Posts by Schlapfen

    Ja, Wien hatte 1910 etwa 2,1 Mio. Einwohner, nach dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches ist diese Zahl stark zurückgegangen, sie steigt aber seit Jahzehnten wieder kontinuierlich an. Derzeit sind es etwa 1,7 Mio.


    Das öffentliche Verkehrsnetz ist in Wien gut ausgebaut, eine Erweiterung des U-Bahnnetzes ist im Bau und auch der Großraum Wien ist gut erschlossen. Ohne die genaue Situation zu kennen, frage ich mich, was da in Hamburg um soviel besser sein soll. Pendler aus den umliegenden Bezirken und Bundesländern gibt es viele. Ein weiterer Ausbau des hochrangigen öffentlichen Verkehrsnetzes ist deshalb oft nicht sinnvoll, da bedingt durch die Einzelhausverbauung im 'Speckgürtel' die erforderliche Bevölkerungsdichte für eine sinnvolle Auslastung der S-Bahn nicht gegeben wäre.


    Innerstädtisch gäbe es ein Potential an Bauland durch eine Verdichtung des Wohnraumes: Schließen hässlicher Baulücken in geschlossen verbauten Gebieten, Aufstockung 2-3 geschoßiger Häuser auf die Bauhöhe umliegender Gebäude, Umnutzung aufgelassener Gewerbegebiete, Kampf gegen das Spekulantenunwesen.


    Am wichtigesten erscheint mir jedoch eine Reform der Raumplanung und eine Umverteilung der Kompetenzen, weg von den Gemeinden, hin zu den Bezirken oder Bundesländern. Nur so kann es langfristig eine sinnvolle Flächenwidmung geben.

    Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie dominant Häuslebauer oft ihre Garagen errichten. Woran soll das erinnern, an die Stallungen eines Gutshofes oder das Austragshäusl für die Altbauern? Sicher ist ein witterungsgeschützter Platz für des Deutschen Lieblingsspielzeug wichtig, aber oft sind diese Benzinkutschen-Domizile eine vereinfachte, angeklebte Miniausgabe des Menschen-Domizils. Sowas findet sich weder bei einem Landhaus in der Toskana noch bei einem norddeutschen Gutshof, es verschachtelt den Gesamtbau. Im konkreten Fall wäre es wohl besser gewesen, man hätte es baulich getrennt errichtet oder unauffälliger in das Hauptgebäude integriert. Bei Garagen erscheint mir sogar ein Pult- oder Flachdach (natürlich geschmackvoll ausgeführt) geeigneter als ein Sattel- oder Walmdach, weil es diesen Nutzbau dezenter macht.


    Als Gartenfreund stört mich zudem die bei Häuslebauern stets ausschweifende Bepflanzung mit Nadelgehölzen, insbesonders mit diesen widerlichen Thujen. Säulenzypressen sind ja durchaus förderlich fürs Toskana-Flair, zu viel erzeugt aber nur Friedhofsatmosphäre.

    Vielleicht schreibe ich diese Gedanken nicht in der richtigen Rubrik, aber ich möchte sie trotzdem loswerden. Der p.t. Moderator möge diese Zeilen, sofern nötig, getrost verschieben. Dresden dient mir hier nämlich nur als Beispiel, man kann wohl dutzende andere Städte für einen ähnlichen Vergleich heranziehen.


    Das Stadtgebiet von Dresden weist eine Gesamtfläche von 328,30 km² auf. Die Innere Altstadt "verschlingt" davon heiße 0,83 km², also verschwindend wenig möchte man meinen. Nun engagieren sich dort mit viel Hingabe und Liebe zahlreiche Bürger für einen möglichst originalgetreuen Wiederaufbau dieses ehemals glanzvollen Flecken. Sie wollen das alte Gesamtbild wiederherstellen, die Geschichte sichtbar machen, dem Ort wieder seine Seele geben. Wieso schaffen es manche Modernisten einfach nicht, den Traditionalisten dieses winzige Fleckchen der Stadt für die Verwirklichung ihrer Träume zu überlassen? Weil der Ort prestigeträchtig ist? Ja, aber das ist er doch aufgrund seiner Geschichte und ihrer erneuten Sichtbarmachung. Er bezieht sein Prestige nicht daraus, dass ein abgehobener Dekonstruktivist dort seine Blech-Glas-Klötzchen hinstellt. Brauchen wir Spannung, Diskussion, Kontrast oder sonstwie marketingtauglich formulierten Unfug? Fürchtet sich die Dekonstruktivisten-Truppe so vor der Vergangenheit, dass sie keinen Schritt zurückweichen kann? Können die ihre modernistischen Träume nicht auf den übrigen 327,47 km² der Stadt verwirklichen? Wie kann man nur so überheblich und unerbittlich sein?

