Posts by nothor

    Geht es dabei um ein "Restaurierungsziel" oder eher um Zuschreibung einer Denkmaleigenschaft? Denn "Stileinheit" ist tatsächlich oft Voraussetzung für Denkmalschutz, und dann erst greift doch die Charta von Venedig. Ein Denkmalschützer sagte mal, es müssen mindestens 10% Originalsubstanz vorhanden sein, z.B. nach einem Brand, um die volle Wiederherstellung zu fordern.

    In anderen Fällen wird begründet, dass ein an sonsten intaktes Gebäude bereits zu viele Veränderungen habe, z.B. eine zusätzliche Dachgaube, moderne Türen oder Fenster. Das ist ja nun meilenweit von den 10% entfernt, und stellt zudem auch eine zu respektierende Zeitschicht dar.


    Für mich gilt: Die theoretischen Grundlagen im Denkmalschutz finde ich schon schwer nachvollziehbar, aber die Praxis scheint sich an gar keine Regeln zu halten. Diese werden für jedes Gebäude neu interpretiert und so gebogen, dass sie mit sachfremden Interessen zusammenpassen.

    Das erkennt man ja schon daran, dass in Leipzig z.B. viele denkmalgeschützte Bauten ihre Stuckfassade zurück erhalten, und in Nürnberg z.B. Gebäude ohne Stuck gar nicht denkmalfähig sind. Oft sind sogar noch intakte Gebäude nicht "besonders" genug um ein Denkmal zu sein. Von einheitlichen Prinzipien oder sowas kann da eigentlich keine Rede sein. Die stehen vielleicht in irgendwelchen Standardwerke geschrieben.

    Man könnte sagen, dass der Denkmalschutz anstelle des Urheberrechts tritt. Gibt es dazu eine herrschende Meinung? Würde auch erklären, weswegen es Bauwerke Jünger als 70 Jahre schwer haben, auf die Denkmalliste zu gelangen.

    tegula Ich meinte nicht den Jugendstil, der ist freilich als wertvoll erkannt worden. Als Laie würde ich sogar sagen, dass es in Deutschland die seltenste Architektur des 21. Jahrhunderts ist, die man bewundern kann. Mir ging es um den Wert der 60'er-jahre-Hinzufügungen, die heute allgemein als wertlos gelten. Wie ich mitbekomme, kommt man in der Denkmalschutzpraxis derzeit mit viel Mühe in den 1950'ern an, und gesteht ersten Bauwerken dieser Epoche ihren Wert zu. Ähnlich, wie es einst der Neugotik oder dem Historismus ging, als sie ebenso alt waren. Geschichte wiederholt sich leider aktuell vor unser aller Augen, obwohl Denkmalschützer behaupten dass sie genau das Gegenteil anstreben.

    Exakt, aber warum fordert der Denkmalschutz immer wieder vergleichbar unpassende Anbauten an historischen Gebäuden, oder lässt sie zu? Dachgauben, die den Rahmen sprengen, gläserne Treppenhäuser, Betonkuben etc. wie wir sie immer wieder als Besucherzentren oder "ertüchtigten" Denkmälern sehen.


    Ein Architekt sagte mir mal, dass man bis etwa zum 1. WK Architektenentwürfen immer nur Wert hinzugefügt hat, beseelt von dem Wunsch, den Entwurf weiter zu entwickeln, zu vervollständigen, zu perfektionieren. So ist der Abriss eines biedermeierlichen Hauses mit seinem schlichten Äußeren zugunsten eines Neubaus mit Gründerzeit-Stuckfassade nachvollziehbar. Auch eine Neugotische Austattung in einem gotischen Kirchenraum. Aber seit etwa 1920, so der Architekt, ist diese Leitlinie verwaschen und verschwunden. Seither wird vereinfacht, simplifiziert, ist der unsägliche "Kontrast" in die Architektur eingezogen und führte so schrittweise zu den Stadtbildern, die wir heute haben und die eine ständige Reparaturbedürftigkeit triggern. Nichteinmal der Denkmalschutz ist in der Lage diesen Kreis zu durchbrechen, er stellt sich nicht progressiv gegen den Architektur-Mainstream auf sondern zieht sich auf das Sammeln von Original-Steinen oder Holzbalken zurück, zur Not halt in einem "Denkmal-Stadel". Eine bekannte Kunsthistorikerin meinte zu mir mal resigniert, dass es mal ein Prinzip der "Denkmalnähe" gab, neben einem Denkmal soll nichts entstehen, dass seine Wirkung beeinträchtige, es war also angepasste Architektur gefordert. Auch das sei aufgegeben worden.

