Posts by Himmelsrichtungen

    @ Volker,


    das Foto markiert denn schon die Metamorphose des Berliner Alex, beginnend vom gut gestalteten Grund und dann dem Aufbauen darauf bis hin zum heutigen oder künftigen -pardon- Missverständnis, den Menschen mit einem Vogel zu verwechseln oder dass wir den Umstand vollbringen müssen, die Architektur immer nur aus gehöriger Ferne zu betrachten.


    Wer die Entrücktheit nicht will und die eigene Blickperspektive nicht mit derjenigen eines Vogels verwechselt, kann nach meiner Empfindung eigentlich nur erschlagen sein.


    Im Grunde genommen wird am Alex der Grundkonflikt zwischen dem US-amerikanischen Städtebau und dem europäischen Städtebau ausgetragen, dem klassischen Sinnbild der europäischen Stadt, wie wir es von den Zentren in Prag, Rom und Lissabon, von Budapest, Köln und Hamburg, von Wien und München her kennen. Kein Hochhaus darf höher sein als die Münchner Frauenkirche, so wurde für mich recht weise in München seinerzeit entschieden, Hamburg tat gut daran, seine wenigen in der Innenstadt stehenden Hochhäuser nicht in Sichtkonkurrenz zu den stadtildprägenden Kirchen und zum Rathaus treten zu lassen und den Kölnern wurde es erst seitens der UNESCO beschieden, dass der Kölner Dom nicht nur zu sehen sein muss, sondern auch rundherum sein Wirkungsfeld braucht. D. h. bis hin nach Deutz.


    Für mich ist das beileibe nicht nur eine Frage der empfunden ansprechenden oder der anspruchslosen Ästhetik, mit gleicher Berechtigung geht es auch um grundsätzliche Bauhöhen und die in Aussicht gestellte Massivität, die sich daraus ergibt. Die Vorstellung, dass es erst einmal eine Ansammlung von Höhenkonkurrenten braucht, damit Aufmerksamkeit und Erfolg sich einstellt, halte ich für genauso verfehlt, wie dass erst einmal ein Kracher (!) bei Manager- und Fußballprofi-Entgelten da sein muss, um das Entsprechende dauerhaft in den Schlagzeilen zu halten. Außer Gebäuden, die sich über sich selbst erheben, außer dass Mäntel, die eh schon zu groß sind, künftig noch weiter über Kopf und Kragen gehen, wird da nichts rauskommen. Mit der dahingeschiedenen 5 Millionen-Einwohner-Vision sollte auch die Ehrlichkeit da sein, dass Manhattan kein nachahmenswertes, eher schon ein bedauernswertes Beispiel des menschlichen Städtebaus ist. Um so fataler ist es m. E., wenn in Berlin gerade einmal 700 Meter vom neu erbauten Berliner Schloss (/Humboldtforum) eine ganze Batterie Hochhäuser das Kerngebiet der Stadt nach Osten hin faktisch abriegelt.



    Was den Kernbereich der Stadt angeht, werde ich überzeugter klassischer Europäer bleiben. Nicht zuletzt geht es auch um die Achtung der 1969 in die Höhe gebrachten Dominante ...


    - mit der zeugnisgebenden Aussage, dass sie und ihr Lager die Ersten waren, die mit dem Sputnik "da oben" waren, heute unpolitischeres Sinnbild des "i" in einschlägigen Berlin-Magazinen -


    ... auch wenn die DDR selbst es war, die meinte, einen Steinwurf vom Fuße noch eine Höhenkonkurrenz hinstellen zu müssen

    Im Fall Stefan Kramer muss wohl angemerkt werden, dass er sich nicht auf den Marktplatz gestellt hat und keineswegs gefordert hat, dass die Garnisonkirche nicht gebaut werden soll, vielmehr war das ja ein zurückhaltend vorgebrachter Punkt in einer Stellungnahme, in der es um das städtische Gedenkkonzept ging. Erfrischender hat sich da schon Walter Homolka geäußert, Leiter des Abraham-Geiger-Kollegs, der von Berührungsängsten nun überhaupt nichts hält.


    Aufschlussreich in anderer Hinsicht ist übrigens eine Stellungnahme von Martin Vogel, wenngleich auch als Mitglied durchaus parteiisch, was allerdings die Klarheit keineswegs trübt: Er sprach von doppelter Religionsfreiheit, die wir gemeinhin ja auch aus anderen Zusammenhängen kennen. Niemand darf zur Religion gezwungen werden -in diesem Sinn also frei von Religion- und es besteht die Freiheit zur Religion, die folglich auch unter spezifischem Schutz stehe. Übersetzt auf den Bau der Garnisonkirche: 1. Niemand werde zukünftig gezwungen sein, Gottesdienste zu besuchen und sich Orgelkonzerte anzuhören oder vom Turm aus die Stadt zu beschauen. 2. Die Freiheit zur Religion weist nun die Kirche als Bauherr ihrer Kirche aus und damit auch ihrer inneren und äußeren Gestaltung.


    Nicht nur ein formales Argument. Wäre es nicht ein glattes Missverständnis von Demokratie, dass die augenblicklich im Lokal anwesenden Gäste per Mehrheitsentscheid bestimmen, dass für den heutigen Abend nur Bier getrunken werden dürfe, per TED-Umfrage entschieden wird, ob der per N 24 sichtbare Delinquent nun wegen seines guten Eindrucks laufengelassen oder aber im Knast verschimmeln soll?

