Posts by Candidus

    Neben dem größeren Münsterturm :zwinkern: möchte ich außerdem erwähnen, daß Ulm vom Mittelalter bis um 1800 eine süddeutsche Metropole und stolze Bürgerstadt war, während Freiburg die längste Zeit seiner Geschichte ein verzopft-klerikales habsbugisches Städtchen von vielleicht der halben Einwohnerzahl Ulms war... :gg:. Deswegen könnte ich auch eine Wette eingehen, daß Ulm bis 1944 sehr viel mehr Bauwerke von vor 1800 aufweisen konnte als Freiburg.

    Aber zugestanden: Der Münsterturm in Freiburg als gotisches Kunstwerk ist in seiner Schönheit unübertroffen, und als einer der wenigen großen Türme auch wirklich im Mittelalter vollendet. Und ehrlich gesagt, gefällt mir Freiburg insgesamt auch deutlich besser als Ulm, auch viele der wiederaufgebauten Straßenzüge (es gibt aber auch Negativbeispiele in Freiburg). Allerdings kann ja nicht jeder aus diesem Forum nach Freiburg oder [lexicon='Leipzig'][/lexicon] ziehen, oder?

    Nach dem alten Sparkassenriegel (wohl aus den 60/70ern) und dem Neubau auf der Neuen Straße von Braunfels ist dies nun der dritte maßstabszerstörende Bau der Sparkasse. Erstaunlich, weil man doch bei einem lokalen Unternehmen mehr Bezug zum Ortscharakter erwartet. Es scheint aber wirklich so zu sein, daß der Modernismus als Kompensation für eine empfundene Provinzialität herhalten muß.

    Wie auch schon von anderen angemerkt, gibt es in Ulm viele Häuser aus den 50ern, die kleinteilig und mit Giebeln versehen sind. In der Regel handelt es sich dabei nicht um Meisterwerke der Baukunst, aber immerhin fügen sie sich ein und erzeugen in einigen Straßen ein geschlossenes Bild. Wenn diese Häuser jetzt alle ersetzt werden durch Kisten, wird sich das Stadtbild massiv verschlechtern.

    Es ist aber nicht so, daß Ulm nur schmuddelig und verunstaltet ist. Bei Vergleichen zwischen Städten solllte man außerdem auch immer den Zerstörungsgrad berücksichtigen, und der war z. B. in Freiburg längst nicht so hoch wie in Ulm. Leider wurden der repräsentative Eingangsbereich der Stadt um den Bahnhof und die beiden wichtigsten Straßen (Hirschstraße, Frauenstraße) zu einem großen Teil zerstört.

    Ich werde trotz meines Pessimismus mal versuchen, mit einigen Leuten in Kontakt zu treten.

    Nach längerer Abwesenheit melde ich mich auch mal wieder im Forum.

    Leider habe ich nur schlechte Nachrichten: Die Sparkasse Ulm möchte noch einen weiteren Neubau an der Neuen Straße bauen. Dafür sollen drei etwas heruntergekommene Häuser mit traditionellem Giebel - alle angeblich aus den Fünfzigerjahren - abgerissen und durch eine häßliche Kiste ersetzt werden. Schon im Januar wurde der Wettbewerb zugunsten des Büros Lederer + Ragnasdóttir + Oei entschieden. Sind glaube ich die gleichen, die auch das Straßenbahndep...äh, das Historische Museum in Frankfurt bauen sollen.

    Informationen zum Bauvorhaben aus der Presse:
    Südwest-Presse: Der erste Preis überzeugt auf allen Ebenen
    Augsburger Allgemeine: Sparkasse Ulm baut Neue Mitte weiter

    Hier Bilder von mir zur gegenwärtigen Situation:



    1 Blick vom Weinhofberg. Rechts angeschnitten der schon in die Jahre gekommene riegelartige Sparkassenbau, links daneben die drei abzureißenden Häuser



    2 Hier die beiden unteren Häuser vom Fischerviertel aus fotografiert



    3 Die die Altstadt durchschneidende Neue Straße mit den drei abzureißenden Häusern, ganz links Sparkassenriegel



    4 Neue Straße mit Neuem Bau (16. Jh.), Blick zu den Neubauten der Neuen Mitte, dann wieder alter Sparkassenriegel und die abzureißenden Häuser



    5 Eines der Häuser vom Flüßchen Blau aus gesehen. Man beachte die seltsame Einteilung der Fenster



    6 Die schwäbische Trias aus Baumarkthaustüre, gefliestem Sockelbereich und Mülltrennung - unglaublich, wie geschmacklos man ein Haus verunstalten kann


    Die folgenden Bilder zeigen die unmittelbare Umgebung, die geprägt ist von der Barbarei der Neuen Straße einerseits und andererseits vom direkt an der Straße beginnenden Fischerviertel:


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    Ich sehe nun zwei Probleme bei dem ganzen Projekt:

    Erstens wird mit dem Neubau erneut eine unmaßstäbliche, häßliche, einfallslose, die lokale Tradition negierende Kiste mitten ins Stadtzentrum gesetzt, und zwar direkt an den Rand des historischen Fischerviertels.

    Zweitens bin ich mir nicht ganz sicher, ob es sich bei zweien von den drei Häusern wirklich um Nachkriegsbauten handelt. Hier nochmal Bild Nr. 2 und im Vergleich dazu eine Aufnahme von ca. 1930:


    2



    Quelle: Bildindex Marburg

    Die linke Hälfte ausfüllend ein noch heute existierendes Fachwerkhaus, rechts daneben weiter im Hintergrund eines der beiden Häuser, das andere noch ein wenig angeschnitten. Bei der Fenstereinteilung fällt auf, daß sie - soweit ich das beurteilen kann - in den unteren Geschossen weitgehend übereinstimmt mit dem jetzigen Haus. Man beachte z. B., daß der Abstand zwischen den linken beiden Fenstern kleiner, der zum rechten Fenster größer ist.

    Könnte es sich also doch um einen Altbau handeln, der nach außen hin verunstaltet wurde? Möglicherweise waren die Häuser auch teilbeschädigt, und der Dachstuhl ist beispielsweise modern. Es wäre doch eigenartig, 1955 (wie z. T. als Baujahr angegeben) oder in den Sechzigerjahren (wie aus anderen Quellen zu erfahren) einen Neubau mit solch einer merkwürdigen Fenstereinteilung zu bauen, die dazuhin noch dem Altbau an einer Seite zumindest sehr ähnlich ist. Ich kann mich aber auch irren.

