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    Dies ist eine recht einfache Fragestellung. Die Liebfrauenstraße, die den Liebfrauenberg mit der Zeil verbindet, ist im Gegensatz zu der sie südlich zum Römerberg fortsetzenden Neuen Kräme nicht mittelalterlichen Ursprungs, sondern ein Straßendurchbruch des 19. Jahrhunderts, genauer gesagt, des Jahres 1855. Dies ist insofern bemerkenswert, als es sich um den ersten Frankfurter Straßendurchbruch nach Hausmanns Vorbild handelte, der in Paris ja gerade mal zwei Jahre zuvor losgelegt hatte. Bereits Goethe meckerte in „Dichtung und Wahrheit“ über den Umweg, den man entweder durch die romanische Katharinenpforte oder die Hasengasse nehmen musste, wenn man aus dem ältesten Teil der Altstadt in die seit dem 18. Jahrhundert massiv an Bedeutung gewinnende Neustadt gelangen wollte.


    Da der Ravenstein-Plan von 1862 versagt, hier eine Situationsansicht aus dem Ullrich-Plan in seiner letzten Ausgabe aus dem Jahr 1832, also vor dem Durchbruch. Schön ist die überkommene Situation der komplett von Bürgerhäusern umgebenen Kirchen erkennbar:



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    Auf die Vorgängerbebauung kann hier aus Zeitgründen nicht eingegangen werden. Die Schwierigkeit bestand nach dem Straßendurchbruch darin, auf sehr engem Raum bzw. Grundriss die freigelegten Brandwände bzw. im Osten die Kirche mit neuen Häusern zu verdecken. Gewünscht waren explizit Läden im Erdgeschoss, die die Stadt nach Fertigstellung an den Meistbietenden versteigerte. Im Rahmen eines Architekturwettbewerbs erhielt der junge Rudolf Heinrich Burnitz den Auftrag. Burnitz? Ja, es war der Sohn des Architekten Rudolf Burnitz, der das Frankfurter Stadtbild des Klassizismus neben Hess in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend geprägt hat, am bekanntesten wohl das noch heute erhaltene und nach ihm benannte Bauteil des Saalhofs. Aktuell ist ihm auch eine Ausstellung im Historischen Museum Frankfurt gewidmet.


    Doch zurück zur Liebfrauenstraße. Die 1858 von Burnitz vorgelegten Entwürfe sind nur durch einen glücklichen Zufall erhalten geblieben, denn bekanntlich verbrannten Ende 1943 die gesamten, akribisch seit dem 14. Jahrhundert geführten und selbst national bis dato in seltener Vollständigkeit erhaltenen Bauamtsakten nach einem Bombentreffer mit dem Stadtarchiv.


    Ostseite:


    http://goo.gl/pYJSn7 (Link auf die Webseite des Historischen Museums Frankfurt)


    Westseite:



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    Die besondere Leistung des Entwurfs liegt darin, die äußerst geringe Tiefe der Baukörper durch die schwere Sandsteinfassade zu überspielen. Auffällig ist zudem der Rückgriff auf Formen der italienischen, insbesondere venezianischen Renaissance. Hier stellte der junge Burnitz, gerade von einer zweijährigen Italienreise zurückgekehrt, eine neue Architektengeneration dar, die sich langsam von der im reinen Klassizissmus verharrenden lokalen Bautradition löste und diese in noble Formen des Historismus übersetzte. Durch die reiche Verwendung von rotem Mainsandstein blieb es dennoch ein erkennbar mainfränkischer Bau.


    Entsprechendes Aufsehen erregte der Bau auch sowohl in Bevölkerung als auch in Fachkreisen seinerzeit und noch Jahre später. In der Bevölkerung erhielten beide Bauteile ob ihrer Fremdartigkeit und ungewöhnlichen Schwere den Namen „Malakoff“ nach dem gleichartigen, damals durch die Presse während des Krimkriegs im Bewusstsein präsenten Festungswerks bei Sewastopol. Cornelius Gurlitt würdigte Burnitz und das Bauwerk 1899 in seiner Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts als einen Wegbereiter des historistischen Bauens.