    Wieder einmal zeigt sich die "bedingte Inkompatiblität" von 5 Jahres-Wahlperioden und einer Baukultur, die demgegenüber auf längere Zeitperioden hin ausgerichtet ist. Im Ernst ist das Gros der Stadtverordneten aus hier bezeichneten immanenten Gründen wieder einmal an dieser Aufgabe gescheitert. Das soll keine Herablassung und keine Häme sein, nur eben, dass die Fraktionierungen, die vorgenommen wurden, wohl von niemand Außenstehenden nachvollzogen werden können. Für mich bleibt es offen, wie sich die Stadtverordneten entschieden hätten, wäre der faktische Fraktionszwang aufgehoben und wäre wirklich im Sinne einer PERSÖNLICHEN Überzeugung und nicht nach Partei- und Fraktionsräson entschieden worden.


    Was für den Lustgarten als der ältesten und damit eigentlich bedeutungsstiftendsten Potsdamer Gartenanlage gilt, trifft etwas variiert auch auf den Platz der Einheit zu (den früheren Wilhelmplatz), an dessen Südwest-Ecke ja die Alte Post liegt: Im Grunde genommen ist der Platz "Scharnier" zwischen der Schlossfreiheit und der Zweiten Barocken Stadterweiterung, zu der die DDR die Innenstadt von Potsdam eingedampft hat. Wie der Lustgarten hat auch der Platz der Einheit maßlose Zerstörungen hinter sich, während des Krieges, schon zur NS-Zeit in Form der architektonischen Enthauptung der Reichspost, um eine einheitliche Höhelinie am Platz hinzubekommen, durch anspruchslose Neubebauung nach dem Krieg, durch den Beschluss, dass im Zuge eines Kompromisses die Stadt- und Landesbibliotheken auf der Südseite des Platzes modern umgebaut wurde, wie auch durch die Wilhelmgalerie, die dasjenige ist, was der IHK-Bau für die Breite Straße ist: Woanders von der Kubatur her ein ansehnlicher Bau, hier an dieser Stelle jedoch in der groben Rasterung erschlagend.


    Ich glaube einfach, dass der Mehrheit der Stadtverordneten neben den politischen Ränkespielen, die da waren, schlichtweg die Anschauung, das Wissen und die Sinne gefehlt hat, sodass zugunsten der geschäftlichen Nutzung entschieden und zu wenig auf die langfristigen Folgen geachtet wurde. Schon der Zustand der Brandenburger Straße mit den bloß pro Forma eingehaltenen Werbeauslegern an der Fassade, die sich in den allerseltensten Fällen auf die Fassade selbst beziehen, zeigt sich im Grunde genommen die Gleichgültigkeit gegenüber der historischen Bausubstanz schon "im geschäftlichen Kleinen". Die Verunstaltung durch zugeklebte Schaufenster und dass die Fenster auch im Obergeschoss zur verglasten Hintergrundfläche für Werbung dienen, zeigt dies auch. Auch der derzeitige Zustand des Platzes der Einheit als zweckmäßige Wiese zum Aufenthalt von Jugendlichen und als rein technische Umsteigeanlage der Straßenbahn hat sicher dazu beigetragen. Dass technische Funktion mit hoher Gestaltung zusammengehen, beweisen bei der Tram zahllose Beispiele aus Frankreich.


    Mit dem Stadtkanal an der Südseite des Platzes, mit der Fahrbahnverengung und dem Pflanzen einer weiteren Baumreihe an der Westseite des Platzes und der immerhin halb so breiten Straßenflucht in der Friedrich-Ebert-Straße südlich des Platzes -wäre all dies bereits sichtbar gewesen- hätte die Entscheidung ggf. schon anders ausgesehen. Ist die Entscheidung eine Katastrophe? Für Nichtsahnende wird der Bau -den die Redlichs als "zweite Wahl" bezeichnet haben- weder im Positiiven noch im Negativen herausragen, die Eingeweihten wissen um die vertane Chance.

    @ Agon,


    da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: die stärkere Konfessionslosigkeit, die zweifellos eine Rolle spielt. Allerdings gilt das für Sachsen nicht in geringerem Maße.


    Recht frappierend ist, dass selbst erklärte Atheisten teilweise voller Faszination wieder Kirchenbauten betreten, wo das doch "vorher" noch ein Sakrileg darstellte. Allerdings -so mein Eindruck- ist dann die PERSÖNLICHE Faszination wiederum gebremst durch den Versuch einer wissenschaftlichen Einordnung, durch den Versuch einer rationalen Erklärung des Gesamten.


    Immer noch hat sich -hier gemeint auch im baulichen und nicht nur sprichwörtlichen Sinne- im vglw. hohen Maße die Herrschaft der schnörkellosen Vernunft gehalten, die ein Wiedererstehen "vorwissenschaftlicher", eigentlich ja doch "dekadenter" Baupraktiken geradezu verbietet. Es mag für die stärkere Verwurzeltheit der Dresdner sprechen, die zweifellos über Jahrhunderte hinweg die größere Kontinuität aufweisen, das ein Stück weit anders zu sehen, gegen den Wiederaufbau nicht zu wettern, sich dann mit ihm doch zu arrangieren.