    Vielleicht wollen sich einige Leute mit größerer Expertise als ich dazu äußern? Die Häuser sind auf jeden Fall nicht unter Denkmalschutz und befinden sich im Besitz der Sparkasse, so daß der Abriß wohl ganz schnell über die Bühne gehen wird. Die Häuser in gegenwärtigem Zustand sind nicht sehr ansprechend, weswegen sich wohl auch wenige Stimmen gegen ihren Abbruch erheben dürften. Vor der Sanierung des Fischerviertels sahen aber viele Häuser dort ähnlich schmuddelig und verunstaltet aus.

    Von offizieller Seite ist leider in Ulm nichts zu erwarten, die Stadt leidet, ähnlich wie Nürnberg und Augsburg, unter dem Süddeutsche-Reichsstadt-Will-Nicht-Mehr-Provinziell-Sein-Komplex.

    Ich muss etwas weiter ausholen.

    Der konkrete historische Kontext ist doch folgender:
    Nach jahrelanger Beschwichtigungspolitik gegenueber dem nationalsozialistischen Regime erkennen britische Politiker, dass ihr bisheriges Entgegenkommen nicht zur Friedenssicherung beigetragen hat, sondern dass sich die Nationalsozialisten dadurch offenbar geradezu aufgefordert fuehlen, ihre expansive Politik weiterzubetreiben. Die "Zerschlagung der Resttschechei", der Griff ueber die deutsche Volksgrenze im weiteren Sinne, waere ja eigentlich schon ein Kriegsgrund gewesen. Der Angriff auf Polen (so berechtigt moeglicherweise einige Forderungen hinsichtlich der deutschen Minderheit in Polen, des Status von Danzig etc. waren) nach vorheriger Buendniszusage durch Grossbritannien und Frankreich ist es auf jeden Fall, auch wenn A.H. in seiner Blauaeugigkeit davon ausgegangen sein sollte, dass er so weitermachen konnte wie bisher. Deswegen halte ich es nicht fuer relevant, dass nicht Deutschland, sondern Grossbritannien und Frankreich den Krieg erklaert haben: Der Angriff auf Polen musste als Kriegserklaerung auch an die Westmaechte verstanden werden. In diesem Sinne ist GB nicht aus freien Stuecken in den Krieg gezogen.

    Deutschland entfesselt also einen Krieg, verletzt dabei u.a. auch die Neutralitaet der Niederlande, und geht ruecksichtslos gegen jeden Widerstand vor. Bevor britische Bomben deutsche Staedte erreichen, sind Warschau und Rotterdam bereits schwer zerstoert. Der Krieg gegen Polen wird barbarisch gefuehrt, z.B. werden Intellektuelle gezielt ermordet (von der Verfolgung der Juden ganz zu schweigen). Halb Europa wird besetzt oder ist mit Deutschland verbuendet, so dass im Mai 1940 nur noch Grossbritannien als ernsthafter Gegner uebrigbleibt. Ein grosses Heer hat Grossbritannien noch nie besessen, ein Landkrieg scheint in weiter Ferne. Dagegen verfuegt es ueber eine starke Luftwaffe, mit der man im folgenden (in mehrerer Eskalationsstufen) versucht, den Gegner zu treffen, wo es eben geht. Denn musste Grossbritannien nicht davon ausgehen, dass es als naechstes Opfer einer Invasion wird, oder auf eine andere Art und Weise zum unfreien Vasallenstaat wird? Also ging man daran, das britische Gesellschaftssystem und seine Freiheiten auch nach aussen hin zu verteidigen. Meiner Meinung nach profitieren auch wir heute noch davon, dass damals diese Freiheiten verteidigt wurden.

    Wie bereits ausgefuehrt: Ich halte die Bombenangriffe auf die Staedte fuer moralisch verwerflich. Die oben dargestellten Umstaende jedoch sehe ich durchaus als mildernd an. Die zugrundeliegende Intention war doch, den Krieg zu gewinnen, um das eigene (und moralisch bessere) Gesellschaftssystem zu erhalten und dem besetzten Europa die Freiheit zurueckzugeben. Die zugrundeliegende Intention war nicht, Zivilisten zu toeten. Die Toetung von Zivilisten war nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck. Und ich finde, dass GB damals (Mai 1940) sehr nahe an einer Situation war, die man als Notwehr bezeichnen koennte. Die schnelle Niederlage Frankreichs musste geradezu als Schock gewirkt haben.

    Die von mir vorgebrachten mildernden Umstaende fallen freilich zum Ende des Krieges hin weniger ins Gewicht. Ich glaube, dass hier vieles einem Automatismus folgte - die Maschinerie lief und suchte sich immer neue, noch wenig oder unzerstoerte Staedte. Es gibt zudem viele Aussagen von Harris und auch von Churchill, die wirklich himmelschreiend sind und von einer moralischen Verrohung zeugen. Man sollte aber hier auch nicht unterschlagen, dass London bis zum Schluss von Deutschland aus bombardiert wurde. Wer mal in London war, weiss, dass der dortige Schaden durchaus betraechtlich war. Darueber hinaus war der Krieg Mitte 1944 (nach der erfolgreichen Landung) definitiv verloren, wahrscheinlich schon frueher. Ein verantwortliche Regierung haette zu diesem Zeitpunkt kapitulieren muessen. (Und dieses Forum hier wuerde sich dann auf einige wenige zerstoerte Staedte (Hamburg, Frankfurt, Koeln) konzentrieren, waehrend Dresden, Nuernberg, Wuerzburg, Potsdam u.v.a. weitgehend erhalten waeren.)

    Quote from "Philon"


    Das kann man auch, wie ich es bereits andeutungsweise getan habe, zeigen, indem man die üblichen Möglichkeiten der Rechtfertigung oder Entschuldigung ansonsten "falscher Handlungen", nämlich Notwehr/Nothilfe und Strafe dahin überprüft, ob sie auf diesen Fall anwendbar sind. Dabei wird man dann sehen, daß das nicht der Fall ist, in beiden Fällen schlicht deshalb, weil sowohl Notwehr/Nothilfe, wie auch Strafe sich nur gegen die unmittelbaren Angreifer bzw. gegen Schuldige richten dürfen. Eine "Nothilfe via unschuldige Dritte" (Notwehr war es ja ohnehin nicht, da GB aus freien Stücken in den Krieg eingetreten ist - dasselbe Argument würde aber auch für Notwehr gelten) wäre nach keinem mir bekanntem ethischen Ansatz (außer vielleicht einem Extremutilitarismus, der als solcher den Bombenkrieg aber aus einem anderen Grund verurteilen müsste, nämlich weil er nicht das mildeste zur Verfügung stehende Mittel war und daher nicht die optimale Gesamtbilanz der von Individuen präferierten Güter aufwies) zulässig oder auch nur entschuldbar. Zumal diese "Nothilfe via unschuldige Dritte" in diesem Fall den Charakter der Erpressung und des durch den Menschenwürde-Grundsatz verbotenen "Als-Mittel-zum-Zweck-Behandelns" hatte: Gebt auf oder wir ermorden eure Frauen und Kinder!

