Posts by nothor

    Ja, darin kommt tatsächlich viel Frust zum Ausdruck. Die Städtische Kulturverwaltung ist im Schlamassel festgefahren, der nun durch die gescheiterte Kulturhauptstadtbewerbung ausgetrocknet und hart wie Beton geworden ist.

    M.E. geht nur ein Neuanfang mit neuem Spitzenpersonal. Es war ein wahnsinniges Unglück, dass die Stadtratswahl im März 2020 so weit vor der Kulturhauptstadt-Entscheidung gewesen ist, und die Veranwortlichen nun in diesem betonierten Sattel festsitzen, weder vor noch zurück können. Ob OB König den Mumm hat, Fr. Lehner heim zu schicken? Ich glaube nicht. Corona zwint aktuell wohl auch die längst geplante Sanierung des Opernhauses in die Knie, und wie gestern in der NZ stand, gehört wohl ein aussichtsreiches Ausweichquartier für den Opernbetrieb... na, wem wohl... genau, dem Ehemann von Fr. Kulturbürgermeisterin. Nürnberg, ein einziger Klüngel. Eigentlich zum Weglaufen. Das kann man wohl nur aussitzen und auf Generationenwechsel warten.

    Na Gott seis gedankt bin ich darin nicht der einzige... Für mich sowie so ein Symbol des heutigen N.s. So etwas vor der Kulisse der Sebalder Altstadt samt Burg.

    Es gibt aber auch Stimmen, die das "neue Viatishaus" an dieser Stelle sehr schätzen. Denn es ermöglicht durch die flache Bauweise den Blick auf die Burg von Hauptportal der Lorenzkirche aus. Das alte Viatishaus hatte diesen Blick verstellt. Ich persönlich hätte das alte Viatishaus auch gerne zurück, aber eher wegen der aufregenden Fassade. das neue Viatishaus stört mich nicht so sehr, da es an sich schon recht wertig ist. da gibts weitaus banalere, schlimmere Gebäude in der Altstadt.

    Als Ende der 1950'er die Wohnungsnot in Nürnberg weitgehend beendet war hieß es "feuer frei!" in Bezug auf die Altbausubstanz in der gesamten Stadt, und leider auch auf viele historische Häuser in der Altstadt. Was Riegel immer wieder feststellt sehe ich auch: Auf vielen Fotos aus den 1960'ern befinden sich noch zahlreiche historische Gebäude, teilweise intakt, teilweise notdürftig wiederaufgebaut. Heute sehen die Stellen ganz anders aus, z.B. das Hotel Königshof in der Königstraße stand noch recht gut da, ist aber in den 1960'ern oder so weg gekommen. Durch Nürnberg ging eine echte Abrisswelle, und wie kann die anders motiviert gewesen sein als Technikgläubigkeit?

    Andererseits, wenn ich mir meinen letzten Punkt anschaue: Es wäre auch möglich gewesen, dass sich die Nürnberger gegen den Titel Weltkulturerbe gewehrt hätten. In Dresden hat man ja da auch wegen einer Elbbrücke keine Kompromisse gekannt, und das wäre in den Fortschrittsgläubigen Nachkriegsjahren in Nürnberg wohl noch schlimmer gewesen. Möglich dass man gesagt hätte "Nehmt doch Rothenburg, denn Nürnberg möchte moderne Metropole werden". Die Touris müssen doch eh in Nürnberg aus- und umsteigen, also bleibt hier genug hängen....

    nothor zu deinem letzten Punkt: ein unzerstörtes Nürnberg wäre heute vermutlich Weltkulturerbe und würde auch deutlich mehr Touristen anziehen. Natürlich wären einige Häuser verloren gegangen, aber der Großteil der Bausubstanz hätte wie in anderen unzerstörten Altstädten erhalten werden können, da bin ich mir sicher. Deiner sonstigen Einschätzung zur Situation in Nürnberg stimme ich aber zu.