    Entfernen wir die neugotische Überformung an einem gotischen Kirchenbau, um das mittelalterliche Original wieder zu erhalten? Noch vor 100 Jahren hätte die Antwort vielleicht ja geheißen. Ich finde es doch bedenklich, dass hier einige fordern, wieder dahin zurück zu kommen und die Denkmalpflege dafür beschimpfen, diesen fatalen und unumkehrbaren Schritt nicht mehr zu gehen.

    Aber worin besteht der Unterschied? Die neugotische Überformung einer gotischen Kirche war vor 80 - 100 Jahren vielleicht 40 bis 60 Jahre alt. So alt, wie heute die 60'er-Jahre Einbauten in einem Jugendstilhaus sind, und die oft pauschal als "neuzeitlich" diskreditiert und zum Abriss freigegeben werden. Diejenigen 60'er-Jahre Einbauten in einem Jugendstilhaus, die es schaffen noch weitere 40 Jahre oder länger zu überdauern, werden von späteren Generationen von Denkmalschützern dann womöglich wieder so bewertet, wie wir heute die neugotische Hinzufügung in einem gotischen Kirchenraum schätzen.


    Was ich damit sagen will, da ist schon etwas dran wenn man findet, dass der

    Denkmalschutz heutiger Prägung absolut überflüssig

    ist, denn er führt zu vergleichbaren Ergebnissen wie vor seiner Zeit.


    Worum sich die Denkmalpflege leider erfolgreich drückt sind Dimensionen wie "Architektenentwurf", der immer wieder vom Zeitschichtenargument überlagert und ausgestochen wird, und von "Qualität", mit der die Beurteilung einer Überformung einhergeht. Denn soweit Überformungen nicht historisch begründet und als geschichtlich bedeutsam nachgewiesen werden können, führen sie stets zum Verlust der Schutzwürdigkeit insgesamt, egal ob sie den Architektenentwurf "weiterspinnen" oder unpassend negieren. Doch letzteres ist leider genau die aktuelle Denkmalschutzpraxis, in der notwendige Hinzufügungen an einem Denkmal gewollt unpassend sein müssen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sich künftige Generationen darüber sehr ärgern werden, denn ob ein Teil original ist oder nicht muss man nicht durch Hässlichkeit kenntlich machen. Das kann man durch saubere Dokumentation festhalten oder eben durch Materialanalysen etc. erkennbar machen. Die Architektur ist nunmal keine Wissenschaft, sondern eine Kunst, ihr die Emotionalität zu rauben ist m.E. keine Leistung, sondern ein Vergehen. Deswegen steht die Denkmalschutzpraxis so oft in der Kritik.

    Vielmehr wird bewahrt, was spätere Generationen an einem Bauwerk verändert haben, insofern es einen Schutzwert besitzt.

    Genau das ist der Punkt, um den es sich ja dreht. Nach welchen Kriterien richtet es sich, ob eine Veränderung an einem Bauwerk durch spätere Generationen selbst einen Schutzwert besitzen (1.) oder eben nicht, und dadurch den Schutzwert des gesamten Gebäudes, auch seiner originalen und schützenswerten Elemente auslöschen (2.) Zu dieser Fragestellung, des "Hop oder Top" habe ich noch keine überzeugende Erklärung gehört.


    Und tatsächlich ist es doch so, dass die größten Kritiker der Denkmalpflege doch die Bauforscher und Menschen, die sich für Denkmalschutz einsetzen, selbst sind. Es ist also nicht so, dass der Denkmalschutz von "Unkundigen" kritisiert wird, sondern tatsächlich vielmehr von Menschen, die sich selbst praktisch für Denkmalschutz einsetzen. Es ist schlichtweg so, dass es keine Festlegungen gibt, wann etwas schützenswert ist und wann nicht. Und die Tatsache, dass Denkmalschutz aufgehoben wird, wenn er einem Projekt im Weg steht, macht das ganze noch ärgerlicher.