    Freilich wurden Unschuldige ermordet. Ich kenne allerdings auch fast keinen modernen Krieg, wo dem nicht so waere. Utilitaristische Erwaegungen spielen dabei doch eigentlich immer eine Rolle. Selbst bei gezielten Angriffen (wie sie heutzutage bei der Bombardierung von Staedten ueblich sind) kommen doch Unschuldige zu Tode. Es wird abgewogen, wie viele Menschen dabei ums Leben kommen, und ob es das Ziel wert ist. Wenn durch die Bombenangriffe der Krieg tatsaechlich verkuerzt worden waere (was ich nicht weiss, die Briten aber damals auch nicht), waeren insgesamt ("extremutilitaristisch" gesehen) moeglicherweise Menschenleben gerettet worden.

    Deine Argumentation ist insgesamt sehr auf das Individuum bezogen und da sicherlich zutreffend. Der Krieg ist aber in gewissem Sinne ein kollektives Ereignis. Bitte verstehe mich hier nicht falsch: ich sage nicht, dass ich das richtig finde, ganz im Gegenteil. Es zu leugnen, halte ich aber fuer unmoeglich. Schon die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten ist zwar einerseits zu loben, andererseits aber von einem individualistischen Standpunkt aus nur schwer zu rechtfertigen. Wieso soll ein Soldat (der u.U. gegen seinen Willen kaempft) legitimes Toetungsziel sein, nicht aber ein ziviler Arbeiter, der (u.U. aus innerer Ueberzeugung heraus) die Kriegswirtschaft stuetzt? Der moderne Krieg stuerzt uns in prinzipiell unloesbare moralische Dilemmata. Es gibt keine gerechten Kriege, allenfalls gerechtfertigte. Und alle teilnehmenden Staaten werden sich auf die eine oder andere Weise die Haende schmutzig machen.


    Quote


    Im übrigen: worum sollte es bei der Bombardierung von Hildesheim, Würzburg, Paderborn, Worms, Potsdam usw. jeweils nur wenige Tage oder Wochen vor ihrer Besetzung durch alliierte bzw. sowjetische Truppen denn sonst gegangen sein. Der Krieg war definitiv gewonnen und ließ sich auch durch das o.g. Kalkül nicht mehr verkürzen. Im Falle Potsdam gibt es auch sehr explizite Aussagen der britischen Führung in diese Richtung: "Auschlöschen des preußischen Geistes und der preußischen Kultur" etc.


    Ich wuerde z.B. nicht ausschliessen, dass auch taktische Ziele gerade zum Ende des Krieges hin wichtiger wurden. Dresden beispielsweise war ja nicht mehr weit von der Front entfernt im Februar 1945, und zu behaupten, es haette keinerlei militaerische Bedeutung gehabt, halte ich fuer unzutreffend.

    Quote

    Nun, es geht nicht um das "Dürfen", sondern darum dem Gegner eine (pseudomoralische) Waffe in der Argumentation aus der Hand zu schlagen und zugleich durch den klaren Aufweis, daß die Ergebnisse, die wir mit Rekonstruktionen korrigieren wollen, Ergebnisse von Kriegsverbrechen waren, selbst den "moralischen Rückenwind" zu bekommen.

    Ich hatte neulich eine Festschrift zur Verabschiedung eines Nachkriegsoberbuergermeisters einer kriegszerstoerten Stadt aus dem Jahr 1974 in der Hand. Da wurden zum Wiederaufbau tatsaechlich die moralischen Argumente angefuehrt, die wir so beklagen. Warum nicht rekonstruiert wurde, wurde folgendermassen begruendet (aus dem Gedaechtnis frei zitiert):
    (1) Funktionale Gruende. Die heutige Zeit erfordert andere staedtebauliche Loesungen als die Vergangenheit
    (2) Moralische Gruende
    (a) Es ist moralisch verwerflich, dem Betrachter eines Gebaeudes Dinge vorzuspiegeln, die nicht da sind (z.B. spiegelt eine Rekonstruktion vor, aus der Renaissance zu stammen und Jahrhunderte alt zu sein, dabei ist sie vielleicht erst 10 Jahre alt und stammt aus dem 20. Jahrhundert)
    (b) Es ist moralisch verwerflich, so zu tun, als habe der Krieg niemals stattgefunden

    Interessant finde ich ja immer wieder den Aspekt, dass demzufolge ja nicht nur die Zerstoerung an sich eine Bestrafung darstellt, sondern in diesem Sinne auch die Architektur, die Stelle des Zerstoerten tritt. Hier wendet sich das Argument sicherlich in eine Richtung, die die Modernisten nicht so gerne sehen: Die moderne Architektur als Strafe fuer begangene Verbrechen.
    Einen wichtigen Punkt, den Du angesprochen hast, ist ja auch die Kontingenz der Zerstoerungen. Oder sollten sich die Regensburger moralisch besser verhalten als die Wuerzburger? Und ausserdem: Warum soll nur die Baukunst ihr Scherflein beitragen? Sollten wir nicht daran gehen, systematisch auch die Haelfte des deutschen musikalischen und literarischen Erbes zu zerstoeren?

    Insgesamt habe ich allerdings den Eindruck, dass viele dieser moralischen Argumente nur vorgeschoben sind und der Widerstand gegen Rekonstruktionen haeufig auf ganz andere Dinge zurueckzufuehren ist, in erster Linie auf die Ausbildung der heutigen Architekten (und Baubuergermeister...), und inzwischen auch auf eine aesthetische Abstumpfung weiter Bevoelkerungskreise.