    Hallo Himmelsrichtungen,


    Diese "Große Idee" von Potsdam ist aber wohl leider nur noch für wenige Menschen von Interesse, wovon viele hier im Forum versammelt sind. Das merke ich einerseits an eher geringen Zugriffszahlen auf unsere Seite. ... so ist letztlich nur der Wiederaufbau der Stadtschlossfassaden von allgemeinem Interesse. Stadtkanal, Alter Markt, Historische Mitte Potsdam und leider auch Garnisonkirche werden nur bedingt nachgefragt. ... Das Verhältnis Garnisonkirche Potsdam zu Frauenkirche Dresden ist beispielsweise ca. 1:20 oder größer. Damit ist das Einsammeln der Spendengelder für die Kirche eher schwierig. Das Verhältnis "Alter Markt" Potsdam zu Neumarkt Dresden liegt gar bei 1:35! Woher das geringe Interesse kommt vermag ich nicht zu sagen. Dem Stadtschloss kann man zu gute halten, das es seit 2 Jahren im Stadtbild gewachsen ist, von den anderen Dingen sieht man im Stadtbild eher wenig, daran allein kann es aber nicht liegen. Hier mal eine Analyse zu betreiben könnte echt spannend sein. Insofern ist mein Optimismus zu Wiederaufnahme der Alten Wurzeln des Potsdamer Stadtbildes sehr gedämpft worden. Es braucht eine breite Basis bürgerschaftlichen Willens, diese historischen Wurzeln wieder aufzunehmen, den im Detail sind die Sachen dann oftmals viel schwieriger zu lösen, als allgemein vermutet.


    Hallo Andreas,


    Dazu:
    Wie ich das erlebe, ist die Bewohnerschaft Gesamt-Potsdams viel zerrissener, zumindest zerteilter in diesen Fragen als es bei der Bewohnerschaft von Dresden erscheint. Gewiss gab es Umfragen am Beginn der Idee, die Frauenkirche wieder aufzubauen, die besagten, dass 10 % sich für den Wiederaufbau der Frauenkirche erwärmen konnten, 90 % allerdings nicht. Weit gefehlt allerdings wäre es, aus diesem "Nicht-Erwärmen" eine 90 %ige Ablehnung zu schließen. Viele schauten mit zunächst geringem Interesse zu und das Interesse wuchs ja offenbar mit dem Bauprozess.


    In Potsdam scheint das vielmehr von einem Ost-West-Konflikt überlagert zu sein, als dem Kern der Stadt wirklich gleich des Systems auf die Spuren zu kommen. Dabei ist die Idee der Wiederannäherung an den historischen Stadtgrundriss zu 99 % eine ostdeutsche Idee, eine Idee der DDR-Bürgerrechtsbewegung, als dass bereits zugezogene Westdeutsche da ihren Einfluss geltend gemacht hätten.


    Um es von meiner Seite auszudrücken: MIr ist es zunächst schnurzpiepegal, wer das Unförmige in die Stadt hineingesetzt und hineingeschlagen hat, wenn ich weiß, dass die städtebauliche Idee nach dem Krieg weit mehr systemübergreifend war als dass denn die hochgehaltene Trennung der Systeme darin ihren Ausdruck gefunden hätte. Dann erst -von dieser Basis ausgehend- gibt es etwas Spezifisches im Westen und im Osten. Im Westen: Dass mit größerer finanzieller Potenz Profanbauten vernichtet wurden, stadtbildprägende Kirchen und Schlösser vglw. eher von der Überformung des Stadtgrundrisses verschont blieben, im Osten war es -aufgrund geringerer finanzieller Potenz und erklärter politischer Gegnerschaft- eher umgekehrt.


    Insofern ist geradezu ein Paradoxon entstanden: Alles in allem -wenngleich auch anfänglich wider Willen und faktisch überwiegend in einem erbärmlichen Zustand- ist im erklärten Neuen Deutschland mehr alte Bausubstanz stehen geblieben als im anderen, freiheitlicheren Deutschland, das mehr alte Bausubstanz dem Erdboden gleichmachte als im Krieg zerstört wurde.


    Die Fortsetzung eines 40-jährigen Staates der Gegnerschaft, in ausgesprochener Berlin-Nähe, mit allem was damit verbunden ist: Alle irgendwie mit Herrschaft verbundenen Gebäude scheinen spezifisch in Potsdam unter einen Generalverdacht gestellt zu werden, dass mit ihnen zugleich die alte Vorkriegsherrschaft errichtet werden würde. Dies ist zumeist unausgesprochen, doch nicht minder wirksam, in den wenigsten Fällen -einer spezifischen Szene- ausgesprochen.


    Potsdam lebt und blüht auf durch Zugezogene, auch und gerade durch Menschen aus Westdeutschland. Und es leidet zugleich unter einigen von ihnen -einer Minderheit gewiss- die sich redlich "Mühe" geben, dem Zerrbild zu entsprechen, dass ansonsten von den Zugezogenen weitestgehend zu Unrecht gezeichnet wird.


    Beste und freundliche Grüße gleichfalls ... und dass sich hoffentlich noch weitere Finanzquellen auftun.
    Himmelsrichtungen

    Hallo Andreas,


    das Erste hatte ich in der Tat nicht recherchiert, also danke für den Hinweis!


