Posts by klingentor

    In den meisten größeren und mittleren italienischen Städte, so auch Genua, wurden in den letzten 10-15 Jahren erhebliche Anstrengungen zur Sanierung und Aufwertung der Innenstädte unternommen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die ohnehin schon einzigartige Bausubstanz erscheint vielerorts in neuem Glanz. In puncto Stadtmöbelierung wurde sehr viel Wert auf geschmackvolle Ausstattung und hochwertige Materialien gelegt. Gerade nord- und mittalitalienische Städte ((aber auch süditalienische Städte, z.B. Lecce (atemberaubend schöne Stadt), entwickeln sich vorbildlich.) wirken geradezu proper, auf Hochglanz poliert und suggerieren einen gepflegten Wohlstand.
    Viele - vor allem westdeutsche Städte - wirken im Vergleich dazu geradezu billig, heruntergekommen und schäbig.

    Man muss sich eines vor Augen halten:
    Sieht man vom Innenministerium einmal ab, handelt es sich beim Karlsplatz um ein ansehnliches bauliches Ensemble (Altes Schloß, Altes Waisenhaus, Markthalle und - etwas versetzt - das Hotel Silber.
    Der Abriss des Innenministeriums war ohnehin vorgesehen. Die optimale Lösung wäre gewesen, die Fassade des Ersatzbau fürs Ministerium zum Platz hin in traditioneller Formensprache zu errichten. Zwischen Platz und Breuninger hätte man sich dann von mir aus modern austoben können. Leider will der Investor (Breuninger) aber eine modernistische Duftmarke setzen. Und alle machen mit.

    Quote from "Dirk"

    Ich sehe es nicht ganz so schwarz, es gibt auch in Stuttgart erfreuliche Einzelbeispiele für die Aufwertung der Innenstadt, auch wenn es keine Rekonstruktionen sind. So ist der Phoenixbau in meinen Augen sehr gelungen, sogar besser als das vorherige Gebäude. Die Fassade des Salamanderbaus wurde unlängst wieder dem Vorkriegszustand angenähert. Zu guter Letzt wird auch das Quartier S in einer schönen, leicht klassischen Architektur ausgeführt. Dem gegenüber stehen natürlich negative Beispiele wie S 21 oder das Quartier am Karlsplatz, beides Projekte, die hoffentlich noch scheitern werden, da ihre Verwirklichung auf Kosten historischer Bausubstanz gehen würde.


    Ich stimme Dir bei den genannten Beispielen zu, allerdings muss man beim Quratier S abwarten, was letztlich dabei rauskommt, oftmals wird bei Stuttgarter Projekten dann bei Details gespart, die dann ein ganzes Projekt entwerten.
    Allerdings handelt es sich hierbei nicht einmal um Tropfen auf den heißen Stein. Mit Stuttgart 21 und Karlsplatz rollen städtebauliche Katastrophen auf diese Stadt zu, die kein Phönixbau wettmachen kann.
    Hinzu kommt die schleichende Zerstörung der Halbhöhen-Villenarchitekturen durch renditeträchtige Mehrfamilienobjekte.


    @erbsenzähler


    Nun, das Hotel Silbermann...

    @erbsenzähler


    Tritschler befindet sich in der Tat noch in diesem Haus. Allerdings würde eine einzelne Rekonstruktion an dieser Stelle keinen wirklichen Sinn machen. Sähe in dem 50er-Jahre Marktplatzensemble seltsam aus. Im Prinzip müsste man den ganzen bzw. große Teile des Marktplatzes rekonstruieren und davon ist Stuttgart Lichtjahre entfernt. Im Gegenteil, die Stadt ist, vor allem im Zentrum, komplett auf Abriss und modernistische Umgestaltung programmiert.
    Stuttgart ist - gemessen am Anliegen des hiesigen Forums - eine in jeglicher Hinsicht verlorene Stadt.

    Quote from "Senator"

    Einen Zusammenhang zwischen Glauben und Ordnung der Städte herzustellen ist vollkommener Unsinn, dann müsste Neapel eine der herausgeputztesten Städte der Welt sein und Stockholm ein vergammelndes Loch ...


