Posts by Maßwerk

    Zum Leipziger PLatz 16: Es gibt ja so ein paar Lieblingsgefühle vieler Zeitgenossen: echt, transparent, folgerichtig, in sich ruhend, betont das sogenannte Wesentliche. Dem entspricht es jetzt weitgehend. Ornamente sind in der Logik ja niemals wesentlich, deshalb sind sie nicht begründbar und in letzter Instanz verzichtbar. So in der Art hab ich es jedenfalls oft genug erlebt.

    Das Noefer-Gebäude ist mir auch positiv aufgefallen. Ich hatte darin zufällig gestern Chorprobe. Ich kannte die Ecke bislang nur als Baulücke mit Blick auf den dahinter befindlichen Betonklotz. Gliederung, Materialwahl und Detailausbildung der Fassade sind sehr sorgfältig (u.a abgerundete Ecken, sieht man ja heutzutage nicht allzu oft...). Innen ist es eher ein konventioneller Neubau mit viel Sichtbeton (u.a. nicht verkleidete Decken mit sichtbarer Verkabelung...)

    Eigentlich habe ich Düsseldorf auch als ganz schöne Stadt in Erinnerung. Zumindest im Bereich Kö und Altstadt. Dagegen ist der Bereich zwischen Kö und Bahnhof ziemlich dröge. Interessanterweise anders als in vielen anderen deutschen Städten: Die Altstadt fühlt sich noch halbwegs so an, während die Gründerzeit-Gebiete kaum in Erscheinung treten (zumindest für Besucher).

    Komisch, ich finde den Riemann-Entwurf (Markt 7) gar nicht so schlecht. Immerhin ist das mal eine Holzfassade, wenn ich das richtig interpretiere, wenn auch eine sehr moderne.


    Viel mehr Sorgen macht mir der Markt 32. Die merkwürdig gekantete Fassade will sich in meinen Augen so gar nicht in die Struktur der anderen Fassaden fügen. Es wirkt fast wie eine Sichtbetonfassade der 70er Jahre, selbst wenn sie verputzt wird.

    Interessant ist jedoch die Bemerkung des Oberbürgermeister Jakobs am Ende des Artikels, Zitat: "Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) sagte, angesichts des bevorstehenden 80. Jahrestags des Händedrucks zwischen Hitler und Hindenburg vor der Kirche erwarte er „kritische Diskussionen“ zum Wiederaufbau. Dies sei aber auch eine Chance für das Projekt, so Jakobs." Wittert er hier eine Chance des Projekts oder eine Chance für die Projektgegner? Warum muss dieser Moment der Kirchengeschichte ein gesamtes Jahr diskutiert werden? Warum entsteht diese Fragestellung bei einem Spendenzusammenhang? Liegen diese beiden Fakten beieinander, sodaß sie gemeinsam genannt werden müssen?


    In dem Artikel steht aber auch, dass viele Widerständler von 1944 im Infanterieregiment Nr. 9 waren, "...dessen Hauskirche die Garnisonkirche war." DAS ist doch mal ein Argument GEGEN den ewigen Tag von Potsdam.

    Wenn ich es richtig verstanden habe, war es hier ja gar nicht mal Substanzfetischismus, sondern echter "Ideen-Denkmalschutz": Die 60er Jahre Reko stand unter Denkmalschutz, weil sie die Idee und die Proportionen des alten Originals aufgenommen hatte. Nur die jetzt geplante Halbrekonstruktion, die die Proportionen verändert, steht dann nicht mehr unter Denkmalschutz.


    Wünschenswert wäre zumindest ein Schutz für die Teile, die orginal erhalten bleiben (wie hoffentlich das Portal).


    Zugegeben allerdings: (hab grade nochmal in den Artikel reingeschaut) Die Bedenken der Denkmalpfleger wurden zurückgestellt, weil es keine Originalsubstanz mehr war. Diese Sichtweise ist allerdings schwer nachvollziehbar, da sich die Denkmaleigenschaft ja gerade auf die Form und nicht auf die Substanz bezog.

    Philon:


    leider ist meine ausführliche Antwort gerade in Nirvana verschwunden, da mich das System zwischenzeitlich ausgeloggt hat...


    Ich versuch es nochmal kurz zusammenzufassen, was ich Dir antworten wollte.


    Ich denke vor allem, das das Gesamtkonzept einer Reko stimmen muss. Das "durch die Zeitläufte gewordene" ("Aura", schiefe Fenster, Abnutzung, Umbauten, Zerstörungs- und Nutzungsspuren) kann man mE nicht überzeugend rekonstruieren. Das muss erst noch den Weg in ein Konzept gehen. Die "historische Idee" hingegen (auch, aber nicht nur der einzelne Genius! Genausogut städtebauliche Konzepte oder jeder steingewordene Zeitgeist) ist ja schon Konzept, kann also fast direkt als Neubau übernommen werden.


    Ein paar Beispiele:


    Frauenkirche DD: ist Paradebeispiel einer "steingewordenen Idee". Überzeugende Reko. Angemessene Würdigung des "durch die Zeitläufte gewordenen" durch das Konzept der unterschiedlichen Steinfarbe.