    Ich habe zwar nur die Bilder als Grundlage, vermute aber, dass Philon damit Recht hat, dass die Proportionen des Gebäudes nicht stimmen. Dies ließe sich mit den Formeln des Goldenen Schnittes einfach ausrechnen. Mir ist aufgefallen, dass die Räume relativ niedrig sein dürften, was einem herrschaftlichen Charakter abträglich ist. Mag sein, dass der Architekt Kunsthistorisches zitiert, ohne es sich wirklich verinnerlicht zu haben.


    Aber schlecht finde ich die Gebäude trotzdem nicht, sie sind eigentlich ganz gelungen und fügen sich bestimmt gut in die Umgebung ein.

    Ob die Idee so weise wäre, im total überdimensioniert erscheinenden Betonbett des Wienflusses Radwege und Promenaden anzulegen, wage ich bezweifeln. Zumindest habe ich es schon beobachtet, dass das Rinnsal alle heiligen Zeiten relativ plötzlich unglaublich anschwellen kann, und dann das Flussbett sehr wohl ausfüllt. Randvoll wurde es dabei zwar nicht, aber meinen Informationen nach dient das Flussbett als Rückstaubecken bei extremem Donau-Hochwasser, wozu es aber in den letzten Jahren nicht kam.


    Streckenweise wird aber der Wienfluss untertunnelt und die Oberfläche dann naturnah gestaltet. Die Arbeiten sollen bis 2015 abgeschlossen sein und werden 400 Mio. Euro kosten.


    http://www.magwien.gv.at/vtx/v…030717&SEITE=020030717009

    Ich bin schon erstaunt, wie jemand, den ich gar nicht kenne, genau so dahereden kann, wie ich. Wirklich sehr erfreulich!


    Fährt man in der Nacht mal entfernt dran vorbei, kann man das nette Lichterspiel der üppig angebrachten Beleuchtung bewundern, hinfahren muss ich ja zum Glück nicht. Manchen gefällt das, die sollen dort wohnen und arbeiten, ich habe mir das einmal angesehen und das hat mir gereicht. Und wenn sich die diese Raumplaner und Architekten ausschließlich dort austoben würden, wäre die Welt diesbezüglich in Ordnung.


    Die Türmchen im Dunstkreis der Innenstadt (2., 3. und 9. Bezirk) sind allerdings eine Zumutung, da hat der Mammon mit eiserner/gläserner Faust über jeden sensiblen Gedanken gesiegt. Aber viele scheint das nicht zu stören, wahrscheinlich sind die der Meinung, dass "sowieso zu viel" historische Bausubstanz vorhanden wäre. Eines der brutalsten Gebäude ist da wohl der T-Mobile-Monster-Riegel im 3. Bezirk, über den ich mir schon mehrere begeisterte Lobeshymnen anhören musste.

    Mag schon sein, dass er mit gewissen Vermutungen durchaus Recht behalten wird. Aber ein großer Augur braucht man dafür nicht zu sein, ein Blick in ein beliebiges anderes Tourisdtenzentrum genügt, um zu sehen, was wahrscheinlich auf Dresden zukommt.