    Ja, vermutlich, aber der Gedanke drängt sich mir auf wenn man gleichzeitig diskutiert, bedeutungslose Handwerkerhäuser in der Steppe wieder aufzubauen. Häuser, von denen man nichtmal ausgehen kann, das jedes einzelne von ihnen die Nachkriegszeit überstanden hätte angesichts des Modernisierungsstaus. Freilich die wesentlichen Postkartenmotive hätten wir heute wohl alle noch. Nürnberg wäre aber trotzdem kein Rothenburg ob der Tauber in groß.


    nothor Gab es nicht vor etwa vier Jahren mal einen Vorstoss zu einem Konzept für die Altstadt, in welchen Bereichen der Altstadt angepasstes Bauen und Denkmalpflege Vorrang haben sollten, und in welchen Bereichen eher der Kommerz?

    Ja, das ist glaube ich sogar schon länger her. Die Altstadtfreunde haben das Konzept m.W.n. begrüßt und dafür argumentiert, aber aus welchen Gründen auch immer ist das im Sande verlaufen. Ich denke das hat daran gelegen das man den vielen Eigentümern in der Altstadt nicht noch mehr, im Sinne von Veränderungen, zumuten wollte bzw. sie sich beschwert haben. Wer "Pech" hatte, und sein haus irgendwo zwischen Weinmarkt und Burg hatte, hätte viel strengere Vorgaben erfüllen müssen als jemand, dessen Haus am Kornmarkt steht. Bei gleichem Baujahr. Ich vermute dass das daher kommt.


    Was ich aktuell sehr begrüße sind die Bemühungen der Stadt, die Altstadt besonders im Nordwesten vom Verkehr zu beruhigen. Die zum Tiergärtnertorplatz hinaufbrausenden Fahrzeugkolonnen stören mich jedesmal und machen das ganze Flair kaputt. Denn die Gehwege sind da grademal 1 m breit. Aber der Widerstand der Bevölkerung dagegen ist beachtlich, jeder will seinen Parkplatz behalten und dass alle Besucher, Kunden usw. auch immer schön vor der Türe parken können. Es ist echt schlimm, wieviel Energie auch die kleinste Veränderung im Sinne einer Verbesserung in der Altstadt kostet.

    Die gesamte Altstadt ist ein Flächendenkmal, ein Ensemble. Alles, was irgendwie mittelalterliche Substanz hat, ist zudem ein Einzeldenkmal. Dann gibt es noch Rekonstruktionen aus der Nachkriegszeit, die aber von den erhaltenen Originalen kaum zu unterscheiden sind und auch allgemein davon nicht unterschieden werden. Der Nürnberger macht nach meinem Dafürhalten keinen Unterschied zwischen Wiederaufbau, renovierter Originalsubstanz oder Rekonstruktion. Das wird alles unter "Wiederaufbau" subsumiert.


    Da es aber zahlreiche Ecken gibt, in denen weit und breit keine Reko und kein Original mehr steht, z.B. entlang der gesamten Laufer Gasse, oder der Inneren Cramer-Klett-Straße, oder in weiten Teilen der Lorenzer Altstadt, dort aber auch wieder aufgebaut wurde, wirkt der Wiederaufbau dort nicht befriedigend. Für die Akten: Es wurde wieder aufgebaut. Punkt. Für den Betrachter: Hier stehen nur Provisorien, wo ist denn das, was wieder aufgebaut wurde eigentlich? Genau da liegt auch das Problem, Projekte wie die WiSo-Gebäude im Nordwesten (google) oder diese fürchterlich hässlichen Stadtvillen im Innenbereich sind nicht im Rahmen des Wiederaufbaus entstanden, sondern als man diesen für abgeschlossen zu den Akten gelegt hat. Der Wiederaufbau ist in Nürnberg leider kein lebendes Prinzip mehr, sondern war eine Episode, die spätestens in den 1970'ern als abgeschlossen betrachtet wurde, was auch zur Gründung der AF geführt hat. Seither hat es keine Rekos mehr gegeben, und das Baurecht wurde so verwässert, dass innerhalb der Altstadt kaum noch Gestaltungsvorgaben gemacht werden.