    Situation nach Durchbruch und Neubebauung auf dem Ravenstein-Plan von 1862:



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    Die Ostseite bekam die Hausnummer Liebfrauenstraße 2, die Westseite die Hausnummern Bleidenstraße 2 / Liebfrauenstraße 1–3 / Holzgraben 21 verpasst. 1925 war es in Frankfurt am Main mit der Berufung von Ernst May zum Stadtbaurat mit der Wertschätzung für den Historismus vorbei. In diesem Klima wurde der westliche Malakoff 1927 abgebrochen und bis 1931 durch ein Geschäftshaus im Stil der Neuen Sachlichkeit nach einem Entwurf des Architekten Willy Cahn ersetzt, das den Krieg meines Wissens völlig unbeschadet überstanden hat. Wie Riegel schon anmerkte wurde die Ostseite erst im März 1944 durch Bomben schwer beschädigt und schließlich abgebrochen. Das heutige Gebäude der Ostseite ist definitiv ein völliger Neubau. Die Mauern der Liebfrauenkirche waren derart durchgeglüht, dass sie von Bodenniveau her neu aufgemauert werden musste, schon deswegen wird kaum noch alte Substanz des direkt angebauten östlichen Malakoffs erhalten sein.


    Zum Abschluss nach dieser traurigen Gewissheit aber noch ein schönes Bild, entstanden 1927 direkt nach dem Abbruch der Westseite, das die ganze Pracht des leider verlorenen Gebäudes zeigt, einem, wie wir nun wissen, auch überregional bedeutsamen Frühwerk des Historismus in Deutschland (zur Orientierung, rechts ist der Liebfrauenberg bzw. die davon nach Osten wegführende Töngesgasse zu sehen):



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    Das wars.


    P. S.: Alle Fotos und Pläne sollten aufgrund ihres Alters bzw. des Todesdatums ihrer Urheber gemeinfrei sein.

    Das Problem ist, dass die Stadt hier (entgegen naheliegender Vermutungen) keinerlei Einflussmöglichkeiten hat, da die Gebäude der Senckenberg-Stiftung gehören, die völlig autonom von Stadt und Land agiert. Noch viel schlimmer als der äußere Umbau sind aus der Planung herauszulesende Absichten, wohl auch bisher erhaltene historische Inneneinrichtungen zu beseitigen. Man braucht sich ja nur mal anzugucken, wann Kulka studiert hat – 1959–64, dem Mann ist der Hass auf den Historismus also akademisch in die Wiege gelegt. Das Projekt ist übrigens auch im DAF schon völlig verrissen worden. Es stellt sich halt nur die Frage, was man effektiv dagegen unternehmen kann. Letztlich etwas ändern könnte nur der Senckenberg-Stiftungsrat, der wahrscheinlich gar nicht weiß, was für einen größenwahnsinnigen Dilettanten sie mit Kulka engangiert haben.

    Man sollte bei dem Thema meines Erachtens auch abwägen, inwieweit sich eine Gegend das Ganze leisten kann oder nicht. Im Rheingau, der nicht nur Kulturlandschaft, sondern auch eine wirtschaftlich selbsttragende Region ist, liegt es für mich z. B. auf der Hand, dass dort Windräder, egal wo, nichts zu suchen haben. In Mittel- und Nordhessen, also Regionen, die heute schon massiv unter der Landflucht leiden, dürfte der wirtschaftliche Druck ungleich höher sein. Vom Tourismus alleine kann man dort schon lange nicht mehr leben, selbst bedeutende Städte wie Alsfeld, Fritzlar oder Herborn sind auch im Sommer nun nicht gerade überlaufen, Marburg ist als wichtige Studentenstadt vielleicht noch als Ausnahme zu sehen.

    Also ich finde, dass der lokale Frankfurter Stil mit rotem Mainsandstein und diversen Elementen wie schwarzen Mansardenschieferdächern auch Ende des 19. Jahrhunderts noch vielfältig zu Tage tritt. Beispielhaft die Erweiterung des Römer-Rathauses mit Kämmerei, Mittelbau, Kleiner Cohn und Langer Franz (die u.a. Anleihen an der alten Langen Brücke nehmen).


