Posts by erbse

    Wenn ein Zeitzer hier mitliest, möge er/sie doch gern einfach mal einen Lagebericht liefern, woher die Probleme präzise kommen - und was jetzt am besten konkret getan werden kann. :)

    Welche Lösungsansätze gibt es denn für Zeitz? Das ist doch die spannende Frage. Ggf. kann man das Modell der Wächterhäuser aus Leipzig importieren. Oder man findet idealistische Sanierungspioniere wie vor einigen Jahren am Chemnitzer Sonneberg.

    Sachsen-Anhalt ist insgesamt nicht dolle beim Denkmalschutz und dem weiterentwickeln, es ist natürlich auch viel Substanz vorhanden.
    Da bräuchte es mal einen gut ausgestatteten Fonds, der mehr möglich macht. Und mehr innovative Ansätze, um auch Raumpioniere zu werben.
    Manchmal liefern schon ein, zwei emsige Akteure genug Impulse, um das Ruder in einem Ort rumzureißen. Auch Orte wie das hessische Wanfried können ein Vorbild sein. Oder das erwähnte benachbarte Naumburg.

    Und nochmal, darin liegt der Schlüssel:
    "Während die Mieten im nur 40 Kilometer entfernten Leipzig rasant steigen, bekommt man in Zeitz eine 100 Quadratmeter große Gründerzeit-Wohnung zu einem Kaufpreis von 8.000 Euro, und das ist jetzt kein Versprecher. "


    Das ist eine riesige Chance, die nur ergriffen gehört. Ich weiß noch, wie vor Jahren alle die Stadt Güstrow abgeschrieben haben. Obwohl schon abzusehen war, dass Rostock immer weiter wächst und es einen Spillover-Effekt in nahe Städte geben wird. Heute ist Güstrow eine nahezu durchsanierte Perle. So wird es auch im Falle von Zeitz kommen, wenn man sich clever anstellt.



    Nicht zuletzt: Selbst wenn man schon abreisst, kann man das schonend machen und die Fassaden erhalten. Sodass spätere Neubauten diese integrieren können. Hier ein nettes Beispiel dafür, die Konditorei Bruehl am Nicolaiplatz 9 in Zeitz:


    1280px-Zeitz_Konditorei_Bruehl.jpg
    Urheber Kolonialware, https://commons.wikimedia.org/…itz_Konditorei_Bruehl.jpg

    Eine konsequente Gartenstadt hat für mein Dafürhalten andere Elemente, bildet Baugruppen mit echten Bezügen und Ensembles.

    Der Titel Gartenstadt verspricht geordnete Räume im Zusammenspiel mit organischen Formen, sowie architektonischen Anspruch. So wie in der Essener Margarethenhöhe. Die einzig "echte Gartenstadt" Deutschlands ist indes Dresden-Hellerau.


    Das auf Wustrow sind einfache, kaum handwerkliche, lieblose, ja fade Bauten, die so in typischer zweckmäßiger NS-Bauweise in ländlichen Gegenden errichtet wurden, ungeachtet des Bauortes. Wo du da die überragende historische Bedeutung sehen willst, ist mir schleierhaft. Typischer Werdegang nach dem Krieg für diverse Anlagen. Auch die Erwähnung der Charta von Athen meinst du ja wohl nicht positiv? Prora ist hingegen ohne Beispiel. Vor allem im Negativen mE, völlig die Dimensionen sprengend. Klar, passt das mehr zu der Gigantomanie die man vom NS "erwartet" - aber täusch dich nicht. Auf dem Lande hat man im NS bäuerlich und spartanisch bauen lassen, da war nichts mit autokratisch-megalomanisch.


    Man kann ja gern ein, zwei dieser Häuser erhalten, wenn das wirtschaftlich vertretbar ist. Doch aus meiner Sicht sind sie Fremdkörper in der mecklenburgischen Küstenlandschaft. Wustrow ist vorgefertigte, schnöde Stangenware, einer Lage mitten an der Ostsee eher unwürdig, wie die ganzen Baumarkt-Ferienhäuser der letzten Jahre. So sehen Häuser aus, die zu dieser Landschaft gehören.


    Ein deutlich besseres Beispiel für eine dörfliche Anlage der Zeit ist Alt Rehse am Tollensesee bei Neubrandenburg. Allein schon durch die Handwerklichkeit sehr viel erhaltenswerter mE.