    Vielleicht denke ich das zu technokratisch, aber für mich sieht die Sache so aus:

    • Der nach 1945 begonnene Wiederaufbau hat korrekt begonnen und wurde für vielleicht 10 Jahre beibehalten. Wichtige Denkmäler wurden wiederhergestellt und die wesentlichen Plätze und Silouetten kamen ins Stadtbild zurück.
    • Ab Mitte der 1950'er verwarf man immer mehr Rekonstruktionen zugunsten eines zeitgemäßen Neubaus (bspw. das Pellerhaus, aber auch Grolandhaus, etc). Das bis dahin geleistete konnte in vielen Fällen seine Wirkung nicht mehr entfalten, da durch fehlende Rekos der historische Bezug fehlte. Gleichzeitig sind ja sogar noch weitere historische Häuser weg gekommen. Die Weiterverfolgung des vielversprechend begonnenen Wiederaufbaus war zu dieser Zeit im Grunde verworfen worden.
    • Seither wird im Altstadtgebiet bestenfalls angepasst neu gebaut. Das Karstadt-Kaufhaus ist da mein Lieblingsbeispiel. Passt irgendwie in die Altstadt, aber mit einem "Wiederaufbau" hat das nicht viel zu tun.
    • Heute kämpfen Altstadtfreunde und andere darum, dass man wenigstens angepasst neu baut und die Originalsubstanz, die noch da ist, nicht auch noch verloren geht. Ihnen gegenüber steht die Lokalpolitik, für die ist Wiederaufbau und Mittelalters jeweils eins: Nämlich abgeschlossen. Parallel drängen Investoren in die Stadt und wollen hier betonieren. Für die AF eine Mammutaufgabe und aus meiner Sicht von den Dimensionen her mit nichts zu vergleichen, was andersnorts in Deutschland gemanagt werden muss.


    Eins geht mir aber auch immer durch den Kopf: Wenn ich mir vergegenwärtige, dass man aktuell in 4 bis 5 Mio in die Rettung des Wohnhauses hintere Ledergasse 43 steckt, allein in ein einziges Gebäude, wie stünde es heute wohl um die Altstadt, wenn sie nicht zerstört worden wäre, sondern solche Häuser mal mehr mal weniger gut zu tausenden in der Altstadt stünden? Da wären auch hunderte und aberhunderte Gebäude mittlerweile verschwunden, wahrscheinlich ganze Straßenzüge.

    Was genau hätten die AF denn dem Interview entgegensetzen sollen? Im letzten Newsletter der AF 2/2021 vom 19.02. wurde der Beitrag natürlich erwähnt und kommentiert:

    Quote

    Die Architekturhistorikerin Carmen Enss verteidigt in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung vehement den Ersatzbau des Pellerhauses und versteigt sich in die Aussage, Nürnberg wäre „erheblich ärmer“, wenn nach der Zerstörung „nur Bauwerke wie die Burg oder das Heilig-Geist-Spital“ gekommen wären. Keine Frage, dass sie den „Wiederaufbau“ von Kassel als ganz besonders gelungen ansieht („Diese … Fünfzigerjahrearchitektur ist gut und besonders.“) Wer einmal in der nordhessischen Stadt war, kann sich nur wundern.