    Nein, das Neue Rathaus ist ein typischer Vertreter internationaler Architekturströmungen seiner Zeit, vor allem von der Burgenromantik beeinflusst. Die Kämmerei hat in ihrem üppigem Neobarock keine Entsprechung in der lokalen Bautradition, ebenso die Seufzerbrücke mit ihren Atlanten oder der üppige Neorenaissance-Festsaalbau. Ikonografische Zitate der Alt-Frankfurter Architektursprache finden sich am ehesten noch am Südbau, aber auch hier ist die ganze Baumassenabwicklung schon sehr weit entkoppelt von lokalen Lösungen.

    1975 traten die Denkmalschutzgesetze nach und nach in den einzelnen Ländern in Kraft, da gab es nochmal eine beispiellose Abrisswelle (auch im Westend), weil den Eigentümern ins Bewusstein trat, dass der Abbruchwahn der vorigen Jahrzehnte in der Form nicht mehr lange möglich sein würde. Trotzdem bleibt das Bahnhofsviertel praktisch das einzige „großstädtisch“ geprägte Historismusviertel Frankfurts, in dem man die Entwicklung der auch spezifischen Architektur seit der Kaiserzeit bis zum Ersten Weltkrieg nahtlos verfolgen kann (vgl. dazu Liste der Kulturdenkmäler in Frankfurt-Bahnhofsviertel, ggf. nach Bauzeit sortieren). Als Frankfurter Besonderheit kann gelten, dass der behäbige, noble Spätklassizismus erst in der zweiten Hälfte der 1880er Jahre dem nationalen Prachtstil weicht, was dann endgültig das Ende der lokalen Bautradtion bedeutete.

    Analog zu bilderbuchs Beitrag hier aus der selben Quelle auch ein aktueller Stand zur Inventarisierung der Kulturdenkmale in Sachsen hier.


    Es gibt demnach 103.491 nicht-archäologische Denkmale in Sachsen. Interessanter Einzelaspekt: Schon die Stadt Leipzig besitzt mit knapp 14.000 fast 15 % des Denkmalbestandes im ganzen Land, mit dem gleichnamigen Landkreis sogar knapp 20% . Ansonsten sind die Zahlen leider aufgrund von Provenienzvermischung durch die Gebietsreformen teilweise von eingeschränkter Aussagekraft.

    So sieht es aus. Man beachte auch §2 Absatz 1, der da lautet:


    Quote

    Kulturdenkmale im Sinne dieses Gesetzes sind von Menschen geschaffene Sachen, Sachgesamtheiten, Teile und Spuren von Sachen einschließlich ihrer natürlichen Grundlagen, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, wissenschaftlichen, städtebaulichen oder landschaftsgestaltenden Bedeutung im öffentlichen Interesse liegt.


    Und ob man es will oder nicht, auch die Zeit der DDR gehört halt auch zur Geschichte. Persönlich finde ich das bis auf die von bilderbuch genannten Sachen auch zum Kotzen, aber Denkmalschutz ist nunmal keine Geschmackssache. Wenn man ihn nach gusto einfordert, schießt man sich meines Erachtens selber ins Knie bzw. entwickelt sich zurück zum Denkmalschutz der vorletzten Jahrhundertwende, der nur irgendwelche Prachtbauten als denkmalwürdig ansah. Dieser erst in den 1960er Jahren in Bewegung geratenen Auffassung würden wir, hätte es den Krieg nicht gegeben, die schlimmsten Abrisse von denkmalwürdiger Substanz in Deutschland verdanken.


    Der Siedlungsbau, der in Dresden die Vorstädte verunstaltet, steht ja wohl auch kaum flächenhaft unter Denkmalschutz, oder?

    Friedrichshain-Kreuzberg finde ich persönlich sehr interessant, da es dort eine ganz Reihe von Vorgründerzeitlern gibt, die in solchen Massen und städtischen Dimensionen sonst wohl nur noch in Görlitz existieren. Die Straßen habe ich allerdings vergessen, Oranienstraße war glaube ich eine von ihnen.