    Was ich immer wieder feststellen muss, ist eine Unwissenheit der Bevoelkerung im Hinblick auf das Ausmass der Zerstoerung unserer Staedte. Hier tut sich auch ein weites, fruchtbares Feld auf, in meinen Augen letztlich fruchtbarer fuer die Akzeptanz von Rekonstruktion als es Diskussionen ueber die Moral der Bombenangriffe (so notwendig diese sind) sein koennen. Fuer mich jedenfalls ist der Schmerz ueber das Verlorene ein entscheidender Antrieb. Dazu muss man aber erst einmal wissen, was verloren gegangen ist.

    Wir sind uns sicherlich einig darin, dass Rekonstruktionen nicht aus moralischen Gruenden zu unterlassen sind. Wenn es nach mir ginge, haetten wir ein sehr langfristig angelegtes, systematisches Programm zur Rekonstruktion der deutschen Staedte. Ich sehe das allerdings nicht aus moralischer Sicht geboten, sondern in erster Linie aus kunsthistorischen Gruenden, aus aesthetischen Erwaegungen und aus Ueberlegungen hinsichtlich der urbanen Lebensqualitaet.

    Ich finde die bisherige Diskussion interessant, bin aber selbst in einigen Punkten noch etwas unschlüssig.

    Der Bombenkrieg der Alliierten war moralisch gesehen sicherlich nicht richtig. Man sollte aber doch den historischen Kontext nicht außer Acht lassen. Damit meine ich nicht den Holocaust, denn dieser wird zwar heute als Hauptverbrechen des Nationalsozialismus angesehen, dürfte aber damals für den Kriegseintritt und die Kriegführung der Alliierten von untergeordneter Bedeutung gewesen sein. Für bedenkenswert halte ich aber, daß Großbritannien im Frühjahr 1940 einer aggressiven, expansiven, überaus starken Macht gegenüberstand, die vom Großteil Europas Besitz ergriffen und große Verwüstungen (Warschau, Rotterdam, etc. ) angerichtet hatte und nun auch das eigene Land bedrohte. Da ist man dann in der Wahl der Mittel vielleicht doch weniger zimperlich, zumal wenn die Kriegführung teilweise strukturell vorgegeben ist (nur schwache britische Landstreitkräfte). Im Verlauf des Krieges hat sich dann wohl viel verselbständigt, und auf allen Seiten dürfte es angesichts der eigenen Verluste zu einer moralischen Verrohung gekommen sein.

    @ Philon
    In diesem Zusammenhang würde mich interessieren, inwiefern es von Alliierter Seite tatsächlich gezielte Angriffe auf Kulturgüter gegeben hat. Die deutschen Angriffe auf Exeter, Bath, etc. (der "Baedeker Blitz") sind mir bekannt. Bei den Alliierten Angriffen hatte ich bisher den Eindruck, daß sie sehr pragmatisch und kühl berechnend ausgerichtet waren (z. B. gute Brennbarkeit der Altstädte durch dichte Bebauung) und Zerstörung von Kulturgütern in Kauf genommen wurde, aber nicht primäres Ziel war.

    Ich persönlich finde diese moralischen Fragen aber für nicht zentral für die Wiederaufbaudiskussion. Was wäre denn erreicht, wenn man zu dem Schluß käme: die Bombenangriffe waren moralisch nicht gerechtfertigt und stellen Kriegsverbrechen dar? Dürften wir dann deshalb (und nur deshalb) unsere Städte wiederaufbauen? Was wäre mit Städten, deren Zerstörung möglicherweise "gerechtfertigt" war, weil sie durch Front-und Straßenkämpfe und nicht durch willkürlichen Angriff auf Zivilisten zerstört wurden? Auf solche Diskussionen würde ich mich nicht einlassen wollen.

    Ich sehe durchaus, daß es Tendenzen eines "Schuldkults" gibt - aber reichen sie tatsächlich über die einschlägigen Feuilletons hinaus? Ich könnte mir vorstellen, daß in den ersten Jahren nach Kriegsende eine solche Argumentation durchaus auf fruchtbaren Boden gefallen sein könnte. Angesichts der vielen Kriegstoten, der Besetzung des Landes, der unglaublichen Zerstörungen, im Bewußtsein der nationalsozialistischen Verbrechen, die nun vor der Welt offenbar wurden - da kann ich mir schon vorstellen, daß man so etwas wie einen Schlußstrich ziehen mochte: Wir fangen noch einmal neu an, wir machen tabula rasa, auch ganz konkret in den Städten. Es gab dann ja auch viele derartige Pläne zur völligen Umgestaltung von Städten.

    Selten wurde diese jedoch wirklich in vollem Umfang realisiert. Vermutlich waren es oft ganz pragmatische Entscheidungen, die dazu geführt haben, daß die Städte im Stil der Zeit wiederaufgebaut wurden. War doch ein solcher Wiederaufbau völlig normal in dem Sinne, daß beispielsweise nach dem Dreißigjährigen Krieg ja auch im Stil der Zeit wiederaufgebaut wurde. Die historische Rekonstruktion von Städten ist doch eigentlich etwas unerhört Neues (fast würde ich sagen: Modernes).

    Und heute? Ich sehe die Gründe für die mangelnden Rekonstruktionsbemühungen eher woanders. Am Anfang mag der Weg in die Moderne ja wirklich ideologisch begründet gewesen sein. Inzwischen glaube ich, daß wir es hier mit einem sich verselbständigenden System zu tun haben: Wenn die angehenden Architekten nichts anderes lernen, als Glas- und Betonkisten zu bauen, können sie mit traditioneller Architektur eben nichts anfangen. Ein Problem ist sicherlich auch der Drang der Menschen nach Innovationen und nach Individualität. So sehr ich diese Begriffe in einem allgemeinen Kontext schätze, so sehr halten sie von Rekonstruktionen ab: In einem gewissen Sinne ist es halt spannender, etwas Neues zu wagen und Risiken einzugehen, als Häuser zu rekonstruieren, die jemand anders entworfen hat. Sicherlich kommt noch ein elitäres Gehabe, eine gewisse esoterische Haltung der heutigen Architektenschaft hinzu. Das ist in Künstlerkreisen aber auch nichts wirklich Neues, das gibt es auch schon viele Jahrhunderte.

    Quote from "Däne"

    Aber dennoch scheint man in den 80er und 90er Jahren sehr viele lückenfüller errichtet zu haben. Z.B. Am Marktplatz und im Fischerviertel stehen viele Putzbauten mit steildächer. Ähnliches gilt für die Viertel nördlich des Münsters. Dort ist der Wiederaufbau ganz gut gelungen (siehe meine Beispiele oben).