    Ich meine da heraus zu hören, dass die fachlichen Argumente aus der Luft gegriffen sind und deshalb eine Gegendarstellung nicht für notwendig erachtet wird. So nach dem Motto "was soll das denn jetzt wieder für ein pseudo-wissenschaftliches Strohfeuer sein". Ich für meinen Teil kann es nachvollziehen, wenn in einer nun schon jahrelangen und öffentlich geführten Diskussion die wichtigsten Argumente ausgetauscht sind, und nun aus dem "off" irgend ein Geschwurbel daherkommt, das eigentlich keine echten Argumente liefert. Was soll man denn genau dazu sagen wenn behauptet wird "Der Geschmack wandele sich, nach 70 Jahren lernt man Architektur erst wirklich zu schätzen, so war das mit dem Jugendstil ja auch"... Wofür genau soll das denn ein Argument sein? Was genau hat das mit Wiederaufbau zu tun? Geht es bei dem Vortrag nicht eher um Nachhaltigkeit oder der Warnung, dass man schnell abreißen muss, denn sobald etwas 70 wird beginnt der Denkmalschutz sich dafür zu interessieren.


    Ich denke dieses Interview wird auch hier im Forum so heftig diskutiert, weil es in Wissenschaft gekleideter Blödsinn ist, an dem man sich letztlich nur sinnlos abarbeitet. Ein bisschen in die Welt gesetzte "Alternative Wahrheit".

    Das sehe ich anders, ich würde auch nicht reflexartig gegen alle Reko-Kritiker reden, die sich zu Wort melden. So wie die akademische Denkmalpflege und Architektenschaft immer jemand neues vors Mikrofon schickt, um Thesen vorzutragen, so sollten das auch die Reko-Befürworter tun. Denn wenn immer nur einer redet, egal wie viel, wie oft, wie laut, dem hört man irgendwann nicht mehr zu, denn man kennt seine Haltung schon. Insofern finde ich es im aktuellen Beispiel sehr geschickt, dass sich Herr Dr. de la Riestra zu Wort meldet, und nicht der Vorstand der AF. Denn: Wer bitte ist Fr. Enss? Es muss auch eine Eskalation im Sinne der Prominenz der Wortführer geben, damit die Diskussion erfolgversprechend ist. Die Bundeskanzlerin beantwortet ja auch nicht jeden Leserbrief, in dem sie kritisiert wird.

    nothor Unter den Abertausenden von Ansichtskarten der Moritzkapelle und dem Bratwurstglöcklein bin ich letztes Jahr auf diese seltene Ansicht gestossen. Kanntest Du diese schon?


    Ak Bratwurstglöcklein Ia

    Bratwurstglöcklein mit Sicht auf das Nordportal von St. Sebald. Ungelaufene Reklame-Ansichtskarte vor 1944 von Photo Porst, Nürnberg.

    Nein, die ist wirklich schön, der Ausleger (der mir bekannt vorkommt, als hätt' ich ihn letztens in einer Auktion gesehen) kommt schön zur Geltung. Wie verwunschen und bedeutungsschwer das alles aussieht...


    Das ist meines Erachtens ein ganz zentraler Punkt und eine Problematik, die wir eigentlich mal gesondert diskutieren müssten: Wie gehen wir mit diesem Problem um? Welche Lösungsansätze wären da (zumindest theoretisch) denkbar? Steuerliche Förderung für Rekonstruktionen? Bebauungspläne, die wichtige Rekonstruktionskandidaten verzeichnen mit einer Regelung, dass für den Fall einer Neubebauung geprüft werden muss, ob eine Rekonstruktion sinnvoll ist? Welche Instrumente könnte es da geben?

    Das sehe ich nicht so, denn ist ja mal absolut überhaupt nicht der Fall, dass dort, wo man völlig neu gebaut hat, Straßenverläufe und Gebäudeumrisse verworfen hat und heute eine ganz andere Stadt steht, dass dort heute munter rekonstruiert wird. Es ist doch vielmehr eine Frage der Qualität der Nachkriegsbebauung, sowohl im ästhetischen Sinne, ob sie die Menschen das alte vermissen lässt, als auch im wirtschaftlichen Sinne, inwieweit das nun Bestehende nutzbar und sinnbringend ist. Das eine oder andere hat womöglich seine Lebensdauer noch nicht hinter sich gebracht, weil es zeitlos ist und von der Nutzung her breiten Bedarf bedient. So sehe ich das bei den Nachkriegswohnhäusern in der Nürnberger Altstadt, die zu vermieten ist ein Kinderspiel.

