doch bin ich froh, dass man den Mut hatte, die Sache zu wagen, und das großartige Ergebnis spricht für sich!


    Natürlich kann man den Abbruch als historisches Fakt nehmen. Aber dann ist eben jede Rekonstruktion geschichtswidrig. Nach Deiner Interpretation würde sich die Frage nach einer Zeitschranke stellen, ab welcher nicht mehr rekonstruiert werden darf - äußerst problematisch. Selbst die Fertigstellungen des Kölner Doms oder des Ulmer Münsters hätte man dann damals womöglich in Frage stellen müssen nach Jahrhunderten des Stillstands. Darf eine Zeit nicht ihren eigenen geistigen Hintergrund des Bauens und Rekonstruierens aufstellen?

    Als ich die Herakles-Statue von Andreas Schlüter zum ersten Mal sah, stieg sogleich ein anderes Bild vor mir auf: Nemea, der Ort, an dem Herakles, wie SchortschiBähr schreibt, den Nemäischen Löwen getötet hat.


    Ich war hier 1963 auf einer Radfahrt nach und durch Griechenland. Ein glücklicher Ort, gebettet zwischen Olivenhainen, Weinreben und Mandelbäumen in einem weiten grünen Tal. Der Zeustempel lag noch mitten in den Reben, die Trauben waren gerade reif, die Mandeln, mit einem Stein herausgeschlagen, schmeckten wunderbar dazu. Die meisten Säulen des Tempels lagen in Reihen von Trommeln noch auf dem Boden, nur drei oder vier standen aufrecht. Heute hat man weitere aufgerichtet - ich denke, ein Gewinn.


    Heute steht die prächtige Kopie der Statue des Herakles von Schlüter auf dem Großen Risaliten im Schlüterhof mit Keule und dem Fell des Nemeischen Löwen und vervollständigt für mich die alten Erinnerungen in sehr beglückender Weise.


    Der Tempel des Zeus in Nemea:

    .

    Heute steht in der FAZ ein gut differenzierter Artikel über Rekonstruktionen in Deutschland, unter anderem sehr erfreulich zum Stadtschloss. Dabei wird auch Stadtbild Deutschland recht positiv erwähnt.


    https://zeitung.faz.net/faz/fe…5f989b3866b9a71af?GEPC=s9

    ://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-12-23/18c39d43e424e495f989b3866b9a71af?GEPC=s5faz.net/faz/feuilleton/2020-12-23/18c39d43e424e495f989b3866b9a71af?GEPC=s5ps://zeitunghttpzeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-12-23/18c39d43e424e495f989b3866b9a71af?GEPC=s5.faz.net/faz/feuilleton/2020-12-23/18c39d43e424e495f989b3866b9a71af?GEPC=s5https://zeitung.faz.net/faz/feuilleton/2020-12-23/18c39d43e424e495f989b3866b9a71af?GEPC=s5

    Lieber SchortschiBähr, Du hast mir eine riesige Freude gemacht: Ganz nahe bei Zwiefalten, in Tigerfeld, oben auf der Albhochfläche, habe ich einen Teil meiner Kindheit verbracht. Zuerst vier Jahre alt in der Nachkriegszeit nach Weihnachten 1945, weil es auf dem Bauernhof meines Onkels zu essen gab, aber in Bietigheim wie im ganzen Unterland um Stuttgart war Hunger. Mit fünf war ich das erste Mal in Zwiefalten und wie geblendet von der unglaublichen Pracht, die mich umgab.


    Zum ersten Mal in meinem Leben spürte ich mich erfasst vom Zusammenwirken eines Gebäudes mit seinem Schmuck und von dem Geist, den beides verkörpert und zu einem Raum verbindet: Geist wird zu Form. Von da an kam ich jedes Jahr in allen Schulferien nach Zwiefalten und fast immer auch in das schöne Kloster Obermarchtal. Und später natürlich meist mit dem Fahrrad in alle oberschwäbische Klöster, von denen Du so schön berichtest und berichten wirst.