    Der sehr schön wiederbestuckte Eckbau Neustädtische Kirschstraße 1 im zentralen Berlin-Mitte:


    Und schon siehst du dich bestätigt. :smile:

    img_1422bwk2h.jpg


    img_1423k0jk6.jpg



    Der Bau stand seit der Nachkriegszeit schlimm entstuckt herum, ein historisches Bild:
    https://sammlung-online.stadtmuseum.de/Details/Index/520066


    Bei Google Maps ein Eindruck, wie es seit Jahren aussah (ich hab auch irgendwo noch Fotos):
    https://goo.gl/maps/KnKeT57aeYJ5qmB67

    Es ist halt auch niemandem geholfen, wenn es lokal eine enorm emsige Bürgerinitiative gibt, die in der Stadt 23.588 Unterschriften für dieses Projekt einsammelt, aufwändige 3D Visualisierungen erstellt - und dann kommen hier Leute an und nennen das Vorhaben "unrealistisch". Sowas ist einfach Mist, mal ehrlich.


    Zumal beim Schauspielhaus nunmal ein Neubau ansteht, wo also sollte also ein solches Vorhaben bitteschön realistischer sein? Und unter dem aktuellen Bau verbirgt sich eben ein guter Teil des alten Originalbaus. Beste Voraussetzungen.


    Zumal in einer Stadt die in den 80ern die Alte Oper und die Ostzeile des Marktes wiederaufgebaut hat, und erst kürzlich das zentrale Altstadtviertel am Dom.


    In Frankfurt, der Stadt mit einer reichhaltigen Geschichte der Bürgerkultur, wo Kulturstätten immer wieder von den Städtern selbst initiiert und verwirklicht wurden, unabhängig von Herrscherhäusern und Parteienfilz. Und heute will ausgerechnet eine staatlich finanzierte bornierte Minderheit den Frankfurtern vorschreiben, wie künftig das Schauspielhaus auszusehen hat - eine Institution also, die es ohne Frankfurter Bürgerengagement nie gegeben hätte? Sieht da niemand die Ironie? Ich finde das ganz schön dreist.


    Das wirklich Realistische ist hier also das Gelingen des Wiederaufbauprojektes auf mittlere bis längere Sicht. Denn das Wahre, Schöne, Gute setzt sich am Ende immer nachhaltig durch, nicht umsonst steht dies auf der Oper geschrieben.

    Ich sehe auch eine gewisse Ähnlichkeit zum sowjetischen Konstruktivismus. Wobei dieser immerhin mit künstlerischen Details glänzte.


    Das hier hingegen.. ein weiteres Fanal des scheinbaren Unwillens der Stadt Dresden, wirklich urban zu werden und zu heilen.

    Diese Berliner Schule könnte gerne in weiteren Teilen Deutschlands Verbreitung finden. (...)

    Nöfer ist sowieso über alle Zweifel erhaben, Bewunderern kann ich folgende Episode des Podcasts CooleBude ans Herz legen: "Architektur ist weder Kunst noch Technik, sie ist eine eigene Profession"

    Absolut!

    Die Podcast-Folge mit dem rebellischen, klassisch orientierten Architekten und Professor Ludger Brands der FH Potsdam ist auch sehr hörenswert:


    https://coolebude.com/podcast/prof-ludger-brands/

    Einige hier haben die Studie der TU Chemnitz lokal abgespeichert. Da müsste allerdings mit den Autoren geklärt werden, ob die hier hochgeladen werden darf. Oder sie alternativ einen neuen Link zur Verfügung stellen.



    An der Stelle will ich gern noch 2 weitere Studien präsentieren:


    Es wurde 2020 in Norwegen eine interessante Untersuchung zur psychologischen Präferenz von lokaler/traditioneller Architektur veröffentlicht. Diese wurde u.a. mit Hilfe virtueller Realität durchgeführt:


    https://partner.sciencenorway.no/a/1631355



    Ebenfalls spannende Untersuchungen zB mit Hilfe der Erfassung von Augenbewegungen bei "nackten" vs detailreich gestalteten Fassaden auf dieser Seite:


    https://geneticsofdesign.com/

    Vielleicht fällt jemandem eine bessere Bezeichnung ein.

    Als Sammelbegriff hat sich ja nun schon über Jahre "neuklassische Architektur" ausgeprägt, bzw "neue klassische Architektur". Diese umfasst entsprechend alle stilistischen Spielarten, die man mit der Anfügung "im Stil der.." erklären kann. Für eine gänzlich neue Gattungsbezeichnung braucht es a) eine wirklich eigenständige neue Architektursprache mit sich wiederholenden Merkmalen und b) mehr zeitlichen Abstand dazu.