    Zu bedauern, dass nicht flächendeckend so wieder aufgebaut wurde und daraus abzuleiten, dass wir dann heute mehr rekonstruieren könnten und ein schöneres Nürnberg hätten als es aktuell ist, scheint mir etwas übers Ziel hinaus zu schießen. Denn vermutlich wäre es eher so, dass man heute eine Initiative hätte, die den Wiederaufbau des Rathauses erstreitet, vielleicht auch noch das eine oder andere, das wir aktuell als selbstverständlich nehmen, und das wars.


    Ich halte den Wiederaufbau der Nürnberger Altstadt für gelungen, aber für nicht abgeschlossen. Denn es fehlen noch für die Identität wichtige Ikonen und fast noch schlimmer, in den letzten 20 Jahren wurde der Wiederaufbau durch teils dreist-unpassende Neubauten entwertet. Denn immerhin wird immer vom "Wiederaufbau der Alstadt" als Ganzes gesprochen, das meint dann immer sowohl den Tiergärtnertorplatz genauso wie den Kornmarkt. Und das passt irgendwie nicht, vor allem die weniger gelungenen Orte werden im Laufe der zeit eher immer schlimmer, im Sinne einer wiederaufgebauten Altstadt. Der Kornmarkt schaut eher aus wie Minsk oder Eisenhüttenstadt.

    Eine Gegenrede muss ja nicht immer von der gleichen Stimme kommen. So wie die Reko-Kritiker immer wieder neue "Experten" aus dem Hut zaubern, so ist es nicht verkehrt wenn auch die andere Seite von einem breiten Chor der Stimmen vertreten wird. Oder kannte jemand von uns Frau Enss vorher schon?

    Die Moritzkapelle mitsamt Bratwurstglöcklein zu rekonstruieren fände ich auch ganz wunderbar. Denn das Ensemble war ein Top-Postkartenmotiv und neben der Burg sicherlich die wichtigste Stadtbild-Ikone. Wenn ich auf Messen und Flohmärkten alte Nürnberg-Postkarten durchwühle begegnet mir die Moritzkapelle so oft, das ich manchmal das Gefühl habe sie sei noch da.

    Den Sebalder Platz finde ich so, wie er ist, nicht wirklich schön. Eine Steinwüste, die sich im Sommer leider wirklich extrem aufheizt und kaum Aufenthaltsqualität besitzt. Die Touristen, die da drüber stolpern, fotografieren kurz und sehen dann zu, wieder in den Schatten zu kommen. Dort wendende und rumkurvende Fahrzeuge stören zusätzlich. Ab und an gibt es dort Kundgebungen oder irgendwelche Events.


    Ich denke die Moritzkapelle mit Bratwurtglöcklein brächten nicht nur ein weltberühmtes Postkartenmotiv zurück ins Stadtbild, sondern die dadurch entstehenden Gässchen und der kleinteiliger werdende Sebalder Platz wären ein großer Gewinn für das Viertel, es gäbe viele zusätzliche schattige Plätzchen für Gastro und Galerien.


    Wie könnte man die Moritzkapelle nutzen? Nun, wenn von der Inneneinrichtung nichts mehr in Depots ruht, dann wäre das m.E. eher ein Galerie- oder Kunstgebäude. Die Erdgeschossräume des Schürstabhauses nutzt aktuell ein Auktionshaus als Ausstellungsfläche, was wie ich finde dort ganz hervorragend hinpasst. Es bräuchte also einen Mäzen, den sich dort präsentieren will. Den sehe ich aber in Nürnberg aktuell nicht.