    Das größte Problem von Zittau, nach dem ganz lange nichts mehr kommt, und dann die von ursus carpaticus so trefflich aufgezählten weiteren Gründe, ist einfach die unglaublich abseitige Lage. Von Dresden braucht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln fast zwei Stunden, mit dem Auto muss man sich über Dutzende Kilometer von Buckelpisten in einem Ausbauzustand quälen, der vielfach noch dem der 1920er und 1930er Jahre entsprechen dürfte. Die Stadt, die man dann erreicht, wirkt in der Tat fast wie von der Welt vergessen bzw. wie als wollte sie nicht gefunden werden. Am sinnvollsten wäre im Hinblick auf die touristische Förderung eine Zusammenarbeit mit Görlitz, das ja ebenfalls am Gesäß der Welt liegt, aber auf direktem Weg nur etwas über eine halbe Stunde mit dem Auto entfernt liegt. Städtetourismus hat sich in den vergangenen Jahren aber verändert, aufgrund der gestiegenen Mobilität ist die Mentalität respektive der Anspruch des durchschnittlichen Touristen der eintägige Städtebesuch, und da hat Zittau einfach keine Chance. Sowas kann nur durch überregionale Zusammenarbeit erreicht werden, ähnlich wie es Freiberg und seine Nachbarstädte mit der „UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge“ planen. Vielleicht eine Wiederbelebung des Sechsstädtebundes mit einem Busringverkehr für Touristen, der paritätisch von den Städten bezahlt wird.


    @ -Frank-: Die Bilder sind ja über einen großen Zeitraum entwickelt worden, da war einiges an Software im Einsatz, anfangs Photoshop CS5 & CS6 für die RAW-Entwicklung sowie Objektiv- und Perspektivenkorrektur, mittlerweile nehme ich vollständig Adobe Lightroom, wobei ich die Korrekturen größtenteils immer noch individuell bzw. manuell mache. Das mag auch der Grund sein, wieso ich noch so einige Serien auf Halde liegen habe (als nächstes mache ich mich wohl mal an meine sächsische Lieblingsstadt, Freiberg). Zu der Anzahl der Bilder: da habe ich leider so meine Erfahrungen gemacht, insbesondere wenn Bildbeiträge von einer auf die andere Seite umbrechen, gibt es das bizarre Webphänomen, dass mindestens mal 90 % der Leute offenbar nicht in der Lage sind, auf die vorige Seite zu gucken, und dann schon zwei, drei Beiträge später wieder anfangen, Fragen zu stellen, die auf der ersten Seite längst beantwortet worden sind. Das ist der Hauptgrund, warum ich versuche, Bildbeiträge möglichst zusammenzuhalten.

    Die Architektur ist ganz die der Zeit zwischen 1905–10, es dürfte sich lohnen, mal alle Villen dieser Jahre in der Denkmalliste durchzuschauen und ggf. mit Street View abzugleichen, wenn kein Bild vorhanden ist. Die offene Villenbebauung ist bis auf die völlig perforierte Südstadt eigentlich mit wenigen Ausnahmen vollständig erhalten.

    Einleitung


    Vielleicht sagt Zittau dem ein oder anderen ja nichts, oder er will nicht Unmengen an vorigen Beiträgen durchforsten, deswegen will ich hier einen kurzen geschichtlichen Abriss liefern. Offiziell wurde Zittau Anfang des 13. Jahrhunderts an einer bereits zuvor durch eine Burg befestigten Handelsstraße nach Böhmen und Schlesien, gleich hinter der Grenze der damaligen Mark (Meißen) gegründet. Der Grundriss zeigt eine eher typische, wenn auch wohl durch ältere Siedlungskerne im Stadtgebiet nicht ganz perfekte Plananlage der Ostsiedlung mit zwei großen Stadtplätzen im Sinne eines Ober- und Untermarktes (hier: Markt und Neustadt). Stadtbefestigung und Stadtrechte waren bereits Mitte des 13. Jahrhunderts erlangt.


