Posts by jörg

    Also bezüglich der Rekonstruktion von Orgeln hab ich gestern eine Menge dazugelernt, und zwar von einem jungen Musikstudenten, der seit 4 Jahren Orgel spielt und mir gestern eine Art "Privatkonzert" in der Marienkirche in Hanau gegeben hat. Bei den Orgeln ist es nämlich anders als in der Architektur: Die Orgeln wurden immer weiter entwickelt und mit zusätzlichen Registern und vielem anderen Schnickschnack ausgestattet, so dass man mit einer modernen Orgel ein Hochleistungsinstrument besitzt, das jeder, und wirklich JEDER historischen Orgel (auch von Schnitger oder Silbermann) locker den Rang abläuft. In der Orgel der Hanauer Marienkirche, die als die beste im gesamten Rhein-Main-Gebiet gilt, ist sogar ein Glockenspiel integriert, das man über die Orgeltasten bedienen kann. Außerdem braucht man heute auch keine Register mehr zu ziehen, das macht alles der Computer. Der hat sogar einen Speicher, in den man die zu ziehenden Register für ein bestimmtes Lied einprogrammieren kann. Wenn man dann eine entsprechende Nummer eingibt, werden sämtlichen relevanten Register innerhalb einer Sekunde vom Computer automatisch gezogen. Gerade letzteres fand ich sehr beeindruckend! Also hab ich inzwischen mit der Orgel der Frauenkirche auch keine Probleme mehr, zumal diese ja sogar ihr historisches Gehäuse zurückerhalten hat. Warum also eine schlechtere Qualität herstellen, wenn man das Maximum rausholen kann? Bei der Architektur ist es ja leider anders: Auf dem Höhepunkt der Fassadengestaltung befinden wir uns z.Zt. ja bekanntlich nicht...

    @ rakete und AndreJ


    Richtig! Das Konzept des Einkaufszentrums ist nicht zu beanstanden. Wohl aber die Fassadengestaltung. Man sollte an dieser Stelle keine Rekonstruktion des Vorkriegszustandes anstreben, wohl aber eine kleinteilige Bebauung, v.a. an der Seite zum Brühl. Die Siedlung auf dem Dach ist eine gute Idee, die unbedingt erhalten bleiben sollte, anders als bei den Bildern der beiden Komponisten. Hier muss ein Stück Stadt entstehen, das sowohl autark ist als auch sich in die Umgebung einordnet. Ich werde in den nächsten Tagen mal einen Leserbrief an die LVZ schreiben. Wäre toll, wenn ich nicht der einzige hier wäre!

    Ich kann mir vor allem vorstellen, dass Fessi schon kräftig an seine Rente denkt. Und an ein süßes Leben weit weg von Dresden, z.B. in der Toskana oder in der Provence. Dresden - das ist dann nur noch die Erinnerung an die Zeit seines Lebens in der er noch arbeiten musste. Und wer arbeitet schon gerne?! Der kommt nie wieder, wenn er erst mal weg ist. Und die Stadt ist ihm dann auch völlig egal. Ich glaube man sollte diese Äußerungen von ihm eher in diese Richtung verstehen: "Macht was ihr wollt (wenn ich weg bin)!"

    Also ich kann diese Einschätzung gar nicht teilen. Leipzig ist eine andere Stadt als Dresden. Leipzig hat ganz andere Voraussetzungen. Hier geht es nicht um die Wiedergewinnung eines Stadtbildes, das ist ja zum großen Teil noch da. Bei diesem Projekt muss man nur aufpassen, dass diese Fassaden nicht umgesetzt werden. Statt dessen könnte ich mir traditionelle Fassaden vorstellen, die kleinteilig sind, aber nicht unbedingt dem Vorkriegszustand entsprechen müssen. Das Konzept als Einkaufszentrum ist ja ansonsten nicht zu beanstanden. Daher sehe ich durchaus Chancen, die Fassadengestaltung ganz oder teilweise zu verändern. Nur wenn man jetzt schon anfängt zu heulen, das Handtuch wirft und sich beklagt wie schlecht doch die Welt ist, kommt wirklich am Ende das heraus was jetzt zum Sieger gekürt wurde. Leipzig ist noch unbedarft, da kann man sicher mit den Leuten reden - und das sollte man auch tun. Und - ganz wichtig - neben der Tatsache, dass in Dresden die Verwaltung seit einiger Zeit verstärkt gegen Rekonstruktionen arbeitet, wurde ja auch Bedeutendes erreicht: Wer sich das Nadler´sche Leitbautenkonzept ansieht und das heutige Ergebnis am Neumarkt, darf eigentlich nicht behaupten, dass der Verwaltungsapparat lahm oder unwillig gewesen wäre. Deswegen kann ich auch die Haltung von Oktavian überhaupt nicht nachvollziehen. Er ist doch der Beweis dafür, dass es klappt. Mit einer solchen Einstellung wie er heute im Forum geäußert hat hätte er bei der Stadt Dresden GANZ SICHER NICHT so viele zusätzliche Barockfronten rausschlagen können. Also: Die anderen bewegen sich schon, aber nur wenn sie Druck kriegen. Es gibt genug Leipziger hier im Forum, die Druck machen können. Also macht mal!


    P.S.: Kann jemand mal Fotos von der Vorkriegssituation einstellen?

    Quote from "Stiffler2207"

    In spätestens 20 Jahren ist der Bau wieder abrissreif.


    Du wirst mir doch nicht ernsthaft erzählen wollen, dass du dir diesen Müll die nächsten 20 Jahre angucken willst. Dann bist du ja schon fast 40 Jahre alt! Tut lieber jetzt was. Das erspart euch evtl. den jahrelangen Ärger, den ihr bei dem jetzigen Siegerentwurf zu befürchten habt. Das Ding kann man noch kippen, wenn sich die richtigen Leute zusammenfinden. Ist euch eigentlich aufgefallen, wie selbstherrlich die Jury auf dem Bild in der LVZ rüberkam? Das sind Überzeugungstäter - und die warten nur darauf mal von ihrem hohen Ross runtergeholt zu werden.

    Also meine Meinung dazu ist, dass es grundsätzlich vermieden werden sollte, Dörfer dem Braunkohletagebau zu opfern. Ansonsten schließe ich mich aber vollkommen der Argumentation von Mjölnir und Bautzen-Fan an. Und ich stimme auch damit überein, dass Heuersdorf zwar wahrscheinlich das letzte Dorf dieser Gegend ist, das dem Tagebau weichen muss, es aber andererseits nur den Auftakt bildet zu weiteren Dorfvernichtungen aufgrund des demographischen Wandels. Wenn alles so weitergeht wie bisher - und eine Änderung ist nicht abzusehen - werden die Menschen in Zukunft noch mehr in Städten leben und die Bevölkerung in Teilen Ostdeutschlands weiter überaltern. Wie geht man damit um, dass Dörfer in 20-30 Jahren einfach ausgestorben sein werden? Manche werden als Museumdsorf weiter bestehen bleiben. Den meisten wird jedoch das gleiche Schicksal widerfahren wie jetzt Heuersdorf. Und wenn es in solchen sterbenden Dörfern bedeutende Baudenkmäler gibt (Kirchen, Rathäuser, wichtige Bürgerhäuser), wird man die vermutlich in andere Siedlungen umsetzen, d.h. ihr könnt euch schon mal an Transporte wie die der Heuersdorfer Kirche gewöhnen! Die übrigen Gebäude solcher Dörfer wird man abreißen. Und ich halte das in diesem Fall auch für vertretbar, denn die Kosten für den Unterhalt wären durch nichts zu rechtfertigen. Das sind jetzt sicher für einige von euch trübe Aussichten, aber man muss doch der Realtiät ins Auge blicken. Sollte allerdings nun plötzlich ein Babyboom einsetzen oder die Leute wieder aufs Land in 200-Einwohner-Dörfer ziehen wollen, dann gebe ich euch recht. Schaun wir mal was passiert.

