Posts by nothor

    @Heimdall
    ja, was ist dieser Verlagsneubau anderes als gebaute Utopie? Gebauter Verheißung einer Zukunft, die die Gegenwart erfolgreich überwunden hat. Gebautes Science-Fiction. Sowas kann man in den Kinoblockbustern immer wieder sehen, jetzt steht es in Berlin.


    Und leider kann man soetwas auch in den vorbildgebenden Städten dieser Welt in Asien, dem nahen osten und auch in Amerika immer wieder sehen. Da wollen unsere Architekten auch hin! Der Mensch spielt halt leider keine Rolle mehr in diesem System.

    Wahnsinn, wie die aktuelle Architekturpraxis scheinbar hilflos mit Formen und Farbe experimentiert, als haben man seit 3000 Jahren keine Bauwerke mehr entworfen, als sei alles vergessen, totale Gestaltungsamnesie. Oder: Ein Freilicht-Vergnügungspark für die Teilnehmenden am Architekturgrundkurs: "Die Magie des Solitär". Man werfe ein paar Nasen, Augen und Münder in eine Box und schüttle durch, das was rauskommt muss ein Gesicht sein. Ich finde diese moderne Architektur faszinierend! Aber wenn man genau überlegt ist es dieselbe Faszination die man erlebt wenn man auf die Explosion wartet während die Lunte brennt, wie der Gaffer an einem Unfallort. Unanständig, maßstabslos, geschichtsvergessen, selbstüberschätzend, unverstandenen Vorbildern folgend.

    Da stellt sich die Frage, was das Desaster um Stuttgart21 mit der Einstellung zur Baukultur in Stuttgart angerichtet hat. Engagiert und identifiziert man sich mit den verbliebenen Prachtbauten nun mehr, oder geht es eher in Richtung "na wenn schon, denn schon" ? Für mich steht es eigentlich völlig außer Frage, das traditionsreiche Opernhaus behutsam zu sanieren. Und ich frage mich wo da immer diese Mondpreise herkommen. Wer aufmerksam die Berichte um die Hamburger Elbphilharmonie verfolgt hat vielleicht mitbekommen, dass die Akustik wohl teilweise unterirdisch sein soll und sich einige Künstler weigern, dort Konzerte zu geben. Möglicherweise wurden die Probleme nun behoben. Soll aber heißen, selbst die teuerste, ambitioniertes Neubauoper ist keine Garantie dafür dass man hinterher auch etwas tolles bekommt.

    Die Hände über den Kopf zusammenschlagen muss man immer spätestens dann, wenn man sieht dass irgendwo Dämmung draufgepappt wird, aber die alten Fenster drin bleiben. Da ist dann vollends jemand ohne Verstand am Werk und wird seine böse Überraschung erleben. Einsparungen? Fast Null. Nachträglich Fenster tauschen? Ein Kunststück, dazu muss man teilweise die Dämmung wieder aufreißen.

    aus 2. folgt unmittelbar Drittens.