    Mitte des 14. Jahrhunderts konnte sich die durch Tuchherstellung und -handel sowie die Bierbrauerei florierende Stadt mit dem Beinamen „Die Reiche“ zeitweilig von der Reichslehensschaft freikaufen und wurde Teil des Oberlausitzer Sechsstädtebundes. Mit 5.000 Einwohnern um 1400 war man eine große Mittelstadt des Mittelalters. Andererseits brachte eine ungewöhnliche Vielzahl von Stadtbränden in den folgenden Jahrhunderte schwere Einschnitte in der Bevölkerungszahl, vor allem aber der Bausubstanz.


    Der erste große Stadtbrand 1359 vernichtete ein offenbar weitgehend aus Holzbauten bestehendes Zittau, da danach das kaiserliche Gebot erging, nur noch in Stein zu bauen. Auch wurden die Baufluchten auf die bis heute gültigen Grenzen verschoben, weswegen die ältesten Gebäude im Kern aus der Zeit danach stammen dürften. Sonderlich viele können es jedoch nicht sein, denn alleine bis 1589 kam es zu sechs weiteren großen Stadtbränden. 1589 wurden dann erneut 153, 1608 sogar etwa 500 von wohl etwas über 600 Häusern zerstört. Das letzte Ereignis war allerdings – zumindest einem unter Folter erzwungenen Geständnis nach – Brandstiftung, die zwei Übeltäter werden auf die für die Zeit übliche bestialische Weise hingerichtet. Kaiserliche Steuererlasse erlaubten, die Stadt binnen kurzer Zeit wieder aufzubauen.


    Der Dreißigjährige Krieg verschont Zittau ebenfalls nicht, eine Kirche und zahlreiche Privatbauten fallen Brandschatzungen zum Opfer, eine große Katastrophe wie in Magdeburg oder Worms bleibt aber aus. Nach Ende des Krieges führt die nicht abreißende, vielmehr noch ansteigende Prosperität der Stadt durch den Textilhandel zu einer raschen Konsolidierung und einem damit einhergehenden Bauboom, der zahlreiche repräsentative Bauten entstehen lässt. Die größte Katastrophe der Stadtgeschichte stand aber noch bevor: Bei der Beschießung durch österreichische Truppen im Siebenjährigen Krieg 1757 werden 599 von 641 Häusern zerstört, darunter die Hauptkirche mit ihrer Silbermann-Orgel und das Alte Rathaus. Die Zerstörung galt im 18. Jahrhundert lange Zeit als eine ähnlich fragwürdige Aktion wie die Bombardierung Dresdens 1945, rief aber auch eine europaweite Soldiaritäts- und Spendaktion hervor.


    Dennoch zog sich der Wiederaufbau – der Schaden wurde seinerzeit auf 10 Millionen Taler beziffert – bis Mitte des 19. Jahrhunderts hin (Rathaus, Johanniskirche). Zu dieser Zeit war die Stadtbefestigung längst abgetragen und Zittau hatte begonnen, über seine historischen Grenzen hinauszuwachsen. Die Bebauung des Klassizismus und des Historismus, die das Stadtbild aufgrund der Zerstörungen des Siebenjährigen Krieges bis heute in großen Teilen prägt, ohne es zu dominieren, war, wie für Sachsen allgemein und die Wirtschaftskraft der Stadt im Speziellen typisch, sehr prächtig.


    Obwohl die Stadt von Kriegszerstörungen des 20. Jahrhunderts fast völlig verschont blieb, fiel sie nach 1945 in eine geographische Randlage im Dreiländereck zwischen Polen und Tschechien (einst Schlesien und Böhmen). Mit dem Ende der DDR ist schließlich auch die alteingesessene Textilindustrie und der im 20. Jahrhundert hinzugekommene Fahrzeugbau fast völlig als Wirtschaftsfaktor verschwunden. Auch die verkehrsmäßige Erschließung über die Autobahn ist bis heute dürftig. All dies zog bereits zu DDR-Zeiten ein langsames Absinken vom um etwa 1950 erreichten Bevölkerungsmaximum von etwa 46.000 Einwohnern nach sich, 1988 wohnten noch 38.000, 2011 nur noch rund 28.000 Menschen in der Stadt, und dies, obwohl 2007 durch Eingemeindungen noch einmal etwa 4.000 Einwohner hinzukamen. In den nächsten 10 Jahren wird ein Absinken auf unter 20.000 Einwohner erwartet, womit ungefähr das Niveau wie zu Beginn der Industrialisierung (1871) erreicht würde.