    @ Wissen.de


    Bei der Visualisierung von mir handelt es sich nur um einen Diskussionsbeitrag, der dem Wettbewerb nicht vorgreifen will. Klar ist aber folgendes: Im Wettbewerb sind keine Rekonstruktionen möglich gewesen, schon mal alleine wegen des vorgesehenen Raumbedarfs und den Leuten, die die Ausschreibung im Planungsamt gemacht haben. Und die Jury ist auch katastrophal besetzt. Gewinnen wird also in jedem Fall ein moderner Entwurf, der wahrscheinlich NICHTS mit dem zu tun hat, was ich visualisiert habe. Man darf sich darüber keine Illusionen machen. Die teilnehmenden Architekten hatten ja auch keine Möglichkeit auf unseren Diskussionsbeitrag noch zu reagieren, da der Einsendeschluss bereits am 22. 10 war. Man darf also gespannt sein. Ende Januar sind wir schlauer. Ich würde allerdings - wie bereits erwähnt - keine allzu hohen Ansprüche an das Ergebnis anlegen.

    Für die Zukunft: Wäre es günstiger die Sachen zum Historischen Museum hier einzustellen? Oder in den Thread "Wiederaufbau eines Teils der Frankfurter Altstadt"? Ist ja schließlich auch ein Teil der Altstadt...


    P.S.: Ich möchte noch einmal allen danken, die da waren, hier aus diesem Forum waren das Restitutor Orbis, Rohne, RMA, Mathias, Schlossgespenst und Kardinal. Ich hätte mich gerne auch etwas mit euch unterhalten, aber die Zeit hat leider gefehlt :(
    Das holen wir nach! :D


    Das ist der Vorschlag von Westrup und meiner Wenigkeit, der in etwas abgewandelter Form in der Presse abgedruckt wurde. Links die Nikolaikirche, vorne das erhaltene Haus Wertheym, rechts die Altbauten des Historischen Museums. Weil wir ja auch Veränderungen im Bereich der Römerberg-Westseite gefordert haben, möchte ich noch eine zweite Grafik posten, nämlich ein Römerberg-Panorama, das genau diesen Ausschnitt zeigt.



    Rechts das Salzhaus, dann die restliche Römerfront und weiter hinten die heute nicht mehr vorhandenen Giebelhäuser Klein Limpurg, Schrothaus, Jungfrau und das Haus Lichtenstein.


    Falls euch die Veranstaltung gefallen hat und ihr evtl. euer Wohlwollen in Form eines Leserbriefes der Öffentlichkeit kundtun möchtet, dann geb ich euch mal einige Mailadressen.


    FNP: mailto:fnp.leserbriefe@fsd.de">fnp.leserbriefe@fsd.de
    Rundschau: mailto:leserbrief@fr-online.de">leserbrief@fr-online.de
    FAZ: mailto:redaktion@faz.de">redaktion@faz.de


    Gruppenbild ohne Dame :lachen: nach dem 4. Altstadtforum. Zu sehen sind:


    Jörg Ott --------------------------- Ernesto Melber ------------- Wilhelm von Boddien ---------- Günter Possmann ------------- Jürgen Aha


    Bildquelle: Christian Schwarzer, Genehmigung zur Veröffentlichung liegt vor.


    Ernesto Melber ist der letzte noch lebende Goethe-Nachfahre

    Hallo Leute


    Gestern zu Beginn des Altstadtforums hatte ich ein Gespräch mit Wilhelm von Boddien, in dessen Verlauf ich ihm viele Fragen bezüglich des Wiederaufbaus des Berliner Schlosses stellen konnte, die mir Berlin Fan vorher zusammengestellt hatte. Hierfür möchte ich mich auch bei Berlin Fan bedanken. Die letzten Tage waren nämlich derart stressig, dass ich selbst nicht mehr dazu gekommen wäre. Als ich von Boddien gegenüber erwähnte, dass die Fragen von Mitgliedern des APH-Forums kämen, hat er mir auch gesagt, was er von diesem Forum hält: Er liest es nämlich nicht, weil ihm einige Mitglieder zu radikale Positionen vertreten, mit denen er nicht in Verbindung gebracht werden will. Da kann sich jetzt jeder von euch einordnen wie er will. Darüber hinaus habe ich von Boddien als einen sehr liberalen, toleranten und pragmatischen Menschen kennen gelernt, was mir sehr gut gefallen hat. Aber nun zu euren Fragen:


    1. Wie viel der originalen Bausubstanz des Kellergeschosses ist heute noch vorhanden?


    Etwa 50%. Die anderen 50% wurden beim Bau des Palastes der Republik aus dem Boden gerissen.


    2. In welchem Zustand sind die Mauern und Fundamente?


    Die Mauern und Fundamente sind bis zu 3 Metern dick, können aber beim Wiederaufbau nicht mehr verwendet werden, da die Sprengung des Schlosses auch die Keller tiefgründig geschädigt hat. Überall sind Risse im Mauerwerk. Die Grundwasserabsenkung der letzten Jahrzehnte tat ein Übriges.


    3. Wie wird mit dem Bestand umgegangen?


    Schonendst! Die Überreste sollen unbedingt erhalten werden, daher werden das Fundament und die Kellerwände mit einer Betonkonstruktion unterfangen bzw. überbaut, auf der dann das gesamte Schloss lastet. Die Kellerreste werden keine Lasten mehr tragen.


    4. Welche Folgen für das Kellergeschoss haben der Bau der U-Bahnstrecke unter dem Schloss und die direkte Fußgängeranbindung zum U-Bahnhof?


    Keine, die Keller werden von der U-Bahn einfach unterfahren. Nur die tiefsten Gründungen des Schlosses werden durchgefräst.


    5. Was hält Herr von Boddien von einer Rekonstruktion der Schlossapotheke?


    Im Prinzip viel, sie wird aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 0% kommen, da das Gesamtvolumen des Schlosses schon jetzt zu klein ist um alle geplanten Nutzungen aufzunehmen. Daher wird es auch keine kleinteilige Ostfassade und wahrscheinlich sogar einen verkleinerten Innenhof geben, damit alles untergebracht werden kann. Von Boddien hofft hier auf einen Weiterbau in 30 Jahren. Die Schlossapotheke sei außerdem auch nicht so wichtig, da sie auf Fotos immer hinter Bäumen versteckt lag. Von Boddien kommt es darauf an, dass die wichtigen Teile des Schlosses, die Schaufassaden und der Schlüterhof wiederkommen. Dies sei gesichert, ein etwaiger Entwurf mit modernen Fassaden anstelle der beschlossenen werde beim Architektenwettbewerb aussortiert.


    6. In wie weit wäre Herr von Boddien bereit den Wiederaufbau der Schlossapotheke zu unterstützen?


    Von Boddien ist dazu bereit, aber ohne politische Unterstützer geht es nicht. Und politische Unterstützung hierfür gibt es eben z.Zt. nicht.


    7. Welche Ausmaße wird der gesamte Ostflügel haben?


    Das ist Sache des Wettbewerbs, darüber steht nichts im Auslobungstext, d.h. es bleibt den Architekten überlassen.