    3. Die Energieeinsparverordnung EneV. Die ist in dieser Form wohl auch nur in Deutschland möglich. Auf die Technikaffinität, um nicht zu sagen Technikgläubigkeit der Deutschen will ich hier pauschal garnicht eingehen. Im Neubausegment begegnet einem im Marketingsprech eigentlich nur noch der Begriff "Wohnanlage", ein euphemistischer Begriff für Architektur als Wohnmaschine, die nach Effizenzgesichtspunkten ausgerichtet ist. Da gehören natürlich pflegeleichte Außenbereiche und Treppenhäuser, die am besten mit dem Kärcher blitzschnell gesäubert werden können, genauso dazu wie eine "gute Dämmung" und "Behaglichkeit", die dem potenziellen Mieter niedrige Unterhaltskosten verspricht. Probleme wie Schimmel, Spechtlöcher, Algen oder sonstwelche Schäden an den technischen Einrichtungen der hochgezüchteten "Wohnanlagen" können Mieter dann als Reparaturen und Instandhaltung vom Eigentümer/Vermieter fordern, deswegen hat die EneV beim Mietvolk durchaus einen positiven Nimbus. Der hat zwar ordentlich Kratzer bekommen durch die Spekulation und Mietenexplosion, aber in meinem Umfeld nehme ich wahr, dass nur eine gut gedämmte Wohnung eine gute Wohnung ist. Der Mieter sagt sich ja auch, er kann sich ja ne neue Bleibe suchen wenn das Haus technisch Murks ist (kommt ja auch vor). Und nicht jeder Mieter ist Opfer des Marktes, die angeblich hunderttausende Wohnungssuchende sind nur zu irgendwas um die 2 % tatsächlich wohnungslos. Für den Denkmalschutz ergibt sich hier ein ziemlicher Konflikt mit dem Trend der Effizienzsteigerung und Energieeinsparung. Und die Förderungs- und Abschreibungsmöglichkeiten im Denkmalbereich sind nicht so attraktiv wie die Möglichkeiten, die einem die EneV und KfW-Förderungen bieten, besonders im Hinblick auf die dynamische Entwicklung der Miete. Da kann es attraktiv sein die Denkmalqualifizieurng der Kunsthistoriker im Denkmalbereich abzuschütteln, um aus dem Haus durch Umbau das zu machen, was einem vorschwebt, eine Wohnmaschine. Der Denkmalschutz hat hier eine eher schwache Position.


    Mir ist bewusst, dass ich hier ebenfalls Denkmalschutz mit Stadbildpflege vermenge, aber das ist gewollt.

    Der Denkmalschutz hat viele Probleme, zusätzlich zu den Problemen im Einzelfall, die mit Kommunikation und Kooperation der Verantwortlichen und Geduld und Sparsamkeit der Eigentümer durchaus zu bewältigen sind, kommen da ganz systematische hinzu:


    1. Die Einstellung der Kunstwissenschaft zum Denkmalschutz, die darin nur das Bewahren von Substanz sieht: Nur aus der Originalsubstanz lässt sich auch originale Kenntnis gewinnen. Deswegen werden Rekonstruktionen meist abgelehnt, und sie stehen auch nie unmittelbar unter Denkmalschutz (es sei denn sie sind wiederum so alt, dass man daraus Erkenntnisse gewinnen kann). Wie hier im Forum schonmal irgendwo zu lesen war, sehen die Kunsthistoriker den Denkmalschutz nicht im Zusammenhang mit Stadtbild. Es geht nur um Substanz, nicht um Stadtbildentwicklung, und sie beklagen, dass Ottonormalstadtbewohner Denkmalschutz und Stadtbildpflege gleichsetzt, und deswegen immer der Ansicht ist, das Schöne gehört unter Denkmalschutz, das Hässliche und Nutzlose nicht. Es stehen sich also die Erwartungen der normalen Menschen an den Denkmalschutz (wieso steht das nicht unter Denkmalschutz???) und die "Fachwelt", die damit eigentlich nur Originalsubstanz sammelt und untersucht gegenüber. Ähnlich wie ein Museum für Römische Antike, in der angekauft, gesammelt, archiviert, geforscht und ausgestellt wird. Sobald sich ein Objekt als Fälschung entpuppt fliegt es aus der Sammlung. So kann das auf Dauer aber nicht funktionieren, weil es a) kein anderes, adäquates Instrument für Stadtbildpflege gibt, und b) sich der unmittelbar und unfreiwillig betroffene oft fragt, wieso er allein alles bezahlen soll, wenn es doch angeblich im Allgemeininteresse liegt. Mutwillige Demolierungen und Übernachtabrisse sind nicht selten die Folge.
    Würde man z.B. sagen dass die Kosten bei einem Erhalt eines Denkmals grundsätzlich zu 50% von der öffentlichen Hand bezahlt werden, dann würde sich das Bild des Denkmalschutz rasant positiv entwickeln, und jeder würde beantragen seine alte Hütte unter Schutz zu stellen. Die Auswirkungen auf das Stadtbild wären enorm.


