Posts by Kindvon2dresdnern

    Philon:

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    Das ist so, als würde man, wenn einem eine Tasse zerbricht sagen, die Tasse sei gar nicht durch das Zerbrechen zerbrochen, sondern dadurch, daß man sie nach dem Zerbrechen nicht wieder zusammengeklebt hat.


    Es gibt genügend archäologische Fundstücke, wo eine Scherbe ergänzt wurde um einen Gesamteindruck zu bekommen- hätte man diese Scherbe in den Müll geschmissen wäre ein wichtiger Zeitzeuge zerstört worden.

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    daß du Rekonstruktionen in großem Maßstab ja abzulehnen scheinst


    Wir reden aneinander vorbei- ich lehne Rekonstruktionen nicht ab, besonders, wenn noch alte Bausubstanz vorhanden ist! Mein Grundgedanke dieser Diskussion das man es fühlt, wenn Alte Gebäude wiedererstehen (ich meine dann die fehlenden Makel, wie schiefe Wände und Holzbalken, die Aussehen wie aus dem Sägewerk und nicht Wurmzerstochen)- und das meine ich nicht wertend-- eigentlich sollte es gar nicht in einer Reko-ja-oder-nein-Debatte ausufern!

    Noch ein kleiner Nachtrag:


    Angenommen wir haben eine Familie. Die Frau erkrankt lebensbedrohlich- dann versuchen wir alles um sie nicht sterben zu lassen! Wenn das tragischerweise doch passiert trauern wir. Und irgendwann hat man es vielleicht überwunden und wir verlieben uns neu- auf jeden Fall ist es Tatsache, dass es für die Kinder besser ist, eine Mutter zu haben. Selbst wenn nun die Neue der Mutter sehr ähnlich ist in Art und Aussehen würden die Kinder dennoch wissen, dass es nicht die Mutter ist!

    Philon:

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    Die große Zerstörung ist im Bombenkrieg geschehen und definitiv nicht danach.


    Das sehe ich nicht so. Sicher sind bei den Flächenbombardements große Teile von den Altstädten in Trümmerhaufen verwandelt worden, aber mit in den Zählungen sind auch etliche Häuser, die ausgebrannt waren oder wo die Fassade noch stand.
    Was ich mit der Nachkriegszerstörung meinte:
    1. Der nicht erfolgte Wiederaufbau jener Gebäude als sog. Leitbauten
    (wobei ich durchaus verständnis habe; sie hatten dafür kurz nach den Bombardierungen keinen Nerv, außerdem Einsturzgefahr, Seuchengefahr)
    2. Das Abreissen sehr wichtiger Gebäude ( Schlösser, Kirchen) aus idiologischem Interesse im Osten
    3. Die totale Missachtung der historischen Stadtstrukturen und Stadtgrundrisse zugunsten des Autoverkehrs und eines "modernen" Stadtbildes auf beiden Seiten Deutschlands.
    Letztere Häuser, die wegen Strassenausbauten weichen mussten, sind nicht zu vergleichen mit der Anzahl derer, die im Krieg totalzerstört wurden-- da geb ich Dir Recht.
    4. Die zerstörung eines Stadtbildes durch unpassender Architektur an sensiblen Orten


    Das alles fasse ich persönlich als Zerstörung nach dem Krieg auf!



    Oliver:

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    Sie meinen
    daß bloßes Kopieren, ein Armutszeugnis für die heutige Zeit ist.