    8. Warum wird nicht auch Geld für eine Rekonstruktion der Treppenhäuser und von ein bis zwei Räumen gesammelt?


    Weil das nicht im Auslobungstext drin steht. Von Boddien möchte aber erreichen, dass wenigstens die ehemaligen Raumabfolgen eingehalten werden müssen, um einen Weiterbau/Innenausbau des Schlosses in ca. 30 Jahren zu erreichen. Die endgültigen Formulierungen des Auslobungstextes stehen allerdings noch nicht fest. Ob die Raumfolgen eingehalten werden müssen, steht daher ebenso wenig fest. Mitte November sind wir schlauer.


    9. Könnte sich Herr von Boddien vorstellen über das Spendenziel von 80 Mio. € hinauszugehen, wenn dadurch die originalgetreue Rekonstruktion z.B. des Treppenhauses oder einiger Räume verwirklicht würde?


    Nein, definitiv nein. Hier wurde von Boddien sehr deutlich. 80 Mio. € seien mehr als genug. Wenn allerdings jemand von euch einen Förderkreis gründen möchte und zusätzlich zu den 80 Mio. € noch 20 Mio. € sammelt, dann steht von Boddien voll hinter euch und unterstützt die Rekonstruktion des Schlossinneren.


    10. Wie sieht Herr von Boddien langfristig die Chancen für den Neptunbrunnen und den Großen Kurfürsten?


    Der Große Kurfürst hat wohl keine Chance wegen der neuen Brücke, die gebaut werden muss, der Neptunbrunnen wird aber aller Voraussicht nach wieder an seinem ursprünglichen Standort aufgestellt.


    11. Was soll mit dem Großen Schlosshof passieren?


    Das ist Sache des Wettbewerbs.


    12. Gibt es schon konkrete Pläne was die Gestaltung des Schlossumfeldes betrifft?


    Das wird alles erst angegangen, wenn das Schloss steht


    13. Wie steht Herr von Boddien zu anderen Rekonstruktionsprojekten und Rekonstruktionsideen in der direkten Umgebung des Schlosses (Bauakademie, Marx-Engels-Forum, Schloss Monbijou)?


    Die Bauakademie findet er wunderbar, das Marx-Engels-Forum halte die Stadt Berlin als Reservefläche z.Zt. zurück. Hier wird frühestens in 20 Jahren gebaut, um eine gute Qualität zu erreichen im Vergleich zu der nach der Wende viel zu hastig wiederaufgebauten übrigen Stadtmitte. Zum Schloss Monbijou hat von Boddien keine Meinung, er glaubt aber, dass hier eine Rekonstruktion am schwierigsten durchzusetzen ist, weil das Gelände heute eine beliebte Grünanlage sei.


    14. In wie weit begünstigt der Wiederaufbau des Schlosses andere Rekonstruktionsprojekte in Berlin/in Deutschland insgesamt?


    Es könnte die gleiche Wirkung entfalten wie die Frauenkirche in Dresden. Und das wäre dann auch die Chance bspw. für Monbijou.

    Als letztes möchte ich noch den Beitrag von Dieter Bartetzko einstellen, der deutlich gemäßigter ausfällt als die drei vorhergehenden von Bielicki, Dietrich und Hansen, auch wenn es am Anfang nicht so aussieht:


    Dr. Dieter Bartetzko: Aus Alt mach Neu: Plädoyer für eine wahrhaft alte Altstadt


    „Getreu Nestroys „Ich lass´ mir mein´ Aberglauben durch keine Aufklärung rauben“ fiebert die Mehrheit der Frankfurter Bürger der Auferstehung ihrer Altstadt entgegen. Egal, wie oft Historiker und Bauforscher darauf hinweisen, dass beispielsweise der samt umliegenden Gässchen zur Rekonstruktion vorgesehene Alte Markt keineswegs jener „Krönungsweg“ war, von dem die Stadtwerbung und neuerdings auch das Bauamt schwärmen, sondern buchstäblich ein – wenn auch bedeutender und lukrativer – Straßenmarkt, den bei Bedarf die frisch gekürten Kaiser benutzten, weil er nun einmal der kürzeste und breite Weg zwischen Dom und Römer darstellte, egal gleichfalls, wenn Sachverständige darauf hinweisen, dass der neue Alte Markt wegen der Decke einer Tiefgarage zirka zwei Meter über dem einstigen Bodenniveau schweben wird und ebenso egal, wenn Denkmalpfleger einwenden, dass Frankfurt an anderen Stellen der Stadt veritable historische Bauten besitzt, die sträflich vernachlässigt werden – so oft auch historische Tatbestände und widrige Umstände ins Feld geführt werden: die kollektive Illusion ist stärker. In ihr strahlt Alt-Frankfurt als ein makelloses, sowohl trauliches wie monumentales Idyll aus Gotik und Barock, in dem bauliche Kostbarkeiten eine Gasse säumen, wo die würdevollen Tritte von Monarchen und Rittern, Patriziern und Dichtern nachhallen.


    Dichter? Ja, selbstverständlich wird auch Goethe als Bürge der unverzichtbaren Rekonstruktion beschworen. Denn seine Tante Melber hatte am Hühnermarkt, dem östlichen Ende des Alten Marktes ein stattliches, 1944 verbranntes Kaufmannshaus besessen, in dessen wunderlichen Gewirr aus Gotik und Barock, Eleganz und Enge sich der Dichter als Knabe oft und gerne aufhielt. Dass eigentlich nur dieses Haus in voller Größe und Breite kopiert werden könnte, das zweite als Altstadtjuwel gefeierte Haus dagegen, die Goldene Waage, nur zu zwei Dritteln, weil ihr rückwärtiger Teil sonst die denkmalgeschützten römischen Ausgrabungen im sogenannten „Historischen Garten“ verdecken würde, und dass das dritte zum Nachbau bestimmte Wahrzeichen, das „Rote Haus“ sogar nur zu einem Drittel wiedererstehen könnte, weil sonst die Rotunde der Schirn in Mitleidenschaft gezogen würde – all dies wird ignoriert von einer Euphorie, wie sie seit 1945 kein Bauvorhaben zwischen Dom und Römer hervorrief.


    Deshalb ist auch Spott oder blinder Widerstand im Namen der Moderne fehl am Platze: Die zeitgenössische Architektur und ihre Schöpfer ernten, was sie in ihrer Ignoranz mit instinkt- und maßstabslosen Bauten (nicht nur) auf diesem Areal gesät haben. Ein Gang nämlich über das gegenwärtige Gelände führt einen durch eine wahre Mustersammlung so ambitionierter wie verfehlter Spätmoderne. Der Kernbau des Historischen Museums (Städtisches Hochbauamt, F.W. Jung 1972) an der Südseite des Römerbergs: ein grobes Kubengeschachtel in tristem rauhem Sichtbeton, ohne Bezüge zu den wenigen angrenzenden Denkmälern der Romanik und des Barock und ohne Gespür für das ursprüngliche filigrane Wegenetz, auf das nicht nur die historischen Bauten, sondern sogar noch die Fünfziger-Jahre-Häuser des frühen Wiederaufbaus reagierten. Die Kulturschirn (Bangert, Janssen, Scholz, Schultes 1986): ein selbstgefälliger Koloss der Postmoderne, kokettierend mit dem EUR-Gelände Roms und nichts ahnend vom anmutigen Geschachtel, das sich ehemals, die Dominanz des Doms respektierend, an dieser Stelle ausbreitete. Schließlich das nun zum Abbruch vorgesehene Technische Rathaus (Bartsch, Thürwächter, Weber 1970): Ein Zyklop des Betonbrutalismus, der seine in raffinierte Polygone gegossene Ehrfurcht vor Louis Kahn an plumpen Waschbeton verrät und der von altstädtischem Bautengewimmel so viel versteht wie ein Elefant von Chirurgie. Bei jedem dieser Gebäude hagelte es Widerspruch seitens der Bürger, in jedem der Fälle setzten sich die Bauherren und Architekten darüber hinweg. So entstand ein heilloses Flickwerk aus Solitären, denen nur eines gemeinsam ist: die demonstrative Ahnungslosigkeit und Verachtung gegenüber dem architektonischen Herkommen und dem einstigen, in geringen Resten noch durchschimmernden Gesicht Frankfurts.