    In Wien ist das ja nicht anders. Bekannte von mir hatten ihre Arbeitsplätze noch in den 70er Jahren in der Wiener Innenstadt. Da gab es Handwerksbetriebe, kleine Geschäfte und Gewerbebetriebe. Das ist alles dahin, nur einige wenige Spezialisten konnten sich halten, der Rest ist vor den hohen Kosten aus der Innenstadt geflohen. In Salzburg geschah genau das gleiche, andere Städte habe ich nicht genau beobachten können, aber ich denke, es gibt derer viele, wo es genauso lief.


    Dresden war offenbar jahrzehntelang eine Stadt die eines solchen Zentrums beraubt war. Jetzt wird dies teils liebevoll, teils nur geschäftstüchtig wieder aufgebaut und gewinnbringend vermarktet. Es wird wohl ein innerstädtisches Viertel werden, wie es aus anderen Städten mit Sehenswürdigkeiten bekannt ist. Man kann wohl kaum erwarten, dass in ein aufwändig wiederhergestelltes barockes Bürgerhaus am Frauenmarkt ein Aldi einzieht und daneben der soziale Wohnbau die barocke Pracht übernimmt, das wäre weltfremd.


    Eine Stadt mit Leben zu füllen ist immer noch Aufgabe der Bürger. Man wird sehen was kommt, und als Salzburger, der in Wien wohnt, weiß ich: auch ein Stadtzentrum, wo man sich während der Hauptsaison als Einheimischer ob der Touristenmassen kaum hinwagt, gehört irgendwie dazu. Die dortige Pracht erfüllt einen mit Frohsinn, es ist eben das Herz einer Stadt. Das städtische Leben entwickelt sich von alleine, die Bewohner finden schon ihre Plätchen, ganz ohne Planung, es ergibt sich etwas Neues.

    Ein durchaus löbliches Unterfangen. Leider wird dort wahrscheinlich ein vermögender Neureicher sein Domizil errichten. Das Ensemble wirkt edel, aber nicht protzig. Wenn ich mir da diverse Bonzenvillen z. B. in Salzburg ansehe, kann man nur dankbar sein, dass sich da jemand an die hitorischen Vorlagen hält. Man darf gespannt sein ...

    Eine Dresdenreise steht bei mir zwar noch aus, aber durch die zahlreichen Aufnahmen, die ich mir seit Jahren vom Neumarktgebiet ansehe, erlaube ich mir doch, ein Urteil abzugeben.


    Ich glaube, dass sich Dresden mit diesem Modernismus-Mix keinen Gefallen tut, die historische Chance auf die Wiederherstellung des Stadtbildes nach altem Vorbild scheint vertan. Wenn man sich die winzige Fäche, auf der all dies stattfindet, ansieht, kann man nur einen heiligen Zorn auf dieses Modernistenpack bekommen. Nicht das kleinste Fleckerl wollen sie den historisch Orientierten gönnen, ein ignorantes, intolerantes und selbstherrliches Gesindel ist das!


    Meiner Meinung nach gehört dieser grausliche Kutlturpalast ebenso abgerissen wie die einfallslosen Bauten aus den 50er Jahren am Rande des Gebietes. Kein Tourist wird wegen dieser Hässlichkeiten nach Dresden fahren. Wer braucht diesen Mist? Sowas steht doch auf der ganzen Welt herum, weg damit! Nirgendwo auf der Welt tun sich die Menschen offenbar so schwer, Rekonstruktionen zu akzeptieren wie in Deutschland. Diesen Eindruck gewinne ich als Österreicher jedenfalls immer mehr. Wenn hier in Österreich nur Originalsubstanz stehen würde und alle Renovierungen im Horror-Konstast zur Geschichte ausgeführt worden wären, wär dies auch ein weitaus reizloseres Land mit architektonisch langweiligeren Städten.

    Wenn die Aussage, über die deutsche Nationalität Mozarts auch scherzhaft gemeint sein mag, so sehe ich mich dennoch veranlasst, einen Kommentar dazu abzugeben.