    Leute, diese Diskussion, was man am besten in Nürnberg rekonstruieren sollte und was vielleicht möglich ist, wird hier durchaus in interessierten Kreisen geführt. Wie schon ausgeführt sind Toplerhaus usw. out of range, weil bereits mit einem Nachfolgebau bebaut, der wiederum seine Fans hat unter den 50'er-Jahre-Enthusiasten, und weil sie wirtschaftlich funktionieren.

    Deswegen habe ich von den Altstadtfreunden schon früh gehört, dass man soetwas zwar träumt, aber es nichtmal auf der Liste stünde, weil nur ein purer Zufall eine Reko-Gelegenheit ergeben würde. So ist es ja auch beim Pellerhaus, hätte die Stadt Nürnberg das Bestandsgebäude nicht aufgegeben sondern zu einem Bibliothekskomplex erweitert, würden wir diese Diskussion nichtmal führen. Doch das Haus steht leer und droht Millionen zu verschlingen ohne dass es zu einer Aufwertung des Ortes oder Wiedergewinnung bedeutender Architektur führt. Und das Toplerhaus? Vergesst es, einzig wenn der Eigentümer von sich aus das anregt besteht da eine Chance.


    Die Altstadtfreunde haben vielmehr, und das ist in meinen Augen völlig richtig, genug Stoff zu bearbeiten bei den Häusern, die sie als Sorgenkinder in die Hände bekommen und bei Projekten wie jetzt dem Augustinergelände (da stünde heute womöglich ein Einkaufszentrum eines Chicagoer Architekten). Ebenso denke ich dass man ganz genau hinschaut was mit dem Commerzbank-Gebäude am Hans-Sachs-Platz wird, einer Top-Bausünde, die im Geiste von Denkmalwissenschaftlerin Enss eigentlich selbst wieder geschützt werden müsste (oh je), oder dem abgeschlossenen Projekt der IHK am Hauptmarkt, eine wichtige Adresse im Stadtbild, und wer weiß was die dort hingebaut hätten wenn man Architekten hätte malen lassen wie sie wollen. Allein im Erhalt der Altstadt so wie sie ist, und dem Verhindern weiterer Commerzbanken, Parkhäuser und städtischer Schuhschachteln ist alle Hände voll zu tun! Tatsächlich hilft hier leider die Spendenbereitschaft der Altstadtfreunde-Mitglieder kaum weiter, die wollen nur sehen das was gebaut wird, aber die Aktiven im Verein haben alle Hände voll zu tun. Die Altstadtfreunde gibts letztlich vorallem deshalb, weil die Stadtverwaltung auf dem Gebiet vollkommen versagt.

    Das ist aussichtlos. Der Nägeleinsplatz wird demnächst durch weitere Begrünung aufgewertet, die Anwohner gehen schon auf die Barrikaden, weil ein paar Parkplätze wegfallen könnten. Auch sonst ist die Altstadt eher in dem Ruf, zubetoniert zu sein und im Sommer ein unerträglicher Glutofen zu werden. Eine weitere Verdichtung durch den Bau weiterer Häuser halte ich daher eher für unwahrscheinlich.


    Obwohl man natürlich sehen muss, dass v.a. in südlicheren, wärmeren Ländern die engen Gassen durch die Verschattung vorteilhaft sind. Dort ist "Verschattung" wohl positiv besetzt, in Deutschland bilden sich gegen sowas ja normalerweise Bürgerinitiativen.

    Weil ein Eigentümer mit einem historischen Haus in bester Lage wesentlich mehr verdienen könnte?


    Die Adresse ist schon mal hervorragend, wenn da nun wieder die Reko stünde - ich denke mal so manch einem Geschäftsmann wäre da kein Cent zu schade.