    Das habe ich nicht behauptet! In erster Linie : retten, was zu retten ist und natürlich auch Rekonstruktionen von wichtigen Gebäuden- aber das wichtigste ist für mich eine historisch gewachsene Stadtstruktur bzw Strassenverläufe. Die zu missachten ist für mich der größte Frevel!
    Und in diesem Sinne begrüße ich auch modernere Architektur, die sich in diesem Rahmen bewegen in Sachen Grundriss, Gebäudehöhe, Dachform, Farbe und regionalen Materialien. Das finde ich an manchen Stellen sogar ehrlicher!
    Kleines Beispiel: wenn ich eine Jacke liegenlasse und sie ist weg, kann ich hingehen und mir eine gleiche wieder kaufen, wenn es sie noch gibt. Vielleicht ist das nicht mehr der Fall, oder ich sage mir: was solls, was anderes wäre eh schon mal fällig gewesen- dann kauf ich halt eine andere - wichtig ist nur, dass ich mir was kaufe, womit ich mich noch auf die Straße trauen kann! Nur wenn ich mir anstatt einer Armani-Jacke eine adequate von H&M kaufe merke ich den Unterschied in puncto Verarbeitung und Trageeigenschaften.
    Zugegeben, das Beispiel gilt für einzelne Gebäude, aber der Totalverlust ist genauso vergleichbar: Angenommen unsere Bude brennt ab und wir sind nicht versichert-- aus der Not würden wir alle Kleiderspenden annehmen, auch die, welche vielleicht nicht 1A passen. Oder wir haben soviel Geld uns neue Klamotten zu kaufen. Kaufen wir dann exakt das Selbe, bis der Kleiderschrank 1:1 wie vorher aussieht?-Geht leider in den seltensten Fällen- man hat vielleicht Glück und findet ein besonders geliebtes Teil nochmal zu kaufen. Nur was man bekanntlich überhaupt nicht macht, sich bei der Gelegenheit als Mann nur noch Frauenkleider zuzulegen, oder als Schlipsträger Skaterklamotten...


    Oder noch ein klitzkleines Beispiel: ich nenne es mal den Boris-Becker-Effekt:
    Wenn die Beziehung in die Brüche geht, und die Frau bedeutet aber einem sehr viel, kämpft man um sie. Wenn sie einen dennoch verlässt, kann es zum Trauma werden, die angeblich perfekt Verflossene in einer anderen Frau zu suchen-- und das geht nun mal nicht!
    Facid: Frauen und orginale Altbausubstanz sind einzigartig und nicht wirklich ersetzbar! :zwinkern:

    Absolut. Du hast auch insofern Recht: man muss nicht ins Konzert gehen, wenn man nichts von einem Komponisten hält- mit einem Stadtbild indentifiziert man sich gewöhnlich und es ist ständig vor Augen...
    Aber das ist ,glaub ich, nicht die richtige Stelle den Faden weiterzuspinnen.


    Aber übrigens: sehr ansprechende und informative Seite! :applaus:

    Hui, da hab ich wohl mal wieder in ein Wespennest gestochen... Ich denke, die Zerstörung der deutschen Städte begann meines Erachtens erst richtig nach dem Krieg, aber selbst das muss man im historischen Kontext sehen: Bruch mit allem, was die Nazis liebten; musste billig sein; musste schnell gehen und Idiologie. Aus diesen Parametern ist eine völlig neue Kultur erwachsen (auf beiden deutschen Seiten).- Aus heutiger Sicht und ich denke auch aus damaliger Sicht war es zum Haarerausreißen, was man hätte retten können-- aber nu isses weg. Und wenn es flächenmäßig weg is ist und bleibt eine Totalrekonstruktion einer Vorkriegszustandes künstlich.
    Im übrigen, wurde vor und zwischen den Kriegen nicht zimperlich mit Bausubstanz umgegangen: siehe Brühlsche Terrasse: aus historischer Sicht ein Debakel. Wie wäre es mit einer Reko des Palais Brühl- das Ständehaus passt eigentlich gar nicht. ( sorry, war ein bissel Überspitzt) Ich bin mal gespannt, wenn der Neumarkt fertig ist, ob die Wirkung eines geschichtsträchtigen Ortes noch zu erkennen ist.

    Es gibt sie bzw gab sie: fahre mehrmals die Woche die A2 lang: "Rhynern"! Raststätte Gütersloh ist ähnlich. Beide stammen aus den 30ern solide aus Granit mit Walmdach (heist das so?) sieht jedenfalls aus wie eine Finnhütte. Leider wird R. im Zuge der Verbreiterung etwas entstellt. Übrigens, hier im Ruhrgebiet gibt es noch so manche teils stillgelegte umgenutzte, teils noch funktionierende 50er/60er T. mit geschwungenem Dach, vielen Rundungen und 2 Zapfsäulen