    Der Nationalismus ist eine Form von Staatsverständnis, die frühestens 25 Jahre nach Mozarts Tod aufzukeimen begann. Mozart war Untertan des Salzburger Fürsterzbischofs, nicht Bürger von Salzburg oder sonst einem Land. Österreicher war er nicht, da Salzburg damals noch ein eigenständiges Fürsterzbistum im HRR war und er in Wien demnach als Ausländer galt. Dies wird auch daran ersichtlich, dass er sich dort nie eine Wohnung kaufen konnte, sondern stets zur Miete wohnte.


    Deutscher war er sehr wohl, er sprach ja auch Deutsch, herkunftsbedingt auch mit schwäbischem Dialekt, aber deutscher Staatsbürger war er nicht. Ein deutscher Staat existierte nur in der Form des HRR mit dem Kaiser in der Residenzstadt Wien, und die Umgangssprache der Untertanen war im gesamten Reich eigentlich ziemlich egal.


    Preußen war nie Teil des HRR, nur die Mark Brandenburg mit ihrer Kurfürstenwürde. Österreich hingegen war die Haumacht der Habsburger, die jahrhundertelang (mit einer Wittelsbacher Ausnahme) den Römisch Deutschen Kaiser stellten. Zudem besaßen sie mit dem Titel des Königs von Böhmen auch die Kurfürstenwürde im Reich. Bis heute liegen die Reichskleinodien, unverzichtbare Zeichen der Herrschaftslegitimation eines Kaisers, in der Schatzkammer in Wien und nicht etwa in Aachen, Speyer oder Nürnberg.


    So, jetzt bin ich von meinem Kommentar zur Nationalität des Herrn Ioannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart (Name laut Taufbuch) abgeglitten, man möge mir verzeihen.

    Dafür gibt es verschiedene Gründe:


    Der Platz zwischen Mönchsberg und Salzach war immer schon sehr begrenzt, insbesonders wenn man bedenkt, dass bis zum Ende des 19. Jhdts. das unregulierte Flussufer der Salzach noch breiter war. Viel Bauplatz wurde bereits von den fürsterzbischöflichen Prachtbauten und den verschiedenen Klöstern beansprucht.


    Von der geistlichen Macht des Kleinstaates Salzburg abgesehen, war die Stadt jahrhundertelang mit rund 10 000 Einwohnern das, was man heute als "Kaff" bezeichnet. Die gesamte Bevölkerung hätte zu Mozarts Zeiten gleichzeitig einer Messfeier im Salzburger Dom beiwohnen können, nur um die Dimensionen zu veranschaulichen.


    Viele Bürgerhäuser besitzen einen romanischen Keller und wurden über die Jahrhunderte erweitert, umgebaut und ausgestaltet. Die schlichte Ausführung der Fassaden und die überall anzutreffenden Grabendächer sind Repräsentanten des sogenannten Inn-Salzach-Stils, den man auch in anderen Orten der Region (Wasserburg, Burghausen, Laufen, Hallein ...) in sehr ähnlicher Weise findet. Man darf nicht vergessen, dass üppiger Fassadenschmuck hautsächlich bei Bauten des Hochbarock bis Anfang des 20. Jhdts. zu finden sind. In der Salzburger Altstadt fällt eben nur ein kleiner Teil der Gebäude in diese Zeit.


    Wer schon mal in einem typischen Salzburger Altstadthaus (zB. Mozarts Geburtshaus) war, sieht bald, dass eine Renovierung, Nutzbarmachung und Verwendung der Räumlichkeiten viel Einfühlungsvermögen und Einschränkungen mit sich bringt: Aufzüge müssen selbsttragend errichtet werden, die Raumhöhe beträgt oft nur 2.20 m und die Stiegenhäuser sind eng und steil. Wärmedämmungen, Doppelverglasungen oder das Vergrößern historischer Türen sind streng verboten. Die Räume sind verwinkelt, was daran liegt, dass oft mehrere kleine Häuser über die Jahrhunderte zusammenwuchsen. Da wurde ein Aufgang zugemauert, dort eine Mauer abgerissen oder ein Fenster eingebaut.


    Im Zweiten Weltkrieg wurde durch Luftangriffe in der Altstadt vor allem das Kaiviertel südlich des Domes, dessen Kuppel auch durch einen Treffer einstürzte, zerstört. Die Wiederaufbauten wurden sensibel vorgenommen, beim genaueren Hinsehen sind aber Stilelemente der 50er Jahre zu erkennen.