    Nein, der Denkmalschutz ist sowohl in seiner grundsätzlichen Ausrichtung, manche mögen es "Ideologie" nennen, als auch in seiner verwaltungsbehördlichen Ausformung und Kommunikation selbst hoch sanierungsbedürftig. Ich habe auch das Gefühl, dass sich der Denkmalschutz als Bewahrer von Baukunst weit von anderen Formen wissenschaftlicher Bearbeitung von Kunst und Geschichte entfernt hat. Die Gründe für mein Unbehagen diesbezüglich habe ich ja schon weiter oben ausgeführt.


    Ich frage mich ja selbst, wozu eine Stadt wie Nürnberg eigentlich ein "Denkmalstadel" angelegt hat, Lagerplätze für denkmalgeschützte Elemente, die an Ort und Stelle nicht mehr bewahrt werden sollten (denn "können" geht immer, wenn man will). Da diese Teile ja nie wieder an Ort und Stelle verbaut werden können, wozu sie dann einlagern. Dann kann man sie auch dokumentieren und anschließend verkaufen oder recyclen. Aber das hat sich auch erledigt, die Stadt Nürnberg wird das Denkmalstadel wohl aufgeben, wie ich gehört habe. Institutionalisiertes Versagen.

    Komisch, wenn ich z.B. im Germanischen Nationalmuseum unterwegs bin sehe ich ausschließlich Gegenstände, seien es Möbel, Zimmereinrichtungen, Musikinstrumente etc, die im Originalzustand erhalten sind. Es werden keine Gegenstände ausgestellt, die durch spätere Zeitschichten verändert wurden. Wo jemand etwas abgesägt hat, oder hinzugeführt, oder modernisiert hat. Bei professionellen Restauratoren ist es Usus, moderne Schrauben gegen historisch korrekte auszutauschen. Es geht immer darum, den originalen Eindruck udn Zustand wiederherzustellen.

    Ähnlich kenne ich es auch von Oldtimer-Liebhabern: Es zählt einzig das originalgetreue oder originale Gefährt, ob die Teile nachgebaut oder original aus der Zeit stammen ist da zweitrangig. Gut, bei Oldtimern sind meistens Laien zugange, aber kaufen Museen auch interessante Stücke mit Zeitschichten an?


    Warum ist das in der Architektur so anders, weshalb sind Zeitschichten hier so wichtig, dass der Abwägungsprozess mal zu ihren Gunsten, und mal zu ihren Ungunsten ausgeht?


    Ich kenne z.B. auch Menschen, die sind der Meinung es sei ein Fehler gewesen, viele der restaurierten Fachwerkhäuser in Nürnberg wieder fachwerksichtig zu restaurieren. Man hätte die biedermeierliche oder gründerzeitliche Stuckfassade dran lassen müssen. Ist dieser Abwägungsprozess, an dessen Ende immer eine Übergewichtigung des einen Zustandes gegenüber eines anderen steht, nicht auch oft eine Geschmacksfrage? Oder geht es darum: Hinzufügen ist erlaubt, Entfernen jedoch nicht? Mögen für uns heute Zeitschichten aus den 1960'ern und später irrelevant sein, ist das nicht streng genommen unwissenschaftlich?


    Für mich bleibt hier immer ein massives Unbehagen zurück, das dadurch entsteht dass in einem Beispiel ein Ursprungszustand aus wissenschaftlich begründeten Erwägungen heraus nicht existieren darf, und in anderen Umständen der Denkmalschutz als schützender Wert als solches wiederum nur Ursprungszustände verlangt, und die nachträgliche Veraänderung ablehnt.


    Ja, und das ist ja auch gut so, weil wir sonst damit anfangen würden, Kunstwerke zu vernichten, die wir heute nicht als so qualitätvoll erachten wie das des Vorgängers. Da wäre eine sehr fragwürdige Vorgehensweise und würde Eingriffe nach sich ziehen, die unumkehrbar sind.

    Tatsächlich aber passiert genau das ständig. Es ist nicht nur fragwürdig, eine spätere Veränderung eines Kunstwerks als Wertzuwachs zu definieren - auch wenn es das im Einzelfall sicherlich gibt und auch heute durch jede Modernisierung leider mit dem Fokus auf technische Ertüchtigung und nicht auf ästhetische Vervollständigung geschieht - es ist auch tägliches Geschäft, aus einem Denkmal spätere Veränderungen wieder zu entfernen, "neuzeitliche Einbauten werden entfernt". Dieser Prozess, etwas als wertvoll oder wertlos zu beschreiben und damit der Nachwelt zu bewahren oder zu zerstören, findet täglich statt. Die Entscheidungen werden oft von Einzelpersonen getroffen und sind meistens von deren Interessen und Vorlieben geprägt. Auch das hört man immer wieder. So richtiog wissenschaftlich ist es also nicht. Einzig wissenschaftlich in der Denkmalpflege ist m.E. die Dokumentationspraxis, durch die Nachvollziehbarkeit und Wiederherstellbarkeit möglich wird.