    2. Die Deutschen als ein Volk von Mietern. Hand aufs Herz. Wer von uns wohnt in denkmalgeschützten Eigentum als Selbstnutzer? Wer nur mietet ist eher daran interessiert, dass es günstig ist und bleibt, praktisch und pflegeleicht. Mehrkosten für irgendwelches Chichi? Oder gar zugige Fenster, feuchte Keller etc. ? Lieber nicht. Die Eigentumsquote in Deutschland ist soweit ich weiß in Westeuropa die niedrigste, und selbst durch den Immobilienboom und die billigen Kredite ist das nicht grundlegend anders geworden. Wem die Immobilie nicht gehört, dem ist oft egal wie sie von außen aussieht. Das "schöner Wohnen" fängt dann erst hinter der Wohnungstüre an. Aber dann wird gerne ein fünfstelliger Betrag hingelegt, wenn man eine neue Bleibe findet: Es sind 2-3 Monatsmieten Kaution fällig, dann noch ne neue Küche, neue Böden und neue Möbel, und am Besten alles innerhalb weniger Tage, man will ja schnell einziehen. Für den Mieter ist das Wohnen also schon sehr teuer. Wer selbstgenutztes Wohneigentum besitzt sieht das oft ganz anders. Da muss auch Treppenhaus, Fassade und Umfeld passen, und das muss auch nicht alles sofort passieren, denn die Rücklagen sammeln sich langsam an und wollen auch langsam und zielrichtet ausgegeben werden. In unserer Wohnungseigentumsgemeinschaft gibt es da deutliche Unterschiede zwischen Selbstnutzern und Vermietern (Kapitalanlegern). Letztere überlegen immer nur, ob sie es den Mietern aufbrummen können, die Selbstnutzer wollen aber i.d.R. ein attraktives Haus. Wenn nun aber die meisten Deutschen Mieter sind, dann sehen unsere Städte eben auch so aus. Für den Denkmalschutz ist das zusätzlich problematisch, weil es das Schützen weiterer Objekte erschwert. Es kursiert ja immer wieder das Märchen, man müsse das Denkmalamt beteiligen wenn man für ein Bild einen Nagel in die Wand schlagen will. Nein danke...

    Der "Denkmalschutz" ist per sé ein Landesrecht, d.h. es wird erstmal in jedem Bundesland ein anderslautendes Denkmalschutzgesetz geben. In Bayern gibt es ein Denkmalschutzgesetz seit ich glaube 1973. Das Gesetz allein ist aber nichtssagend, da es anders als z.B. die Straßenverkehrsordnung nicht unmittelbar greift, sondern jedes einzelne Bauwerk gutachterlich auf sein Denkmalwert geprüft und "in die Liste aufgenommen" werden muss. Und diese Prüfung hat es in sich, da wird z.B. der aktuelle Eigentümer gefragt und der jeweilige Prüfer legt auch durchaus unterschiedliche Schwerpunkte an. In Nürnberg erleben wir es durchaus, dass "gewichtige" Eigentümer, die irgend ein Projekt umsetzen wollen, darauf drängen die Denkmalprüfung negativ zu bescheiden und dabei über die Politik, die Minister und Leiter der Denkmalbehörden Druck ausüben. Denn das Gutachten wird nicht von unabhängiger Stelle angefertigt sondern von einem abhängig Beschäftigten in der jeweiligen Behörde. So haben wir in den letzten Jahren mehrere denkmalwerte Bauwerke verloren, von denen wirklich unabhängige Denkmalexperten einen Denkmalwert vergutachtet hätten. D.h. das Denkmalschutzgesetz alleine hat keinerlei Durchsetzungskraft, es entscheidet immer der Einzelfall und die handelnden Personen. Das ist als würde ausschließlich der Prüfer bei der Dekra entscheiden, ob dein Auto ein Auto ist oder nicht - je nach Tagesform und ob er gerade blaue Autos gut findet oder eher meint, es gäbe schon genug davon.