    Tigerfeld war die Sommerresidenz der Äbte von Zwiefalten. Davon zeugen heute noch der sehr stattliche mit Prunkwappen versehene Pfarrhof und die sehenswerte Pfarrkirche. Sehr eindrucksvoll darin die große hochbarocke Kreuzigungsgruppe auf dem Altar. Nahe beim Ort, Richtung Zwiefalten steht das „Schloss“, das ehemalige Armenhaus des Klosters, dessen kostbare Innenausstattung heute im Landesmuseum in Stuttgart ist. Der barocke, wohlproportionierte Bau, ebenfalls mit einem schönen Klosterwappen, ist heute leider sehr verkommen.


    Zu Tigerfeld gehört der Georgenhof, auf dem ein Hauptgebäude von Paul Bonatz stammt, dem Erbauer des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Georgenhof gehörte bis nach dem Zweiten Weltkrieg der berühmten jüdischen Berliner Familie Mendelssohn. Hier überlebten einige Mitglieder den Holocaust.


    Oft wanderten wir von Tigerfeld aus über den Georgenhof durch das Glastal zur Wimsener Höhle, eine mit dem Kahn befahrbare Quelle einer der beiden Arme der Aach, die Zwiefalten den Namen gegeben haben: der zwiefache Fluss - die Wimsener Aach und die Zwiefalter Aach, die sich kurz hinter dem Kloster zur einen Aach verbinden. Peter Stephan, von dem in den Extrablättern viel zu lesen ist, zuletzt über das Kuppelkreuz und die Gigantentreppe, hat mir mit seinem „vergessenen Raum“ die Augen geöffnet für die wunderbare „Zweiräumigkeit“ der geschwungenen Fassade mit den herrlichen Kolossalsäulen vor einer beglückenden ganz besonderen Raumtiefe.


    Zwiefalten und das Berliner Schloss, das mir ein seit 1945 bei uns in Bietigheim einquartierter ausgebombter Berliner Lehrer 1950 auf ungewöhnliche Weise vermittelt hat, haben in mir ohne Zweifel die Liebe zur Baukunst geweckt. Zur Vermittlung des Schlosses durch das Küchenerlebnis siehe Extrablatt Nr. 89(?) Ich habe davon auch hier schon berichtet.


    Das Kloster Zwiefalten steht heute noch wie damals, das Schloss in Berlin aber steht heute wieder! Ich musste siebzig Jahre darauf warten und kann die Gefühle nicht beschreiben, die mich erfüllen, jetzt, da es fertig ist!

    Ich bin überzeugt, dass es hier niemand um Fahrradständer geht.

    Stünden sie in der kleineren oder größeren Nähe des Schlossbrunnens und zweier Grünanlagen sowie der Lustgartenterrassen samt Pferdebändigern, neben der Adlersäule und den Oranier-Fürsten samt Coligny-Statue: Kein Mensch würde die Fahrradständer überhaupt erwähnen! Wahrscheinlich sie nicht einmal bemerken.


    Nun aber stehen sie in einer Steinwüste ...

    Der Nürnberger Poet und auch durch Goethe und Richard Wagner bekannte Meistersinger Hans Sachs kann in der Marthakirche nicht mehr geprobt haben, wenn die Angaben des von Ursus Carpaticus verlinkten Artikels Tag24 stimmen: 1578 bis 1620 wird da angegeben, hätten die Meistersinger hier geprobt, allen voran Hans Sachs. Dieser Meistersinger, 1494 geboren, ist aber bereits 1576 gestorben!

    Es geht ja bei der Zerstörung oder Beschädigung von Kunstwerken oder weiteren historischen Zeugnissen oder gar ihrem Raub nicht um Reparatur- oder Wiederbeschaffungskosten, sondern um den ideellen Wert, der oft nicht einmal zu beziffern ist. Sehr vieles ist ja auch nicht mehr ersetzbar.


    Da finde ich Überwachung durch Kameras sehr angebracht.