    Eine Reko lohnt sich mehr für die Besitzer der umgebenden Gebäude als für denjenigen, der das Projekt durchführt. Denn die Kosten für die Rekonstruktion dürften wohl schwer darstellbar sein, wenn sie das Gebäude alleine einspielen muss. Außer der größeren Deckenhöhe düften das Wohnwerttechnisch wenige Pluspunkte sein. Gibt es denn am Toplerhaus Balkone oder Loggien, zumindes im Hofbereich? Wenn einem Vermieter aber Mehreres in der Gegend gehört, und das Bestandsgebäude vielleicht auch noch ein Problem hat, wie Sanierungsstau oder sowas, dann stünden die Chancen besser. Die hässlichsten Kästen kann man in Nürnberg gut vermarkten, wenn man z.B. aus dem Fenster etwas Schönes sieht, oder in der Ferne die Burg, oder in der Nachbarschaft irgend eine Attraktivität steht.

    Interessant ist aber, wie ein einzelner Leitbau die Wirkung der umgebenen Häuser historisieren kann, denn die heutigen Füllbauten sind nicht wesentlich anspruchsloser als die Originale. Nennt man den Ankereffekt.

    Absolut! Erst mit den noch zu verwirklichenden Rekonstruktionen wird der Wiederaufbau der Altstadt wirklich gut. Die fehlen noch, und man fragt sich was dieses Meer an einfachen Häusern einem eigentlich sagen soll.

    Der ist, soviel ich weiß, derzeit von der Schule überbaut.

    Das dürfte zum Teil mindestens zutreffen: Google Streetview.

    Dieser ganze Schulkomplex, der wie ein Geschwür am oberen Egidienberg wuchert, verhindert dort eine sinnvolle Stadtentwicklung. Denn das Peststadel-Grundstück lässt so kein Gebäude mehr zu, dass die Silouette des Vorkriegsbaus aufnehmen kann. Wahrscheinlich ist wohl dass die Schule eines Tages bis an die Dr. Erich-Mulzer-Straße heranwächst. Verrückt, dass die Straße, die nach dem Gründer der Altstadtfreunde benannt ist, quasi frei ist von nennenswerter Altbausubstanz.

    Nürnberg schmerzt einfach auch deshalb, weil die Liste der wünschenswerten Rekonstruktionen so lang und so gewichtig ist. Das unterstreicht halt auch welche Bedeutung die Stadt vor der Zerstörung hatte, und im Wiederaufbau kann man die Bedeutung nicht ansatzweise nachempfinden, sofern es keine Rekonstruktionen sind. Der historisierende Wiederaufbau der 1950'er Jahre wird erst durch die schwergewichtigen Rekonstruktionen wirklich gut!

    Denn mit dem Dom-Römer-Areal in Frankfurt hat man letztlich dasselbe gemacht, das Wichtigste ist rekonstruiert, und der Rahmen dazu wurde angepasst neu geschaffen. In Nürnberg ist das bereits vor 70 Jahren geschehen, in gewaltig größerem Maßstab, nur hat man einige wichtige Rekos vergessen.


    Nürnberg ist in weiten Teilen wie eine Bildergalerie, in der überwiegend leere Rahmen hängen, und wo der Kurator sagt, dass die Rahmen sorgfältig und historisch passend ausgesucht wurden...

    Ich für meinen Teil sehe das auch wie Ursus:

    Jeglicher Verbesserungsansatz sollte wohl eher nicht in der Steppe beginnen.

    Ein einzelnes rekonstruiertes Haus an der Martin-Treu-Straße, oder in der Tucherstraße vergrößert nur den Schmerz. Denn man muss ja erstmal da hin kommen an all den Nachkriegsfassaden entlang, um dann dieses traurige Überbleibsel zu betrachten, die Scheuklappen aufgesetzt und ausblenden, was drumherum steht, um dann auch zur Kenntnis nehmen zu müssen dass es kein glücklicher Umstand dafür sorgte, dass dieses einzelne Haus überlebt hat sondern dass es jemand wieder aufgebaut hat. Um dann direkt die Frage zu stellen, wenn schon rekonstruiert, wieso dann dieses unbedeutende Handwerkerhaus im Nirgendwo, warum nicht Pellerhaus, Toplerhaus, Moritzkapelle oder eine andere Berühmtheit.