    (Ich hätte gerne ein paar Bilder eingefügt, meine Computerkenntnisse reichen aber leider nicht aus.)

    Die vor einigen Jahren durch einen Brand zerstörten Sophiensäle dürften jetzt 'fast originalgetreu' wieder aufgebaut werden.


    http://wien.orf.at/stories/127029/\r
    wien.orf.at/stories/127029/


    Bleibt nur zu hoffen, dass sich diverse Anbauten und Neuerungen dergestalt in das Projekt einfügen, dass man einen historischen Eindruck vom Gebäude bekommt. Abwarten, wir dürfen gespannt sein.

    Der Denkmalschutz in Österreich schützt nicht automatisch jedes Gebäude, das ein gewisses Alter erreicht hat. Auch Ästhetik scheint kein Maßstab zu sein. Wenn etwas renoviert wird, dann oft mit großem Einfühlungsvermögen und Fachkenntnis für die Originalsubstanz, das war es dann aber auch schon mit den positiven Seiten. Die absoluten Lieblingsanstriche der Denkmalschützer sind steingrau, betongrau, mausgrau, aschgrau, anthrazitgrau, hellgrau, blaugrau und ähnlich fröhliche Farben. Das muss so sein, um dem Betrachter zu veranschaulichen, dass das Gebäude renoviert wurden und sich somit nicht mehr im Originalzustand befinden. Vielleicht sollen diese omnipräsenten Grauschattierungen auch nur die Wartezimmer der Psychotherapeuten mit depressiven Wienern füllen, man tut also was gegen die Arbeitslosigkeit! :zwinkern:


    Gründerzeitliche Bauten stellen offenbar keine Besonderheit dar. Die Gebäude befinden sich zumeist in Privatbesitz und werden gewinnorientiert vermietet. Hier gilt der Grundsatz, dass eine Renovierung 'zumutbar' sein muss: was man unter diesem schwammigen Begriff verstehen darf, ist mir bis heute ein Rätsel. Stuck Abschlagen oder mit einer Rauputzkruste Überziehen erfreut sich jedenfalls ungebrochener Beliebtheit. Er gilt als kitschig, gründerzeitliche Massenware und verschwenderisch kostspielig in der Instandsetzung. Fassadenfarben dürften auch sehr teuer sein, außer den erwähnten Grautöne scheinen nur noch schreiende Signalfarben 'zumutbar' zu sein. ganz durchschaut habe ich das noch nicht.

    Im Gegensatz zu vielen deutschen Großstädten wurde in Wien weit weniger Bausubstanz durch Kriegseinwirkungen zerstört. Dazu kommt noch, dass Wien vor 100 Jahren als Hauptstadt des Habsburgerreiches etwa 400.000 Einwohner mehr hatte als heute, weshalb das Erbe an historischen Bauten heute so umfangreich ist.


    Der gemeine Wiener reagiert auf diese Fülle historischer und vor allem historistischer Pracht so, wie man es erwartet, wenn jemand mit Überfluss gesegnet ist: er entwickelt eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegenüber Zerstörung, beklagt anfallende Renovierungsarbeiten an Stuckfassaden als unzumutbare finanzielle Belastung, freut sich über jeden Abriss oder jede noch so brutale Modernisierung historischer Bauten und sehnt sich nach Glas, Beton und Einheitsketteneinkaufszentrenkonzernsallerlei, in denen er seine morbide Raunzerei im Kaufrausch ertränken kann. Frei nach dem Motto: ich schlag den Stuck von meiner Fassade, ersetze ihn durch grauen Rauputz, kauf mir mit dem gesparten Geld ein paar schicke Buntsandglasperlenschalen bei Ikea und fahr mit meiner Midlifecrisis-Blondine nach Mallorca.


    Ausgenommen sind die paar Touristenmagneten, die putzen wir heraus, aufdass viel Geld ins Land komme! Mozartperücke und Sisi-Kitsch erfreuen das japanische Gemüt und öffnen die preußische Geldtasche.