    Ja, es gibt durchaus solche Beispiele. Ich gestehe ein, daß sich diese besser ins Stadtbild einfügen als die oben gezeigten Fünfzigerjahre-Billigzeilen in der Frauenstraße. Viele dieser Füllbauten sind aber auch einfach nur eintönig und langweilig. Das Problem tritt dann zutage, wenn die Füllbauten überwiegen; und genauso ist es doch an vielen Stellen: Es gibt viel zu wenige Leitbauten, die das Stadtbild prägen und nicht nur nicht stören. Vielleicht mache ich mal ein paar Bilder von der Umgebung des Salzstadels, dann wird klarer, was ich meine.

    Das oben angesprochene Haus in der Herrenkellergasse ist allerdings, soweit ich weiß, kein wirklicher Neubau, sondern ein (weitgehend gelungener) Umbau eines nicht kriegszerstörten, allerdings eher bescheidenen Hauses.

    Hast Du schon einmal Vorkriegsbilder von Ulm gesehen? Die meisten davon sind übrigens nicht im Netz, aber es gibt ein paar schöne Bildbände. Man muß sich aber genau überlegen, ob man das wirklich tun möchte: das Verlustgefühl und der Schmerz sind sehr groß.

    Die Schadensbilanz Ulms wurde getrennt nach Stadtbezirken durchgeführt, deswegen möchte ich zunächst einige Worte zur Stadtgeographie verlieren.

    Von größtem Interesse ist der Bezirk "Altstadt", der die auch heute noch klar umrissene mittelalterliche Altstadt umfaßt. Dieser Bereich ist relativ groß für eine Stadt der Größe Ulms - die Altstadt dürfte in etwa die Hälfte der Fläche der Altstadt Nürnbergs einnehmen. Zur Innenstadt kann man neben diesem Bezirk auch noch die "Neustadt", den Bereich nördlich der Olgastraße, rechnen; diese war und ist bis heute jedoch im wesentlichen ein Wohngebiet mit einigen gewerblichen Einrichtungen und von nachrangiger Bedeutung. Der eigentliche Geschäftsbereich befand sich in der Altstadt, vor allem in der in ost-westlicher Richtung verlaufenden Hirschstraße zwischen Bahnhof (am westlichen Rand der Altstadt) und Münster (in der Mitte der Altstadt) und am Münsterplatz. Ein konkurrierender Bereich war die in nord-südlicher Richtung verlaufende Frauenstraße, die heute die östliche Begrenzung der eigentlichen Innenstadt, nicht jedoch der Altstadt bildet. Östlich davon liegt das Viertel "Auf dem Kreuz", auch Unterstadt genannt, das heute im wesetnlichen ein Wohngebiet ist. Sowohl Hirschstraße, Münsterplatz als auch Frauenstraße wurden völlig zerstört.

    So stellt sich die Frauenstraße heute dar (Blick nach Norden):

    Wie wurde nun der Zerstörungsgrad von 81% berechnet?

    Zunächst wurden die einzelnen Häuser verschiedenen Schadensgraden zugewiesen, der anhand des Ausfalls an umbautem Raum bestimmt wurde:

    A. 0% - nicht beschädigt
    B. 1-30% - leicht beschädigt
    C. 31-50% - mittel beschädigt
    D. 51-80% - schwer beschädigt
    E. 81-100% - total zerstört

    Zur Berechnung des Schadensindex eines Bezirkes wurden den fünf verschiedenen Klassen mittlere Prozentzahlen zugeordnet:

    A. 0%
    B. 15%
    C. 50%
    D. 65%
    E. 100%

    Dann wurde einfach der Mittelwert der Prozentzahlen aller Gebäude in dem betreffenden Bezirk gebildet. Ausschlaggebend ist also die Zahl der Gebäude, nicht die Baumasse.

    Als Beispiel hier die Berechung für die Altstadt:

    Gebäude gesamt: 3163 (100%)

    A. 47 (1,5%)
    B. 555 (17,5%)
    C. 88 (2,7%)
    D. 95 (3%)
    E. 2378 (75,3%)

    Schadensindex = (47*0 + 555*15 + 88*50 + 95*65 + 2378*100) / 3163, also 81%. Man sieht, daß der Schadensindex im wesentlichen zustande kommt durch die 75,3% total zerstörten Häuser.

    Für die Neustadt (1032 Häuser) beträgt der Schadensindex 63,3%, für die Gesamtstadt 54,3%, wobei hier auch ziemlich ländliche, wenig zerstörte Vororte einfließen. Die Karte des Landesdenkmalamt zeigt also ein realistisches Bild. Was wir heute von Ulm sehen, sind nur klägliche Reste einer einst stolzen Stadt.

    Einige wichtige Bauten wurden wiederhergestellt, so z. B. das Kornhaus, von dem nur noch die Umfassungsmauern standen. Viele - viel zu viele - stadtbildprägende Bauten wurden nicht wiederhergestellt. Dazu gehören der Hauptbau des Zeughauses, mittelalterliche Pfleghöfe von Klöstern und fast der gesamt Bestand an Patrizier- und Kaufmannshäusern. Die meisten Straßenzüge sind bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt, Ensembles nicht mehr verstehbar. Bis 1970 wurden noch Baudenkmäler abgerissen, zuletzt die Frauenstraße 21, ein spätgotischer Fachwerkbau, der durch einen Supermarkt ersetzt werden mußte.

    Es ist seltsam, daß die Zerstörung Ulms seinen heutigen Bewohnern nicht wirklich bewußt ist. Die meisten meinen wohl, der Münsterplatz habe schon immer so bieder ausgesehen, die Frauenstraße so schmuddelig, die Hirschstraße so gesichtslos. Fast niemand weiß noch etwas von der "Oberen Stube", einem einzigartigen, originellen Renaissancebau, der den Platz nordöstlich des Rathauses gestaltete. Es ist nur logisch, daß bei der Neubebauung dieses Areals im Zuge der Neugestaltung der Neuen Straße eine Rekonstruktion nicht einmal erwähnt wurde.

    Quote from "faber"

    Mozart: Ulm bestand zur Zeit seiner Durchreise wohl fast ausschließlich aus mittelalterlichen Häusern und Häuschen, die damals sicherlich in Mode waren. Nicht mal die Türme des Münsters waren fertig. Kann mir gut vorstellen, dass Ulm vor 200 Jahren sehr gestrig gewirkt haben muss, da ja auch kaum Gebäude der Baustile nach 1600 zu finden sind.