    Als ob diese sich bewusst oder gar hinterhältig gegen Rekonstruktionen ausspricht. Vielmehr ist es so, dass das oberste Gebot immer der Erhalt der Originalsubstanz ist. Dass man dabei auch immer wieder Kompromisse schließen muss, versteht sich von selbst. Es ist halt auch die Frage der Verhältnismäßigkeit.

    Da sprichst du aber nur die halbe Wahrheit an. Tatsächlich wird doch auch oft gegen Rekonstruktionen argumentiert, weil man damit die Originalsubstanz entwerten würde, oder weil man dann Originalsubstanz nicht mehr von rekonstruierten Teilen unterscheiden könne. Wenn es nur um die Originalsubstanz ginge, und bei Hinzufügungen wäre alles egal, dann hätten wir wohl doch mehr Rekonstruktionen.

    In meinen Augen ist dieses "Zeitschichtenargument" nicht überzeugend, denn Zeitschichten mit Modernisierungen aus allen möglichen Epochen und Gründen finden sich an jedem Haus. Aber bei vielen Häusern sind diese Zeitschichten das Argument gegen einen Denkmalstatus. Selbst wenn man die Zeitschichten als bedeutsam belegen kann. Und täglich kommen neue Zeitschichten hinzu. Zeitschichten machen nur dann Sinn, wenn man an ihnen auch etwas erklären und zeigen kann und will. Und sie stehen immer im Widerspruch zur urprünglichen Aussage und Bedeutung eines Baus. Am Beispiel des Dominikanerklosers in Nürnberg jedenfalls wirken die hinzugefügten Zeitschichten, insbesondere die Dachlandschaft aus 2019 nicht denkmalgerecht. Mehr noch, ich verliere das Verständnis für den Denkmalschutz, er macht dann keinen Sinn mehr.

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    Genau das ist es. Wenn der Denkmalschutz eine originalgetreue Ergänzung (z.B. eine zusätzliche Tür, Fenster, Dachgaube), Hinzufügung (Anbau, Aufstockung) oder Wiederherstellung (Wiederbestuckung) ablehnt, weil es nicht der originalen Substanz entspricht, dann wird er selbst zu dem was er eigentlich verhindern will. Nämlich zu einem am Bau Beteiligten, der der Entstellung und Verunstaltung eines Denkmals Vorschub leistet. Andernfalls müssten jegliche Veränderungen und auch Instandsetzungen grundsätzlich versagt werden.


    In der Praxis ist das alles natürlich nicht zu halten und entspricht auch nicht dem Empfinden der meisten Denkmalschützer. Wenn man mit denen auf eine Baustelle geht, und ein Bauherr begeistert zeigt, dass man dieses oder jenes nach historischem Vorbild handwerklich-technisch originalgetreu wiederhergestellt hat, was vorher weg war, sieht man auch bei den Fachleuten immer nur begeisterte Gesichter. In der Theorie ist da allerdings alles immer verpöhnt.


    Dabei ist das doch das Wesen des Denkmalschutzes. Wiederherstellung nach hist. Vorbild bedeutet auch immer, dass man die Technik und Materialien studiert und nachempfunden hat, dass das Wissen noch lebt und gelebt wird, man daraus lernt und es weitergibt. Deshalb ist eine originalgetreue Rekonstruktion aus meiner Sicht immer die Königsklasse im Denkmalschutz.

    Nicht zu vergessen, eine Modernisierung und Sanierung eines eingetragenen Denkmals, z.B. die Hinzufügung einer Lüftungsanlage, einer Wärmedämmung oder einer Fußbodenheizung wird mit Abschluss der Arbeiten ebenfalls Denkmal.