    Die Einschätzungen teile ich soweit, das Verkehrsproblem braucht einen langen Atem, es wird wohl nur über ein geändertes Verkehrsverhalten gehen in Vergegenwärtigung allesamt aller zur Verfügung stehender Verkehrsarten. In puncto Straßenbahn und Bus geht Potsdam meines Erachtens recht phantasielos zu Werke, vergleiche ich beispielsweise die Straßenbahnführung durch das Erfurter Brühl - und die Erschließung per Auto zielgerichtet dennoch - und die recht großdimensionierte Straßenbahn- und Busführung entlang der südlichen Friedrich-Ebert-Straße. Das betrifft übrigens auch die klobigen Fahrleitungsmasten der Straßenbahn und die Hochkette (also hochstehende Doppelfahrleitung) anstatt filigranerer Masten und einer Einfachfahrleitung. Im Vergleich zu französischen Städten, wo sich hochmoderne Bahnen mit ihren geradezu futuristischen Anlagen zugleich sorgsam und äußerst filigran in den jeweiligen Straßenraum einfügen, scheint es in Potsdam so, als hätte die Deutsche Bahn AG eine ICE-Trasse entlang des Stadtschlosses und der Friedrich-Ebert-Straße durchgeschossen.


    Eine zweispurige Verkehrsführung, die Straßenbahn dabei in die Straßenmitte integriert bei entgegengesetzter Einbahnstraßenführung per Auto (siehe Erfurter Brühl) hätte das Ziel ebenso erreicht und die Acht-Ecken-Kreuzung wäre 1:1 wiedererstanden. In dieser genannten Hinsicht hielte ich das "Loch", also die Unterbrechung der Ringerkolonnaden zu verschmerzen, anstatt die Straßenbahnen (und Busse) in heute selbstverständlich dichterem Takt über den Alten Markt zu führen.


    Freundliche und beste Grüße gleichfalls

    @ Arstempano, 7. Febr. 2013,


    Hallo Andreas,


    wer die Gesamtkomposition erfahren will und nicht das Bruchstückhafte, Isolierte von heute, der muss unbedingt die Visualisierung des 1713er Zustandes sehen! Nicht, um ihn 1 : 1 wieder herzustellen (was wohl illusionär ist), sondern um sich so weit wie möglich ihm anzunähern und was nicht als Annäherung getan werden kann, als unabdingbaren Verlust zu erleben.


    Insofern auch dafür DANKE.


    Zur gestellten Frage: So hundertprozentig richtig wird keine der beiden Antworten sein.
    Beides,Stadtschloss und Lustgarten, gehört ja eigentlich untrennbar zusammen und es wird doch andererseits -vielleicht ausgehend vom zerschnittenen baulichen Zustand der hineingeschlagenen Verkehrsachse- getrennt diskutiert.


    Ich persönlich bin für die Variante, den Lustgarten für sich zu diskutieren und von dieser Warte aus dann praktisch den Bogen zum Stadtschloss zu schlagen. Dem liegt der analoge Gedanken zugrunde wie beim Verhältnis vom Park und Schloss Sanssouci, vom Park und Schloss Babelsberg: Für uns heute vielleicht fremd vorkommend, war das Schloss im Grunde genommen Teil der Garten-Gesamtkomposition, als dass der Garten bloße Dreinfügung des Schlosses gewesen wäre, als was es die nachfolgenden Generationen faktisch missverstanden.


    Insofern hat der Lustgarten im Laufe der Jahre von 1713 beginnend fünf Zerstörungen erlebt:


    1. Die Einebnung des nördlichen Teils infolge der napoleonischen Okkupation und der Aufrüstung des preußischen Militärstaates
    2. Die Höherlegung des Eisenbahndammes vor gut 100 Jahren, während die allererste Führung 1838/46 als ebenerdige Anlage die südiche Wasserseite noch nicht einschürte
    3. Der Bau des Stadions in der Nachkriegszeit als ein ganz wesentlicher Einschnitt, sodass der ursprüngliche Lustgarten zu nichts anderes herabgewürdigt wurde als zu einem bloßen Abstandsgrün
    4. Der Bau der Hauptverkehrsachse mitsamt siebenspuriger Straßengabelung, die Vernichtung des Stadtschlosses und die Trennung vom ehemaligen Orangerie-Gebäude 1960/61
    5. Der Bau des 17 stöckigen, 60 Meter hohen Interhotel Stadt Potsdam, heutiges Mercure. Ursprünglich nicht als Solitär gedacht, sondern als erstes von einer ganzen Reihe von Hochhäusern entlang der so bez. sozialistischen Magistrale, wobei die anderen allerdings wegen Einwände des DDR-Denkmalschutzes schon seinerzeit nicht gebaut wurden. (Dafür ging´s dann als "Ausgleich" in die Neustädter Havelbucht hinein. Das macht auch den Charakter als Fremdkörper aus, weil der Bezugsrahmen ein anderer und noch fürchterlicherer hätte sein sollen. Das Magistralen-Denken war allerdings nicht allein ein Problem der DDR, was das nicht unbedingt besser macht.


    Das Stadion ist zurückgebaut und abgerissen, der so bezeichnete neue Lustgarten ist an seiner Stelle entstanden, was gewiss ein großer Fortschritt gegenüber der gänzlichen Zerstörung und zum nach Süden hin reichenden Hotel-Abstandsgrün vorher ist. Die sechs- bis siebenspurige Autoverkehrsgabel ist an dieser Stelle zu einer vierspurigen Autostraße zurückgebaut worden, auch das noch verbliebene Straßenmonstrum nach Westen hin wird auf diese geringere Breite gebracht werden. Ein weiterer Straßenrückbau unterhalb von vier Spuren wird auf absehbare Zeit nicht drin sein. Das Wesentliche wird wohl sein, dass das Hotel nicht noch weitere Jahrzehnte zwischen Stadtschloss bzw. der Orangerie / dem heutigen Filmmuseum und dem Lustgarten steht.