    Im Ergebnis ist das Denkmalschutzgesetz in seiner bisherigen Wirkungsweise nur vorgeblich sachlich, fachlich und kulturwissenschaftlich orientiert. In der Praxis werden die Entscheidungen von der Politik aufgrund von öffentlicher Meinung vorgegeben, die widerum wirtschaftlichen Interessen folgt.


    @Magdeburger Kind: Der Energiewende stehen Denkmale natürlich im Wege, deswegen darf es wohl auch möglichst keine neuen Denkmale geben, jedenfalls nicht im Großen Stil. Außerdem muss ja der Rubel rollen, die Sanierungswelle muss weitergehen! Alles andere würde wir Stillstand wirken und den Fortschritt hemmen - so die Denke. Dabei schafft man auch im Denkmalbetrieb unzählige wertvolle Arbeitsplätze im Handwerk!


    Hier wurde vor Kurzem ein Thread geschlossen, da ging es um kulturelle Identität usw. Mir ist dabei immer wieder durch den Kopf gegangen wie man wohl von Zuwanderern erwarten kann sich mit Deutschland zu identifizieren, während sie mit anschauen wie wir mit unserem Kulturgut umgehen und z.B. unsere attraktiven Fassaden mit Presslufthammern abmeißeln. Sowas macht man eigentlich nur in ganz dunklen, gruseligen Zeiten.

    Gute Frage, in der Theorie musst du die Fassade bei einem nicht denkmalgeschützten Haus immer dann dämmen, wenn du mehr als ich glaube 10 % der Fassadenfläche bearbeitest. Also wenn die Dämmung abgerissen wird müsstest du gleich wieder ne neue drauf machen. In der Praxis sind die Vorgaben der EneV aber sehr theoretisch, mit keinerlei Sanktionen oder behördlichen Kontrollmechanismen behaftet, also könntest du das wohl tun. Wer sollte sich dagegen schon beschweren? Die einzigen, die es zu überwinden gilt wären die anderen Hauseigentümer bzw. Mieter, die dann höhere Heizkosten fürchten könnten. Bei so einem MFH ist die Lage schon sehr komplex.


    Ein unschön gedämmtes historisches Eigenheim könnte man aber wohl schon kaufen, Dämmung runterreißen und wieder Stuck dran. Aber wer macht sowas? Der Abriss einer Dämmung kann wegen des Schaumstoffes bis zu 15.000 mehr kosten (ist im Bekanntenkreis so gewesen), und sanierungsbedürftige Originalsubstanz bekommt man ja durchaus noch. Die 15.000 gebe ich lieber für Fenster aus, oder den Stukkateur.

    Damit ruinieren wir unseren Häuserbestand, anstatt ihn zu sanieren. Allerdings haben die Eigentümer auch vorher wenig Wertschätzung für die Immobilie übrig gehabt. Seit dem Krieg wurde die Fassade nicht saniert, sie war voller Bohrlöcher alter Befestigungen und Luftschutzmarkierungen. Auch im Eingangsbereich ist es aufs billigste gefliest. Es gibt halt viele Menschen die sich eine Immobilie zulegen um sie bestmöglichst auszuquetschen. Irgend wann ist die Bude halt komplett abgerockt und wird abgerissen. Nach Dämmung kommt immer der Abriss, ein Zurück gibts da nicht mehr.


    Aber richtig, unsere Politik dreht an den "Anreiz"-Rädchen immer mehr so, dass am besten alle Häuser abgerissen und supereffiziente neue gebaut werden.