    Schon im 16. Jahrhundert begann der Niedergang Ulms, der sich nach 1600 noch beschleunigte. Barockes und klassizistisches findet man deswegen sehr wenig in Ulm. Ein erneuter Aufschwung setzt erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts ein. Die um 1400 festgelegten Grenzen der Stadt, die noch heute sichtbar sind, wurden ja auch erst im 19. Jahrhundert zu eng.

    Quote from "faber"

    Heutige Besucher, Touristen, empfinden Ulm (mit den erhaltenen mittelalterlichen Fachwerkhäusern) aber vielleicht auch deshalb als sehr schön. Das nahe Augsburg mit einer größeren und viel großflächiger erhaltenen Altstadt schneidet viel schlechter ab, da man dort kein unverputztes Fachwerk bestaunen kann und prägende Bauwerke vom Ausmaß des Ulmer Münsters fehlen.

    Die prächtige Maximilianstraße in Augsburg ist schon ziemlich einzigartig in Deutschland. Auch Rathaus und Schaezler-Palais sind nicht zu verachten. Wahrscheinlich ist ein Teil der Erklärung auch, daß Städte wie Ulm und Regensburg ihre Hochzeit schon sehr früh hatten (13.-15. Jh.), Augsburg und Nürnberg dagegen etwas später, so daß sie eher von Renaissance (und teilweise Barock) geprägt sind.

    Quote from "faber"

    Candidus: Gab es in der westlichen Innenstadt um die Hirschstraße, den Bahnhof und die Olgastraße herum nicht vorwiegend Gründerzeitbebauung? Weißt du wie das mit den Flächen nördlich der Innenstadt aussieht? Habe dort mal geparkt und war erstaunt, dass dort so viele Nachkriegsgebäude waren obwohl das Straßenraster klar gründerzeitlich war?

    Der Bereich um den Bahnhof und die Olgastraße als Grenzbereiche zwischen Alt- und Neustadt waren von Gründerzeitbauten geprägt, ebenso die darüber hinaus gehenden Bereiche (noch heute teilweise erhalten: Weststadt mit Wagnerstraße, Oststadt mit König-Wilhelmstraße). Auch das Gebiet zwischen Olgastraße und Karlstraße war wohl von Bauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Ich bin mir nicht sicher, würde aber vermuten, daß die Bebauung dort etwas früher erfolgte und sich insgesamt eher uneinheitlich darstellte.

    Von dieser Bebauung außerhalb oder am Rand der Altstadt abzgrenzen sind die Gründerzeitbauten innerhalb der Altstadt. Hierzu zählen beispielsweise einige Häuser in der Herrenkellergasse:

    Man muß davon ausgehen, daß dafür nicht unbedeutende alte Bebauung abgerissen wurde. Diese Entwicklung, die schon an anderer Stelle im Forum diskutiert wurde, war in den Hauptgeschäftsstraßen (z. B. Hirschstraße) und am Münsterplatz natürlich noch viel ausgeprägter. Bei dem zitierten Zerstörungsgrad von 81% sind diese innerhalb der Altstadt gelegenen Gründerzeitbauten natürlich inbegriffen.

    Hier handelt es sich wohl um die Hirschstraße (nicht Storchstraße) mit Bauten aus verschiedenen Epochen (Totalverlust):

    Die originellen Giebelbauten auf der linken Straßenseite stammen ursprünglich aus dem 16. Jahrhundert, später wurden die Giebel barockisiert. Gründerzeitbauten waren wohl eher zum Münsterplatz oder Bahnhof hin lokalisiert.

    In der Walfischgasse durchgehend vorgründerzeitliche Bebauung (Totalverlust):

    Quote from "Antiquitus"

    Wie war das eigentlich: die meisten alten Häuser sind verputzt, obwohl es sich bestimmt um Fachwerkhäuser handelt. Weißt du, wann sie ungefähr verputzt wurden?
    Vielleicht könnte man ja noch das eine oder andere Fachwerk freilegen - es mag Geschmackssache sein, aber zumindest mir gefallen freiliegende Gewerke besser als bloße Verputzung. :)

    Was die Verputzung bzw. Freilegung von Fachwerk angeht, würde ich auch gerne einmal aufgeklärt werden. Auf Vorkriegsaufnahmen sind viele verputzte Fachwerkhäuser zu sehen - vor allem die großen Häuser an den Hauptstraßen. Manche kleine Häuser, v.a. im Fischerviertel, präsentieren dagegen ihr Fachwerk. Mir ist nicht bekannt, wie die Häuser "ursprünglich", also unmittelbar nach der Erbauung, aussahen. Ich könnte mir jedoch denken, daß die Verputzung über viele Jahrhunderte hinweg als Zeichen des Wohlstandes galt und wir erst in den letzten Jahrzehnten freigelegtes Fachwerk als schön und "authentisch" empfinden. Ich persönlich kann mit einer Mischung aus freigelegtem und verputztem Fachwerk gut leben. Nur verputzte Fassaden zu haben wäre sicherlich zu eintönig.

    Veröffentlichungen über die historische Entwicklung Ulms erwähnen grundsätzlich die Zahl von 81%, wenn es um die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg geht. Diese Zahl bezieht sich nur auf die Altstadt, die in Ulm auch heute noch gut abzugrenzen ist. Die Gesamtzerstörung der Stadt wird mit 50 - 70% angegeben.

    Quellen:
    http://www.ulm.de/kultur_tourism…3,4236,3792.htm
    http://www.landesdenkmalamt-bw.de/nachrichtenbla…2-1-021-032.pdf

    Im Dokument des Landesdenkmalamtes ist auch eine (leider sehr unscharfe) Karte gezeigt, die das Ausmaß der Zerstörung vor Augen führt (Seite 24). Insbesondere der Bereich zwischen Münster und Bahnhof (im Westen, also am linken Kartenrand) wurde nahezu völlig vernichtet.