    Stadtschloss Potsdam: Dass Herr Kulka die leichten Asymmetrien beseitigt hat, finde ich konzeptionell in Ordnung. Knobelsdorff hätte das auch gemacht, wenn er gekonnt hätte ... die Asymmetrien beruhen auf dem Altbau, den Knobi integrieren musste. Wenn dafür alte Steine "begradigt" wurden, ist das natürlich nicht ok! Denn da hätte man das originale, durch die Zeitläufe gewordene erhalten können und müssen. (Das bezieht sich wohlgemerkt nicht auf die gröberen Stauchungen zB Innenhof, das ist ein anderes Thema.)


    Altstadt Nürnberg: Die Stärke ist das historische städtebauliche Konzept, nicht die einzelnen Bauten. Das kann man sehr gut mit Neubauten wiederherstellen, die aber noch viel mehr als bisher den alten städtbaulichen Richtlinien entsprechen sollten.


    Und eben [lexicon='Leipzig'][/lexicon]: Konzeptionell gut, da es das "durch die Zeitläufte gewordene" angemessen reflektiert; an "historischer Idee" gäbe es nicht viel herausragendes zu rekonstruieren. Über die Qualität der Umsetzung bin ich mir noch unsicher.


    Soweit erstmal genug dergleichen für diesen Strang. Mehr gerne in anderen Strängen.

    Eine interessante Debatte, die den Kern der Rekonstuktionstheorie betrifft: Was kann man überhaupt rekonstruieren? Ein Gebäude ist ja immer eine Mischung aus Kunstwerk und historischer Nutzung, oder aus Idee und Funktion.


    Ich neige zu der Ansicht, dass man Kunstwerke oder Ideen rekonstruieren kann, aber Geschichte oder die Funktion kann man nur nacherzählen. Natürlich ist ein Kunstwerk bzw. seine Idee immer auch geschichtlich, aber es ist im Prozess des Entstehens zu einer reineren, klareren Form geworden, die so, als Form, wiederentstehen kann. Ein gutes Kunstwerk ist überzeitlich, auch wenn der Stil ein historischer ist. Daher kann das Kunstwerk auch unmittelbar dem Jetzt etwas sagen. (Auch wenn es als Rekonstruktion zwangsläufig eine Neuinterpretation ist.)


    Ich halte es dagen für schwieriger, das geschichtliche Werden eines Bauwerks überzeugend neu zu erschaffen. Es wird immer etwas museales an sich haben. Wenn man die Erinnerung als modernes (Bau)kunstwerk inszeniert, dann wird eher ein Schuh daraus. Genausowenig überzeugend wirkt es, wenn die historische Form der modernen Funktion widerspricht, weil man sich die historische Funktion nicht neu aneignen wollte oder konnte. Die Fassade des Braunschweiger Schlosses ist stadträumlich überzeugend, funktional ist sie es nicht.


    Fazit für [lexicon='Leipzig'][/lexicon]: Unter den gegebenen Umständen kein schlechter Ansatz. Die alte Kirche war mehr Historie als Kunstwerk: das neue Gebäude erinnert in künstlerischer Neuinterpretation an das alte und wird gleichzeitig der modernen Funktion gerecht. Als Kirche war der Neubau leider nicht durchsetzbar, aber wenn es als Aula an die alte Funktion erinnert, ist das ja auch nicht schlecht.


    In der Umsetzung bin ich allerdings noch skeptisch. Außen wirkt es interessant, aber ist es nicht auch etwas brutalistisch? (War selbst noch nicht dort.) Innen könnte es zu kulissenartig (sprich billig) werden. Muss man dann sehen, wenns fertig ist.


    So jetzt geh ich schlafen.
    :gutenacht:

    Gut, und durch was sollen wir uns die Kirche aneignen, also: was soll die neue Nutzung sein? Das war eigentlich mein Thema.


    Und da gab es vielleicht ein Missverständnis: den Tag von Potsdam halte auch ich symbolisch eher für schwach, es geht eher um eine Haltung zum preußischen Militär.

    Man braucht hier ein neues und symbolträchtiges Konzept, das stärker ist als der Geist des preußischen Militarismus und der Tag von Potsdam.


    Wichtig für das Stadtbild finde ich vor allem den Turm, wenn möglich auch das Äußere, das Innere halte ich (rein ästhetisch betrachtet) für nachrangig.