    Der Dämmwahn schlägt hier zu, in seiner hässlichsten, ersten Stufe: Entstuckung. Nürnberg, im Oktober 2019, Am Messehaus 20:


    Anstatt die hübsche Fassade auzuarbeiten wird sie von Handwerkern mit Presslufthammern abgeschlagen. Die Bilder haben mich erinnert an die Fernsehbilder von vor einigen Jahren, die zeigen wie IS-Terroristen die Antikenstätten verwüsteten.


    Leider kein Fake.

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    Ich danke dir für deine Einschätzung, die teile ich ja auch. Ich finde es immer etwas schmerzvoll wenn diskutiert wird, ein Denkmal auf den aktuellen Neubaustandard zu sanieren. Brandschutz, Fluchtwege, Dämmung und Klimatisierung, man liest oft dass es jemandem "gelungen" ist ein Denkmal auf Passivhausstandard zu bringen, wo ich mich immer frage ob denn das wirklich notwendig war und dem Denkmal eigentlich gut tut, bzw. ob das eigentlich wirklich ein respektvoller Umgang mit einem Denkmal und seiner Substanz darstellt. Das wird auch in Architektenkreisen kontrovers diskutiert.


    Es wäre aus Sicht der öffentlichen Hand sicherlich gut hier eine minimale Sanierung vorzunehmen, die das Haus in den Stand von 1956 bringt, also Fenster und Heizung erneuern, hier und da ausbessern, mehr nicht. Das wäre überschaubar und würde auch die Forderung der Altstadtfreunde ziemlich schnell in die Defensive bringen, da ihr Plan wesentlich teurer ist. Nur habe ich meine Zweifel. Je nach Anspruch an das Projekt "Spielearchiv/Haus des Spielens" ist es vielleicht wenig vermittelbar, in nach Stand der Technik ungeeigneten Lagerräumen Museumsgut zu stapeln. Was für uns daheim ok ist, mit unseren paar Regalmetern Büchern, wo wir regelmäßig Staubsaugen, Lüften und umstapeln, Ungeziefer schnell feststellen und beseitigen, das ist in Museen nochmal was ganz anderes. V.a. wenn es um ein Projekt geht mit überregionaler Strahlkraft oder gar internationaler Bedeutung. Das läuft dann auf die Frage einer „unbefristeten Zwischennutzung“ oder eben der „großen Lösung“ hinaus. Weiter oben schrieb ich ja bereits, dass das GMN ein hypermodernes Tiefdepot baut, auch das Landeskirchliche Archiv hat sein altes Archivgebäude aufgegeben zugunsten eines Neubaus nach aktuellem Standard. Das alte Archivgebäude, übrigens ebenfalls um 1956 und unter Denkmalschutz, wurde bereits abgerissen für künftige Eigentumswohnungen!
    Ob Nürnberg aber bereit ist die bislang einzigartige Idee des Spielearchivs / Haus des Spiels in einem im Grunde unsanierten Altbau dauerhaft unterzubringen bezweifle ich, denn der Zustand existiert ja bereits, dann gäbe es die Diskussion so nicht.


    Grundsätzlich wäre das aber eine geeignete Strategie der Erhaltbefürworter, nichts zu machen, keine umfassende Sanierung anzustreben sondern den Status Quo einzufrieren. Denn letztlich hängt es immer an den Kosten, wenn keine entstehen meckert erstmal auch niemand.

    Soweit ich weiß wird ja angestrebt, das Gebäude weiterhin als Lager zu nutzen, halt für Spiele. Insofern könnte man vielleicht etwas drehen was den Bestandsschutz und das Baurecht anbelangt. Vertreter der Spielehaus-Idee sagen ja auch dass der Platz ausreiche für ein Spielearchiv. Technisch aber ist es ein Problem, dass man hier keine Lagerräume von hoher Qualität hat, das Lagergut ist nicht gut geschützt. Die große Südfassade mit den vielen Fenstern lässt Licht rein und heizt den Innenraum auf, eine Wärmedämmung und Klimatisierung ist nicht vorhanden und kann nur schwer untergebracht werden wegen der geringen Geschosshöhe. Auch auf das Tonnengewölbedach kann man schwer irgendwelche Klimageräte draufbauen. Naja von von Barrierefreiheit, Fahrstuhl für Personen und Lasten usw. sind wir da noch ganz weit weg.