    Problematisch ist in diesem Kontext wie immer die DDR-übliche Wohnbaupolitik, die vor allem nördlich jenseits der gründerzeitlichen Erweiterungen und südöstlich der Altstadt große Sozialbausiedlungen schuf, während letztere verfiel und bis heute verfällt. Zu planmäßigen Flächensanierungen wie anderswo kam es bis auf wenige Ausnahmen im Südwesten der Altstadt nicht (mehr), andererseits sind insbesondere dort durch Verfall geschätzt 10–15 % der Altstadt dem Abriss anheim gefallen, seit der Wende mussten angeblich bereits über 60 denkmalgeschützte Häuser abgerissen werden, von denen ein Großteil in diesem Gebiet anzusiedeln sein dürfte. Auch der massenhafte Abriss von DDR-Wohnungen sowie die Verlagerung des Schwimmbades und der Fachhochschule vom Stadtrand an den Altstadtrand hat bisher nicht wirklich Erfolge gebracht.


    Von „Altenburger Verhältnissen“ ist man dennoch entfernt, da die Innenstadt und ein Großteil der Ausfallstraßen saniert sind und vor allem bisher kaum schmerzliche Lücken in den geschlossenen Straßenreihen existieren. Andererseits gibt es immer noch sehr viel Leerstand bei einer keineswegs als konsolidiert zu bezeichnenden Einwohnerentwicklung und einige Sorgenkinder unter den Altbauten, jedoch nur wenige Ruinen, die man als unrettbar bezeichnen muss. Die wenigen Neubauten seit der Wende, auch der jüngeren Zeit, zeigen zudem ein recht großes Bemühen um ein altstadtgerechtes Bauen vor allem in der Kleinteiligkeit und der Dachlandschaft. Schmerzliche Abrisse werden wir wohl aber auch mittelfristig noch häufiger sehen.


    Anmerkungen & Technisches


    Bei den nachfolgenden Bildern, die bereits am 28. Juni 2011, also vor rund zweieinhalb Jahren bei bestem Wetter entstanden sind, habe ich mich vor allem dank neuem PC endlich mal aufgerafft, sie fertig zu bearbeiten. Da sie somit schon etwas älter sind, mag manches Gebäude anbetrachts des Abbruchgeschehens vielleicht schon heute nicht mehr vorhanden sein. Dennoch sind die Bilder noch ein gutes Jahr jünger als die letzten vom leider nicht mehr aktiven (?) Karasek, die bedauerlicherweise auch vielfach nicht mehr funktionieren.


    Mangels Ortskenntnis entsprechen die Eindrücke dem, was man als kunstgeschichtlich Interessierter in gut drei Stunden inklusive Kaffepause so von Zittau zu sehen bekommen kann, wenn man sich einfach durch die Straßen treiben lässt – besondere Präferenzen bei der Motivauswahl bestanden nicht. Dennoch habe ich sicher das eine oder andere vergessen, so etwa einige Kirchen, den heute mehr denn je desaströsen Südwesten der Altstadt, der hier nur angeschnitten werden soll, sowie die Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts. Bewusst etwas ausgelassen habe ich jedoch nicht.


    Die Kommentare habe ich daher nach bestem Wissen und Gewissen mit Google Maps / StreetView, Bing Maps, Wikipedia und diversen Kunstführern recherchiert. Bei einigen Gelegenheiten habe ich auf historische Vergleichsbilder vor 1942 von Bildindex.de oder Wikipedia verlinkt. Die Fotos sind mit der Canon EOS 1Ds Mark II und dem Canon EF 24-70mm 2.8 L USM entstanden, stellenweise steht wie üblich die topografische Zusammengehörigkeit der Bilder über ihrer realen Chronologie.