    Ist die Diskussion um den Winkens-Winkel am Neptunbecken gegenüber der Existenz des Hotelmonstrums nicht geradezu luxuriös?
    Das ist m. E. zu pragmatisch und zu kurzsichtig gedacht. Auch wenn "realistisch" gesehen angesichts der heutigen Baukultur der Flotten-Neubau den Hotelbau nicht überleben wird, so kann aus dem Aneinander-Maßstab-Nehmen eines städtebaulich Üblen nichts Gutes werden.

    zum Beitrag von @ Armin,


    und vielen Dank, @ Arstempano (Andreas),


    für die unendliche Mühe angesichts dieser Visualisierungen und ich hoffe, dass das Ergebnis all die Mühen mehr als entlohnt. Dies vielleicht etwas im Gegensatz zu heutigen Auftrags-Mühen, bei denen sich das Gefühl einer INNEREN Erfülltheit angesichts der bloßen abverlangten Zurschaustellung oder eben des Nichtssagenden so nicht einzustellen kann.


    Wie gehen Menschen nun damit um?


    Spüren sie den Reichtum, spüren sie die Begeisterung angesichts des Filigranen? Analog wie nachhaltige Begeisterung weniger aus dem augenblicklich Lärmenden und flugs wieder Vergehenden, sondern bleibende Begeisterung aus dem empfindsamen Zusammenspiel bei der Musik her rührt?
    Spüren sie den Verlust, wenn wir sehen, dass all dies nicht mehr ist und erst durch diese Verlustempfindung wir wirklich motiviert sein können, Menschenmögliches zu tun, möglichst viel davon wieder empfindsam wieder auferstehen zu lassen, um es einmal als österliches Sinnbild zu formulieren?
    Oder spüren Menschen gar ein Befremden -wie bspw. jüngst der Potsdamer Baubeigordnete- weil doch auf all den Visualisierungen und auf all den Stichen zum Lustgarten nur Gartenbaukunst, aber kein Mensch drauf zu sehen ist?


    Ist es Zwang, die von hervorragenden Stadtbaumeistern entworfenen Straßen nachzugehen?
    Ist es Zwang, ein komplexes Notensystem einzuüben, angesichts dessen, dass es nur dann wirklich wirkt, wenn Halbtöne nicht übergangen werden?
    Ist es Zwang, sich mit Dichtkunst zu beschäftigen, wo der Satzbau überaus filigraner, doch eben auch überaus komplizierter ist als gemeinhin gesprochen?
    Oder ist es Zwang für diejenigen, die den Blick, die das Gehör, die die Geduld, das Komplizierte zu lesen, nicht aufbringen wollen?


    Ich weiß nicht, wie viel wir erreichen werden zu unserer Zeit. Ich weiß nur, dass es einen Schönheitssinn gibt, der mehr bewegt als alle Statistiken und Untersuchungen zusammengenommen. Neben dem, dass viele Menschen die Stadt seit gut 30 Jahren wieder mit anderen Augen sehen als in ihr bloß einen möglichst effizienten verkehrstechnischen Ablauf zu sehen, demzufolge in den Straßenraum hervor ragende Gebäude da doch nur störten (Musterbeispiel Garnisonkirche), neben diesem ist - beispielsweise- die Hinwendung zur Straßenbahn als originär städtischem Verkehrsmittel weit mehr auf visueller Ebene als bloß auf der Ebene verkehrlicher NOTwendigkeit geschehen.


    Waren es nicht die vom Design her ansprechenden Fahrzeuge aus Frankreich, die für alle endgültig klar machten, dass es nicht mehr um die alte quietschende Bimmelbahn ging, sondern um eine kaum hörbare Bahn mit ebenerdigen Einstieg, dass Schienen und Oberleistung Teil der Stadtkunst sein können denn bloße Kostenträger, die die Straßenbahn im Vergleich zum Bus jahrzehntelang bis dato in den Nachteil setzten?


    Wenn ein Werk Mozarts verschollen wäre, würden Menschen alles dran setzen, es wieder aufzufinden und es zu rekonstruieren.
    Wäre es bei einem Werk Goethes gleichfalls so, dann auch das.
    Empfinden wir den KON-TEXT einer Stadt, gibt es keinen Grund, dahinter zurück zu bleiben.


    In diesem Sinne nochmals vielen Dank.

    Von Hamburg aus gedacht fallen mir da folgende Kleinstädte ein:


    1. Wismar


    In gut eineinhalb bis zwei Stunden erreichbar (Erstes über Schwerin, Zweites über Lübeck). Alte Tradition. Die Stadt hat ihren Kern sehr gut bewahrt. Der Restaurierungsstand ist unterschiedlich. Die Stadt hat von den Wegen (viele kleine Fußwege und -stiege in ihr) sehr viel Vorleistungen erbracht, allerdings gibt es, was die Häuser angeht, immer noch argen Verzug der Hauseigentümer und -verwaltungen. Sehenswert die Wasserkante und dort, wo ein Wohnen am Wasser ist. Alte Hansestadt und -unter anderem- seinerzeit ein Drehort des Filmes Nosferatu. Stammhaus - man mag es kaum glauben - von Karstadt am ausgeschilderten Rudolf-Karstadt-Platz. Das weist schon auf die seinerzeitige geschäftliche und handelsmäßige Bedeutung der Stadt hin und dass sie bis 1881 schwedisch war.