    Ich denke auch, es besteht kein Zusammenhang zwischen Konfession und Erhaltungsgrad von Altstädten.
    Der entscheidende Faktor für den vernünftigen Umgang mit baulichen Traditionen ist das Vorhandensein eines bürgerlichen Bewußtseins. Städte mit einem starken kaufmännischen Bürgertum bzw. Bildungsbürgertum sind hier klar im Vorteil.
    Ebenfalls in Württemberg gelegen und nicht minder protestantisch, ist Tübingen ein Beispiel für die weitestgehend gelungene Bewahrung des Altstadtkerns. Grund ist der starke bildungsbürgerliche Geist, der die Stadt prägt.


    Ludwigsburg hingegen ist ein Produkt des Absolutismus, eine Beamten- und Garnisonssstadt, in der sich niemals eine kaufmännische und bildungsbürgerliche Schicht herausgebildet hat.
    Die Schäbigkeit des Stadtbildes hat hier ihre Wurzeln.

    Also in Bayern würde mir schon noch das eine oder andere Welterbe einfallen, aber auf Fürth würde ich nicht mal im Vollrausch kommen. Allenfalls als mahnendes Beispiel für den verantwortungslosen Umgang mit Altbausubstanz im Nachkriegs-Westdeutschland.
    Leider wird der Welterbe-Titel hierzulande vor allem als Tourismus-Marketinginstrument verstanden. Der eigentliche Gedanke, Stätten von besonderer kultureller Relevanz für die Menschheit zu bewahren, kommt viel zu kurz.
    Ich halte die bayerischen Königsschlösser (bizarre Variante des Historismus), Dinkelsbühl (Ensemble, Beispiel für beginnenden Denmlaschutzgedanken des frühen 19. Jhdts.), Rothenburg u. Nördlingen (wg. Stadtmauern) und von mir aus Oberammergau (Lüftlmalerei) für UNESCO-würdig. Sind aber touristische Selbstläufer und deshalb scheut man die Mühen der Bewerbung. Schade.


    Aber Fürth - darauf muss man erst mal kommen...

    Was ist eigentlich grad' in Franken los? Iphofen, Dettelbach...Das waren sympathische Frankenstädtchen mit weitgehend geschlossenem Stadtbild. Warum regt sich in der Bürgerschaft kein Widerstand gegen solche Eingriffe? Gerade in solch kleinen Orten genügen ein zwei Bausünden um ein Ortsbild komplett zu ruinieren.
    Glükwunsch, künftig mache ich um Iphofen einen weiten Bogen.

    Danke für die tollen Fotos. Die Badeorte in Usedom sind wirklich architektonische Schatzkästlein.
    Auch die verspielten Neubauten sind an einem solchen Urlaubsort legitim und zu begrüßen. Allerdings weisen diese Neubauten im Detail dann meist doch den einen oder anderen Schönheitsfehler auf. Was mich immer am meisten gestört hat: die Balkons! Hier hat man in der Regel auf 0815-Edelstahl oder feuerverzinkte Lösungen zurückgegriffen, was den Gesamteindruck beeinträchtigt. Man hätte es gern etwas eleganter.

    Quote from "Vitruv"

    So sind sie nun mal, unsere autofahrenden Brückenfetischisten: kulturferne Ignoranten, die die Blamage nur noch größer machen durch ihre disqualifizierenden Bemerkungen. Unglaublich, dass auch zwei gewisse Parteien solche Ansichten teilen.


    Und ihrer himmelschreienden Überheblichkeit, Anmaßung und Selbstüberschätzung merken diese Leute nicht einmal, dass Sie all diejenigen weltweit verhöhnen, die ihre auf ihre Welterbestätten stolz sind, diese Ehre und Verpflichtung annehmen und die Stätten hegen und pflegen.
    Bamberg: eine fortschrittsfeindliche Rumpelkammer, Goslar, Paris, Venedig, Prag, Bern, Regensburg ...: - alles lächerliche, vorgestrige, angestaubte Mottenkisten ohne Lebensqualität. Wie borniert muss man eigentlich sein?