    Wer angesichts solcher fataler Fehlschläge noch das Recht der Gegenwart auf eigenständigen architektonischen Ausdruck einfordert, der ist so verblendet wie jene Rekonstruktionswütigen, die im sklavischen Nachahmen des gewesenen das einzige Heil für Frankfurts Herz sehen. Die Rekonstruktionen werden, daran ist nicht mehr zu rütteln, kommen. Entscheidend ist somit, was auf den übrigen zur Neubebauung bestimmten Parzellen geschieht. Momentan setzen die zuständigen Behörden auf eine Gestaltungssatzung, die neuen Entwürfen in Stil und Material enge Grenzen setzt und darüber hinaus weitere Rekonstruktionen gestattet. Sollte nicht ein urplötzlicher allgemeiner Bewusstseinswandel eintreten – und warum sollte er ? – liegt auf der Hand, was auf diesen Grundstücken geschehen wird: romantisierende weitere Rekonstruktionen à la „Ostzeile Römerberg“, (die bekanntlich statt authentischer Verschieferung anempfundenes Schmuckfachwerk zeigt) werden wetteifern mit geschmäcklerischen Neubauten, die statt Varianten der Frankfurter Bautraditionen Fassaden bieten werden, die im besten Fall gewitzte Paraphrasen dessen liefern werden, was Architektur-Lexika zum Hausbau der Gotik und des Barock dokumentieren, im schlechtesten Fall einen plakativen Neohistorismus, den Monumentalfilme wie „Der Herr der Ringe“ oder „Krieg der Sterne“ populär gemacht haben.“


    (Im weiteren Verlauf seines Artikels beschreibt der Autor, welche bedeutenden Spolien noch von der Frankfurter Altstadt vorhanden sind, wo sich diese momentan befinden und dass man sie beim Wiederaufbau wieder einsetzen muss, um Authentizität zu schaffen)


    „Doch was sollen Fassadenteile, Eckfiguren und Kragsteine in Vitrinen? Sie wirken einzig dann, wenn sie ihrer wahren Bestimmung dienen: elementare Bestandteile von Gebäuden zu sein. Nur im Verbund von Tragen und Lasten, im Stimmungs- und Lichtwechsel der Jahreszeiten und der Witterung entfaltet Baukunst ihre eigentliche Wirkung.
    Wie bezwingend diese ist, beweist die Begeisterung, mit der die Frankfurter und die deutsche Öffentlichkeit auf das Rekonstruktionsvorhaben reagieren. Doch diese bedingungslose Begeisterung erinnert manchmal an jene Blindheit, mit der die Vorgängergeneration sich einer modernen Altstadt verschworen hatte. Wie unsere Großeltern verzückt auf die Visionen der Moderne starrten,, starren wir in Bildbände, deren Altstadtfotografien uns zeigen, welche entsetzlichen Verluste an Schönheit die Stadt Frankfurt hat hinnehmen müssen.


    Dieser radikale Entzug hat unseren Blick getrübt. So scheint es selbst Fachleuten nicht aufzufallen, dass beispielsweise mit dem „Hof zum Rebstock“, einem der zur Rekonstruktion bestimmten Wahrzeichen, nur ein erbarmenswertes Fragment rekonstruiert werden soll. Das eigentliche Haus Rebstock nämlich, ein mächtiger romanischer Kemenatenbau, wurde 1901 beim Durchbruch der erwähnten Braubachstraße abgerissen. Was blieb und nun kopiert werden soll, ist ein durchaus nobles Hinterhaus mit doppelten prächtigen hölzernen Laubengängen, die aber als Innenhoffront dem Privatgebrauch vorbehalten und nie zur Repräsentation gedacht waren.


    Natürlich klingen Überlegungen wie diese angesichts der horrenden Verluste an historischer Substanz kleinkrämerisch. Der künftige, neu-alte Rebstock wird seinen Zweck, Geborgenheit, Kontinuität und Tradition auszustrahlen, hervorragend erfüllen. Bleischwer wiegt dagegen die Aussicht, dass man für viele Millionen EUR spurlos verschwundene Bauwerke kopieren wird, während in den Magazinen wertvolle Originale vermodern.“


    (Es folgt noch einmal ein Plädoyer für den Einbau von Originalsubstanz in die neu zu bauenden Gebäude)


    Zwanzig neue Häuser sollen die Lücken zwischen den geplanten Rekonstruktionen füllen. Hier sind einfühlsame und schöpferische Architekten gefordert, die sich der eingelagerten Altfrankfurter Steine annehmen, sie wiederverwenden und ihre Entwürfe in deren Dienst stellen. So werden Bauten entstehen, die das Alte bewahren, ohne die Gegenwart und ihren architektonischen Ausdruck an Pseudohistorie zu verraten. Frankfurts Altstadt ist nicht verschwunden, sie wartet in Kellern und Lagerstätten auf ihre Wiederkehr.“


    Ich denke, auch wenn Bartetzko nicht in allem Recht hat (z.B. wird der Markt nicht zwei Meter über dem historischen Bodenniveau schweben, da das oberste Geschoss der Tiefgarage abgebrochen werden soll), so ist in seinem Text grundsätzlich erst mal viel Wahrheit. Er grenzt sich auch deutlich von den Positionen von Hansen ab, die ja behauptet, dass Rekonstruktionen niemals die Aufgabe erfüllen können, für die sie gebaut werden (siehe Bartetzkos Aussagen über den Rebstock). Und – sehr wichtig – als einer der ganz wenigen Autoren setzt er sich intensiv mit dem Wunsch der Bürger auseinander und hat erkannt, dass das rücksichtslose Vorgehen von Architekten und Städteplanern in der Vergangenheit die flächenhafte Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt erst ermöglicht hat. Auch wenn aus seinem Beitrag des öfteren hervorgeht, dass er mit unserem Vorgehen der Rekonstruktion nicht übereinstimmt, finde ich doch, dass er einen ausgewogenen Text (ausgewogen in dem Sinn, dass er auf beide Seiten gleichermaßen „draufhaut“) vorgelegt hat, der wohl Seltenheitswert hat. Von daher: :daumenoben::applaus:


    P.S.: Kommt zum Altstadtforum morgen Abend um 19.00 Uhr im Leinwandhaus!

    Ja, wir wissen schon, dass der Leiter des Hist. Museums, Jan Gerchow, aus allen Wolken gefallen ist, als er vor einigen Tagen davon gehört hat, aber wir machen es natürlich trotzdem.