    Über die Grundstückspreise weiß ich nichts, könnte mir aber vorstellen, dass sie im Zuge fortschreitender Restaurierung und weil die Stadt einer der sieben deutschen Hansestädte ist (mit Titel), am Anziehen sind. Die Stadt wirkt zumindest ab Frühjahr bis Herbst keineswegs tot, hat wenn´s wärmer wird, nach meiner Beobachtung einer quirliges Straßenleben.


    2. Boizenburg


    Recht klein und eher wohl von der Durchfahrt bekannt. Vom Bahnhof aus ist die Stadt nicht recht zu sehen, von der Umgehungsstraße der B 5 auch nicht. Allerdings hat die Stadt ihre Reize und hat schon recht viele Sanierungen zu bieten. Wer an einem Mindestmaß von Straßenleben interessiert ist, für den ist es allerdings zu wenig. Fahrzeit nach Hamburg: sagenhafte 50 Minuten.


    3. Wittenberge


    Wird ja manchmal - versehentlich - mit der Lutherstadt Wittenberg verwechselt, hat aber eigentlich nie diese Bedeutung erlangt. Von daher war die Stadt auch nie so üppig ausgefallen. Ort am Schnittpunkt von Wegen, Industrieanlagen, die die Stadt teilweise überformt und teilweise auch zerrissen haben. Zu DDR-Zeiten wichtiger Umsteigebahnhof, nach der Wende in Dornröschenschlaf verfallen, vor allem wegen des Niedergangs der Industrie und weil die DDR-abgrenzende Verbindung Halle - Magdeburg - Schwerin - Rostock total weggebrochen ist. Die Stadt versucht, den Elbehafen (Stadthafen) international als Bauprojekt zu vermarkten. Ergebnis offen, es bleibt also abzuwarten. Eine Angelegenheit des Schauens und der Gewahrwerdung: So mancher aus dem brandenburgischen (Potsdamer) Ministerium muss allerdings erst auf die Landkarte schauen, um zu sehen, dass Wittenberge nordwestlicher Zipfel des Landes Brandenburg ist.


    Wer an einem Mindestmaß von Straßenleben interessiert ist, muss - wenn es überhaupt sich einstellt - wohl noch einige Zeit warten.


    4. Salzwedel


    Liegt schon in Sachsen-Anhalt und ist über Uelzen mit der Bahn zu erreichen, die Fahrt dauert ziemlich genau eineinhalb Stunden.
    Wie der Name schon erahnen lässt, war die Stadt seinerzeit sehr reich und das ist auch heute noch am Stadtbild erkennbar. Sie lag am Schnittpunkt zahlloser Wege und war bis zur Wende Kreuzungspunkt dreier seit ca. 100 Jahren existierender Eisenbahnlinien, die allerdings bis auf eine eingestellt sind. Der Restaurierungsstand in der Fußgängerzone ist schon weit fortgeschritten. Straßenleben ähnlich wie Wismar. Perspektive ungewiss.


    Über die Grundstückspreise habe ich nicht recherchiert, könnte mir aber denken, dass sie in den Fällen 2, 3 und 4 noch gut erschwinglich sind. Bei 1 würde ich die Wasserkante klar davon ausnehmen.

    @ Feinslieb,


    dem Dank an den Einsteller schließe ich mich selbstverständlich auch an.


    Ihre Frage nach der Zahl der denkmalgeschützten Gebäude kann wahrscheinlich eher ein Erfurter beantworten - der ich nicht bin -, dennoch einige Anmerkungen zu Erfurt, die ggf. das Verständnis der Stadt erleichtern:


    Erfurt ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Entscheidungen Einzelner oder auch kleiner Gruppen sehr wohl Weichenstellungen herbeiführen können. Meines Wissens ist die Stadt kurz vor Ende des 2. Weltkrieges weitgehend kampflos übergeben worden. Das heißt, bevor sie zerbombt und zerschossen wurde. Vielleicht war das Treffen von Willy Brandt und Willi Stoph in Erfurt 1970 mitentscheidend dafür, dass Erfurt von Umgestaltungsvisionen in Richtung sozialistische Bezirkshauptstadt verschont geblieben ist. Außer einem ziemlich großdimensionierten Autoverkehrsring entlang des Stadtgrabens und einem Hochhausriegel an Teilen des Stadtrings sind innerstädtisch keine Bausünden zu beklagen, während andere DDR-Bezirkshauptstädte wie Magdeburg, Potsdam, Suhl, Frankfurt (Oder), das seinerzeitige Karl-Marx-Stadt und in Dresden das rechte Elbufer vergleichsweise weniger Glück hatten.


    Für mich weist die Erfurter Altstadt -d. h. das Gebiet innerhalb des Stadtgrabens- eine sehr große Vollständigkeit auf und eine solche Vollständigkeit ist bei Deutschlands Stadtbildern selten. Görlitz wäre da noch gleichauf, Freiburg gewiss und Halle und jene Altstädte, die mittlerweile tatsächlich als UNESCO-Welterbe zählen, wie Lübeck, Wismar, Stralsund, Quedlinburg, Goslar, Bamberg und Regensburg. Dennoch geht die Frage nach der Besonderheit der Stadtanlage. Markant ist die Lage der Stadt am Fuße des Domhügels, die einander entgegengedrehte Lage des Erfurter Doms und der Kirche St. Severi auf dem Domhügel, die Festung Petersberg.