    Ich kann es verstehen wenn viele Menschen den Denkmalschutz hier für gerechtfertigt halten und sich für den Erhalt einsetzen. Aber nüchtern betrachtet ist es wohl das am wenigsten benutzbare und sanierbare Denkmal in der ganzen Stadt, zumindest was den Bücherturm betrifft. Und die Aussicht, stattdessen ein Renaissancegebäude rekonstruieren zu können macht für mich aus diesem Verlust sogar ein Gewinn - im Gegensatz zu den vielen anderen Denkmalen, die Nürnberg in jüngerer Zeit schon abreißen ließ.

    Ja, Budapest ist atemberaubend! Ich vermute dass es nicht nur die Fülle und Geschlossenheit ist, sondern fast noch mehr die Überzeugungskraft der vollständigen Erhaltung im Einzelnen: Die Fassaden sind quasi von der Fundamentkante bis zum Firstziegel im Originalzustand. Bei uns haben selbst Prachtaltbauten oft völlig veränderte Ladenfronten, Türen, Schaufenster und Reklame, oder eben völlig veränderte Dachgestaltungen. In Budapest hat man dagegen das Gefühl eine Zeitreise zu machen. Danke für die Bilder!

    Der gegenteilige Effekt ist auch über Fenstern zu sehen, die lange auf Kipp stehen. Da ist die Fassade weitgehend sauber, aber die feuchte Luft aus den Kippfenster lässt darüber schwarze Schlieren entstehen. Die Ursache ist also eigentlich immer Feuchtigkeit, die aus der Luft kondensiert oder vom Regen kommt. Wo die herkommt ist bei einer Außenfassade auch egal, denn man dann die Ursache i.d.R. ohnehin nicht abstellen.

    Das wäre für Nürnberg ein Novum. Hier setzen sich stets wirtschaftliche Überlegungen durch, Künstler können sich hier nirgends "festsetzen", man kann in der Lokalpresse gut verfolgen, wie sie alle paar Monate herumgeschubst werden von einer Zwischennutzung zur nächsten.


    Aber wenn das verhindert, dass man überstürzt in eine Sanierung mehrere Millionen reinsteckt um hinterher zu sagen, naja ist zwar nicht schön geworden aber man kanns zumindest benutzen, dann lieber nichts machen. Das Vorderhaus zu rekonstruieren kann man auch in ein paar Jahren noch machen.


    Aber wie gesagt, wenn man sich den Komplex mal außerhalb einer Führung ansieht kriegt man eine Ahnung was da im Argen liegt. Es ist weitgehend leer, in den großen, benutzbaren Räumen sind ein paar Leute und spielen irgendwas, nur auf der Baustelle der Altstadtfreunde scheint der Interessierte willkommen zu sein. So kam es mir zumindest vor, im sog. "Haus des Spielens" rief es mir über einen Flur entgegen "Was wollen Sie hier?"

    Der BDA-Text ist leider nicht mehr aktuell und unterschlägt auch einige wichtige Details. Z.B. steht der Komplex seit über 20 Jahren weitgehend leer, ein Konzept für eine Nutzung, die das Gebäude vollständig und zeitgemäß mit Leben füllt, fehlt bis heute. Es darf aktuell als Haus des Spiels nur genutzt werden da es Bestandsschutz genießt.