    Hermann Parzinger: „Die markante und weltberühmte Granitschale vor dem Alten Museum ist auf fürchterliche Weise beschmiert worden“.


    Für den Journalisten der Stuttgarter Nachrichten wurde nicht „die markante und weltberühmte Schale“ beschmiert, sondern „eine Schale“. Anfertigen lassen hat sie auch nicht einer der bedeutendsten Baumeister des 19. Jhdt. sondern „der Architekt Karl Friedrich Schinkel“, immerhin fügt er oder sie noch die Lebensdaten hinzu und informiert die Bildunterschrift über die Bedeutung der Schale.


    Den Schmierern, auch auswärtigen, hätte die Schule die notwendige Bildung vermitteln müssen, die Schönheit dessen zu begreifen, das sie zerstören oder beschädigen. Das Elternhaus hätte die Aufgabe gehabt, den Kindern früh mitzugeben, dass man Güter, die allen gehören nicht kaputt macht.


    Aber wahrscheinlich bin ich altersmäßig längst aus der Zeit gefallen.


    Der Lustgarten als Rummelplatz: Wie wird das erst, wenn vor dem Schloss eine Badeanstalt ihren Trubel aufmacht und zudem noch das unmittelbar angrenzende angebliche Denkmal der Deutschen Einheit - selbst ein würdeloser Spielplatz - im allgemeinen Tumult untergehen lässt!



    Städtebauliche Schutzgründe sind im Gesetz nicht vorgesehen.

    In den Siebzigern des letzten Jahrhunderts (Jahrtausends), als es um den Erhalt der Bietigheimer Altstadt und des Hornmoldhauses ging, hatte ich gute Kontakte zu dem damaligen Ministerpräsidenten Lothar Späth.


    Das Ergebnis mehrer Gespräche und eines kleinen Briefwechsels war, dass nach dem Erhalt des Hauses einige wichtige Anliegen des Denkmalschutzes wie Stadtbild-, Ensembleschutz und Schutz von Gesamtanlagen in das damals neu erlassene Denkmalschutzgesetz aufgenommen wurden. Entscheidend war, dass in Streitfällen das Denkmalamt das Sagen bekam.


    Späth äußerte als Ministerpräsident nach der Restaurierung der Bietigheimer Altstadt oft und schrieb es auch ausdrücklich, er habe aus dem Hornmoldhaus Grundsätzliches gelernt: Hätte die Stadt damals allein entscheiden können und hätten sich nicht Bürger für den Erhalt eingesetzt, wäre das schon seit Jahrzehnten unter Denkmalschutz gestandene Haus weg gewesen, bevor sich überhaupt jemand um die Erhaltung hätte kümmern können. (Alles sinngemäß, aber zuverlässig wiedergegeben). Späth war in den Sechzigern in Bietigheim Finanzbürgermeister und hat noch Jahre später immer wieder betont, er hätte das Haus in seinem verwahrlosten Zustand ohne die geringsten Bedenken abreißen lassen, wenn das zu seiner Zeit in Bietigheim schon aktuell geworden wäre. Von der Bedeutung des Hauses habe er wie fast alle in Bietigheim keine Ahnung gehabt.


    Seither ist das Späthsche Denkmalschutzgesetz, damals das wohl eines der vorbildlichsten in Deutschland, längst novelliert worden: Diese wichtigen Punkte sind raus, zum Schaden der Baudenkmale und der Städte selbst, wie man an der Ohnmacht der Denkmalpflege zumindest in Baden-Württemberg sieht.

    Wohlgemerkt, nicht meine Position, sondern nur eine Erklärung für ein solches sozialdarwinistisch/rassistisches Denken. Und es soll zeigen, dass eine solche Position durchaus auch einen irgendwie "ethischen" Anspruch hat, auch wenn sich dieser uns heute nicht auf den ersten Blick erschließt.