    Die Stadt Erfurt hat es wohl mal versucht, das als Welterbe eintragen zu lassen, ist dann aber nach Vorsignalen aus der UNESCO umgeschwenkt zu einem Antrag bei der UNESCO, markante Zeugnisse der Erfurter Judenverfolgung unweit der Krämerbrücke - übrigens eine der zwei bebauten Brücken nördlich der Alpen - für die Liste vorzuschlagen. Das wird m. W. zurzeit beraten.


    Anders als die Planstädte, die kulturell sicherlich gleichermaßen bedeutend sind, ist Erfurt in meinen Augen Ausdruck aufeinander bezogener bürgerschaftlicher Gestaltung, im besten Sinne ist es eine "naturwüchsige Komposition", innerhalb derer das hinzugefügte Neue sich als Ergänzung des vorgefundenen Alten versteht. Insofern sind Städte wie Erfurt, Görlitz/Zgorzelec und der Reigen der Welterbestädte wie ein aufgeschlagenes Buch, in dem wir nur zu lesen brauchen. "Naturwüchsige Komposition" nicht deshalb, dass ein einzelner genialer Plan das alles vorgesehen hat, sondern Jahrhunderte übergreifend eine Empfindung, eine Intution vorherrschte, was wohlverstandenes Bauen angeht:


    am spezifischen Platz,
    mit den spezifischen Materialien,
    in der spezifischen Zeit,
    mit dem spezifischen Abstand zu walten ...


    ... ohne dass Geltungsansprüche im Sinne vordergründiger und recht aufdringlicher Dominanzversuche gegeneinander konkurrierten. Das vielleicht als Spezifikum der überlieferten europäischen Stadtbilder bzw. der Stadtbilder innerhalb von Deutschland. Dies beispielsweise gegenüber vordergründig konkurrenzbetonten/ -zerfurchten, recht schnellebigen US-amerikanischen Stadtbildern.

    Ich schau hier grad rein, ich bin weder Architekt noch Stadtplaner und habe (somit) auch nicht das erforderliche technische Rüstzeug dazu. Allerdings halte ich mir etwas unbescheiden eine unbefangene Einfühlung zugute.


    Um es kurz zu sagen: Im wahrsten Wortsinne bin ich begeistert.


    Danke will ich sagen mit einem Textauszug - das ist das, was ich hier beisteuern kann - und es ist einer von Martin Mosebach, der ja gleichfalls kein Architekt ist, sondern eben Schriftsteller. Ich zitiere ihn hier, weil mich dieser Text in einem derart hohem Maße gefühlsmäßig angesprochen hat wie die jetzt ins Bild gebrachten Bauten auf diesen Seiten.



    Hier ist eine Aufforderung, wie sie Martin Mosebach ausspricht, gänzlich unnötig, allenfalls die Bezeichnung Idealstadt klingt etwas nach einem Paradoxon angesichts des Spezifischen und damit der Unverwechselbarkeit jedes Ortes. So bleibt es ein phantastisches Spiel ... In diesem Sinne eine spontane Anregung, in die es meiner Empfindung auch noch gehen könnte:


    So gut wie keine Stadt ist nicht am Wasser entstanden. Einige haben sich gegen das Wasser schützen müssen, wenn das Frühjahrshochwasser alles unter Wasser setzte, dementsprechend schmucklos ist dann auch die Wasserkulisse ausgefallen, soweit denn überhaupt eine besteht, andere, mit breiten Flüssen und genügend Ablauf- und Verteilungsmöglichkeiten haben sich auf prominente Ufergestaltungen besonnen. Auch waren ja bis in das frühe 19. Jahrhundert hinein die Wasserwege hierzulande grundsätzlich wichtiger als die Landwege und dies ist ein Umstand, der uns bei der überbordenden Bedeutung der heutigen Landwege recht umfassend aus der Bewusstheit geraten ist.


    D A N K E

    Dem Dank für die wunderbaren Fotos schließe ich mich an.
    Wir waren 2011 dort. Auch waren wir in dem kleinen Museum, was die Geschichte der Stadt erläutert, unweit des Rathauses gelegen.


    Wenn von deutscher Vergangenheit die Rede ist, so muss dies, so glaube ich, etwas übersetzt werden, weil dies auch weitere Städte dieses Gebietes, unter anderem auch die UNESCO-Welterbestadt Cesky Krumlov (Böhmisch Krummau) betrifft. Wem an territorialen Grenzen gelegen ist, wird darin eine unendliche Quelle des Streits finden, wer nach kulturellen Überlagerungen zwischen Böhmen und Bayern, Tschechen, Slowaken und anderen schaut, findet anderes.


    Das kleine Stadtmuseum jedenfalls ist wie viele andere Erklärungs- und Stelltafeln in der Gegend ein Ausdruck tschechisch-deutscher Zusammenarbeit und dies im europäischen Kontext. Im Kontext der transeuropäischen Handelsstraßen, hier eben des Goldenen Steigs von Passau nach Prag. Anders als mit diesen seinerzeit wichtigen transnationalen Handels- und tatsächlichen Begegnungsstraßen, während ja die heutigen nur reine Fahrbahnen sind, ist dieser an und in die Wand gebrachte Reichtum gar nicht erklärbar ...


    Die Herausforderung sehe ich vor allem darin, über die 4 Jahrzehnte verrriegelte und verrammelte Grenze dieser Gegend hinauszudenken, die diese Gegend ja erst in den Schatten hat kommen lassen. So gesehen ist der Grenzfall 1989/90 keineswegs der Schluss- und der Höhepunkt des Zusammenkommens, viel()mehr erst dessen Anfang.