    An sonsten kann man dem BDA in seiner Stellungnahme nicht mehr Sachlichkeit zugestehen als den Altstadtfreunden, es wird halt einfach irgendetwas in den Raum gestellt, ohne es zu belegen. Z.B. sei der Egidienplatz ein Kirchplatz und kein "Platz vor dem Pellerhaus". Wie wird das belegt? Die Würdigung des Ortes stand fast Jahrhundertelang im Lichte des Pellerhauses, das nicht nur das ältere am Platze war, sondern auch das kunsthistorisch bedeutendere.


    Den Vortrag von Herrn Bertold Burkhardt habe ich selbst gesehen, das Beispiel der Kosten für die Sanierung des Kanzlerbungalows brachte recht wenig Erkenntnisse, wohl auch deshalb da man bis damals nicht wusste, wie man das heutige Pellerhaus künftig nutzen wollte. Es hieß nur dass eine Sanierung möglich sei, und mit Verweis auf die mittlerweile zugigen Fenster und alten Heizkörper wurde halt gesagt, dass man das nicht unbedingt sanieren müsse bzw. ob man einen KFW-55 Standard oder sowas anstrebe bei einem Denkmal wäre auch zu hinterfragen. Ich kann mich an die Diskussion sehr gut erinnern, da ich grds. derselben Meinung bin, man muss ein Denkmal nicht auf den energetischen Standard eines Passivhauses bringen, bzw. sich dann beklagen, wie teuer das sei oder halt auch wie unmöglich. Damals wusste ich aber auch noch nicht, dass der riesige Pellerhauskomplex nur ein Treppenhaus besitzt und das brandschutztechnisch eine lebendige Nutzung verhindert. Genau dieses Problem hat ja bereits zur Räumung diverser öffentlicher Gebäude geführt. Auch von den wirklich geringen Raumhöhen usw. wusste ich damals nicht, Führungen haben ja nie durch den Bücherturm geführt, sondern stets den Lesesaal angesteuert, der tatsächlich wirklich schön ist.


    Die Diskussion ist natürlich auch dahingehend schon weiter, denn wenn ich das richtig verstehe will man die historische Fassade nicht nur vorblenden, sondern tatsächlich den Bücherturm abreißen und auch das Innere neu bauen. Nur das macht m.E. Sinn. Die Logik ist, dass eine vollständige Sanierung des Komplexes ihn ebenfalls soweit verändern würde, dass der Zeugnis- und Denkmalwert beeinträchtigt würde und gar der Denkmalstatus in Frage gestellt sein könnte. Und daher der Gedanke, ob man nicht besser rekonstruiert anstatt ein Nachkriegshaus teuer zu sanieren ohne es letztlich unangetastet erhalten zu können. Ich sehe hier so viele öffentliche Gebäude, an denen außen eine Edelstahltreppe angebaut wurde weil die Fluchtwegeproblematik im Innern nicht gelöst werden kann. Oder der Postrundbau am Hbf., ein Einzeldenkmal innen wie außen, da werden innen alle Wände und Decken abgerissen und alles neu gebaut wegen irgendwelchen statischen Problemen.


    Die Altstadtfreunde weisen zurecht darauf hin dass man das gut diskutieren sollte, will man am Ende ein halb verkrüppeltes Nachkriegsdenkmal haben oder eine saubere Rekonstruktion?


    Vielleicht sollte man das aktuelle Pellerhaus weiterhin zwischennutzen, und die Räume mit all ihren Qualitäten und Problemen Künstlern zur Verfügung stellen, wenn eine Nutzung durch das Haus des Spielens nicht möglich ist. Man darf ja auch nicht vergessen, weswegen ist die Stadtbibliothek dort ausgezogen? Was zeichnet eine moderne Bibliothek im Hinblick auf Lagerorganisation und Besucherströme denn aus? Das GMN baut aktuell für viele Millionen ein vollklimatisiertes Tiefdepot, die neue Stadtbibliothek hat ebenfalls modernste Räume und Einrichtungen dafür. Eine Büronutzung des Pellerhauses scheidet auch aus, ebenso Wohnen. Was bleibt da noch übrig? Ich habe ja schonmal gesagt, wäre das Haus voll des Lebens würde man nicht so drüber diskutieren. Ich empfehle aber mal einfach mal unangemeldet hinzugehen und zu schauen, was da so abgeht.