    Aus meiner Sicht ist die Fokussierung auf Substanzerhalt nicht dauerhaft haltbar, nicht überzeugend und wird damit zurecht als Fetisch bezeichnet. Auch in Nürnberg gibt es zahlreiche Beispiele - eigentlich alle Denkmalsanierungen laufen so ab - das eigentlich geschützte Substanz entfernt wird, weil sie den Anforderungen der späteren Nutzung nicht mehr entsprechen. So wurde der denkmalgeschützte Rundbau komplett entkernt, alle Wände, Decken und das Dach raus, und aus Stahlbeton neu errichtet. Nur die Hülle blieb erhalten. Mit Substanzerhalt hat das nicht viel zu tun, der Denkmalpflege ging es nun nur noch darum, die äußere Erscheinung zu bewahren. Wenn man das weiterdenkt, und in einigen Jahren/Jahrzehnten wieder eine Modernisierung ansteht, wird es zwangsläufig einen weiteren Verlust an Originalität geben. Immer bröckelt irgendwie etwas ab, vermodert ein Balken, lockert sich Putz oder ist eine Wand im Weg. Dieser Substanzfetisch ist eine direkte Folge des heutigen Denkmalschutzverständnisses auf Basis der Charta von Venedig, und ich denke es gäbe heute keine Denkmäler aus dem 18. Jahrhundert oder früher mehr, wenn es das heutige Denkmalschutzverständnis damals schon gegeben hätte. Modernisierung ist immer schon Bedingung gewesen für den Erhalt eines Bauwerks, und Modernisierung bedeutet auch immer Substanzverlust.


    Wenn man weitergeht und sich die Substanz aus Sicht der Nutzenden ansieht muss man ebenfalls feststellen, dass i.d.R. keinerlei Interesse am Substanzerhalt besteht. Die Substanz wird nur so lange erhalten, solange sie die an sie gestellten Aufgaben erfüllen kann. Ist ein Balken morsch, eine Eisenschraube gebrochen, ein Putz heruntergefallen, dann wird er selbstverständlich ersetzt. Das ist in der Denkmalsanierung nicht anders. Viel spannender ist m.E. die Frage, ob man beim Ersetzen der Elemente mit zeitgenössischen Materialien und Techniken arbeiten will, oder ob man mit modernen Materialien drangeht.


    Die heutige Denkmalschutzpraxis verkennt m.E. diesen Problemkreis vollkommen. Originalsubstanz, die "nicht zu retten" ist, kann dann meist von modernen Trockenbaukonstruktionen, Edelstahlteilen oder sonstwelchen Experimenten ergänzt werden. Das führt dann regelmäßig zu völlig entstellten Denkmälern wie das Dominikanerkloster in Nürnberg, das man in wesentlichen Teilen abstoßend finden kann und bei dem man nicht mehr in der Lage ist etwas abzulesen.


    Das führt letztlich auch immer dazu, dass es Denkmäler gibt, die aus der Liste herausfallen, weil einfach nicht mehr genug Originalsubstanz da ist. Original müsste also m.E. mit Originalgetreu gleichgesetzt werden, damit ein Denkmal ewig überdauern kann.

    Erstaunlich, dass die Verantwortlichen auf diese Schummelei auch noch stolz sind. Aber in Leipzig und Magdeburg sind Altbauwohnungen vermutlich auch allgegenwärtig und nicht gerade Mangelware. Man findet dann wohl problemlos Menschen die bereit sind, in diesen Experimenten zu wohnen.

    In Magdeburg findet man auch noch die Sauberkeit und Ordentlichkeit ostdeutscher Städte und die im Osten stärker verbreitete Geschmackssicherheit in Bezug auf das Stadtbild (für Magdeburg gilt dies allerdings unter einigen Vorbehalten, siehe oben).

    Das ist ja förmlich eine Liebeserklärung an das heutige Magdeburg.


    Ja tatsächlich, Magdeburg hat durchaus noch zahlreiche repräsentative Altbauquartiere vorzuweisen, z.B. um den Hasselbachplatz in Zentrumslage mit einer Architekturqualität, wie man sie sonst eher in Wien und Budapest zu sehen bekommt. Und weiter abseits den Zentrums, im Norden, Süden, in Stadtfeld oder so ist die Bebauung geschlossen und weitgehend ungestört. Und: Es wird wie in den ost-Städten üblich auf sehr hohem Niveau saniert, und wenig so verschlimmbessert wie im Westen. Wenn z.B. bei mir in Nürnberg ein Gründerzeithaus saniert wird sieht es hinterher nicht selten schlimmer aus als vorher.