    @ Heimdall


    Nein, das stimmt so nicht, da muss ich dir widersprechen. Wer Westrup kennt und ihn in diversen Veranstaltungen unsererseits bereits in dieser Richtung Argumente hat bringen hören, der weiß genau, dass das stimmt was ich geschrieben habe. Das sehen übrigens auch die meisten anderen zentralen Personen in diesem Projekt so. Natürlich ist es richtig, dass keiner von uns in diesem Forum schuld ist am 2. Weltkrieg und der Zerstörung der Frankfurter Altstadt. Es geht hier auch nicht darum, was wir unsererseits wohlwollend in Westrups Aussagen hineininterpretieren, sondern dass er permanent der Gegenseite die Möglichkeit gibt, seine schwammigen Äußerungen ebenfalls zu unserem Nachteil zu interpretieren. Und das ist eben der Punkt! Westrup hat - sogar SCHRIFTLICH - eine unnötig zweideutige Aussage gemacht, an einer Stelle an der es uns schadet, und Hansen hat das natürlich sofort ausgenutzt. Wir haben intern die Devise, dass der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt NICHT über die deutsche Geschichte gerechtfertigt wird, da hier von der Gegenseite IMMER absichtlich fehlinterpretiert werden kann. Das hat - wie gesagt - nichts damit zu tun, dass wir Westrup und seine Äußerungen grundsätzlich ablehnen. Aber wir hätten es beispielsweise bei den Grünen wesentlich leichter gehabt, wenn Westrup nicht bei mehreren Treffen mit denen die Geschichtskeule geschwungen hätte, weil die Grünen das natürlich dann auch sofort als Revision des 2. Weltkriegs verstanden haben. Wie gesagt, Heimdall, es liegt nicht an der Aussage selbst. Aber wenn du monatelang auf einen bestimmten Punkt hinarbeitest, alle Leute vorher darüber informierst, worüber gesprochen wird und worüber nicht, und dann hält sich einer nicht daran und sorgt dafür, dass das Treffen schief geht, dann siehst du das wahrscheinlich auch anders. Und es trifft uns ja dann alle, auch wenn nur einer aus der Reihe tanzt. Es gibt Leute, die warten nur darauf. Mal völlig davon abgesehen wie du persönlich dazu stehst, sind solche Äußerungen eben nicht sonderlich hilfreich. Und so ist das gemeint, was ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe. So lange wir den Wiederaufbau finanziell, ideologisch (gegen die Moderne gerichtet) oder optisch rechtfertigen, sind wir nicht angreifbar durch die Gegenseite. Damit haben wir halt Erfolg, und wir müssen uns ja nicht unbedingt einen Klotz ans Bein binden, der nicht nötig ist.

    So. Nun der von Restituor gewünschte Beitrag:


    Astrid Hansen (Denkmalpflegerin): Frankfurts Altstadt – Rekonstruktion? Seelisch nicht möglich!


    Das sehr weitschweifige Manuskript habe ich v.a. am Anfang zusammengekürzt, wo die Autorin die letztes Jahr im Oktober statt gefundene Planungswerkstatt Dom-Römer beschreibt und als geeignetes Instrument lobt. Wir sahen das aus diversen Gründen anders. Da Hansen in ihrem Beitrag mehrfach zitiert und Anfang und Ende ihres eigenen Schriftstück etwas unübersichtlich zu werden drohte, habe ich ihren Artikel durch Striche abgegrenzt. Aber nun zum Text:
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    „Wer seine eigene Geschichte fälscht, der begeht Zukunftsfälschung. Dieser warnende Hinweis des Denkmalpflegers Reinhart Bentmann an die eigene Zunft, kritisierte 1988 unter anderem den denkmalpflegerischen Umgang mit historischen Altstädten, aus denen in folge des Europäischen Denkmalschutzjahres hübsche, touristisch attraktive Oasen geworden waren, die dem Betrachter suggerierten, Altstädte hätten schon eh und je um den ersten Platz des Wettbewerbs „Unser Dorf soll schöner werden“ miteinander gerungen.
    Die Warnung stellte natürlich nicht den Erhalt historischer Altstädte grundsätzlich in Frage, sondern nur die Romantizismen im denkmalpflegerischen Umgang mit ihnen.
    Darüber hinaus galt es endlich der stetigen Abwertung der Moderne entgegen zu wirken, die, gleichsam als Horrorszenarium, dem romantischen Bild bunter Fachwerkbauten und intakter Innenstädte entgegengehalten wurde. Eine Folgeerscheinung dieser – auch von der Denkmalpflege mitzuverantwortenden, wenngleich nicht unbedingt gewollten – Schwarz-Weiß-Malerei „gutes Altes“ – „böses Neues“, war, neben der Postmoderne, auch der postmoderne „Denkmalkultus“. Zeuge hiervon legt die Ostzeile des Frankfurter Römerberges ab, von der sich die Politik eine positive Resonanz seitens der Frankfurter Bevölkerung erwartete, die sich aber tatsächlich eher desinteressiert oder abweisend verhielt.
    Eine ebenso erschrockene, allerdings bezeichnender Weise in den Entscheidungsprozess nicht eingebundene Denkmalpflege hat sich damals vehement gegen diese Form der unseriösen „Stadtreparatur“ gewandt.


    Anders als dies in unmittelbarer Nachkriegszeit der Fall sein kann, hätten derart nachgereichte Rekonstruktionen wie die der Frankfurter Altstadt (in welchem Umfang auch immer) – wenngleich dies manche behaupten – heute keinerlei Identifikationswert mehr. Aus dem kollektiven Gedächtnis sind sie unwiederbringlich gelöscht, wenngleich ein Teil von ihr im kulturellen Gedächtnis , gleichsam als erinnerte Geschichte weiterlebt. Ein substanziell verlorenes Denkmal wird über das kulturelle Gedächtnis tradiert – allerdings auch die Tatsache, dass es zerstört ist. Entsprechend darf man gegen das Ergebnis der Planungswerkstatt auch einwenden, dass auch die Rekonstruktion der vier oben genannten Bauten nicht wirklich überzeugen kann. Ihres Kontextes beraubt, man müsste in richtiger Weise, ihn nicht wiederfindend, sagen, werden sie wie schon die Römerbergbebauung, ohne die Fähigkeit, Identität zu schaffen, isoliert einfach da stehen.


    Man müsse, so heißt es in einem Diskussionspapier des Architekten Peter Westrup, das dem Deutschen Werkbund vorliegt, den Frankfurtern ihre „Verlorene Mitte“ wiedergeben. „Es muss wie vor der Zerstörung ein Gesamtschauspiel der bedeutendsten mittelalterlichen Innenstadt Deutschlands inszeniert werden, mit herausragenden, bedeutenden und weniger bedeutenden Bauwerken, wie sie im Verlauf der Geschichte von den Frankfurter Bürgern als Wohn- und Geschäftshäuser entstanden, sozusagen ein lebendes „Historisches Museum“, das aber vom Leben unserer Zeit erfüllt ist“. Durch die Rekonstruktion könne man „deutsche Geschichte und Kultur“ wieder sichtbar machen. „Nur diese alte gewachsene, von Handwerkern gestaltete Architektur mit ihren ungeplanten Veränderungen der Jahrhunderte vermag die unverwechselbare Atmosphäre der historischen Frankfurter Innenstadt mit ihrer lebendigen Mischung aus Handel, Gewerbe, Wohnen und Gastronomie zu garantieren, unsere Moderne mit ihrer Maschinenarchitektur ist dazu leider nicht in der Lage.“