    Der Algen genügt es ja wenn es einfach regelmäßig feucht ist. Die überstehen ja direkte Sonneneinstrahlung auch. Der Effekt ist vergleichbar mit dem, was man an einzeln stehenden Gartenmauern, Pfosten usw. findet, wenn sich über die Jahre in den porösen Oberflächen erst Schmutz sammelt und dann, bei ausreichender Feuchtigkeit auch Algen bilden. Hersteller der Fassaden betonen auch, dass das kein technischer Mangel sei. Sprich man muss es einfach als Normal hinnehmen und sich damit abfinden. Witzig in einer Gesellschaft, in der man oft nichtmal einen Lackkratzer am Auto duldet.

    Das nenn ich mal Bausünde. Diese Dämmstofffassaden machen die aktuelle Minimalismus-Schießschartenarchitektur erst richtig abstoßend. Wenn man in so einer Umgebung wohnt wundert es mich nicht wenn man drei mal im Jahr in die Toskana fliegen muss um sich zu vergewissern dass die Welt auch schön sein kann. Der ökologische Effekt ist dann bereits verpufft.

    Ja, der imposante Keller ist noch da, und wenn man so will ist damit noch überraschend viel Originalsubstanz des Pellerhauses da, und durch die Reko dürfte dieses Maß bei über 50% liegen.


    Danke für die Fotos, v.a. das auf deinem zweiten Foto sichtbare Tonnengewölbe wird ja so gelobt. Wobei ich nicht weiß warum, und ob sich dieses Lob auf die Gestaltungswirkung nach Außen bezieht oder die Innenraumgestaltung. Ich frage mich wie sie das energetisch ertüchtigen wollen, da sind ja nur ein paar cm Beton, und wenn man das irgendwie dämmen will oder so, dann geht die Raumwirkung ja weitgehend verloren. Da beißen sich bestimmt einige Ingenieure und Denkmalpfleger die Zähne daran aus, oder man verzichtet halt darauf das oberste Stockwerk zeitgemäß zu nutzen. Wurde denn dazu etwas in der Führung gesagt?

    Sehr unterhaltsam. Was mich aber etwas stört, ist das von ihm gewählte Beispiel. Er setzt einfach das Bauhausmuseum in Weimar, Baujahr 2019 von den Architekten Heike Hanada (geb. 1964) in Zusammenarbeit mit Benedict Tonon (geb. 1944) mit Bauhaus gleich. Eine generelle Bauhauskritik wird dadurch in meinen Augen nicht wirksam untermauert, aber umsomehr die Kritik an der heutigen Architektur, die sich tragischer oder unzulässiger Weise auf das Bauhaus beruft. Das Bauhaus wird je gerade deshalb so abgelehnt, weil in seinem Namen unsere Kulturlandschaften verunstaltet werden.
    Auch ich neige dazu das Bauhaus abzulehnen, weil man die Menschenverachtenden Gestaltungsregeln unserer Tage mit Baushausprinzipien begründet.


    Aber vielleicht täusche ich mich dabei auch und unterschätze den Vorsatz und die Konsequenz, mit der die Bauhäusler bereits in den 1920'ern dachten.


    Wie Herr Wangenheim aber herleitet, dass die Formensprache der Bauhausarchitektur diejenige ist, die in der Popkultur mit Menschenvernichtung assoziiert wird, ist aber sehr ansprechend. Bauhaus spielt ja letztlich außerhalb Deutschlands auch keine größere Rolle, und ist nur in Deutschlands Architekturkreisen positiv konnotiert. In Italien, USA, Frankreich ist mir nichts bekannt, dass sich bewusst darauf beruft oder diesen Geist atmet, nicht in der heutigen Zeit.