    Ich wäre sehr dafür, die genannten Medien nicht aus eigener, also außenstehender Warte zu beurteilen, sondern den Ausgangspunkt in ihrer sonstigen Position zu nehmen. Von dieser Warte aus zeigen sich eindeutig Verbesserungstendenzen in Richtung Offenheit bei der "taz" und eher das Gegenteil beim auch von mir bevorzugten Deutschlandfunk. Was die "taz" angeht, war das offensichtlich der Beweggrund von Einträger Berliner Vorstadt, den besagten Artikel hier einzustellen.


    Zu meiner gewählten Überschrift:
    Etwas lang geraten, doch ich glaube, unter dem geht´s nicht.


    Der Maßstab, der aufgrund der soldatischen Nutzung, der Waffen und der Fahnen in ihr und dann noch einmal als verheißener so genannter Höhepunkt des Tags von Potsdam an die Garnisonkirchengeschichte angelegt wird, ist schlichtweg unhaltbar. Nicht nur hätten wir keine ägyptischen Pyramiden, wer sich einmal mit der Baugeschichte dort beschäftigt und für nahezu alle Bauten aus den damaligen Zeitperioden würde dies gleichfalls gelten. Wer Brechts "Siebentoriges Theben" als Sinnbild dessen nimmt, was immer zu kurz kommt bei der Würdigung solcher Bauten, hat m. E. Recht darin und wer das als wütende Anklage nimmt, allesamt alles niederzureißen, der lässt die Abrissbirne wüten.


    Insofern befindet sich das Verhalten des militanten Teils der Garnisonkirchengegner gleichauf mit der schlimmsten Periode der SED-Herrschaft, wie sie sich allerdings zur gesamten DDR-Zeit niemals bruchlos durchsetzte. Wo im ehemaligen Preußen bis in die 1970er architektonisches Kopf-Ab exerziert wurde, wurde in Sachsen mit dem im Krieg weitaus zerstörteren Zwinger schon mal etwas historisch rekonstruiert.


    Es scheint teilweise modern geworden zu sein, aufgrund welcher teilweise zutreffender oder nicht zutreffender Anwürfe auch immer die Umkehrung des rechtsstaatlichen Prinzips einzufordern und die Aufbaubefürworter und Befürworter einer originalgetreuer Rekonstruktion die Beweise dafür erbringen zu lassen, dass die betreffenden Gebäude geschichtlich unbelastet wären. Schon dieses Ansinnen sollte im Sinne der eineinhalb Jahrtausend geltenden Unschuldsvermutung zurückgewiesen werden.


    Ein Gebäude, was stadtbildprägend war und was sichtbar schön war - was selbst die hartnäckigsten Gegner nicht bestreiten - kann nur wieder aufgebaut werden, so eine Stadt denn etwas auf sich hält. Daran, am Auf-sich-Halten, habe ich allerdings in Potsdam manchmal so meine Zweifel. Zu vieles wird eher missmutig getan, als dass da bei den maßgeblichen Akteuren Herzblut waltet und die Liebe zur Stadt erkennbar wäre.


    Zur Garnisonkirche noch einmal selber, die darin "Eingeweihten" mögen dies überlesen:
    Diese Stelle, wo sie stand und wo sie bis 2017 hoffentlich wieder stehen wird, diese Stelle betrachte ich als Scharnier. Während Menschen heute all zu sehr von der großspurigen 1960er-Jahre-Autoverkehrsachse vereinnahmt sind, war hier der Abschluss des Kernbereichs der Stadt. Nach Westen hin die Neustädter Erweiterung, nach Norden hin die Erste und Zweite Barocke Stadterweiterung.


    Das Projekt des Wiederaufbaus der Garnisonkirche ist Bestandteil eines Stadtumbaus, der die geschichtliche Spuren wieder erkennbar macht, anstatt sie durch eine erdrückende (nicht etwas hinzufügende) Moderne bis hin zur Unkenntlichkeit zu überformen. Erst mit der Wiedergewinnung der Plantage und des Wiederaufbaus des Langen Stalls quer zu ihr in Form der historischen Gestaltung, anstatt dass da ein 1960er Jahre-Abstandsgrün ist, gewinnt sie ihren räumlichen Bezug. Gleich so mit der Wiedererrichtung des Stadtkanals in eben diesem Zeitraum. Scharnier auch um die Ecke rum: Es ist gut, dass schon mal dieser Teil der Breiten Straße seine Martialität verliert und durch Einbettung in Bäume wieder das wird, was die Breite Straße mal war: Vor allem Straße und dann erst Fahrbahn zu sein. Was ich mir sehr wünschen würde, ist, dass Gebäude, deren Architektur an der martialischen Autoverkehrsachse ausgerichtet sind, wenigstens wieder farblich zu Kleinteiligkeit kämen. Das betrifft neben den monoton grau eingefärbten Wohnheimen des Studentenwerks auch den Nachwendebau der Industrie- und Handelskammer. Während Erstgenanntes mich sprachlos macht, die vorher schon waltende Ungestalt noch übertreffen zu wollen, empfinde ich Zweitgenanntes zwar als in sich proportioniert, auch erkennbar von der Architektursprache, doch von seiner Wuchtigkeit an dieser Stelle eher am jetzt Vergehenden als am zukünftig Filigraneren orientiert. Vielleicht hilft bei beiden Gebäuden eine Farbtrilogie hellblau, terracotta, hellgelb, um ihnen die Wucht der Länge zu nehmen?