    Die meisten historischen Bauten in Ulm sind eher schlicht gehalten und enttäuschen zuweilen diejenigen, die eine große Prachtentfaltung erwarten (Auch Mozart soll die Stadt bei seiner Durchreise überhaupt nicht gefallen haben.) Das alte Ulm hat wohl vor allem durch seine Ensemblewirkung überzeugt, die natürlich völlig verloren gegangen ist:

    Leider wurden die besonders repräsentativen Straßenzüge (Bahnhofstraße / Hirschstraße; Münsterplatz, Frauenstraße, Olgastraße) weitgehend zerstört. Der Wiederaufbau ist differenziert zu beurteilen: Zum einen wirken die Nachkriegsbauten oft bieder und zweitklassig. Man vergleiche mal Aufnahmen des Münsterplatzes:

    1938:

    2006:

    Die gesamte westliche Innenstadt ist eine Katastrophe. Auch war die Anlage der Neuen Straße ein großer Fehler, an dem die Stadt bis heute leidet. Trotzdem muß man zum anderen anerkennen, daß die Architektur der Stadt bis heute wesentliche Identifikationspunkte bietet und sich viele Neubauten unauffällig ins Gesamtbild fügen.

    Antiquitus
    So sahen die Dachgauben des Kornhauses aus:

    Zum Vergleich noch einmal der heutige Zustand:

    Das Haus wurde innen nicht wiederhergestellt, dort befindet sich heute ein belangloser Konzertsaal. Man muß froh sein, daß das Haus in seinen äußeren Konturen erhalten geblieben ist und somit einer Rekonstruktion grundsätzlich nichts im Wege steht. Man müßte wohl erst einmal herausfinden, wie die oberen Stockwerke heute genutzt werden.

    Ich glaube nicht, daß man an den Ausbildungsstätten schon von einer Trendwende sprechen kann. Zum einen herrscht immer noch eine bestimmte Ideologie vor, die Baustile wie das Bauhaus vergöttern, zum anderen liegt das wohl auch daran, daß konkretes baukünstlerisches und handwerkliches Wissen verloren gegangen ist und nicht von heute auf morgen wiedergewonnen werden kann. Es liegt heute so unheimlich nahe, einen Glas- oder Betonkasten zu bauen, und so unheimlich fern, ein gemauertes traditionelles Gebäude zu erstellen.

    Was die Materialien angeht, so gehen meine Hoffnungen auch in diese Richtung: Die Betonbauten sind qualitativ einfach schlecht und werden früher oder später zum teuren Sanierungsfall. Ein steinernes Gebäude hat eine viel längere Lebensdauer. Allerdings haben auch Menschen eine begrenzte Lebenszeit, und die könnte noch unterhalb derjenigen für Betonmonster liegen. Unserer Generation wird es wenig bringen, wenn die Betonbauten schon in 70 Jahren wieder abgerissen werden. Dann hätte Braunfels' Sparkasse gerade mal ein Zehntel der Lebensdauer des Ulmer Rathauses, um wieder auf das Thema zurückzukommen.

    Was ich auch noch anschneiden möchte ist die Divergenz zwischen Worten und Taten. Man führe sich noch einmal die Fassade des Sparkassengebäudes, die die Westseite des Geschwister-Scholl-Platzes bildet, vor Augen:

    Dann vergleiche man das Gesehene mit diesem Artikel von Stephan Braunfels:

    http://www.wams.de/data/2005/10/09/786170.html?s=1

    Wie soll man da noch diskutieren? In Worten wäre ich da schnell einig mit Braunfels, allein ich erkenne keinen Zusammenhang mit seinen Werken. Was nützt alle Theorie, wenn die Praxis dann so aussieht wie gezeigt? Ist letztlich alles eine Geschmacksfrage, und über Geschmack läßt sich nicht streiten?

    Es war sicherlich richtig, die Neue Straße zu bebauen. Eine sechs- bis achtspurige Straße einfach mitten durch die Altstadt, zwischen den beiden zentralen Punkten Ulms - dem Münster und dem Rathaus: das ist doch nur barbarisch zu nennen. In dieser Hinsicht ist die jetzige Situation ein Fortschritt.

    Allerdings ist die neue Bebauung, insbesondere die beiden Bauten von Braunfels, ein Rückfall in den Betonbrutalismus der klassischen Moderne. Braunfels selbst tritt vehement für den Einsatz von Sichtbeton ein, was an seinen Bauten in München (Pinakothek der Moderne) und Berlin (Bundestagsneubauten) sofort ersichtlich ist.

    Ich finde Beton als sichtbares Material häßlich. Schon im neuen, frischen Zustand gefällt mir Beton nicht, vor allem, wenn die Verschalungsabdrücke noch sichtbar sind (siehe dazu das obige Fassadendetail). In wenigen Jahren tritt zudem ein Alterungsprozeß ein, den ich als unschön empfinde. Bei Braunfels' Bauten kommt noch hinzu, daß sie den städtebaulichen Zusammenhang ignorieren. Die Fassade zum neuen Geschwister-Scholl-Platz ist eigentlich gar keine - gerade hier, an diesem zentralen Platz, hätte man sich doch eine würdige Schaufassade gewünscht. Der Platz ist eigentlich gar kein Platz, weil er nur unbeholfen von den umgebenden Bauten eingefaßt wird. Die Betonwand, die man beim Ausgang aus der Sattlergasse zum Münster hin erblickt, ist völlig indiskutabel. Dazu gibt es nichts zu sagen. Diese Art von Architektur ist einfach das letzte, und ich hatte gehofft, wir hätten dieses Thema seit den Achtzigerjahren abgeschlossen.

    Die Baukörper sowohl des Sparkassenneubaus von Braunfels als auch der Kunstgalerie von Wöhr sind außerdem zu groß. Sie schließen mit ihrer Riegelform die Altstadtviertel voneinander ab, die sie hätten verbinden sollen.

    Das Stadthaus finde ich interessant, aber an dieser Stelle völlig deplaziert. Da nützen auch die ironischen Giebelzitate wenig. Mir gefallen allerdings auch die den Platz einfassenden, billig-schäbig-biederen Fünfzigerjahre-Giebelhäuser nicht. Wenn man gesehen hat, wie es vor 1944 war, kann man sich mit solch schäbiger Architektur nicht zufriedengeben.

    Die neue Stadtbibliothek von Böhm finde ich dagegen gelungen. Sicherlich wirkt auch diese Art von Architektur nur im Rahmen traditioneller Bauwerke, deswegen sollte man solche Bauwerke sorgsam dosieren - lieber weniger als mehr. Die Glaspyramide empfinde ich an dieser Stelle jedenfalls als Bereicherung. Auch die Stadtansicht von der Donau hat damit einen interessanten und schönen neuen Akzent bekommen. Nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Bibliothek im Inneren nicht unbedingt funktional ist, aber das ist für mich erst einmal sekundär.