    Hoffentlich ist Dir bewusst, dass Du Dich hart an der Grenze zu den wichtigsten Grundlagen nationalsozialistischer Ideologie und damit mancher heutiger Rechtsradikaler bewegst.


    Rassismus und Sozialdarwinismus haben keinerlei ethische Grundlagen. Beide widersprechen allen Richtungen der Ethik grundsätzlich: dem Dekalog (10 Gebote), dessen Grundsätze fast in allen Kulturen nachweisbar sind, unmittelbar einsehbar; der Goldenen Regel (was du nicht willst, dass man dir tu ...) und den großen moralphilosophischen Richtungen:


    Aristoteles (384 v. Chr, - 322 v. Chr.): Tugend als Mitte und Ausgleich von negativen Extremen, z.B. Tapferkeit ist die Mitte zwischen Feigheit und Tollkühnheit. Aristoteles fordert ein auf Ausgleich bedachtes Handeln, was jeden Extremismus und jeden Egoismus (auch nationalen oder rassischen) völlig ausschließt.


    David Hume(1711-1776): Seine Lehre schließt vor allem den Sozialdarwinismus aus. Der Sozialdarwinismus beruht auf der vermeintlich ethisch berechtigten Übernahme von in der Natur beobachteten Grundsätzen: Kampf des Stärkeren gegen den Schwächeren oder die gewaltsame Durchsetzung von Ansprüchen, erschlossen aus dem Revierverhalten von Tieren. Das Humesche Gesetz lehnt die Übertragung natürlicher Ist-Zustände (der Gesunde siegt über den Kranken) auf ethisches Sollen ab (naturalistischer Fehlschluss) Dem folgt die gesamte moderne Ethik. Dem Ist-Zustand in der Natur: Das Gesunde besiegt das Kranke! widerspricht die Ethik: der Gesunde ist für den Kranken da. Und darin sehen wir auch die gesamte christliche Ethik.


    Aus dem Sozialdarwinismus folgen u.A. direkt Euthanasie sowie Rassismus und Rassenhygiene, die zum Holocaust als extremstem Ergebnis geführt haben.


    Der Rassismus ist die Lehre von der Ungleichwertigkeit der menschlichen Rassen, beobachtet an der Ungleichheit und Züchtung unterschiedlicher Tierrassen. Diese Lehre beherrschte das Denken im 19. Jhdt. und zu Beginn des zwanzigsten Recht weit und galt Vielen als wissenschaftlich. In der Zwischenzeit ist klar, dass die Wanderungen und Vermischungen der Menschheit den Begriff der Rassen von Menschen obsolet gemacht haben.


    Es gibt zwar menschliche Merkmale wie Augenformen oder Hautfarben, aber die Hirnforschung hat längst bewiesen, dass das menschliche Gehirn grundsätzlich dieselbe Lern- und Handlungsfähigkeit für alle Kulturen hat. Ein Geiger mit schwarzer Hautfarbe kann das Violinkonzert von Beethoven so vollendet spielen wie ein Musiker aus Bonn.


    Der Kategorische Imperativ von Kant (1724-1804), einer der gewichtigsten ethischen Lehrsätze überhaupt verbietet aus sich heraus Rassismus und Sozialdarwinismus. Er heißt: Handle so, dass die Maxime (Grundlage) deines Willens jederzeit als allgemeines Sittengesetz gelten kann.


    Es kann aber nicht allgemeines Sittengesetz sein, wenn es die Grundlage meines Willens ist, aufgrund des Sozialdarwinismus oder Rassismus einen Teil der Menschheit auszurotten oder auch nur zu benachteiligen. Auch schließt der Kategorische Imperativ ja, unmittelbar einzusehen, jede Ungleichheit von Menschengruppen aus, wie Rasse, Nation oder Religion usw.


    Der Utilitarismus anglizistischer Moralphilosophen fordert bei menschlichen Handlungen das Glück, das Wohlergehen, den Nutzen aller Beteiligten - z.B. die Grundlage unserer Auffassung vom guten Staatswesen.