    Frankfurts Innenstadt also als lebendiges Freilichtmuseum deutscher Fachwerkarchitektur, inszeniert durch eine Mischung modernen Lebens und traditionellem „Handel und Gewerbe“, all dies um den „Verlust der Mitte“ zu verhindern? Oder doch nur ein Geschäft mit der Sehnsucht nach Idylle und Erinnerung?
    Es ist vor allem ein gefährliches Geschäft mit Gefühlen das hier betrieben wird und das nicht nur einen Bruch mit der Moderne sucht, sondern die Manipulation unseres kulturellen Gedächtnisses zum Ziel hat. „Es geht darum“, so schreibt Westrup weiter, „den Bürgern und Besuchern der Stadt Frankfurt ein Stück Geschichte und Erinnerung in situ wiederzugeben, das ohne ihre Schuld verloren ging und nun zurückgeholt werden kann (...). Wir brauchen hier nicht das neue Frankfurt, wir brauchen an dieser Stelle das Alte gewesene Frankfurt, um wieder anzuknüpfen an unsere große Tradition.“


    Das erinnert in erschreckender Weise an Formulierungen der 1950er Jahre als etwa der „Baumeister“ die Weißenhofsiedlung noch als eine „an echtem baumeisterlichem Verantwortungsgefühl arme“ Architektur bezeichnete und die Publikation „Verlust der Mitte“ von Hans Sedlmayer die Ressentiments gegen die Moderne, im Sinne einer Verfallskunst und Ursache des deutschen Sittenverfalls und der durch sie ausgelösten Katastrophe weiter schürte. Auch damals, trösteten sich vor allem die konservativen und restaurativen Teile der Bundesrepublik damit, an der deutschen Katastrophe nicht schuldig zu sein.


    „Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, age ich Ihnen, was sage ich? Seelisch unmöglich!“, so formulierte das Otto Bartning angesichts der Trümmer 1946. Das war auch ein Schuldbekenntnis und vor allem brachte es die Hoffnung zum Ausdruck, durch neue Bauten auch ein neues Deutschland, frei von Ressentiments und Revanchismus zu bauen. (...) Viele Aufbauleistungen dieser Zeit sind inzwischen selbst zum Denkmal geworden und legen Zeugnis von der noch jungen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ab.


    (...) Wichtig ist auch zu erkennen, dass mit der Zerstörung der Altstadt auch deren soziale Kulturlandschaft verloren gegangen ist. Zynisch, wer hier vom lebendigen historischen Museum spricht.


    So dürfen heute Werkbund und Denkmalpflege hier eine enge Symbiose eingehen und für einen – sollte das Technische Rathaus tatsächlich abgebrochen werden – erneuten internationalen Wettbewerb eintreten, der diesem geschichtsträchtigen Areal ein unverwechselbares, vor allem aber neues Gesicht zu geben vermag. Es haben sich bereits – wie es für eine Stadt typisch ist – an diesem Ort, historische Schichten gebildet, die es zu erhalten gilt. Hierzu zählen sicher die Schirn sowie die verschiedenen unmittelbaren Nachkriegsbauten.
    Die bundesdeutsche Denkmalpflege hat sich jüngst mit der Dresdner Erklärung im Jahre 2005 noch einmal deutlich gegen Rekonstruktionen gewandt:
    „Die Zeugnisse der Vergangenheit sind einzigartig und unwiederholbar – als authentische Quellen besitzen sie einen unersetzlichen Wert. Konstruierte Geschichtsbilder, auch Rekonstruktionen von Baudenkmälern können erlittene Verluste originaler Bausubstanz nicht kompensieren, langfristig verändern sie aber das kulturelle Gedächtnis eines Landes.“ Diese Erklärung ist von immanenter Bedeutung, da sie Zukunft und Vergangenheit gleichermaßen zu sichern sucht. Sie ist auch eine Versöhnung mit der Moderne.“
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    Die Position der Denkmalpflege ist für mich in manchen Punkten nachvollziehbar. Die Äußerungen von Westrup – der ja für uns arbeitet – auch noch in schriftlicher Form, sind mehr als ärgerlich. Von uns möchte ja niemand die deutsche Geschichte verklären oder Ursache und Wirkung des 2. Weltkriegs vertauschen. Westrup hat schon öfters in diesem Diskussionsprozess solche dämlichen Äußerungen gebracht und es ist leider nicht möglich ihn in diesem Punkt umzustimmen bzw. ihn dazu zu bringen den Mund zu halten. Andererseits schießt auch Hansen weit über das Ziel hinaus, wenn sie fordert, dass ein erneuter Wettbewerb veranstaltet werden muss, weil ihr das Ergebnis des ersten nicht gefällt. Frei nach dem Motto: Wir veranstalten so lange Architektenwettbewerbe bis uns das Ergebnis passt! So geht’s ja auch nicht. Und für das Hauptproblem der Geschichte hat sie auch keine Lösung parat: Wenn man die Bürger fragt was in die Altstadt gebaut werden soll, dann heißt es, es soll was Historisches, Kleinteiliges und Traditionelles sein. Fragt man die Denkmalpfleger, dann heißt es, auf keinen Fall historisch und traditionell! Fragt man die Architekten und Stadtplaner dann heißt es: Historisch können wir nicht mehr, Rekonstruktionen wollen wir nicht, kleinteilig und traditionell wollen wir auch nicht. Dann fragt man wieder die Bürger und erhält das altbekannte Ergebnis: Historisch, kleinteilig und traditionell soll es sein! Ein unauflöslicher Konflikt, dessen Akteure sich ständig im Kreis bewegen.

    Bei dem zweiten Beitrag, den ich hier einstellen möchte, wird versucht über die Agenda 21 den Erhalt des Technischen Rathauses zu rechtfertigen. Wie das geht lest ihr bitte auszugsweise hier:


    „Wolf Dietrich (Architekt): Die Altstadt und die Zukunft des Technischen Rathauses


    Erhaltenswerte Bausubstanz – mit Blick auf die Frankfurter Agenda 21


    Mit Bezug auf die Rede von Manfred Sack, vormals Redakteur und Architektur-Kritiker der ZEIT, anlässlich einer Tagung des BDA Bremen im Jahr 1993, zu einem noch heute aktuellen Thema: „Von der Utopie, dem guten Geschmack und der Kultur des Bauherren“ – oder „Wie entsteht gute Architektur?“


    Die in den 60er Jahren entworfenen und 1972 fertig gestellten Museums- und Verwaltungs-Gebäude standen im Kontrast zu der rekonstruierten Ostzeile und diese wiederum zur postmodernen Kunsthalle Schirn in den 80er Jahren.
    Die harsche Architekturkritik jener Zeit war wohl auch Anlass, das nicht mehr geliebte Technische Rathaus einer Leasing-Gesellschaft anzutragen. Als es dann nicht mehr der Stadt gehörte, war das zuvor in Fachkreisen hoch gelobte und prämierte Gebäude – wie auch das Museum – nur noch hässlich.
    (... es folgt die weitere Baugeschichte des Technischen Rathauses und die Voraussetzungen, die zum Abbruchbeschluss führten...)
    Mit der Entscheidung für das „Haus am Dom“ und noch vor dem Ablauf des Leasingvertrages beschloss das Parlament, den gesamten Bereich zwischen Dom und Ostzeile neu zu gestalten. Der Abbruch von drei Bürotürmen wurde zur Vorgabe für den Wettbewerb im Jahre 2005 und dessen Ergebnis dann als klein parzellierte „Neue Altstadt“ vorgestellt.


