Posts by Maßwerk

    Lisa Conrad: ich schreib mal bewusst als jemand, der auch moderner Architektur was abgewinnen kann. Ja, genau das meine ich: moderne Architektur kann keine Wärme ausstrahlen, weil sie keine Wärme ausstrahlen will. Das ist meine Erfahrung als ehemaliger Architekurstudent und nun auch auf anderem Gebiet als praktizierender Grafiker.

    Der unter den Fachleuten herrschende Zeitgeist will gradlinig, clean, effizient, konstrukionsehrlich, kantig, vor allem aber abstrakt sein. Wenn Ornamente vorkommen, wirken sie computergeneriert und sollen auch so wirken. Wenn man nicht allzu gradlinig sein will, werden Rechtecke oder Kuben wild gegeneinander verschoben, aber man bleibt in der Abstraktion. Selbst die wildesten Architekten arbeiten nur mit Linien, Flächen und Materialeigenschaften.

    Wo soll bei der ganzen Abstraktion die Wärme herkommen? Jegliche Nachahmung der Natur durch Ornamentik ist ja verpönt. Nur bei der Materialwahl kommt manchmal ein bisschen Wärme durch (Holz, manche Steinarten), oder wenn in seltenen Fällen mal jemand organische Formen wählt.

    Speziell hier kann ich keinerlei Wärme erkennen -- Qualitäten sind vorhanden, liegen aber auf anderem Gebiet, eben dem was heutzutage so erlaubt ist: speziell die Materialbehandlung ist sehr schön, die Fassade wirkt auch lebendig, nicht zuletzt durch das ornamentale Muster. Das weiß und der recht grobe, kantige Grundkörper lassen das Gebäude aber abstrakt, modern und gerade deshalb letztlich kühl wirken.

    Ich wünsche mir für ein Wohngebäude Architektur, die schön anzusehen ist, und angenehm und zivilisiert wirkt. Das sollte das Ziel der Kunst sein.

    Daher kommt für diesen Zweck Betonbrutalismus genauso wenig in Frage wie die heute üblichen Simpelklötzchen. Soweit sind wir uns hier einig.

    Genauso wenig mag ich diesen Generalvorwurf, dass alle schöne Architektur bedenklich sei.

    Genau deshalb möchte ich differenzieren: In rekonstruierten historischen Bürgerbauten, überhaupt in dekorierter Architektur ist nichts bedenkenswertes zu finden, sie wollen vor allem schön und repräsentativ sein; bei Schlössern wäre die Staatssymbolik ggf. eine Betrachtung wert -- aber grundsätzlich sind hier die genannten Vorwürfe falsch, zu pauschal oder zielen einfach daneben.

    Nur, leider mag ich diesen Walter-Benjamin-Platz nicht. Vielleicht ändert sich das, wenn ich ihn mal persönlich zu Gesicht bekomme -- aber das hat bei dem ähnlich gelagerten Eckbau Friedrichstraße/UdL auch nicht gut funktioniert. An letzteren hab ich mich ein wenig gewöhnt -- trotzdem hab ich bei beiden Projekten sofort das Gefühl gehabt, das sieht ja aus wie aus den 30ern. Ein wenig mehr Detailarbeit, trotzdem zu wuchtig, zu pathetisch, irgendwie totalitär. Und der instinktive Eindruck ist gegen alle Rationalisierungsversuche geblieben. Wenn jetzt noch so ein Zitat hinzukommt, was für mich, durch den historischen Kontext, eindeutig in eine antisemitische Richtung geht, so muss ich sagen: Nein, so wünsche ich mir keine konservative, geschichtsbewusste, schöne Architektur.

    So lang ich hier schon mitlese, so wenig verstehe ich, was die Hauptmotivation ist, sowas abzulehnen. Geht es um Arbeitsersparnis (man will damit nichts zu tun haben), hat man die Vorstellung, man würde Investoren abschrecken, findet man möglicherweise tatsächlich, dass die Kisten bessere Architekur seien, will man um jeden Preis modern wirken?

    Dasselbe frag ich mich beim SPA.

    Letzlich war es so, dass ich Ende der 90er in die Baurezession hineingekommen bin. Im Nachhinein war das Studium dann, trotz Praktika, nicht praxisgerecht genug. Baukonstruktiv blieb es allzu lückenhaft, und Wirtschaftlichkeit spielte gar keine Rolle, eher im Gegenteil.

    Man hätte damals als Student vorrangig in Architekturbüros arbeiten müssen, und das Studium nebenher mitlaufen lassen. Diejenigen, die das gemacht haben, und Anfang der 90er genug Praxis erworben haben, hatten zumindest eine Chance, dabei zu bleiben.

    Ich hab mir dann überlegt, was hab ich denn nun eigentlich gelernt, und das war eben vor allem Gestalten. Dazu kam, dass Ende der 90er die Werbebranche boomte und Grafiker entsprechend gesucht wurden.