    Ich würde die Steppe eher pflegen und aus ihr das machen, als was sie immer dargestellt wird: Feinster Wiederaufbau der 50'er Jahre, d.h. Fassadendämmungen runter, originalgetreue Fenster, Plastefenster und Plastetüren raus, die richtigen Farben, Sgraffitos wieder dran und es v.a. verkehrstechnisch beruhigen.


    Und die aufwändigen Rekovorhaben müssen sich so wie in den 50'ern kurz angegangen auf die Bauwerke von Rang konzentrieren. Es ergäbe ein weit befriedigenderes Bild der Stadt, wenn man die Magnete wiederfindet, und in der Umgebung passende Substanz vorhanden ist, wie rund ums Dürerhaus oder am Wolfschen Rathaus. Das versöhnt, das passt auch. Genau deswegen ist die Pellerhausreko so wichtig, weil sie den bereits in den späten 1950'ern verlassenen Weg des Wiederaufbaus wieder einschlagen würde. Der Wiederaufbau der Altstadt wurde weder vollständig umgesetzt, noch konsequent verfolgt. Als um 2012 die Stadtbibliothek im aktuellen Schuhschachtelstil aus einem wiederaufbaufähigen Gründerzeithaus durch eine "Sanierung" entstand, war mir klar geworden, dass die Baukultur der Stadt Nürnberg nicht nur an weiterem Wiederaufbau kein Interesse mehr hat, sondern auch an der Pflege des Erreichten wenig Interesse besteht. Der Wiederaufbau war nur eine Episode, die schnell und bis heute anderen Prämissen gewichen ist.

    Vielleicht wollte er aber auch unterstreichen, wie emotional das Thema Architektur im Sinne seiner Argumentation ist.

    Denn die Quadratur des Kreises bei Architekturthemen besteht leider darin, dass man versachlichen will, was eigentlich ein emotionales Thema ist.

    Das ist als wolle man das Verliebtsein mit Neuronen, Hormonen oder Evolution beschreiben. Nachvollziehbar, aber eben überhaupt nicht hilfreich.

    Nur ein Detail schießt weit über das Ziel hinaus und beeinträchtigt die positive Wirkung des Textes: "Oder wollen die Anhänger einer ausschließlichen Moderne mit tyrannischen Rekonstruktionsverboten die Faschisten des Antifaschismus werden?"


    Was soll dieser absurde Vorwurf einer Tyrannei (bereits im Titel) und des Faschismus? Wir befinden uns hier in einem legitimen Meinungsaustausch auf Grundlage demokratischer Institutionen, auch wenn uns die Ansichten der Gegenseite nicht schmecken. Derartige Vorwürfe, auch wenn sie als (rhetorische) Frage getarnt sind, beeinträchtigen den seriösen Diskurs zu diesem Thema. Das ist unnötig und wertet die sonst hervorragende Stellungnahme ab.

    Sehe ich auch so, diese unsachliche Bemerkung wertet den Beitrag leider stark ab. Aber ich verstehe die Motivation dahinter, denn in den Diskussionen wird man im Gegenzug oft als "Laie" banalisiert, der die "Wissenschaft" der Denkmalpflege nicht begreift, der die angeblich international anerkannten Leitprinzipien missachtet und sich einfach immer nur aussucht, was einem am Besten gefallen würde. In den Interviews und Stellungnahmen wie dem in der SZ abgedruckten mit Fr. Enss erkenne ich immer eine gewisse Übergriffigkeit einer konstruierten Wissenschaft, die sich als über den Dingen stehend, feststellend und mit Ewigkeitsanspruch vorausdenkend herausnimmt zu bestimmen, wie unsere Städte auszusehen haben und was wertvolle Kulturbeiträge sind und was nicht. Das als faschistisch zu bezeichnen ist krass, aber es ist in jedem Fall bevormundend, herablassend und übergriffig. Ist ja nicht so dass die SZ auch gegenteiligen Meinungen Platz geboten hat.