    Nur können mich die mir bekannten Konzepte nicht überzeugen:
    a) Versöhnungszentrum: was soll das heißen? Kann man das mit Leben füllen? Ich fürchte nein.
    b) weiterhin eine Garnisionskirche sein lassen: finde ich überzeugend als Konzept, erfordert aber tiefgreifende Änderungen mindestens im Inneren. Müsste das Selbstverständnis der heutigen Bundeswehr widerspiegeln. Wäre zzt. so oder so nicht mehrheitsfähig.
    c) Konzertstätte: Das klassische Konzept für nicht mehr als Kirche nutzbare Kirchen. Frage: braucht Potsdam das? Ist das Konzept stark genug?
    d) Ausstellungen: dafür ist die Kirche zu klein, oder? Zumindest wenn man meine Ansprüche an ein Gesamtkonzept hat.
    e) Dokumentationszentrum für Kriegs- und Nachkriegsschicksale deutscher Architektur. Das wärs eigentlich!
    f) nur den Turm aufbauen, dahinter was ganz anderes: in keiner Hinsicht überzeugend. Als Gegenbild zu schwach, ästhetisch höchstwahrscheinlich fragwürdig. Darunter würde auch sowas wie der Bertelsmann-Nachbau des Kronprinzenpalais in Berlin fallen, also außen Reko, innen was ganz anderes. Das finde ich in Berlin ok, aber in Potsdam? Die alte Symbolik ist hier viel stärker, und den konzeptionellen Kontrast würde ich bei diesem Gebäude als Missklang empfinden.


    Vielleicht bin ich ja zu anspruchsvoll in dem Punkt, aber ich wäre gerne mit dem Endergebnis auch konzeptionell zufrieden. Ich kann die Geschichte des Gebäudes nicht einfach wegdrängen. Es ist eben nicht nur ein Tag, sondern es steckt mehr Symbolik dahinter. Vielleicht nicht ganz so viel wie beim Brandenburger Tor, aber so ähnlich. Das ist ja ursprünglich auch nur ein Stadttor, aber durch die Geschichte so mit Symbolik aufgeladen, dass man sie nicht mehr ignorieren kann.

    Bochum hatte tatsächlich keine bedeutende Altstadt (Einwohnerzahl um 1850: ca. 2000). Ein paar Fachwerkhäuser ähnlich wie in Hattingen (das damals wichtiger war), mehr nicht. Die Fachwerkhäuser wurden in den 20ern schon fleißig abgerissen (z.B. für den Neubau der Sparkasse Panoramio - Photo of Bochum-Innenstadt Schützenbahn./Grabenstr. Mai 2009)


    Im Krieg fast vollständig zerstört, gab es immerhin ein städtebaulich durchdachtes Wiederaufbaukonzept mit einheitlicher Traufhöhe, das seit den 80er Jahren leider kontinuierlich durchbrochen wird. Grausig finde ich insbesondere die Pflasterung der Massenbergstraße und die Stadtbadgalerie Panoramio - Photo of Bochum-Innenstadt (Stadtbadgalerie Bochum) Massenbergstr. Mai 2009. Das war früher mal eine lebendige Straße mit Straßenbahn in der Mitte, jetzt ist es nur noch eine beliebige Fußgängerzone, die noch nicht einmal funktioniert.

    Ich kenne es nicht aus eigener Anschauung, finde es von den Fotos her tatsächlich etwas zu "gewollt". Ich glaub aber das ist so ein Gebäude, bei dem es sich erst mit der Zeit erweisen wird, ob es gut oder schlecht ist. Hier wird es natürlich gerne gescholten, aber vergleichbare Häuser im sog. Scheunenviertel in Berlin wirken oft im Zusammenspiel des ganzen Viertels ganz reizvoll.

    Ah, danke, solche Bilder hab ich gesucht. Da scheint von Außenstuck leider nix mehr da zu sein. Ich finde die Innensituation allerdings ganz reizvoll, da ich Kontrasten nicht grundsätzlich negativ gegenüberstehe floet:)


    Die neue Außenfassade ist allerdings wirklich trostlos...

    Ehrlich gesagt finde ich weder das Haus noch das Parkhausschild wirklich störend. Ich kenns zwar auch nur von den Fotos, aber das Haus erinnert mich eher positiv an das sogenannte Scheunenviertel in Berlin, wo das nebeneinander von alt und neu eher reizvoll wirkt (mit Ausnahmen natürlich), und das Parkschild ist eine logische Folge, wenn ein Viertel nicht nur ein Museum sein soll. Da ist die allseits bescholtene Tiefgarageneinfahrt 100 Meter weiter ein ganz anderes Kaliber :(

    Da ist aber noch einiges im Inneren des Kubus vorhanden. Beim nächsten Besuch werde ich da mal genauer drauf achten. Der Rundbau ist im Prinzip vorhanden, und davor ist ein historistisches Treppenhaus mit einer Art Portalsituation. Kann gut sein, dass das sogar die alte Fassade ist. Um das ganze herum ist dann das moderne Gebäude mit den Kassen und den Foyers gebaut worden.

    Bei den Kopfbauten wäre das auf jeden Fall anzuraten. Die Giebel mit den Säulen sind schließlich überwiegend im Original erhalten! Soweit ich weiß ist das der am besten erhaltene Teil des ganzen Gebäudes.

    Eine Kirche ist eine Kirche ist eine Kirche...


    Was anderes erscheint als Nutzung tatsächlich kaum glaubhaft. Die Frage bleibt nur: wer wird es nutzen und wofür? Dass es da in der Bevolkerung Misstrauen gibt, ist offensichtlich. Und das bezieht sich wahrscheinlich auch mehr auf "Preußisches Militärwesen" als auf den Tag von Potsdam. Dass letzterer nicht mehr als eine kurze Episode ist, sollte jedem einleuchten.