    Altbaufreund


    Nicht schön, sondern kitschig.
    Im Prinzip hast Du die kritischen Punkte dieser Pseudo-Architektur schon angesprochen. Das sind wirklich die röhrende Hirsche des Bauwesens.
    Das Problem ist, diese Teile sind eben keinem Stil verpflichtet, sondern wollen nur eine irgendwie geartete Heimeligkeit suggerieren.
    Die Detailverarbeitung ist zumeist billig und unharmonisch. Hinzu kommt, dass in deutschen Neubaugebieten das Prinzip "Jeder nach seiner Fasson..." gilt, d.h. diese Teile stehen dann neben Pseudokuben und anderem modernistischen Schnickschnack...ein herrliches Bild.
    Vorbildliche, gut gemachte Neubausiedlungen im traditionellen, regionaltypischen Stil habe ich bisher nur im Elsaß und in der Provence und zum Teil in Oberbayern gesehen.

    Du bringst es auf den Punkt!
    Ausgangspunkt bzw. Vorbild eines deutschen Jarikborg bzw. Poundbury sollten nicht die Innenstädte, sondern die Gartenstadtidee der 20er Jahre sein. Die Architekten müssten das Rad nicht mal neu erfinden, sondern dieses Konzept unter Berücksichtigung regionaltypischer Baumaterialien, Architektursprachen sowie zeitgenössischer technischer Standards fortentwickeln.


    "Integrationsfähige Solartechnik"...wenn es so etwas überhaupt gibt. Bisher sind Solartechnik und traditionelle Ästhetik leider ein krasser Widerspruch.

    Das Innere der Marktgalerie und auch die Fassade haben durchaus Eleganz und Klasse, die seltsamen unproportionierten Ecktürme und die Gauben sind allerdings ziemlich misslungen. Klar eine Reko (oder was im Krier-Style) an dieser Stelle wäre natürlich der Traum gewesen.

    Quote from "Wissmut"

    Problematisch dürfte aus meiner Sicht die "Korrektheit" des Neusiedlungsbauens werden, d.h. anders als in Skandinavien haben wir unter verschiedenen Konstruktions- und Gliederungstypen zu wählen, je nach Standort. Ein Jakriborg, so schön es in seiner inneren Logik ist, könnte nach Skandinavien und wahrscheinlich auch Niederbayern passen, jedoch nicht nach Mittelhessen oder Thüringen.


    Dieses Argument kann ich nich ganz nachvollziehen. Auch in Thüringen oder Mittelhessen gibt es regionaltypische Bautraditionen, an die wieder angeknüpft werden könnte.

    Quote from "Pilaster"

    Auch ich wuerde so etwas gern in Deutschland sehen. Vielleicht fehlt der Mut? :?


    Ich verstehe die Mutlosigkeit aber nicht. Die eigentliche Frage ist doch, gäbe es in Deutschland für ein solches Projekt einen Markt? Kann man damit hierzulande Geld verdienen?
    Ich denke, das kann man mit "ja" beantworten.
    Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Investoren Angst vor dem sicher zu erwartenden "Disneyland"-Geschrei des Feuilletons haben. Das ist denen doch im Zweifelsfall egal.
    Warum also gibt es solche Projekte in Großbritannien, Holland, Schweden, nicht aber bei uns? Warum?
    Eher könnte ich mir vorstellen, dass so was von den Kommunen gar nicht erst nicht genehmigt würde.

    Der internationale Tourismus wird in den nächsten Jahren krisenbedingt eher rückläufig sein. Heidelberg wird sich also anstrengen müssen. Nun gründet der Mythos Heidelbergs nicht auf Shoppingzentren und modernen Unieigebäuden, sondern auf das überlieferte Stadtbild, das vergleichsweise unvershehrt daher kommt. Wobei, da gebe ich den Vorrednern recht, die modernistischen Einschläge immer näher kommen.
    Wie dumm muss man eigentlich sein, um dies nicht zu begreifen. Die Stadt wurde im Krieg nicht zerstört und jetzt tobt hier bald der modernistische Furor.
    Jetzt wird mir auch klar, warum der Heidelberger OB so erleichtert war, als Heidelberg der UNESCO-Welterbestatus nicht zuerkannt wurde. Das ist alles einfach unfassbar.