    Max Weber unterscheidet grundsätzlich die Gesinnungsethik (Kant) von der Verantwortungsethik des Utilitarismus. Die Gesinnungsethik schaut auf die Grundüberzeugung eines Menschen, z. B. vom Gleichheitsprinzip: diese Maxime kann als Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung gelten. Die Verantwortungsethik blickt auf die Folgen, z. B. Sozialdarwinismus führt zu Mord und Todschlag oder verbunden mit Nationalismus unweigerlich zu Krieg.


    Beide umfassenden Morallehren schließen Rassismus und Sozialdarwinismus von jeglicher Ethik vollkommen aus!


    Was Heimdall meint, ist das Handeln auf hypothetischer Basis. Kant spricht vom hypothetischen Imperativ: Ich brauche ihn, um Zwecke zu erreichen. Wer reich sein will, muss sparsam leben, heißt ein Bespiel von Kant. Aber es ist natürlich kein Sittengesetz reich, sein zu wollen. Deutlicher wird die Distanz zur Ethik, wenn ich formuliere: Wer eine Bank ausrauben will, muss sorgfältig planen. Oder: Wer Lebensraum erobern will, braucht ein starkes Heer. Der hypothetische Imperativ entscheidet über richtig und falsch, nicht über gut und böse und ist damit keine moralische Kategorie: Wer einen stabilen Tisch bauen will, braucht gutes Werkzeug. Der Zweck kann natürlich gut oder böse sein oder neutral. Über gut oder böse bei Rassismus und Sozialdarwinismus haben wir schon gesprochen.


    Der Holocaust als Kulmination unsittlicher Handlungen, fußte mit schrecklichster Konsequenz auf der Hypothese: Die Juden sind unser Unglück!


    Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, die Abwesenheit jeder Ethik im Rassismus und Sozialdarwinismus zu zeigen und erkläre ausdrücklich, was Heimdall ja schon selbst versichert hat, dass ich ihn weder für einen Rassisten noch einen Sozialdarwinisten halte. Die Zusammenhänge und Begriffe sind auch wirklich nicht leicht zu überschauen. Aber bei Rechtsextremisten und Radikalen auch linker Herkunft machen Ähnliche Gedanken immer mehr Schule.


    Ich bitte die Moderatoren, diesen weit von unseren Themen entfernten Beitrag nicht zu löschen. Er ist mir ein großes Anliegen. Rassismus und Sozialdarwinismus in ethische Zusammenhänge zu bringen, das widerspricht so sehr meinen Überzeugungen, dass ich hier nicht länger mitmachen könnte, und das wäre für mich sehr schmerzhaft!


    Ich kann versichern: Ich schreibe viel, viel lieber über Bauwerke oder ihre Rekonstruktionen!

    In all diesen Fällen geht es nicht darum, wer Recht hat oder nicht - sondern welche Mittel man in der Auseinandersetzung wählt.

    Woraus resultieren diese Mittel?


    Niemand von uns kann wohl sozialistische Ziele wie soziale Gerechtigkeit, allgemeinen Wohlstand oder das Ende der Ausbeutung ablehnen. Dagegen sind die Ziele der Nazis und aller Faschisten für jeden vernünftigen Menschen eindeutig zu verwerfen: Rassismus, vor allem als Antisemitismus, Krieg als notwendiges Mittel der Politik, die eigene Nation als die beste und zur Herrschaft berufene, Ablehnung der Demokratie und der Menschenrechte.


    Dennoch gleichen die aus dem Sozialismus und dem Faschismus entstandenen Diktaturen einander sehr.


    Beide Systeme führen unweigerlich zur Diktatur. Beim Faschismus ist das unmittelbar einzusehen. Beim Marxismus angesichts der zunächst durchweg positiven Endziele keineswegs.

    Es ist die besondere Sicht auf den Menschen, die Karl Marx leitet und die dem Marxismus zugrunde liegt: die Menschheit wird als Gruppierungen von Menschenmassen gesehen: strukturiert in Klassen und Zugehörigkeit zu Klassen, deren historischer Werdegang und ihre notwendige Zukunft für Marx erkennbar und absehbar sind.