    Fotos & Kommentar


    Los geht es am Marktplatz, hier einfach „Markt“, der relativ zentral als längsrechteckiger Platz im annähernd runden Stadtgrundriss zu lokalisieren ist. Die Nordseite bestimmt die Zittau-typische Mischung aus Barock, Klassizismus und Historismus. Das zweite Haus von links Markt 10, die Stadt-Apotheke, im Kern 1707, Fassade nach Siebenjährigem Krieg gegen 1760 erneuert; das zweite Haus von rechts, Markt 4, das sogenannte Noacksche Haus, 1689 für den damals reichsten Kaufmann Zittaus, Andreas Noack errichtet, eines der bedeutendsten frühbarocken, aber auch das Dresden seiner Zeit rezipierenden Bürgerhäuser Sachsens.



    (Bildlinks inaktiv)

    Den Rüstungen und Kostümen nach hätte ich das Ganze jetzt mal grob in die 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts gesteckt. Da sich der Maler zeitgemäß sklavisch an Architekturformen der Gotik gehalten hat wohl sogar ein Ereignis des 1. Viertels des 16. Jahrhunderts. Das wenige, was man an Architektur sehen kann, gehört eher in nördliche Frankreich respektive Belgien / die Niederlande denn nach Spanien oder Südfrankreich.

    Es handelt sich um das Eckhaus Brunnenstraße (Nr. 2) / Markt 22, Kern 1534, Fassade wohl so gegen 1760 (links, Bild Juni 2011):



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    Der Rohdecan Architekten GmbH-Entwurf ist städtebaulich gar nicht so schlecht, da er in weiten Teilen, im Gegensatz zu allen anderen Entwürfen, die Idee des geschlossenen Blockrands wieder aufgreift, was man anbetrachts der Leitbilder der vergangenen Jahrzehnte geradezu als Tabubruch bezeichnen muss. Weswegen er wohl auch auf dem zweiten Platz gelandet ist. Die Architektur der Bauten ist natürlich wie beim Rest unter aller Kanone.

    Ich sehe jetzt erst bei Durchsicht und Zusammenstellung meiner Bilder, dass 2013 das Haus Innere Weberstraße 37 abgerissen wurde, das als Eckhaus den Auftakt der Inneren Weberstraße bildete (rechts, Bild Juni 2011):



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    Das ist wirklich verdammt bitter, gerade, weil man sich seitens der Stadt der städtebaulichen Bedeutung wohl bewusst war und die Fassade erhalten wollte, die dann aber beim Abbruch in sich zusammengebrochen ist. Damit klafft jetzt in einer der vier wichtigsten Ausfallstraßen der Stadt eine riesige Lücke und man blickt auf eine Brandwand. Und das anschließende Haus ist ebenfalls in nicht gerade bestem Zustand. Das einzig positive, was man hier noch abgewinnen kann, ist, dass man zumindest eine Fassadenrekonstruktion mit industriellen Mitteln aufgrund der in Sachsen vorhandenen Handwerksbetriebe relativ leicht bewerkstelligen könnte.

    So siehts aus. Selbst das perforierte Zittau ist immer noch schöner und authentischer als 99 % aller vergleichbar großen Städte in den alten Bundesländern mit ihren hässlichen Kisten der 1960er und 1970er Jahre, den Plastikfenstern, den Baumarkttüren und den kaputt gedämmten Fassaden. Ich hoffe, demnächst mal endlich meine schon aus 2011 stammenden Bilder von Zittau zwecks einer umfassenden Galerie einstellen zu können.

    Das ist aber kein spezifisch Dresdner Problem. Hier in Frankfurt am Main, das ja nun nicht gerade über mangelnden Zuwachs klagen kann, haben in den letzten Jahren auch die bedeutendsten Clubs zugemacht, viele davon solche, die gerade für die Entwicklung der elektronischen Musik von legendärem Ruf (Cocoon, U60311) waren. Aus was für Gründen auch immer scheint der klassische Club ausgedient zu haben.