    Magdeburg ist mehr noch als Nürnberg eine architektonische Zeitreise durch das 20. Jahrhundert, hier lassen sich insbesondere das spätgründerzeitliche Wachstum mit zahlreichen Industriebauten nachvollziehen, genauso wie Zerstörung und ein Wiederaufbau mit völlig veränderten Vorzeichen, allerdings in repräsentativer Form sowie Versuche postmoderner Stadtreparatur erleben. Es stört eigentlich tatsächlich nur die große Leere der Innenstadt, die weite Fußwege erzwingt. Grundsätzlich finde ich die Architektur in Magdeburg erstaunlich repräsentativ und hochwertig, besonders die sozialistischen Monumentalbauten stehen auf einer Höhe mit denen der Frankfurter Allee in Berlin oder mit dem Ring in Leipzig. Vor diesem Hintergrund sind die Neubauten am Breiten Weg tatsächlich enttäuschend.

    Das Problem liegt sicherlich auch am Bauträger. Wenn ich richtig informiert bin wurden alle diese Neubauten von einer einzigen Wohnungsbaugesellschaft hochgezogen. So sehen sie halt auch aus. Da hat man hunderte Meter lange Wohnblöcke planen müssen, und auf die ganze Fassadenfront irgendwelche Gestaltungselemente per Gießkanne verteilt, anstatt mehrere Einzelhäuser zu planen. Zumindest die vorgehängten Fassaden hätte man strikt aus verschiedenen Federn gestalten lassen sollen, dann wäre das so nicht passiert. Selbst ein einzelner 90'er-Jahre-Entwurf würde das Gesamtprojekt dann nicht mehr so beeinträchtigen.


    Allerding muss man auch zur Ehrenrettung der Straße und des Projektes sagen, dass der Breite Weg nahezu vollständig von 1990'er-Jahre-Bauten geprägt ist, allen voran das Hundertwasserhaus. Bis auf die unvermeidlichen Einkaufs-Arkaden im Norden des Straßenabschnitts ist das insgesamt eine recht hochwertige großstädtische Architektur geworden. Aber es wäre noch besser gegangen, das stimmt.

    Ich frag mich immer welche Heizkosten da eigentlich gemeint sind. Wir beheizen unsere Wohnung mit rd. 30-40 EUR im Monat Gas, übers Jahr gerechnet. Ich würde gerne mal wissen wie sich eine Wärmedämmung da amortisieren soll. Dazu müssten die Heizkosten nicht nur auf 0 sinken sondern ich müsste sogar noch Geld verdienen! Achja, Vermieter verdienen ja Geld damit, weil sie die Baukosten auf die Miete schlagen können, und zwar unbefristet, für immer!

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    Schön gedämmt, aber die alten Plastefenster drin gelassen. Die Bewohner werden da wohl kaum eine Verbesserung bemerken, aber teurer wird, und hässlicher ist es auch. Und dann immer dieses "modische" Grau....

    Sowas macht uns in Europa niemand nach.

    Mich erschrecken die vielen einheimischen Stimmen, die Nürnbergs Identität ablehnen und unbedingt eine neue wollen. Dieses despektierliche "Bratwurst- und Butzenscheiben"-Gerede finde ich unerträglich. Die zerrissene Haltung der Stadtoberen, die einerseits mit den historischen Motiven Werbung machen, aber andererseits eine Weiterentwicklung durch sinnvolle und gezielte Rekonstruktionen kategorisch blockieren, ist da nur symptomatisch.

    Das interessante ist das auch Rekonstruktion und Wiederaufbau für mich emotional anders wirksam werden.

    Wenn ich an Wiederaufbau denke, denke ich an die gestalterische Unzulänglichkeit der heutigen Sebalder Steppe mit all seinen recht einfachen Wohnhäusern, breiteren Straßen und zusammengefassten Grundstücken, den immer rechtwinkligen Fassaden und Fenstern, die heute alle mit Kunststoffrollläden versehen sind, das insgesamt eher fades Stadtbild abgibt.

    Bei Rekonstruktionen aber, und die hat es zur selben Zeit auch zahlreich gegeben z.B. rund um die Sebalduskirche oder unterhalb der Burg kommt keinerlei Unwohlsein auf. Das ist alles so selbstverständlich, authentisch und überzeugend.