    Der Mensch als Individuum kommt bei Marx in seiner gesamten Revolutionstheorie nicht vor, damit auch nicht das Recht auf Eigentum oder Glück oder individuelles Streben nach beidem. Das Ziel auf dem Weg zum Sozialismus ist die „Expropriation der Expropriateure“ - die Enteignung der Ausbeuter. Ausbeuter sei jeder, der Produktionsmittel besitzt und sich dafür die Arbeitskraft der Proletarier kaufe. Dabei blickt Marx nicht auf die individuelle Situation weder des Arbeiters noch des Unternehmers. Engels erhebt nun zudem die Theorien von Marx zur ewigen Wahrheit: Wahrheitsbesitz ist aber eine der wichtigsten Grundlagen jeder Diktatur: „Die Partei hat immer Recht“.


    Die Expropriation der Expropriateure gelingt, wie in diesem Strang bereits festgestellt, aber nur in einer Diktatur: der des Proletariats: Dazu braucht es nach Lenin Berufsrevolutionäre, wie er es sagt und verwirklicht - damit aber wird aus Revolution zwangsläufig Diktatur. Jetzt kommen die Systeme des Sozialismus und des Faschismus zur Deckung: Du bist nichts, dein Volk ist alles, formulierten die Nazis und setzten damit das Individuum auf Null: Die Zufriedenheit der Massen ist für jeden Diktator nur interessant für die Machterhaltung.


    Zur Erreichung der sozialistischen Ziele werden individuelle Bedürfnisse nur geduldet, wenn sie dem großen Ziel nicht im Wege stehen. Privatinteressen sind von vornherein suspekt. Um des Zieles Willen wird tief in den Lebensalltag eingegriffen, die Individualrechte staatlich verplant, Intimsphären nicht respektiert; die Staatsgewalt ist im Besitz des Diktators oder der Partei - keine Gewaltenteilung, Pluralismus von Weltanschauungen nicht toleriert, die Menschenrechte werden „zurückgestellt“. Dabei wären sie ja das eigentliche große Ziel: „erkämpft das Menschenrecht!“


    Die Diktatoren des Faschismus und Diktaturen des Sozialismus weisen daher dieselben Merkmale auf - die Rechte des Individuums, die Marx ja nicht in seine Theorien mit einbezieht, werden den Zielen des Sozialismus unterworfen, keine Reisefreiheit, keine Bildungs- und Berufsfreiheit usw. Und wie das bei Diktaturen zwangsläufig kommt, verselbstständigen sie sich weiter: Aus der Diktatur des Proletariats wird die Diktatur der Partei und aus der Diktatur der Partei die Diktatur des Diktators (Stalin, Kim Jong-un ...), Personenkult, keine freien Wahlen, Anwendung von Gewalt, die Liste kann fortgesetzt und weltweit besichtigt werden.

    Als Bauhaus-Geschädigter kann ich nur sagen: scheußlich, scheußlich, diese Ostseite!

    Lieber Elbegeist,


    ich hätte auch lieber die historische Ostfassade. Aber mit Pauschalurteilen soll man vorsichtig sein. Es gibt verblüffende Form-Beziehungen, die Manches erträglicher machen, wenn man sie erkennt. Joachim Schwerdt zeigt im neuen Extrablatt die Klarheit der Ostfassade in dreitausend Jahre altem Zusammenhang:


    Der Tempel der Hadschepsut in Ägypten:


    Irgendwie verblüffend, zwar völlig andere Umgebung und Einbettung, dazu eine Terrassierung. Dennoch scheint hier schon ein ganz ähnlich klares Formgefühl zu herrschen wie bei Stella Jahrtausende später.


    Ich finde bei Stella auch nicht alles gut - aber ich habe vom ersten Tag an gedacht, dass wir mit ihm sehr großes Glück hatten und haben.