    Es gab in der vergangenen Zeit viele Diskussionen in Ulm; der Tenor war wohl, daß die weltläufigen Architekten und Baubürgermeister der provinziellen, rückwärts gewandten Stadtbevölkerung zeigen müssen, wo es lang geht. Zum Glück haben sich diese weltläufigen Leute noch nicht an allen Ecken der Stadt durchgesetzt, und deswegen gibt es noch einige wenige Beispiele für die alte reichsstädtische Baukultur, die die Kunst eines Braunfels alt aussehen läßt. Wie bereits angekündigt, werde ich bei Zeit mal entsprechende Bilder einstellen.

    Treverer

    Mit Regensburg, das fast gar nicht zerstört wurde, kann man Ulm nicht vergleichen. Ich war gestern in der Stadtbibliothek und habe mir Aufnahmen von 1945 angesehen, und ich war wirklich entsetzt, wie unvorstellbar groß und flächenhaft die Zerstörungen waren.

    Trotzdem blieben noch Reste der Altstadt erhalten, und es wäre mir ein leichtes, Ulm hier als wunderschöne Stadt des Mittelalters und der Renaissance vorzustellen. Ich möchte hierzu auch auf die Galerie von Antiquitus verweisen, der sehr schöne Bilder vom Fischerviertel gemacht hat. Darüber hinaus gibt es allerdings auch noch weitere bemerkenswerte Straßenzüge, die ich demnächst in einem anderen Strang vorstellen werde.

    In Ulm ist also durchaus noch erfahrbar, was verloren gegangen ist, während dies in Städten wie Kassel oder Pforzheim nicht mehr der Fall ist. Die geschlossene Ensemblewirkung ist freilich auch in Ulm verloren, historische Straßenzüge ohne Brüche gibt es eigentlich nicht mehr (moderne Straßenzüge ohne Brüche und Kontraste gibt es dagegen viele).

    Die ehemalige Reichsstadt Ulm weist für eine Stadt ihrer Größenordung (120.000 Einwohner) eine relativ große Altstadt auf, denn vom 13. bis 16. Jahrhundert war Ulm eine der bedeutendsten und größten Städte Deutschlands. Die Altstadt wurde 1944/45 durch Luftangriffe zu etwa vier Fünfteln zerstört. Der Wiederaufbau war von Kompromissen geprägt: Während einige wichtige Bauten äußerlich rekonstruiert wurden, wurden weite Bereiche der ehemaligen Altstadt im allseits bekannten Stil der Fünfzigerjahre bebaut.

    Zur Lösung von Verkehrsproblemen wurde es als notwendig erachtet, eine neue, sehr breite Straße durch die Altstadt zu legen: die "Neue Straße". Obwohl dies nach den Bombenangriffen nicht besonders schwierig war, wurden dennoch noch einige intakte Häuser dafür abgerissen. Ähnliche Leerstellen ergaben sich auf dem Münsterplatz und auf dem Marktplatz. Während auf dem Münsterplatz schon 1993 das umstrittene Stadthaus von Richard Meier errichtet wurde, wurde der Marktplatz erst kürzlich mit der neuen Stadtbibliothek von Gottfried Böhm bebaut. Auf der Neuen Straße stehen zwei neue Bauten von Stephan Braunfels kurz vor der Fertigstellung, eine Kunstgalerie von Wolfram Wöhr ist im Rohbau fertig.

    Hier ein paar Eindrücke:



    Blick vom Münster auf den Münsterplatz mit dem Stadthaus (1993). Der Münsterplatz wurde total zerstört und ist heute geprägt von biederen Fünfzigerjahrehäusern. Im Hintergrund ist der Neue Bau angeschnitten.



    Das städtebauliche Umfeld des Stadthauses: Westzeile des Münsterplatzes.



    Hier sieht man links eine Häuserzeile aus den Fünfzigern, rechts ist das Stadthaus angeschnitten.



    Eine Glaspyramide für Ulm: Böhms neue Stadtbibliothek, auch hier zunächst vom Münster aus photographiert. Links sieht man das Rathaus, das durch seine Bemalung und seine Ziergiebel auffällt.



    Die Pyramide im Gefüge des Marktplatzes. Rechts das Rathaus (14. Jh.) mit Zierbemalung, links hinten Eingang in die historische Kronengasse.



    Von der Kronengasse aus gesehen.



    Hier nun die beiden Bauten von Stephan Braunfels auf der Neuen Straße, rechts "Münstertor" (Kaufhaus), links Sparkassengebäude. Dahinter wieder Rathaus und Stadtbibliothek.



    Die Kunstgalerie von Wolfram Wöhr links im Bild. Vor dem Rathaus ist ein neuer Platz entstanden, der den Namen "Geschwister-Scholl-Platz" bekommen hat.



    Die südliche Platzbebauung besteht aus dem Rathaus, hier mit Durchblick zum Marktplatz.



    Die Westseite: Braunfels' Sparkassengebäude in Sichtbeton, mit zwei auskragenden Gebäudeteilen.



    Die Ostseite: Wöhrs Kunstgalerie, noch nicht ganz fertig.





    An der Nordseite wird ein Gebäude aus den Fünfzigerjahren abgerissen oder entkernt. Der Entwurf ist auf einem Plakat dargestellt.



    Hier die spitz zulaufende Kunstgalerie von Osten gesehen. Rechts belanglose Nachkriegsarchitektur, die typisch für die Neue Straße ist.



    Die neue Sparkasse nach Osten gesehen. Im Hintergrund der Turm der kriegszerstörten Dreifaltigkeitskirche.



    Geht man ein paar Schritte zurück, sieht man die westliche Gebäudefront, und der zweite Bau von Braunfels ("Münstertor") rückt links ins Blickfeld.



    Blick von der Sattlergasse Richtung Münstertor.



    Fassadendetail des Münstertores.



    Blick von der anderen Richtung, also vom Münsterplatz aus, auf das
    Münstertor.



    Scharfe Kante: Blick von Osten auf das Münstertor.


    Hier noch einige Impressionen:


    Zum versöhnlichen Abschluß der Blick auf die Donaufront, von Neu-Ulm aus gesehen:


    Ich habe noch viele weitere Bilder gemacht, die ich eventuell in einem anderen Strang zeigen werde. Hier soll es ja in erster Linie um die Neue Mitte Ulms gehen. Was haltet Ihr von der Bebauung? Ich habe mir natürlich auch eine Meinung gebildet, wollte zunächst aber nur ohne Wertung berichten. Ich bin auch für technische Kommentare dankbar, da ich ein unerfahrener Photograph bin und hier das erste Mal Bilder einstelle.