    Den Vergleich mit dem Auto mag ich auch gerne, niemand würde auf die Idee kommen bei einer Reparatur eines Autos einen aktuellen Außenspiegel anzubauen anstatt einen originalgetreuen. Mit dem Argument, die neueren Außenspiegel blenden weniger oder bieten bessere Übersicht oder so. Quatsch, da ist es selbstverständlich dass es immer Originalteile sein müssen. Bei Sanierung und Wiederherstellung wertvoller Architektur allerdings muss darum jedesmal gekämpft werden.

    Der Kommentar von "MeggaMaggus" ist in meinen Augen nur nachgeplapperte Allgemeinkritik an den Altstadtfreunden.

    Das was Jahn damals am Augustinerhof geplant hatte war strukturell vergleichbar mit dem Einkaufscenter Maximum am Kornmarkt, oder dem City-Point. Der City-Point wird aktuell für den Abriss vorbereitet und das Maximum quält sich seit Jahrzehnten an der Grenze der Rentabilität, der Abriss wurde hierfür vor wenigen Jahren mal diskutiert, ist aber erstmal vom Tisch. Sprich, wir haben hier ein Beispiel für die Glorifizierung eines gescheiterten Entwurfs, von dem keineswegs gesichert ist dass er ohne Altstadtfreunde überhaupt realisiert worden wäre oder wenn doch, ob er bis heute erfolgreich wäre. Die Zeiten haben sich seit den 1990'ern doch rasant verändert.


    Ganz im gegenteil, ich finde es eher verstörend, wenn sich Nürnberger offenbar nicht mit ihrer Altstadt anfreunden können und stattdessen ein Frankfurt am Main herwünschen, oder ein Chicago. Da würde ich sagen "Thema verfehlt, Kernaussage nicht verstanden".


    Zum Pellerhaus: Ich würde da mal abwarten, ob die Stadt in Kürze tatsächlich noch im Stande sein wird, 35 Mio für eine Sanierung am Egidienberg aufzubringen. Ich glaube nicht dass das unter den Top-Prioritäten bleiben kann, da stehen Volksbad, Konzerthaus, Opernhaussanierung usw. weiter oben auf der Liste. Meine Meinung.

    Hm, du vergisst einen wichtigen Punkt! Das Gebäude wurde nicht aus gestalterischen Gründen aufgestockt, sondern weil es für die Eigentümergesellschaft ein Wirtschaftsgut ist, ein Vermögen darstellt, das entwickelt werden sollte. Und das betrifft alle Gebäude in der Altstadt, wie überall. Da es zumindest in Nürnberg keine straffen Rahmenbedingungen für Gestaltungen gibt - es fehlt eine Gestaltungssatzung, der Ensembleschutz ist wenig effektiv und unter Denkmalschutz stehen nur beschämend wenige Gebäude - ist diesem Entwicklungsdrang leider zu wenig entgegen zu setzen, existieren zu wenige Leitplanken. Aus ästhetischer Sicht ist deine Beurteilung sicherlich weitgehend umfassend, aber was, wenn man das Gebäude nur als Immobilienwert betrachtet, welches ein Potenzial darstellt innerhalb eines Bebauungsplanes? Das ist was ich meinte als ich schrieb "es wurde keine Sekunde über eine Rekonstruktion nachgedacht". Wozu auch, das wäre eine Abwertung des Grundstücks gewesen, eine Verringerung der verwertbaren Geschossfläche, ein Verschenken von Förderungen usw. Man muss grundsätzlich davon ausgehen dass die Mehrheit der Hauseigentümer in der Altstadt darüber nachdenken, wie sie ihr Grundstück möglichst hoch, möglichst dicht und möglichst modern (z.B. wegen energetischer Förderung) bebauen können. Wenn dann trotzdem etwas 50'er Jahre-mäßiges herauskommt ist das ein Gewinn für das Altstadtgefühl. Ich erinnere nur an die Stadtbibliothek, die mein persönlicher städtebaulicher Alptraum geworden ist, da ich ihr Entstehen mitbekommen habe und mich das erst zu diesem Thema und zu den Altstadtfreunden gebracht hat.


    Wenn du also die 1950'er Gebäude als Platzhalter beschreibst musst du wissen, dass 99,9% davon einst durch etwas moderneres ersetzt werden, was noch weniger altstadtkonform sein wird (Standardschuhschachtel), und maximal 0,1% von einer Reko ersetzt werden wird.