    Hier mal Feedback von mir. Das mit den Brutalismus ist nicht schlecht. Es ist allerdings inhaltlich widerspüchlich, da es sehr stylisch wirkt. Es vermittelt also zunächst eine gewisse Sympathie für den Brutalismus, um diese dann wieder in Frage zu stellen. Also in etwa: Faszinierend, aber wollen wir das wirklich so haben? Wenn das die Aussage sein soll, dann ist es ganz gut.

    Das mit dem Stuck, da dachte ich erst, das wirkt zu simpel bzw. kann sexistisch aufgefasst werden, aber nach Rücksprache mit meiner Partnerin würde ich sagen, das ist schon ok. Das würden ja ohnehin nur Frauen tragen, die da drüber stehen.

    Die Häuserkampf-Nummer, nun ja, finde ich unsympathisch. Ich glaube, das finden viele eher bedrohlich als lustig.

    selbst im doch sehr schlichten Klassizismus gab es ornamentale Verzierungen und sonstigen Zierrat.

    … ich erinnere mich an eine baugeschichtliche Vorlesung, wo es um die Auffassung zum Schmuck in dieser Zeit ging. Wenn ich mich recht erinnere, war es irgendwer in der Schinkel-Nachfolgezeit, des es so formulierte, dass Kunst am Bau gerade NICHT funktional sein soll, um vollkommen zu sein. Also auch eine Klarheit, aber mit ganz anderen Ergebnissen: hier die Konstruktion, und nebenher ganz selbstverständlich der Bauschmuck.

    Man muss ja gar nicht die Edelsteine heranziehen – unser Leben ist voll von Dingen, die nur schön sein dürfen: Vom Weihnachtsbaum über die Blumen auf dem Esstisch, Fotos, Steine von der letzten Wanderung, Gemälde von den Kindern bis hin zu den großen Kunstwerken, die manche an den Wänden hängen haben.

    Wo zieht man denn da die Grenze zwischen zulässiger Ästhetik und unzulässiger?

    Das finde ich ein gutes Argument. Ist doch auch gestaltete Funktion immer etwas, das über die Funktion hinausgeht, sie auf eine andere Ebene hebt. Es sollte natürlich immer einen Zusammenhang zwischen dem Ding und seiner Gestaltung geben; diesen Zusammenhang ausschließlich über die Funktion des einzelnen Elements herstellen zu wollen, ist eine Einengung. Bei der Blume auf dem Esstisch habe ich den Zusammenhang über die Atmosphäre, die beim Essen herrschen soll, und die Assoziationen, die mit Blumen verbunden sind. Genauso kann oder sollte es auch beim Bauschmuck sein.

    Entschuldigung, aber man muss ja nun nicht alles abreißen, was nach 1945 an herausragenden Gebäuden errichtet wurde. Allein dass der Fernsehturm auf fast allen Silhouetten von Berlin abgebildet ist, spricht doch für die Qualität des Gebäudes. Ähnlich auch die Gedächtniskiche, wie sie jetzt ist. Ich mag sie beide sehr gern so und würde den Verlust bedauern.

    Es gibt genug hässliche moderne Häuser, die zu Recht nirgendwo abgebildet werden und die man viel eher abreißen müsste.

    Danke zunächst an suebicus und an den Münchener für die Antworten. Ich reiche jetzt dazu ein paar Erwiderungen der Anhänger der Moderne nach:

    Zum Argument "Schönheit ist auch eine Funktion" wird er sagen, dass Schönheit aber kein Selbstzweck sei, sondern sich echte Schönheit erst in der Art zeigt, wie man ehrlich und zweckmäßig gestaltet. Es soll ja in deren Augen durchaus ansprechend gestaltet werden, sie sehen sich ja selbst auch als Gestalter, die Ästhetik soll nur nicht losgelöst sein von Zweck eines Gebäudes. Dachtürmchen, Verzierungen, Fensterkreuze haben es da schwer.

    Und bei der Innenarchitektur werden sie sagen, na gut, solange es keiner sieht, soll ja jeder machen was er will, aber im öffentlichen Raum sollen lieber die Experten ran, sie sowas gelernt haben.

    "Eine historische Fassade beim Neubau kann sich niemand leisten".

    Um die ursprüngliche Kette wieder aufzugreifen: da würde ich sagen, 1) moderne repräsentative Gebäude kosten ja auch Geld. Es hängt immer davon ab, wie aufwändig man bauen möchte, bzw. was es einem wert ist. 2) Viel entscheidender ist, wie genau hingeschaut und wie selten umgeplant wird. Siehe Berliner Stadtschloss gegenüber der Elbphilharmonie beispielsweise. 3) Wenn die letztlich geringen Mehrkosten z.B. über Spenden finanziert werden, und dann, im Fall von Wohnungen, möglicherweise noch vertraglich geregelt wird, dass das nicht auf die Mietpreise durchschlägt, kann man sich das sehr wohl leisten.

    Mein nächstes zu Argument zum bearbeiten wäre dann "Form follows function" oder "Form, Funktion und Konstruktion müssen eine Einheit bilden". Ein beliebtes Argument in der Architektenausbildung.