    Vor dieser Jury-Entscheidung gab es vermutlich keine Varianten, z.B. nur den südlichen Teil der Anlage abzutragen. Der neuen Römer-Koalition schien es wichtiger zu sein, Fakten zu schaffen und das gesamte Bauvolumen in Bauschutt und Sondermüll zu verwandeln: 20 Tausend Kubikmeter in etwa acht Monaten für geschätzte 7 Millionen EUR.


    Es wurde wohl auch nicht hinterfragt, ob diese Entscheidung im Einklang mit den Leitlinien der Frankfurter Agenda 21 stünde; implizieren sie doch nicht nur enorm viel Energie für Abbruch und Transport und deren Kosten, sondern auch ständigen Lärm und Staub für alle dort wohnenden und arbeitenden Menschen. Die gleichen Kriterien bezüglich der Kosten und des Lärms gelten auch für spätere Neubauten und deren Logistik.


    (...)


    Wird wohl später nachgefragt – wen auch der Straßenverkehr durch den Abtransport belastet wird – ob Frankfurt versäumte, die Kriterien der ökonomischen, ökologischen, sozialen und kulturellen Belange für die Nachhaltigkeit zu beachten? Oder ist der Abbruch, wie logistisch am ehemaligen Zürichhaus erprobt, bereits zur Gewohnheit geworden?


    (...)


    Durch Abbruch und Neubau gingen bereits viele Spuren des zweiten Weltkrieges und des engagierten Wiederaufbaus der Nachkriegsjahre verloren. Nun werden auch die „historischen Entscheidungen“ der 60er bis 80er Jahre zur Disposition gestellt.


    Am Ende würde Frankfurt am Main im besten Sinne des Wortes und ihrer zukünftigen Bewohner kaum die Chance gegeben, noch einmal „Alt-Stadt“ werden zu können.


    Viele erhaltenswerte Gebäude gingen schon verloren


    Diese Einschätzung bezieht sich vor allem auf stadteigene Gebäude und andere historische Zeitzeugen. Ebenso wichtig für die zukünftige Stadtentwicklung wird sein, wie viel Einfluss die Kommune auf Projekte der neuen Immobilienwirtschaft nehmen kann.
    Manfred Sack wies auf den sich symptomatisch geänderten Sprachgebrauch hin und zitierte einen ehemaligen Basler Kantonsbaumeister: „Aus Boden wurden Grundstücke, Häuser wurden zu Liegenschaften, Städtebau zu Investitionsquoten“ und so wurden aus vielen Bauherren Immobilien-Manager.


    Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und Bewertung nach Denkmälern und Zeitzeugen:


    (Es folgt eine Aufstellung von neun abgerissenen Gebäuden, deren Verlust von niemandem von uns ernsthaft betrauert würde)


    Weitere historische Gebäude werden uns noch verloren gehen!


    Die Gebäude der 70er Jahre – vor der ersten Ölkrise geplant – entsprechen nicht mehr dem verordneten Wärmeschutz. So erhielten viele Hochhäuser bereits neue Fassaden, wobei es möglich war, auch deren Erscheinungsbild dem Zeitgeist anzupassen.


    Jetzt werden Hochhäuser wieder beispielhaft und ökonomisch umgenutzt, indem der Rohbau jeweils erhalten bleibt: (...es folgt eine Auflistung von 4 Objekten...)


    Doch bedroht sind weiterhin:


    (...es folgt nochmals eine Auflistung von 4 weiteren Objekten...)


    Vorschläge zu alternativen Verfahren bezieht sich auch auf den Dom-Römer-Bereich, da bereits mit dem Museum und dem Technischen Rathaus zweimal für Abbruch entschieden wurde. Die Beschlüsse zu beiden Projekten können immer noch überprüft werden.


    Es gehört seit vielen Jahren zur guten Frankfurter Tradition, wichtige Bau-Wettbewerbe international auszuloben, dies mit besten Ergebnissen, besonders für das Museumsufer.
    Anders bei manchem Städtebau-Wettbewerb, wenn eine Jury – dem Wunsch nach internationaler Beteiligung folgend – sich nicht auf einen ersten Preis verständigen konnte. Ursache war meistens, dass auswärtige Planer, mit hiesigen konkurrierend, aus geringer Orts- und Geschichts-Kenntnis über das Ziel hinausplanten (...)


    Das Historische Museum mit einer zukunftsfähigen Konzeption – ohne Abbruch


    Der ganze Betonbau braucht – neben ihrem zeitgemäßen Ausstellungskonzept – eigentlich nur eine zweite Fassade: 1. für die sorgfältige Einbindung in das historische Umfeld, 2. zur Vergrößerung der Ausstellungsflächen und 3. zur intelligenten Verknüpfung mit den angrenzenden historischen Gebäuden des Museums. – Diese Erörterungen sollten aber bei anderen Gelegenheiten weitergeführt werden.


    Das Technische Rathaus – mit nachhaltiger Zukunft des Bestandes


    Im Hinblick auf die noch nicht ermittelten bautechnischen Folgen eines Abbruchs und eines noch fehlenden Gesamtkonzeptes für die zukünftigen Nutzungen im historischen Zentrum der Stadt, der alten Mitte sowie deren Realisierung, sollten bisher vorliegende Teilergebnisse noch einmal zurückgestellt bzw. überarbeitet werden.


    Wenn sich die städtischen Planer beim Abbruch auf die südlichen Teile beschränken würden, so ließe sich auch die KSP-Konzeption in ihren wichtigsten Teilen realisieren.


    Die beiden Türme an der Braubachstraße gehören seit 35 Jahren ebenso zur markanten Stadt-Silhouette, wie die Schirn mit dem Langhaus und ihrer Rotunde seit 21 Jahren. Nicht zuletzt der Blick vom südlichen Mainufer, aber auch die Einblicke in die Braubachstraße und das Umfeld des Domes bilden den Maßstab, den Charakter der „Neuen Altstadt“.


    Eine Umnutzung mit Modernisierung setzt eine „intelligente Fassade“ voraus, in die auch Sockel- und Traufen-Bereiche der Gebäude an der Braubachstraße einbezogen werden könnten. Nach einem Fassadenwettbewerb sollte wieder über Kostenreduzierung und zeitgemäße Nutzungen für das Thürwächter-Bauwerk beraten werden; dies auch unter dem Aspekt, dass weiterhin ein großer Flächenbedarf für kulturelle Projekte besteht, nicht zuletzt mit Standorten für das Museum der Weltkulturen und ein Gästehaus der Stadt.


    Das Ergebnis des BDA-Workshops vom Mai 2006 zur „Rekonstruktion“ von Gründerzeit-Fassaden an der Braubachstraße erscheint nicht ganz überzeugend. Wichtiger erscheint die Maßstäblichkeit großer Nachbargebäude. Schirn, „Haus am Dom“ und Technisches Rathaus wären gemeinsam die Beispiele für „Neue Stadtgeschichte“.


    Abschließendes Statement für eine Planungskultur im Sinne von Manfred Sack


    Bei der Stadtentwicklung dürfte es nicht darum gehen, ob dem einen etwas gefällt, dem anderen nicht, und ob erlernte Vorurteile beibehalten werden. Überzeugend ist nur die Frage, wie wir unsere Stadt den Nachkommenden, der Generation unserer Enkel, übergeben werden. Dazu gehört sehr einfach, dass die Architekturen der Nachkriegszeit als Zeichen und Symbol der neu erprobten Demokratie ebenso wichtige Zeitzeugen sind, wie die geschätzten Stadthäuser und Paläste der vor-demokratischen Kaiserzeit.