    Vorweg: ich liebe alte Häuser und auch solche mit prächtigen Fasaden!
    Als ich vor drei Jahren aber das vielgepriesene Danzig ( Gdansk) besuchte, hatte ich zwar Hochachtung vor der Leistung des Wiederaufbaus, jedoch stieg in mir das Gefühl auf, ein Disneyland vorzufinden. Besonders fällt es auf, wenn man die Stadt von oben sieht: hinter den Fasaden is nix altes.
    Meine Frage an alle Rekofetischisten :zwinkern: :
    Gibt es Eurer Meinung nach Grenzen bei Rekonstruktionen quantitativer Art?
    Für mich als heimlicher Dresdner fragte ich mich so oft: warum haben sie es nicht wieder so aufgebaut wie es einmal war? Nur, selbst wenn das Geld dagewesen wäre- wäre die Stadt die selbe wie vor dem Krieg? (wahrscheinlich gäbe es dann dieses Forum in der Form nicht) Ich denke man kann das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, und der Wiederaufbau nach dem Krieg mit all seinen Narben und Schönheitsfehlern ist nun mittlerweile auch Bestandteil der Geschichte. Damit kein falscher Eindruck entsteht: einzelne Rekos finde ich durchaus erstrebenswert, um einen ganzen Platz, oder Straßenzug als Gesamtkunstwerk erstrahlen zu lassen, nur wie gesagt- gibt es auch ein zuviel?!....

    Baukunst:

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    Doch: einen fehlenden Takt in einer Mozartsinfonie würde man auch nicht mit einem Disco-Beat ergänzen, um sie aufführbar zu machen.


    Ich liebe Vergleiche! ( vorweg: bin Orchestermusiker)
    Im großen und ganzen gebe ich Dir recht- nur, spinnen wir den Faden mal weiter:
    Stichwort Stravinsky: diesem hat es selbstredend höllische Freude bereitet, altes Material vorzunehmen und es so lange zu bearbeiten und zu kneten bis was ganz neues bei rauskam. Oder Britten- "Young persons guide to the orchestra" altes Motiv zu Anfang und nach ein Dutzend Variationen kommt was völlig neues heraus.
    Nur zwei Beispiele großer und anerkannter Komponisten.
    Zurück zur Architektur- man könnte sagen: "Klar, wie im Historismus" man könnte es aber als Ansatz zum Verständnis heutiger Architekten sehen, zwischen zwei alten Bauten einen Glaskasten zu setzen...
    Nur son Gedanke

    Schloßgespenst:

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    Der Patzschke-Entwurf paßt zwar gut zu den anderen Häusern, hat aber mit seinem Ecktürmchen nichts mit der Vorkriegssituation zu tun.


    Mit Verlaub, ich finde die Vorkriegssituation- so schön die Fasade vielleicht auch war- fiel ganz schön aus dem Rahmen im Vergleich zur kleinteilichkeit des Umfelds.
    Ich finde Patzsche auch nicht schlecht, aber ganz schön hoch in puncto Traufhöhe?! Ein Stockwerk weniger wäre besser.
    Mal sehen-

    Das ist schon alles richtig. Ich sage ja auch nicht, dass eine Reko hermuss-- trotzdem schade. Ich finde dennoch, dass in der Ecke was passieren muss und mit dem begonnenen Abriss der Scheiben eine Chance besteht, die jetzige Hinterhofatmosphäre zu beseitigen. Schaut doch nur mal allein die abgeschnittenen Straßen und nicht mehr vorhandenen Plätze an.
    OK, wenn man weiterdenkt müsste die ganze Johannstadt umgestaltet werden...
    Liebe Dresdner: Schickt doch mal Bilder, wie das jetzt ohne Klobber aussieht- besonders von der Marienbrücke -bitte, bitte

    Mal eine Frage an die Dresdner zum Fortschritt der Pläne zur Umgestaltung des Bereichs östlich der Carolabrücke:
    1. sind beide ollen "Wohnscheiben" endlich weg?
    2. auf der Site der Landeshauptstadt stand etwas von einer Neugestaltung. Sind die abgesegnet?


    Ich fände es eigentlich geil, wenn die alten Straßenverläufe wiederhergestellt werden würde und überhaupt-- ich sage nur Güntzbad -einer der wenigen wirklichen Jugendstilgebäude!! Ein Jammer wenn man überlegt, dass es wenig getroffen wurde und bis weit nach dem Krieg noch als Bad fungierte :weinen:

    Quote

    Lag die Entscheidung der Nicht-Reko eigentlich am Geld, an der politik oder an Kulka?


    Ich schätze mal, da wurde aus der Not eine Tugend gemacht: modernistisch mit pseudokünstlerischem Anspruch und dabei noch Geld sparen- da sagt kein Politiker nein. Ich hoffe nur aus dieser Zwischenlösung wird keine Dauereinrichtung!