    Oft sehe ich in diesem Forum Bilder gründerzeitlicher Reste in irgendwelchen deutschen Städten. Sowas gibt es hier tausendfach, ist also (noch) nichts besonderes, interessiert keinen Menschen und wird unter Beifall abgerissen. Dass Flair nur durch ein Ensemble entsteht und nicht durch herausragende Einzelbauten, wird man hier hoffentlich auch irgendwann kapieren. Bis dahin genießen geschmacksverirrte Architekten in Wien Narrenfreiheit.

    Dieses Buch sollte ich mir mal zu Gemüte führen, wenn ich allzu gute Laune habe. Ich kenne derlei Werke über Salzburg, und es ist interessant zu sehen, wie das ganze Flair einer Umgebung leidet, wenn man ein überlegtes Ensemble durch "Kontrastbauten" zerstört.


    Ergänzend zum Gruselkabinett: Juridische Fakultät, Wirtschaftskammer, Allgemeines Krankenhaus (das schlimmste von allen, weil es so riesig ist).

    Sicherlich wäre es eine tolle Sache, Schloss Neugebäude wieder in einen ansehnlichen Zustand zu bringen. Ärgerlicher finde ich jedoch die immer wieder begangenen Sünden bei Renovierungen und Umbauten.


    Ich seh mir lieber eine Ruine im Dornröschenschlaf an, als ein historisches Gebäude, das mit hohem Geldaufwand durch Glaskuben, Stahlträger und/oder geschwürartige Dachaufbauten verschandelt wird. Das ganze wird dann zumeist noch ohne Rücksicht auf die Struktur- und Stuckelemente mit einer einheitlich (grau) gestrichenen Fassade gekrönt. Widerlich!


    Die meisten Geschmacklosigkeiten ersparen dem Bauherren wenig oder gar keine Kosten. Die "tollen" Zubauten verteuern bei oft nicht ersichtlichem Nutzen das Bauvorhaben. Sie zeugen nur von Einfallslosigkeit, Geschmacklosigkeit und Hass auf historisch Gewachsenes.


    Beispiele für derart verschandelte öffentliche Bauten: Albertina, Museumsquartier, Mariahilfer Kirche, Haas-Haus, Volksoper

    Da es hier mal um meinen Wohnort geht und ich schon seit längerem ein aufmerksamer Leser dieses Forums bin, hab ich mir jetzt ein Profil zugelegt. Viele Beiträge auf dieser Seite waren schon wahrer Balsam für meine Seele, da ich hier endlich Menschen vorfinde, die nicht völlig teilnahmslos und gleichgültig durch ihre Wohnorte gehen, sondern ein Interesse an den Schätzen der Vergangenheit haben und sich für ihre Bewahrung einsetzen.


    Das mit den Dachausbauten ist in Wien eine wahre Plage! Ich habe ja Verständnis für ein gesteigertes Platzbedürfnis in teuren Lagen, aber dass diese Aufbauten immer wie Krebsgeschwüre auf die historische Bausubstanz aufgepfropft werden müssen, verstehe ich einfach nicht. Außer den gezeigten gibt es noch unzählige andere Objekte, die solche Hüte aufgesetzt bekamen.


    Ich kann euch zumindest versichern, dass ich kaum jemanden getroffen habe, dem diese Schandbauten in Wien gefallen, außer Architekten und Architekturstudenten natürlich. Die ertragen offenbar die Fülle an historischen Bauten in Wien nicht und versuchen allem ihren dekonstruktivistischen, brutalistischen oder sonstwie-istischen Stempel aufzudrücken. Wenn man viel Gutes hat, dann schätzt man es eben nicht mehr. Sehr beliebt ist es übrigens auch, bei einer solchen "Renovierung" gleich auch den ganzen vorhandenen Fassadenstuck abzuschlagen und durch grauen Rauputz zu ersetzen. Angeblich geschieht dies, um die Baukosten einzudämmen, ich empfinde es als Barbarei. Armes Wien!