    Ein zweites Argument ist die Konsolidierung der Finanzen. Mit Bezug auf die Leitsätze der Agenda 21 sollten in zukünftigen Haushaltsplänen beispielhaft acht- bis neunstellige EUR-Beträge eingespart werden können.


    Das dritte Argument besagt, die Altstadt und die ganze Innenstadt sollten von großen Baustellen mit langer Laufzeit, ihren Störungen und Belastungen weitestgehend verschont werden und funktionsfähig bleiben. Von den Touristen mal ganz abgesehen.“


    Bei diesem Beitrag kommt es am Ende ganz besonders dick, nach dem ganzen sentimentalen Vorgeplänkel, man dürfte eigentlich gar nichts abreißen, was seit 1945 in der Altstadt gebaut wurde. Vor allem dann nicht, wenn es sich um Großbauten handelt, denn die müssen nach der Agenda 21 erhalten werden, da ihr Abbruch mit dem Klimawandel nicht vereinbar ist. So kann man den Bürgern wie früher einen vom Pferd erzählen und weiterwurschteln wie gewohnt. Und wenn schon Abreißen, dann nur den Südteil des TR, damit der Siegerentwurf von Engel und Zimmermann doch noch realisiert werden kann. Neben weiteren Reizworten wie „Museum der Weltkulturen“ und „bisherige Ergebnisse noch einmal zurückstellen“ und "intelligente Fassade", werden die Einwohner dieser Stadt und ihr Engagement in diesem Projekt mit keinem Wort erwähnt. Die sollen sich zurückhalten und mit dem Ergebnis leben, das dann wahrscheinlich als demokratisches Zeugnis nach 30 Jahren auch noch unter Denkmalschutz gestellt werden muss. Von Touristen möchte der Autor bitteschön verschont bleiben, damit seine spätmoderne Welt keinen Schönheitsfehler erhält. Hat dieser Mensch die letzten zwei Jahre auf dem Mond gelebt?

    @ Restitutor: Veranstalter war nicht der BDA, sondern der Werkbund. Auch wenn beide ähnliche Ansichten vertreten, so sind es doch zwei verschiedene Organisationen.



    Stellvertretend für viele weitere groteske Höhepunkte möchte ich aus der Broschüre den Beitrag von Julian S. Bielicki „Römerberg – ein Aufruf“ auszugsweise zitieren. Ich möchte darauf hinweisen, dass ich nichts hinzugefügt oder verändert habe, auch nicht das was in Klammern steht. Weggelassen wurde von mir nur sehr wenig, ich wollte der Intention des Autors entsprechen, den Diskussionsbeitrag als Gesamtkunstwerk wirken zu lassen. Falls sich jemand von euch nach genauester Lektüre die berechtigte Frage stellen sollte, weshalb man solchen Leuten (der Autor ist Architekt und Psychologe) Jahrzehnte lang die optische Gestalt unserer Städte anvertraut hat und weshalb so ein Machwerk vom Werkbund durch Bereitstellung finanzieller Mittel veröffentlicht wurde, so muss die Antwort zunächst offen bleiben. Aber nun zum Text:


    „Julian S. Bielicki: Römerberg – ein Aufruf


    Die Stadt Frankfurt vertreten durch Frau Roth, bzw. Frau Roth vertreten durch die Stadt Frankfurt wollen bauen. Toll. Sie möchten, dass es gut wird. Auch toll. Und sie wollen nichts falsch machen, sie wollen es richtig machen. Hierbei wird es schwierig, denn was ist falsch und was ist richtig? Darum wird seit längerer Zeit unter den Beteiligten gestritten, betroffene Bürger bleiben von der Diskussion fern, denn es betrifft sie nicht – vermeintlich nicht. Wen betrifft es denn? Die, für die es sich rechnen soll? Zählt nur noch etwas, wenn es sich rechnet? Dann braucht man uns (...) für diese Aufgabe nicht, dann reicht es, Betriebswirte und Kaufleute nach ihrer Meinung zu fragen. Oder japanische Touristen, die ihr Wohlgefallen an restaurierten Fachwerkhäusern äußern. Falls sich jedoch die Architektur in Deutschland nicht ausschließlich nach dem Gusto japanischer Touristen richten soll, wonach soll sie sich dann orientieren? Nach der Geschichte? Dann wäre es eine sich selbst reproduzierende Geschichte, die keine Zukunft mehr kennt. Und hier liegt der Hund begraben, den man rasch findet, wenn alle ihre Köpfe in den Sand stecken. Das Problem der Architektur und der Stadtplanung (...) ist eine bisher nie gekannte totale Historisierung des Lebens, das keine andere Zukunft mehr kennt, als nur eine rückwärts gewandte, also keine eigentliche Zukunft, die etwas Neues, nicht durch das Vergangene bedingtes, enthielte, sondern eine Vergangenheit als Geschichte und eine gedoppelte Vergangenheit, die man Zukunft nennt, die jedoch keine Zukunft ist, sondern lediglich eine abgewandelte Historie.
    Aber alle Kunst, auch Architektur, lebt von der Hoffnung, dass es möglich wäre Neues zu kreieren, und Kreativität ist eine nur dem Menschen und Gott (falls es ihn gibt) eigene Fähigkeit, etwas Neues nicht nur aus dem Vorhandenen, sondern auch aus dem Nichts zu erschaffen. Und auch, wenn es sich nicht rechnet, so ist des Menschen Dasein Neues zu erschaffen, und ohne kreativ sein zu dürfen, wird er verrückt oder bringt sich oder andere oder sich und andere um. (...)
    Und gerade die Stadt Frankfurt ist eine, die einem sonst nichts vorgaukelt, Frankfurt „is almost alright“, Frankfurt hat keinen Charakter, sie ist eine Hure, die jedem zu gefallen versucht, der sie bezahlen oder auch dem, der sie nicht bezahlen kann, sie ist eine insbesondere dem Fremden großzügige, extrem soziale Stadt, nicht weil sie den Fremden umgarnt oder sich ihm gleich zuwendet, sondern weil sie für jeden zugänglich ist, da sich hier der Fremde nicht fremd fühlt, weil diese Stadt jedem sein eigenes Gesicht widerspiegelt, da sie selbst keins hat, so dass jeder diese Stadt sein eigen nennen darf. Anders als z.B. das mondäne München, das eitle Düsseldorf, das emsige Stuttgart, das provinzielle Mainz, das aufgeplusterte Wiesbaden, das schmollende Darmstadt, ist Frankfurt jedem zu willen, zu jedem ist sie anders. Eigentlich ist sie ein Raum an der Kreuzung zwischen zwei großen Autobahnen, Nord-Süd und Ost-West, mit Häusern und Straßen dazwischen, vor allem Häusern in denen es sich rechnet. Sie war und ist die Stadt der Pfeffersäcke, die seit eh und je alles Beständige mit ihren Pfeffermühlen zermalmte, wie Königsbergs Kant, nur erfolgreicher. Also schafft bloß keine Harmonie, denn Harmonie bedeutet, dass nicht kommuniziert wird, und alles was lebt ist widersprüchlich, und alles was lebt macht Dreck und Unordnung (außer natürlich die Putzfrauen). Zeigt also, dass ihr noch lebt, macht etwas Neues, macht Dreck und Unordnung!“


    Ich kann natürlich noch mehr veröffentlichen. Auch der von Restitutor bereits zitierte Beitrag von Wolf Dietrich „Die Altstadt und die Zukunft des Technischen Rathauses“ ist beispielsweise eine Ansammlung von Skurrilitäten, die es unbedingt verdient hätte einer breiteren Öffentlichkeit zugeführt zu werden.